Ein Tag in Mailand

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Textdaten
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Autor: G. R.
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Titel: Ein Tag in Mailand
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 69–72
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[66]
Ein Tag in Mailand.
Von G. R.
Auf dem Dom zu Mailand. – Ein alter Palast. – Das Officier-Kaffeehaus. – Italiener und Deutsche. – Geschichte zweier Officiere. – Giardini publici. – Politik im Theater.

Es war ein warmer, sonnenstrahlender Herbsttag, ein Herbsttag, wie ihn nur der Süden kennt. Kein Wölkchen war am Himmel, und der Himmel glich einem azurblauen Dome, der sich von den blauen Bergzügen der Apenninen über der grünen, lombardischen Ebene und über den tausend Statuen und gothischen Spitzen des weißen Marmordomes in Mailand bis zu den funkelnden Gletschern und weißglänzenden Schneefeldern der Schweizer Alpen wölbte. Der Boden dieses großen Domes der Natur war eine der blühendsten und schönsten Ebenen der Welt, die lombardische Ebene; die Säulen, welche seine Gewölbe trugen, waren die höchsten und größten in Europa, die weißen Riesenhäupter des Montblanc, die begletscherten Gipfel des Simplon, der große, graue, schneegefleckte Granitriese [70] des St. Gotthardt und die schneeumhüllte Pyramide des Monte Rosa, und in ihm leuchtete die strahlende, warme Sonne Italiens. Und doch war es schon Anfang November in der Zeitrechnung des Kalenders, während die Natur einen Frühlingstag zu feiern schien.

Ich stieg auf die oberste Gallerie des Domes. Unter mir lag die große, prächtige Stadt, welche die Italiener mit Recht und mit Stolz „la grande“ nennen, Mailand.

Erlassen Sie mir heute die Schilderung dieses unvergleichlichen Rundblickes auf den Marmorwald von Statuen, gothischen Thürmen, Kirchen, Denkmälern und Thoren! Ich will Ihnen nicht die Stadt, sondern nur deren Zustände, das Leben schildern und nur vorübergehend das Nöthigste berühren.

Welch’ ein Gemisch von Straßen, Palästen, Zinnen und stolzen alten Gebäuden! Dort das graue, mit Mauerzinnen gezierte alte Gebäude, halb Castell, halb Caserne, ist das alte Schloß der Mailänder Erzbischöfe und Herzöge, der Visconti und der Sforza. Hier wohnten Giovanni und Galeazzo Visconti, die Mäcene der Wissenschaft und Kunst, die Freunde Petrarca’s, welche den Bau des Marmordomes begannen; hier ließ sich der tapfere Franz Sforza, der Eidam des letzten Visconti, zum Herzoge von Mailand krönen; hier schwelgte sein Sohn Galeazzo Maria, hier empfing einer seiner Nachkommen vom deutschen Kaiser Mailand als Lehn. Das alte Schloß hat eine reiche und große Vergangenheit. Jetzt ist es eine österreichische Caserne, wie das alte Feudalschloß der Scaliger bei Verona, und dient als Befestigungswerk gegen die Stadt, wenn sich diese gegen die österreichische Herrschaft empört.

