Ein Volkslehrer-Seminar in Hamburg

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Textdaten
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Autor: J. H.
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Titel: Ein Volkslehrer-Seminar in Hamburg
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 223–224
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[223] Ein Volkslehrer-Seminar in Hamburg. In der Entwicklung der modernen gesellschaftlichen Gliederung ist es ein sehr beachtenswerther Gedanke: die Zwecke des Staates, der Kirche und der Erziehung, ganz von einander zu trennen und in gesonderten Gemeinschaften zu verkörpern. Dieser Gedanke ist es, welcher hier und da die Forderung stellt: die Schule von den Einflüssen des Staats und der Kirche loszulösen und ihren eigenen Weg gehen zu lassen. Dies ist nothwendig, wenn die hohe Aufgabe der Schule, die ihr anvertrauten Zöglinge zu sittlich freien Menschen heranzubilden, erreicht werden soll.

[224] In diesem Sinne hat ein Hamburger Bürger, A. G. Todtenhaupt, bei Gelegenheit der Erörterung über die anderweite Einrichtung des akademischen Gymnasiums in Hamburg, die Gründung eines wissenschaftlichen Volkslehrer-Seminars beantragt und einen Plan vorgelegt, der in der deutschen und fremdländischen Presse sofort große Theilnahme gefunden hat, in Hamburg aber selbst vorläufig wenig Aussicht zu haben scheint, eine Majorität für sich zu gewinnen. Der Gedanke ist nicht neu. Pestalozzi, Fröbel, Professor v. Leonhardi und Andere haben ihn gepflegt und der letztere namentlich in den Verhandlungen des Philosophen-Congresses und in dessen Zeitschrift („Neue Zeit“ in Prag, bei Tempsky) neuerdings wiederholt erörtert. Aber der Ausführung stehen Hindernisse entgegen, welche die wohlgemeinten Rathschläge eines Privatmannes nicht zu beseitigen im Stande sind. Dieser Sprung aus der Aera der Stiehl’schen Regulative und des Systems Mühler zu den Organen freier Menschenerziehung wäre zu kühn. Wir wollen uns bescheiden, wenn der Fortschritt zwischen diesen Extremen ein paar Stationen macht. Es ist wahr: „die herrschende Partei sucht die heranwachsende Generation immer in ihrem Sinne und zu ihren Gunsten zu erziehen.“ Die Kirche will sich gehorsame, demüthige Gläubige, der Staat willige Steuerzahler und fromme Soldaten erziehen. Was der Mensch und die Menschheit als solche brauchen, Staat und Kirche können sich damit schwer befreunden und die „freie Menschenbildung“ jener pädagogischen Idealisten ist in der That das Postulat einer neuen Zeit, welche die Pionniere des Gedankens wohl im Aufriß schon fertig sehen, zu der uns aber noch die Brücke fehlt.

Herr Todtenhaupt, ermuntert durch die Zustimmung namhafter Gelehrter in und außerhalb Deutschlands, hat sein Project in verschiedenen Zuschriften an die Hamburger Bürgschaft warm verfochten und dieselben auch als selbständige Brochüren (Hoffmann und Campe) im Druck erscheinen lassen. Sein Organisationsplan ist tief durchdacht und bis in’s Detail ausgearbeitet. Er verleugnet seine Heimath – das reiche Hamburg – nicht. Als Jahresgehalt der drei die Direction des Instituts bildenden Professoren schlägt er je zwölftausend Mark Courant vor. „An Gehalte von solcher Höhe,“ sagt Freiherr von Leonhardi darüber, „ist man in Europa bisher zwar für Primadonnen, aber nicht für Volkslehrer gewöhnt.“

Wiewohl wir an einen Erfolg der von Herrn Todtenhaupt unternommenen Schritte unter den die pädagogische Welt zur Zeit regierenden Einflüssen nicht glauben, ist das Project doch ein bedeutendes Zeichen der Zeit. Es werden noch Jahre und Jahrzehnte darüber hingehen, ehe diese Ideen Gemeingut werden und zum entscheidenden Kampfe mit der schwarzen Rotte und dem hergebrachten Schlendrian erstarken. Aber schon treten einzelne Plänkler auf und zwar von einer Seite, aus der man sie nicht erwartete. Es ist beachtenswerth, daß dieser Vorschlag nicht von einem Staatsmanne, auch nicht von einem Gelehrten ausgeht, sondern von einem Geschäftsmanne, der seinen Aufschwung zu höherer wissenschaftlicher Einsicht lediglich seinem Privatfleiße verdankt. Es bestätigt sich hierbei die alte Erfahrung von Neuem, daß aller bedeutende Fortschritt im Erziehungswesen nicht ausgegangen ist von staatlich bevormundeten, über einen Leisten geschlagenen Schulen, sondern von sich frei bewegenden Privatanstalten.
J. H.