Ein Zweikampf auf dem Gebiete des Geistes

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Autor: Paracelsus
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Titel: Ein Zweikampf auf dem Gebiete des Geistes.
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 823–825
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung zwischen Ernst Haeckel und Rudolf Virchow über die Frage, inwieweit man die Bevölkerung über Wissenschaft informieren dürfe
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Ein Zweikampf auf dem Gebiete des Geistes.

Zur Verständigung.

Von allen Wanderversammlungen, mit welchen Deutschland Jahr aus Jahr ein gesegnet, sind keine so sehr in das Fleisch und Blut der gesammten Nation übergegangen, wie die seit dem zweiten Decennium unseres Jahrhunderts in’s Leben getretenen und stets wachsenden Zusammenkünfte der deutschen Naturforscher und Aerzte. Zum fünfzigsten Male versammelten sich die Koryphäen deutscher Naturforschung vom 17. bis 22. September dieses Jahres zu München, allwo sie fünfzig Jahre vorher unter den Auspicien des kunstsinnigen Königs Maximilian Joseph des Ersten von Baiern ein gastliches Obdach gefunden.

Den hehrsten Beweis, welch eine Macht die deutsche Naturforschung geworden ist, wie ihre leuchtenden Resultate nicht nur durch die engsten Spalten in die Hütte des Armen gedrungen, sondern auch durch die weiten Pforten der fürstlichen Paläste Eingang gefunden haben, liefert uns die Jubiläumsfeier der großen Wanderversammlung; denn an ihrer Spitze stand ein deutscher Fürst, Mitglied eines kunstsinnigen und die Wissenschaft fördernden Königshauses, und was dem deutschen Forscher zur besonderen Freude gereichen muß, in einem Theile unseres deutschen Vaterlandes, in dessen Süden der dunkle Ultramontanismus und in dessen Norden ein trauriges Muckerthum mit schwarzem Fittige dem klärenden Lichtstrahle den Eingang verdecken möchte.

Leitender Präsident der Verhandlungen war nämlich der Herzog Karl Theodor in Baiern, welcher nicht nur ein allgemeines Interesse für die deutschen naturwissenschaftlichen Forschungen überhaupt seit Jahren bethätigte, sondern auch selbst als bekannter Forscher auf dem Gebiete der Anatomie und Pathologie sich in der wissenschaftlichen Welt einen geachteten Namen erworben hat; von der medicinischen Facultät der Universität München wurde demselben schon vor mehreren Jahren das Ehrendoctorat verliehen. Der Herzog Karl Theodor begrüßte die Versammlung in längerer Rede, in welcher er besonders darauf hinwies, daß der Genius unseres Zeitalters die Gemeinsamkeit aller naturwissenschaftlichen Erkenntniß anstrebe und daß die Naturwissenschaften allein es seien, durch deren Pflege das Volk seinem Wohle mit sicheren und steten Schritten entgegengehe. – Die Versammlung stand unter der weiteren Leitung zweier Geschäftsführer, des berühmten Vorkämpfers für die Einführung der öffentlichen Gesundheitspflege in Deutschland, Geheimrath Max von Pettenkofer und des durch seine trefflichen Schilderungen aus der vorsündfluthlichen Welt weitbekannten Naturforschers Professor Dr. Zittel.

Die Verhandlungen der deutschen Naturforscher zu München haben, im Vergleich mit allen früheren derartigen Versammlungen, in der Oeffentlichkeit einen überwältigenden Eindruck hervorgebracht, denn es wurde daselbst ein Geisteskampf eröffnet, dessen Streitfragen für die freie Forschung, deren wir uns bis jetzt in Deutschland erfreuen, von der bedeutendsten, aber auch von der traurigsten Tragweite werden können.

Wissen ist Macht. Dieser Satz wird von jedem Gebildeten anerkannt. Die Naturwissenschaft aber ist die Macht, die dazu bestimmt ist, in der Culturgeschichte die größte Rolle zu spielen; von ihrer allseitigen Anerkennung hängt nicht nur das körperliche Wohl der gesammten Menschheit ab, sondern vornehmlich die geistige Entwickelung und der Fortschritt der Einzelstaaten und ihrer Völker.

