Ein Werk deutscher Kaufleute

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Titel: Ein Werk deutscher Kaufleute
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 511
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[511] Ein Werk deutscher Kaufleute. Aus dem großen „Germanischen Nationalmuseum“ in Nürnberg, dieser allmählich so stolz erblühten Schöpfung des wissenschaftlichen und patriotischen Geistes, wird hoffentlich binnen Kurzem ein neuer Zweig sich hervorgebildet haben, eine Fach- und Specialsammlung von großem Interesse und unleugbarer Wichtigkeit für die Kenntniß unserer Cultur und ihrer Entwickelungsgeschichte: ein deutsches Handelsmuseum. Der Wunsch, dieser bisher nur schwach vertretenen Abtheilung des Instituts die ihr gebührende Vollständigkeit und Selbstständigkeit zu geben, war natürlich längst vorhanden, mußte aber einstweilen hinter andern Zwecken zurücktreten, besonders da Geldmittel dafür aus dem eigenen Besitze des Germanischen Museums nicht verfügbar waren. Erst im Herbste 1877 war man so weit, die Angelegenheit in Angriff zu nehmen. Ein Prospect, welcher nach mannigfachen Vorbesprechungen damals von der Leitung der Nürnberger Gesammtanstalt verfaßt, aber in Rücksicht auf die trüben Geschäftsverhälnisse erst im Frühjahre 1878 nach einzelnen Orten ausgesandt worden war, wendete sich zur Anregung der Theilnahme für das Vorhaben an die kaufmännischen Kreise, und es wurde diese vertrauensvolle Erwartung auch nicht getäuscht. Der Aufruf fand in den betreffenden Kreisen so schnelles Verständniß, so ermunternden Anklang, daß schon am 23. Januar 1879 im Saale der Nürnberger Handelskammer eine Versammlung stattfinden, auf gesicherten materiellen Grundlagen die sofortige Constituirung beschlossen und zur weiteren Organisation und Führung der Sache ein Comité erwählt werden konnte.

Dieses aus hervorragenden Kaufleuten und Industriellen bestehende Comité hat nun am Jahrestage seiner Begründung, unter dem 23. Januar 1880, seinen ersten Rechenschaftsbericht veröffentlicht, der einen glücklichen Fortgang des Unternehmens zeigt und das Zustandekommen desselben durch den rege sich bethätigenden Gemeinsinn des deutschen Handelsstandes kaum noch bezweifeln läßt. Es haben die Handelskammern und die diesen entsprechenden Collegien in Berlin, Bochum, Bremen, Düsseldorf, Fürth, Hamburg, Heilbronn, Köln, Königsberg, Leipzig, Lübeck, Magdeburg, Mainz, Mannheim, Nürnberg, Rastatt, Reutlingen, Ulm und Würzburg sich alsbald des Planes durch Uebernahme von Anteilscheinen an genommen, und es sind überhaupt von diesen Anteilscheinen à 50 Mark, welche die Stiftung ermöglichen sollen, bis jetzt schon 500 untergebracht worden, hauptsächlich in Berlin, Bremen, Frankfurt am Main, Fürth, München, Norden, Nürnberg, Prag, Stuttgart und Ulm. Das angesammelte Vermögen belief sich bei Abschluß der ersten Rechnung auf 19,631 Mark. Auch an mannigfach interessanten Geschenken – Werken für die Bibliothek, Geschäftsbüchern, Acten Tabellen, Formularen, Preiscouranten, bildlichen Darstellungen, Münzen, Maßen, Gewichten, Einrichtungen und Comptoirutensilien aus alter Zeit etc. – ist aus allen Gegenden Deutschlands für die projectirten Sammlungen schon eine erhebliche Anzahl eingelaufen, sodaß sich diese Gegenstände mit Einschluß der durch Ankauf erworbenen bereits auf tausend Nummern belaufen.

Dies Alles ergiebt einen Anfang, wie er im Verhältniß zu der überaus kurzen Zeit seit dem Erlaß der Aufforderung nicht besser gewünscht werden kann. Das vorgesteckte Ziel ist kein geringes: in einem eigenen Gebäude soll zum ersten Male eine möglichst vollständige Sammlung von Originaldenkmalen und Documenten zur Geschichte des deutschen Handels nebst Copien, Modellen und der entsprechenden Literatur vereinigt werden. Um dies in einer der Würde der Wissenschaft und der Ehre unseres Vaterlandes angemessenen Weise zu erreichen, bleibt im Laufe dieses Jahres noch Vieles zu thun. Gleichwohl ist im Grunde eine ausgebreitete Agitation für die Sache noch nicht in Gang gebracht worden, und noch sind deshalb in den Reihen der bisherigen Subscribenten sehr viele bedeutende Handelsplätze gar nicht vertreten. Das ist der Punkt, auf den wir hiermit unter Verweisung auf den oben genannten, jedenfalls durch das „Germanische Nationalmuseum“ zu beziehenden Jahresbericht die Aufmerksamkeit lenken wollen. Möchten bald allenthalben alle Kaufleute dem hier und dort von ihren Berufsgenossen gegebenen schönen Beispiele folgen, und möchten dabei auch namentlich die Inhaber „alter“ Geschäfte es nicht versäumen, manchen bei ihnen unbeachtet in Winkeln vermodernden Gegenständen einen Ehrenplatz da zu verschaffen, wo sie, mit ähnlichem Material vereint, Tausenden als Anregung, Belehrung und Unterstützung bei ihren Studien und Forschungen auf historischem und wirthschaftlichem Gebiete dienen können! Wird nach allen diesen Seiten hin von Einzelnen wie von Corporationen der Sache die erforderliche Bereitwilligkeit entgegengebracht, so darf man mit Sicherheit auf die Verwirklichung des Gedankens hoffen, daß das deutsche Handelsmuseum in einer unserer Nation würdigen Gestaltung an das Licht treten werde, nicht allein als ein Denkmal der früheren Größe und heutigen Blüthe des deutschen Handels, sondern auch als eine Schöpfung, die Zeugniß giebt von der Empfänglichkeit des gegenwärtigen deutschen Handelsstandes für eine tiefere Erfassung seiner Berufsthätigkeit und ihrer idealen Zusammenhänge. Daß auch dem Buch- und Kunsthandel mit allen seinen Zweigen in dem neuen Museum ein hervorragender Platz angewiesen ist, versteht sich von selbst.