Junker Paul

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Textdaten
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Autor: Hans Warring, d.i.: Emma Meier
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Titel: Junker Paul
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40–49, S. 661–664, 681–684, 711–715, 728–731, 746–748, 762–765, 769–772, 785–788, 801–804, 817–823
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kurzbeschreibung:
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[661]
Junker Paul.
Erzählung von Hans Warring.
1.

„Sie werden es noch zu Ihrem eigenen Schaden erfahren, mein Junge, daß man hier zu Lande nicht mit dem Kopf durch die Wand kommt.“

„Ich bin nicht so harmlos, mein lieber Herr Nachbar, daß ich mit meinen dreiunddreißig Jahren diese Erfahrung nicht bereits auch anderwärts gemacht haben sollte. Aber ich habe nebenbei auch noch dies gelernt: ein Mann in meiner Lage ist rettungslos verloren, sobald er ein ängstliches Schwanken zeigt. Ich bin mit mir zu Rathe gegangen und bin nicht zweifelhaft, wie ich antworten werde, wenn es zur Entscheidung kommt.“

„Sehr gut! sehr gut! Wenn aber die Folgen schwer auf Ihr Haupt fallen, dann erinnern Sie sich gefälligst, daß Sie gewarnt worden sind!“

„Sie dürfen ruhig sein; ich weiß sehr wohl, daß ich allein für meine Handlungen einzustehen habe.“

„Das klingt sehr schön, ist aber nicht ganz richtig. Wir Alle haben unter Ihrem Starrsinn zu leiden; die ganze Nachbarschaft ist in Gefahr, wenn es zum Aeußersten kommt. Setzen wir den Fall, daß die Kerle aus dem Hinterhalte heraus Ihnen eine Kugel vor Ihren widerspenstigen Kopf schießen – was dann?“

„Dann werde ich ein paar Jahre später dem Schicksal unterlegen sein, das mich schon bei Königgrätz oder Gravelotte hätte ereilen können. Für einen preußischen Soldaten ist eine Kugel kein unbekanntes Schreckbild mehr.“

„Und Sie wollen sie wirklich riskiren, auch wenn Sie durch ein wenig Nachgiebigkeit Alles in’s richtige Geleise bringen könnten?“

„Das ist’s ja eben. Ich kann mich nicht davon überzeugen, daß meine Nachgiebigkeit dies bewerkstelligen würde. Im Gegentheil: sie würde die Krisis nur hinausschieben, nicht beseitigen.“

„Von zwei Uebeln wählt ein gescheidter Mann das kleinere. Bezwingen Sie Ihren stolzen Trotzkopf, treiben Sie durch Ihre Hartnäckigkeit die Sache nicht bis auf die Spitze – seien Sie ein guter Junge! Eine kleine Zulage würde sich auch noch erschwingen lassen – kommen Sie der aufgeregten Menge durch ein solches Anerbieten entgegen! Sie werden sehen, wie beschwichtigend dies auf die Aufsässigen wirken wird.“

„Es wäre Schwäche, ‚beschwichtigen‘ zu wollen, wo man ‚durchgreifen‘ muß. Ich habe Ihnen schon gesagt, Herr Kayser, daß ich meine Lage wohl überdacht habe. Ich zahle so hohe Löhne, wie sie ein Fabrikant in dieser ungünstigen Zeit und bei dem Drucke, der auf allen Geschäften ruht, nur irgend zahlen kann. Kein Billigdenkender wird mehr von mir verlangen. Arbeite ich nicht selbst hart, und was habe ich dafür? Ich sage Ihnen, es ist gewiß Keiner unter allen meinen Arbeitern, der einen so sorgenschweren Kopf hat, wie ich. Blicken Sie um sich in meinem Hause! Ueberall wird Ihnen der ernste, nüchterne, an Arbeit und Selbstbeschränkung gewöhnte Geist meiner Heimath entgegentreten. Erlauben wir – meine Schwester und ich – uns irgend einen Luxus? Nur durch strenge Beschränkung unserer eigenen Bedürfnisse bin ich im Stande, meinen Verpflichtungen gegen Andere – auch gegen Sie, Herr Nachbar – nachzukommen. Wenn ich aber weiß, was ich Anderen zu leisten habe, so weiß ich auch, was ich mir selbst schuldig bin. Und ich erkläre Ihnen, daß ich nicht eine Viertelstunde von der festgesetzten Arbeitszeit herunterzugehen oder um einen Pfennig die Löhne zu erhöhen gedenke.“

„Sie dürfen mir nicht mehr sagen, daß Sie wissen, was Sie sich selbst schuldig sind. Ihr Selbstbewußtsein steht Ihnen auf Ihrer eigensinnigen, eisernen preußischen Stirn geschrieben. Sie kranken nicht an einem Mangel an Selbstgefühl.“

„Kein rechter Mann, der nicht weiß, was er werth ist.“

„Oho, lieber Freund, darüber kann man sich auch täuschen. Aber ich bin nicht gekommen, Ihnen Demuthslehren zu geben – es wären dies in den Wind gesprochene Worte. Ich bin gekommen, Ihnen einen Vorschlag zu machen, auf den Sie eingehen werden, wenn Sie in Wahrheit der gescheidte Bursche sind, für den ich Sie bisher gehalten. Sehen Sie, junger Freund, unser Interesse an dem Fortbestehen und Gedeihen der Fabrik ist ein gleiches: von mir steckt eben so viel Geld darin, wie von Ihnen und Ihrer Schwester. Es liegt auf der Hand, daß wir alle Drei gewinnen, wenn die Arbeiten ruhig und ununterbrochen vorwärts gehen, was voraussichtlich nicht geschehen würde, wenn Sie rücksichtslos Ihrem Eisenkopfe folgten. Nun will ich es aber auf der andern Seite auch nicht leugnen, daß Sie Recht, völlig Recht haben in dem, was Sie von Ihrem eigenen Verhalten und Ihren Bemühungen sagten. Ich weiß Ihre Energie und Ihre Arbeitslust wohl zu schätzen. Ich erkenne es an, daß ich mein Eigenthum an keinen sichereren, reelleren Mann hätte verkaufen können, und weil ich das weiß, bedauere ich es auch doppelt, daß die ungünstigen Zeitverhältnisse Ihnen Schwierigkeiten bereiten, die wir Beide beim Abschlusse des Kaufes nicht vorhersehen konnten. Lassen Sie mich schnell zur Sache kommen! Sowohl als gewissenhafter Geschäftsmann, wie auch als Ihr aufrichtiger [662] Freund erbiete ich mich für die nächsten Jahre, bis sich Ihnen ein gesicherter Absatz Ihrer Tuche eröffnet hat, mit einem geringeren Zinssatze zufrieden zu sein und stelle nur die Bedingung, daß Sie einem heftigen Zusammenstoße mit Ihren Arbeitern vorbeugen und in eine kleine Erhöhung der Löhne einwilligen. Antworten Sie mir jetzt nicht, junger Freund! Erwägen Sie meine Worte – wir wollen erst in einigen Tagen einen Beschluß fassen.“

„Sie sind sehr gütig, Herr Kayser! Glauben Sie mir, es thut meiner Dankbarkeit gegen Sie keinen Abbruch, wenn ich sowohl die Bedenkzeit, wie Ihr gütiges Anerbieten ablehnen muß.“

„Lehnen Sie nicht ab, mein Junge! Tragen Sie den hiesigen Verhältnissen und der augenblicklichen Stimmung der Arbeiter Rechnung!“

„Es geht gegen meine Grundsätze, einer ungerechten Forderung aus feiger Furcht vor den etwaigen unangenehmen Folgen nachzugeben. Sie wissen es ebenso gut wie ich, daß ich eine bedeutende Zulage, selbst wenn ich wollte, nicht gewähren kann. Mit einer Kleinigkeit aber ist den Leuten nicht geholfen – lassen wir es daher beim Alten!“

„Sie werden schon ohnedies als Eindringling betrachtet. Man sieht in Ihnen mehr den preußischen Eroberer, als den ruhigen, gewerbthätigen Bürger. Werden Sie den Zeitverhältnissen gerecht, bewilligen Sie eine Kleinigkeit! Sie zeigen dadurch Ihren guten Willen.“

„Das würde in diesem Falle heißen: Ihre Schwäche. – Wer würde dabei gewinnen? Mein Nachgeben würde die Leute zu neuen Forderungen ermuthigen, und mit Recht. Einem Manne, der einmal schwach und feige gewesen ist, kann man dies auch zum zweiten Male zutrauen. Sehen Sie nicht ein, daß das den Krieg verschieben, nicht auskämpfen hieße?“

„Sie wollen also nicht?“

„Ich kann und will nicht.“

„Gut, so tragen Sie die Folgen, Sie – Sie – Sie – preußischer Stierkopf!“

„Es ist nicht das erste Mal, daß Sie mir sagen, welche gute Meinung Sie von mir haben.“

Der Mann, welcher die letzten Worte mit einem schwachen Lächeln auf seinem ernsten, ausdrucksvollen Gesichte gesprochen hatte, erhob sich von dem Sopha, auf welchem er neben seinem Gaste gesessen hatte, und machte einen Gang durch das Zimmer. Der Andere blieb sitzen und schaute ihm, seine weißen, wohlgepflegten Hände auf den goldenen Knauf seines Stockes gestützt, grimmig nach. Zwischen den beiden Männern bestand eine herzliche Freundschaft, und doch trennten sie sich kaum jemals, ohne einen heftigen Kampf ausgefochten zu haben. Der Aeltere, der ehemalige Fabrikbesitzer Kayser, war ein wohlconservirter, stattlicher Fünfziger. Seine hellen grauen Augen blickten unter buschigen Brauen scharf und klug hervor, und als er sie jetzt auf seinem jüngeren Freunde ruhen ließ, verloren seine Züge allmählich den Ausdruck lebhaften Aergers und nahmen wieder den eines grimmigen Wohlgefallens an. Es lag in dem Aeußeren von Max Reinhard Vieles, was Herrn Kayser als Ausdruck dessen erschien, was er den preußischen Hochmuth und den preußischen Dünkel nannte und was ihm eher antipathisch als anziehend war. Aber die ganze Erscheinung des jungen Mannes – seine hohe, feste Gestalt, seine straffe soldatische Haltung und der ernste, gebietende Blick seines Auges zeugten von Kraft, Muth und Energie – Eigenschaften, die ihn stets zur Bewunderung gezwungen hatten und denen er auch jetzt bei dem jungen Preußen seine Achtung nicht versagen konnte, selbst wenn sie, wie in diesem Augenblicke, dazu gebraucht wurden, seinen Willen zu durchkreuzen.

Es war nach den letzten Worten Reinhard's eine Pause eingetreten, während welcher der Gast seine Auge von dem verdüsterten Gesichte seines Wirthes auf die Gegenstände schweifen ließ, welche ihn umgaben. Das Gemach war hoch, hell und freundlich, aber Alles darin zeigte sich fast bis zur Nüchternheit einfach. Der junge Hausherr hatte augenscheinlich Recht, als er den Ausspruch that, daß man in seinem Hause sich jeden Luxus versage. Aber trotz dieser Einfachheit machte das Zimmer einen behaglichen Eindruck, der zum größten Theile dadurch hervorgebracht wurde, daß ein gebildeter Geschmack und ein Geist peinlichster Ordnung aus jedem Gegenstande sprach.

Die Beobachtungen des Herrn Kayser und die Reflexionen, welche sich ihm zur Entschuldigung für Reinhard's Starrköpfigkeit daran knüpfen wollten, wurden durch das Oeffnen der Thür unterbrochen. Ein zierliches Zimmermädchen steckte ihren wohlfrisirten Kopf herein und meldete, daß der Thee servirt sei.

„Ich hatte eigentlich nicht die Absicht, so lange zu bleiben,“ sagte Kayser, langsam seinen Sophaplatz verlassend und unentschlossen stehen bleibend.

„Sie werden doch jetzt nicht aufbrechen, lieber Herr Nachbar. Was würde meine Schwester davon denken, wenn ich ohne Sie käme?“

„Wahrscheinlich das Richtige: daß wir uns entzweit haben.“

„Ich behaupte, daß dies gerade das Unrichtige wäre. Zwei Männer können sehr wohl einmal verschiedener Ansicht sein. Wenn sie aber Beide gerecht und billigdenkend sind, so kann dies zu keinem ernstlichen Zerwürfnisse führen. Marie würde sich unnöthiger Weise beunruhigen, wenn Sie nicht kämen.“

Er hatte während dieser Worte die Flügelthür geöffnet, die in das anstoßende Zimmer führte.

„Die und sich beunruhigen!“ murmelte Kayser zwischen den festgeschlossenen Zähnen hervor, während er über die Schwelle spazierte, „ich möchte wohl wissen, ob selbst der Teufel im Stande wäre, die zu beunruhigen.“

Die Worte waren augenscheinlich nicht für das Ohr des Hausherrn bestimmt, und dieser ignorirte sie mit feinem Lächeln.




2.

Im Nebenzimmer, einem hohen luftigen Gartesaale, war der zierlich servirte Theetisch vor die geöffnete Balconthür gerückt. Die Theemaschine brodelte und zischte, die Stühle waren zurecht gestellt – aber die Dame des Hauses fehlte noch. Der Gast warf einen forschenden Blick durch das Gemach. Er kannte den Raum wohl. War es doch erst kurze Zeit her, daß er dieses Haus verlassen und seine nahe gelegene schöne Villa bezogen hatte, aber wie hatte sich hier Alles verändert! Die schadhafte Tapete, die er, der Wittwer, der allein lebende Mann, dem die Bequemlichkeit des Lebens mehr galt als die Anmuth desselben, noch für manches Jahr für gut genug erklärt hatte, war durch eine neue ersetzt worden, deren buntes Blumenmuster auf hellem Grunde dem Gemache ein ungemein freundliches Ansehen gab. Weiße luftige Vorhänge umwallten die hohe Fenster. Kein Stäubchen war auf den glänzenden dunkeln Möbeln oder auf dem in matten Farbentönen gehaltenen Teppich zu sehen. Der Gast streckte die Unterlippe vor und betrachtete Alles mit kaustischem Lächeln.

Auf einem zierlichen Arbeitstischchen an einem der Fenster lagen Bücher und Journale. Lange: „Geschichte des Materialismus“ – Heyse: „Moralische Novellen“ – Lewes: „The life of Goethe“ las er auf den Titeln. Seine buschigen Augenbrauen sanken noch tiefer als gewöhnlich über seine grimmig blickenden Augen herab.

„Ihr Fräulein Schwester ist, wie es scheint, eine gelehrte Dame,“ sagte er in einem Tone, der dieses zweifelhafte Lob noch zweifelhafter machte.

„Behüte!“ entgegnete Reinhard, der ihn mit leisem Lächeln beobachtet hatte. „Sie hat den in unserer Heimath ganz gewöhnlichen Bildungsgang durchgemacht und gerade genug gelernt, um solche Werke“ – er zeigte auf den Büchertisch – „verstehen und würdigen zu können.“

„Wenn ich eine Tochter besäße – ich danke Gott, daß dies nicht der Fall ist –, so würde mir solch unnützer Kram, der ihr nur den Kopf verdreht hätte, niemals in's Haus gekommen sein. Gut kochen, backen, das Haus in Ordnung halten und die Dienstboten beaufsichtigen – das hätte sie lernen müssen. Was darüber ist, das ist vom Uebel.“

„Das sind Ansichten, über die wir nicht streiten wollen, lieber Nachbar,“ entgegnete Reinhard lächelnd. „Ihre Tochter, wenn Sie eine gehabt hätten, würden Sie natürlich nach Ihren Grundsätzen erzogen haben. Niemand hätte Ihnen das Recht dazu bestreiten können. Indessen ist es immerhin fraglich, ob eine solche Erziehung den Ansprüchen genügen würde, die ein Mann heutzutage an seine Gattin stellt.“

„O mein Lieber, hier zu Lande giebt es – Gott sei Dank! – noch Männer, die gleich mir der Ansicht sind, daß das Wenige, [663] was in der Weibernatur des Erhaltens werth ist, durch eine gelehrte Schulbildung gänzlich verdorben wird, Männer, die gleich mir ein Grauen vor Frauenzimmern haben, die sich mit philosophischen Problemen beschäftigen und in fremden Zungen parliren.“

Er hatte im Eifer des Gespräches seine Stimme immer mehr erhoben und die letzten Worte so laut gesprochen, daß die Dame, welche, eben aus dem Garten kommend, die Stufen zum Balcon emporstieg, sie gehört haben mußte. Ein leises Lächeln glitt über ihr Gesicht und ruhte noch darauf, als sie mit einer anmuthigen Verbeugung über die Schwelle trat. Fast in demselben Augenblicke hob die Stutzuhr auf dem Kamine aus und schlug acht Schläge. Ihr antworteten pünktlich andere Uhren draußen auf dem Fabrikhofe und in verschiedenen Zimmern des Hauses in näherer oder weiterer Entfernung.

„Willkommen, Herr Kayser! Ich sehe, ich habe warten lassen,“ sagte Marie Reinhard.

„Unsere Schuld, ganz allein unsere Schuld, mein Fräulein! Sie erscheinen mit dem Glockenschlage, pünktlich wie immer, pünktlich und unfehlbar wie – wie – wie eine Sonnenuhr.“

„Das ist ein zweifelhaftes Lob, mein Herr,“ entgegnete sie lächelnd. „Eine Sonnenuhr ist nur in heiteren Tagen zuverlässig. Ich hoffe, daß ich's auch in trüben bin.“

„Also, wie der beste englische Chronometer, wenn Ihnen das besser gefällt.“

„Wohl, das lasse ich gelten. – Aber bitte, nehmen Sie Platz!“

Sie hatte ihren breitrandigen Strohhut und ihre Gartenhandschuhe abgelegt und trat jetzt an den Theetisch, die Tassen und das Geräth darauf ordnend.

Sie war eine anmuthige Erscheinung, wenn auch nicht mehr in der ersten Blüthe der Jugend stehend. Das helle Sommerkleid umfloß eine schlanke, schöngerundete Gestalt. Ueber einer Stirn, die etwas zu hoch war, um vollkommen schön zu sein, war das glänzende hellbraune Haar schlicht gescheitelt und am Hinterhaupte in zwei dicken Flechten aufgesteckt. Der Ausdruck ihres Antlitzes sprach mehr von geistiger Kraft und Reife, als von mädchenhafter Lieblichkeit und Milde. Aber alle ihre Bewegungen waren leise, ruhig und graziös, und man empfing bei ihrem Anblicke den Eindruck der vollkommenen Harmonie eines schönen Gleichmaßes, aus welchem sie durch äußere Einflüsse nicht leicht herausgeschreckt werden dürfte. Und dennoch, obgleich ihre Stimme ruhig und klar klang und ihr Lächeln seine gewöhnliche Freundlichkeit zeigte, dennoch nahm ihr Bruder die Spur einer Gemüthsbewegung in ihrem Gesichte wahr. Er that jedoch keine Frage und begnügte sich, sie mit einem raschen, forschenden Blick zu betrachten. Dann nahm er seinen Platz neben seinem Gaste am Theetisch ein.

„Ich glaube, Fräulein Reinhard, es ist das dritte Mal in dieser Woche, daß ich Ihre Gastfreundschaft in Anspruch nehme,“ begann Kayser das Gespräch.

„Ich habe Ihre Besuche nicht addirt – wenn es sich aber so verhält, so möchte ich das für ein gutes Zeugniß nehmen, das Sie mir und meinem Theetische ausstellen,“ antwortete sie lächelnd.

„Sie können mir aber glauben, daß ich Ihre kostbare, so vielfach in Anspruch genommene Zeit“ – er warf einen spöttischen Blick nach dem Büchertische – „Ihnen nicht schmälern würde, wenn ich nicht durch Geschäfte dazu gezwungen wäre.“

„Durch diese Erklärung strafen Sie mich für meine vorschnelle Eitelkeit,“ entgegnete sie.

„Herr Kayser ist heute übler Laune, Marie. – Was in aller Welt hat Sie denn so gewaltig verstimmt, Herr Nachbar?“ fragte Reinhard.

„Und das fragen Sie – Sie, der alle meine Bemühungen zu Schanden macht, der jedes kluge Vorbeugen von sich weist und uns zwingt, Tag für Tag auf einer Pulvermine zu wandeln, die uns Alle im die Luft sprengen kann?“

„Das ist es nicht, lieber Herr, wenigstens ist es das nicht allein. Ihre Stirn zeigte schon schwere Wolken, ehe sich noch unsere Meinungsverschiedenheit herausgestellt hatte. Ich weiß, daß ich einen Theil der Schuld trage, aber die ganze auf mich zu nehmen, dagegen sträube ich mich mit Recht.“

„Es scheint, als ob sich Alles und Alle gegen mein Behagen und gegen meine Bequemlichkeit verschwören. Von nah und fern werden Angriffe auf meine Ruhe gemacht.“

„Sind Sie etwa wieder auf unbequeme Weise daran erinnert worden, daß Sie Vormund einer reichen Erbin und außerdem Onkel einer jungen Schönheit sind?“

„Schönheit! Das fehlte nur noch. Ich hoffe, sie bildet sich dergleichen Dummheiten nicht ein. Schöne Frauenzimmer, oder solche, die sich einbilden, es zu sein, sind mir stets am unerträglichsten gewesen. Sie wollen immer gestreichelt, immer umschmeichelt werden. Sie setzen voraus, daß man stets Rücksicht auf sie nehmen, stets an ihre Bedürfnisse oder ihr Amüsement denken muß.“

„Rücksichten, Herr Kayser, beanspruchen nicht nur schöne Frauen. Jede Frau ist berechtigt sie von einem gebildeten Manne zu fordern,“ sagte Marie, sich in's Gespräch mischend.

„Ich weiß nicht, geehrtes Fräulein, was Sie unter ‚Rücksichten‘ verstehen. Sind Sie der Meinung, daß ein Mann stets Opfer bringen, stets sein eigenes Behagen dem der Frauen unterordnen soll, so protestire ich dagegen. Ich für meinen Theil werde meine Pflicht gegen meine Nichte für erfüllt halten, wenn ich ihr Wohnung, Nahrung und Kleidung gebe. Im Grunde,“ fügte er nach einer Pause mit ironischem Lächeln hinzu, „im Grunde – was verlangen die Frauen auch mehr? Gut logirt, gut genährt und vor allen Dingen gut angethan zu sein – das ist die Summe ihrer Lebensbedürfnisse.“

Auf Mariens Wange erschien eine leichte Röthe, und in ihrem braunen Auge leuchtete ein Strahl des Unwillens auf.

„Es scheint nicht gerathen, näher auf die Art einzugehen, wie Sie derartige Erfahrungen gesammelt haben,“ sagte sie mit einer stolzen Hebung ihres zierlichen Kopfes. „Sie haben es sich selbst zuzuschreiben, wenn man den Werth Ihrer weiblichen Bekanntschaften nicht eben hoch anschlägt.“

Er blickte von seinem Teller auf und schaute mit einiger Ueberraschung in ihr Gesicht, das jetzt zum ersten Male den Ausdruck gleichmäßiger Freundlichkeit abgelegt hatte. Ein grimmiges Lächeln flog über seine Züge.

„Ich bin ein dickfelliger Bursche, geehrtes Fräulein, und kann einen Stoß vertragen,“ sagte er behaglich. „Geniren Sie sich nicht! Es gereicht mir zu ganz besonderer Freude, mich Ihnen als Ableiter für jede häusliche Verdrießlichkeit anbieten zu können.“

Es lag, als er so sprach, ganz unverkennbar der Ausdruck einer jovialen Gutmüthigkeit auf seinem Gesichte und in seiner Stimme. Dazu zwinkerten seine Augen so lustig unter seinen buschigen Brauen hervor und bekundeten so deutlich einen raschen Umschwung seiner üblen Laute, daß auch Marie einen Theil ihres Zornes schwinden fühlte. Sie entsann sich plötzlich, schon mehrmals die Bemerkung gemacht zu haben, daß Herr Kayser ganz besonders lustig und umgänglich geworden war, wenn er durch eine seiner cynischen Bemerkungen sie zu einer Aeußerung ihres Unwillens gereizt hatte. Sie gelobte sich, ihm fernerhin diese Freude nicht wieder zu machen.

„Und was war’s, das Sie außer meiner Halsstarrigkeit noch verstimmt hat?“ fragte Reinhard, der ein schweigender, aber sehr belustigter Zuhörer dieses kleinen Wortgefechts gewesen war. „Hat etwa Ihre Mündel wieder Vorschüsse verlangt? Hat sie Ihnen angezeigt, daß sie sich in Baden langweile und zurückzukehren gedenke, oder was ist sonst geschehen?“

„Nein – dem Himmel sei Dank! – von der bin ich für’s Erste erlöst. Die ist gut aufgehoben und amüsirt sich jetzt in der Straßburger Gegend. Das Unheil kommt von einer anderen Seite. Da schreibt mir meine Nichte in einem ganz lächerlichen Briefe, daß sie nicht länger im Institute bleiben könne. Sie hat, wie sie schreibt, schon dreimal den Cursus auf der Selecta durchgemacht und kann dort nichts mehr lernen. Sie will zum Herbste eine Stelle als Lehrerin annehmen. Dieser Unsinn! Als ob sie, weil es dort nichts mehr zu lernen giebt, gleich einen Ort verlassen muß, wo sie zum Heile für mich und sie so gut aufgehoben war! Sie könne mit gutem Gewissen nicht länger das theure Erziehungsgeld von mir annehmen. Als ob ich nicht gern das Doppelte und Dreifache zahlen würde, wenn sie nur bliebe, wo sie ist, und mich mit solch unsinnigen Projecten nicht behelligte!“

„Sie sind kein sehr liebenswürdiger Onkel, Herr Kayser,“ sagte Marie.

„Habe auch durchaus nicht die Absicht, einer zu sein,“ entgegnete der Gast mit verbindlichem Lächeln. „Beabsichtige indessen, [664] nichtsdestoweniger meine Pflicht an dem Kinde meines Bruders zu thun. Ich habe daher den Brief der Institutsvorsteherin – denn auch von der ist ein langes Schreiben eingelaufen, mit der angenehmen Nachricht, daß ein mehrwöchiger Landaufenthalt für den Gesundheitszustand meiner Nichte dringend nothwendig sei – dahin beantwortet, daß sie mir das Kind herschicken soll. Ich hoffe, an meinem Tische wird sie besser zu Fleisch kommen, als bei der gelehrten Pensionskost.“

„Und welche weiteren Absichten haben Sie dann mit Ihrer Nichte?“ fragte Marie.

„Natürlich soll sie zum Herbst in die Pension zurück. Unter Fremden will ich sie in einer dienenden Stellung nicht leben lassen, und sie bei mir zu behalten, das möchte mir auf die Länge unbequem fallen.“

„Ihr vielleicht nicht weniger,“ meinte Marie. „Sie würde sich nach einer nutzbringenden Thätigkeit sehnen. Ein zweck- und berufsloses Leben, und sei es das bequemste, kann auf die Länge Niemand befriedigen.“

„Befriedigen? Natürlich wird es sie nicht befriedigen – aber kann ich es ändern? Es sei denn, daß ich ihr einen Mann schaffte. Denn ich für mein Theil kenne nur einen Beruf, wozu die Natur die Frau bestimmt, nämlich den, zu heirathen und Kinder groß zu ziehen. Verfehlt sie diesen, so muß sie sich unter allen Umständen unbefriedigt und unnütz fühlen.“

Wieder wallte in Marie eine zornige Regung auf, und wieder hob sie das Haupt mit einer zugleich stolzen und anmuthigen Bewegung des schlanken Halses. Als sie aber zu ihrem Gaste hinüberschaute und seinem Auge begegnete, das mit listigem, erwartungsvollem Funkeln zu ihr aufschaute, da kämpfte sie ihren Unwillen nieder.

„Ich begebe mich des Streitens mit Ihnen, mein Herr,“ sagte sie mit ruhiger Würde, „und das um so mehr, als es für mich durchaus kein Interesse hat, ob ich Sie in Ihren Ansichten corrigire oder nicht.“

Sie hatte ihre Mahlzeit beendet und erhob sich vom Tische. „Wollen die Herren mich entschuldigen?“ fuhr sie fort, sich der Thür zuwendend. „Ich lasse an meinen neuen Beeten arbeiten und fürchte, daß man meine Anordnungen nicht befolgt.“

Als sie im Hinausgehen mit flüchtigem Blicke den Gast streifte, nahm sie wahr, daß er sich in seinem Stuhl zurücklehnte mit der behaglichen Miene eines Mannes, der mit seinem Tagewerke zufrieden ist. Und als sie die Stufen hinabschritt, da hörte sie mit wiedererwachendem Zorne, wie er ihre Flucht vom Kampfplatze mit einem hämischen Kichern begleitete.




3.

Als Maria nach einiger Zeit wieder in das Haus zurückkehrte, hatte sich der Gast bereits entfernt. Der Gartensaal war leer, aber sie hörte die Schritte ihres Bruders im Nebenzimmer und sah ihn durch die halbgeöffnete Thür, wie er, die Hände auf dem Rücken mit gesenktem Kopfe langsam auf und nieder schritt. Von Zeit zu Zeit hielt er in seinem Gange an, um an’s Fenster zu treten und die Landstraße entlang zu blicken, die an Haus und Fabrik vorbei nach dem nahe gelegenen Städtchen Elmsleben führte. Wenn er sich so zum Fenster hinausbeugte, lag auf seinem Gesichte der Ausdruck gespanntester Aufmerksamkeit – es schien, als wären Auge und Ohr gleichermaßen beschäftigt, einen erwarteten Gegenstand zu erspähen. Auch kam es dem Mädchen vor, als ob, so oft er seinen monotonen Gang durch’s Zimmer wieder aufnahm, die Sorgenfalte auf seiner Stirn tiefer wurde. Sie wußte, daß ihr Bruder von dem Augenblicke an, wo er die Fabrik übernommen, schwere Sorgen hatte. Der District, in welchem dieselbe lag, bildete erst seit Kurzem einen Theil der deutschen Reichslande. Die Bevölkerung hatte noch nicht Zeit gehabt, sich in diese neue Ordnung der Dinge zu finden. Sie sträubte sich, dieselbe als vollendete Thatsache anzuerkennen und suchte durch eine bis auf’s Aeußerste getriebene oppositionelle Haltung gegen die neue Regierung ihre Mißstimmung an den Tag zu legen. Eine gleich feindselige Stellung nahm man gegen Diejenigen an, die sich in dem neuen Reichslande niedergelassen hatten, und namentlich waren es unter diesen die Preußen, die mit erbittertem Hasse verfolgt wurden.

Max Reinhard hatte wie mancher Andere sich dadurch nicht abschrecken lassen. Er hatte eine der vielen Fabriken gekauft, deren Besitzer, um nicht in Berührung mit den verhaßten Behörden zu kommen, es vorgezogen hatten, ihr Geschäft niederzulegen. Seit dieser Zeit war sein Leben ein beständiger Kampf gegen die Widersetzlichkeit seiner Arbeiter gewesen, welche stets neue Nahrung erhielt durch die ablehnende, fast feindselige Haltung, die auch die höheren Gesellschaftsclassen dem „fremden Eindringling“ gegenüber annahmen. Auch Marie hatte in dieser Beziehung manche unangenehme Erfahrung gemacht. Ueberall war sie auf Kälte und Mißtrauen gestoßen, sodaß sie das Suchen nach einem passenden Umgange bald aufgegeben hatte. Allerdings war dies ihr geringster Kummer. Ihre Hauptsorge bildete stets die Angelegenheit ihres Bruders.

Zwar war es nicht seine Gewohnheit über seine Sorgen zu sprechen, allein sie ahnte es dennoch, daß auch bei ihm, wie schon anderwärts, die Unruhen und Unzufriedenheiten unter den Arbeitern endlich zu offener Widersetzlichkeit ausarten würden. Sie hatte Kunde erhalten, daß in einigen Fabriken des Districts, die gleichfalls in die Hände von Deutschen übergegangen waren, die Arbeiten hatten eingestellt werden müssen, weil die Besitzer die an sie gestellten Forderungen nicht hatten erfüllen können. Die ganze Umgegend war in Schrecken gesetzt durch die Nachricht, daß im benachbarten Wildunger Bezirke die große Kattunfabrik des Herrn Bergentin – gleichfalls eines Deutschen – zerstört und auf ihn in seinem eigenen Hause durch das Fenster seines Arbeitszimmers geschossen worden sei. – Alle diese beängstigenden Thatsachen drängten sich Mariens Geist auf, als sie zögernd auf der Schwelle stand. Sie entsann sich nicht, ihren Bruder jemals so finster, so sorgenvoll gesehen zu haben. Bei der strengen Selbstbeherrschung, die er übte, hatte er sich ihr, wenn auch nicht heiter, so doch stets gleichmäßig ruhig und gefaßt gezeigt. Es mußte irgend ein Unheil im Anzuge sein – diese Ueberzeugung stand plötzlich fest in ihr. Und jetzt fiel ihr ein, daß sie mit der Absicht gekommen war, seine Sorge noch zu vergrößern – unwillkürlich fuhr ihre Hand in die Tasche ihres Kleides. Sie fühlte den Brief darin, der ihr heute Thränen des Kummers entlockt hatte. Aber so dringend er auch Hülfe forderte, sie konnte es nicht über das Herz bringen, ihn in diesem Augenblicke ihrem Bruder zu zeigen.

Schwere Schritte, die sich von der anderen Seite dem Zimmer näherten, machten sie aufhorchen. Es war der Aufseher der Fabrik, der nach beendetem Tagewerke die Schlüssel brachte.

„Nun, Kramer?“ fragte Max.

„Alles in Ordnung, Herr. Sie sind ruhig fortgegangen,“ entgegnete der Mann, in welchem man an der Sprache sogleich den Ostpreußen erkannte. „Ich habe die Runde gemacht durch Hof und Garten – nirgends habe ich etwas Verdächtiges entdecken können. Ich meine, Herr, der Drohbrief hat Sie nur einschüchtern sollen, damit Sie leichter auf ihre Forderungen eingehen.“

„Möglich! – Wir wollen indessen nichts versäumen, was die Vorsicht gebeut. Haus und Fabrik scheinen mir heute noch ungefährdet – aber um die neuen Maschinen trage ich Sorge. Ich wünschte, die Wagen wären erst zurück und sicher im Hofe.“

„Es werden zwei tüchtige Wagenladungen sein, und der Weg geht immer bergauf. Jantzen wird die Pferde schonen wollen.“

„Ich sollte meinen, sie können trotz alledem schon hier sein. – Bleibe im Hofe, Kramer, und halte scharf Wacht! Ich will bis zum Damme hinabgehen – vielleicht daß ich sie auf der Straße sehe.“

„Nehmen Sie mich mit, Herr! Es ist sehr nebelig draußen, auch dunkelt es schon stark. Zudem ist der Damm auf beiden Seiten mit Gebüsch bepflanzt. Es können sich ganz wohl ein halb Dutzend Kerle darin verstecken, die Ihnen nahe sind, ehe Sie irgend Etwas wahrgenommen haben.“

„Wir können das Haus nicht ohne Schutz lassen. – Hast Du die Hunde von der Kette gelöst?“

„Ja, Herr, sie sind auf dem Hofe.“

„So nimm einen mit, wenn Du die Runde machst, und entferne Dich nicht zu weit vom Hause!“ [681] Das Gespräch hatte hiermit ein Ende. Marie hörte, wie die schweren Schritte im Hausflur verhallten und wie die Hausthür in’s Schloß fiel. Sie sah, wie ihr Bruder sich zum Ausgehen bereit machte. Hatten die eben gehörten Worte schon ihre Unruhe vermehrt, so steigerte sich diese jetzt bis zu einer herzbeklemmenden Angst, als sie wahrnahm, wie Max raschen Schrittes in sein Schlafcabinet trat und sich an dem Schranke zu schaffen machte, in welchem er seine Waffen aufbewahrte. Als er in sein Wohnzimmer zurückkam, hatte er einen Gegenstand in der Hand, welchen er in seiner Brusttasche verbarg. Dann nahm er seinen Hut und wandte sich der Thür zu. Hier aber stieß er auf seine Schwester, die sich ihm angstvoll in den Weg warf.

„Geh’ nicht, Max!“ rief sie seinen Arm ergreifend, „ich weiß, daß Du einer Gefahr entgegengehst.“

„Thorheit, Kind! Beunruhige Dich nicht unnützer Weise! Ich gebe Dir die Versicherung, daß ich selbst an keine Gefahr glaube.“

„Weshalb hast Du denn einen Revolver zu Dir gesteckt?“

„Um für alle Fälle gesichert zu sein. Ein Mann ist stets in einer schmachvollen, unwürdigen Lage, wenn er wehrlos einer Gefahr gegenübersteht.“

„Wenn eine solche möglich ist, solltest Du Dich ihr nicht aussetzen. – Bedenke, was für uns Alle auf dem Spiele steht!“

„Ich wiederhole Dir, Marie, Du kannst meinetwegen außer Sorgen sein. Man bedroht nicht meine Person. Wenn von einer Gefahr die Rede sein kann, so sind es meine neuen Maschinen, die einer solchen ausgesetzt sind. Ich habe Jantzen nach dem Bahnhofe geschickt, sie zu holen, und war eben im Begriff, ihm entgegenzugehen. Seine Rückkehr hat sich so lange verzögert, daß ich fürchte, ihm ist ein Unfall zugestoßen.“

„Weshalb hast Du mir ein Geheimniß daraus gemacht? Du pflegst doch sonst Deine Angelegenheiten mit mit zu besprechen. – Aber ich ahne, Max, daß gerade die neuen Maschinen den Ausbruch beschleunigen werden – konntest Du damit nicht warten, bis die Gemüther sich etwas beruhigt hatten? Du weißt, wie mißtrauisch die Leute gegen jede Neuerung sind.“

„Ich kann es nicht ändern,“ entgegnete er. „Bin ich in der Lage warten zu können? Mir bleibt keine Wahl. Entweder ich gehe energisch vor, oder ich bin zu Grunde gerichtet. – Die neuen Maschinen sind der Art construirt, daß sie einen Theil der Arbeiter entbehrlich machen. Ich kenne die Rädelsführer – und sobald die neuen Stühle im Gange sind, sollen jene fort zum warnenden Beispiel für die Anderen. Dieser Schlag, wenn er anders von Wirkung sein soll, muß sie unvorbereitet treffen, und daher habe ich zu Niemand von dem Projecte gesprochen, selbst zu Dir nicht. Auch Kramer und Jantzen haben bis heute Morgen Nichts davon gewußt. Du siehst, ich hatte meine Gründe, so geheim zu handeln. Doch jetzt lebe wohl! In einer halben Stunde bin ich wieder bei Dir.“

Er war gegangen, ehe sie es hatte verhindern können. Draußen hörte sie seinen festen Schritt auf den Steinplatten des Vorhofes. Sie sah ihn durch die kleine Gitterpforte auf die Landstraße treten und rasch vorwärts schreiten. Mit bangem Herzklopfen blickte sie ihm nach, bis seine Gestalt im Abendnebel verschwand.