Das altersgraue Gebäude steht auf einem weiten, wüsten Platze. Bis zum Jahre 1849 war der große Platz mit prächtigen Baumgruppen und Alleen bedeckt. Als Radetzky zur Schlacht bei Novara auszog, ließ er die stattlichen Bäume sämmtlich niederhauen, nicht, wie die Reiseberichte erzählen, um der Besatzung „Licht und Luft“ zu verschaffen, sondern um auf die Stadt nöthigenfalls mit Kanonen zu feuern und einen plötzlichen Angriff und Ueberfall des Castells besser verhindern zu können. Dem Castell gegenüber, an der andern Seite der Piazza d’Armi, erhob sich der schöne Triumphbogen, der Arco della Pace, ein hohes Marmorthor mit drei Durchgängen, welches der Kaiser Napoleon im Jahre 1804 als Schluß der Simplonstraße baute. Auf der Plattform stand die Friedensgöttin, auf einem Wagen gezogen von sechs Pferden. Die Friedensgöttin ist ein Napoleonischer Hohn. Als wenn Frankreich Italien jemals Frieden gebracht hätte, oder jemals Frieden bringen wollte! Die Friedensgöttin des Onkels ist eine ebenso große Lächerlichkeit, wie die Freiheitsgöttin des Neffen, welche derselbe an ihre Stelle setzen zu wollen heuchelt! Ein Volk, welches von der Unterstützung des französischen Kaiserthums die Freiheit erwartet, ist nicht werth, daß es die Segnungen der Freiheit jemals genießt. Mit Recht sagt eine der angesehensten preußischen Zeitungen: „Nach solchen Spielen mit Versprechungen, Verfassung, Recht, Gesetz, nach solchen Sympathien für Sclavenhalterei, Pfaffenregiment und Präfectenthum ist die sogenannte Fahne freier Nationalitäten eine unmögliche Posse geworden, die sogar für den Leichtsinn der Franzosen zu fratzenhaft ist.“

Lange stand ich oben und blickte mit Staunen und Bewunderung auf das großartige Bild, eben so eigenthümlich und eben so schön, wie das Bild, welches sich unter mir aufrollte, als ich in Venedig auf dem Campanile di San Marco stand. Wie würde Kaiser Friedrich Barbarossa, der stolze Hohenstaufe, erstaunt gewesen sein, wenn der Genius der Zukunft damals, als er vor fast siebenhundert Jahren Mailand von Grund aus zerstören und Salz auf die Mauertrümmer streuen ließ, vor seinem geistigen Auge dies reiche, lebensvolle und glänzende Bild entrollt hätte!

Langsam stieg ich hinab, zuerst auf der Schneckenstiege der durchsichtigen Pyramide der Guglia, auf deren Spitze die eherne kolossale Statue der heiligen Jungfrau steht, der Maria nascenti, der die Kirche geweiht ist, dann durch den Statuenwald und durch die Reihen zahlloser Thürme, Pfeiler, Bogen und Arabesken hinab in das Innere der Kirche. Durch die große Eingangspforte verließ ich dieselbe und ging über den Domplatz in das Café Mazza. Das Café Mazza liegt gerade an der Ecke, wo sich der prächtige Corso Francesco auf den Domplatz mündet. Man überblickt, unter den Säulen des Porticus sitzend, welcher sich vor dem Café an der rechten Seite des Domplatzes hinzieht, den ganzen Platz und den Corso Francesco. Seit dem Jahre 1848 nennt man in Mailand des Café Mazza das Officier-Kaffeehaus. Jede Stadt in der Lombardei hat ein solches Officier-Kaffeehaus; es ist das Café, was von den Officieren, aber auch nur von den Officieren der Garnison besucht wird. Kein Italiener besucht das Officier-Kaffeehaus. Vor dem Jahre 1848 war dies anders. Von einer solchen gesellschaftlichen Trennung, wie, seitdem die Lombardei nach dem Aufstande von der österreichischen Armee wieder erobert wurde, zwischen den Officieren und den Bewohnern der Städte eingetreten ist, war keine Rede. Seit dieser Zeit bilden die Officiere der österreichischen Armee in der Lombardei eine Gesellschaft für sich, mit der alle Beziehungen Seitens der Lombarden abgebrochen sind. Man weicht ihnen aus und vermeidet mit der größten Consequenz jede gesellschaftliche Berührung. Kein Name, kein Rang, kein Stand, keine Empfehlung öffnet ihnen die Häuser der italienischen Aristokratie oder der lombardischen Bürger. Ich habe in Verona und Venedig Officiere aus den ersten österreichischen Familien kennen gelernt, welche seit sechs Jahren mit ihrem Regiment in der Lombardei standen, und niemals ein Haus besucht hatten. Sie waren während dieser langen Zeit nie in Gesellschaft gewesen, sie hatten nie getanzt, sie hatten nicht einmal mit einer Dame von Stande gesprochen.