Durch das zufällige Zusammentreten gegnerischer Ansichten wurde in den denkwürdigen Sitzungen zu München die wichtige Frage erörtert, wie die Resultate der Wissenschaft für das Leben und die höchsten Ziele der Menschheit verwendet werden sollten, ob es besser sei, das feurige Licht aus den engen Laboratorien der Forscher hinausstrahlen zu lassen in die wissensdurstige Menge, oder ob es vorzuziehen, das Volk im Dunkelen zu halten über die Bestrebungen seiner Geistesfürsten, ob man ihm nur das bieten solle, was in der Küche des Chemikers für den Magen des der feinen Geisteskost Ungewöhnten durchgekocht und unter dem Mikroskope des Anatomen als für den Laiengenuß unschädlich erkannt worden sei, oder ob man das Volk auch einweihen solle in die Hypothesen der freien Forschung. Zwei scharfe Gegensätze machten sich hier geltend: auf der einen Seite die jugendliche Frische und der sprudelnde Geist des berühmten Darwinianers Ernst Häckel aus Jena – auf der anderen die ruhige Bedächtigkeit und der politisch-wägende Verstand des großen Anatomen Rudolph Virchow.

Das allgemeine Interesse, welches die Forschungen dieser beiden Männer der Wissenschaft in ganz Deutschland erregen, veranlaßt uns, den Lesern der „Gartenlaube“ einen Einblick in den geistigen Kampf zu bieten, welcher zwischen den Ansichten der beiden Kämpfer in München erstand. Gleichzeitig traten noch zwei andere Forscher auf, Professor Waldeyer aus Straßburg, der zu Virchow’s Ansicht, und Professor Nägeli aus München, welcher zu Häckel’s Theorie in eingehendem Vortrage hinneigte. Leider verbietet uns der knapp bemessene Raum, auch auf deren Reden näher einzugehen. Hören wir aber, was Ernst Häckel gebracht:

„Ueber die heutige Entwickelungslehre im Verhältnisse zur Gesammtwissenschaft.“ Von Charles Darwin ausgehend, der vor achtzehn Jahren die starre Eisdecke der herrschenden Vorurtheile zuerst durchstieß, wies Redner auf die Zeiten der Naturphilosophie zurück, welche den ersten Grundstein zu dem gewaltigen Bau der einheitlichen Entwickelungsgeschichte legte. Nachdem er in historischer Reihenfolge die Errungenschaften der jüngsten Jahrzehnte dargelegt, wandte er sich der „Seelenfrage“ zu, welche heute in einem ganz anderen Lichte erscheine, als vor zwanzig Jahren. Gleichviel, wie man sich auch den Zusammenhang von Seele und Leib, von Geist und Materie vorstellen wolle, so gehe so viel aus der heutigen Entwickelungslehre hervor, daß mindestens alle organische Materie, wenn nicht überhaupt alle Materie, in gewissem Sinne beseelt sei. Zunächst habe uns die fortgeschrittene mikroskopische Untersuchung gelehrt, daß die anatomischen Elementartheile der Organismen, die Zellen, allgemein ein individuelles Seelenleben besitzen. Bei den einzelligen Organismen, den Infusorien, fände man denn auch dieselben Aeußerungen des Seelenlebens, Empfindung, Darstellung, Willen und Bewegung, wie bei den höheren Thieren. Die Einheit der Weltanschauung, zu der uns die neue Entwickelungslehre hinführe, löse den Gegensatz auf, welcher bisher zwischen den verschiedenen dualistischen Weltsystemen bestand. Sie vermeide die Einseitigkeit des Materialismus, wie des Spiritualismus; sie verbinde den praktischen Idealismus mit dem theoretischen Realismus; sie vereine Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft zu einer allumfassenden, einheitlichen Gesammtwissenschaft. Die weitaus wichtigste und schwierigste Anforderung, welche die praktische Philosophie an die Entwickelungslehre stelle, scheine diejenige einer neuen Sittenlehre zu sein. Nun hielten aber bisher die weitesten Kreise an der Ueberzeugung fest, daß diese wichtigste Aufgabe nur im Zusammenhange mit gewissen kirchlichen Glaubenssätzen zu lösen sei.

„Unabhängig von jedem kirchlichen Bekenntnisse,“ fuhr der Vortragende fort, „lebt in der Brust jedes Menschen der Keim einer echten Natur-Religion; sie ist mit den edelsten Seiten des Menschenwesens selbst untrennbar verknüpft. Ihr höchstes Gebot ist die Liebe, die Einschränkung unseres natürlichen Egoismus [824] zu Gunsten unserer Mitmenschen und zum Besten der menschlichen Gesellschaft, deren Glieder wir sind.