Der Damm war etwa eine Viertelmeile von den Fabrikgebäuden entfernt. Ein Gebüsch, das hoch und dicht genug war, um zu einem Verstecke benutzt zu werden, faßte ihn auf beiden Seiten ein. Außer dieser einen Stelle gab es keine zweite auf dem ganzen Wege nach Elmsleben, die zu einem Hinterhalte hätte dienen können. Wenn Gefahr vorhanden war, so konnte sie nur dort drohen – das erkannte Max wohl. Rüstig schritt er vorwärts. Auf dem Wege, soweit er ihn bei der dunkeln, nebeligen Atmosphäre überblicken konnte, regte sich Nichts. Auch in den Arbeiterwohnungen, die links vom Wege, etwa einen Steinwurf von der Fabrik entfernt lagen, und auf welche er im Vorübergehen einen scharfen Blick warf, war Alles ruhig. Die Feuer brannten in den Kaminen wie gewöhnlich, und er sah die Frauen mit der Bereitung des Abendessens beschäftigt. Sollte seine Unruhe und Sorge unnütz gewesen sein? War dies der Fall, so mußte er bei dem windstillen Abend das Geräusch der Räder und den schweren Tritt der Pferde schon aus einiger Entfernung hören. Er blieb stehen, um zu lauschen, aber Nichts ließ sich vernehmen. Er war dem Damme mittlerweile so nahe gekommen, daß er trotz Dunkelheit und Nebel den Weg bis zu dem Punkte, wo er im Gebüsche verschwand, überblicken konnte. Nichts war auf demselben sichtbar. Etwa nach fünf Minuten ging er mit unverminderter Schnelligkeit weiter – dann machte er plötzlich Halt. Es war ein Ton zu ihm gedrungen, der ihn stille stehen und aufhorchen machte. Ihm war's, als hätte er den Schall von schweren, gewaltigen Schlägen gehört, der durch die feuchte Luft nur dumpf vernehmbar war. Nur einmal ließ sich dieser Ton hören; er wiederholte sich nicht, so oft Max auch lauschend stille stehen mochte. Einmal meinte er noch, nebelhafte Gestalten links vom Wege den Bergabhang hinab gleiten zu sehen, aber er konnte sich geirrt haben. War doch der Nebel so dicht geworden, daß man kaum zwanzig Schritte voraussehen konnte.

Als er den Damm erreicht hatte, hielt er einen Augenblick [682] an und nahm den Revolver aus der Tasche; dann schritt er wieder vorwärts. Max war ein muthiger Mann, der schon mancher Gefahr tapfer in’s Gesicht geschaut hatte, aber er verhehlte es sich nicht, daß seine Lage in diesem Augenblicke eine sehr bedenkliche war. Einem Feinde Auge in Auge gegenüberstehen, sich mannhaft wehren bei offenem Angriffe, darauf war er jederzeit vorbereitet. Aber hier aus dem Hinterhalte heraus von einer Kugel getroffen werden, vielleicht verwundet und hülflos einer gereizten rachedürstenden Horde in die Hände fallen – dieser Gedanke machte ihn schaudern. Nur die äußerste Wachsamkeit konnte ihn schützen. Langsam, Schritt vor Schritt ging er vorwärts, mit scharfem Blicke das Gebüsche rechts und links vom Wege durchspähend. Aber Nichts regte sich in den Büschen; kein Ton war vernehmbar. So mochte er etwa zehn Minuten gegangen sein, als aus dem Nebel vor ihm ein Gegenstand auftauchte, der sich langsam an der Grabenböschung hin bewegte. Im Näherkommen gewahrte er, daß es ein Pferd war, das friedlich das Gras am Wegrande abfraß.

Jetzt war es unzweifelhaft, daß ein Unglück geschehen war, denn er erkannte einen seiner Braunen, der, des Zaumzeugs ledig, mit nachschleifenden Strängen, die man augenscheinlich zerschnitten hatte, ihn mit leisem Wiehern begrüßte. Das Thier hielt sich dicht an seiner Seite, als er jetzt rascher vorwärts schritt. Es dauerte übrigens nur noch wenige Minuten, bis er erkannte, was geschehen war. Man mußte auf irgend eine Art Kunde erhalten haben von dem, was im Werke war. Man hatte den Wagen überfallen und die Maschinen zertrümmert.




4.

Erst am nächsten Morgen, als die Geschwister sich beim Frühstücke trafen, erzählte Max ausführlicher von den Erlebnissen des letzten Abends, von denen er gestern nur einen kurzen, flüchtigen Bericht gegeben hatte. Beide hatten die Nacht sehr wenig geschlafen. Sie hatten einen Theil derselben am Lager des armen Jantzen zugebracht, den sein Herr besinnungslos neben einem der Wagen hingestreckt gefunden und der erst gegen Morgen unter den Händen des herbeigerufenen Arztes sein Bewußtsein wieder erlangt hatte. Anfangs war er nicht im Stande gewesen, die an ihn gerichteten Fragen über das Geschehene zu beantworten; erst nach und nach hatte sich die Erinnerung bei ihm wieder eingestellt. Und anfangs in wirren Worten, allmählich aber mit größerer Klarheit hatte er einen Bericht gegeben von den Einzelheiten des Ueberfalls. Er hatte ausgesagt, daß er von Männern – er konnte die Zahl derselben nicht genau angeben, schätzte sie aber auf vier oder fünf – welche, um sich unkenntlich zu machen, ihre Gesichter geschwärzt hatten, überfallen und nach kurzem Kampfe besinnungslos niedergestreckt worden sei. Der Führer des zweiten Wagens, den er in Elmsleben gedungen, hatte sich mit seinen Pferden sogleich aus dem Staube gemacht, den Wagen und die Ladung in den Händen der Angreifer zurücklassend.

„Der arme Bursche ist übel zugerichtet,“ sagte Max im Verlaufe seiner Erzählung, „doch giebt der Doctor Hoffnung, ihn in einer oder zwei Wochen wieder auf die Beine zu bringen. Er muß sich wie ein Löwe gewehrt haben, ehe es ihnen gelungen ist, ihn zu Boden zu strecken. Wenigstens legte das Fragment seines schweren Peitschenstiels, das er noch mit krampfhaft festem Griffe gefaßt hielt, als ich ihn fand, Zeugniß von der Wucht der Hiebe ab, die er ausgetheilt. Wer weiß, ob wir nicht durch irgend ein Kennzeichen, das seine Hand den Uebelthätern aufgedrückt, einen Fingerzeig gewinnen werden, wo wir dieselben zu suchen haben.“

„Und wenn Du sie wirklich ausfindig machtest, Deine Maschinen sind doch unrettbar verloren,“ sagte Marie kummervoll. „Und das Böseste ist, daß nach der ersten Gewaltthat jede Sicherheit für uns aufhört. Was einmal geschehen ist, kann und wird sich öfter wiederholen. Wir müssen jetzt auf Alles, auch auf das Aergste, gefaßt sein.

„Nicht, wenn es uns gelingt, die Verbrecher zu ermitteln und dingfest zu machen,“ entgegnete Max. „Das Gesetz ahndet einen derartigen Act brutaler Gewaltthätigkeit mit schwerer Strafe. Wenn ein paar der ärgsten Schreier hart dadurch getroffen werden, so werden die anderen bei Zeiten zu Ruhe, Ordnung und Gesetzlichkeit zurückkehren. Ich werde gleich nach dem Frühstück nach Elmsleben reiten, um Anzeige zu machen und strenge Untersuchung des Geschehenen zu beantragen.“

„Max, laß die Sache ruhen! Durch Dein strenges Vorgehen wirst Du die Gemüther nur noch mehr erbittern.“

„Kannst Du wirklich im Ernste dieses Verlangen an mich stellen, Kind?“ rief er im Tone vorwurfsvollen Erstaunens. „Ich erkenne in Dir kaum mehr meine tapfere, kleine Schwester von ehemals. Hebe den Kopf hoch, Kind! Wir sind in unserem Rechte; Gesetz und Billigkeit sind für uns. Es wäre Schwäche, sich durch widrige Verhältnisse, die sich in Kurzem besser gestalten werden, niederbeugen zu lassen.“

„Ich wünschte, Max, Du könntest die Fabrik verkaufen. Ich sehe hier kein Heil für uns. – O, wenn wir doch zusammen wieder in die Heimath ziehen könnten!“

„Jetzt möchte ich das nicht, selbst wenn ich es ohne Verlust könnte,“ entgegnete er fest. „Ich sollte die Flucht ergreifen, feige das Angefangene im Stiche lassen, weil sich mir Schwierigkeiten in den Weg stellen? Gerade das ist mir der höchste Sporn. Alle meine Kräfte werde ich aufbieten, sie zu überwinden. Du weißt, ich bin eine zähe Natur; wenn jemals, so will ich das jetzt beweisen. Nicht um Fingerbreite gehe ich von meinem Rechte ab; bis zum Aeußersten will ich mich bemühen, daß jede ungesetzliche Handlung unnachsichtig bestraft werde. Sie sollen es schnell genug einsehen, daß sie sich selbst, nicht mich verderben.“

Er hatte seine Mahlzeit beendet und war aufgestanden, als er so sprach. Sie blickte zu ihm auf und gewahrte auf seinem Gesichte den Ausdruck fester Entschlossenheit und selbstbewußter, gesammelter Kraft. Zwar hatten die letzten Wochen Linien der Sorge auf seine ernste, gebietende Stirn gegraben, zwar hatte sein dunkles Haar in letzter Zeit begonnen, an den Schläfen einen leisen silbernen Schimmer anzunehmen, allein fest und ungebeugt stand er da, eine Stütze im Sturm, an welche sie sich – das fühlte sie – mit Zuversicht und Vertrauen lehnen konnte. Auch sie war aufgestanden und an seine Seite getreten. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter und hielt sich mit beiden Händen an seinem Arme fest in einem Gefühle der Schutzbedürftigkeit, das sie noch selten so stark überkommen hatte.

„Wirst Du es überstehen können?“ fragte sie leise. „Jeden Verlust, den Du erleidest, fühle ich mit einer herzbeklemmenden Angst und Pein. Bei jedem neuen Schlage denke ich: nun ist’s zu Ende – das wirft ihn unrettbar zu Boden. Sage mir, Max, ist Dir durch die Zerstörung der Maschinen ein großer Schaden zugefügt worden?“

„Allerdings ist er nicht klein, aber ich werde ihn überstehen,“ antwortete er ruhig. „Mir kommt es zu statten, daß meine beiden Hauptgläubiger ein guter Freund und eine treue Schwester sind. Kayser – Du darfst nicht die Schultern über ihn zucken, wenn er auch zu Zeiten gegen die gefällige, gesellschaftliche Form verstößt – hat mir schon mehr als einmal Beweise seiner großmüthigen, aufrichtigen Freundschaft gegeben. Das berechtigt mich zu der Hoffnung, daß er Geduld üben wird, wenn ich deren bedürfen sollte. Und Du, Marie! Wahrlich ich wäre ein undankbarer Thor, wenn ich pessimistisch in die Welt schauen wollte. Wer eine solche Schwester, so unwandelbare Güte, so goldtreue Liebe sein nennt, wie Du sie mir stets bewiesen, der würde sich einer sündigen Verzagtheit schuldig machen, wenn er nicht an das überwiegend Gute und Schöne im Leben glauben sollte, auch wenn einmal dunkle Wolken sich um ihn zusammenziehen.“

Er hatte mit einer Innigkeit gesprochen, die seinem ruhigen, kühlen Wesen sonst fremd war. Es war selten, daß dergleichen Worte zwischen den Geschwistern gewechselt wurden. Sie wußten, daß sie in jeder Lebenslage auf einander rechnen konnten, aber zärtliche Worte pflegten sie nicht auszutauschen. „Thaten, nicht Worte!“ – lautete Max’ Wahlspruch, und Marie wußte, daß er demselben gemäß handelte.

„Was Du sagst, klingt beruhigend,“ erwiderte sie, „aber dennoch werde ich einer bangen Furcht nicht Herr. Ich kann kaum an Deine ruhige Zuversicht glauben und fürchte, daß Du, um mich zu schonen, mir den Stand der Angelegenheiten verbirgst.“

„Ich wäre leichtsinnig, wenn ich die schwere Verantwortlichkeit meiner Lage nicht mit Sorge empfände, wenn ich auch nur einen Augenblick vergäße, was für uns Alle auf dem Spiele steht,“ entgegnete er. „Glaubst Du, daß es ein Kleines ist, zu [683] wissen, daß mit meinem Fall auch Dein Vermögen unrettbar verloren ist? Aber blicke mir in die Augen, Marie! Sie werden Dir sagen, daß ich nicht lüge, wenn ich Dir die Versicherung gebe: noch darf ich die Hoffnung auf ein glückliches Ende nicht aufgeben. – Sieh, so gänzlich wie jetzt kann der Handel nicht lange darniederliegen; es müssen bessere Zeiten kommen. Die Chancen stehen so, daß ich in einigen Jahren ein wohlhabender, ja ein reicher Mann sein kann – das heißt, wenn sich die Geschäfte heben und ich Gelegenheit zum Absatz für meine Tuche finde. Bis dies geschieht, ist meine Lage allerdings gefährlich, ja ich will es Dir nicht verhehlen: so gefährlich, daß selbst schon das Herausziehen einer geringfügigen Summe aus meinem Geschäfte meinen Sturz herbeiführen würde. Du weißt aber, daß ich dieses Unheil nicht zu fürchten habe. Sei also guten Muthes! Wenn ich zurückkomme, hoffe ich meine muthige, tapfere Schwester wiederzufinden.“

Mit einem warmen Händedrucke verließ er sie. Draußen vor der Treppe wartete schon sein Pferd, das ihn nach Elmsleben tragen sollte. Er war eben im Begriffe, es zu besteigen, als er Kayser eilig die Straße entlang kommen und ihm schon von weitem zuwinken sah.

„Gott sei Dank, daß Sie gesund und wohl sind!“ sagte er, als Max neben ihm an der Gartenmauer auf und nieder schritt. „Nach den Gerüchten, die heute über Sie coursiren, konnte ich dies kaum hoffen. Ich hörte, man hätte Sie schwer verwundet und bewußtlos auf dem Damm gefunden.“

„Das ganze Unglück rcducirt sich auf einige zertrümmerte Maschinen und auf die Beulen, die der arme Jantzen davongetragen hat. Sie sehen, ich bin frisch und gesund und eben im Begriffe nach Elmsleben zu reiten, um mir telegraphisch eine zweite Sendung Maschinen zu bestellen.“

„Solche Neuerungen einzuführen, jetzt, wo irgend eine Kleinigkeit einen offenen Ausbruch veranlassen kann!“

„Man hat mir gedroht, die Arbeiten einzustellen. Sie müssen doch einsehen, daß ich mich von der Willkür meiner Arbeiter unabhängig machen muß. Aber brechen wir von diesem Thema ab – wir werden uns darüber doch nie verständigen.“

„Das glaube ich auch – indessen hören Sie, was ich Ihnen jetzt sagen werde! Sie, bei Ihrer Persönlichkeit, haben Chancen für sich, die, wenn Sie dieselben klug benutzen, Sie mit einem Schlage aller Sorge entheben werden. Ich habe immer die Bemerkung gemacht, daß solche langbeinige, breitschulterige Bursche, noch dazu wenn sie so steifnackig sind und so gleichgültig drein schauen, alle Weiber wie am Schnürchen hinter sich herziehen.“

„Lassen Sie mich in Ruhe! Die Zeiten sind auch danach angethan, an solche Thorheiten zu denken!“ entgegnete Max ungeduldig und wollte sein Pferd besteigen.

„Nun,“ fuhr Kayser fort, „thun Sie die Augen auf! Wenn Sie der gescheidte Bursche sind, für den ich Sie halte, so werden Sie mich verstehen. Ich setze natürlich voraus, daß Sie die Zeiten der Jugendthorheiten, wo man an Liebe, Sympathie und ein vollkommenes Glück in der Ehe glaubt, bereits hinter sich haben.“

„Sie haben Recht; mit meinen dreiunddreißig Jahren habe ich genug von der Welt gesehen, um an nichts Vollkommenes mehr zu glauben.“

„Gut! Und wenn Sie diese Ihre Erfahrung vor allen Dingen auf die Frauen anwenden, so wird Sie das vor allen Illusionen bewahren. Je weniger Sie deren aber in die Ehe mitbringen, desto besser für Sie!“

„Wenn Sie, wie ich dunkel ahne, die Absicht haben, mich zu verheirathen, so schlagen Sie einen ganz absonderlichen Weg ein,“ sagte Reinhard lächelnd. „Aber jetzt muß ich reiten.“

„Noch Eines! Wahrheit ist immer gut, lieber Freund. Und deshalb will ich Ihnen reinen Wein einschenken, und zwar auf dem Gebiete, wo Ihnen eine klare Einsicht am meisten noththut. Also: ein hübsches Gut, das eine Familie nicht allein anständig, sondern luxuriös nähren kann, und hunderttausend Thaler Baarvermögen, nicht zu gedenken der Ersparnisse, die während ihrer Minderjährigkeit gemacht worden sind –“

„Ein niedliches Vermögen,“ sagte Reinhard, „– wenn es aber das Einzige ist, was Sie mir zu rühmen wissen, so –“

„Pah,“ unterbrach ihn Kayser, „die Mitgift ist das einzige Werthvolle, das Sie durch eine Heirath erlangen können. Wählen Sie nie eine anerkannte Schönheit, auch wenn sie Ihnen noch so anmuthig, liebreizend, und wie der Unsinn sonst heißen mag, erscheint! Sie bezahlen das unfehlbar mit Täuschung und Herzeleid.“

„Ob sie Anderen für schön gilt, das sollte mir gleichgültig sein – aber das weiß ich: sie müßte meinen Augen gefallen. Jung, frisch, sanft und lieblich müßte sie sein. Nach dem lächelnden Willkommensgruße ihres Mundes müßte ich mich sehnen, wenn ich fern von ihr bin; meinen Sinnen und meinem Herzen müßte ihre Nähe wohlthun.“

„Sie thun mir leid, mein Junge.“

„Eine Frau heirathen, für welche Nichts in mir spricht, zu welcher kein Gefühl der Sympathie mich hinzieht – das könnte ich nicht, auch wenn ihr Vermögen mich vom finanziellen Ruin rettete.“

„Nun, ich verlange ja vorläufig Nichts von Ihnen, als daß Sie sehen und prüfen,“ rief Kayser ungeduldig. „Ich bilde mir ein, daß gerade Sie der geeignete Mann sind, in der Ehe manche Uebelstände abzustellen, manche Ecken abzuschleifen. Sie sehen aus, als ob Sie selbst des Teufels Großmutter zu einer fügsamen Frau machen könnten.“

„Bin ich ein Schulmeister? Lassen Sie mich reiten, Kayser – ich will keine Frau, bei der es Uebelstände und Ecken giebt.“

„Aber so hören Sie doch, Sie eigensinniger Bursche! Ich kann kein Wort sprechen, das Sie nicht mißdeuten. – Vielleicht ist sie nicht ganz das Genre, das Sie sich zu Ihrem Ideal erkoren haben, vielleicht etwas querköpfig, etwas hitzig, etwas launenhaft. Aber im Grunde ist sie doch ein gutes Kind, und wenn sie einen Mann fände, der es verstände, ihr den Daumen auf’s Auge zu drücken –“

„Ich muß nach Elmsleben, Kayser. Leben Sie wohl! Ich habe keine Zeit zu verlieren.“

„So reiten Sie zum Teufel, Sie undankbarer Bursche! Ich werde meinen Kopf nie wieder mit Ihren Angelegenheiten beschweren.“

Max bestieg lachend sein Pferd und ritt die Straße nach der Stadt entlang, während Kayser brummend die Stufen der Freitreppe erstieg. Oben angelangt, blieb er stehen, um mit seinem Taschentuche sich den Staub von den Stiefeln zu klopfen. Dann streckte er seine stattliche Gestalt zu ihrer vollen Höhe empor, rückte seine Weste zurecht und setzte den blanken Klingelgriff in Bewegung.




5.

Es vergingen nur wenige Minuten, bis Herrn Kayser geöffnet wurde, aber die Zeit reichte doch hin, eine Wandlung in seiner Stimmung hervorzubringen. Der halb wirklich empfundene, halb nur erheuchelte Unwille über Max’s Weigerung verflog und machte einer leichten Beklommenheit Platz. Er fragte sich, wie ihn Marie nach dem Scharmützel des gestrigen Abends heute empfangen würde. Er wußte, daß sie Ausfälle gegen ihr Geschlecht nicht leicht vergab, und hatte schon die Erfahrung gemacht, daß sie ihn tagelang sehr kühl behandelt hatte, ja, daß sie nach solchen Scenen längere Zeit hindurch ganz unsichtbar geblieben war. Und doch war es ihm heute mehr als je darum zu thun, Frieden mit ihr zu machen.

Er hatte heute ein Anliegen an sie, für welches er nicht nur eine Gewährung – er war im Grunde überzeugt, eine solche zu finden – sondern auch ein freudiges, herzliches, rückhaltloses Entgegenkommen wünschte. Er mußte sich also – das sah er ein – zu einer kleinen Entschuldigung bequemen, die ihm um so schwerer wurde, als er seit manchem Jahre nur mit Personen in untergeordneter Stellung in näherem Verkehr gestanden hatte, für die sein Wille Gesetz und seine Laune ein unabänderliches Fatum gewesen war. Aber er war entschlossen, sich in diesem Falle einen kleinen Zwang aufzulegen, denn nicht allein, daß für ihn selbst die Geschwister Reinhard der nächste, liebste und angenehmste Umgang waren – auch für seine junge Nichte, die gestern Abend angekommen war, wünschte er eine nähere Bekanntschaft mit Marie anzubahnen. Sie sollte – so wünschte er – dem jungen Mädchen freundlich entgegenkommen. Er machte es sich nicht klar, daß in diesem Wunsche bereits eine Inconsequenz lag. Erst vor wenigen Tagen hatte er ihr geschrieben und in ihr Kommen nur unter der Bedingung gewilligt, daß sie auf jeden Umgang und jede Zerstreuung verzichte [684] und die ihm zum Bedürfniß gewordene Ruhe seines Haushaltes in keiner Weise störe. Noch bis gestern hatte der Entschluß fest in ihm gestanden, das junge Mädchen lediglich auf den Verkehr mit seiner alten Haushälterin als der für ihre körperliche Pflege geeignetsten Person zu beschränken. Seitdem aber war ihm doch ein Bedenken aufgestiegen, ob dieser Entschluß durchführbar sein würde. Das junge Fräulein hatte bei aller Bescheidenheit ihres Auftretens ein Etwas in ihrem Wesen, welches Rücksicht verlangte, welches ihn gezwungen hatte, an seine hochgebildete Nachbarin als an einen passenden Umgang für sie zu denken.

So war es gekommen, daß er jetzt Mariens zierlichem Hausmädchen gegenüberstand, und auf ihre Weisung, er werde das Fräulein entweder im Garten oder im Saale finden, langsam in Reinhard’s Stube, die erste in der Reihe, eintrat. Er fand die Thür, welche zum Gartensaale führte, halb geöffnet, aber in beiden Zimmern war die Gesuchte nicht zu sehen. Als auch sein leises Klopfen keine Erwiderung fand, glaubte er sie im Garten suchen zu müssen, und hatte den Saal in dieser Absicht schon halb durchschritten, als er plötzlich stehen blieb. Ein kleines Zimmer neben dem Saale, das Marie als ihr ausschließliches Eigenthum betrachtete, wo sie malte, schrieb und dachte, war geöffnet, sodaß Kayser es von seinem Standpunkte aus überblicken konnte. Die Inhaberin hatte sich – so schien es wenigstens dem Beobachter – in Erinnerungen vertieft. Ein Kästchen, dem sie verschiedene Schmuckgegenstände entnommen hatte, stand neben ihr, und als ob[1] beim Anblicke dieser Dinge überstandene Schmerzen und Leiden noch einmal in ihr lebendig geworden waren, stand sie mit gesenktem Haupte da, beide Hände auf die Tischplatte gestützt; ihr ganzer Körper erbebte unter heftigem, aber lautlosem Weinen.

Es wäre für Kayser eine schwierige Aufgabe gewesen, von seinen Gefühlen bei diesem Anblicke Rechenschaft abzulegen. Das Erste, was ihn überkam, war ein unbegrenztes Staunen, hier, wo er stets eine unwandelbare, kühle Ruhe, eine gleichmäßige, nicht zu erschütternde Sammlung gefunden hatte, auf einen so leidenschaftlichen Schmerzausbruch zu stoßen. Mariens Gleichmuth hatte ihn oft geärgert und den Wunsch in ihm erzeugt, sie einmal außer Fassung zu sehen. Er hatte nie eine Gelegenheit, sie zu reizen, vorübergehen lassen, ohne doch jemals recht zu seinem Zwecke gelangt zu sein. Der Anblick, der sich ihm jetzt darbot, hätte ihn also eigentlich mit stiller Befriedigung erfüllen müssen – aber in dem tiefen und doch so tapfer getragenen Kummer des Mädchens lag etwas so Ergreifendes, daß eine derartige Empfindung nicht in ihm aufkam. Er fühlte im Gegentheil ein tiefes Mitleid, wie er sich dessen selbst kaum für fähig gehalten hatte. Es hatte eine Zeit in seinem Leben gegeben, wo er es gelernt, sich gegen Weiberthränen zu verhärten. Er hatte sie so oft und bei so geringfügigen Veranlassungen fließen gesehen, daß er sich für ganz und gar abgehärtet gegen sie gehalten hatte. Hier aber – das sah er – wurden sie um keines kleinen Kummers willen vergossen.

Einige Minuten lang stand er rathlos da. Dann kam ihm plötzlich die Erkenntniß, daß er Marie in dieser Situation nicht überraschen dürfe. Eben wollte er mit aller Vorsicht und Discretion seinen Rückzug bewerkstelligen, als Marie, durch ein leises Geräusch aufmerksam gemacht, sich umwandte und mit unverkennbarem Schrecken ihn erkannte. Sie faßte sich jedoch schnell, trocknete ihre Thränen und trat ihm einige Schritte entgegen. Sekundenlang standen sie sich schweigend gegenüber. Dann sagte Kayser mit einer Stimme, deren zarter, schüchterner Ton seinem eigenen Ohre fremd und überraschend klang:

„Verzeihen Sie, daß ich hier eingedrungen bin! Ich konnte nicht wissen, wie störend ich Ihnen komme. – Es war vornehmlich die Sorge um Ihren Bruder, die mich hergetrieben hat, und der Wunsch, ihm nützlich sein zu können in dem Ungemache, das ihn betroffen.“

„Wir Beide wissen Ihre uneigennützige Freundschaft wohl zu schätzen, Herr Kayser,“ sagte Marie mit etwas unsicherer Stimme.

„Ich wünschte, Sie gäben mir Gelegenheit, Ihnen dieselbe durch die That zu beweisen,“ entgegnete er, ohne sich von der Stelle zu bewegen. „Bei Ihrem Bruder wüßte ich allenfalls, wo ich anzugreifen habe, um ihm zu helfen – aber Ihnen, Fräulein Marie, Ihnen, die, wie ich fürchte, mit Schatten der Vergangenheit kämpft und die, wie der Augenschein lehrt“ – er deutete auf die Gegenstände, mit welchen Marie sich beschäftigt hatte – „an den Sorgen der Gegenwart nicht genug hat, sondern durch einen ganz unverzeihlichen Reliquiendienst schmerzlichsüße Erinnerungen vergangener Tage wieder lebendig zu machen scheint – Ihnen stehe ich ganz hülf- und rathlos gegenüber.“

Er hatte ruhig zu sprechen begonnen, aber im Verlaufe seiner Rede hatte sich seiner eine zornige Erregung bemächtigt. Ein eifersüchtiger Groll gegen den Gegenstand jener schmerzlich-süßen Erinnerungen, die er bei Marie voraussetzte, regte sich in seinem Herzen und vibrirte in seiner Stimme. Er schien plötzlich vergessen zu haben, daß er sich selbst als anspruchslosen, hülfsbereiten Freund angekündigt hatte – wie ein Beleidigter, fast wie ein Ankläger stand er ihr gegenüber.

„ Sie sind im Irrthume, mein Herr,“ sagte Marie, die sich durch seinen Zorn seltsam eingeschüchtert fühlte, „meine Thränen gelten keinem alten Kummer – es ist ein neuer, der mich heimgesucht hat!“

„Bezieht er sich auf Ihren Bruder, oder ist er etwa so zarter Natur, daß er mir nicht anvertraut werden kann?“ fragte er mit mißtrauischem Grollen.

In Marie wollte sich bei diesem rücksichtslosen Inquiriren ein Gefühl gekränkten Stolzes regen. Aber als sie ihn anblickte, lag auf seinem Gesichte so deutlich der Ausdruck gespannter Erwartung und fast ängstlicher Theilnahme, daß sie beschloß, ihm ihr Vertrauen zu schenken.

„Ich habe einen Brief von Richard, meinem jüngeren Bruder, erhalten,“ sagte sie, „einen Brief, der mich in große Angst und Sorge versetzt hat. Sie können es nicht wissen,“ fuhr sie fort, während ihre Stimme vor unterdrückter Bewegung zitterte und sich wieder Thränen in ihren Augen sammelten – „Sie können nicht wissen, welch ein Sorgenkind Richard seit seiner frühesten Kindheit für mich gewesen ist. Er ist mehrere Jahre jünger als ich, und da wir die Eltern frühe verloren, habe ich ihn groß gezogen und mehr wie eine Mutter, als wie eine Schwester für ihn gefühlt. – Wie stolz war ich auf ihn, als er zu einem schönen, kräftigen, lebensfrischen jungen Manne heranwuchs! Und wenn ich mit ihm über die Straße ging, und die Blicke aller Vorübergehenden bewundernd auf ihm ruhen sah, dann vergaß ich, daß meine eigene Jugend hinging, daß die Jahre, die ihn zum Ideal jugendlicher Mannesschönheit reiften, mich alt und einsam machten.“

Ihre Stimme brach in Schluchzen, und sie wandte sich ab und verhüllte ihr Gesicht. In Kayser’s Mienenspiel ging während dessen eine auffallende Veränderung vor. Je reichlicher Mariens Thränen flossen, desto mehr verschwanden die Wolken von seiner Stirn, und als ihre schmerzliche Bewegung sie am Weitersprechen hinderte, ging sogar ein Lächeln über sein Angesicht. Mit der Miene eines Mannes, der es sich behaglich und heimisch machen will, legte er Hut und Stock bei Seite und rieb sich vergnügt die Hände.

„So,“ sagte er, „jetzt bin ich auf dem Laufenden. Jetzt weiß ich, um was es sich handelt. – Mit der Gegenwart will ich einen Kampf aufnehmen, aber vor den Schemen der Vergangenheit hätte ich Reißaus genommen. Ihr Bruder ist Officier, hübsch, elegant, leichtlebig – wie? Er hat Schulden gemacht, flott gelebt, bis es nicht weiter ging – ist es so? Und nun soll die Schwester helfen oder es steht Cassation oder doch so Etwas zu erwarten – he?“ [711] „Urtheilen Sie nicht zu streng, Herr Kayser,“ sagte Marie, „wenn Sie meinen jüngern Bruder kennten, würden auch Sie ihn lieb haben. Jedermann hat ihn lieb, Cameraden wie Vorgesetzte. Nach dem Kriege wurde er in ein anderes Regiment versetzt, in welchem nur reiche junge Männer dienen. Max warnte, aber er war so froh und hoffnungsvoll und versprach nicht über seine Kräfte zu gehen. Nun ist er doch schwach gewesen, der arme Junge. Er streckt die Hand nach Hülfe aus, und ich kann den Einen nicht retten, ohne den Anderen zu ruiniren.“

„Trocknen Sie Ihre Thränen, Fräulein Marie! Wir wollen schon Mittel finden, Beiden zu helfen. Aber zur Sache! Kurz und rund: wieviel beträgt’s?“

„Es ist eine große Summe, Herr Kayser,“ entgegnete Marie, an ihren Schreibtisch tretend und unter ihren Papieren suchend, „ich habe alle meine Schmucksachen zusammengelegt – es sind einige werthvolle Sachen von meiner Mutter darunter – aber wenn ich auch Alles zu Gelde machte, es würde doch kaum den vierten Theil der Summe bringen, die ich brauche. Da ist der Brief. Wollen Sie ihn lesen, Herr Kayser?“

Kayser überflog nur flüchtig das Schreiben, während Marie mit angstvoll zusammengepreßten Händen vor ihm stand und ihm in’s Gesicht schaute. Bei der verhängnißvollen Stelle zogen sich zwar seine Augenbrauen etwas in die Höhe, aber sein Auge blickte dennoch unumwölkt, als er den Brief zusammenfaltete und zurückgab.

„Schauen Sie nicht so angstvoll drein!“ sagte er; „die Sache ist nicht ganz so schlimm, wie sie aussieht. Die Schulden übersteigen allerdings um ein gut Theil die Summe, die er noch im Geschäft des Bruders hat. Seine Angaben hierüber sind doch richtig – kann ich mich auf sein Wort verlassen?“

„Er hat nie gelogen – er ist ein ehrlicher, offenherziger Bursche. Aber sein Rettungsplan beruht auf ganz falschen Voraussetzungen. Selbst wenn er eine kleinere Summe brauchte, so würde Max ihm jetzt nicht helfen können, denn wer wird zu einer Zeit, wo Alles schwankt, diesem ein so großes Capital vorstrecken auf ein so unsicheres Object, wie heute die Fabrik ist? Und noch dazu, wenn ein Fremder – ein verhaßter Preuße der Besitzer ist?“

„Wer? fragen Sie? Nun, wir wollen den Mann schon finden. Kommen Sie, Fräulein Marie! Setzen Sie sich mir gegenüber und lassen Sie uns berathen, wie Ihrem Bruder zu helfen ist! Allerdings werden Sie mir Recht geben müssen, wenn ich Ihnen sage, daß dieser Bruder Leichtfuß nicht der Mann ist, der einem Geschäftsmanne Sicherheit zu gewähren im Stande ist. Aber neben ihm steht sein Bruder, und der ist ein Ehrenmann, dem ich ungezählt meine ganze Habe anvertrauen würde – und für ihn steht ferner seine Schwester ein, und die ist mir sicher für Tausende. Aber um des Himmels willen nur keine Thränen! Bei Geschäften muß man alle Sentimentalität zu Hause lassen. Ruhiges Blut und offene Augen – heißt es da. – So! so ist’s recht; jetzt bin ich mit Ihnen zufrieden. – Und nun will ich Ihnen sagen, welchen Ausweg ich Ihnen vorschlagen möchte. Sie werden dadurch allerdings meine Schuldnerin, aber ich hoffe, Sie haben genug Vertrauen zu mir, um davor nicht zurückzuschrecken.“ – –

Als Kayser nach Verlauf einer Stunde das Haus verließ, blieb Marie getröstet und beruhigt zurück. Sie hatte die Gewißheit erhalten, daß ihrem jüngeren Bruder geholfen werden würde ohne Schädigung des älteren. Ihre Dankbarkeit dafür mußte sie ihrem Gaste wohl sehr lebhaft ausgesprochen haben. Er zeigte wenigstens, als er die Straße entlang schritt, eine sehr zufriedene Miene, und in ihm lebte die Ueberzeugung, daß er ohne ein allzu großes Risico – denn er hielt sich überzeugt, daß Max, wenn er nur wollte, eine reiche Partie machen könne – ein Geschäft eingeleitet hatte, welches ihn der Ausführung seines Planes um ein gutes Theil näher zu bringen versprach.



6.

Die Morgensonne eines der nächsten Tage schien hell und freundlich in ein Zimmer, dessen zwei Fensterthüren sich auf einen Garten öffneten, der in reichem, sommerlichem Blumenschmuck prangte. Helle Kieswege, glatt und fest wie Marmor, schlängelten sich durch wohlgepflegte Rasenplätze, von deren sammetnem Grün bunte Teppichbeete sich effectvoll abhoben. Schöne Laubgruppen erhoben sich dahinter und zogen sich anmuthig, ein schattiges Wäldchen bildend, einen Bergabhang hinan.

Das Zimmer, welches diesen Ausblick gewährte, war ein hohes, schönes Gemach, das letzte in einer Reihe anderer, von welchen jedes durch die Eleganz und den Geschmack seiner Einrichtung von dem Reichthume und dem Kunstsinne der Besitzerin zeugte. Nirgends indessen wurde das Auge durch eine geflissentliche Zurschaustellung des Reichthums beleidigt – Tapeten, Möbel und Teppiche, obgleich augenscheinlich ohne Rücksicht auf Kosten gewählt, waren in so matten, schlichten Farbentönen gehalten, daß sie sich dem Auge nicht störend aufdrängten. Sie gewährten dem Blicke des Beschauers Muße, auf den vielfachen Kunstgegenständen zu ruhen, welche, mit sichtlicher Vorliebe und feinem Verständniß geordnet, die Zimmer schmückten. Für die Gemälde, die zwar nicht in großer Menge vorhanden waren, aber einen hohen künstlerischen Werth besaßen, hatte man sorgfältig das richtige Licht gewählt; anmuthige Marmorgruppen schauten aus einem Dickicht dunkeler, ausländischer Blattpflanzen hervor, und Mappen und Albums mit werthvollen Radirungen und Photographien alter Meister lagen wohlgeordnet auf Tischen und Etagèren.

Ein harmonisches Ganzes mit diesen Gegenständen bildete der Anzug der jungen Dame, welche, aus dem Garten kommend, die Stufen der Treppe emporstieg. Freilich hätte eine strenge Toilettenkritikerin das schwere, dunkele Seidenkleid, das sich, der Mode des Tages gemäß, knapp dem Körper des Mädchens anschmiegte und in langer Schleppe hinter ihr herrauschte, für unpassend erklärt, sowohl für das jugendliche Alter der Trägerin, wie für den warmen, sommerlichen Tag. Aber sie hätte dennoch zugestehen müssen, daß, was Farbe und Schnitt anbelangte, Paula von Contagne kaum eine kleidsamere Tracht hätte wählen können. Das enganschließende Gewand offenbarte so schlanke, ebenmäßige Formen, und seine tiefe Purpurfarbe hob die klare, bräunliche Gesichtsfarbe der jungen Erbin und ihr kurzes, dunkeles Gelock so vortheilhaft hervor, daß selbst manche strenge Sittenrichterin, die in dieser Kleidung etwas Uebermodernes hätte wittern können, dadurch versöhnt worden wäre.

Das junge Mädchen hatte mit leichtem, festem Tritt, einen großen, schönen Leonberger Hund hinter sich, die Treppe erstiegen und blieb einige Augenblicke lauschend an der Thür stehen. Ein leichtes, ungeduldiges Lächeln spielte um ihre Lippen, und [712] eine kleine Falte bildete sich zwischen ihren Brauen, als sie ihre Blicke auf einer ältlichen Dame ruhen ließ, die ohne Ahnung, daß man sie beobachtete, gebeugt vor einem Teleskope stand, durch welches sie angelegentlich in die Gegend hinausblickte. Sie war von dem, was sie erschaute, augenscheinlich nicht recht befriedigt. Mehrmals richtete sie sich mit allen Zeichen einer starken Mißbilligung empor, um dann immer wieder von Neuem ihre Beobachtung aufzunehmen. So sehr war sie in dieselbe vertieft, daß sie den Schritt nicht hörte, der sich ihr näherte. Erst als eine kleine, feste Hand sich auf ihre Schulter legte, fuhr sie erschreckt empor und blickte verwirrt um sich.