Der junge Baron v. K., aus einer der ersten böhmischen Familien, Rittmeister in einem Uhlanenregiment, ein hübscher, liebenswürdiger und sehr gebildeter junger Mann, war aus Prag mit seinem Regiment nach Verona dislocirt. Seine Mutter war aus einer der angesehensten lombardischen Adelsfamilien. Er kannte die unangenehmen gesellschaftlichen Verhältnisse in der Lombardei, er tanzte gern, sprach gern mit schönen Frauen und ging gern in Gesellschaft; er hatte sich deshalb von seiner Mutter und von andern in Prag wohnenden Adelsfamilien viele und gute Empfehlungen nach Verona mitgebracht, und gab sich alle Mühe, gesellschaftliche Beziehungen anzuknüpfen. Es gelang ihm in keinem einzigen Falle. Vermittelst seiner Empfehlungsbriefe ließ er sich vorstellen; man nahm ihn an, aber man empfing ihn so kalt, so förmlich, so gleichgültig, daß er in keinem Hause zum zweiten Male erscheinen konnte. Man lud ihn auch nirgends an, seinen Besuch zu wiederholen; selbst die Verwandten seiner Mutter thaten es nicht. In keine einzige Gesellschaft während der ganzen Saison wurde er geladen. Wer ihm von den Herren und Damen, an welche er empfohlen war, auf der Straße, auf der Promenade, im Theater begegnete, grüßte ihn oder erwiderte seinen Gruß mit Höflichkeit, aber so kalt, so förmlich, daß auf den Gruß keine Anrede folgen konnte. Nach monatelangen, vergeblichen Bemühungen gab er seine Versuche, Gesellschaften zu besuchen, auf und ging in das Officier-Kaffeehaus an der Piazza di Brera. Ich stellte den Baron zwei englischen Damen vor, deren Bekanntschaft ich unterwegs gemacht hatte.

„Sie hätten mir gar keine größere Freude erzeigen können,“ sagte er zu mir; „seit den vier Jahren, wo ich hier bin, habe ich mit keiner Dame von Stande mehr gesprochen. Ich sehe nur meine Verwandten und die Damen, an welche ich empfohlen war, in ihren glänzenden Equipagen vorüberfahren. Sie blicken mich an, als wenn sie mich nie gesehen hätten. Es ist unerträglich!“ –

Diese gesellschaftlichen Verhältnisse sind gewiß unerträglich, und um so unerträglicher für einen jungen Mann von Geist, Bildung und Geschmack, dem gesellschaftlicher Umgang auch außer den Kreisen seiner Cameraden Bedürfniß geworden ist. Aber dieser gesellschaftliche Umgang ist in den lombardischen Städten nicht zu bewerkstelligen. Der Baron von K. war nur einer von den vielen Hunderten, welche in dieser Beziehung eben so unglücklich waren, wie er, und unter dem Druck der schrecklichsten Langeweile seufzten. In den Kaffeehäusern, in den Conditoreien und in den Gasthöfen sind die Verhältnisse ganz dieselben, und während der letzten zehn Jahre ganz dieselben geblieben. Kein Italiener knüpft mit einem Officier eine Unterhaltung an, Niemand setzt sich zu ihm an den Tisch, Niemand spricht mit ihm. So sind die Officiere in jeder lombardischen Garnison dahin gekommen und auch folgerichtig dazu gedrängt worden, sich ein Kaffeehaus auszusuchen, welches sie allein besuchen, und dieses Kaffeehaus nennt man denn vorzugsweise das Officier-Kaffeehaus. Ich fand diese Officier-Kaffeehäuser nicht allein in den großen Städten, in Venedig, Mailand, Vicenza, Padua, Bergamo, Brescia, Mantua, ich fand sie auch in den kleinsten Ortschaften, z. B. in Laveno, in Varese, in Tirano. Kein italienischer Signor, kein Bürger besucht die Officier-Kaffeehäuser; man kann immer darauf rechnen, daß derjenige, den man im schwarzen Rock dort antrifft, ein Fremder ist.