Diese bedeutungsvolle Erkenntniß sollte sich die Kirchenreligion zu Nutze machen, statt sie zu bekämpfen. Denn nicht derjenigen Theologie gehört die Zukunft, welche gegen die siegreiche Entwicklungslehre einen fruchtlosen Kampf führt, sondern derjenigen, welche sich ihrer bemächtigt, sie anerkennt und verwerthet. Der Sieg des Monismus, der Lehre von der inneren Zusammengehörigkeit und Unzertrennlichkeit des Idealen und Realen, über sein Gegentheil, den Dualismus, eröffnet uns den hoffnungsvollsten Fernblick auf einen unendlichen Fortschritt ebenso unserer moralischen wie unserer intellectuellen Entwickelung. In diesem Sinne begrüßen wir die heutige, von Darwin neu begründete Entwickelungslehre als die wichtigste Förderung unserer reinen und angewandten Gesammtwissenschaft.“

Mit Spannung sah man der Sitzung entgegen, in welcher der gegnerische Vortrag Rudolph Virchow’s in Aussicht stand: „Ueber die Freiheit der Wissenschaft im modernen Staat“. Die Ausführung dieses Themas hatte vornehmlich den Inhalt der vorangegangenen Vorträge der Herren Häckel und Nägeli im Auge, wobei der berühmte Redner in einer nicht gerade streng wissenschaftlichen Form der Darstellung die Forschungen der Genannnten in bestimmte Grenzen zurückwies. Redner wies darauf hin, daß durch die modernen Hypothesen die mühsam errungene Freiheit des Lernens und des Lehrens gefährdet werden könne, wir daher jetzt gezwungen seien, durch eine rücksichtsvolle Mäßigung auf dem Gebiete des Forschens, durch persönlichen Verzicht auf Liebhaberei und gewisse Ansichten die günstige Stimmung der Nation zu erhalten. Virchow warnte weiter, daß man nicht in der persönlichen Freiheit, welche sich jetzt auf dem Gebiete der Naturwissenschaften „breit mache“, fortfahre. Alles, was blos in den Bereich der Probleme und der speculativen Erörterungen gehöre, dürfe weder auf materiellem, noch auf geistigem Gebiete der Nation dargeboten werden; die neuen Theorien der Entwickelungsgeschichte und der Lehre der Abstammung des Menschen vom Affen dürften durchaus nicht in die Schulen hineingetragen werden. Jede vollständig festgestellte Wahrheit könne man jedem Gebildeten, ja jedem Kinde übergeben, ohne den Vorwurf des Halbwissens auf sich zu laden. Bei Trennung des Wissens aber habe man sich auch in der Naturforschung zu erinnern, daß sie, wie Alles in der Welt, aus drei verschiedenen Stücken zusammengesetzt sei: aus objectivem und subjectivem Wissen, wozu als Mittelstück der Glaube, der auch in der Wissenschaft, wie in der Religion bestehe, hinzutrete. Umgekehrt habe auch die Kirche ihre objective Seite, nämlich die historische, und ihre subjective, die in Visionen, Träumen und Hallucinationen zu Tage trete. Es mag die Mehrzahl der Naturforscher der Meinung sein, der Mensch stehe mit der Thierwelt im Zusammenhange. Das dürfe man aber nur dem Höchstgebildeten gegenüber als Vermuthung aussprechen. Jedem „Bauernjungen“ aber dürfe man nie sagen: Das weiß man, und das vermuthet man. Auch der Socialismus habe bereits Fühlung mit der Descendenztheorie. Es könne ja die Lehre der Abstamnnung des Menschen richtig sein, sie sei aber nicht erwiesen, da noch kein Affenschädel gefunden worden, der einem Menschen hätte angehören können, und so sei immer thatsächlich noch eine scharfe Grenze zwischen Mensch und Affe. Wer lehren will, dürfe nicht das subjective Wissen zum Gegenstande der Doctrin mache.