„Guten Morgen Tante!“ sagte das junge Mädchen, während sie sich herabbeugte, um die Wange der Erschrockenen zu küssen. „Ich sehe mit Vergnügen, daß Du Dich heute derselben Beschäftigung hingiebst, die Du gestern bei mir so unaussprechlich lächerlich fandest. – Nun? ist mein neues Teleskop nicht ein treffliches Instrument? Ich glaube, man könnte damit die Thürme von Straßburg sehen, wenn die Höhen von Elmsleben sich nicht dazwischen schöben.“

„Vraiment, mon enfant!“ setzte die Alte die Conversation in ihrer Muttersprache fort, und ein gewisser gereizter Ton mischte sich in ihr feines Französisch, „Vraiment, es gewährt Einblick in die Nähe und Ferne. – Mir hat es auch die Augen geöffnet. Ich sehe heute ganz klar, weshalb die Dampfschlöte von Elmsleben, die Du bisher stets so widerwärtig gefunden hast, auf einmal von so großem Interesse für Dich sind.“

Sie hatte in sichtlicher Erregung gesprochen und schloß ihre Worte mit einem ärgerlichen Kopfnicken. Dann wandte sie sich der Thür zu, um das Zimmer zu verlassen, kehrte aber, als ihre Nichte keine Miene machte, sie zurückzuhalten, auf halbem Wege wieder um.

„Ich habe es immer gesagt: in Dir ist kein Funke nationalen Stolzes. Das ganze Land, die ganze Bevölkerung, hoch und niedrig, vereinigt sich, den frechen Eindringlingen, den rohen Barbaren ihren Haß und ihre Verachtung fühlbar zu machen – nur Du, Du allein kommst ihnen mit offenen Armen entgegen. – Schon in Baden hat es unseren Unwillen erregt, wenn wir sehen mußten, wie diese preußischen Officiere, diese steifen, ungelenken Pickelhauben Deine liebsten Tänzer waren, wie Du sie Deinen Landsleuten, selbst Deinem Vetter Charles vorzogest. Glaubst Du, daß wir so einfältig waren, nicht den Grund zu errathen, weshalb Du uns vor drei Wochen so plötzlich im Stiche ließest? Glaubst Du, wir sahen nicht ein, daß Dir Baden nur deshalb auf einmal so unerträglich und Deine Sehnsucht nach Deiner Freundin so groß geworden war, weil ihr Gut dicht bei Straßburg liegt, wo Du die angeknüpften Liebeleien mit diesen Preußen ungestört fortsetzen konntest?“

Das Gesicht des jungen Mädchens, welches bis dahin sein ruhiges Lächeln bewahrt hatte, wurde bei dieser Anschuldigung von einer leichten Röthe überflogen. Mit stolz erhobenem Haupte trat sie ihrer Tante näher und unterbrach sie in der Fortsetzung ihrer Rede.

„Du vergißt, daß es die Tochter Deines Bruders ist, welche Du durch Deine unwahren und ungerechten Anschuldigungen beleidigst,“ sagte sie unwillig. „So lange sich Deine Vorwürfe gegen das wenden, was Du meinen Mangel an Patriotismus nennst – so lange kann ich lachen. Wenn Du aber beginnst, meine Sittlichkeit und meinen Charakter anzugreifen, dann hat meine Geduld ein Ende. – Freilich,“ fuhr sie nach einer Pause fort, und wieder erschien das leise spöttische Lächeln auf ihren Lippen – „freilich weiß ich wohl, daß die Schuld Dich nur zur Hälfte trifft. Ich kenne den Einfluß, der Dich antreibt, meine Schritte zu bespähen und meinem Thun stets die schlechtesten, niedrigsten Motive unterzulegen. Ich weiß, daß Du Dir trotz Deiner fünfundfünfzig Jahre noch niemals ein eigenes Urtheil gebildet hast – daß Du Dir Deine Ansichten, Deinen Geschmack und Dein Thun stets von Anderen vorschreiben läßt. – Aber trotzdem –“

„Ich bin es gewöhnt, von Dir als eine einfältige alte Person behandelt zu werden, die nicht im Stande ist, selbstständig zu denken und zu urtheilen,“ fiel die Tante ihr in ärgerlichem Tone in's Wort. „Zwar weiß ich, daß ich an Geist und Energie weit hinter meiner Schwester Clemence zurückstehe, aber so dumm bin ich denn doch nicht, daß ich aus gewissen Folgen nicht auf die Ursachen zurückschließen könnte. Glaubst Du, es ist mir nicht gestern schon aufgefallen, daß Du mit ganz ungewöhnlicher Freundlichkeit jenem preußischen Abenteurer entgegengekommen bist, der sich hier unter uns niedergelassen hat? – Willst Du es leugnen, daß der kleine Dienst, welchen er uns leistete, durchaus nicht des Aufhebens werth war, welches Du davon machtest – leugnen, daß Du freundlicher und achtungsvoller zu ihm sprachst, als jemals zu Deinem eigenen, leiblichen Vetter, dem armen Charles?“

„Leugnen?“ fragte das junge Mädchen stolz. „Weshalb sollte ich irgend eine meiner Handlungen leugnen? Ich bin bereit, jede vor der ganzen Welt zu vertreten. Und deshalb mache ich kein Hehl daraus, daß ich gesonnen bin, unserm neuen Nachbar jede Freundlichkeit zu erweisen, die in meinen Kräften steht, jeden Dienst zu leisten, den ich ihm zu leisten im Stande bin. Denn abgesehen davon, daß er einer Nation angehört, für welche ich warme Sympathien hege, so hat auch Alles, was ich von dem Manne gehört habe, mir eine aufrichtige Achtung eingeflößt, und seine bedeutende Persönlichkeit und die feste, kraftvolle Männlichkeit seines Wesens einen sehr angenehmen Eindruck auf mich hervorgebracht. Du darfst nicht die Hände zusammenschlagen, Tante, und die Augen gen Himmel richten – ich weiß sehr wohl, was ich spreche, und finde daran gar nichts Unstatthaftes, daß ich Dir noch ferner gestehen will, wie mir der Mann schon ganz außerordentlich gefallen hat, als ich ihn von den Fenstern unseres Coupés aus die Landstraße entlang reiten sah. Ich wußte nicht, wer er war, aber seine ganze Erscheinung, die Art wie er zu Pferde saß und seinen muthigen Braunen zügelte, sein ernstes Gesicht und die aufrechte Haltung seines Hauptes – dies Alles paßte so gut zu dem Bilde, das ich mir von ihm gemacht hatte, daß ich aufrichtig wünschte, in ihm unsern neuen Nachbar zu finden. Und als er uns später seinen Namen nannte, nachdem er uns so ritterlich zu Hülfe gekommen war und unsere unbändigen Pferde mit so kräftiger Hand zum Stehen gebracht hatte – war es da nicht natürlich, daß ich mich über die Erfüllung meines Wunsches freute und die feste Hand freundlich schüttelte, die mir einen so wesentlichen Dienst geleistet hatte? – Ich muß gestehen, Tante, ich fand dies so selbstverständlich, daß ich mich wunderte, als Du Deine Dankesworte ihm so knapp zumaßest.“

„Ich bin eben älter und kaltblütiger als Du, mein Kind, und lasse mir durch einen hoch getragenen Kopf und eine lange Gestalt nicht so leicht imponiren. Kannst Du es mir übrigens verdenken, Paula, daß Deine preußischen Sympathien mich ängstlich und sorgenvoll machen? Du kennst die Ansichten unserer Familie. Du weißt, welche Wünsche man in Betreff Deiner hegt. Nun denke Dir meinen Schreck, als ich, da ich Dich hier aufsuchen will und nicht finde, einen Blick in das Teleskop werfe. Da steht die Fabrik dieses Preußen vor mir, so nahe, als sollte ich sie greifen. Da sehe ich den Fabrikhof, die hohen Essen der Spinnerei, den Garten und dahinter das Wohnhaus mit dem Balcon und dem Zeltdache darüber. Ich frage Dich, soll mich das nicht erschrecken?“

„Ich weiß nicht, was daran zu erschrecken ist, Tante. Das Alles sieht sehr gut, sehr wohlerhalten und sehr stattlich aus. Und ohne Zweifel hätte es Dir noch besser gefallen, wenn es Dir gleich mir gelungen wäre, den Besitzer zu erschauen. Denn,“ fuhr sie nach einer Pause fort, und ein Lächeln zog über ihr Gesicht, „Du hast einen viel zu feinen, scharfen Blick und einen zu guten Geschmack, um nicht auch Wohlgefallen an unserem neuen Nachbar zu finden.“

„Niemals, Paula, niemals! Ich kann diese steifnackigen Preußen nicht leiden.“

„Du sprichst das nach, weil Tante Clementine es Dir vorgesprochen hat,“ entgegnete die Nichte überredend. „Ich kenne Dich zu gut, um nicht zu wissen, daß ein männlicher Mann Dir auch besser gefällt, als solch ein zierliches Püppchen, wie Vetter Charles oder die Herrchen, mit denen er uns in Baden bekannt machte. Sieh, das gefällt mir an unserem preußischen Nachbarn am besten, daß jede seiner Bewegungen ihn als ganzen und wahren Mann kennzeichnet. Seiner starken Hand merkt man an, daß sie das, was sie ergriffen, auch festzuhalten versteht.“

„Du hast gestern eine ungemein scharfe Beobachtungsgabe entwickelt, Kind! Von allen den Vorzügen, die Du mir da [714] rühmst, habe ich nichts entdecken können, ein Beweis, daß Deine Phantasie Dir wieder einen Streich gespielt hat. Es geschieht Dir das oft, und daher kommt es, daß Deine Bewunderung nie lange Stand hält. Ich hoffe, sie wird auch dieses Mal schnell genug verfliegen.“

„Hoffe das nicht, Tante Siddy! Dieses Mal wird meiner Bewunderung keine Ernüchterung folgen. Du sollst es erleben, daß ich meinem stattlichen Preußen unwandelbare Treue bewahre?“

„Das würde mir Deinetwegen Sorgen machen, Paula,“ erwiderte Fräulein Sidonie.

„Natürlich, Tante, denn wann hättest Du Dir nicht Sorge gemacht? Heute bejammerst Du meine Flatterhaftigkeit und morgen meine Ausdauer. Wann wirst Du doch aufhören, Kummer und Herzeleid über Deine ungerathene Nichte zu fühlen?“

„Wahrscheinlich erst dann, wenn ich Dich glücklich im Hafen sehe und mein schwieriges Amt auf die Schultern eines Anderen abwälzen kann.“

„Nun denn, Tantchen, freue Dich! Ich will Dir vertrauen, daß Du diesem Ziele nie näher gewesen bist, als eben jetzt.“

„Paula, ich warne Dich – rede solche Thorheiten auch selbst im Scherze nicht! – oder solltest Du Dich mit Charles verständigt haben?“

„Meine Schuld ist es nicht, daß er mich nicht schon lange verstanden hat; ich habe es an Deutlichkeit nicht fehlen lassen.“

„Du hast ihn in der That schlecht genug behandelt. Ich, an seiner Stelle, hätte mir das nicht gefallen lassen.“

„Ich auch nicht, Tante!“

„Er hat eben dadurch seine große Gutmüthigkeit und seine Liebe zu Dir bewiesen.“

„Liebe, Gutmüthigkeit!“ rief Paula mit einem verächtlichen Zucken ihres hübschen Mundes, „sage lieber: Habsucht und Feigheit! Wenn er ein Mann wäre, so hätte er mir schon lange stolz den Rücken kehren und seiner Wege gehen müssen.“

„Er harrt aus, weil er Dich liebt, Kind.“

„Tante, Du sprichst Dinge, die Du selbst nicht glaubst, die Dir Tante Clemence vorgesprochen hat. Du weißt es ebenso gut wie ich, daß er nicht mich, sondern nur mein Geld liebt. Fort mit ihm! Ich mag ihn nicht. Ich möchte ihn nicht zum Manne haben, auch wenn er der Einzige seines Geschlechts auf der Welt wäre.“

„Gott im Himmel, Paula, was soll daraus werden? O, ich sehe schreckliche Zeiten voraus.“

Tante Sidonie, welche während dieses Gespräches unruhig im Zimmer auf und nieder gegangen war, blieb jetzt vor ihrer Nichte stehen und blickte ihr kummervoll in’s Gesicht. Ihre rathlose Miene und die ängstliche, nervöse Hast ihrer Bewegungen standen in seltsamem Contrast zu dem heiteren, zuversichtlichen Lächeln auf dem Antlitze der hübschen Nichte und der ruhigen Sicherheit ihrer Haltung. Sie hatte sich einen Sessel an das Teleskop gerückt und von Zeit zu Zeit mit sichtlichem Interesse hineingeblickt.

„Sorge Dich nicht, Tantchen!“ sagte sie jetzt, ihren Kopf wieder emporhebend und mit beruhigendem Lächeln zu ihrer Tante hinüberblickend. „Du siehst ja, wie ruhig und zuversichtlich ich bin. Ende dieses Jahres werde ich majorenn, das heißt so viel als: meine Person wird dann von der Bevormundung der Tante Clemence und mein Vermögen von der Verwaltung des Herrn Kayser frei. Dann heißt es: Es lebe die Freiheit!“

„O, daß ich Dich so sprechen hören muß! – Und was gedenkst Du denn mit Deiner Freiheit anzufangen? Willst Du etwa den langen Preußen heirathen?“

„Setzen wir den Fall, ich hätte Lust dazu – was dann, Tantchen?“

„Was dann? Nun, das bedeutet so viel, als, Du treibst Deine arme alte Tante aus Deinem Hause,“ sagte Fräulein Sidonie unter strömenden Thränen, während sie sich ihrer Nichte gegenüber setzte, als hätten ihre Füße plötzlich die Kraft verloren, sie zu tragen. „Wenn ich es erleben müßte, daß jener preußische Abenteurer, von dem alle Welt weiß, daß er ruinirt ist oder es doch wenigstens in kürzester Zeit sein wird – wenn ich es erleben müßte, ihn hier als Herrn und Gebieter schalten zu sehen – mir müßte das Herz brechen.“

„Glaube doch das nicht, Tante Siddy! Es hat schon so oft brechen wollen und ist dennoch immer hübsch ganz und heil geblieben. Du wirst Dich mit Deinem stattlichen Neffen schon aussöhnen.“

„Niemals, niemals! Ich werde gehen, so weit mich meine Füße tragen.“

„Das wird nicht gar so sehr weit sein. – Aber“ –und sie schaute mit der Miene hoher Befriedigung in das Glas – „da ist Er. – Ich sehe Ihn. – Wie das meinem Herzen wohlthut!“

„Daß Du Dich nicht schämst, so zu sprechen!“

„Da kommt er die Balcontreppe hinab mit seinem festen Soldatentritt; er geht Arm in Arm mit einer Dame den Mittelgang hinab; er beugt sich zu ihr nieder – Tante, willst Du nicht sehen, wie hübsch und vornehm er aussieht?“

„Du bist eine Närrin, Paula. Laß mich in Ruhe!“

„Und wenn ich denke, daß es nicht mehr lange dauern wird, bis Du so an seinem Arme einhergehen wirst! – Kleines Tantchen, ich sehe voraus, daß Du dann um einen Kopf größer wirst aus freudigem Stolze.“

„Es haben sich schon ganz andere Leute, als Du, mit ihren Prophezeiungen getäuscht.“

„Es wird allerdings nicht ganz bequem für ihn sein, Dich zu führen, denn Du reichst ihm kaum bis an den Ellenbogen. Aber ich glaube, er ist sehr gutmüthig – starke Männer sind das immer; er wird sich schon dazu verstehen, sich Deinem Schritte anzubequemen.“

„Gutmüthig! Anbequemen! – Nun, ich gelobe es Dir an: ich werde seine Gutmüthigkeit nicht auf die Probe stellen.“

„Gelobe Nichts, Tantchen, gar nichts! Du wirst Deinem Gelübde doch untreu.“

„Nun, das wollen wir doch sehen,“ rief Tante Sidonie, indem sie sich entschlossen erhob und vor ihre lachende Nichte hintrat, die, nachlässig in den Sessel zurückgelehnt, mit halbgeschlossenen Augen zu ihr hinüberblinzelte. „Ich weiß, daß Du von jeher ein Kobold gewesen bist, der seine Freude daran hatte, verständige Menschen in die Irre zu führen; deshalb will ich noch hoffen, daß Deine Faseleien nicht Viel zu bedeuten haben. Aber ein Fünkchen Wahrheit pflegt ihnen doch zu Grunde zu liegen – und deshalb will ich Dir meinen festen, unabänderlichen Entschluß mittheilen. Merke Dir’s, Kind: sobald ich irgend ein Einverständniß zwischen Dir und jenem norddeutschen Räuber bemerke –“

„Wahre Deine Zunge! Selbst von seiner Tante würde er eine solche Kränkung seiner Ehre nicht geduldig hinnehmen.“

„So packe ich meine Sachen,“ fuhr Fräulein Sidonie unbeirrt fort, „und verlasse dieses Haus.“

„Tante, Tante! Mache mich nicht unglücklich!“

„Ich weiß wohl, daß Du Dir aus mir nicht viel machst,“ und die Stimme der alten Dame fing wirklich an zu zittern, „aber meine Abwesenheit würde sich doch bald genug fühlbar machen. Wie hier die Wirthschaft gehen soll, wenn ich sie nicht in Ordnung halte, das möchte ich sehen. Du hast Dich nie um irgend Etwas bekümmert. Du bist so nachlässig und sorglos und läßt jedes Ding liegen, wo Du es gebraucht hast. Wenn ich nicht Alles unter Schloß und Riegel hielte – was würde dann werden? Dir könnte man Deine Sachen vom Leibe stehlen, ohne daß Du es merktest.“

„O, im Winter doch wohl,“ schaltete die Nichte ein.

„Und was die Tafelvorräthe anbelangt – den Zucker und die Conserven und den Wein und den Thee – da wird dreimal so viel verbraucht werden als jetzt, Du hast keine Idee vom Haushalten. Denke daran, wie oft Du den Schlüssel in der Cassette hast stecken lassen – wie oft ich ihn abgezogen und Dir gebracht habe!“

„Damit hat’s keine Noth, Tantchen. Den Schlüssel der Cassette wird Er schon in der Tasche behalten.“

„Soll ich das etwa so verstehen, daß ich mir das Wirthschaftsgeld von ihm soll zuzählen lassen?“

„Es wird sich nichts Anderes thun lassen, Tante Siddy.“

„Nun, ehe ich das erlebe, lieber mag Alles zu Grunde gehen!“ rief die alte Dame in großer Erregung. „Und das soll der Lohn sein für alle meine Liebe und Treue?“

„Nein, Tantchen, so soll es nicht sein, eine so ungerathene, [715] entmenschte Nichte bin ich nicht. Dein Jammer geht mir zu Herzen – komm, laß’ Deine Thränen trocknen! Ich kann Dir nicht das Herz brechen. Siehst Du, ich will Dir ein Opfer bringen: ich entsage ihm. Sei ruhig, ich nehme ihn nicht. – Aber ich fürchte, wir haben dabei doch nicht viel gewonnen; denn wenn meine Kräfte auch einem Einzelnen gegenüber ausreichen, der Nation gegenüber – das fühle ich – bin ich widerstandslos. Die Nation hat es mir angethan; sie ist mein Verhängnis.“

„Gegen dieses Verhängniß wird es wohl noch wirksame Mittel geben.“

„Das glaube ich nicht. Ich fühle, daß dieser Zug meines Herzens die Stimme meines Schicksals ist. ‚Ein Preuße‘ – so lautet die Lösung meines Lebensräthsels.“

Sie hatte sich, während sie sprach, der Thür genähert, von wo sie jetzt lachend zu ihrer Tante zurückblickte.

„So, Tantchen, nun gehe ich und überlasse Dich Deinem Nachdenken; ich bin versichert, daß die Einsamkeit Dich auf bessere Gedanken bringen wird. Komm, Tristan, mein deutscher Held! Wir wollen einen Gang durch den Garten machen.“

Mit einem Pfiff rief sie ihren Hund zu sich heran und hatte mit ihm bereits die erste Stufe der Treppe erreicht, als sie sich noch einmal auf dem Absätze umdrehte.

„Laß Dir rathen, Tantchen, thue Deine Morgenhaube ab und hole die neue, die mit den blauen Schleifen hervor, die ich Dir aus Straßburg mitbrachte! Wirf auch einen Blick auf den Frühstückstisch und lasse Portwein – vom gelbgesiegelten – aufstellen! Ich wünsche, daß es an nichts fehle, denn ich erwarte Besuch.“

„Das fehlte nun noch – heute schon! Ich komme nicht zum Vorschein, wenn er uns besucht. Dann magst Du zusehen, wie Du ihn schicklich empfängst.“

Die Nichte lachte und sprang leichtfüßig die Stufen hinab.

[728]
7.

Tante Sidonie hatte ihre gewöhnliche Taktik befolgt: sie hatte sich nach vorausgegangenem heftigem Sträuben dem Willen ihrer Nichte unterworfen. Der häusliche Zwist war auch heute so verlaufen, wie es stets geschah. Nachdem er mit einiger Heftigkeit auf beiden Seiten begonnen hatte, endete er mit einem muthwilligen Lachen der Nichte und mit thränenreicher Unterwerfung der Tante.

So kam es, daß nach Verlauf einer halben Stunde im Frühstückszimmer zu Fleurmont der Tisch den Anordnungen der jungen Besitzerin gemäß servirt war und daß Tante Sidonie im Spitzenhäubchen mit blauen Bändern und einer über ihr dunkeles Seidenkleid gebundenen weiten Wirthschaftsschürze unter Assistenz eines alten Dieners damit beschäftigt war, die letzte Hand an die Vorbereitungen zu legen, die man zu Ehren des erwarteten Gastes getroffen hatte. Sie hätte dies um so lieber gethan, wenn sie gewußt hätte, daß derselbe nicht der verhaßte neue Nachbar, sondern der alte Freund des Hauses und Vormund der jungen Erbin, Herr Kayser, war. Paula hatte ihm bereits ihre Rückkehr gemeldet. Sie wußte wohl, daß ihr eine Strafpredigt über die eigenmächtige Veränderung der getroffenen Dispositionen nicht geschenkt werden würde. Herr Kayser pflegte stets pünktlich zu sein, und war es bei einer derartigen Gelegenheit noch mehr als je. Denn der Krieg mit einer hübschen Mündel amüsirte ihn, und obgleich er nie verfehlte, über ihre Eigenmächtigkeit und ihren Trotz bittere Klage zu führen, so ließ er doch nicht leicht eine Gelegenheit vorübergehen, sie zu einem Wortgefecht zu reizen.

Es war daher lediglich eine Bestätigung von Paula’s Erwartung, als ihre Excursionen mit Tristan durch die Meldung unterbrochen wurden, daß ihr Vormund angelangt sei und daß man sie zum Frühstück erwarte. Es lag jedoch nicht in der Gewohnheit der verwöhnten jungen Erbin, einem Rufe schnell Folge zu leisten. Als sie daher nach Verlauf einiger Zeit langsam schlendernd den Gang herabkam, der zu der Balcontreppe führte, in ihrem emporgezogenen Kleide einen Haufen frisch gepflückter Blumen tragend, nahm es sie nicht Wunder, Herrn Kayser bereits im Gartensaale zu erblicken. Er saß behaglich auf ihrem kleinen Sessel neben dem Teleskop, hatte die Hände, seiner Gewohnheit gemäß, über dem goldenen Knauf seines Stockes gekreuzt und blickte ihr mit bitterem Lächeln entgegen.

„Da hätten wir also die junge Dame, welche ihren Tanten davongelaufen und auf eigene Hand drei Wochen lang im Lande herumgefahren ist,“ sagte er, indem er aufstand, um ihr entgegenzugehen. „Sie machen mir gute Streiche, Junker Paul; man hat bittere Klage über Sie geführt. Was haben Sie zu Ihrer Rechtfertigung zu sagen?“

Die also Angeredete war, ein muthwilliges Lächeln auf den frischen Lippen, eingetreten und eben im Begriffe, ihrem Vormunde in gleicher Weise zu antworten, als sie plötzlich überrascht stehen blieb. Von dem kleinen Ecksopha, auf dem sie neben Tante Sidonie gesessen hatte, war eine junge Dame aufgestanden und ihr ein paar Schritte entgegengekommen. Es lag in der Erscheinung derselben etwas, das Jeden überraschen mußte, der sie zum ersten Male erblickte, nicht nur denjenigen, für welchen ihre Gegenwart etwas Unerwartetes, Unvorhergesehenes war.

„Meine Nichte Hanna – Junker Paul de Contagne, Rittergutsbesitzer und Erbherr aus Fleurmont, unser gastfreundlicher Wirth und mein hoffnungsvolles Mündel,“ stellte Kayser vor.

Die jungen Mädchen schüttelten sich die Hände und sprachen sich die üblichen Versicherungen gegenseitiger Freude über ihre Bekanntschaft aus.

„Junker Paul bringt Ihnen seine Huldigung dar, Fräulein Kayser,“ sagte Tante Sidonie.

Lächelnd blickte die Angeredete zu ihrer Wirthin empor, die wirklich in der Haltung eines galanten jungen Cavaliers vor ihr stand. Auf ihrem ausdrucksvollen Gesichte lag eine so offenkundige, naive Bewunderung, der seitwärts geneigte, etwas vorgebeugte Kopf und die auf dem Rücken gekreuzten Hände erinnerten so lebhaft an die anbetende Huldigung eines Liebhabers, daß das Antlitz des jungen Mädchens von leiser Röthe überzogen wurde.

Sie war noch sehr jung und augenscheinlich nicht daran gewöhnt Huldigungen zu empfangen. Es war heute zum zweiten Male in ihrem Leben, daß sie ihr zu Theil wurden, und heute wie damals kam eine Ahnung über sie von der Macht, die ihr gegeben war über die Herzen der Menschen. In der That, wenn Schönheit, Jugend und Lieblichkeit eine Macht sind, so besaß Hanna Kayser dieselbe in hohem Grade. Ihr zartes, feingeschnittenes Gesicht, auf welchem das Lächeln kam und ging wie Wolkenschatten auf einer Sommerlandschaft, war anziehend durch den Ausdruck lieblicher Sorglosigkeit und heiterer Güte. Die klare Stirn mit den dunklen Brauen, die sanften, schöngeschwungenen Linien des Mundes, das ernste, tiefe Auge, das unter der dunklen Wimper hervorschaute, und das glänzende braune Haar, das in seidener Fülle das zierliche Oval des Kopfes umgab, bildeten ein Ganzes, welches im Beschauer den Wunsch erregen mußte, es möge soviel Schönheit und Anmuth minder vergänglich sein, als es auf dieser Welt des Kummers und der Sorge zu sein pflegt.

„Nun, Junker Paul, Sie sind mir die Antwort schuldig geblieben,“ sagte Kayser, der sich trotz der Verachtung, die er für Frauenschönheit stets an den Tag gelegt, dennoch geschmeichelt fühlte durch den Eindruck, den seine schöne Nichte hervorgebracht hatte.

„Was ich zu meiner Rechtfertigung zu sagen habe, fragen Sie? – Gar nichts! Denn Rechtfertigung genug liegt in der Thatsache, daß es fürchterlich langweilig war. Ich habe es Ihnen ja vorher gesagt, daß ich mit Tante Clemence nicht lange zusammenleben kann, und als die Ankunft ihres Sohnes, meines theueren Vetters, die Langeweile bis zur Unerträglichkeit steigerte, da machte ich mich davon und habe mich drei Wochen lang himmlisch amüsirt.“

„Daran zweifle ich nicht, aber Ihre Tante schreibt –“

„Bitte,“ unterbrach sie ihn ungeduldig, „begnügen Sie sich, mir mitzutheilen, was Sie selbst zu sagen haben! Dann werde ich mich bemühen, Ihnen ruhig zuzuhören.“

„Wirklich? Nun, das ist eine Concession, mit welcher ein Vormund zufrieden sein kann. Ich möchte aber wissen, Junker Paul, womit Sie sich amüsirt haben?“

„Womit? O, das Haus meiner Freundin ist das angenehmste der ganzen Gegend. Braunbach’s haben stets viel Besuch; ich habe eine Menge angenehmer Leute kennen gelernt. Jeden Tag hatten wir etwas vor, Ruderfahrten, Fahr- und Reitpartien, Pikniks und die hübschesten Sommerbälle von der Welt. Fräulein Kayser, haben Sie schon einen Ball mitgemacht? Nein? Nun, dann muß Ihr Oheim einen veranstalten, damit Sie das kennen lernen. Wir hatten sehr hübsche, elegante Tänzer – Officiere die Fülle!“

„Da kommen wir zu dem richtigen Punkte, Ihre Tante schreibt –“

„Lassen Sie mich mit meiner Tante in Ruhe! Weshalb wollen wir uns den Appetit zum Frühstücke verderben?“

„Ihre deutschen Sympathien müßten jeden guten Patrioten scandalisiren; sie sei indignirt über Ihre ‚Intrigues amoureuses‘ mit diesen ‚Prussiens‘ –“

„Intrigues amoureuses! Und Sie haben es ruhig geschehen lassen, daß man Ihre Mündel beleidigt? Sind Sie ein Mann?“

„Junker Paul, Junker Paul, eine kleine Schwäche für diese Preußen können Sie angesichts dieses Corpus Delicti nicht leugnen,“ sagte Kayser, lachend nach dem Teleskop hinzeigend.

„Ich leugne sie nicht, aber auch ohnedies: wäre es mir zu verdenken, daß ich von Zeit zu Zeit mein Auge erfreuen will an dem Anblicke des einzigen Mannes, den wir im Umkreise vieler Meilen haben?“

„Sehr gut, sehr gut!“ lachte Kayser und zeigte dabei seine weißen Zähne. „Also dieses langbeinige nicht uniformirte Exemplar der Gattung gefällt Ihnen auch? Der Bursche hat eine [730] „Daß sie sich in das Unvermeidliche fügen soll.“

„Sie werden Ihren beiden Tanten, der verwittweten sowohl wie der jungfräulichen, das Herz brechen.“

„Für Tante Siddy stehe ich ein; die gehört zu den Bekehrten. Schüttle nicht den Kopf, Tantchen! – Nun aber habe ich mein letztes Wort in dieser Angelegenheit gesprochen. Ich habe meinen Willen kund gethan, und es wird Euch Beiden bekannt sein, daß es nicht leicht ist, ihn zu durchkreuzen.“

„Ich gedenke es auch durchaus nicht zu thun,“ sagte Kayser, „und Tante Sidonie wird meinem Beispiele folgen, wenn ich ihr sage, daß ihr in der Person des langen Preußen ein Rächer auferstanden zu sein scheint. Es wird eine interessante Sache sein, die Ehe der Beiden aus sicherer Ferne zu beobachten. Wenn die beiden Eisenköpfe an einander rennen, wird’s Funken geben.“

„Und die werden das Haus in Brand stecken,“ ergänzte Tante Sidonie.

„Sorgt Euch nicht, Kinderchen!“ lachte die junge Erbin. „Mit dem Gatten meiner Wahl werde ich schon zurecht kommen. Und sollte es hin und wieder in unserer Ehe auch ein Bischen stürmen – das wird unserem Glücke keinen Eintrag thun.“

„Sie sind im Irrthum, Junker Paul. Der läßt sich nichts abtrotzen. Der hält die Zügel so fest in der Hand, daß dagegen kein Schütteln und Ausschlagen helfen wird. Ich prophezeie Ihnen, daß Sie nach Verlauf weniger Wochen fromm wie ein Lamm im Geschirr gehen.“

„Es soll Ihnen nicht gelingen, mir meinen Nachbar zu verleiden, selbst durch Ihre abscheulichen Vergleiche nicht. Ich habe so lange ein unumschränktes Regiment geführt, daß ich mich ordentlich danach sehne, meine Herrschaft niederzulegen. Allerdings kommt es sehr darauf an, welchen Händen ich sie übergebe. Wenn es eine feste, starke Hand ist, dann werde ich die Erste sein, die sich ihrer Autorität beugt.“

„Zwei harte Steine mahlen nicht gut – das ist ein altes wahres Wort,“ sagte Tante Siddy warnend.

„Tantchen, verzeih’ – aber Du verstehst wirklich von der Sache nichts; wenigstens hast Du schon vergessen, wie Du ehemals darüber gedacht hast. Wäre dies nicht der Fall, dann müßtest Du wissen, daß wir Frauen eigentlich nichts Besseres erlangen, als uns zu fügen. Was meinen Sie, Fräulein Hanna? Würde es Ihnen schwer werden, sich einem fremden Willen zu unterwerfen?“

„Wenn der Wille ein guter und gerechter ist, nein.“

Paula hatte während dieses Gespräches von den mitgebrachten Blumen die schönsten ausgewählt und einen großen Strauß daraus gewunden. Sie legte ihn jetzt auf Hanna’s Schooß und blieb, sie betrachtend, vor ihr stehen.“

„Sie sieht blaß aus, Herr Kayser,“ sagte sie. „Ich hoffe, Sie sorgen gut für sie. Essen und Trinken allein thut’s nicht; es gehört auch Abwechselung und Zerstreuung und vor allen Dingen Bewegung in der frischen Luft dazu. Wenn Sie ein Reitpferd wünschen, so sagen Sie es mir, Fräulein Hanna; ich werde dafür sorgen, daß Ihr Oheim Ihnen eins kauft.“

„Das würde mir nichts helfen; ich verstehe nicht zu reiten,“ antwortete Hanna.

„Das läßt sich lernen – ich werde Ihr Lehrer sein. Wir wollen gute Cameradschaft halten und zusammen durch Felder und Wälder streifen. Würden Sie sich ängstigen, mit mir im Ponywagen zu fahren?“

„Durchaus nicht; ich thäte es sehr gern.“

„Das freut mich. Wir wollen hübsche Exkursionen unternehmen. Vielleicht gelingt es mir, aus der zarten kleinen Prinzessin Hanna einen flotten Junker Hans zu machen.“

„Dagegen lege ich mein Veto ein,“ sagte Kayser. „Wir haben an einem Exemplar dieser Species völlig genug.“

„Und außerdem hat unser neuer Herr Nachbar dafür gesorgt, daß von einem Herumstreifen durch Flur und Wald gar nicht die Rede sein kann,“ fügte Tante Sidonie hinzu. „Er hat durch seine Maßregeln die ganze Gegend so in Aufruhr gebracht, daß man im eigenen Hause seines Lebens kaum mehr sicher ist.“

„Welche Beschuldigung, Tante! Du gehst mit Gerechtigkeit und Wahrheit nicht sehr gewissenhaft um, wenn es darauf ankommt, einem ‚verhaßten Prüssien‘ eine Schuld aufzubürden. Seine Maßregeln sollen den Aufruhr und die Widersetzlichkeit veranlaßt haben? Ich denke, wir Alle wissen, daß Widersetzlichkeit und Unzufriedenheit schon da waren, ehe Herr Reinhard, um sich zu schützen, zu gewissen Maßregeln seine Zuflucht nehmen mußte. Man hat ihm seine Maschinen zertrümmert – sollte er vielleicht ruhig abwarten, bis man ihm auch Haus und Fabrik zerstört?“

„Wie Du gleich auffährst! Ein Wort gegen diese Eindringlinge ist genug, Dich in Harnisch zu bringen.“

„Jede Ungerechtigkeit erregt meinen Zorn. – Du wählst gerade das rechte Mittel, Tante, mich zu doppelter Freundlichkeit gegen Herrn Reinhard zu veranlassen. Ich werde mich genöthigt sehen, ihn für Deine Ungerechtigkeit zu entschädigen.“

„So ist’s recht, Junker Paul,“ sagte Kayser, der mit sichtlichem Behagen dem Wortwechsel zugehört hatte, „so ist’s recht. Für seine Freunde muß man, wenn es noth thut, auch eine Lanze brechen können. Im Uebrigen hat Tante Sidonie so unrecht nicht. Der eisenköpfige Bursche hätte durch ein wenig Nachgiebigkeit den ganzen Streit beilegen können.“

„Ich glaube es nicht. Denn die wahre Ursache sind nicht die niedrigen Löhne – sie sind nicht niedriger, als sie früher gewesen sind – sondern der Mann selbst. Man will ihn beseitigen – das muß jeder Unparteiische einsehen. Ich würde ihn weniger achten, wenn er anders gehandelt hätte. Jeder gewissenhafte, gerechte Mann müßte ihn unterstützen, leider aber giebt es deren wenig genug. Jedenfalls soll er an mir eine treue Nachbarin finden, die ihm jeden Beistand leistet, der in ihren Kräften steht.“

Sie hatte lebhaft und mit blitzenden Augen gesprochen und nicht wahrgenommen, daß der alte Diener eingetreten war, um ihr eine Karte zu überreichen. Ueber ihr Gesicht ergoß sich eine tiefe Röthe, als sie den Namen darauf las.

„Herr Reinhard,“ sagte sie, während eine Verwirrung, die ihrem sicheren, selbstbewußten Wesen sonst fremd war, sich ihrer bemächtigte. „Wir werden ihn natürlich empfangen. – Jean, er wird uns sehr angenehm sein.“

Paula’s Gemüthsbewegung war weder ihrem Vormunde, noch ihrer Tante entgangen. Wenn sie aber Ersteren mit Genugthuung erfüllte als Zeichen eines tieferen Interesses, welches ihm eine Erfüllung seines Wunsches in Aussicht zu stellen schien, so raubte sie der armen Tante Sidonie beinahe die Fassung.

„Das ist zu arg, Paula, wirklich zu arg. Erst gestern bist Du nach Hause gekommen, und schon im Einverständniß mit diesem Manne! Ohne Aufmunterung von Deiner Seite hätte er diesen Schritt nicht gewagt.“

„Ich verschmähe es, auf Deine unwürdige Beschuldigung zu antworten,“ entgegnete das junge Mädchen, das jetzt seine Fassung wieder erlangt hatte, „aber ich erlaube mir, Dich zu erinnern, daß ich für Herrn Reinhard – möge Deine Ansicht von ihm sein, wie sie wolle! – in meinem Hause einen höflichen und rücksichtsvollen Empfang erwarte.“

Noch während sie sprach, hörte man die Schritte des Gastes im Nebenzimmer. Dann öffnete Jean die Thür, und der Erwartete trat über die Schwelle.




8.