So war es auch heute im Officier-Kaffeehaus in Mailand, [71] im Café Mazza. Ich sah nur weiße Uniformen. Doch nein, da sehe ich einen Herrn in einem Civilanzuge, der die Augsburger Allgemeine Zeitung liest. Seiner Figur, seinem Haar und seinem mir halb zugewandten Profil nach scheint er wirklich ein Italiener zu sein. Neugierig gehe ich zu ihm heran. Er sieht auf, und ich erkenne den Grafen T., einen meiner Bekannten aus Venedig. Er hatte in Brescia gehört, daß ich nach Mailand gereist sei, und dachte mich im Officier-Kaffeehaus zu finden. Graf T. war halb ungarischer, halb italienischer Abkunft, und sein Herz schlug für Italien. Wir begrüßten uns, erfreut, uns sofort in Mailand wiederzufinden – der Graf war erst vor einer Stunde angekommen – und setzten uns draußen, vor der Thüre des Café’s unter dem Porticus nieder. Die Rauchdemonstration hatte noch nicht ihren Anfang genommen; wir zündeten uns die langen, schwarzen, italienischen Cigarren an, und schauten auf den Domplatz und auf den Corso Francesco, der heute von Spaziergängern und Equipagen wogte.

Es traten bald noch einige Officiere meiner Bekanntschaft hinzu, und einer derselben stellte den Oberlieutenant von G. vor, der bei einem deutschen Regiment in Lemberg stand und in Mailand auf Urlaub war. Auch er stammte von seiner Mutter her aus einer lombardischen Adelsfamilie. Er war ein eleganter, angenehmer junger Mann.

„Werden Sie lange in Mailand bleiben, Herr v. G.?“ fragte ich ihn.

„Lange?“ erwiderte er, mich etwas verwundert ansehend. „Noch in dieser Woche reise ich in meine Garnison zurück.“

„Warum denn so schnell?“ fragte ich wieder. „Gefällt es Ihnen in Mailand nicht oder ist Ihr Urlaub schon zu Ende?“

„Nein,“ sagte er. „Mein Urlaub dauert vier Wochen. „Aber was soll ich hier? Meine Cameraden habe ich gesehen und gesprochen. Meine Verwandten empfangen mich nicht. Keiner meiner Besuche ist erwidert worden, und wo ich war, hat man mich so kalt aufgenommen, daß ich mit Anstand nicht zum zweiten Male kommen kann. Man verzeiht mir nicht, daß ich, dessen Großmutter eine Italienerin war, in der österreichischen Armee diene. Ich sage Ihnen, das ist unerträglich. Ich reise noch in dieser Woche ab.“

Es war die Geschichte des Rittmeisters v. K., nur in einer neuen Auflage. Der junge Mann sah sehr verstimmt und verdrießlich aus. Er hatte wohl Recht, wenn es ihm in dem prächtigen Mailand nicht gefiel.

Wir schwiegen darüber still und plauderten von andern Dingen.

„Kennt einer der Herren den Herzog Litta?“ fragte ich.

Der Herzog Litta ist bekanntlich einer der reichsten und vornehmsten lombardischen Edelleute. Er betheiligte sich in der energischsten und umfassendsten Weise an dem Aufstande im Jahre 1848 und floh nach der Einnahme Mailands durch den Feldmarschall Radetzky nach Sardinien. Seine sämmtlichen Güter, Paläste und Schlösser wurden confiscirt und sequestrirt. Sein Palast in Mailand wurde in eine österreichische Caserne umgewandelt. Ganz derangirt in seinen finanziellen Verhältnissen, unterwarf er sich vor drei Jahren, wurde begnadigt, in seine sämmtlichen Güter und Besitzungen wieder eingesetzt und bewohnt jetzt seinen Palast in Mailand. In der ganzen deutschen Presse war damals viel von der Unterwerfung und Begnadigung des Herzogs die Rede. Sein Beispiel steht aber sehr vereinzelt da und beruht auf vielfachen persönlichen Gründen und Verhältnissen.

„Wollen Sie den Palazzo Litta sehen?“ fragte mich einer der Officiere, der mit dem Grafen T. sprach. „Es wohnt einer unserer Generale dort, mit dessen Adjutanten ich befreundet bin. Ich werde Sie nach Tische hinführen.“

Ich nahm das Anerbieten dankend an.