Besonders jeder Versuch, die Kirchenlehre durch eine Abstammungstheorie zu ersetzen, müsse scheitern und würde die höchste Gefahr für die Wissenschaft mit sich bringen. „Jeder einzelne Naturforscher,“ schloß der Vortragende seine bedeutungsvolle Rede, „muß sich gerade jetzt doppelt prüfen, wie viel von dem, was er weiß, objective Wahrheit ist, und er muß sich bemühen, alle inductiven Erweiterungen und Schlüsse, die noch so naheliegend erscheinen, mit kleinen Lettern unter den Text drucken zu lassen. Der alte Baco sagte: Scientia est potentia (Wissen ist Macht), aber er hat auch das Wort definirt, nicht als speculatives, sondern als objectives Wissen. Wir werden unsere Macht gefährden, wenn wir nicht auf die vollkommen sicheren, berechtigten und unangreifbaren Gebiete uns zurückziehen.“

So weit in Kürze die Rede Rudolph Virchow’s. Auf die höchst interessanten und fesselnden Mittheilungen noch einiger anderen Gelehrten hier näher einzugehen, müssen wir verzichten, da wir uns bestreben wollen, die Leser dieses Blattes vornehmlich in jenen bedeutungsvollen Kampf der Ansichten über die Grenzen naturwissenschaftlicher Forschung einzuführen.

Wir sind weit davon entfernt, Virchow’s Ansicht, daß man nur dasjenige als positive Wahrheit lehren solle, was objectiv und unumstößlich nachgewiesen ist, zu beanstanden. Allein wenn wir uns von der Herrschaft des Uebernatürlichen und Unbegreiflichen nicht von vornherein losmachen und das Wesen der Dinge nicht in uns selbst suchen, können wir nie zum Endziele einer objectiven Wahrheit gelangen. Die Annahme, daß kein Naturgesetz existirt, außer demjenigen, welches lebendig in der Natur, an den Stoff gebunden, schaltet und waltet, ist eine logisch begründete Wahrheit, und es muß mit Entschiedenheit davor gewarnt werden, daß auf dem vorandringenden Wege der Forschung aus „Rücksicht“ vor dem „Unbegreiflichen“ Halt gemacht werde.

Nicht der Ausspruch Virchow’s, daß der Darwinianismus Behauptungen aufstelle, die er noch nicht beweise könne, ist es, was wir beanstanden, sondern das Hereinziehen von Warnungen, die auf die Kanzel eines Prälaten, nicht auf das Katheder eines Naturforschers gehören.

Wenn auch das Positive eines Theiles der Darwin-Häckel’schen Arbeiten noch nicht in allen Einzelnheiten mathematisch festgestellt ist, so sind doch die negativen Beweise gegen das Uebernatürliche, gegen den Spiritualismus und gegen gewisse Dogmen so überwältigend und vernichtend, daß allerdings jene ehrenhafte Forscher sich sagen mußten: das darf ich der Welt nicht vorenthalten; das darf ich nicht in das Kämmerlein meiner Eigenbeobachtung einschließen.

Virchow geräth leider bei seinen wohlgemeinten Bestrebungen in den Fehler, daß er den Politiker und den Naturforscher zugleich auf die Rednerbühne führt. Die Rücksichten, welche jene Seite der Thätigkeit mit sich bringt, dürfen aber die freie Arbeit der Forschung niemals beeinflussen. Denn was hat die strenge Wissenschaft mit den Auswüchsen der Politik, dem Socialismus, dem Spiritismus und den Visionen und Hallucinationen verrückter Heiligen zu thun? Mit seinen Auseinandersetzungen auf der Naturforscherversammlung zu München hat Virchow der Wissenschaft den entgegengesetzten Dienst erwiesen, den er ihr leisten wollte, denn die Schwarzbemäntelten in Staat und Kirche haben die Worte des auf dem Gebiete des Geistes so einflußreichen Mannes schon ausgebeutet und halten solche der freien Forschung alltäglich als abwehrenden Schild entgegen.

Das deutsche Volk muß und wird Häckel dankbar dafür sein, daß er uns mit den Resultaten des bedeutendsten Naturbeobachters der Neuzeit, den Forschungen Darwin’s, so innig bekannt gemacht hat. Glücklicher Weise ist der gesunde kernige Sinn unter den Gebildeten unseres Volkes schon so weit für das Erfassen der Naturwahrheiten herangediehen, daß er sich selbst durch die angstmachenden Schläge aus dem sonst so fortschrittlichen Munde nicht einschüchtern lassen wird. Jeder Gebildete weiß, daß die Naturwissenschaften keine gefährlichen Waffen des Satans gegen die Kirche sind oder sein sollen. Darwin selbst hat sich ausdrücklich dagegen verwahrt, als solle seine Lehre feindlich gegen Religion und Kirche vorgehen. Er steht im reinen Dienste der Wissenschaft, für deren freie Bewegung er allerdings keine Schranken kennt.