Selbst Tante Sidonie mußte sich widerwillig gestehen, daß sein Eintritt in durchaus gentlemanischer Weise geschah. In Max Reinhard’s Erscheinung lag ein Etwas, das ihm alle Frauen geneigt machte. Es war dies nicht die Folge seines hübschen, männlichen Gesichts und seiner hohen ebenmäßigen Gestalt, wenigstens war es dies nicht allein. Es lag auch in seinem Auftreten eine so ernste, ruhige Würde und in seinem Lächeln soviel freundliche Milde, daß man einen ganzen und rechten Mann in ihm erkannte, stark genug, die Schwächen anderer Leute mit Nachsicht zu tragen. Man ahnte, daß hinter der feinen, weltmännischen Höflichkeit, die er den Frauen widmete, sich ein Gefühl wirklicher Achtung barg, die ihn stets die richtige Mitte treffen ließ zwischen frivoler Galanterie und brutaler Vernachlässigung. Auch Tante Sidonie mußte dies erkannt haben; denn als er vor ihr stand, mit dem Hute in der Hand, das edle, ernste Haupt achtungsvoll gebeugt, da verlor ihr Gesicht den Ausdruck gezwungener Höflichkeit und nahm den einer aufrichtigen Freundlichkeit an. Freilich ging dieser durch die sieghafte [731] Persönlichkeit des neuen Nachbars errungene Vortheil durch das unkluge und, wie sie es nannte, unweibliche Betragen der Nichte fast wieder verloren. In der That zeigte Paula so keck und offen ihr Wohlgefallen an dem Gaste, daß er dadurch hätte eitel gemacht werden können, wenn er hierzu mehr beanlagt gewesen wäre. Als sie ihn begrüßte, hätte man fast glauben sollen, sie reiche einem alten, lang ersehnten Freunde, nicht einem beinahe Unbekannten, die Hand, und als sie lächelnd und mit warmer Röthe auf den Wangen den Kopf hob und ihm in’s Gesicht schaute, da ruhte ihr sprechendes Auge mit so unverkennbarer Freude auf seinen Zügen, daß Tante Sidonie sich nicht enthalten konnte, durch ein Kopfschütteln ihren Unwillen über diesen Mangel an Zurückhaltung an den Tag zu legen.

„Verzeihen Sie, mein gnädiges Fräulein,“ sagte Max, sich mit seiner Anrede mehr an die ältere, als an die jüngere Dame des Hauses wendend, „wenn ich störend in Ihren Kreis trete! Ich hatte bereits bei Herrn Kayser vorgesprochen, um Ihnen eine Nachricht durch seine freundliche Vermittlung zugehen zu lassen, welche ich für dringend halte. Und da ich erfuhr, daß er nicht zu Hause war, habe ich mich selbst, auf die Gefahr hin, Sie zu stören, entschlossen, meine Botschaft Ihnen persönlich zu überbringen.“

Während er sprach, war Kayser zu ihm getreten und hatte ihn durch einen Händedruck begrüßt. Tante Sidonie lud zum Sitzen ein und bezeichnete einen Sessel dem kleinen Ecksopha gegenüber, auf welchem sie neben Hanna saß. Es war keinem der Anwesenden aufgefallen, daß seit Maxens Eintritt die Farbe auf dem Antlitze des jungen Mädchens in schnellem Wechsel gekommen und gegangen war. Auch auf dem Gesichte des Mannes erschien plötzlich der Ausdruck freudiger Ueberraschung, als er, seinen Blick erhebend, das zarte, erröthende Mädchengesicht sich gegenüber sah.

„Herr Max Reinhard – Fräulein Kayser,“ stellte Tante Sidonie vor.

„Wir sind bereits mit einander bekannt,“ sagte Hanna lächelnd in lieblicher Verwirrung.

„Ja, ich hatte in diesem Frühjahre das Glück, mit Fräulein Kayser von Bonn aus rheinaufwärts zu fahren,“ erklärte Max. „Zwar dauerte unsere gemeinschaftliche Fahrt nur einige Stunden, aber dennoch freute ich mich aufrichtig über die Nachricht, daß wir Sie für einige Zeit zur Nachbarin erhalten würden.“

„Und weshalb haben Sie mir nicht von diesem Zusammentreffen erzählt?“ fragte Kayser.

„Weil ich nur hoffte, aber keine Sicherheit dafür besaß, daß meine liebenswürdige Bekannte, deren Namen ich zufällig erfuhr, mit Ihrer erwarteten Nichte identisch sei.“

Während dieser Erklärung hatte Paula seitwärts gestanden und mit einem Lächeln auf den Lippen die Beiden scharf beobachtet. Ihr Blick ruhte noch auf Hanna’s Antlitz, als Max sich wieder in ruhiger, geschäftsmäßiger Weise an Tante Sidonie wandte. Er erklärte ihr in wenig Worten den Zweck seines Kommens. Die Polizeibehörde von Elmsleben hatte bei den Nachforschungen, welche sie auf seine Anzeige von der Zertrümmerung seiner Maschinen angestellt, in Erfahrung gebracht, daß der Haupträdelsführer des ganzen Tumultes, um sich den Folgen seiner That zu entziehen, eine Zufluchtsstätte bei seinem Bruder, einem der Arbeiter auf dem Gute Fleurmont, gesucht und gefunden hätte. Man hatte ihn von diesem Umstande benachrichtigt, und er war den Gensd’armen, welche mit der Verhaftung des Schuldigen beauftragt waren, vorausgeeilt, um ihr Erscheinen auf dem Gute der Besitzerin zu erklären.

„Ich erlaube mir zugleich,“ schloß er seine Rede, „Ihnen mein Bedauern darüber auszusprechen, daß auf diese Weise auch Ihnen Unannehmlichkeiten aus dem Conflicte erwachsen, unter welchem ich augenblicklich leide. Doch habe ich Sorge getragen, daß die Verhaftung so leise und schonend wie möglich vor sich gehe. Auch ist ein Wagen bereit, um den Verbrecher schnell und ohne Aufsehen nach Elmsleben überzuführen.“

Nach dieser Auseinandersetzung schien er die Aufgabe seines Besuches für beendigt zu halten. Er wollte sich erheben, wurde indessen durch einen unvorhergesehenen Zwischenfall daran verhindert. Paula’s großer Leonberger Hund, der bis zu Maxens Eintritt ruhig an der Gartenthür im Sonnenschein gelegen, hatte sich, während Jener sprach, erhoben und war langsam näher gekommen. Es schien zwischen dem Geschmacke des Thieres und dem seiner Herrin eine merkwürdige Uebereinstimmung zu herrschen, denn mit allen Zeichen einer lebhaften Freude umkreiste es den Gast, bis es endlich sich neben ihn setzte, seinen Kopf auf sein Knie legte und mit klugem Auge zu ihm aufschaute.

„Das ist ein gutes Omen – das bedeutet gute und treue Nachbarschaft,“ sagte Paula mit glücklichem Lächeln zu Max, der mit sichtlichem Wohlgefallen das schöne Thier liebkoste. „Ich gebe viel auf die Sympathien meines Tristan. Er ist ein feiner Menschenkenner; sein Urtheil hat sich fast immer als richtig bewährt.“

„Diese Zuneigung des Hundes ist in der That wunderbar,“ meinte Tante Sidonie. „Er pflegt sonst gegen Fremde sehr unfreundlich zu sein, gegen Sie benimmt er sich aber, als ob er Sie seit lange kenne. Ich weiß wohl, daß dies nicht der Fall sein kann, denn Paula liebt das Thier sehr und trennt sich darum nie von ihm. Es hat sie auch auf allen ihren Reisen begleitet. Hast Du jemals gesehen, Kind,“ wandte sie sich an ihre Nichte, „daß es sich gegen einen Fremden so unterwürfig und zuthulich gezeigt hat?“

„O doch,“ sagte Paula lächelnd, „auch unter den Gästen, welche im Braunbach’schen Hause aus und ein gingen, hatte es einen bevorzugten Liebling. Ich habe oft den Vorwurf hören müssen, daß ich meine Sympathien mir von Tristan dictiren laste.“

„Wenn Sie es dieses Mal thun, so habe ich Nichts dagegen,“ sagte Kayser, sich in’s Gespräch mischend. „Ich freue mich überhaupt, daß diese unangenehme Geschichte wenigstens die eine gute Folge gehabt hat, Ihre Bekanntschaft mit Herrn Reinhard zu vermitteln.“

„Das war nicht mehr nöthig, Herr Kayser,“ entgegnete Paula. „Ich sagte Ihnen schon, daß Herr Reinhard uns gestern bei einem sehr unangenehmen Vorfalle ritterlich zu Hülfe gekommen ist.“

„Den Du durch Deine Liebhaberei, die kühne Rosselenkerin zu spielen, selbst herbeigeführt hattest,“ sagte die Tante.

„Ich bitte um Verzeihung, Tante, so verhielt es sich nicht ganz. Die Sache war die: unsere Pferde gingen durch, ehe ich noch die Zügel in der Hand hatte. Willst Du also Jemand einen Vorwurf machen, so trifft derselbe unsern Kutscher, nicht mich. Es hätte uns übrigens recht schlimm gehen können, wenn Herr Reinhard unsere Pferde nicht noch rechtzeitig zum Stehen gebracht hätte.“ [746] Max sprach seine Befriedigung aus, daß es ihm vergönnt gewesen war, seinen Nachbarinnen einen Dienst zu leisten, und wieder wandte er sich mehr an die Tante, als an die Nichte. Fräulein Sidonie war durch dergleichen Aufmerksamkeiten von Seiten der jüngeren Männer ihres Bekanntenkreises nicht verwöhnt. Die glänzende junge Erbin war so ausschließlich der Gegenstand aller Aufmerksamkeiten und jeder Huldigung gewesen, daß man die ältere Dame des Hauses, die, wie man schnell merkte, nichts als ein gefügiges Werkzeug in den Händen der jüngeren war, darüber gänzlich vernachlässigt hatte. Es war nicht zu leugnen, daß Fräulein Sidonie unter dieser Vernachlässigung oftmals gelitten hatte, und selbst in Paula war oft ein heftiger Unwille dadurch erregt worden. Sie fühlte es wohl, daß der größte Theil der Schuld sie selbst traf. Aber sie war an die Tyrannei, die sie zwar in muthwilliger Weise ausübte, die aber dennoch das ganze Haus unter dem Drucke ihres Willens hielt, bereits so gewöhnt, daß es ihr trotz mehrfacher Bemühungen nicht hatte gelingen wollen, eine andere Stellung ihrer Tante gegenüber einzunehmen. Sie war immer wieder in den gewohnten Ton zurückgefallen, der die alte Dame in den Augen aller Besucher des Hauses auf eine untergeordnete Stufe hinabdrücken mußte.

Reinhard’s achtungsvolle Höflichkeit that ihrem Herzen daher sehr wohl. Sie wußte nicht, daß sein natürliches Tactgefühl in diesem Falle eine wirksame Unterstützung in dem Wunsche fand, seine Augen so oft wie möglich dem kleinen Ecksopha zuwenden zu dürfen, und daß seine Worte naturgemäß seinen Augen folgten. Hätte er die Absicht gehabt, an Tante Sidonie eine Eroberung zu machen, er hätte nicht geschickter zu Werke gehen können. Die Folge davon war, daß, als Jean die Flügelthüren des Frühstückszimmers öffnete, es des gebieterischen Blickes der Nichte kaum mehr bedurft hätte, Fräulein Sidonie zu der Einladung an Max zu veranlassen, an ihrem Frühstücke Theil zu nehmen. Ohne Zögern nahm er an. Und als Kayser, der, während Max sich den beiden anderen Damen gewidmet, sein Mündel wieder in einen ihrer scherzhaften Kriege verwickelt hatte, jetzt herbeikam, um der Tante seinen Arm zu bieten, folgte er, die beiden jungen Damen führend, dem voranschreitenden Paare in’s Nebenzimmer.

Hier zeigte es sich, daß Tante Siddy’s Bemühungen von dem besten Erfolg gekrönt waren. Das Arrangement der Tafel war der Art, daß Herr Kayser sich veranlaßt fühlte, seiner Nachbarin dankbar und liebevoll die Hand zu drücken. Der alte Portwein funkelte in den Krystallkaraffen mit einer Farbenpracht, die sein Herz mit wohlthuender Wärme erfüllte, und die Beefsteaks, die eben frisch vom Feuer auf silberner Schale aufgetragen wurden, schienen auf einer Stufe der Vollkommenheit zu stehen, die ihm ein beifälliges Murmeln entlockte.

Max hatte den Platz zwischen den beiden jungen Damen inne, so daß Hanna an seiner linken, Paula an seiner rechten Seite saß. Da Erstere zu ihrer Nachbarin Tante Siddy hatte und Kayser während eines guten Frühstücks niemals sehr gesprächig war, so fügte es sich, daß er vorzugsweise die Verpflichtung hatte, für die Unterhaltung der jungen Erbin zu sorgen. Muthwillig und geistfunkelnd, wie sie war, hielt sie ihren Nachbar fortwährend in Athem und zwang ihn zu einer Art geistiger Gymnastik, die seinem ernsten, ruhigen Wesen sonst fremd war. Es schien, als hätte sie es darauf abgesehen, ihn gleich am ersten Tage zu ihrem Sclaven zu machen. Durch ihre scherzhaften Neckereien hindurch drang immer wieder ein Ton so warmer, herzlicher Theilnahme, daß Max kein wirklicher Mann gewesen wäre, wenn er sich dadurch nicht ebenfalls hätte erwärmen lassen.

Zuweilen blickte Kayser mit einem listigen Funkeln seiner grauen Augen zu ihnen herüber, und das erinnerte Max an das Gespräch, welches sie erst gestern geführt, und das er so unceremoniell abgebrochen hatte. Zwar konnte er es keinen Augenblick vergessen, daß die junge Erbin durchaus nicht zu der Art von Frauen gehörte, die ihm bis jetzt einzig gefährlich geworden war; zwar lag in der kecken Aufrichtigkeit, mit der sie ihm ihr Wohlgefallen zeigte, eine gewisse selbstbewußte, des Erfolges sichere Souveränetät, die seinen männlichen Stolz verletzte und ihm als eine Beeinträchtigung seines Rechtes, selbst zu wählen, statt gewählt zu werden, erscheinen mußte. Allein Alles an ihr war so naturwüchsig und ungekünstelt – aus ihrem Auge blitzte ihm eine so funkelnde und sprühende Lebenslust entgegen, daß er sich dem Zauber ihres Wesens fast willenlos hingab. Seiner Nachbarin zur Linken konnte er sich unter diesen Umständen nur wenig widmen. Aber er ertappte sich einige Male darauf, daß, während er sich Paula zuwandte, sein Ohr scharf aufhorchte, Hanna’s an Tante Sidonie gerichtete Worte zu vernehmen. Der Schall ihres silbernen Lachens, das leise Streifen ihres Gewandes oder die Berührung ihrer Hand, wenn sie ihm einen Gegenstand reichte, that ihm wohl und rief die Empfindung einer erhöhten Lebenskraft in ihm wach.

Nach dem Frühstücke entfernte er sich bald, nachdem ihm zuvor die Meldung zugegangen war, daß der Uebelthäter gefunden und festgenommen worden sei. Paula’s Abschied von ihm war nicht weniger liebenswürdig, als ihr Willkommensgruß. Noch vom Balcon aus winkte sie ihm lächelnd einen Gruß zu, als sein leichter offener Wagen die Landstraße entlang rollte. Hanna’s Abschied dagegen hatte nur in einer Verbeugung aus der Ferne bestanden. Doch als er sich an der Thür noch einmal nach ihr umgewendet hatte, da war ihm ein so freundliches, leises Lächeln, und ein so sanfter, schüchterner Blick zu Theil geworden, daß er völlig befriedigt das Haus verlassen hatte.




9.

Dem sonnenhellen Tage war ein milder, schöner Abend gefolgt. Draußen lag der warme Sonnenschein noch auf den Gipfeln der Kastanien- und Wallnußbäume, die zwischen dem Garten und den hohen Mauern der Fabrik ein dichtes Wäldchen bildeten. Aber in dem regelrechten Vierecke des Fabrikhofes herrschte schon Dämmerung, und dunkle Schatten lagerten auf seinem schwarzen, staubigen Steinpflaster. Noch dunkler war es in dem weiten Gemache, das der Besitzer sich zu seinem Comptoir eingerichtet hatte und das, im Erdgeschosse eines der Fabrikgebäude gelegen, vom Hofe aus durch eine mehrere Stufen hohe Treppe zu erreichen war. Das Zimmer war einfach, wie Alles, was zum Besitze Reinhard’s gehörte. Ein Stehpult in einer der Fensternischen, ein breiter Tisch in der anderen, Bücher, auf Borden an der Wand geordnet, und im Hintergrunde ein mit Leder bezogenes breites Sopha, groß und bequem genug, um dem [747] Besitzer auch zum Nachtlager dienen zu können, bildeten die ganze Einrichtung. In diesem Zimmer hatte Max schon manche Nacht zugebracht und von Stunde zu Stunde einen Rundgang um die Gebäude gemacht, sorgenvoll ausschauend, ob ein rother Schein an den Fenstern der Weberei oder eine züngelnde Flamme auf der Dachfirst des Magazins seinem Sorgen und Bangen nicht etwa mit einem Schlage ein Ende machen und ihn zwingen würde, sich als Besiegter von dem bis dahin muthvoll behaupteten Kampfplatze zurückzuziehen.

Draußen hatte die Feierabendglocke eben geläutet, und die Arbeiter strömten aus den verschiedenen Räumen dem großen Thore zu. Es war nicht zu verkennen, daß die Menge heute aufgeregter und tumultuarischer in’s Freie drängte, als je vorher. Die Verhaftung derjenigen, welche man der Zertrümmerung der Maschinen für verdächtig hielt, hatte augenscheinlich erbittert und zugleich überrascht. Man hatte gehofft, daß Max, eingedenk der ihm zugegangenen anonymen Drohbriefe, zu dieser Maßregel nicht schreiten würde. Nun aber hatte man sich überzeugen müssen, daß der Streich, den man gegen ihn geführt, schwer auf die Häupter der Schuldigen zurückgefallen war. Noch freilich waren die Folgen dieser Thatsachen nicht zu ermessen. Max wußte nicht, ob er hoffen dürfe, daß den Leuten die Augen über die Ungesetzlichkeit ihres Thuns geöffnet worden wären, oder ob sie sich durch die Aufreizungen einiger Böswilligen zu ferneren Gewaltthätigkeiten würden hinreißen lassen. Es ließ sich nicht verkennen, daß ein Theil der Arbeiter, diejenigen, die er als ruhige und gesetzte Männer kennen gelernt hatte, zu Geduld und Ausharren rieth, aber er wußte wohl, daß sie in der Minderzahl waren. Ihnen gegenüber stand eine gereizte Menge – eine Menge, die nicht nur den alten socialen Kampf des Arbeiters gegen den Arbeitgeber mit ihm kämpfte, sondern in welcher auch der religiöse und politische Fanatismus durch jedes sich darbietende Mittel gewissenlos erregt worden war. Er verschloß die Augen nicht gegen die Gefahren, welche ihn umringten und durch das heute Geschehene ihm möglicherweise näher gerückt worden waren, als je zuvor.

Durch den Eintritt Kramer’s wurde er in seinen Gedanken unterbrochen. Dieser hatte die Arbeiter entlassen und kam, um von seinem Gebieter die Befehle für den morgenden Tag einzuholen. Er und Jantzen waren die Einzigen, auf welche Max mit Sicherheit rechnen konnte. Beide hatten ihn begleitet, als er die Heimath verlassen, um sich in dem neuen Reichslande einen Heerd zu gründen. Kramer namentlich hatte schon seit manchem Jahre ihm und seiner Familie treue Dienste geleistet. Schon bei seinem Vater, als dieser noch nicht pensionirt worden, war Kramer Officierbursche gewesen, und ihm gefolgt, als er den Abschied genommen und sich mit seiner Pension als Oberst auf eine kleine ländliche Besitzung zurückgezogen hatte. Nach dem Tode des Herrn ging Kramer’s Liebe auf dessen Kinder über. Er hatte jede Sorge mit ihnen getragen, und jeder Kummer, der sie traf, fand ein Verständniß in der Seele des treuen Menschen. Auch heute trug seine Stirn dieselbe Sorgenfalte, die man auf der seines Herrn bemerken konnte.

„Sie sind fort, Herr Hauptmann,“ sagte er neben der Thür stehen bleibend und scharf in das Gesicht Reinhard’s blickend, „Alle sind ruhig fortgegangen. Ich hoffe, sie werden zum Nachdenken gekommen sein – wenigstens wird der größere Theil von ihnen sich scheuen, eine neue Gewaltthat zu unternehmen.“

„Wir wollen dennoch keine Vorsicht versäumen, Kramer. Wenn die neuen Stühle ankommen – ich habe Nachricht erhalten, daß sie bereits abgegangen sind – gedenke ich sie mit militärischer Bedeckung herbringen zu lassen. Bis dahin können wir nichts Anderes thun, als scharfe Wache halten. – Uebrigens ist eine Gewaltthat nicht gerade das, was ich jetzt fürchte. Mir scheint Arbeitseinstellung wahrscheinlicher.“

„Dadurch thäten die Leute sich selbst mehr Schaden, als Ihnen. Wovon sollen sie leben, wenn der Lohn aufhört?“

„Ich fürchte, Kramer, sie würden es länger aushalten können, als ich. Meinst Du, sie werden es sich nicht ungefähr ausgerechnet haben, um wieviel jeder arbeitslose Tag mich ärmer machen würde? Sie wissen es ganz gut, daß bei jetzigen Zeitläuften nicht eben viel dazu gehört, mich zu ruiniren. Daß aber dies das Ziel ist, dem sie nachstreben, davon bin ich überzeugt.“

„Es wird ihnen aber nicht gelingen. So niederträchtig kann es in der Welt nicht zugehen, daß eine gerechte Sache unterliegen soll.“

„Es ist schon manche gerechte Sache in dieser Welt gescheitert, mein armer Bursche,“ sagte Max mit schwachem Lächeln.

„Aber nicht, wenn man sie auf die richtige Weise angreift, wie Sie es thun,“ entgegnete Kramer hartnäckig. „Sie haben den richtigen Kopf dazu, Ihr Stück durchzusetzen. An Muth fehlt es Ihnen auch nicht, und was das Geld betrifft –“

„Ja, das ist der schwierige Punkt,“ sagte Max lachend, „das ist die Stelle, wo ich sterblich bin.“

„O, darüber bin ich außer Sorgen. Ich weiß, daß der Herr Oberst Ihnen ein hübsches Vermögen hinterlassen hat.“

„Du weißt aber auch, mein Alter, daß dieses hübsche Vermögen in der Fabrik steckt. Das ist in diesem Augenblicke eben keine sichere Capitalanlage, wie Du gestehen mußt.“

„Ihr Magazin liegt voll werthvoller Tuche – es wird einen hübschen Haufen Geld geben, wenn Sie die erst verkaufen können.“

„Die Sache ist aber eben: ich kann sie nicht verkaufen. Mache Dir keine Illusionen, mein lieber Freund! Du mußt es in’s Auge zu fassen und zu tragen versuchen: wenn es mir nicht bald gelingt, meiner Waare einen Markt zu eröffnen, dann bin ich unrettbar ruinirt, auch selbst ohne Arbeitseinstellung. Der Unterschied wäre einzig der, daß ich mich bei ruhigem Fortbetrieb der Fabrik länger halten könnte und folglich mehr Aussicht hätte, den günstigen Zeitpunkt abwarten zu können.“

„Und er wird nicht lange auf sich warten lassen – das prophezeie ich,“ rief Kramer.

„Wir wollen es hoffen – möglich ist es allerdings. Ich habe so viel Schritte gethan, Absatz für meine Tuche zu finden, daß ich kaum fürchten darf, es werden alle versagen. Ich habe mich an alte, treue Cameraden meines Vaters gewandt, die mir in der hervorragenden Stellung, welche sie jetzt einnehmen, von bedeutendem Nutzen sein können. Ob sie es aber wollen werden, ist immerhin sehr fraglich.“

„Nun, und wenn sie es nicht thäten, dann wäre es auch noch nicht das Aergste. Ich weiß noch ein Mittel, das ganz gewiß helfen wird.“

„Und das wäre, Kramer?“

„Eine reiche Frau, Herr Hauptmann.“

„Hast Du mir schon eine ausgesucht, mein Junge?“

„Thun Sie das nur selbst, Herr! Wenn Sie ernstlich wollten, könnte es Ihnen gar nicht fehlen.“

„Wer weiß? Nicht alle Menschen sehen in Deinem Herrn einen so fehlerlosen Helden, wie Du.“

„Ein Herr, wie Sie, Herr Hauptmann, kann dreist überall anklopfen. Wäre ich an Ihrer Stelle, dann wäre die Beste noch kaum gut genug für mich.“

„Du bist ein unverschämter Bursche, Kramer.“

„Ich würde sie Alle hinter mir herlaufen machen und mich um Gotteswillen bitten lassen, sie zu nehmen.“

„Alle, Kramer? Du liederlicher Don Juan, Du!“

„Dann würde ich mir die Reichste aussuchen; die, welche mir haufenweise Gold zubrächte, und dann –“

„Schäme Dich, Du geiziger, geldgieriger Mensch! Und nun scheere Dich hinaus, schließe das Thor und lege die Eisenstange vor! Ich muß nach Hause; Marie hat schon zweimal nach mir geschickt.“

„Ich gehe schon. Aber die Sache mit der Heirath sollten der Herr Hauptmann allen Ernstes in Erwägung ziehen. Wie viele Männer, die nicht zur Hälfte das waren, was Sie sind, haben reiche Partien gemacht und sind mit einem Schlage aus aller Noth und Sorge herausgekommen.“

„Weißt Du auch, Kramer, daß Du mich da zu einer ganz gemeinen That überreden willst?“ fragte Max ernster, als bisher.

„Gar nicht, Herr Hauptmann. Im Gegentheil, eine gute und menschenfreundliche That ist es. Die Welt ist voll hübscher und reicher Mädchen, die alle –“

„Die alle stille sitzen und auf dieses Prachtstück der Schöpfung warten, das Du Deinen Herrn nennst, he?“

„Die alle einen hübschen Preis zahlen möchten für einen guten und hübschen Mann, wie Sie sind.“

[748] „Preis zahlen! Du gewissenloser Seelenverkäufer, Du! Sieh mich an, Bursche! Wie hoch taxirst Du mich?“

„In Civil und mit der Fabrik obendrein sind der Herr Hauptmann wenigstens seine Hunderttausend unter Brüdern oder vielmehr Schwestern werth. Ich an Ihrer Stelle thäte es nicht billiger.“

„An zu großer Bescheidenheit leidest Du nicht, wie ich merke.“

„Und für die Berechtigung, die Uniform der glorreichen deutschen Armee zu tragen,“ vollendete Kramer mit schlauem Blinzeln, „für diese Berechtigung müßte noch ein hübsches Landgut darauf kommen. Anders thäte ich es nicht – auf keinen Fall.“

„Nun habe ich genug des Unsinns, Du unverschämter Patron. Mache, daß Du fortkommst! Ich will die Stube schließen.“ – –

Als Max einige Minuten später an der langen, rothen Mauer des Fabrikhofes hinging, die noch die Sonnengluth des heißen Tages ausströmte, mußte er noch einmal an das eben geführte Gespräch zurückdenken.

„Es ist richtig,“ sagte er zu sich, „alle meine Freunde sehen meine letzte Hoffnung nur in einer reichen Heirath. Wird mir denn wirklich kein anderes Mittel übrig bleiben? Ich habe es immer für ein unveräußerliches Menschenrecht gehalten, seine Lebensgefährtin nach seinem Herzen zu wählen. Muß ich mir dieses Recht durch die Ungunst der Verhältnisse verkümmern lassen? – Muß ich wirklich auf den Nutzen als auf das einzige Ziel meines Strebens und auf das Geld als den Gott hinblicken, dem ich jedes Opfer bringen muß, selbst das meines Glückes? Der Kampf, den ich kämpfe, fordert den ganzen Menschen, aber ich zweifle, daß der Sieg, wenn ich ihn erringe, der Opfer werth ist, die er gekostet. Und doch treibt die Nothwendigkeit mich vorwärts, die Nothwendigkeit, meine Pflicht gegen den Mann zu erfüllen, der mir einen Theil seines Vermögens anvertraut hat – für einen wackeren jüngeren Bruder zu sorgen und die Zukunft einer geliebten Schwester sicher zu stellen. Aber trotz dieses guten Zweckes sträubt sich ein Etwas in mir gegen diesen Schritt. Es ist nicht allein der Gedanke, eine Geldheirath schließen, mich des Vermögens eines Mädchens bemächtigen und sie selbst nothgedrungen mit in den Kauf nehmen zu müssen. Der Grund, der mich zurückschreckt, liegt tiefer. Es ist die Erkenntniß, daß für mich in dieser Ehe kein Glück zu erhoffen ist. Mein Herz lehnt sich auf gegen die reiche glänzende Erbin, die mich heute mit ihrer Gunst so auffällig beglückt hat. Ich fühle es, daß kein Zug der Sympathie mich zu ihr hinzieht. Welch eine herrische, anspruchsvolle Frau wird sie werden, herrisch und anspruchsvoll selbst in ihrer Liebe! Und wenn ich die Consequenzen ziehe – auf der einen Seite diese glühende, leidenschaftliche, an keine Selbstbeschränkung gewöhnte Natur mit dem heißen, französischen Blute in den Adern und dem ungezähmten heißen Lebensdrange in der Brust – und auf der anderen Seite kühle Abwehr – eisige Reflexion! – Gieb Acht, Max, was Du thust! Das kann eine Ehe werden, in der Mannesstolz und Manneswürde, Muth und Selbstachtung in die Brüche gehen.“ –

Er hatte während dieses Selbstgespräches eine kleine Pforte in der Gartenmauer erreicht, die er mit einem Schlüssel rasch öffnete. Tief aufathmend trat er von der dürren, staubigen Fahrstraße in den schattigen, kühlen Garten. Hier umgaben ihn wohlthuende Stille und Frische. Unter einer Gruppe breitästiger Linden luden zierliche Gartenmöbel zur Ruhe ein, und einige auf einem Tische umherliegende Gegenstände bekundeten, daß man diesen Platz kürzlich benutzt hatte – ein leichter Strohhut mit blauen Bändern, ein Arbeitskästchen mit kleinen, zierlichen Geräthschaften, daneben eine jener hübschen Frauenarbeiten, bei deren Anblick man unwillkürlich an die geduldigen, kleinen Finger denken muß, die daran genäht haben. Aus dem Arbeitskästchen strömte ihm, als er sich zu diesem kleinen Kunstwerke von Perlmutter, Stahl und Seide niederbeugte, ein feiner Veilchenduft entgegen. Plötzlich richtete er sich in die Höhe und zuckte zusammen. Leise Tonwellen waren, vom Abendwinde getragen, zu ihm gedrungen. Eine schöne Stimme sang ein Lied, dessen ernste, weiche Melodie sich schmeichelnd an sein Ohr legte. Noch war er zu weit vom Hause entfernt, um die Worte verstehen oder die Sängerin erkennen zu können. Aber je näher er kam, desto reicher und herrlicher quollen ihm die Töne entgegen; in der Stille des Abends wirkten sie mit einer Gewalt auf ihn, die ihn im Innersten erbeben machte. Jetzt erkannte er das Schubert'sche „Ave Maria“, und als er lauschend unter den Fenstern des Saales stehen blieb, vernahm er auch deutlich die Worte:

Wir schlafen ruhig bis zum Morgen,
Ob Menschen noch so grausam sind;
O Jungfrau, hör' der Jungfrau Sorgen,
O Mutter, hör' dein betend Kind!

Es war eine wunderbar süße Stimme, welche die Strophe sang; sie führte ihm das Bild des schönen Mädchens vor Augen, das er heute wiedergesehen, und an das er seit dem ersten Begegnen öfter gedacht, als er es sich selbst gestehen mochte. Die Sängerin drinnen konnte ebenso gut die glänzende junge Erbin sein, die er heute kennen gelernt, aber beim Ton dieser Stimme schweifte keiner seiner Gedanken zu ihr ab. Die Ueberzeugung stand fest in ihm, daß nicht sie, sondern Hanna die Sängerin sei, daß er Hanna drinnen bei seiner Schwester treffen würde. Die unaussprechliche Lieblichkeit des Tones entsprach so vollständig der Harmonie ihrer ganzen Erscheinung, daß er hierüber keinen Zweifel hegte.

Er verweilte draußen, bis das Lied beendet war. Dann hörte er, wie die Sängerin sich vom Flügel erhob und Marie ihren Dank aussprach. Und als er schnell die Treppe emporstieg, traten beide Mädchen, Arm in Arm, ihm oben auf dem Balcon entgegen. Herr Kayser folgte ihnen.

[762]
10.

„Nun, da sind Sie endlich,“ sagte Kayser. Reinhardt's Hand herzlich schüttelnd. „Sie haben sich nicht als ebenbürtiger, gleichgesinnter Bruder Ihrer glücklichen Schwester gezeigt. – Wir haben länger als eine halbe Stunde auf Sie warten müssen.“

„Pflicht geht über Vergnügen, wie Sie wissen. – Ich wollte den Schluß der Fabrik abwarten.“

„Es hat sich doch Nichts ereignet?“

„Durchaus Nichts! – Ich sehe, Sie haben meiner Schwester die Freude gemacht, Fräulein Kayser ihr zuzuführen.“

„Ja!“ sagte Marie heiter, „auch weiß ich bereits, daß ich nicht mehr vorstellen darf, da die Bekanntschaft schon ohne mich gemacht worden.“

Max verbeugte sich und reichte Hanna die Hand zum Gruße. Als er, vor ihr stehend, sein Auge auf ihr ruhen ließ, da wirkte ihre ganze Erscheinung, der Blick, mit dem sie zu ihm aufschaute, das Lächeln ihres Mundes und die leise, anmuthige Bewegung des zierlichen Kopfes, mit einer sympathischen Macht auf ihn, die ihm das Blut in heißen Wellen zum Herzen trieb. Er gab sich nicht Rechenschaft, worin dieser Zauber bestand. Das aber fühlte er, daß er nicht allein in der Schönheit des Mädchens lag, sondern daß Alles an ihr die höchsten Ansprüche seines Geschmackes befriedigte.

„Ich hätte gewünscht, Sie wären dabei gewesen, Reinhard, als diese beiden jungen Damen sich gegenseitig ein Bischen auf den Zahn fühlten,“ sagte Kayser lachend. „Sie haben sich Beide als gute Diplomaten gezeigt. Zuerst war es ein leises Sondiren, verbunden mit einem vorsichtigen Verschweigen der eigenen Meinung. Dann wurde man wärmer und rückte unverblümter mit seinen Ansichten heraus. Und zuletzt war es ein jubilirendes Zusammenstimmen – ich sage Ihnen, die reinste Harmonie, mein Junge – Alles stimmte, jedes Wort der Einen fand ein Echo im Busen der Anderen. Und ich habe aus der Unterhaltung auch Nutzen gezogen. Ich habe mich belehren lassen, daß Beethoven größer ist, als Alles was vor ihm und nach ihm gelebt hat, daß Heyse der Held des Tages ist für Alles, was Frau heißt, daß ein blasses Himmelsblau – –“

„Sie Spötter mögen noch hinzufügen,“ fiel Marie ihm schnell in's Wort, „daß wir Beide, Hanna und ich, auf Grund dieser Uebereinstimmung beschlossen haben, gute und treue Nachbarschaft zu halten und, ohne uns von Ihrem Spotte abschrecken zu lassen, gemeinsam das Studium unserer Lieblingsautoren und Componisten zu treiben. Zwar weiß ich,“ fügte sie mit einen leisen, boshaften Lächeln hinzu, „daß diese Beschäftigungen sehr gegen Ihre Ansichten von Frauenbestimmung verstoßen, aber ich hoffe, Sie werden uns nicht hindernd in den Weg treten, da es auf etwas mehr oder weniger unnützen Plunder in einem so verpfuschten und verfehlten Dasein, wie es das unsrige ist, kaum ankommen kann.“

„Sie haben ein verdammt gutes Gedächtniß, Fräulein Marie.“

„Ich hoffe Sie noch oft davon zu überzeugen, verehrter Herr. Ich habe mir eine kleine Blumenlese der liebenswürdigsten und anmuthigsten Ihrer Aussprüche gemacht, und es soll mir eine ganz besondere Freude sein, dieselben dem Dunkel der Vergessenheit zu entziehen. Sie sollen erfahren, welche pietätvolle Schülerin Sie an mir haben.“

„Sie sind heute sehr grausam, Fräulein Marie. Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie ein so hartes Herz haben.“

„Ein englischer Chronometer, Herr Kayser, hat gar kein Herz, weder ein hartes noch ein weiches. In seinem Innern bewegt sich nur ein Pendel mit regelmäßigem Ticktack. – Aber da fällt mir ein, daß ich Gefahr laufe, den Ruhm meiner Pünktlichkeit zu verlieren, wenn ich jetzt länger mit dem Thee zögere. Ich habe draußen unter den Linden auftragen lassen – bitte, wollen wir gehen?“

[763] Sie nahm seinen ihr dargebotenen Arm mit einen Lächeln an, das ihn ihre Grausamkeit vergessen ließ. Mit Selbstgefühl führte er sie den Weg entlang; das andere Paar folgte. Auf Hanna’s Gesicht hatte während dieses Gespräches ein sonniges Lächeln geschwebt, und allerlei Gedanken bewegten sich in ihrem Köpfchen. Wäre es möglich, sollte der Onkel wirklich ein ernstes Interesse für seine hübsche, anmuthige Nachbarin fühlen – derselbe Onkel, dessen kurze, barsche Briefe ihn ihr als einen Weiberfeind, einen Brummbär hatten erscheinen lassen?

Als man den Lindenplatz im Garten erreicht hatte, war im Westen die Sonne bereits versunken. Aber der Widerschein ihrer Gluthen färbte die weißen Wölkchen, die hoch oben im tiefen Blau dahinsegelten, mit rosigem Lichte. Auf dem höchsten Zweige eines Tulpenbaumes saß ein Vögelchen und sang der Sonne ein Jubellied nach, und hoch über der Erde schossen noch einige Schwalben in Zickzacklinien hin und her, als könnten sie sich nicht losreißen von so viel Glanz und Schönheit, als wollten sie die Freuden des wonnigen Tages bis auf den letzten Tropfen auskosten.

Hanna’s Leben war bisher so ruhig und eintönig verflossen, sie hatte so wenig gesellige Freuden kennen gelernt, daß Alles, was ihr hier geboten wurde, für sie ein neuer, ungekannter Genuß war. Mariens heitere Laune regte auch sie an. Muntere Scherzworte flogen herüber und hinüber, und wenn auch zuweilen Hanna’s Augen sich hinter ihrer dunklen Wimper verbargen und sie unter dem ernsten, ausdrucksvollen Blicke, der auf ihr ruhte, sich plötzlich von einer wunderbaren, zugleich süßen und doch bangen Befangenheit ergriffen fühlte, welche sie oft verstummen machte, so war doch durch Mariens belebte Unterhaltung dafür gesorgt, daß keine Pause im Tischgespräche entstand. Als man sich in bester Laune erhob, war selbst der letzte Schimmer des Tageslichtes schon lange verschwunden, und über die Bäume war der Mond heraufgekommen und lugte durch das Geäste, silberne Lichter über Rasen und Weg streuend. Kayser, der kein Freund von Abendkühle und Thau war, mahnte zur Rückkehr in’s Haus, und Max, der hoffte, Hanna noch einmal singen zu hören, stimmte lebhaft bei.

„Ich möchte Sie wohl um Rath fragen, Fräulein Marie,“ sagte Kayser, als man wieder in den von mildem Lampenlichte erhellten Saal getreten war, „denn ich wüßte in der That Niemand, von dem ich mir so gern wie von Ihnen rathen ließe. Sie sagten mir, daß die Kleine ein großes Musikgenie sei – nicht wahr? Ich halte es daher für meine Pflicht, ihr jede Gelegenheit zur Ausbildung dieses Talentes zu gewähren. Sie soll, da sie jetzt länger bei mir bleiben wird, einen Flügel haben. Bitte, was meinen Sie – Erard oder Bechstein?“

„Herr Kayser, ich muß mich höchlich über Ihre Inconsequenz wundern.“

„Wundern Sie sich immerhin, aber antworten Sie mir: Erard oder Bechstein?“

„Ich weiß nicht – beide Arten gelten für gleich gut.“

„Ich habe es mir aber in den Kopf gesetzt, daß Sie darüber bestimmen sollen.“

„Fragen Sie doch Ihre Nichte, Herr Kayser!“

„Setzen wir den Fall, Sie hätten für sich zu wählen – Erard oder Bechstein?“

„Nun denn: Bechstein!“ sagte Marie lachend.