„Hat denn der Herzog Umgang mit der lombardischen Aristokratie?“ fragte ich.

„Umgang?“ erwiderte mir der Hauptmann verwundert. „Wie können Sie denken? Er steht ganz allein. Niemand geht mit ihm um. Niemand verzeiht ihm seine Unterwerfung. Und doch mußte er. Er war ganz derangirt. Auch ist er ein etwas beschränkter und schwacher Herr. Aber kommen Sie, meine Herren, wir wollen in die Giardini publici gehen. Heute ist dort Musik, und Sie können die schöne Welt von Mailand sehen. Es ist hier schrecklich langweilig.“

Wir standen sämmtlich auf und gingen den Corso Francesco und den Corso Orientale hinab nach den Giardini publici. Der Corso Francesco und der Corso Orientale sind die reichsten und prächtigsten Straßen von Mailand, die Mailänder Boulevards. Reiche Läden, Magazine, Kaffeehäuser, hohe Häuser mit Marmorbalkonen und glänzenden Spiegelscheiben bilden ihre beiden Seiten, ich kann ihren Anblick nur mit dem der Pariser Boulevards vergleichen. Obschon die eigentliche Saison für Mailand erst später beginnt und die meisten Adelsfamilien noch auf dem Lande waren, hatte der wunderbar schöne Novembertag sie dennoch mit einer Fluth von Equipagen und Spaziergängern bedeckt. Doch bemerkte ich unter den Tausenden, welche an uns vorübergingen oder vorüberfuhren, Niemanden, der mit einem Officier sprach oder ging, oder der auch nur grüßte. Auch die Soldaten gingen einzeln oder zu Paaren. Keiner ging mit einem Bürger oder einem Mädchen, kein einziger. Wir gingen plaudernd die lange prächtige Straße hinab, da fuhr eine glänzende Equipage vorüber. In dem Wagen saß eine ältere Dame mit einem jungen Mädchen von großer Schönheit. Es war mir, als wenn die Damen zu uns herübersahen. Der Lieutenant v. G. grüßte.

„Kennen Sie die Damen, Herr v. G.?“ fragte ich.

„Es ist meine Tante und meine Cousine,“ sagte er. „Ich habe wirklich nicht bemerkt, ob sie wieder gegrüßt haben. Ich machte bei ihnen meinen ersten Besuch. Sie haben mich nicht eingeladen, wiederzukommen. Was hilft mir das nun, daß ich eine so schöne Cousine in Mailand habe?“

Wir kamen in den öffentlichen Garten, in die Giardini publici. Er liegt am Ende des Corso Orientale, an der Porta Orientale, noch innerhalb der Stadt und bildet an heiteren Tagen einen Hauptspaziergang für die Mailänder Bürger. Auch heute war der Garten viel besucht. Seine schönen, langen Alleen wogten von Spaziergängern, Herren und Damen. In der Mitte der breiten Allee, welche den Garten von Westen nach Osten durchschneidet, war ein österreichisches Musikcorps aufgestellt und führte einige italienische Musikstücke in vortrefflicher Weise aus. Die Musikbanden der meisten österreichischen Regimenter sind vortrefflich eingeübt. Sie sind besser, als ich sie in irgend einer anderen europäischen Armee gefunden habe. Alles ging plaudernd, horchend und seine Bekannten grüßend oder ansprechend hin und her, oder hatte sich auf unabsehbare Reihen von Rohrstühlen, welche zu beiden Seiten der Allee aufgestellt waren, niedergelassen. Die ganze schöne Welt von Mailand ging an uns vorüber. Es war, wie in Paris im Tuileriengarten in der Allée des Feuillants. Schöne Frauen mit großen dunkeln Augen, mit prächtigem Haar, hohe und edle Gestalten schwebten zu Hunderten an uns vorüber. Wenn die Mailändischen Frauen auch nicht alle schön sind, wenn ihre Gesichtszüge auch nicht den antiken Ausdruck der Römerinnen haben, so haben sie jedenfalls schöne, prächtige Augen, reiches Haar, und ihre Gesichtszüge tragen einen nationalen Typus, an dem es den deutschen Frauen so sehr mangelt. Ihre Gesichter haben Ausdruck und Leben, ihre Augen verrathen Feuer und Leidenschaft. Uns sah keine dieser schönen Frauen an, keine grüßte uns, sie kamen und gingen zu Hunderten an uns vorüber, ohne daß ein Blick auf uns fiel.