Auch sieht die aufgeklärte Geistlichkeit in den Bestrebungen der modernen Forschung durchaus nichts Feindliches gegen die Kirchenlehre, und ein College Virchow’s aus dem preußischen Abgeordnetenhause, der evangelische Pfarrer Richard Schumann, macht in einer trefflichen Broschüre „Darwinismus und Kirche“ darauf aufmerksam, daß die moderne Naturwissenschaft ganz gut neben der Kirche einhergehen könne, da der Gottesbegriff ein Besitz der inneren Welt sei, daß Gottes Dasein weder durch ein Mikroskop und Teleskop erwiesen noch fortgewiesen werden könne, daß daher auch der große Astronom Laplace mit Recht einst von sich habe sagen können, daß er den ganzen Himmel durchforscht, aber Gott nicht darin gefunden, denn – er habe ihn ja nicht daselbst gesucht. Das Grenzgebiet, wo Religion und Naturwissenschaft sich berühren, sei kein mit sicheren Grenzpfählen umstecktes Eigenthum der Religion, und die Kirche solle sich daher hüten, durch Machtsprüche auf ein Gebiet, das nicht das ihre, hinüberzutreteten, um zu erweisen, wie machtlos sie dort sei.

[825] Warum wird Professor Virchow, der radicale Naturforscher, der liberale Politiker, auf diesen Grenzgebieten wandelnd, auf einmal ängstlicher, als ein frommer evangelischer Geistlicher, warum hält er den abgegriffenen Popanz der Socialdemokratie seinen Collegen als Warnung entgegen? Weil er die ernsten und nur mit sich selbst rechnenden Forscher Darwin und Häckel in den großen Troß literarischer Wegelagerer hineinstößt, welche an dem Forscherschweiße der Genannten sich mästen und aus den herrlichen Bauten derselben einige Steine ausbrechen, um damit den Gläubigen die Kirchenfenster einzuwerfen. Wenn auch noch kein vorsündfluthlicher Mensch mit einem Affenschädel gefunden worden ist, und der vollständige Ausbau der darwinischen Theorie noch nicht ermöglicht wurde, so geht trotzdem aus allen Ergebnissen der einschlägigen Lehren hervor, daß nur in einer einheitlichen Weltanschauung der Gipfelpunkt aller naturwissenschaftlichen Forschung zu suchen sei. Der Darwinismus und die Kirche wollen und können durchaus nichts mit einander zu thun haben. Zwischen den Vertretern der strengen Naturforschung und den Anhängern des blinden Glaubens gähnt eine unübersteigbare Kluft, die niemals zu gegenseitigem Verständnisse führen kann; daher mögen beide neben einander bestehen, bis jene unumstößlichen Beweise geliefert worden sind, welche die Lüge auf der einen oder auf der anderen Seite in jenen gähnenden Abgrund gestürzt haben.

Die Gebildeten im deutschen Volke sind glücklicher Weise geistig genug fortgeschritten, um den Arbeiten ihrer Forscher mit der nöthigen Objectivität folgen und beurtheilen zu können, wo Wahrheit, wo Lüge zu Hause sind – denn für „Bauernjungen“ hat weder Darwin noch Häckel geschrieben. Die geistige Größe der deutschen Nation liegt eben gerade darin, daß sie an den Bestrebungen der naturwissenschaftlichen Forschung einen so regen Antheil nimmt und den Arbeiten ihrer Wissensfürsten bis in die Enge der Laboratorien hinein folgt. Nur durch eine allgemein verständliche Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse sowohl der positiven Errungenschaften, wie auch der negativen Nachweise von Seiten derjenigen, die auf den betreffenden Gebieten selbstthätig arbeiten, kann auch das Volk zum Selbstdenken und zur geistigen Freiheit herangezogen werden. Dazu zeigen die öffentlichen Versammlungen der deutschen Naturforscher und Aerzte den trefflichsten Weg, und darum soll auch durch ihren Mund dem Volke Rechenschaft abgelegt werden von dem, was da ist, aber auch von dem, was nicht ist.

Möge das Wohlwollen der Nation den herrlichen Vereinigungen, welche nun durch fünfzig Jahre den Glanzpunkt deutschen Wissens und freier Forschung bilden, erhalten bleiben!
Paracelsus.