„Abgemacht – aber ich bin noch nicht zu Ende. Sehen Sie, es wird kaum anders angehen – da doch die Kleine bei mir ist – ich muß hin und wieder Damenbesuch bei mir sehen.“

„Ich fürchte, Sie werden ‚die Kleine‘ so verwöhnen, Herr Kayser, daß ihr die Pension hernach etwas unschmackhaft erscheinen wird.“

„Vielleicht läßt es sich einrichten, daß sie bei mir bleibt, wenigstens so lange, bis sich eine gute Versorgung für sie findet. Allerdings müßte dann in meinem Haushalte eine Veränderung getroffen werden. Denn Hanna ist noch zu jung, um selbstständig die Hausfrau zu spielen.“

Er heftete bei diesen Worten seine Augen unter seinen buschigen Brauen hervor so scharf auf seine Gesellschafterin, daß der geheime Sinn, welchen er mit dieser Andeutung verband, auch einem unbefangeneren Zuhörer, als Marie es war, nicht unverständlich hätte bleiben können. Sie aber hielt den Blick tapfer aus – sie hatte nicht die Absicht, sich durch das Gefühl der Dankbarkeit auch nur zum geringsten Entgegenkommen bewegen zu lassen. Ihr Frauenstolz sträubte sich gegen den Gedanken, daß ihr reicher Nachbar durch den ihr und ihrem jüngeren Bruder geleisteten Dienst sich vielleicht zu Ansprüchen an sie und ihre Person könnte berechtigt fühlen, oder daß er doch wenigstens auf Grund dieses Dienstes eine schnelle Gewährung nach einer mühelosen Werbung voraussetzen könnte.

„Glauben Sie doch das nicht!“ entgegnete sie daher unverändert freundlich und heiter, „viele Mädchen heirathen schon mit achtzehn Jahren und werden gute und umsichtige Hausfrauen. Ich prophezeie Ihnen, daß Ihre Nichte Ihren Haushalt zu Ihrer höchsten Zufriedenheit führen wird. Man merkt es ihr leicht an, daß sie trotz ihrer Jugend an Pflichttreue gewöhnt ist.“

„Aber sie ist zu jung und unerfahren,“ sagte er ungeduldig.

„Das ist ein Fehler,“ antwortete sie, „der mit jedem Tage mehr verschwindet. Uebrigens werde ich ihr gern mit Rath und That zur Seite stehen, wenn ihr und Ihnen dadurch ein Dienst geschieht.“

„Nun, das ist Etwas, wenn auch noch sehr wenig,“ entgegnete er wieder etwas freundlicher gestimmt. „Und das Erste, wofür ich Ihrer Rath in Anspruch nehmen möchte, wäre die Einrichtung einiger Zimmer, für die ich frische Tapeten und neue Möbel anzuschaffen gedenke. Ich werde Sie jetzt hoffentlich auch einmal bei mir sehen – dann sprechen wir wohl ausführlicher darüber.“

„Sehr gern, obgleich Ihre Nichte das ebenso gut könnte.“

„Lassen Sie mich mit der Kleinen in Ruhe! Sie ist ein Kind, mir ist aber nur ein Urtheil einer Frau zu thun.“

„Gut,“ sagte Marie lachend. „Nun aber bitte ich, Platz zu nehmen, Herr Kayser, denn ich gedenke ‚die Kleine‘, die übrigens genau so groß ist wie ich, noch um einige Lieder zu bitten. – Liebe Hanna! Sie wissen, was wir über deutsche Volksmelodien gesprochen haben, werden wir heute noch einige hören?“

Die Angeredete wandte sich schnell, wie plötzlich aufgeschreckt, um. Wären Marie und Kayser weniger mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt gewesen, dann hätten sie bemerken müssen, daß sich auf Hanna’s Gesicht eine tiefe Bewegung spiegelte. Mit gesenktem Haupte ging das junge Mädchen zum Flügel. Aber Max hatte den Platz an demselben schnell eingenommen, in vollen Accorden präludirend, um ihr und sich selbst Zeit zu gewähren, sich zu fassen. Er mußte sich gestehen, daß die Unterbrechung zur rechten Zeit gekommen war, denn deutlicher, als er es bei ruhigem Blute billigen konnte, hatte er den Eindruck gezeigt, den sie auf ihn ausgeübt. Er machte sich bittere Vorwürfe darüber; denn durfte er daran denken, die Zukunft eines jungen, für Freude und Glück geschaffenen Wesens an sein sorgenvolles Leben zu knüpfen? Hatte er ein Recht, seinem Herzen zu folgen? Besitzt in dieser Welt des socialen Elends dieses Recht nicht nur ein reicher Mann? Er durfte nicht an Liebe, er mußte nur an Pflichten denken, und in diesem Falle war seine Pflicht identisch mit: Geld! Ein heftiger Sturm ging durch sein Gemüth, und die Töne, welche er dem Instrumente entlockte, gaben Kunde davon. Einige Schritte von ihm entfernt stand Hanna, mechanisch in den Notenbüchern blätternd. Ihre Hand bebte noch von dem Kusse, den er darauf gedrückt, und noch fühlte sie das geschwinde Zittern ihres Herzens, verursacht durch seinen Blick, seine Worte und den Ton seiner Stimme.

Während Marie und Kayser am jenseitigen Ende des Zimmers eine lebhafte Conversation geführt, hatte zwischen Hanna und Max eine Zeitlang ein Stillschweigen geherrscht, wie es oftmals da stattfindet, wo das lebhaft erregte Gefühl sich nicht schnell in die ruhige conventionelle Form zu finden weiß. Das junge Mädchen war an einen Tisch getreten und hatte sich über die Bücher und Bilderwerke, welche darauf lagen, gebeugt. Er hatte neben ihr gestanden, mit den Augen der Bewegung der schlanken Finger folgend, die schneller, als ein kunstverständiger Beobachter es gebilligt hätte, die Blätter des Albums umschlugen. Von der Hand war sein Blick emporgestiegen zu dem holden Gesichte und war auf den gesenkten Lidern und der dunklen Wimper haften geblieben. Da hatte sie plötzlich voll und groß den Blick zu ihm aufgeschlagen und auf den Kupferstich in ihrer Hand gewiesen.

„Ehrenbreitstein –“ sie hatte nicht weiter sprechen können; [764] die Stimme hatte ihr versagt und dunkle Gluth ihre Wange bedeckt, als sie seine Augen – und es waren die beredtesten, die sie je gesehen – mit einem nicht mißzuverstehenden Ausdrucke der Bewunderung auf sich gerichtet sah.

„Ja, Ehrenbreitstein!“ hatte er gesagt, sich tief zu ihr niederbeugend. „Mir knüpfen sich an diesen Namen Erinnerungen, die mir stets unvergeßlich sein werden. Wie unzählige Male habe ich an den Tag zurück gedacht, der uns zusammenführte! Wie oft habe ich gewünscht, Ihnen wieder zu begegnen! Und als ich Sie heute traf und meine stille Hoffnung, Sie als die Nichte meines Nachbars wiederzusehen, bestätigt fand – wie könnte ich Ihnen das Gefühl des Glückes beschreiben, das mich da ergriff, wie Ihnen die Freude schildern, die ich bei dem Gedanken empfand, Sie Wochen, vielleicht Monate lang in meiner Nähe zu wissen! Sagen Sie mir, Hanna, ob auch Ihnen diese Aussicht Freude macht, ob auch Sie noch jenes Tages auf dem Rheine gedenken?“

Er hatte leise und mit einer Stimme gesprochen, welcher man seine innere Bewegung anhörte. Sie hatte nicht zu antworten vermocht, aber das Geheimniß, welches ihre Lippen verschwiegen, hatte er in ihren Augen gelesen. Wie es gekommen war, wußte sie nicht, aber ihre Hand hatte in der seinigen geruht. Er hatte sie festgehalten, als wollte er sie nicht wieder loslassen. Es war, als fühlte sie noch den Kuß, den er darauf gedrückt, und als er sich noch näher zu ihr niedergebeugt, da hatte Marie ihren Namen gerufen, und wie aus einem schönen Traume waren sie emporgefahren.

„Ja,“ sagte Kayser, „deutsche Volkslieder! Das ist ja wieder so ein Punkt der Uebereinstimmung zwischen Ihnen und Hanna, den ich vergessen habe zu erwähnen. Aber wenn wir noch einige hören sollen, muß es bald geschehen – es wird Zeit, Sie von Ihren Gästen zu erlösen.“

Seine Laune hatte sich sichtlich verschlechtert, und in seinem Gesichte kam wieder der mißmuthige Zug zum Vorschein, den Marie schon oft genug an ihm kennen gelernt hatte. Sie sah ein, daß sie versuchen mußte, ihn zu versöhnen.

„Erlösen?“ sagte sie kopfschüttelnd. „Sollte es mir wirklich so wenig gelungen sein, Ihnen meine Freude über Ihren und Hanna’s Besuch zu zeigen?“

„Der Anfang mag möglich gut gewesen sein, das Ende aber scheint so werden zu wollen wie gewöhnlich: nicht zum Wiederkommen auffordernd.“

„Wenn Sie sich freundlichst erinnern wollen, so werden Sie finden, daß niemals ich diejenige gewesen bin, die Veranlassung zum Unfrieden gegeben hat.“

„Ja, Sie waren es doch. Sie haben mich systematisch gekränkt und geärgert; Sie haben mir stets eine ruhige, kühle Höflichkeit gezeigt, niemals eine Spur von Herzlichkeit.“

„Lieber Herr Kayser, ein Chronometer –“

„Zum Henker mit dem Chronometer! Ist Ihr Gedächtniß denn so construirt, daß es nur Raum hat für Worte, die ich im Mißmuth gesprochen?“

„Nein,“ sagte Marie, mit mehr Ernst als bisher sprechend, „es bewahrt auch gute Worte und treue Freundeshandlungen auf. Und deshalb lassen Sie mich Ihnen sagen, daß Sie auf meine Dankbarkeit und Freundschaft stets bauen können. – Da geht auch Max endlich zu einer etwas weniger stürmischen Musik über – es scheint, als ob in seine schrillen Dissonanzen endlich Harmonie kommen will. Ach, unser Lieblingslied, Hanna: ‚Ich hatt’ Dich kaum geseh’n.‘“

Max war nach und nach in die ansprechende Melodie dieses Volksliedes übergegangen und begleitete dann Hanna’s Gesang. In der Nähe gehört, machte ihre Stimme einen noch tieferen Eindruck auf ihn. Jeder Ton perlte silberrein hervor; jeder Klang war von wundervoller Lieblichkeit. Aber er zwang sich dazu, die Sängerin nicht anzusehen. Als die letzten Worte des Liedes:

„Du hast das Herze mein
So ganz genommen ein;
Es zittert in Deiner Hand;
Thu’ ihm kein Leid!“ – –

verklungen waren, erhob er sich rasch vom Flügel und trat auf den Balcon hinaus. Auch über Hanna’s sonnige Heiterkeit hatte es sich wie ein düsterer Schleier gebreitet. Sie hörte nur mit halbem Ohre hin, als Marie um baldige Wiederholung ihres Besuches bat, und auf die Bitte ihres Onkels auch den ihrigen für die nächsten Tage zusagte. Als der Wagen gemeldet und Hanna’s Hut und Shawl gebracht wurde, trat Marie zu ihr, um sie warm einzuhüllen.

„Und nun wollen wir nicht sagen: lebewohl, sondern: auf frohes Wiedersehen!“ sagte sie, während sie das junge Mädchen herzlich küßte. „Ich wünschte von Herzen, Hanna, daß Sie mich lieb gewinnen könnten – ich wünschte, es gelänge mir, Ihnen mit der Zeit mehr zu werden, als eine oberflächliche Bekanntschaft.“

Hanna’s Herz war ein dankbarer Boden für solch’ liebevolle Worte. Sie erwiderte Mariens Entgegenkommen mit gleicher Herzlichkeit. Aber während ihr Mund lächelte, schauten ihre Augen doch ernster, als vorher. Als Max seinen Gästen beim Einsteigen geholfen hatte und ihnen zum Abschiede die Hand in den Wagen reichte, blickte Hanna schüchtern zu ihm auf. Aber sie begegnete nicht wieder jenem Blicke, der ihr Herz in freudigem Schreck hatte schlagen lassen. Sein Auge blickte ruhig und ernst. Ein plötzliches Frösteln durchrieselte sie – sie zog den Shawl fester um sich.

„Hülle Dich nur warm ein, Kind!“ sagte Kayser. „Es ist kalt geworden; wir bekommen anderes Wetter.“ – –

„Welch reizendes Mädchen diese Hanna Kayser ist!“ sagte Marie, als ihr Bruder wieder zu ihr in’s Zimmer trat. „Wie kommt es nur, daß Du Eurer Bekanntschaft früher nie erwähnt hast?“

„Habe ich das nicht? Ich dächte doch, ich hätte Dir davon gesprochen,“ entgegnete Max einsilbig, während er langsam auf und nieder schritt.

Marie ließ das Gespräch fallen und beschäftigte sich einige Minuten schweigend mit dem Ordnen des Zimmers. Als aber der Flügel geschlossen war und Noten und Bücher wieder in bester Ordnung lagen, trat sie entschlossen zu ihm heran.

„Ich habe ein Geheimniß vor Dir, Max, und ich sehne mich danach, es Dir mitzutheilen.“

Er blieb stehen und blickte sie an.

„Was ist’s?“ fragte er dann. „Ist es etwas zwischen Dir und Kayser?“

„Ja, Max, aber –“

„Magst Du ihn leiden, Marie?“

„Es ist nicht das; es ist nicht das,“ entgegnete sie hastig und erröthend. „Es handelt sich nicht um Liebe, Max – es handelt sich um Geld.“

Sie sah nicht, daß ein schmerzliches Lächeln um seine Lippen spielte, als sie ihm in hastigen Worten von dem Freundschaftsdienste Kayser’s erzählte.

„Ich konnte nicht anders, Max,“ schloß sie ihren Bericht, „ich konnte den armen Jungen nicht ohne Hülfe lassen. Jetzt aber, da ich die Sicherheit habe, daß ihm geholfen werden wird, jetzt fällt es mir schwer auf’s Herz, daß ich ein Geheimniß vor Dir habe. Ich hoffe indeß zuversichtlich, daß die Verbindlichkeiten, die ich gegen Kayser eingegangen bin, Deine Sorge nicht noch vergrößern werden.“

„Eine Sorge, und zwar eine große macht mir Deine Mittheilung dennoch. – Also Richard hat wieder Schulden gemacht? – Wie soll das enden, Marie, wenn er, auf Deine Güte bauend, fortfährt, mehr auszugeben, als er darf?“

„Ich fürchte das nicht, Max! Aus seinem Briefe spricht eine so ernste, tiefe Dankbarkeit, so aufrichtige Reue über das Geschehene, daß – ich bin davon überzeugt – ein Rückfall nicht wieder eintreten wird. Du sollst seinen Brief lesen. Noch niemals hat sich sein ehrliches, gutes Herz so deutlich offenbart, wie bei dieser Gelegenheit. Der ernste Geist, der durch seine Worte weht, hat mich bis zu Thränen gerührt. Er macht Andeutungen, die mich sehr nachdenklich gestimmt haben.“

Sie holte aus dem Nebenzimmer einen offenen Brief herbei, den sie ihrem Bruder hinreichte. Während er ihn las, blickte sie ihm über die Schulter, hin und wieder eine Stelle bezeichnend, auf welche sie seine besondere Aufmerksamkeit lenkte. Zuweilen lächelten Beide während des Lesens; dann, als Max das Papier zusammenfaltete, sagte Marie:

„Es unterliegt keinem Zweifel, daß es sich diesmal nicht um eine seiner flüchtigen Galanterien handelt. Aus jedem Worte [765] geht hervor, daß es eine ernste Liebe ist, für die er auf eine ebensolche Gegenliebe hofft, wenn er nicht deren bereits sicher ist. Ist dies der Fall, dann werden wir wohl bald Näheres darüber erfahren.“

„Es scheint mir, als walteten Umstände ob, die ein vorläufiges Geheimniß zur Pflicht machen,“ sagte Max bedenklich. „Spätestens zu Ende dieses Jahres hofft er ganz offen über sein Glück mit uns sprechen zu können. – Nun, ich wünsche dem lieben Jungen den besten Erfolg.“

„Sie muß entweder von vornehmer Geburt oder von großem Vermögen sein,“ sagte Marie, wieder in den Brief blickend. „Ich lese dies aus folgendem Passus heraus – höret: 'Nur eine tiefe und innige Liebe und der edle, großherzige Charakter des Weibes können einen Mann damit aussöhnen, der Empfangende – nicht der Gewährende zu sein.'“

„Ja, er schreibt das, und ich gebe ihm darin Recht. Zwingen aber die Verhältnisse zu einer reichen Partie, selbst ohne Liebe, dann, fürchte ich, wird ein stolzer Mann eine unheilbare Wunde empfangen, die für das Glück seiner Ehe sehr verhängnißvoll werden kann. – Was schaust Du mich so fragend an, Marie? Ein armes Mädchen kann ohne Schaden für ihr eheliches Glück einen reichen Mann heirathen, denn für sie liegt nichts Demüthigendes darin, die Empfangende zu sein. Ist der Mann doch naturgemäß dazu verpflichtet, für seine Familie zu sorgen.“

Er beugte sich, als er so sprach, zu ihr nieder, um ihre Stirn zu küssen, dann trennten sie sich. – –

Als Max, ehe er sich zur Ruhe legte, die Straße entlang ging, um nachzusehen, ob in der Fabrik und im Dorfe Alles ruhig sei, da dachte er noch einmal über das heute Erlebte nach, und klarer als je stand vor seiner Seele, daß er nicht noch ein Wesen, das er liebte, in seine Sorgen hineinziehen dürfe. „Es wäre Wahnsinn, wenn ich meiner Schwäche nachgeben würde – Wahnsinn, ein Haus auf so schwankendem Grunde zu erbauen. – Soll ich sie, die ich liebe, vielleicht nach wenigen Jahren verkümmert und gebrochen sehen unter der Last der Sorgen, die ihr an seiner Seite bevorstehen? Immer besser ein muthiges Entsagen, als ein langes Elend! – Ich sehe es ein, mir bleibt nur die Wahl zwischen einem ehelosen Leben – oder einer reichen Heirath.“

[769]
11.

Die neuen Maschinen waren unter militärischer Bedeckung sicher und glücklich im Fabrikhofe angelangt, aber noch standen sie in der Verpackung, wie sie angekommen waren, und für’s Erste war auch keine Aussicht vorhanden, sie in Gang zu bringen. Denn der Kampf, welcher zwischen den Arbeitern und dem Arbeitgeber herrschte, war in eine neue Phase getreten. Es schien, als hätte man sich überzeugt, daß die Mittel, welche man bisher angewandt, nicht die richtigen gewesen waren und daß man zu anderen Waffen greifen müsse, wenn es gelingen sollte, den verhaßten Preußen empfindlich zu treffen oder, was noch besser war, ganz zu beseitigen. Seit einigen Tagen waren die Arbeiten in der Fabrik eingestellt worden. Die Glocke, welche die Arbeiter Morgens zu ihrem Tagewerke rief, hatte vergebens geklungen. Keiner hatte ihr Folge geleistet. Der Strike war demnach zu vollem Ausbruche gekommen und somit schwere Verluste für den Besitzer unabwendbar.

Es waren trübe und sorgenvolle Tage für Reinhard, die Tage, welche diesem Ereignisse folgten. Er hatte den Schlag langsam herannahen sehen und war doch nicht im Stande gewesen, ihn abzuwehren. Die neuen Maschinen, die es ihm möglich gemacht hätten, die unruhigsten und aufsässigsten Köpfe unter seinen Leuten zu entlassen und nur diejenigen beizubehalten, die er als ruhig und zuverlässig erkannt hatte, waren zu spät angelangt. Jetzt, da sich auch diese zu offener Widersetzlichkeit hatten hinreißen lassen, lag eine solche Sonderung nicht mehr in seiner Hand. Er mußte abwarten, ob sie vielleicht durch eigenes Nachdenken wieder auf den rechten Weg kommen würden, aber seine Hoffnung darauf war nur schwach. Er wußte nur zu gut, daß die Unzufriedenheit mit den Löhnen nur den Vorwand bieten mußte, und daß der eigentliche Grund in dem Hasse gegen die Nation lag, welcher er angehörte. In der ganzen Gegend herrschte schon seit lange ein Geist der Unzufriedenheit und Widersetzlichkeit gegen Alles, was deutsch war. Die ganze Bevölkerung – und sie bestand vorwiegend aus Fabrikarbeitern – schien entschlossen, bei der nächsten Gelegenheit in offene Empörung auszubrechen. Das Leben und das Eigenthum aller Deutschen war bedroht, und ihre Lage wurde mit jedem Tage gefährlicher. Bei diesem Stande der Dinge hätte auch der Muthigste einsehen müssen, daß die Kraft des Einzelnen zum Schutze nicht ausreichte.

Es war daher eine von sämmtlichen deutschen Besitzern des Elmslebener Districts unterzeichnete Bittschrift an die zuständige Behörde abgegangen, in welcher man dringend um ein Militärdetachement gebeten hatte. Die Antwort hatte zustimmend gelautet, und man konnte demnach die Ankunft der zugesagten Mannschaft in der nächsten Zeit erwarten. Aber welche Gewaltthätigkeiten konnte man bis dahin erfahren haben!

Dies alles hatten die beiden Männer – Max und Kayser – besprochen, als sie im Comptoirzimmer des Ersteren auf- und niederschritten. Das Gespräch war ernst gewesen, hatte aber seltsamer Weise nicht wieder zu jenen scherzhaft gemachten und ernst gemeinten Vorwürfen geführt, mit welchen in früherer Zeit Kayser dergleichen Verhandlungen zu beschließen pflegte. Im Gegentheil, seine Stirn war heiter geblieben bis zuletzt, und als er jetzt seine Handschuhe anzog und sich zum Gehen anschickte, spielte sogar ein Lächeln um seine Lippen.

„So wird es am besten sein,“ sagte er, nochmals stehen bleibend, „drei Männer – Sie, der von seinen Verletzungen wieder hergestellte Jantzen und Kramer – sind in der That nicht ausreichend, beides, Fabrik und Wohnhaus im Fall der Noth zu vertheidigen. Es ist also das Klügste, letzteres aufzugeben, damit man seine Kräfte nicht zersplittere. Die werthvollsten Sachen bringen Sie verabredetermaßen in die Fabrik. Und was Ihre Schwester anbelangt, so macht sie heute entweder Hanna oder Paula einen Besuch und wird durch irgend einen Vorwand daselbst zurückgehalten. Meine Mündel werde ich in’s Geheimniß ziehen. Sie kennt weder Angst noch Nervenzufälle und wird uns ein guter Verbündeter sein.“

Er reichte Max die Hand und machte einige Schritte gegen die Thür. Aber er hatte augenscheinlich noch Etwas auf dem Herzen, denn ehe er sie erreicht hatte, blieb er wieder stehen.

„Sehen Sie, mein Junge,“ sagte er, „ich hatte mir eigentlich vorgenommen, in Ihre Angelegenheiten ferner kein Wort mehr hineinzureden. Aber Sie sind mir persönlich zu lieb geworden, als daß ich’s lassen könnte. Es ist mir schon oftmals eingefallen, daß über Sie ein ganz absonderliches Fatum herrscht, das stets das Zusammenwirken günstiger Umstände verhindert hat. Zuerst bei dem Kaufe der Fabrik waren die Conjuncturen gut, aber die Waare fehlte Ihnen; dann waren die Arbeiter da, aber die Maschinen waren alt und – wie ich ja selbst eingestehen muß – leisteten nicht genug. Nun hat sich das geändert. Jetzt sind Tuche in Menge und treffliche Maschinen neuester Construction vorhanden, aber für das Eine fehlt der Absatz und für die anderen die Hände, sie in Gang zu bringen. Ziehen Sie eine Lehre daraus! Lassen Sie sich jetzt die günstigste aller Conjuncturen, die sich Ihnen bietet, nicht wieder entschlüpfen! Ein Vermögen, [770] wie man so bald ein zweites nicht findet, liegt für Sie da, Sie dürfen nur die Hand ausstrecken, sich nur danach bücken – und Sie können auch nur einen Augenblick zögern, zuzugreifen?“

„Aber, lieber Freund, was muthen Sie mir zu!“ sagte Max ungeduldig. „Sie können doch nicht von mir verlangen, daß ich so alles Zartgefühl verleugnen soll, einer Dame einen Antrag zu machen nach einer so flüchtigen Bekanntschaft. Ein Heirathsantrag ohne vorhergegangene Werbung! Ebenso gut könnte ich Ihrer Mündel die Pistole auf die Brust setzen und das Leben oder die Börse fordern.“

„Zartgefühl! Werbung!“ sagte Kayser, die Unterlippe vorstreckend. „Wenn ich Ihnen aber sage, daß man Ihnen dergleichen subtile Präliminarien gern erläßt?“

„Ich aber kann sie mir nicht erlassen. Die Achtung, die ich mir selbst und meiner künftigen Gattin schuldig bin, würde mich von einer solchen Brutalität zurückhalten.“

„Schön gesagt! Wenn ich ihr diese Worte wiederhole, so ist die Eroberung noch sicherer, als sie jetzt schon ist. – Sie sind der stolzeste, unbeugsamste Bursche, den ich gesehen habe. Auch nicht das kleinste Zugeständniß kann man Ihnen abpressen. Ich glaube, wenn ich das schönste Gut der Gegend und noch so ein Hunderttausend dazu Ihnen entgegentrüge, Sie würden sich besinnen, sie mir abzunehmen.“

„Wer weiß?“ sagte Max lachend. „Wenn Sie der Geber sind, würde sich mein Zartgefühl vielleicht weniger sträuben.“

„So? Nun, wir wollen sehen, was sich machen läßt. – Adieu, mein Junge! Es bleibt bei unserer Verabredung.“

„Natürlich,“ sagte Max, ihn bis zur Thür begleitend.

Kayser’s Schritte waren kaum auf den Steinplatten des Hofes verhallt, als Kramer eintrat mit der Nachricht, daß eine Deputation der Arbeiter draußen stehe, welche bitte, vorgelassen zu werden.

„Es sind einige der besseren Leute darunter,“ fuhr Kramer in seinem Berichte fort, „vielleicht haben sie die Absicht, einzulenken. Sie mögen erfahren haben, daß Hülfe im Anzuge ist, und wollen versuchen, was noch von Ihnen in der letzten Stunde zu erpressen ist. Was werden Sie thun, Herr Hauptmann?“

„Meine Pflicht, Kramer – unter allen Umständen: meine Pflicht! Wenn ich es mit derselben hätte vereinbaren können, bei den jetzigen Zeitläuften eine Zulage zu bewilligen, so hätte ich es nicht bis zum Aeußersten kommen lassen. – Laß die Leute eintreten!“

„Aber ich werde auch dabei bleiben, Herr. Es sind einige Gesichter dabei, die mir nicht recht gefallen wollen.“

Durch die geöffnete Thür traten fünf Arbeiter in’s Zimmer, die mit der Mütze in der Hand in einiger Entfernung von Reinhard sich aufstellten. Zwei davon waren Männer, denen man es ansah, daß sie ihr Lebelang hart gearbeitet hatten, gebeugte Gestalten, auf deren sorgendurchfurchten Gesichtern es zu lesen stand, daß ihnen die Noth des Lebens nicht fremd geblieben war. Die anderen Drei waren von anderem Schlage – kecke Gesellen mit hochgetragenem Kopfe und trotzig blickenden Augen.

„Guten Morgen, Leute!“ sagte Max, mit seiner tiefen, klangvollen Stimme ihren leisen Gruß erwidernd. „Ihr wollt mich sprechen? Was wünscht Ihr von mir?“

Einer der Männer, den man augenscheinlich schon vorher zum Sprecher gewählt hatte, trat vor, und als er vor seinem Herrn stand in einer Bewegung, die ihn einige Minuten lang am Sprechen hinderte, die arbeitsharten Hände, in denen er unentschlossen seine Mütze drehte, zitternd in der Aufregung der ungewohnten Situation – da fühlte Max trotz des Conflictes, der zwischen ihm und jenen Männern herrschte, daß ein aufrichtiges Wohlwollen, der herzliche Wunsch, ihr schweres Leben ihnen leichter gestalten zu können, in seiner Brust sich lebhafter, als je zuvor, regte.

„Sprecht, Laßmann! Was habt Ihr mir zu sagen?“ fragte er, und sein Ton klang unter der Einwirkung jenes Gefühls weicher und freundlicher, als vorher. „Es ist ein guter Gedanke, daß Ihr gekommen seid, Ihr, den ich als einen meiner fleißigsten und zuverlässigsten Arbeiter kenne und schätze.“

„Ich danke Ihnen, Herr, daß Sie das sagen,“ antwortete der Mann tief Athem schöpfend. „Aber mein Fleiß hat mir nichts geholfen, Herr. Seit Monaten führe ich ein elendes Leben – es fehlt an Allem, und doch habe ich, wie Sie selbst sagen, fleißig gearbeitet.“

„Sprecht aufrichtig, Laßmann,“ sagte Max ernst, aber nicht unfreundlich, „könnt Ihr wirklich Eure Noth den niedrigen Löhnen schuld geben, die ich, wie Ihr behauptet, zahle?“

Es entstand eine Pause nach dieser Frage. Die Beantwortung schien dem Manne nicht leicht zu werden; denn ein einfaches Ja wäre eine schnell nachweisbare Unwahrheit gewesen, und gegen das Nein sträubte sich der Wunsch in ihm, aus der Unterredung mit Max einen möglichst großen Vortheil zu ziehen. Während er noch unentschlossen und zögernd dastand, nahm einer seiner Gefährten, einer der schlimmsten Köpfe, das Wort.

„Ein Mann, der fleißig arbeitet,“ sagte er mit heiserer, widerlicher Stimme, „muß, wenn es gerecht in der Welt zugeht, so viel verdienen, wie er und seine Familie braucht.“

„Ich habe nicht Euch aufgefordert, zu sprechen, Chartin,“ sagte Max scharf. „Wartet, bis Ihr gefragt werdet! Es wird auch die Reihe an Euch zu kommen. – Uebrigens ist ‚Brauchen‘ ein sehr relativer Begriff. Wo der Mann kein Säufer, das Weib keine liederliche Herumtreiberin ist und die Kinder zur Ordnung und Arbeit erzogen sind, da wird stets so viel vorhanden sein, wie zum Leben nothwendig ist. Im entgegengesetzten Falle aber – Ihr braucht nicht weit nach einer solchen Wirthschaft zu suchen – da wird die ganze Familie in Elend und Armuth verkommen, ohne daß man den geringen Löhnen die Schuld beimessen darf.“

Er hatte in seiner gewöhnlichen Weise schnell und mit kurzer, scharfer Accentuirung gesprochen. Seine Blicke, kalt und scharf wie Stahl, ruhten auf dem Gesichte des Arbeiters, den er mit dem Namen Chartin angeredet hatte, und der sich unter diesen Blicken augenscheinlich unbehaglich fühlte. Doch fand er bald seine gewöhnliche Unverschämtheit wieder, und während die Anderen unschlüssig zur Erde blickten, trat er plötzlich einige Schritte gegen Max vor und stellte sich ihm herausfordernd gegenüber.

„Derartige Beschuldigungen auszusprechen ist leichter, als sie zu beweisen,“ fing er grob an. Allein ein gebieterisches „Schweigt jetzt!“ seines Herrn und eine kräftige Handbewegung Kramer’s, die ihn wieder in die Reihen seiner Gefährten zurücktrieb, machte ihn plötzlich verstummen. Seine herausfordernde Haltung hatte augenscheinlich die Mißbilligung seiner besser gesinnten Cameraden erregt. Denn ohne auf seinen Zorn, den er deutlich zu erkennen zu geben sich bemühte, zu achten, wandte sich Laßmann wieder bescheiden an Max.

„Sie haben wohl Recht, Herr,“ sagte er, „der Verdienst könnte reichen für eine Familie, wo Jedes an Arbeit gewöhnt ist und wo Alles ordentlich zu Rath gehalten wird. Aber man kann doch auch auf unverschuldete Weise in Elend gerathen. Wenn Zeiten der Krankheit –“

„Da kommt Ihr zu dem richtigen Punkte, Laßmann,“ unterbrach Max die zögernde Anrede des Anderen. „Ihr habt es Euch aber selbst zuzuschreiben, daß Ihr diese bittere Erfahrung gemacht habt. Hättet Ihr meinen Rath befolgt, dann wäre Eure Unterstützungscasse jetzt in dem Zustande, Euch eine wirklich ausreichende Hülfe in Krankheitsfällen zu gewähren. Aber als Ihr meinen Vorschlag verwarft, dachtet Ihr nicht daran, welchen Schaden Ihr Euch selbst zufügtet. Ihr wolltet Opposition gegen mich machen um jeden Preis, selbst um den Eures eigenen Wohls. Das Mißtrauensvotum, das Ihr mir durch Eure Weigerung gabt, habe ich leicht verschmerzen können, denn es war ein ungerechtes. Auf Euer eigenes Haupt aber fallen die Folgen schwer genug. Nun müßt Ihr tragen, was Ihr verschuldet habt; ich kann Euch nicht helfen.“

„Sie sollten uns nicht so fortschicken, Herr,“ nahm jetzt der zweite der besseren Arbeiter, Jürgot, das Wort. „Wir gehören nicht zu denen, die wenig arbeiten wollen und viel Lohn dafür verlangen. Wir wollen nicht eine Verkürzung der Arbeitszeit. Aber Alles wird theurer –“

„Dieses Uebel, Jürgot, trifft mich ebenso, wie Euch.“

„Es mögen auch für Sie harte Zeiten sein, Herr, aber für uns sind sie härter –“

„Darüber kann ich besser urtheilen, als Ihr. Ich zweifele, daß Jemand von Euch mit gleich großen Sorgen zu kämpfen hat wie ich.“

„Wir würden mit einer kleinen Erhöhung des Lohnes zufrieden sein,“ fuhr Jürgot fort.

[771] „Und ich sage Euch, daß ich nicht im Stande bin, auch nur die kleinste zu bewilligen.“

„Unsere Forderung, Herr, ist nicht unbillig und ungerecht,“ sagte Laßmann.

„In diesem Augenblicke doch! Ihr müßt es Euch selbst sagen, daß ich zu einer Zeit, wo alle Geschäfte darniederliegen, wo meine Einnahmen spärlicher fließen, als je vorher, meine Ausgaben nicht vergrößern kann. Ich wiederhole Euch, Ihr verlangt Unmögliches von mir.“

„Die Zeiten werden wieder besser werden.“

„Wir wollen dies abwarten. Es wird dann immer noch Zeit sein, Euer Verlangen in Erwägung zu ziehen.“

„In meinem Hause ist Krankheit und Elend, Herr. Soll ich ohne Hülfe heimkehren?“

„Ihr thut mir leid, Laßmann, aufrichtig leid. Daß gerade Ihr es seid, der unter den Folge Eures thörichten Beschlusses zu leiden hat, bedaure ich herzlich. – Ich wiederhole Euch heute, was ich schon damals sagte: Schafft Euch für solche Ausnahmefälle eine auf Gegenseitigkeit gegründete Aushülfe! – Von mir könnt Ihr nicht verlangen, daß ich um dieses einen Falles willen die Löhne meiner sämmtlichen Arbeiter erhöhe.“

Nach diesen Worten herrschte einige Augenblicke lang Stillschweigen im Zimmer. Die Arbeiter blickten finster und niedergeschlagen zu Boden und schienen unschlüssig, was sie beginnen sollten. Max war an eins der Fester getreten und schaute in den Hof hinaus. Da ließ sich wieder Chartin's heisere Stimme vernehmen:

„Sie sollten sich zweimal bedenken, ehe Sie uns mit diesem Bescheide gehen lassen. Die Zeiten sind vorüber, wo die Herren ungestraft die Arbeiter schinden und treten durften. Jetzt greifen wir zur Selbsthülfe. Wenn im Wildunger District die Kugel des Arbeiters die Fabrikanten nachgiebiger gemacht hat, so kann das hier auch geschehen, und wenn man erst damit begonnen hat, die Maschinen zu zerstören, so sehe ich nicht ein, weshalb man nicht bei den Fabriken aufhören sollte. Nehmen Sie sich in Acht, Herr Max Reinhard! Sie können ein sehr stiller und sehr geduldiger Mann sein, ehe Sie es sich versehen.“ –

Er hatte kaum geendet, als Kramer's derbe Gestalt sich zwischen ihn und seinen Herrn schob und Kramer's eiserne Faust fest seine Schulter umklammerte. Max aber winkte ihn zurück.

„Ihr habt gehört,“ sagte er dann, sich zu den anderen Arbeitern wendend, „welche Drohungen Euer Gefährte gegen mich ausgestoßen hat. Ihr werdet mir zu Zeugen gegen ihn dienen. Und nun will ich noch ein letztes Wort zu Euch sprechen: Wenn Ihr Euch durch böswillige Einflüsterungen nicht hättet die Augen blenden lassen, dann hättet Ihr bereits einsehen müssen, daß ich nicht zu den Arbeitgebern gehöre, deren einziges Streben danach geht, reich zu werden, sei es auch durch die Noth und das Elend ihrer Arbeiter. Ihr hättet einsehen müssen, daß ich das Aeußerste that, was in meinen Kräften stand, als ich trotz der gänzlichen Geschäftsstille den Betrieb der Fabrik auf dem bisher eingehaltenen Standpunkte erhielt und erst dann an eine Beschränkung der Arbeitskräfte dachte, als mir bei einem Theil meiner Arbeiter Böswilligkeit und Trotz entgegentrat. Ich kenne die schlimmen Köpfe unter Euch ganz genau, und diese werden niemals wieder Arbeit bei mir finden, selbst wenn sie mich darum noch bitten sollten. Sie werden ihre Wohnungen räumen, um besseren Leuten Platz zu machen. Aber ebenso gut kenne ich auch meine brauchbaren und fleißigen Arbeiter,“ und er wandte sich bei diesen Worten der Seite zu, wo Laßmann und Jürgot standen, „und ihnen könnt Ihr in meinem Namen versprechen, daß das Geschehene vergessen sein soll, wenn sie sofort zu ihrer Pflicht zurückkehren wollen. Auf weitere Versprechungen kann und will ich mich jetzt nicht einlassen. Aber wenn Ihr bedenkt, daß ich billig und gerecht gegen Euch handle, jetzt, wo der Druck der geschäftsstillen Zeit hart auf mir lastet, dann, dächte ich, solltet Ihr mir auch zutrauen, daß ich in besseren Zeiten noch besser für Euch sorgen werde.“

„Und mit diesen ungewissen Versprechungen hoffen Sie uns hinzuhalten?“ fragte einer der Gefährten Chartin's höhnisch.