„Was sagen Sie zu unsern Damen?“ fragte mich einer der Officiere. „Nicht wahr, wundervoll? Es ist ewig schade, daß wir mit ihnen nicht in Frieden leben. Aber sie sind für uns wie nicht da.“

„Ist es denn gar nicht möglich, hier in Mailand irgend wie Bekanntschaft anzuknüpfen?“ fragte ich.

„Ausnahmsweise, ja, mit einem Bürgermädchen,“ war die Antwort. „Die sind gerade nicht durchweg so consequent. Aber die Ausnahmen sind doch selten und dann darf es Niemand wissen. Oeffentlich würde keine Einzige wagen, sich mit uns zu zeigen.“

Es war auch hier im öffentlichen Garten, wie überall. Die Officiere und Soldaten gingen einzeln oder zusammen hin und her, oder saßen gruppenweise auf den Stühlen. Um jede Gruppe von Stühlen war es aber ganz leer. Erst in einiger Entfernung saßen oder standen Gruppen von Mailänder Bürgern, Frauen und Mädchen. Ich habe auch in dem ganzen großen Garten, in dessen Gängen und Alleen doch heute viele Tausende von Menschen versammelt waren, während zwei Stunden keinen einzigen Menschen gesehen, der einen schwarzen Oberrock trug und der mit einem Officier oder Soldaten sprach oder ging oder neben ihm saß. Ich und der Graf T. waren die einzigen – und unter unseren schwarzen Röcken schlugen auch italienische Herzen.

Es war drei Uhr. Die Musik war vorüber, die Spaziergänger hatten sich zerstreut oder waren nach Hause gegangen und der Garten war leer. Auch wir gingen den Corso Orientale und den [72] Corso Francesco zurück, dann über den Domplatz und speisten beim Rebecchino, der bekannten Trattorie in der Nähe des Domes. Der Graf und ich tranken den Kaffee in dem Akaziengarten der Cova, neben der Scala. Wir trafen dort viel Gesellschaft, Mailänder Bürger mit ihren Frauen und Töchtern, welche ihren Café nero tranken, den der Italiener bekanntlich ein halbes Dutzend Mal des Tages trinkt, und setzten uns zu ihnen. Der Graf erzählte ihnen, daß er Italiener sei, und sagte, ich sei Franzose. Wir wurden auf das Freundlichste und Zuvorkommendste behandelt, das ganze kalte abstoßende Wesen, was ich Morgens in dem öffentlichen Garten bemerkt hatte, war verschwunden. Der Italiener ist immer freundlich und zuvorkommend. Ist man mit ihm bekannt oder ihm empfohlen, so ist man auf’s Beste aufgenommen. Man darf nur kein Tedesco sein. Dann hört alle Freundschaft und alle Herzlichkeit auf. Er ist dann eben so kalt, gleichgültig und zurückgezogen, wie er kurz vorher noch herzlich und freundlich war. Wir sahen hier im Garten der Cova davon ein eclatantes Schauspiel. Einer der Officiere kam, uns aufzusuchen. Verwundert sah er uns mitten unter einer Gesellschaft am Tische sitzen. Er trat heran, redete uns in deutscher Sprache an, setzte sich sogar zu uns, und nach wenigen Minuten saßen wir an unserem Tische allein. Die Menschen, mit denen wir so eben in der lebendigsten, fast herzlichen Unterhaltung waren, hatten unseren Tisch und den Akaziengarten verlassen.