„Euch habe ich keine Versprechungen gemacht, entgegnete Max ruhig. „Ihr Drei gehört nicht mehr zu meinen Arbeitern; mit Euch und Eures Gleichen habe ich nichts mehr zu thun.“

„Oho, das wollen wir sehen. Sie haben sich gewaltig verrechnet, wenn Sie glauben, wir werden stille halten und ruhig zusehen, wenn man uns unter die Füße tritt. Und wenn Sie bei der beabsichtigten Entlassung der Arbeiter auf Ihre neuen Maschinen rechnen, so mögen Sie sich vorsehen. Wenn man sie einmal beseitigt hat, so kann man das auch zum zweite Male thun.“

„Es wird Euch diesmal schwerer werden, denn sie sind bereits an Ort und Stelle und daher leichter zu vertheidigen. Uebrigens warne ich Euch. Zusammenrottung – Landfriedensbruch und räuberischen Ueberfall ahndet das Gesetz mit schwerer Strafe. Nun aber geht! Ich habe Euch Nichts weiter zu sagen.“

Es schien, als wollten die drei frechen Gesellen sich diesem Befehle widersetzen. Kramer aber öffnete die Thür, und als hinter derselben die handfeste Gestalt Jantzen's sichtbar wurde, entschlossen sie sich zum Abgange. Auf dem Hofe machten sie noch einmal Halt, um unter heftigen, drohenden Geberden eine Unterredung mit einander zu halten, an welcher Laßmann und Jürgot sich nicht betheiligten. Nur widerwillig folgten sie endlich der mehrmals wiederholten Aufforderung Kramer's, den Fabrikhof zu verlassen. – –

„Ich möchte gern wissen, Kramer,“ sagte Max, als nach Verlauf einiger Zeit dieser wieder zu ihm in's Comptoir trat, „wie Laßmann so in's Elend gerathen ist. Ist es allein die Krankheit seiner Frau, welche die Wirthschaft so zurückgebracht hat?“

„So ist es. Ich hätte gewünscht, Herr, daß Sie ihm eine Zulage hätten bewilligen können – der arme Bursche verdient es.“

„Du weißt, daß ich das nicht konnte, denn was des Einen Recht ist, ist auch das des Anderen. Aber eine Unterstützung will ich ihm zukommen lassen. Ich will mit Marie darüber sprechen – sie hat den rechten Kopf für solche Sachen. Und wenn ich diese Krisis überstehen sollte, dann, Kramer, wollen wir Maßregeln treffen, daß solche Nothstände ferner nicht vorkommen können. Mir liegen Pläne im Kopfe, an deren Ausführung ich mit allen Kräften arbeiten will. Hoffentlich werden meine Arbeiter mich dann auch bereits in so weit kennen gelernt haben, daß sie willig auf meine Maßnahmen eingehen.“




12.

Es war an demselben Morgen, aber einige Stunden früher, als Hanna in der Villa Kayser am Fenster ihres Zimmers stand und gedankenvoll in die Gegend hinausblickte. Die Prophezeiung ihres Onkels war zur Wahrheit geworden: das seit mehreren Wochen anhaltend schöne Wetter hatte sich verändert. Ein kalter Wind jagte graue Wolken, aus denen von Zeit zu Zeit ein feiner Sprühregen herabrieselte, vor sich her und schüttelte die Wipfel der Linden, welche den weiten Rasenplatz vor dem Hause im Halbkreise umgaben. Er bog die schlanken, hochstämmigen Rosen, den Stolz des Besitzers, wie Garben zusammen und regte sogar den kleinen Weiher, dessen glatte Fläche sonst unter breitblättrigen Wasserpflanzen ruhig wie ein Spiegel dalag, bis zum Wellenschlagen auf. Es waren Tage, die eher dem Herbste, als dem Hochsommer anzugehören schienen, düstere, unfreundliche Tage.

Was Hanna stiller und ernster gemacht, das war nicht blos das trübe Wetter. Sie war erst kurze Zeit im Hause ihres Onkels, und dennoch hatte sie in dieser Zeit mehr erlebt und mehr empfunden, als in ihrem ganzen bisherigen Leben. Es war ihr, als sei sie früher nur schlafwandelnd einhergegangen, als sei sie jetzt erst erwacht, als habe sie jetzt erst begonnen zu leben. Und doch war auf dieses frisch erblühte Seelenleben bereits ein Reif gefallen. Einige Aeußerungen ihres Onkels, verbunden mit dem, was sie an jenem Abende bei Reinhard’s erlebt und beobachtet, hatten ihr zu denken gegeben. Wie hatte sie nur glauben können, daß dieser ernste Mann, dessen geschäftliche Interessen so complicirt und weitverzweigt, dessen Gedanken von so unendlich wichtigeren Dingen in Anspruch genommen waren, ihr, dem unbedeutenden Mädchen, mehr, als etwa nur ein flüchtiges Wohlgefallen schenken würde! Konnte das, was sie [772] für Liebe genommen, nicht eine ganz gewöhnliche, ganz nichtssagende Galanterie sein, die er jedem jungen Mädchen widmete? Hatte sie nicht wahrgenommen, daß auch Paula sich seiner Aufmerksamkeit zu erfreuen gehabt, und hatte ihr Onkel ihr nicht lächelnd erzählt, daß er die Sorge für seine Mündel bald in andere Hände niederzulegen hoffe? Und sie hatte so thörichte Gedanken gehegt – Gedanken, die hoffentlich Niemand ahnte, die sie selbst sich kaum eingestehen mochte.

Solche Gedanken beschäftigten sie auch wieder, als sie jetzt am Fenster ihres Wohnzimmers stand und in den regengrauen Morgen hinausblickte. Die Landschaft rings umher war wie in grauen Schleier gehüllt; kein Ton, als das Rauschen der Bäume im Winde und das monotone Tropfen des Regens auf den Fensterbrettern ließ sich hören. Eine tiefe Traurigkeit bemächtigte sich des jungen Mädchens. Es schien ihr, als sei das vor ihr liegende Leben schal und geschmacklos und der Mühe nicht werth, es zu durchleben. Dabei hatte sie Niemand, bei dem sie Trost suchen konnte – Niemand, von dem sie voraussetzen durfte, daß er eine innigere Theilnahme für sie hege.

Die Wehmuth wollte sie übermannen, aber sie kämpfte sie tapfer nieder. Entschlossen trat sie vom Fenster zurück – sie wollte arbeiten – sich beschäftigen. Sie fühlte dunkel, daß Arbeit der beste Tröster aller kummerbeladenen Seelen ist. – Aber wem schaffte ihre Arbeit Nutzen? Wenn sie einen Menschen hätte, für den sie sorgen könnte, für den sie nothwendig wäre! Anfangs hatte sie gehofft, sie werde sich ihrem Onkel nützlich machen können, aber sie hatte in seinem ganzen Haushalte keine Lücke entdecken können – die Dienerschaft war reichlich und wohlgeschult; sie war hier, wie überall, entbehrlich.

Es klopfte an ihrer Thür – man rief sie zum Frühstücke hinab. Hastig trat sie in ihr Schlafzimmer, um ihr in Unordnung gerathenes Haar zu glätten. Als sie in den Spiegel blickte, erschrak sie über ihr bleiches Gesicht, aber Niemand würde diese Veränderung bemerken, dachte sie, Niemand sich darüber beunruhigen.

Ihr Onkel hatte bereits am Tische Platz genommen als sie in’s Frühstückszimmer trat, und nickte ihr, von seinem Teller aufblickend, einen guten Morgen zu.

„Komm’, Kind!“ sagte er, „ich habe nicht Zeit, lange zu warten. Es wird bereits eingespannt, denn ich muß zu Reinhard und nach Elmsleben. Voraussichtlich werde ich in der Stadt lange aufgehalten werden – ich dürfte kaum vor Abend zurückkehren. Wenn Du willst, kannst Du mitkommen; ich habe ein paar bekannte Familien in der Stadt, bei welchen Du Deine Besuche machen kannst.“

„Ich danke, Onkel, ich möchte lieber zu Hause bleiben.“

„Auch gut – handle ganz nach Deinem Belieben! – Reich’ mir Dein Glas herüber! Du willst nicht Wein? Seltsamer Geschmack das! Dann nimm wenigstens ein Stück von diesem Rebhuhn! Auch keinen Appetit? Den Henker auch – Euch Mädchen lernt kein vernünftiger Mensch verstehen. Da lobe ich mir einen Jungen. Der würde hier in’s Geschirr gehen, daß es eine Freude wäre.“

„Es thut mir leid, Onkel, daß ich Dir diese Freude nicht machen kann,“ sagte Hanna lächelnd.

„Was issest Du denn eigentlich gern – Kuchen, Confitüren? Dort liegt mein Taschenbuch – notire mir’s! Dann bringe ich Dir was Du wünschest mit.“

„Du bist sehr freundlich, lieber Onkel, aber ich mache mir nicht viel aus Süßigkeiten.“

„Nun, wie Du willst. – Laß’ Dir übrigens die Zeit nicht lang werden, wenn ich fort bin! Vielleicht wird Fräulein Reinhard später kommen, das heißt, wenn es uns gelingt, sie zum Fortgehen zu bewegen. Ich fürchte, die Fabrik ist kein sicherer Aufenthaltsort mehr für sie.“

„Was sagst Du, Onkel?“ fragte Hanna mit bleichem Gesichte.

„Nun, zum Erschrecken und Bleichwerden ist gerade noch kein Grund vorhanden,“ sagte Kayser einlenkend. „Reinhard hat die besten Aussichten, wenn seine Lage jetzt auch etwas prekär ist. In einigen Tagen wird er hoffentlich aus allen Sorgen sein. Es wäre ein Glück sowohl für ihn, wie für unseren flotten Junker, wenn zwischen den Beiden erst Alles klar wäre.“

„Du glaubst also, Onkel, daß sie eine ernste Neigung für einander fühlen?“

„Neigung? – Nun, warum sollten sie nicht? Wenigstens scheint eine solche von ihrer Seite vorhanden zu sein, und nach meiner Erfahrung ist dies die Hauptsache. Denn wenn eine Frau Neigung für einen Mann empfindet, oder, was für den Erfolg gleichbedeutend ist, doch wenigstens Neigung, ihn zu heirathen, so wird sich die Sache viel leichter machen, als im umgekehrten Falle. Steht bei ihr erst fest: dieser soll es sein – dann geht sie mit einer Ausdauer und einer Verschlagenheit zu Werke, daß sie in neunundneunzig unter hundert Fällen das Wild stellen wird – darauf kannst Du Dich verlassen. – Bitte, sei so gut mir den Käse herüber zu reichen! – Nun, was sagst Du?“

„Du magst Recht haben, Onkel – es mag solche Frauen geben. Aber einige Ausnahmen wirst Du doch auch kennen gelernt haben?“

Diese Frage, verbunden mit dem Blicke, der sie begleitete, frappirte ihn augenscheinlich. Vielleicht regte sich sein Gewissen beim Anblicke des holden unschuldigen Gesichtes ihm gegenüber, vielleicht auch tauchte das Bild seiner liebenswürdigen Nachbarin vor den Augen seines Geistes auf.

„Nun, einige Ausnahmen mag es wohl geben,“ sagte er einlenkend, „und Du bist eine solche, wie ich glaube. Aber ich möchte wetten, daß Du in die Dreißig kommen wirst, ohne einen Mann zu bekommen. Fräulein Reinhard ist auch von der Sorte, und sie liefert gleichfalls einen Beleg für meine Behauptung. – Unser Junker Paul ist dagegen anderer Art – der weiß, was er will. Keck zugreifen, ohne lange Zeit zur Besinnung zu lassen, das ist bei ihm die Losung. Und damit kommt er zum Zweck – wir werden es erleben.“

„Und Du glaubst, Onkel, daß sie mit einander glücklich leben werden?“

„Gewiß glaube ich das, denn Reinhard ist ein verständiger Mann, der die Welt kennt und nichts Unmögliches verlangt. Und was sie betrifft, so muß sie sich sagen, daß sie einen Mann braucht, der sie ein Bischen in Ordnung hält. Außerdem binden solide Interessen fester und dauerhafter, als Neigung, Liebe und Sympathie oder wie alle diese Dinge heißen mögen.“

Hier entstand eine kleine Pause im Gespräch, während welcher Kayser sich sein letztes Glas Wein einschenkte. Als er es austrank, blickte er zu seiner Nichte hinüber und sah ihre Augen auf sich gerichtet. Vielleicht war es die Wirkung dieses Blickes, die ihn wieder einlenken machte.

„Ich bin durchaus nicht der Mann, der diese Regungen wegleugnen oder gar verdammen will,“ sagte er. „Aber heut’ zu Tage kommt ein Mann selten dazu, den Gegenstand seiner Anbetung zu heirathen, und wenn er es thut, dann gelangt er oft zu spät zu der Einsicht, daß Geld zu einer glücklichen Ehe nöthiger ist, als Liebe.“

Er hatte sein Frühstück beendet und stand auf. [785] „Da höre ich den Wagen vorfahren,“ sagte Kayser. „Adieu, Kind! Plaudere ein Bischen mit Frau Hörig, wenn Dir die Zeit zu lang wird, und laß sie Dir etwas Gutes zum Diner bereiten, denn ich werde voraussichtlich in der Stadt speisen.“

Er nickte ihr zu und ging davon. Einige Minuten später hörte Hanna seinen Wagen vom Hofe fahren, und langsam und matt ging sie die Treppe hinauf und trat in ihr Zimmer. Wieder stand sie am Fenster und hörte auf das Rauschen des Windes und auf das Plätschern des Regens. Was sollte sie jetzt beginnen? – Sie holte eine Handarbeit herbei und fing an zu arbeiten. Bald aber fielen ihre Hände hinab, sie lehnte sich in den Stuhl zurück und überließ sich wieder ihren Gedanken.

Verhielt es sich wirklich so, wie ihr Oheim eben gesagt hatte? Und wenn es der Fall war – wenn nur unweibliche Kühnheit den Sieg davontrug – würde sie je den Muth haben, so um die Liebe eines Mannes zu werben? Heiße Gluth bedeckte ihre Wangen bei diesem Gedanken. Niemals, niemals! Keine rechte Frau, die dies könnte, und kein rechter Mann, der daran Gefallen fände! Auch Er müßte sich dadurch eher abgestoßen, als angezogen fühlen. Aber Paula war reich, und solide Interessen binden fester an einander als Liebe – so hatte ihr der Onkel gesagt. Und sie selbst besaß Nichts, gar Nichts auf der Welt. Wenn ein Königreich ihr eigen gewesen wäre, so hätte sie es Ihm – Ihm allein geben wollen. – –

Sie stand schnell auf und fuhr mit der Hand über die Augen. Nein, so ging es nicht. Solchen Gedanken durfte sie nicht nachhängen. Welch’ jammervolle, elende Schwäche! Hatte denn dieser graue Regentag und die Unthätigkeit, in welcher sie die letzten Tage zugebracht, sie so niedergedrückt, daß all ihr Stolz, all ihr tapferer Muth ihr darüber verloren gegangen war? – Wie konnte sie sich so gehen lassen! War es so weit mit ihr gekommen, daß sie sich Reichthümer wünschte, um sich die Liebe eines Mannes erkaufen zu können?

„Nein,“ sagte sie, während sie sich entschlossen erhob, „nein, es ist ganz gut so, wie es ist. Ich bin jung und gesund und habe etwas Tüchtiges gelernt. Der Onkel muß es zugeben, daß ich Lehrerin werde. Arbeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend – das ist’s, was mir fehlt. Muth, Hanna, Muth! Wer tapfer das Leben angreift, wird damit fertig.“

Eine Viertelstunde später saß sie vor ihrem Schreibtische, eifrig damit beschäftigt einen regelrechten Studienplan für sich zu entwerfen. Sie wollte die Zeit bis zum Herbste, wo sie hoffte eine Stelle annehmen zu dürfen, noch gut ausnutzen, und dann würde sie von hier fortkommen, meinte sie – wenn möglich so weit fort, daß von Allem, was in und um Elmsleben geschieht, nicht oft Kunde zu ihr gelangen würde.




13.

Die Stunden des Vormittags waren verronnen – Hanna hatte sie bereits ihrem Plane gemäß benutzt. Mit Wangen, welche sich über dem Eifer, womit sie sich an’s Werk gemacht, mit hellem Roth gefärbt hatten, saß sie so vertieft in die Uebertragung eines schwierigen englischen Essays in's Deutsche, daß sie es überhörte, wie ein Wagen unten vorfuhr und wie ein leichter Schritt die Treppe heraufkam. Erst das leise Oeffnen der Thür schreckte sie auf. Aber als sie sich rasch umwenden wollte, legten sich zwei warme, weiche Hände auf ihre Augen, und eine verstellte Stimme fragte, wer wohl der Gast sei?

„Sind Sie es, liebe Marie? Wie freundlich, daß Sie gekommen sind!“ rief Hanna.

„Leider nicht die liebe Marie, aber doch Eine, die Grüße von ihr bringt,“ sagte Paula, die Hände von Hanna’s Augen entfernend, dafür aber ihren Arm um den Hals des jungen Mädchens legend und das Gesicht desselben mit Küssen bedeckend. „Wird Paula weniger freundlich bewillkommnet werden?“

Im ersten Augenblicke wollte sich in Hanna’s Herzen ein leiser Widerwille gegen diese stürmische Liebkosung regen, im nächsten aber schämte sie sich solcher Regung, und sie tapfer niederkämpfend zeigte sie ihrem Gaste ein heiteres und freundliches Antlitz.

„Man wollte Sie herunterrufen, aber ich ließ es nicht zu,“ fuhr Paula fort. „Ich wollte Sie überraschen, Herzblättchen. – Dies also ist Ihre Wohnung? Wie reizend! Das Nest ist des Vögelchens würdig, das darin wohnt.“

Sie schaute lächelnd und neugierig in dem Raume umher und ließ dann ihr Auge bewundernd auf der Bewohnerin ruhen, welche die Feder niedergelegt hatte und langsam aufgestanden war.

„Wenn ich wirklich der Junker Paul wäre, den Natur in mir so schmählich verpfuscht hat, so wüßte ich wohl, um welche junge Dame ich werben würde,“ fuhr sie nach einer Weile fort, langsam umherschlendernd, wobei die lange Schleppe ihres schweren Seidenkleides geräuschvoll hinter ihr herrauschte. „Aber ich fürchte, Sie hätten mir einen Korb gegeben – ich wäre zu spät gekommen – nicht?“

[786] „Zu spät keineswegs – aber –“

„Aber ich wäre nicht nach Ihrem Geschmack gewesen – ich verstehe. Ihr Genre ist mehr ein hoher stattlicher Held, als ein hübscher, lustiger Junge. Und für Sie, mein Herzblättchen, ist das auch das Richtige, denn Sie wissen ja: wo sich das Spröde mit dem Zarten –“

„Sie kommen eben von Marie Reinhard?“ fragte Hanna ablenkend.

„Ja, mein Liebling! Und wen, glauben Sie wohl, traf ich draußen im Vorzimmer, ebenfalls in der Absicht, sie zu besuchen, als ich im Begriffe war, zu gehen? Wen anders, als Ihren würdigen Oheim. Er war bei dem Bruder gewesen, während ich der Schwester meinen Besuch abstattete, und begleitete mich an den Wagen. Ich habe ihm das Versprechen geben müssen, mich Ihrer in Ihrer Einsamkeit anzunehmen. Was sagen Sie dazu, Hanna, daß ich heute die Absicht habe bei Ihnen zu bleiben – werde ich Ihnen nicht lästig fallen?“

„Wie können Sie nur so fragen, liebe Paula? Das war ein guter Gedanke von meinem Onkel.“

„Und ich prophezeie, daß wir heute noch mehr Besuch bekommen werden. Ich darf Ihnen den Namen nicht nennen, aber ich sehe aus Ihrem Erröthen, daß Sie ihn bereits ahnen.“

Hanna wandte sich ab, um den kostbaren Sammetumwurf Paula’s, den diese nachlässig abgeworfen hatte, sorgfältig zusammenzufalten.

„Wie hat Ihnen Marie Reinhard gefallen?“ fragte sie.

„Wie anders, als gut, mehr als gut! – O Hanna, das ist ein Mädchen, auf das eine Königsfamilie stolz sein könnte. Eine vollendete Dame, so fein, so graziös, so anmuthig! – Eine Schwägerin, die man mit Stolz überall präsentiren kann, nicht wahr, Liebling?“

Sie war lächelnd und strahlenden Auges vor Hanna stehen geblieben.

„Und dennoch giebt es Menschen, Kind, dumme, beschränkte Menschen, die eine Verbindung mit dieser Familie für eine Mesalliance erklären. Aber sie sollen sich beugen lernen. Sie sollen noch einst demüthig um ihre Gunst bitten.“

„Er ist ein stolzer Mann, Paula. Es wird ihm nicht leicht werden, in eine Familie einzutreten, die ihn nur widerwillig aufnimmt.“

„O, ich verkenne das nicht, mein Liebling. Und um die Wahrheit zu gestehen, so ist gerade Er“ – und sie wies in die Richtung der Fabrik hin – „derjenige, den zu gewinnen mir die meisten Schwierigkeiten machen wird. Man kann nicht zehn Worte mit ihm sprechen, ohne zu merken, daß die Grundlage seines Charakters nicht von Sammet ist. Aber ich will ihn kirren, Hanna, ich will ihn kirren. Zwar fühlt sich mein Stolz oftmals verletzt, wenn er mich mit seinem scharfen Blicke mißt, einem Blicke, in dem ich nur zu deutlich lese: Sie, mein gnädiges Fräulein, sind in vielen Dingen durchaus nicht nach meinem Geschmacke – Sie sind nicht gerade Diejenige –“

„O, wie können Sie so sprechen, Paula! Sie irren sich – Sie irren sich sicherlich.“

„Nein, kleine Weisheit, ich irre mich nicht. Aber ich lasse mich nicht so leicht abschrecken. Ich sage mir: er ist es werth, daß Du Dich um ihn bemühst, und wäre es auch zweimal sieben Jahre, wie Jakob um Rahel. Wie stolz bin ich auf ihn – er ist geschaffen zum Familienhaupte. Ich möchte ihn nicht anders haben, den herrlichen Burschen; ich will ihn gewinnen, ihn zwingen, mich lieb zu haben. Welch ein Leben soll das werden, vereint mit diesem prächtigen Menschen!“

„Sagen Sie mir, Paula,“ drang Hanna in sie, auf welche diese leidenschaftlichen Worte fast betäubend wirkten, „sagen Sie mir, wie es kommt, daß Sie so ganz anders sind, wie andere Frauen! Was giebt Ihnen diese stolze, sichere Zuversicht, die meinem eigenen Empfinden so fremd ist, daß ich mich vergebens bemühe, sie zu begreifen? Liegt der Unterschied darin, daß Sie eine reiche Erbin sind, daß Sie wissen, Sie gebieten über den mächtigsten aller Factoren, der Welt und Menschen bewegt – das Geld?“

„Nein, Herzblättchen, das ist es nicht, wenigstens ist es das nicht allein. Zwar unterschätze ich nicht den Vortheil, reich zu sein. Im Gegentheil – noch nie in meinem Leben ist mir mein Vermögen von so großem Werthe gewesen, noch niemals habe ich eine solche Freude an meinem Gelde gehabt, wie gerade jetzt. Aber meine Zuversicht entspringt aus einer andern Quelle: aus meiner heißen, innigen, opferwilligen Liebe. – Wenn man freudig sich selbst und Alles, was sein ist, Dem hingiebt, den man liebt, wenn man spricht: ‚Du bist mein König, und wie ein König sollst Du schalten mit dem, was jetzt Dein ist. Du und die Deinen sollen ferner Sorgen nicht mehr kennen, für mich aber begehre ich weiter nichts, als von Euch geliebt zu sein, Ihr theueren Menschen, als Euch lieben zu dürfen aus Herzensgrund‘ – glauben Sie nicht, Hanna, daß Diejenige, die so denkt und spricht, mit einiger Zuversicht auf Gegenliebe bauen darf?“

Es lag in Paula’s Worten Etwas, was Hanna zur Bewunderung hinriß, und dennoch wollte in dieser eine Stimme nicht schweigen, die ihr zuflüsterte, daß allen Empfindungen Paula’s eine unweibliche Kühnheit zu Grunde liege. Ja, wäre sie der Gegenliebe bereits sicher gewesen, so hätte sie allenfalls so sprechen dürfen, aber die Tiefe und leidenschaftliche Gluth eines Gefühls schildern, von dem sie wohl wußte, daß es nicht erwidert wurde, von ihrem heißen Ringen um die Liebe eines Mannes sprechen, in dessen Blicken, wie sie selbst gestand, sie oftmals Mißbilligung gelesen hatte – diese kecke Offenheit war ihr unbegreiflich. Und dennoch verfehlte Paula’s glühende, großherzige Natur ihre Wirkung auf Hanna nicht. Einem Impulse folgend, der stärker war als Reflexion, schlang sie die Arme um ihre Gefährtin, die mit leuchtenden Augen und mit tiefem Roth auf den Wangen vor ihr stand.

„Ja, liebe Paula,“ sagte sie mit bewegter Stimme, „ja, ich bin sicher, Sie werden geliebt werden, wie Sie es verdienen. Welcher Mann könnte blind sein gegen den hohen Werth dessen, was Sie ihm bieten? Und Keiner, der Sie recht kennt, wird sich der Ueberzeugung verschließen können, daß der größte Schatz, den Sie ihm durch Ihre Hand bringen, nicht in Ihrem reichen Besitzthume besteht.“

„Das ist’s, Hanna, das ist’s, wonach ich gelechzt habe, so lange ich denken kann: geliebt zu werden um meiner selbst willen!“ rief Paula, die Liebkosungen ihrer Gefährtin stürmisch erwidernd. „O, wenn Du wüßtest, wie wenig Liebe ich kennen gelernt habe! Man hat mich mit Luxus umgeben; man hat mich verwöhnt und sich meinem herrischen Willen gebeugt; man hat mir geschmeichelt. Aber geliebt hat mich Niemand seit meinem sechsten Jahre, als ich Vater und Mutter verlor. Nicht einmal meine Tanten haben dem verwaisten Kinde ihres Bruders jemals um seiner selbst willen Liebes und Gutes erwiesen. Alles war niedriger Eigennutz und schmutzige Berechnung. Niemals haben meine Verwandten an mein Glück, sondern stets nur an ihren Nutzen gedacht. Sie würden mich ohne Bedenken elend für mein ganzes Leben machen, wenn ihnen daraus ein Vortheil erwüchse.“

„Sehen Sie sich vor, Paula,“ sagte Hanna warnend, „daß Sie Ihren Verwandten nicht Unrecht thun! Gegen Ihre Tante Sidonie – dessen bin ich sicher – ist Ihr Mißtrauen ungerecht.“

„Tante Sidonie!“ rief Paula mit einem verächtlichen Zucken ihres Mundes. „Sie irren, Hanna, wenn Sie glauben, daß Tante Siddy mich um meiner selbst willen liebt. Ihre Anhänglichkeit gilt meinem bequemen Hause und dem sorgenfreien, genußreichen Leben darin.“

„Nicht allein, sicher nicht allein! Verlangen Sie doch nichts Unmögliches, Paula! Fräulein von Contagne hat Sie gewiß herzlich lieb, das legt ihr aber nicht die Verpflichtung auf, blind zu sein gegen die Vortheile, die ein Aufenthalt in Ihrem Hause ihr bietet. Sie müssen sich überhaupt darauf gefaßt machen, liebe Paula, daß jedes Gefühl, welches Ihnen zu Theil wird, etwas beeinflußt wird durch Ihr großes Vermögen. Jeder, der in der Welt lebt – auch Sie selbst, Paula – weiß, welch eine große Macht im Gelde liegt. Keiner, auch der hochsinnigste Mensch nicht, kann sich heutzutage dieser Erwägung verschließen.“

Paula hatte anfangs mit einem ungeduldigen Lächeln auf den Lippen Hanna's Worten gelauscht. Nach und nach aber verwandelte sich der Ausdruck ihres Gesichtes. Das ungeduldige Lächeln wurde zu einem freundlichen, fast zärtlichen, und als ihre junge Wirthin endlich schwieg, beugte sie sich vor, um deren Wange zu küssen.

„Sie sind das großmüthigste, holdeste Geschöpf, das ich kenne,“ sagte sie. „Meinen Sie, ich merke es nicht, wie Sie schon entschuldigen und schlichten, ehe noch eine Anklage laut wird?“

[787] „Entschuldigen? Anklage? Solche Worte dürfen nicht angewandt werden, wenn von der Person gesprochen wird, an die wir Beide jetzt denken.“

Sie sprach die Worte mit einer Lebhaftigkeit, die ihr Gesicht mit dunkler Röthe bedeckte. Paula stand vor ihr, den Kopf zur Seite geneigt und betrachtete sie lächelnd.

„Carissima mia, streiten wir nicht!“ sagte sie freundlich. „Es liegt nicht in meiner Absicht, ‚die Person‘ zu verunglimpfen, denn sie steht mir kaum weniger hoch, als Ihnen. Aber ganz mit Ihnen einverstanden kann ich mich dennoch nicht erklären. Ist es nicht grausam von Ihnen, mein Selbstgefühl zu demüthigen durch die Behauptung, ich müsse jede mir dargebrachte Huldigung mit meinem Mammon theilen? Rechtfertigen Sie sich nicht, Kleine! Ich durchschaue Ihre Absicht, und habe Sie darum womöglich noch lieber, als bisher. Aber widerlegen muß ich Sie doch. Setzen wir den Fall, es wäre einem reichen Mädchen doch einmal eine Neigung zu Theil geworden, welche allein ihrer Person, nicht ihrem Vermögen galt. Nehmen wir an, ein Mann, der nicht wußte, daß sie reich war, brachte ihr eine solche entgegen. Denken Sie sich nun, Hanna, daß dieses Mädchen zum ersten Male in ihrem Leben eine wirkliche Liebe in den Augen eines Mannes glimmen sah, und das zwar trotz aller ihrer Thorheiten und Schwächen. Denken Sie sich, daß sie wahrnahm, wie seine Augen – und Sie müssen sich die schönsten braunen Augen vorstellen, die Sie je gesehen – ernst blickten, wenn sie ernst war, daß sie aufleuchteten, wenn sie heiter lachte. Denken Sie sich, daß sie sehen konnte, wie über sein hübsches, männliches Gesicht eine dunkle Röthe sich ergoß, wenn ihr Schritt sich hören ließ, daß sie aus tausend Zeichen erkennen konnte, sie werde endlich einmal um ihrer selbst willen geliebt. – Nun, Hanna, wollen Sie nach dieser Erklärung noch an Ihrer grausamen Behauptung festhalten, und wollen Sie es jenem Mädchen verdenken, daß sie um dieser Liebe willen Alles aufgiebt, Alles leichten Herzens hinwirft – Familie, Adel, Reichthum, ja, wenn es sein muß, Heimath und Vaterland?“

„Wer könnte ihr das verdenken, meine Liebe? Würde ich doch in einem solchen Falle ebenso handeln. Aber in Ihre Erzählung hat sich ein Irrthum eingeschlichen. Der Mann, von dem Sie sprachen, wußte, daß das Mädchen reich war. Und da sein Charakter stolz und unabhängig ist, so zwang er sich, kalt und zurückhaltend gegen sie zu sein. Er verbarg ihr seine Liebe, um nicht des Eigennutzes und der Habsucht beschuldigt zu werden. Nun mußte sie ihm entgegenkommen, und sie that es mit einer so großherzigen, königlichen Offenheit, daß alle seine jetzigen Bedenken dadurch überwunden werden mußten.“

„Irrthum, Irrthum, Hanna! Ihm gegenüber – ich schwöre es Ihnen – hat sie sich nie kühn und unweiblich benommen. Als sie anfing seine Liebe zu ahnen, da kam ein Gefühl so unendlichen Glückes über sie, daß ihr gewöhnlicher Uebermuth sie verließ und sie demüthig und schüchtern wurde – fast, als ob sie Hanna gewesen wäre. Dann kam aber noch für sie eine schwere Zeit des Zweifels und der Ungewißheit. Man hatte wahrgenommen, daß zwischen den Beiden sich eine Neigung entspann, und der Hausherr, der dem Manne gewogen war, rieth ihm, schnell zuzugreifen – er möge sich das reichste Mädchen des ganzen Districtes nicht entgehen lassen. So wurde es ihm bekannt, daß diejenige, die er liebte, für die beste Partie der Gegend galt. Er merkte, wie man ihm eigennützige Absichten unterschob, und zwar mit einem Scheine von Recht. Denn er selbst war arm und man wußte, daß seine Lage bedenklich war. Aber man hatte nicht an den empfindlichen, zartsinnigen Stolz des Mannes gedacht. Er zog sich zurück – er vermied die, welche er liebte – er wollte lieber den Vorwurf des Wankelmuthes, als den des schmutzigen Eigennutzes auf sich laden. Aber er hatte nicht bedacht, welch’ bitteres Leid er der zufügte, die ihn bereits ebenso liebte, wie er sie. Nun, Hanna, daß ich’s kurz mache – es kam ein Tag, ein schöner, unvergeßlicher Tag, wo sie sich endlich verstanden, wo er sie an sein Herz schloß und sie ihm zuflüstern konnte: ‚Zwischen uns giebt es kein Mein und Dein – Du bist Herr über Alles, was ich bin und habe‘.“

Sie stand mit strahlenden Augen und tiefer Gluth auf ihrer dunkelen Wange vor ihrer jungen Gefährtin, die mit etwas bleichem Gesichte zugehört hatte und sich jetzt langsam, als wollte sie schwere Gedanken fortscheuchen, mit der Hand über die Stirn fuhr.

„So mußte es wohl endigen,“ sagte sie dann, sich gewaltsam zu einem Lächeln zwingend, „denn ich wiederhole es: Niemand, der Sie recht kennt, wird anders können, als Sie herzlich lieben, theure Paula. Zwar ist mir in Ihren Worten noch Manches dunkel, die Hauptsache aber, nämlich: daß Sie einer frohen, glücklichen Zukunft entgegengehen, verstehe ich und freue mich dessen. – Und nun, Liebste, haben wir einen schönen, langen Tag vor uns – wir wollen ihn genießen und heiter sein.“

„Und Du willst mich zu Deiner Schwester annehmen und mir versprechen, mich lieb zu haben, wie man eine Schwester lieb haben muß?“

„Ja, Paula – aber ich verstehe nicht –“

„Das sollst Du auch nicht, meine kleine Herzensschwester,“ entgegnete Paula, sie zärtlich umschlingend. „Du sollst an mich glauben und mich lieben. Ich will es Dir hundertfältig wiedergeben – denn, kannst Du Dir nicht denken, wie überschwänglich glücklich es mich Einsame machen muß, plötzlich, wie vom Himmel herabgesandt, nicht nur zwei holde Schwestern zu haben, sondern auch eine ganze große Familie, von welcher jedes einzelne Mitglied mir unaussprechlich theuer ist?“




14.

Die Sorge um ihre Freunde in der Fabrik trübte doch, trotz ihres Vorsatzes, die Heiterkeit der beiden jungen Mädchen und dämpfte die Freude ihres Beisammenseins. Jede vermied es zwar, ihre Besorgniß gegen ihre Gefährtin auszusprechen; denn Paula wollte die drohende Gefahr vor Hanna verheimlichen, und diese, welche wohl begriffen hatte, daß man ihr etwas zu verbergen suchte, hatte jede hierauf bezügliche Frage unterdrückt. Aber als der Tag immer weiter vorrückte, ohne Marie oder Nachricht von ihr zu bringen, als der Abend sich endlich nahte und nichts die Einsamkeit der Villa und ihrer Bewohner störte, da konnte selbst Paula, die sich bis dahin redlich Mühe gegeben hatte, durch heiteres Plaudern ihre junge Freundin zu zerstreuen, ihrer Unruhe nicht länger Meister werden. Sie hatte vom Fenster aus wohl schon zum hundertsten Male die Straße entlang geblickt, und als diese auch jetzt wieder einsam und still vor ihr lag, wandte sie sich mit einem halbunterdrückten Seufzer in’s Zimmer zurück.

„Komm!“ sagte sie, „ich kann es nicht länger ertragen, ruhig in der Stube zu sitzen; ich muß frische Luft schöpfen. Laß’ uns einen Gang durch den Garten machen! Mir ist zu Muthe, als müßte ich drinnen ersticken.“

Das Wetter hatte sich gegen Abend aufgeklärt; der Wind war nach Osten gegangen und hatte die grauen Wolkenschleier zusammengerollt. Und als die beiden Freundinnen Arm in Arm in’s Freie traten, kam die Sonne hervor und beleuchtete vor ihrem Niedergange mit voller Pracht noch einmal die ganze weite, im Perlenschmucke prangende Flur.

„So lächelnd und freundlich, wie das Antlitz meiner Tante Clemence Abends im Besuchzimmer, wenn sie den ganzen Tag hindurch unzufrieden grollend umhergegangen war,“ meinte Paula.

„Ein klein wenig Heuchelei mag wohl bei uns Allen mit unterlaufen – seine Stimmungen giebt Keiner gern preis. Wir geben dem Dinge aber einen hübscheren Namen, wir nennen es Selbstbeherrschung,“ entgegnete Hanna.

„Das ist eine Tugend, die zu üben ich nie gelernt habe,“ sagte Paula.

„Und doch glaube ich, daß gerade das Leben jeder Frau reich ist an Momenten, wo diese Uebung für sie zur Pflicht werden könnte,“ erwiderte ihre Gefährtin.

„Pah!“ entgegnete Paula, was mich anlangt, so bin ich bevorzugt vor tausend Anderen. Die Heftigkeit meines Temperaments thut seiner Liebe keinen Eintrag. Ich sagte Dir schon, er liebt mich so, wie ich bin, mit allen meinen Fehlern und Schwächen.“

Hanna schwieg, und die beiden Mädchen schritten weiter.

„Nun – dem Himmel sei Dank! – da kommt endlich des Onkels Wagen. Und er und Marie sitzen darin,“ rief Hanna mit einer so lebhaften Freude, daß man daran erst die Größe ihrer Sorge erkennen konnte.

[788] Es gab ein herzliches Begrüßen auf der Treppe vor dem Hause. Kayser war in bester Laune; man sah es ihm an, daß es ihm Freude machte, Marie in sein Haus zu führen. Er ermahnte Hanna, eine aufmerksame Wirthin zu sein und für die Bequemlichkeit ihres Gastes zu sorgen.

„Und da ein Gutes selten allein kommt,“ sagte er, „so ist Dir auch heute noch eine Freude vorbehalten. Der Bechstein’sche Flügel ist angekommen; ich habe ihn bereits verladen lassen, und ehe es ganz dunkel wird, wirst Du ihn im Saale haben.“

Hanna führte Marie in ihre Wohnung hinauf, und die beiden freundlichen, schön eingerichteten Zimmer, versehen mit Allem, was den Aufenthalt darin einem jungen Mädchen angenehm machen konnte, machten auch auf sie einen ungemein wohlthuenden Eindruck. Sie war überrascht, daß Kayser, aus dessen Worten stets eine gewisse Rauhheit gesprochen, eine so zartsinnige Rücksicht, ein so feines Verständniß für die Bedürfnisse seiner Nichte offenbart hatte. In Hanna’s Wohnzimmer hingen zwei schöne Frauenportraits, das eine, eine zarte, schlanke Blondine darstellend, war das ihrer Mutter, das andere, welches durch feurige braune Augen in die Welt hinein schaute, das der verstorbenen Frau ihres Onkels. Marie blieb betrachtend vor den beiden Bildern stehen.