Es war während dem Abend geworden. Wir gingen nochmals den Corso Francesco auf und ab. Die eingetretene Herbstkälte hatte die Spaziergänger von der Straße verscheucht; desto voller war’s in den Cafés und Conditoreien. Hunderte von Gaslaternen, Lampen und Reverberen strahlten ihr Licht über die Straße, und spiegelten ihre Flammen in den Spiegelscheiben und in den glänzenden Schaufenstern. Der Anblick war prächtig, wie in der Rue Richelieu oder auf dem Boulevard des Italiens. Auf einem an eine Mauer geklebten Theaterzettel war in der Scala die Norma und ein neues Ballet angezeigt. Wir beschlossen in die Scala zu gehen.

Das Theatro della Scala, ist das Theater in Mailand, auf dem die Opern und Ballets gegeben werden. Es ist ein prächtiges Theater, nach dem San Carlo-Theater in Neapel das größte in Italien, fast zu groß für die Stimme, wenn dieselbe nicht einen bedeutenden Fond hat. Signora Pasta und viele Sänger und Sängerinnen ersten Ranges in Italien haben sich ihren Namen in der Scala gemacht. Ich habe schon viele große und schöne Theater in Europa gesehen, in Paris, in London, wie in Berlin und Wien; dennoch war ich von der einfachen und doch großartigen Pracht dieser Räume überrascht. Der Grund der Wände ist weiß, alle Verzierungen, Figuren und Arabesken sind golden, die Seitenwände und Rückwände der Logen sind in bunten Farben gehalten und luxuriös ausgestattet, da jede Loge ihren Eigenthümer hat, und derselbe jeden möglichen Luxus an Spiegeln, Statuen und Bildern auf den kleinen Raum seiner Loge verwendet. Das Theater ist in Italien zugleich der Gesellschaftssaal der ganzen vornehmen Welt. Sehen und hören ist nur dann Hauptsache, wenn der Abend eine besondere Kunstleistung bietet; sonst macht man sich in seinen Logen Besuche, conversirt miteinander und lorgnettirt und begrüßt seine Bekannten, oder macht neue Bekanntschaften. Das Scalatheater braucht viel Licht; aber wenn die Hunderte von Flammen auf allen Armleuchtern, auf allen Kronleuchtern und in allen Logen brennen, wenn die Wände in einem Meer von Licht strahlen, dann bietet das Scalatheater einen zauberischen Anblick. Das Theater war heute gefüllt, alle Armleuchter und Lampen flammten, Madame Lafond sang die Norma, und Norma ist eine Lieblingsoper der Italiener. Die Italiener sind Patrioten, sie schwärmen für ihr Land, für ihre Kunst, für ihre Musik und ihre Componisten. Verdi ist kein Componist ersten Ranges, aber Verdi ist der einzige Componist von Bedeutung in Italien, der jetzt lebt, und die Italiener schwärmen für ihn, weil er Italiener ist. Es liegt unleugbar viel Großes in dieser nationalen Schwärmerei; die Deutschen könnten viel davon gebrauchen. Wäre der geniale Richard Wagner, unbedingt einer der größten Componisten, welche die Natur je geschaffen hat – wenn er nicht der größte ist –, ein Italiener, er würde vergöttert werden, statt daß wir in Deutschland seine Musik kritisiren. Wenn ich Verdi’s Musik nicht anerkennen wollte, erwiderte man mir:

„Die Deutschen können Verdi’sche Musik nur nicht singen; hören Sie Verdi’sche Musik in Italien, und Sie werden ihre Schönheit erkennen.“

Also Madame Lafond sang die Norma. Die Oper hatte noch nicht begonnen. Wir gingen in das Parquet und setzten uns auf eine der drei ersten Bänke. Die drei ersten Bänke im Parquet, gleich hinter dem Orchester, waren von den Officieren eingenommen; sie sind ein für allemal von ihnen belegt. Es sind hier dieselben Gründe vorhanden, wie bei den Kaffeehäusern, und die Officiere haben deshalb bescheidener Weise die drei ersten Bänke im Parquet genommen, für die Oper und das Ballet jedenfalls die ungünstigsten Plätze.

Wir hatten uns kaum gesetzt, als die Ouvertüre begann. Der Vorhang erhob sich. Die Introduction und das erste Recitativ gingen ziemlich unbeachtet vorüber. Dann trat Norma auf uns trat unter die heilige Eiche. Sie wurde rauschend empfangen. Diese langdauernden Bravo’s und diesen Applaus kennt man nur in Italien. Das kalte deutsche Publicum hat davon gar keinen Begriff. Madame Lafond war Französin von Geburt, sie war eine schöne Frau, hatte den Kopf einer Sphinx, eine prächtige Stimme, und ihr Gesang war voll hohen dramatischen Ausdrucks. Ihre Norma hatte die Auffassung der Malibran, großartig, leidenschaftlich und edel. Sie sang die casta diva mit unvergleichlichem Ausdruck und Reinheit. Zehnmal wurde sie nach dem ersten Acte gerufen. Alles schien heute im Theater nur ein musikalisches Interesse zu haben, obschon man mir gesagt hatte, daß man politische Demonstrationen befürchte. Nur einmal kam der nationale Haß der Italiener während des ersten Actes zum Vorschein. Die Adalgisa wurde, wie überall, von einem jungen Mädchen gesungen, welche neben dieser Norma nicht von Bedeutung war. Sie sang das Duett mit der Norma mit vielem Feuer und vielem dramatischen Ausdrucke. Ich und einige Officiere applaudirten ihr, da wurde im Parquet gezischt. Ich meinte, es sei eine Intrigue, applaudirte stärker und forderte die Herren, welche in meiner Nähe waren, auf, mir beizustehen. Es geschah; aber nun begann das Zischen mit erhöhter Heftigkeit nicht allein im Parquet, sondern auch in den Logen. Ich war immer noch der Meinung, es sei eine Demonstration gegen die Sängerin, wurde empört und suchte den Applaus durchzusetzen. Da trat ein älterer Officier heran und bat uns, mit dem Applaus aufzuhören.

„Sie wissen ja, meine Herren,“ sagte er, „man zischt dort ja nur, weil wir applaudiren. Hören wir auf, wir können der Signora nur schaden.“

Der zweite Act der Oper ging nicht so ruhig vorüber. Das Auftreten des Chores, der den Kampf gegen die römischen Legionen fordert, war von rauschendem Beifall und von fortwährendem Applaus begleitet, und als der Schlachtgesang begann, als die Worte „guerra, guerra“ ertönten, erreichte die Demonstration ihren Höhepunkt. Man konnte kaum die Worte des stark besetzten Chors unterscheiden, so heftig wurde der Applaus und das Bravorufen.

„Sangue, Sangue! Le galli che scuri
Fino al tronco bagnate me son.
Sovre i flutti del Ligeri impuri,
El gorgoglia con funebre suon!
Srage, strage, sterminio, vendetta,
Gia comincia, si compie, si affretta.“

zu deutsch (in freier Uebersetzung):

„Zu den Waffen! Die Rache, sie winkt,
Bald der Boden Römerblut trinkt.
Wie die Mistel der Sichel erlieget,
Sei der Römer durch Schwerter besieget!
Stürzt die Adler, beschneidet die Schwingen,
Tödtet Alles, was Waffen noch trägt.“

So sang der Chor auf der Bühne. Und das Beifallsrufen, die Bravo’s und der Applaus im Parquet und in den Logen wollte gar kein Ende nehmen.

Dann sang der Chor weiter:

„Come biade da falci mietute
Sian di Roma le schiere cadute.“

zu deutsch (in freier Uebersetzung):

„Laßt in das Lager der Römer uns dringen,
Wo das Herz unsers Todfeindes schlägt.“

Das Bravorufen tönte nun wie ein lange anhaltender Donner, und dazwischen hörte man die Rufe „viva l’Italia“ Die anwesenden Officiere benahmen sich sehr ruhig und gemessen. Es geschah vernünftigerweise nichts, um die Demonstration zu unterbrechen oder zu verhindern, die Aufregung ging vorüber, und, als Sever gefangen in Irminsuls Hain geführt wurde, war wieder eine lautlose Stille in dem großen Theater. Man horchte nur dem großartigen Gesange Norma’s, und der Applaus feierte nur die Sängerin.