„Welch’ schöne Frauen!“ sagte sie bewundernd. „Die Brünette mag wohl im Allgemeinen für die schönere gelten, für mich aber ist Ihre Mutter, Hanna, von welcher Sie die Augen und den Mund geerbt haben, die bei Weitem lieblichere und reizendere. Welch’ ein holdes Gesicht!“

„Und wenn Sie Beide gekannt hätten, dann würden Sie meiner Mutter auch den Preis der Liebenswürdigkeit zugestanden haben,“ entgegnete Hanna. „Man hat mir so viel Züge von Herzensgüte und Lieblichkeit von ihr erzählt, daß ich es wohl begreife, wie Jeder, der sie gekannt, mit Liebe und Bewunderung von ihr spricht. Selbst mein Onkel thut es – und er läßt sich in seinem Urtheil durch äußere Vorzüge sicherlich nicht bestechen. Ich habe gehört, daß seine ehelichen Erfahrungen ihm in dieser Beziehung jede Illusion geraubt haben.“

„Sie haben Ihre Tante nicht gekannt?“ fragte Marie leise.

„Nein, sie starb kurze Zeit vor meiner Geburt, nachdem sie die letzten sechs Jahre ihres Lebens in Meran verlebt hatte. Es muß eine unglückliche Ehe gewesen sein, denn mein Onkel trennte sich von ihr kaum zwei Jahre nach seiner Verheirathung.“

Es entstand eine Pause im Gespräch. Marie hätte gern die nähere Geschichte dieser Ehe erfahren, aber sie scheute sich, Hanna danach zu befragen. Doch fuhr diese nach einigen Minuten, als ob sie den Wunsch der Freundin errathen hätte, in ihrem Berichte fort.

„Ich glaube, sie haben sich geheirathet, ohne sich recht gekannt zu haben,“ sagte sie. „Meinen Onkel mag ihre Schönheit und Lebhaftigkeit angezogen und die Bewunderung, welche sie überall erregte, geblendet haben. Dazu war sie aus einem angesehenen Hause – eine Verwandte der Contagnes – und er war erst wenige Jahre hier ansässig und wünschte vermuthlich, festen Fuß in der Gegend zu fassen. Sie aber war arm und durch das Leben in dem Hause ihrer reichen Verwandten dennoch an Vergnügen und Genüsse gewöhnt. Der Antrag meines Onkels, der damals schon sehr wohlhabend war, und dessen Intelligenz und Geschäftskenntniß den nachmals erworbenen Reichthum vorhersehen ließen, bot ihr die Möglichkeit, das gewohnte glänzende Leben fortzusetzen. – Beide sind schnell genug inne geworden, wie wenig Sympathie sie verband, wie wenig Uebereinstimmung in ihren Lebensansichten herrschte.“

„Und dennoch ist es kaum zu begreifen, Hanna, wie dieser Mangel bereits nach zwei Jahren eine Trennung nothwendig machen konnte. Ich sollte denken, daß bei einigem guten Willen auf beiden Seiten solche Gegensätze sich mit der Zeit ausgleichen müßten.“

„Wohl – aber bei meinem Onkel mag dieser gute Wille theilweise durch eine Entdeckung aufgehoben worden sein, die er schon im ersten Jahre seiner Ehe gemacht haben soll. Er hatte durch unwiderlegliche Beweise erfahren, daß seine Gattin ihn nicht nur ohne Liebe – nur um seines Vermögens willen – geheirathet, sondern daß sie bereits seit längerer Zeit ihre Neigung einem anderen Manne geschenkt und ihre Hand ihm zugesagt hatte. Da dieser Mann ihr aber weniger Vortheile zu bieten hatte, so mußte er der besseren Partie weichen.“

„O, abscheulich!“ sagte Marie.

„Und dennoch – so hat mir Fräulein Sidonie von Contagne erzählt – hat er damals noch an keine Trennung gedacht, obgleich die Hast, mit welcher seine Gattin dem Genusse nachjagte, ihre Sucht nach Aufregung jeder Art, ihm jedes Behagen im Hause raubte. Er hat tapfer und ohne Klage das getragen, was er nicht ändern konnte. Erst als der Mann, den seine Gattin geliebt hatte, nach mehrjähriger Abwesenheit wieder zurückkehrte, und er die Entdeckung machte, daß diese Liebe sich von Neuem belebte, daß hinter seinem Rücken Briefe gewechselt und Verabredungen getroffen wurden – erst da bestand er auf eine Trennung. Er setzte ihr unter der Bedingung, fern von ihm zu leben, ein reiches Jahrgeld aus und hat sie bis zu ihrem Tode nicht wiedergesehen.“

„Das ist eine traurige Geschichte, Hanna,“ sagte Marie.

„Sehr traurig, und besonders in ihrer Wirkung auf den Onkel. Vierundzwanzig Jahre hat er jetzt einsam gelebt, verbittert durch die Erfahrungen, die er gemacht, grollend dem ganzen Geschlechte, dem diejenige angehörte, welche sein Vertrauen getäuscht. Sein Glaube an den Werth der Frau war ganz erschüttert, seine Verachtung des schwachen Geschlechts so groß, daß er lange Jahre jeden Umgang mied, der ihn mit Frauen zusammenführen konnte. Aber die Rauhheit seiner Manieren, die eine natürliche Folge seiner Absonderung ist, hat seiner Herzensgüte keinen Eintrag thun können. Ich wenigstens habe schon vielfach die Erfahrung gemacht, daß ihm zwar mitunter das Geschick, nie aber der Wille fehlt, Freude und Glück um sich zu verbreiten.“

Marie hatte schweigend dagestanden, die Augen auf das Bild der Frau gerichtet, die so glücklich hätte sein können und durch eigene Schuld so elend und einsam geworden war. Sie fühlte ein tiefes Mitleid mit dem Manne, mit dessen Lebensglück so frivol gespielt worden war. Ein Gefühl der Reue darüber, daß sie ihm so oft herbe und unfreundlich begegnet war, überkam sie. Und dennoch, trotz der vielfachen kleinen Kränkungen, die sie in augenblicklicher Ungeduld ihm zugefügt, hatte er so großmüthig gegen sie gehandelt. Sie senkte das Haupt; sie fühlte, daß eine unbesiegbare Rührung sie übermannen wollte.

„Ich habe oft gedacht,“ fuhr Hanna fort, während sie es discret vermied, in Mariens Gesicht zu blicken, auf welchem Ausdruck und Farbe schnell wechselten, „ich habe oft gedacht, daß es einer Frau, die mein Onkel hoch achtete, und zu welcher er unbedingtes Vertrauen haben könnte, nicht schwer sein würde, ihn glücklich zu machen und selbst glücklich zu sein. Es liegt so viel Güte und Großmuth in seiner Natur. Und wenn es wahr ist, daß man einen Menschen am richtigsten beurtheilen lernt, wenn man ihn in seinem Hause und im Verkehre mit seinen Untergebenen sieht, dann muß man eine hohe Meinung von dem Werthe seines Charakters bekommen. Er ist ein gütiger Herr, der sorgsam um das Wohl seiner Dienerschaft bemüht ist. Man merkt schnell, daß er wünscht, es möge Jedem in seinem Hause wohl sein. Aber – Marie – Sie zürnen mir doch nicht, daß ich so spreche?“

„O liebes Kind, wie könnte ich das! Sprich weiter – ich höre gern das Lob eines Freundes.“

„Wenn Du mich ‚Kind‘ nennst, so mußt Du es Dir gefallen lassen, mein Mütterchen zu sein. Darf ich Dich so nennen – bist Du es zufrieden?“

„Von Herzen! Ich bin schon Mütterchen genannt worden, als ich noch lange nicht so alt war, wie Du jetzt. Und der Sohn, den ich in Liebe und Sorge aufgezogen habe, soll seine Rechte jetzt an Dich abtreten. Mir ahnt es, daß ich ihn verlieren werde an Eine, deren Liebe ihm mehr gilt, als die meine. Eine Mutter kann sich nicht frühe genug an das Entsagen gewöhnen; ich fürchte, daß ich diese Erfahrung über kurz oder lang auch durch Dich bestätigt finden werde. Der Mann aber, dem ich Dich einst abtrete, muß ein ganzer Mann sein. Nur der Beste wird Gnade vor meinen Augen finden.“

„Mache Dir keine Sorgen, Mütterchen! Die Gefahr, mich zu verlieren, ist nicht groß. Wünschest Du, daß ich einen Pact mit Dir schließe, gar nicht zu heirathen? Ich bin bereit dazu.“ [801] Marie hob das Gesicht des jungen Mädchens empor und blickte ihr in die Augen. Sie hatte die Absicht, ihr einen scherzhaften Vorwurf zu machen, sie der Falschheit zu beschuldigen. Aber die Augen Hanna’s schauten mit einem so traurigen, hülfesuchenden Blicke zu ihr auf, daß sie schwieg. Sie begnügte sich, sie liebevoll zu umschlingen und ihr Haupt an ihrer Brust ruhen zu lassen. So standen sie, schweigend an einander geschmiegt, bis ein Klopfen an der Thür sie aufschreckte und der Diener meldete, daß man sie unten zum Thee erwarte.

Im Saal, wo die Lampen schon brannten und der Theetisch bereit stand, gingen Paula und Reinhard, der bald nach seiner Schwester angekommen war, im Gespräche auf und ab. Sie schienen über wichtige Dinge zu verhandeln, denn Paula sprach lebhaft und in sichtbarer Erregung. Max hörte ihr ernst und aufmerksam zu und war so in Anspruch genommen durch die Lebendigkeit seiner Gefährtin, daß er beim Eintritte der beiden Mädchen nur flüchtig aufblickte und sich mit einer Verbeugung aus der Ferne begnügte. Gleichwohl wurde das Gespräch nicht fortgesetzt, denn Kayser kam aus dem Nebenzimmer herbei, und man setzte sich. Reinhard hatte mit einiger Sorge an das Wiedersehen Hanna’s gedacht. Er war sich bewußt, daß er sich ihr gegenüber vom Augenblicke hatte hinreißen lassen, und mußte jetzt, wenn er gewissenhaft handeln sollte, doppelt auf seiner Hut sein, und das um so mehr, als er fühlte, daß der Zauber, dem er schon einmal erlegen, seine Wirkung auf ihn nicht verloren hatte. Hanna hatte ihren Platz hinter der silbernen Thee-Urne eingenommen und verwaltete schweigend ihr Amt als Wirthin. Um sie her wurde laut und heiter gesprochen, sie aber hörte nur das angstvolle Klopfen ihres Herzens, und die Stimme in ihrem Innern, die ihr zuflüsterte: „Sie haben sich verständigt – o, wenn doch dieser Tag erst zu Ende wäre, und ich allein sein könnte!“

Plötzlich fuhr sie zusammen. Man hatte ihren Namen genannt und aufblickend sah sie Aller Augen auf sich gerichtet.

„Machen Sie mir daraus keinen Vorwurf, Fräulein Marie!“ hörte sie ihren Onkel sagen, „ich bin unschuldig daran. Fragen Sie sie selbst, ob sie in meinem Hause Mangel leiden muß!“

„Aber Herr Kayser –“ begann Marie.

„Rechtfertige mich, Kind, gegen diese Anklage!“ fuhr Kayser in halb wirklich empfundenem Aerger fort. „Gieb Antwort: ich bin ein böser Onkel; ich lasse Dich hungern wie?“

„Aber lieber Herr Kayser!“

„Sie haben mich mit anklagenden Augen angesehen und das kann ich nicht ertragen. Sprich, Hanna, giebt man Dir genug zu essen und zu trinken?“

Paula und Max lachten; auch über Hanna’s Gesicht flog ein Lächeln, als sie sich zu Marie wandte.

„Ich versichere Dich, liebe Marie,“ sagte sie, „daß ich noch niemals in meinem Leben Gelegenheit gehabt habe, eine so gute Küche kennen zu lernen, wie jetzt. Und wenn ich diese Gelegenheit so schlecht benutze, so ist das lediglich meine eigene Schuld.“

„Aber man behandelt Dich schlecht; man vernachlässigt Dich?“ fuhr Kayser fort zu inquiriren.

„Durchaus nicht, Onkel!“

„Und wenn ich es auch nicht thue, so thut es doch die Dienerschaft. Da ist zum Beispiel die Hörig, unsere Wirthin. Sie läßt ihre üble Laune an Dir aus, sobald ich den Rücken wende. Sie sperrt Dich ein und pufft Dich, wenn Ihr allein seid – ist’s nicht so?“

„Aber Onkel!“ rief Hanna beleidigt.

„Du hast also keine Klage zu führen?“

„Nein, nein, nein!“

„Sie hören es, Fräulein Marie.“

„Herr Kayser, ich habe mir nie erlaubt, eine so lächerliche Beschuldigung auch nur zu denken, viel weniger auszusprechen.“

„Aber Niemand könnte es Ihnen verdenken, wenn Sie es gethan hätten. Hat es mir doch selbst Sorge gemacht, sie täglich bleicher und magerer werden zu sehen, während ich sie doch gerade habe herkommen lassen, damit sie frisch, roth und rund werde. Ich wollte in diesem Punkte rechte Ehre bei Ihnen einlegen; ich wollte Ihnen durch Thaten beweisen, daß ich besser bin, als meine Worte mitunter vermuthen lassen. Und nun muß sie gerade mir zum Trotze mich und meinen Tisch so in Mißcredit bringen.“

Man lachte über seinen Kummer, und Max sagte tröstend:

„Machen Sie sich hierüber keine Sorgen, lieber Freund! Sie selbst sind der beste Beweis von der Güte Ihres Kellers und der Nahrhaftigkeit Ihrer Küche. Ihr Anblick muß auch den ungläubigsten Zweifler zur besseren Erkenntniß bringen.“

Max lehnte sich in seinen Stuhl zurück und blickte zum ersten Male an diesem Abend aufmerksam in Hanna’s Gesicht. Mit Schmerz sah er, daß dieses holde Gesicht noch zarter und durchsichtiger geworden war, als früher. „Wenn sie krank würde: [802] wenn sie stürbe!“ dachte er, und er fühlte, wie bei diesem Gedanken eine bange, herzbeklemmende Angst sich seiner bemächtigte. Hanna, welche plötzlich aufblickte und die Sorge in seinem Gesichte lesen mochte, lächelte und schüttelte den Kopf.

„Mir fehlt gar nichts,“ antwortete sie auf seine stumme Frage, „ich fühle mich in der That ganz wohl. Ich habe nie sehr kräftig ausgesehen, und bin doch noch niemals in meinem Leben ernstlich krank gewesen.“

„Ihr Aussehen jedoch rechtfertigt die Sorge Ihrer Freunde,“ entgegnete er.

„Ich wünschte,“ antwortete sie leise, „daß unsere Freunde keine gerechtfertigtere Sorge hätten, als mein Aussehen. Ich weiß jedoch, daß dem nicht so ist – ich weiß, daß man uns etwas zu verbergen sucht, und ahne eine Gefahr, die Ihnen oder Ihrem Eigenthume droht. Sie sollten uns mehr Muth zutrauen; ist doch Wahrheit, und sei es die herbste, jeder Täuschung vorzuziehen.“

Er schaute auf, als sie so sprach, und ihre Augen begegneten sich. Hanna senkte den Blick dieses Mal nicht zu Boden – offen und ernst suchte er den seinen. Max fühlte, wie sein Herz wieder schneller zu schlagen begann.

„Wohl,“ sagte er, „ich will Ihrem Wunsche willfahren. Sie haben richtig geahnt: ich muß mich auf eine Gewaltthat gefaßt machen. Ich hoffe jedoch, daß Sie mich für Mannes genug halten, mich und mein Eigenthum zu schützen. Uebrigens hat man mir Zeit gelassen, für Verstärkung meiner Streitkräfte zu sorgen. Einige der zuverlässigsten Leute des Fräuleins von Contagne werden unter der Aufsicht meines treuen Kramer das Wohnhaus vertheidigen, welches wir anfänglich aus Mangel an Mannschaften preiszugeben gedachten. Ihr Oheim und ich nebst einigen entschlossenen Burschen werden zum Schutze der Fabrik bereit sein. Gleich nach Tisch werde ich mich entfernen, um mich auf meinen Posten zu begeben. Sie und Marie werden im Schutze dieses Hauses sicher sein.“

Er hatte schnell und leise gesprochen, unbeachtet von den Anderen, die drüben in einer lebhaften Unterhaltung begriffen waren. Jetzt rückte man die Stühle und stand vom Tische auf. Kayser bot Marie den Arm und führte sie in's Nebenzimmer, in dessen Mitte, bestrahlt von dem glänzenden Lichte des Kronleuchters, der neue Flügel stand. Mit einer gewissen Feierlichkeit bat er sie, die Erste zu sein, die darauf spiele. Marie willfahrte dieser Bitte rasch. Und als unter ihren kunstgeübten Händen die ersten Töne durch das hohe Gemach zogen, da hatte selbst für ihr Ohr der prachtvolle Klang etwas so Ueberraschendes, daß sie die Hände sinken ließ und mit entzücktem Lächeln aufschaute.

„Sie sind also zufrieden? – Das freut mich – das freut mich sehr,“ rief Kayser.

Er hätte nicht nöthig gehabt, seine Freude auszusprechen; sie war auf seinem Gesichte zu lesen. Marie, welche während des Tischgespräches mehr als einmal den Ausruf: „welch ein Materialist – welch ein arger Materialist sind Sie!“ hatte unterdrücken müssen, fühlte sich durch diese warmherzige Freude wieder versöhnt mit ihm. Sie reichte ihm lächelnd die Hand, die er nicht nur warm zwischen der seinen drückte, sondern auch mit der Miene ernster Huldigung an die Lippen führte. Als sie wieder zu spielen begann – es war ihr Lieblingsstück, Beethoven’s Sonate Pathéthique – blieb er neben ihr stehen, und betrachtete sie mit Blicken, die ihre Wange dunkler färbten. Sie spielte, wie sie sich bewußt war, schlechter als je vorher. In ihrem Innern machte sie sich Vorwürfe über die Unzufriedenheit, die sie eben gefühlt.

„Ich bin eine Thörin,“ sagte sie sich, „von einem Manne in seinem Alter und von seiner Lebenserfahrung Idealismus zu verlangen. Mag er immerhin die Freuden der Tafel etwas zu hoch anschlagen und zu großen Werth darauf legen – ich will mich stets daran erinnern, daß diese Schwäche tausendfach aufgewogen wird durch seine Biederkeit und Herzensgüte. Hanna hat Recht. Es kann nicht schwer sein, mit diesem Manne glücklich zu werden.“

Eine halbe Stunde später waren die drei Mädchen wieder allein. Die Lampen unten im Saale waren verlöscht, die Läden und Thüren geschlossen, und das ganze Haus lag still und dunkel da, als berge es nichts als Frieden und Schlaf in seinen Räumen.




15.

Die Stunden der Nacht verstrichen langsam wie alle, die in Sorge und Angst verlebt werden. Mitternacht war bereits nahe, und noch hatte sich keines der drei Mädchen zur Ruhe niedergelegt. Sie hatten ihre Sorge vor einander nicht zu verheimlichen vermocht und waren schnell übereingekommen, sich für die Nacht nicht zu trennen. Angstvoll an einander geschmiegt, saßen sie in Hanna’s Wohnzimmer, von Zeit zu Zeit hinaushorchend, ob ein Geräusch in der Ferne ihnen die Bestätigung ihrer bangen Ahnung brächte. Sie hatten nicht gewagt, die Lampe anzuzünden, aus Furcht, daß der Lichtschein aus ihrem Zimmer die Aufmerksamkeit etwa Herumstreichender auf das Haus lenken könnte, eine Furcht, die bei der Nähe der Fabrik durchaus gerechtfertigt erschien. Nur ein schwacher Lichtschimmer fiel aus dem Schlafgemache, wo hinter den sorgfältig geschlossenen Vorhängen ein gedämpftes Nachtlicht brannte, zu ihnen herein. Aber so schwach dieser Schimmer auch war, er reichte doch hin, ihnen die Blässe ihrer Gesichter und die angstvolle Spannung ihrer Züge erkennbar zu machen. So verrann Stunde um Stunde in bangem Schweigen. Hin und wieder erhob sich eine von ihnen, um leise ein Fenster zu öffnen und schärfer hinaus zu horchen. Aber nichts ließ sich vernehmen, als das leise Rauschen der Blätter im Nachtwinde oder das entfernte Bellen eines Hundes. So still war die Nacht, daß die Schläge der Fabrikuhr, als sie die Mitternachtsstunde verkündeten, deutlich bis in ihr Gemach drangen.

„Erst zwölf Uhr!“ sagte Hanna flüsternd, „wird denn diese Nacht nie zu Ende gehen?“

„Die Stunden der Dunkelheit haben wir wenigstens bald hinter uns,“ entgegnete Marie ebenso leise. „Nach Mitternacht geht der Mond auf – in einer Stunde wird die Gegend hell sein.“

„Vielleicht haben sie gerade hierauf gewartet,“ meinte Hanna verzagt.

„Seid nur nicht muthlos!“ ermahnte Paula tröstend. „Jede Stunde, die sie verstreichen lassen, ist ein Vortheil für uns. Wenn unsere militärischen Freunde mit dem Nachtzuge in Elmsleben anlangen, können sie mit dem Morgengrauen hier sein.“

„Bis dahin sind es noch drei Stunden, eine lange Zeit, in der viel geschehen kann,“ sagte Hanna.

Wieder verfielen die Drei in ein langes, angstvolles Schweigen, während dessen Jede ihr Herz schlagen zu hören meinte. Nur das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims unterbrach die Stille und hin und wieder ein leise geflüstertes Wort oder ein halb unterdrückter Seufzer.

„Diese Spannung ist kaum länger zu ertragen,“ sagte Paula endlich sich erhebend und an's Fenster tretend. „Einer Gefahr entgegensehen, die uns selbst droht, mag schlimm sein, aber tausendmal schlimmer ist es noch –“

„St!“ unterbrach Marie hastig ihre Worte, „hört Ihr nichts?“

In athemloser Spannung lauschten die Mädchen hinaus. Der Mond war aufgegangen. Zwar stand er noch nicht so hoch, um ihnen sichtbar zu sein, aber das tiefe Dunkel, das bisher geherrscht, hatte sich bereits gelichtet, und ein mattes Dämmerlicht erfüllte die Gegend. Und als ob die Strahlen des aufgehenden Gestirns mit der Finsterniß zugleich auch das Schweigen verscheucht hätten, ließ sich in der Ferne ein Geräusch vernehmen, anfänglich nur leise, wie das Rauschen entfernter Wasserfluthen, aber allmählich anschwellend, wie das Brausen eines erwachenden Sturmes. Es war ein dumpfer, unentwirrbarer Schwall von Tönen, unerklärbar für jeden Uneingeweihten, aber von grauenvoller Erkennbarkeit für die drei Lauscherinnen.

„Sie sind es. Sie sind es,“ rief Hanna mit angstvoll gerungenen Händen. „Und ich fing bereits an zu hoffen, daß die armen Verblendeten zur Erkenntniß des Elends gekommen seien, das sie im Begriffe sind, auf ihre eigenen Häupter herniederzuziehen.“

„Sie müssen darauf gefaßt sein, das zu ernten, was sie säen,“ sagte Paula streng.

„Sie sind irregeleitet,“ rief Hanna warm.

„Und wenn ich bedenke,“ nahm Marie das Wort, „wie bei Manchen unter ihnen gerade ihre besten Gefühle, ihre Treue gegen das bisherige Regiment, ihre Vaterlandsliebe, ja selbst [803] ihre Religiosität, gemißbraucht worden sind, sie zu diesem Gewaltacte zu verleiten, dann empfinde ich es doppelt schmerzlich, daß gerade meinen Bruder das Loos treffen muß, ihr Gegner und Ankläger zu sein. Wenn ich es wäre, die von ihnen angegriffen würde, ich glaube, die Waffe in meiner Hand würde zittern, selbst wenn ich sie zu erlaubter Selbstvertheidigung führte.“

„Willst Du Deinem Bruder einen Vorwurf daraus machen, daß er Unrecht von sich abwehrt?“ fragte Paula.

„O gewiß nicht!“ entgegnete Marie schnell. „Aber ich beklage die Nothwendigkeit, die ihn dazu zwingt.“

„Und glaubst Du, daß er sie weniger beklagt als Du, Mütterchen?“ fragte Hanna freundlich. „Ich bin sicher, sein Herz sehnt sich, Milde walten zu lassen. Ich zweifle nicht daran, daß er jede Schonung üben wird, die mit seiner Sicherheit vereinbar ist.“

„Welch ein beredter Anwalt das Kind ist!“ rief Paula, auf deren Antlitz sich trotz der kritischen Lage des Augenblicks ein leises Lächeln zeigte. „Schon zum zweiten Male habe ich heute Gelegenheit, sie in dieser Eigenschaft zu bewundern.“

Das Geräusch, welches mit jeder Minute an Stärke und Deutlichkeit zunahm, schnitt jede Entgegnung ab. Jetzt waren es nicht mehr unentwirrbare Töne; man unterschied deutlich den Tritt vieler Füße und den Schall zahlreicher Stimmen.

„Es ist unmöglich, diese Ungewißheit länger zu ertragen,“ rief Paula nach einer abermaligen längeren Pause des Schweigens. „Gehen wir hinab! Wenn wir über die Wiese hinter dem Garten gehen, können wir ohne Gefahr die Anhöhe erreichen, von der wir einen Ueberblick über die ganze Gegend haben werden. Niemand wird uns sehen, wenn wir die Landstraße vermeiden.“

Hanna hatte, noch ehe ihre Gefährtin zu Ende gesprochen, sich bereits zum Gehen fertig gemacht. Mit zitternden Händen hüllte sie auch Marie in einen weiten dunklen Shawl und führte dann ihre Gäste schweigend und im Dunkeln die Treppe hinab. Unten im Vorsaal wachte Frau Hörig mit einigen ihrer handfestesten Mägde. Nur widerstrebend gab sie dem Verlangen nach, den jungen Damen, die ihrer Obhut anvertraut waren, das Haus zu öffnen und sie ohne Schutz in die Nacht hinaus zu lassen. Sie blieb noch längere Zeit unter der Thür stehen, um ihnen ihr Vorhaben auszureden. Erst als sie sich überzeugt hatte, daß rings um das Haus alles still und ruhig war, ließ sie sie gehen. Schweigend durchschritten die drei Gefährtinnen den Garten, der frisch und friedlich dalag, und traten durch eine kleine Pforte auf die thaufeuchte Wiese hinaus. Die Anhöhe, von welcher Paula gesprochen, war bald erreicht. Der Gipfel derselben war mit einem dichten Buschwerk gekrönt, über welches ein paar alte Nußbäume ihre dichtbelaubten Kronen erhoben. Der tiefe Schatten der Bäume, sowie die niedrige Mauer, welche das Gesträuch bildete, dienten den Mädchen zum Verstecke, von wo aus sie, ohne selbst gesehen zu werden, den ganzen Schauplatz des Kampfes überblicken konnten. Paula’s Augen waren die schärfsten; sie war daher die Erste, welche die Situation zu überblicken vermochte.

„Das können nicht allein die Arbeiter der Fabrik sein,“ sagte sie schnell und athemlos sprechend, „es sind ihrer zu viele dazu. Der ganze Pöbel der Umgegend scheint sich versammelt zu haben; man hat es augenscheinlich auf eine große Demonstration gegen das verhaßte Preußenthum abgesehen. – Hört! Was mögen, diese Schläge zu bedeuten haben?“

„Es klingt, als ob sie Steine gegen das große Thor des Fabrikhofes würfen,“ sagte Marie zitternd.

„Das kennzeichnet diese ganze elende Horde,“ rief Paula mit verachtungsvoll zuckender Lippe. „Sie wagen sich nicht heran – ein paar muthige Männer halten die ganze Rotte in Schach.“

Die dumpfen, dröhnenden Schläge wiederholten sich. Bei jedem fürchteten die athemlos Lauschenden, das Krachen des zersplitterten Holzwerkes zu hören. Sie mußten sich sagen, daß das Thor der Gewalt dieser Stöße nicht lange widerstehen konnte.

„Er ist zu langmüthig; er geht zu schonend mit ihnen um,“ rief Paula zürnend. „Sie haben laut genug zu ihm gesprochen, diese elenden Bursche. Jetzt sollte er seine Büchse ihnen antworten lasten.“

„Sein Zögern stellt ihn in meinen Augen um so viel höher,“ entgegnete Hanna leise. „Ich begreife und billige es, daß er erst im letzten Augenblicke zu diesem schrecklichen, äußersten Mittel greifen will.“

„Das heißt aber mit zu ungleichen Waffen kämpfen. – Kennen sie ein Bedenken? Was, meinst Du, würde sein Loos sein, wenn er in ihre Hände fiele?“

Hanna antwortete nicht; Paula’s Worte riefen entsetzliche, grauenvolle Bilder in ihr wach. Schaudernd verbarg sie ihr Antlitz in ihren bebenden Händen, und als ob ihre Füße die Kraft verloren hätten, sie zu tragen, kauerte sie auf den Boden zu Mariens Füßen nieder.

Immer heftiger und schneller folgten die Schläge auf einander, und immer lauter und drohender tönten die wilden Rufe der Angreifer. Da endlich – selbst Hanna hatte sich der Erkenntniß nicht länger verschließen können, daß ernste Gegenwehr jetzt dringend geboten sei – tönte der erste Schuß aus der Fabrik, dem in rascher Folge mehrere andere aus dem abseits gelegenen Wohnhause antworteten. Die Wirkung ließ nicht auf sich warten. Ein wilder, langanhaltender Schrei, wie der einer Heerde verwundeter Raubthiere, ließ sich hören – dann trat eine plötzliche Stille ein. Sie dauerte nur wenige Augenblicke, aber in diese Pause hinein tönte von Elmsleben her der schrille Pfiff der Locomotive, ein Ton, der das Herz der drei Mädchen mit freudiger Hoffnung erfüllte.

„Der Zug! der Zug! Ich sehe ihn,“ rief Paula. „Wie eine Schlange windet er sich längs der Höfe hin. Die Retter sind da. Fasse Muth, Hanna! Marie, trockne Deine Thränen! Jetzt ist er gerettet.“

Sie hielten sich umschlungen, weinend vor Freude. Aber eine bange Stunde mußte noch vergehen, ehe die Retter wirklich erschienen. Und während dieser Zeit kam ihnen mehr als einmal die Befürchtung, sie würden zu spät kommen.

„O, wenn sie erst da wären – wenn sie da wären!“ Und Paula, deren Muth und Zuversicht sich mit der Nähe der Hülfe wieder eingestellt hatte, antwortete tröstend und hoffnungsvoll, und ihre frische helle Stimme klang erweckend und belebend den Verzagenden in’s Ohr.

„Das Schießen muß unten in Elmsleben zu hören sein – es wird ihnen verkünden, wie nothwendig hier ihre Hülfe ist,“ sagte sie. „Sicherlich werden sie keine Minute verlieren. Und die Gewißheit, daß Hülfe naht, wird unsere armen Belagerten zu tapferem Ausharren ermuthigen. Jetzt dürfen wir nicht mehr klagen – jetzt bin ich eines guten Ausgangs sicher.“

Sie war, die dicken Aeste eines Nußstrauches wie eine Leiter benutzend, emporgestiegen, um besser ausschauen zu können. Umwogt von Laubwerk stand sie da; ihr hübscher Kopf ragte darüber hervor, und die Arme griffen, hoch erhoben, in die Aeste eines Baumes. Von der Fabrik her tönten die Schüsse und dröhnten die Würfe in immer kürzeren Pausen. Das Krachen des Holzwerks und das Triumphgeschrei, das jeden errungenen Vortheil begleitete, klangen immer lauter, immer unheilverkündender zu ihnen herüber.

„Wie entsetzlich das klingt! Ist noch nichts zu sehen, Paula? – nichts? – o Gott, wenn sie zu spät kämen!“

„Muth, Muth! – wenn ich sie erst sehe, dann sind sie auch in wenigen Minuten hier.“

„Welch’ eine Truppengattung mag es sein – Infanterie?“

„Nein, Cavallerie, Dragoner.“

Sie wandte ihr Gesicht ab, denn sie fürchtete, daß ihre Gefährtinnen trotz des unsicheren Dämmerlichtes ihr Erröthen wahrnehmen könnten.

„Woher wissen Sie das, Paula?“ fragte Marie.

„Durch den Landrath. Es handelte sich um die nothwendigen Stallungen; sie sind ihm zur Verfügung gestellt worden. Es wurde alles telegraphisch abgemacht.“

„Vielleicht führt Richard, mein jüngerer Bruder, das Commando,“ sagte Marie.

Es erfolgte keine Antwort, aber Paula blickte eifriger als je in die Richtung von Elmsleben hin.

„Noch immer nichts zu sehen, Liebe?“

„Nein, aber glaubt mir, jetzt kann es nur noch wenige Minuten dauern.“

Wieder herrschte eine Weile Schweigen. Dann sagte Marie: [804] „Wir werden natürlich Alle Einquartierung bekommen – nicht?“

„Jawohl! Ich habe angeordnet, daß in Fleurmont Haus und Hof zum Empfange bereit sein werden. Mögen so viele kommen, wie nur immer wollen! Sie sollen mir willkommene Gäste sein.“

„Wenn unser lieber Junge kommen sollte, dann müßte er bei uns wohnen,“ rief Marie.

„Ihr Haus, fürchte ich, wird jetzt kaum in einem Zustande sein, um Gäste aufzunehmen. Kayser und ich haben uns erboten, den Officieren Quartier zu geben.“

„Vielleicht kommt nur Einer, Paula.“

„Möglich! Diesen Einen aber beanspruche ich, hört Ihr? Ich will ihn haben; mein muß er sein.“

„St! – Hört Ihr Nichts? Was ist das?“

„Das ist Pferdegetrappel – sie kommen; sie kommen.“

In der Ferne ließ sich ein sonderbares, donnerähnliches Getöse hören, das mit jeder Minute näher und näher kam. Es währte nicht lange, bis auch die beiden anderen Mädchen darin den Hufschlag vieler Rosse erkannten, die in raschem Trabe herankamen. Nur pausenweise vernahmen sie es – dann ging es ihrem aufhorchenden Ohre wieder verloren in dem verworrenen, wüthenden Toben des erbitterten Kampfes.

Und jetzt erblickten sie sie, die langersehnten Retter. Helm um Helm tauchte aus dem Thalgrunde empor. Die ersten Reiter verschwanden bereits im Gebüsche, das den Damm einfaßte, indeß das Ende des Zuges noch im Thale verborgen war.

„Ich kann nichts mehr sehen,“ sagte Marie, „mir flimmert's vor den Augen. Die ganze Gegend scheint mir in Nebel gehüllt. Schauen Sie aus, Paula! Sind sie schon diesseits des Dammes?“

„Ja, da kommt eben der erste Reiter aus dem Gebüsche hervor – er ist schneller geritten, als die Anderen – er hält wartend auf der Straße. Er ist’s – ich erkenne ihn. O mein Gott, ich erkenne ihn.“

Die Sonne, welche eben aufging, stand hinter Paula; daher konnten es nicht ihre Strahlen sein, welche sie blendeten. Etwas aber mußte sie am Sehen hindern, denn sie fuhr hastig mit der Hand über die Augen.

„Wen erkennen Sie? Wer ist es?“ rief Marie eifrig.

„Wer es ist? – Nun, natürlich der Officier!“ antwortete Paula, wieder mit der Hand ihre Augen beschattend.

„O, wenn es doch Richard wäre! Ich habe ihn schon so lange nicht gesehen. Ist er noch jung, Paula? Strengen Sie Ihre Augen an! Wie sieht der erste Reiter aus?“

Paula’s Brust hob und senkte sich ungestüm. Wäre Mariens Aufmerksamkeit nicht so sehr mit anderen Dingen beschäftigt gewesen, so hätte sie die Erregung des Mädchens gewahr werden müssen, die ihr Antlitz mit tiefer Purpurgluth färbte.

„Wie er aussieht, fragen Sie, Marie?“ entgegnete sie nach einer kurzen Pause. „Nun, wie anders, als hübsch – sehr hübsch! – Eine schlanke Gestalt – mittelgroß – braune Augen, klug wie die Ihrigen, Marie, aber feuriger, siegesgewisser in die Welt schauend –“

„Sie kennen ihn, Paula?“

„Ein kleiner, dunkler Bart auf der Lippe – und auf der linken Wange eine Narbe, die ehrenvolle Narbe eines Kriegers, die sein Gesicht noch schöner macht, als Natur es gebildet.“

„Paula! – Wäre es möglich – sollten Sie es sein? Kommen Sie herab, Kind! – O Himmel, ich hätte das ahnen können.“

„Hier bin ich, Mütterchen,“ sagte das junge Mädchen, mit einem leichten Sprunge ihren erhöhten Standpunkt verlassend und an Mariens Seite tretend. „Was befiehlt die gestrenge Mama?“

Sie schauten sich in die Augen, und Marie sah, wie in denen Paula’s, neben dem gewöhnlichen neckischen Funkeln, ein Blick tiefen, innigen Gefühls erglänzte. Sie ergriff die Hände des jungen Mädchens und drückte sie liebevoll in den ihrigen.

„Willst Du mir nicht vertrauen Paula?“ fragte sie.

„Ja, Dir vor Allen! Du sollst Alles wissen – aber später – jetzt nicht! Wir haben auf Dich und Deinen Schutz gerechnet. Haben wir uns getäuscht, Marie?“

Ein fester Händedruck war die einzige Antwort. Dann traten sie zu Hanna heran, die etwas weiter dem Gipfel zu so aufmerksam in die Gegend hinaus geschaut hatte, daß sie die kleine Scene zwischen ihren beiden Gefährtinnen nicht beachtet hatte.

„Da seht!“ sagte sie, „eben geht die Sonne auf, und vor ihrem Lichte müssen alle bösen, unheilvollen Geister der Nacht verschwinden. Schaut hin! Nur das Gute ist geblieben – die dunklen Mächte des Hasses und der Empörung haben das Feld geräumt.“

Als die ersten rothen Strahlen des Morgenlichtes die Gegend erhellten, sahen sie, wie man den eben anlangenden Truppen das Thor des Fabrikhofes öffnete, oder, um richtiger zu sprechen, wie man die Planken und Holzsplitter, welche einst das stattliche Thor gewesen waren, vor ihnen hinwegräumte. Von den Angreifern war nichts mehr zu erblicken; sie hatten noch vor der Ankunft der bewaffneten Macht schleunigst die Flucht ergriffen. Aber die Spuren, die sie auf dem nächtlichen Kampfplatze zurückgelassen, machten die Mädchen schaudern. Verwüstung überall, wohin sie blickten! Und grauenvoller noch als der zerstampfte Boden, die zertrümmerten Thüren und Fenster, die niedergetretenen Rasen- und Blumenstücke des Gartens, waren die regungslosen, dunklen Gestalten, welche als Opfer des nächtlichen Kampfes zurückgeblieben waren.

[817]
16.

Der Morgen, welcher der schreckensvollen Nacht folgte, war so freundlich und sonnig und der Garten der Villa Kayser lag so friedlich und thaufrisch im Lichte der Morgensonne da, daß Marie, die eben aus dem Hause getreten war und langsam die Stufen hinabschritt, fast geneigt war, die Ereignisse der Nacht für einen bösen Traum zu halten. So ruhig und still war Alles ringsumher, daß sie hätte meinen können, die Erde sei ein Paradies des Friedens und des Glückes, dessen harmonische Schönheit nie zerstört werden könne durch Scenen wüster Leidenschaft und roher Gewaltthat. Und doch bebten ihre Nerven noch unter der Nachwirkung der nächtlichen Schrecken, und das Herz that ihr weh, wenn sie der unausbleiblichen Folgen derselben gedachte.

Noch war keine nähere Kunde aus der Fabrik zu ihr gelangt. Nur durch Frau Hörig hatte sie erfahren, daß, während sie geschlafen, ein Bote erschienen sei, der Decken und Leinwandzeug für die Verwundeten gefordert und flüchtig erwähnt habe, daß Alles gut stände. Aber trotz dieser Nachricht wollte sich ihr Herz nicht zur Ruhe beschwichtigen lassen. Jetzt bereuete sie es fast, daß sie nicht ihrem ersten Impulse gefolgt war, der sie angetrieben, gleich nach Beendigung des Kampfes hinzueilen, ihre Hülfe anzubieten und sich zu überzeugen, wie ihre Lieben die Nacht überstanden. Aber diesen Plan hatte sie bei ruhiger Ueberlegung wieder aufgegeben. Sie hatte sich gesagt, daß sie, da man sie absichtlich von Hause entfernt hatte, nicht ohne gerufen zu sein dahin zurückkehren dürfe. Auch ihre beiden Gefährtinnen waren der Meinung gewesen, man müsse sich in Geduld fassen und dürfe sich nicht der Möglichkeit aussetzen, in den Zügen der Männer Erstaunen oder gar Mißbilligung bei ihrem Erscheinen zu lesen. So waren sie schweigend in’s Haus zurückgekehrt und hatten sich in ihre Zimmer begeben. Marie aber hatte keine Ruhe finden können. Bei dem ersten Geräusche, das sich unten im Hause vernehmen ließ, hatte sie sich erhoben und war nach schnell gemachter Toilette in den Garten hinabgegangen. Da stand sie nun und blickte sehnsüchtig nach der Fabrik hinüber. Nur eine kleine Strecke Weges lag zwischen ihr und dem Orte, zu welchem es sie mit einer Macht hinzog, die stärker war als sie. Sie hatte bereits die Gartenthür geöffnet und den wohlbekannten Fußpfad eingeschlagen, ehe sie sich ihrer Absicht völlig bewußt geworden war. Es war ein anmuthiger Weg, der den Zickzacklinien einen Baches folgte und von dichtem Erlengebüsch überdacht war. Mit schnellen Schritten eilte sie vorwärts. Ihre Sorge war so groß geworden, daß sie jedes Bedenken in ihr erstickte. Und – so fragte sie sich – wer konnte es ihr im Grunde auch verdenken, wenn sie Gewißheit haben wollte über das Schicksal ihrer Lieben? Wer konnte ihr einen Vorwurf daraus machen, daß sie ungerufen kam? Es waren ja ihre Brüder, zu denen sie hineilte.

Aber dennoch wurde ihr Schritt unwillkürlich zögernder. Weilte doch ein Mann bei Jenen, dem sie um keinen Preis der Welt unweiblich oder keck hätte erscheinen mögen. Nicht allein die Sorge um ihre Brüder war es, welche sie vorwärts trieb – schon während der Nacht hatte sie deutlich erkannt, daß diese aufgehört hatten, das einzige Glück ihres Lebens zu sein. Ja, dem Manne, der noch vor wenigen Wochen ihr fast fremd gewesen war, hatten ihre Thränen gegolten, um ihn hatte sie am meisten gesorgt und gebangt. – Und warum sollte sie den Schatz, den sie in ihrem Herzen entdeckt, ihm, dem Eigenthümer, verheimlichen? Sie wußte, daß es ihn glücklich machen werde, zu sehen, seine Liebe werde erwidert. Ja, sie wollte ihn in ihrem Herzen lesen lassen – jetzt in der Erregung des Augenblickes schien ihr das leicht zu sein.

Aber wieder wurde ihr Schritt zögernder. Wenn er ihr nun plötzlich gegenüberträte mit dem sarkastischen Lächeln auf den Lippen und dem scharfen Blicke seiner grauen Augen – würde sie den Muth finden, ihren Vorsatz auszuführen? Er war ein ruhiger, bedächtiger Mann, der es nicht liebte, wenn man nach augenblicklichen Impulsen handelte. Wenn sie ihm jetzt begegnete und er mit dem leichten Emporziehen seiner buschigen Brauen, das bei ihm stets mißbilligendes Erstaunen bedeutete, zu ihr spräche: „Wo wollen Sie hin, Fräulein Marie? Bitte, kehren Sie um! Das Haus Ihres Bruders ist kein Aufenthaltsort für Damen,“ – wenn er dies spräche, was würde sie erwidern?

Sie ahnte nicht, wie schnell diese Frage gelöst werden sollte. Denn während sie darüber nachdachte, wie sie in diesem Falle sich zu benehmen hätte, war sie an eine Biegung des Weges gelangt und der Gegenstand ihrer Gedanken stand ihr plötzlich, Aug’ in Auge, gegenüber. – Wie hatte sie sich gesehnt, ihn zu sehen! Und jetzt stand sie zitternd da, nicht fähig, ihm ein Wort der Begrüßung zu sagen. Nur ihre Hand konnte sie ihm reichen und ihn anblicken mit Augen, welche durch Thränen verdunkelt wurden. Und jetzt – richtig! Jetzt kamen fast dieselben [818] Worte über seine Lippen, die sie sich kaum vor zwei Minuten vorgesagt. Sie mußte lachen, als sie sie hörte, und lachend zog sie ihr Taschentuch hervor, um sich die Thränen zu trocknen, die ihr unaufhaltsam über die Wangen flossen.

„Wo wollen Sie denn hin, Fräulein Marie?“ fragte er, sie unter seinen buschigen Brauen hervor scharf anblickend. „Es ist gut, daß ich Sie treffe, denn dort kann man Sie noch nicht brauchen. Ich kann Ihnen nicht helfen. Sie müssen mit mir wieder umkehren. Aber beruhigen Sie sich: mit Ihren Brüdern steht es gut.“

Nicht eine Spur von Sarkasmus lag in seinem Lächeln – er schien ihre Erregtheit ganz erklärlich, ganz natürlich zu finden.

„Und von sich selbst sprechen Sie gar nicht? Glauben Sie, daß wir nicht auch Ihretwegen Sorge empfunden haben? Sind Sie ganz unverletzt?“

„Jawohl, heil und ganz, und völlig frischauf! Uebrigens hatte ich mich auch nicht als Combattant, sondern als besonnener Freund, und wenn nöthig, als einflußreicher Friedensvermittler Ihrem Bruder zugesellt. Wenn unsere militärische Hülfe eine halbe Stunde später, das heißt zu spät gekommen wäre, um das Eindringen der wilden Meute zu verhindern, dann hätte ich von Nutzen sein können. Ich bin hierorts wohlbekannt und auch einigermaßen beliebt. Vielleicht hätte meine warnende Stimme ein Ihnen theures Leben retten können, wenn es zum Aeußersten gekommen wäre.“

„O Sie lieber Freund, Sie denken an Alles, Sie sind immer edelmüthig, muthvoll und besonnen.“

„Ihr Lob könnte mich fast stolz machen, Fräulein Marie.“

„Mein Lob! Ein armseliger Lohn für Alles, was Sie an uns gethan!“

„Ich wünsche mir keinen besseren. Jetzt aber trocknen Sie Ihre Thränen! Ihre Sorge um Ihre Brüder ist allerdings natürlich genug, da ich Ihnen aber die Versicherung geben kann, daß –“

„Weshalb sprechen Sie nur von der Sorge um meine Brüder?“ fragte Marie stehen bleibend und ihm in’s Gesicht schauend. „Wollen Sie keine andere gelten lassen? Wollen Sie mir nicht glauben, wenn ich Ihnen sage, daß meine Angst in dieser entsetzlichen Nacht ebenso, wenn nicht noch mehr, Ihnen, als Jenen gegolten hat? Ich habe mich selbst darüber gewundert und mich eine lieblose Schwester genannt, aber ich konnte es nicht hindern – und wenn ich es auch gekonnt hätte, so hätte ich es doch nicht gewollt – daß meine Gedanken immer bei Ihnen, dem edlen, großmüthigen Freunde weilten, daß Ihnen meine Hauptsorge galt. Und jetzt, als ich, jede Rücksicht hintenansetzend, hineilen wollte, nur mich zu überzeugen, wie es steht, da war es wieder der Wunsch –“

Sie konnte nicht weiter sprechen. Er hatte ihre Hände ergriffen und sie fest zwischen seine beiden gedrückt.

„Also um mich haben Sie gesorgt, Marie? Mir sind Sie entgegengekommen, mich wünschten Sie zu treffen?“

„Weshalb fragen Sie noch!“

„Soll das heißen, daß Sie sich wirklich etwas aus mir machen?“

„Etwas! Es ist nicht großmüthig, daß Sie zweifeln.“

Sie standen sich gegenüber, und als sie jetzt zu ihm aufschaute mit ernstem, innigem Blick und doch ein Lächeln auf den Lippen, da legte er ihren Arm fest in den seinen.

„So,“ sagte er, „nun wollen wir nach Hause gehen. Nach Hause, wir Beide zusammen. Wie das glückverheißend klingt, Marie! Und ich habe immer gedacht, Du machtest Dir nicht viel aus mir. Auf etwas Dankbarkeit glaubte ich allerdings rechnen zu können, aber das gerade hat mich zurückgehalten. Und wenn ich doch einmal Lust verspürte, das Schicksal zu befragen, dann haben Deine ehrlichen Augen mich gewarnt.“

Sie schritten rüstig vorwärts. Marie hielt tapfer Schritt mit ihm. Als sie in den Garten traten, und das schöne, in anmuthigem Villenstil erbaute Haus vor ihnen lag, fragte er: „Wie gefüllt Dir mein Haus – wirst Du gern darin wohnen?“

„Sehr gern, denn es gefällt mir gut, aber der Besitzer gefällt mir noch besser.“

Ein leises glückliches Lächeln glitt über seine Züge. Nach einigen Augenblicken aber blieb er stehen und blickte sie ernst an.

„Du kannst doch aber nicht leugnen,“ sagte er, „daß das, was ich Dir zu bieten habe, Dich befriedigt. Dir gefallen mein Haus, mein Garten, meine Wagen und meine Pferde, nicht? Wenn ich ein armer Bursche gewesen wäre, hättest Du niemals an mich gedacht. Entbehrungen mit mir zu theilen, dafür hättest Du Dich bedankt – he?“

Wenn Marie nicht die Geschichte seiner Ehe gekannt hätte, dann würde seine mißtrauische Art vielleicht noch in diesem Augenblicke ihren Zorn erregt haben. Die Worte aber, welche Hanna gestern gesprochen, tönten noch in ihrem Ohre nach und stimmten sie mild und nachsichtig.

„Ich habe mein Lebelang keinen Reichthum besessen und mich auch nie danach gesehnt,“ sagte sie ruhig. „Meine Bedürfnisse sind so einfach und meine Liebhabereien so wenig kostspielig, daß ich ihn auch ferner entbehren kann. Ja, ich wünsche nicht einmal anders zu leben als bisher. Warum sollte ich habsüchtig nach Geld streben, das für mich –“

„O, verzeih, verzeih! Vergiß, was ich gesprochen habe! Du wirst oft Nachsicht mit mir haben müssen, denn ich bin ein verbitterter, mürrischer Geselle. Und glaube auch nicht, daß ich Thor genug bin, eine Liebe zu beanspruchen, die sich mit einer Hütte und einem Herzen begnügt! Ich kenne mich selbst und trage meinen Jahren Rechnung. Das Leben lehrt bescheidene Selbstschätzung und daher –“

„Ich will in diesem Falle aber keine Bescheidenheit,“ unterbrach ihn Marie halb lachend, halb ärgerlich. „Jeder Mann kann von der Frau, welche seinen ehrlichen, ehrenhaften Antrag annimmt, eine ebenso ehrliche Zuneigung beanspruchen. Ich bin mir bewußt, diesen Anspruch erfüllen zu können – ist Dir diese Versicherung genug?“

„Ich danke Dir; ich werde Deine Worte nicht vergessen,“ entgegnete er leise. „Und wann soll es sein? Bedenke, daß ich nicht viel Zeit zu verlieren habe!“

„Niemand hat Zeit zu verlieren, auch ich nicht, wenn es sich darum handelt, glücklich zu werden.“

„Gut! Sagen wir also in vier Wochen; ist Dir das recht?“

„Ja.“

Ehe sie sich dessen versah, hatte er ihren Kopf zwischen seine beiden Hände genommen – nicht stürmisch, sondern leise und sanft– und sie auf Stirn und Lippen geküßt. Und als sie, von diesem Beginnen etwas außer Fassung gebracht, mit rothem Gesichte ihren Hut wieder zurechtrückte, hörte sie einen schnellen, leichten Schritt den Gang herabkommen.

„Das ist Paula,“ flüsterte sie schnell. „Verzeihe, daß ich mich entferne! Ich werde später besser in der Stimmung sein, mit ihr zusammenzutreffen.“ Sie schlüpfte seitwärts in’s Gebüsch, und als sie sich dem Hause zuwandte, hörte sie Paula’s frische Stimme ihrem Vormunde ein heiteres „Guten Morgen!“ zurufen. Sie sah nicht, daß ein lächelnder Seitenblick ihre verschwindende Gestalt streifte, und daß Paula mit schlau auf die Seite geneigtem Kopfe ihren Vormund bedeutungsvoll anblinzelte.

„Guten Morgen, Junker Paul!“ sagte dieser. „Frisch auf und guter Dinge, trotz der schlaflosen Nacht?“

„Ihre Erscheinung, werther Herr, muß alle Sorge verbannen. Sie sehen so frisch, so strahlend und hoffnungsvoll aus – auf Ihrer Stirn glänzt so unverkennbar Siegesfreude und Siegesstolz, daß man versichert sein kann, Sie bringen gute Kunde.“

„Sie sind ein vortrefflicher Physiognom, lieber Junker. Sie schauen durch Rock und Weste bis in das Herz hinein und sehen den Sonnenschein, der tief drinnen sitzt.“

„Also täusche ich mich nicht – die Parteien haben die Waffen gestreckt und Frieden geschlossen?“

„Besser noch,“ erwiderte Kayser. „Die kriegführenden Mächte sind ein Bündnis eingegangen, das ihre Interessen fernerhin coalisirt. Nach menschlicher Berechnung wird es ein Bund werden, der zum Heile aller Betheiligten ausschlägt.“

„Wie mich das freut!“ rief Paula, die Hände ihres Vormundes herzlich drückend. „Das ist in der That ein Ereigniß, an das man die besten Hoffnungen knüpfen darf. Sie haben Ihre Morgenstunden gut benutzt; ich gratulire Ihnen. Sie haben nicht nur als kluger Mann für Ihr eigenes Glück gesorgt, sondern gleichzeitig als trefflicher Patriot und einsichtsvoller [819] Staatsmann gehandelt. Die Zwistigkeiten würden bald beigelegt sein, wenn Ihr Beispiel Nachahmung fände.“

„Sie scheinen nicht übel Lust zu haben, Junker Paul, alle politischen, kirchlichen und nationalen Conflicte auf diese Art zu lösen. Sie wenden den Grundsatz der Nationalökonomie, daß Derjenige, der mit Erfolg für seine eigene Habe sorgt, gleichzeitig den Reichthum der Nation mehrt, auch auf das Glück, das häusliche sowohl wie das nationale, an und folgern daraus die Pflichten, die Ihnen als guter Staatsbürger erwachsen – wie?“

Er war augenscheinlich in bester Laune und blickte seine Mündel, mit welcher er vor dem Hause auf- und niederschritt, lächelnd von der Seite an. Der glückliche Abschluß seiner eigenen Herzensangelegenheit hatte in ihm lebhafter als je vorher den Wunsch erregt, die Frage, die seiner Meinung nach zwischen Max und ihr schwebte, ebenfalls etwas zu fördern. Auch Paula hielt die Stunde für gut gewählt, ihre eigene Angelegenheit zur Sprache zu bringen, und kam ihrem Vormunde daher auf halbem Wege entgegen.

„Sie wissen,“ sagte sie, „daß ich weite Umwege nicht liebe, und daß ich gern direct auf mein Ziel losgehe.“

„Ja wohl,“ entgegnete er lächelnd, „ich habe in den letzten Tagen oftmals die Gelegenheit gehabt, diese schätzenswerthe Eigenschaft an Ihnen zu beobachten.“

„Deshalb sage ich Ihnen jetzt auch offen und ehrlich: ich habe meine Wahl getroffen und habe die Absicht, mich zu verheirathen.“

„Eine Absicht, die ich Ihnen schon am ersten Tage unseres Wiedersehens angemerkt habe.“

„Sie setzen mich in Erstaunen. Es ist ganz unglaublich, wie Ihr Blick in die tiefsten Tiefen meiner Seele dringt.“

„Die tiefsten Tiefen Ihrer Seele waren ziemlich leicht zu erforschen. Sie haben redlich Sorge getragen, daß Niemand über Ihre Absichten im Zweifel blieb.“

„Ich hoffe, Sie halten das nicht für ein Unrecht. Ich bin eine offene Natur, der es schwer wird, ein Geheimniß zu bewahren.“

„Für ein Unrecht halte ich es nicht, und obgleich es etwas gegen das gewöhnliche Herkommen verstößt, so –“

„Gewöhnliche Herkommen! – Wenn ich etwas hasse aus tiefster Seele, so ist es dieses gewöhnliche Herkommen,“ unterbrach Paula ihn energisch. „Ich sollte wohl erst das Gutachten der ganzen Sippe einholen und warten, bis Alles hübsch durchgesprochen und durchgehechelt worden war von diesen Klatschbasen, den männlichen sowohl wie den weiblichen?“

„Ereifern Sie sich nicht! sagte Kayser lachend. „Sie haben Niemand zur Besinnung kommen lassen – Sie waren mit sich einig im Handumdrehen.“

„Am meisten bei der ganzen Sache freut mich das, daß Ihr Alle Euch ärgert. Ihr hättet gewünscht, auch die Hand im Spiele zu haben, aber ich bin ohne Euch fertig geworden. Ich überrasche Euch mit der vollendeten Thatsache,“ sagte Paula.

Es war augenscheinlich, daß sie über die Worte ihres Vormundes einen heftigen Aerger empfand, der sie vergessen ließ, daß sie sich ihn zum Verbündeten machen wollte. Und daß er seine Ruhe bewahrte und sie mit seinem gewöhnlichen sarkastischen Lächeln auf den Lippen von der Seite anblickte, reizte sie noch mehr.

„Was mich anbelangt, so sind Sie im Irrthume: ich überlasse Ihnen gern den Ruhm, als energischer kleiner Junker selbst die Initiative ergriffen zu haben. Die Sache ist also völlig fest und abgemacht?“

„Ja!

„Nun, das ist brav. Die Hauptsache ist immer, daß man weiß, was man will. Und dann frisch vorwärts an’s Werk – dem Muthigen gehört die Welt.“

„Ist das Alles, was Sie mir zu sagen haben?“

„Behüte! Ich gratulire von Herzen – Sie hätten eine schlechtere Wahl treffen können.“

„Sie sind in der That sehr gütig.“

„Ich wünsche nur, Sie hätten sich etwas mehr Zeit gelassen – ich wünsche das um Ihrer selbst willen. Er ist ein Mann von ruhiger Ueberlegung, ein Mann, dem jede Hast höchlichst mißfällt. Ich wünschte, Sie hätten sein zartsinniges Bedenken hören können, als ich gestern mit ihm darüber sprach.“

Paula’s Augen wurden größer und ihre Lippen preßten sich fest auf einander, als sie stehen blieb und ihrem Vormund starr in’s Gesicht schaute.

„Er wollte von einer solch schnellen Erledigung der Frage nichts wissen,“ fuhr dieser harmlos fort. „Er sagte ganz richtig, daß dem Antrage eine Zeit der Werbung vorangehen müsse. Ich bin überzeugt, daß diese Art die Sache über’s Knie zu brechen durchaus nicht nach seinem Geschmacke ist.“

Paula’s Wange, welche bis dahin in dunkler, zorniger Röthe geflammt hatte, wurde jetzt plötzlich blaß. Ihr Auge blitzte dicht vor Kayser’s erstauntem Blick, und ihr ganzes Aussehen schien ihm so bedenklich, daß er sich einige Schritte zurückgezogen haben würde, wenn die junge Dame nicht einen seiner Rockknöpfe fest zwischen ihren Fingern gehalten hätte.

„Soll ich das so verstehen,“ fragte sie mit leiser Stimme, „daß Sie Herrn Max Reinhard meine Hand angeboten haben – daß Sie es gewagt haben, Herrn Max Reinhard auf diesen Gedanken zu bringen?“

„Gewagt! – Das Wagniß war nicht sehr groß nach dem, was Ihrerseits vorangegangen war,“ entgegnete er, seine Unterlippe vorstreckend. „Meinen Sie etwa, er sei blind, um solche Winke nicht zu verstehen?“

„Wissen Sie auch, was Sie da sprechen? Wissen Sie auch, daß Sie mich tödtlich beleidigen? Ihre Worte enthalten die gröbste Kränkung, die man einem feinfühlenden Mädchen anthun kann.“

„Feinfühlend! Darauf haben Sie sich ziemlich spät besonnen.“

„Und als ich den Mann in meinem Hause willkommen hieß, als ich ihn mit offener Herzlichkeit begrüßte, als ich die ganze Welt zum Zeugen der Freude hätte machen mögen, die ich empfand, als er mir gegenüberstand, und ich jeden Zug seines Gesichtes als einen lieben, seltsam vertrauten erkannte – da haben Sie zu glauben gewagt, ich mache Jagd auf ihn? Und später, als ich Sie bat, mein Eigenthum als das seine zu betrachten und ihm jede Hülfe zu gewähren, die durch dasselbe zu erlangen ist – da glaubten Sie, ich wolle mein Geld dazu benutzen, mir einen Gatten zu erkaufen? – Was habe ich gethan, daß Sie mich einer so unweiblichen, unwürdigen Handlung für fähig halten?“

Auf Kayser’s Gesicht hatte während dieser Rede der Ausdruck von Erstaunen und Unwillen gewechselt.

„Und wenn nicht das, was war dann Ihre Absicht?“ fragte er.

„Was meine Absicht war? Ich wollte ihm zeigen, wie hoch er mir steht, wie er dem Bilde, das ich mir von ihm gemacht, ganz und gar entspricht. Schwesterlich nahe treten wollte ich ihm –“

„Nun habe ich genug von dieser ganzen confusen Geschichte,“ rief Kayser in ausbrechendem Zorn. „Schwesterlich nahe treten! Hat man schon jemals dergleichen gehört? – Halten Sie mich für einen Narren? Ich glaube, Einer von uns hat den Verstand verloren, aber es gereicht mir zur Befriedigung, zu wissen, daß ich es nicht bin.“

„Herr Kayser!“ rief Paula.

„Oder halten Sie es vielleicht für verständig und correct gehandelt, erst ein Langes und Breites über Ihre Absicht, zu heirathen, zu sprechen und dann –“

Er hielt plötzlich inne und spähte die Landstraße entlang.

„Nun, da haben wir’s. Da kommen sie bereits,“ rief er verdrießlich, „und ich habe der Hörig noch gar nicht gesagt, daß ich Gäste erwarte.“

„Wen erwarten Sie? Wer kommt?“ fragte Paula auffahrend.

„Die beiden Reinhards natürlich! Was sollen sie denn dort frühstücken in dem leeren Neste?“

„Warum haben Sie mir nicht früher gesagt, daß Sie sie eingeladen haben?“ fragte Paula, eilig die Stufen der Haustreppe hinaufspringend.

Kayser antwortete nicht. Aber er sah mit zornigem Stirnrunzeln dem jungen Mädchen nach, wie sie auch die Treppe zum Oberstock leichtfüßig hinaneilte, und hörte, wie sie mit dem lauten, erregten Rufe: „Marie! Hanna!“ die Thür zu dem Wohnzimmer der Letzteren öffnete. Dann wandte er sich [820] brummend der schnell herbeigeeilten Dienerschaft zu, derselben die nöthigen Befehle zu geben. Und kaum hiemit fertig, hatte er die beiden Brüder zu empfangen, deren Wagen eben an der Freitreppe vorfuhr.




17.

„– – und Ihnen, als dem ältesten Bruder, wollte ich die Sache zuerst mittheilen. Ich würde mich freuen, lieber Freund, wenn Sie mich ebenso gern in Ihrer Familie aufnehmen möchten, wie ich gern in dieselbe eintrete.“

„Ich denke, darüber dürfen Sie keinen Zweifel hegen,“ entgegnete Max, die Hand seines künftigen Schwagers herzlich drückend. „Wie wir Beide mit einander stehen, wissen wir. Unsere Freundschaft kann durch ein verwandtschaftliches Verhältniß kaum noch vergrößert werden. Wie mich diese Nachricht erfreut! Ich hoffe – ja ich bin überzeugt, daß das eine glückliche Ehe werden wird.“

Die Männer standen sich im Arbeitszimmer Kayser’s, wohin dieser seinen Gast geführt hatte, gegenüber. Es waren nur wenige Worte zwischen ihnen gewechselt worden, aber die Beiden kannten sich genug, um den Werth und die Aufrichtigkeit derselben richtig ermessen zu können. Mit einem nochmaligen festen Händedruck hatten sie die Sache für erledigt und gingen zu anderen Angelegenheiten über.

„Es wird Sie freuen zu hören, daß Ihre Vermuthung sich bestätigt hat,“ sagte Max. „Nicht alle Arbeiter der Fabrik haben sich an dem nächtlichen Ueberfalle betheiligt. Die bessergesinnten haben sich zurückgehalten und mir bereits ihr Bedauern über das Geschehene ausgedrückt. Ich habe Hoffnung, mich mit ihnen zu verständigen.“

„Das freut mich – das freut mich aufrichtig. Der Schrecken dieser Nacht und die schweren Folgen derselben werden sie zur Besinnung bringen. Und wenn Sie, lieber Freund, daraus auch noch die Lehre ziehen möchten, das Rechte, was Sie unzweifelhaft stets zu thun beabsichtigen, mit etwas weniger soldatischer Kürze und Barschheit, mit etwas mehr hier zu Lande üblicher Behaglichkeit zu bewerkstelligen, dann zweifle ich nicht, daß ein ehrlicher, dauerhafter Friede zu Stande kommen wird, zum Gedeihen der Fabrik und aller daran Betheiligten.“

Max lächelte.

„Vielleicht finde ich noch ein wirksameres Mittel, die Leute zu überzeugen, daß mir ihr Wohl am Herzen liegt trotz der von Ihnen gerügten Rauhheit meines äußeren Wesens. Ich habe gute Nachrichten bekommen, Nachrichten, die meinem Fabrikate, statt des verlorenen Absatzes im Westen, einen Markt in Deutschland eröffnen. Ich habe Ihnen die betreffenden Briefe mitgebracht – wollen Sie Einsicht davon nehmen?“

„Ich gratulire, ich gratulire von Herzen,“ sagte Kayser, als er die Papiere wieder zusammenfaltete und sie seinem Gaste hinreichte. „Das sind in der That gute Nachrichten. Es gehört eben nicht viel Scharfblick dazu, Ihnen jetzt zu prophezeien, daß Sie binnen wenigen Jahren ein wohlhabender Mann sein werden.“

„Ich bin noch nicht zu Ende,“ entgegnete Max. „Ich habe außerdem Aussicht, die Lieferungen für das Armeecorps unserer Provinz zu erhalten, auch ist mir verbürgte Kunde zugegangen, daß noch anderweitige sehr umfassende Bestellungen mir zugedacht sind – kurz: ich bin jetzt wirklich nicht zu sanguinisch, wenn ich hoffe, daß die bösen Zeiten nun hinter mir liegen.“

„Ich darf Sie wohl nicht versichern, daß mich das freut, als ob es mich selbst beträfe“, sagte Kayser.

„Und,“ fuhr Max lächelnd fort, „da ich mich nun endlich als freier Mann fühlen kann, der aufgehört hat, ein Sclave der Nothwendigkeit zu sein und es sich gestatten darf, dem Wunsche seines Herzens zu folgen, so soll meine erste freie That dem Wohle meiner Arbeiter gelten. Sobald die Arbeiten in der Fabrik wieder beginnen, werde ich ihnen aus freiem Entschlusse die Zulage gewähren, die ich ihnen früher habe abschlagen müssen. Da die neuen Maschinen mir bedeutende Arbeitskräfte ersparen und die Einnahmen jetzt reichlicher fließen werden, kann ich’s, ohne meine Creditoren dadurch zu schädigen.“

„Daß Sie correct und rechtschaffen handeln, habe ich nie bezweifelt, lieber Freund,“ sagte Kayser warm. „Aber nicht nur jetzt eben sondern bereits heute Nacht haben Sie mir auch den Beweis geliefert, daß Sie ein humaner, warmherziger Mann sind. Das hat meine Achtung für Sie noch erhöht. Als ich Sie heute mit so recht menschlicher Sorge um die Verwundeten bemüht sah, ich habe mir das Wort gegeben, Sie mein Lebelang als einen theuern Freund zu ehren. Ich bitte Sie, mir oft Gelegenheit zu geben, Ihnen diese Freundschaft zu beweisen.“

„Das trifft sich gut,“ entgegnete Max, „denn hier stehe ich vor Ihnen mit einer Bitte auf den Lippen, von deren Gewährung mein Glück abhängt.“

Der bewegte Ton, in welchem er diese Worte sprach, und die erhöhte Farbe seines Gesichtes weckten in Kayser eine Ahnung über die Art des Anliegens, das sein Freund an ihn hatte; auch mochte gleichzeitig die Erinnerung an die stürmische Scene, die er eben mit Paula gehabt, in ihm aufleben. Er fühlte sich einer kleinen Indiscretion gegen Max schuldig, denn er hatte sich zu Andeutungen und Winken herbeigelassen, zu welchen er nicht autorisirt worden war. Und da er auch ihm gegenüber die Erlangung der reichen Erbin als eine lediglich in seine eigene Wahl gestellte Sache dargestellt hatte, so wurde er mit Unbehagen die schwierige Lage inne, in welche er sich gebracht.

„Mein lieber Junge,“ sagte er, indem er mit beiden Händen beschwichtigende und abwehrende Bewegungen machte, „lassen Sie sich rathen: geben Sie die Sache auf! Sie sorgen am besten für Ihr Glück, wenn Sie sich den Gedanken ganz aus dem Kopfe schlagen.“

„Das kann Ihr Ernst nicht sein. Sie selbst haben mir eben erst den Beweis geliefert –“

„Aber ich bitte Sie, das ist ja eine völlig andere Sache,“ fiel ihm Kayser in’s Wort. „Sie können doch keinen Vergleich anstellen wollen zwischen ihr und Marie? Wenn es sich um eine zweite Marie handelte, dann wäre Ihr Wunsch durchaus gerechtfertigt – aber –“

„Verzeihen Sie!“ sagte Max lächelnd, „mein Wunsch ist unter allen Umständen gerechtfertigt. Setzen Sie den Fall, daß die Erwählte meines Herzens meinen Geschmack ebenso befriedigt, wie Marie den Ihrigen! Sollten Sie vielleicht anderweitige Absichten haben – sollte ich zu spät kommen?“

„O nein, durchaus nicht!“ sagte Kayser, seine beiden Hände auf Maxens Schultern legend und ihm eindringlich in’s Gesicht schauend. „Mir persönlich wäre es sehr lieb. Aber lassen Sie sich sagen, mein Junge: es ist nichts mit der Sache. Denken Sie nicht weiter daran!“

„Sie werden entschuldigen, wenn ich dieses seltsame Verlangen nicht erfülle,“ sagte Max ernster als bisher. „Darf ich annehmen, daß ich Ihre Einwilligung habe, meine Sache bei der jungen Dame persönlich zu führen?“

„Da haben wir wieder den alten preußischen Trotzkopf, der sich nicht rathen, nicht leiten läßt. – Es wird Ihnen leid thun, mir nicht gefolgt zu sein.“

„Ich bitte dringend um Ihre Entscheidung, lieber Freund.“

„So gehen Sie hin, wenn Sie es nicht besser haben wollen! Aber ich rathe Ihnen, nehmen Sie Ihre Augen in Acht!“

Max, welcher sich bereits der Thür zugewandt hatte, blieb stehen und schaute dem Sprechenden mit erstauntem Lächeln in’s Gesicht.

„Sie dürfen nicht so ungläubig aussehen – ich spreche aus Erfahrung. Schon bei der leisesten Andeutung unserer Wünsche und Hoffnungen machte sie mir eine Scene, von welcher mir noch die Ohren klingen.“

„Von wem sprechen Sie denn, lieber Herr?“ fragte Max verwundert.

„Nun, von der Erwählten Ihres Herzens – nannten Sie sie nicht so? Machen Sie sich keine Illusionen, mein Junge: es wird aus der Sache nichts – und man kann Ihnen nur gratuliren, daß es so ist. Da hat sie mir heute ein Zeug zusammengeschwatzt, ob dessen Widersinnigkeit Einem die Haare zu Berge stehen. ‚Schwesterliche Gesinnungen‘ hegt sie gegen Sie – haben Sie schon jemals solchen Unsinn gehört? Schwesterliche Gesinnungen!“

Bei diesen Worten Kayser’s schien endlich Licht in das Dunkel zu dringen, in welchem Max sich bisher vergebens zurecht zu finden gesucht hatte. Er brach in ein lautes, herzliches Lachen aus, während Kayser ihn halb unwillig, halb erstaunt anstarrte. [822] Ehe er aber eine Aufklärung geben konnte, wurde leise geklopft, und Mariens hübsches, erröthendes Gesicht erschien in der Thürspalte.

„Nur herein, nur herein!“ rief Kayser, der seinen Aerger bei ihrem Anblicke sogleich vergaß – „Aber was bringst Du denn da noch?“

Diese Frage galt den beiden Gestalten, welche hinter Marie in’s Zimmer geschlüpft waren – Paula und einem jungen, schlanken Dragonerlieutenant, von welchem seine Schwester nicht zu viel gesagt hatte, als sie ihn ein Bild jugendlicher Mannesschönheit nannte.

„Paula’s Bekanntschaft aus Baden-Baden!“ erklärte Marie, indem sie mit lächelnder Miene auf den jungen Officier deutete, „mein Bruder Richard!“

„Derselbe, von dem ich Ihnen bereits sprach,“ ergänzte Paula erröthend. „Ein anderer freilich als Ihr Heirathscandidat, – sein Bruder –“

„Ein Freier,“ nahm Richard selbst das Wort, „der Ihren väterlichen Segen erbittet!“

Sie standen Hand in Hand vor dem erstaunten Hausherrn und schauten ihn mit Blicken an, in denen neben einer ernsten Bitte ein froher, jugendlicher Muthwille funkelte. Kayser hatte ihnen lächelnd seine beiden Hände gereicht: „Kinder,“ sagte er, „löst sich das Räthsel so? Nun, seid glücklich miteinander! Aber eine hinterlistige kleine Hexe bist Du doch, Paula.“

Max aber war zu seiner Schwester getreten und hatte sie in seine Arme geschlossen.

„Möge es zu Deinem Glücke sein!“ sagte er, und seine ernste, männliche Stimme bebte vor Rührung.

„Das wird es. Ich bin sehr glücklich,“ entgegnete Marie, mit heiterem, klarem Blicke zu ihm aufschauend. „Und auch Du wirst es werden, geliebter Bruder. Sieh, vom ersten Augenblicke an war sie mein Liebling. Welch’ eine holde, liebliche Gattin wird sie Dir sein! Dir habe ich sie erwünscht – und Dein wird sie werden.“

„Du sprichst sehr sicher, Marie.“

„Du kannst es auch sein, denn Du wirst geliebt, wie Du es verdienst. Geh, und laß es Dir durch ihren Mund bestätigen! Ich aber will jetzt zum ersten Male erproben, wie weit mein Einfluß bei meinem künftigen Herrn und Gemahl reicht. Ich sehe an seiner gefurchten Stirn, daß die Beiden ohne mich einen schweren Stand haben würden. Sie sind aber zu jeder Concession bereit, und ich will mit mütterlichem Heldenmuthe für meinen lieben Jungen kämpfen.“

Während Max das Zimmer verließ, wandte Marie sich der Gruppe am Fenster zu, mit einem Lächeln, das bei aller Lieblichkeit und Freundlichkeit dennoch eine gewisse Zuversicht ahnen ließ.

Als Reinhard einige Augenblicke später die Thür des Gartensaales öffnete, sah er die, welche er suchte, am jenseitigen Ende des Gemaches stehen. Sie hatte der Thür, durch welche er eintrat, den Rücken zugewandt und beugte sich über einen Tisch, auf welchem Blumen in reicher Fülle lagen. Sie war so vertieft in die Beschäftigung, dieselben in hohen silbernen Tafelaufsätzen zu ordnen, daß sie den sich nahenden Schritt nicht hörte. Erst als seine Gestalt zwischen sie und das Licht trat, blickte sie auf. Ob es nun die Plötzlichkeit seines Erscheinens war, oder ob das junge Mädchen in seinem Gesichte den Ausdruck dessen wahrnahm, was seine Seele so stürmisch bewegte – dem plötzlichen Erbleichen bei seinem Anblicke folgte ein ebenso schnelles Erröthen. Ihre Hand stützte sich fester auf die Tischplatte und die silbernen Vasen auf derselben klirrten leise gegen einander.

„Verzeihen Sie! Ich habe Sie erschreckt,“ sagte Max, selbst erschrocken bei dem Anblicke des zitternden Mädchens. „Ich habe dem Wunsche, Ihnen eine Nachricht mitzutheilen, die mich beglückt, zu stürmisch nachgegeben.“

„Die beste Nachricht ist die, welche mir Ihr Erscheinen gewährt: Sie sind aus den Gefahren der Nacht unverletzt hervorgegangen.“

„Aber die, welche ich Ihnen setzt mitzutheilen habe, giebt dem mir erhaltenen Leben erst seinen Werth. Sie macht mich zum freien Mann – sie gewährt mir die Ausübung schöner menschlicher Rechte. Der Druck der Verhältnisse ist von mir genommen. Ich kann vor diejenige treten, die ich liebe seit dem ersten Augenblicke, da ich sie gesehen, und zu ihr sprechen: ich habe Dir kein glänzendes Loos zu bieten, aber so wie es ist – willst Du es mit mir theilen? Hanna, welche Antwort werde ich erhalten?“

Er stand vor ihr, das edle Haupt geneigt, die Augen, die sie so sehr liebte, in ernster Frage auf sie gerichtet. Waren es die Thränen in ihrem Blick, oder raubte ihr die Größe und Plötzlichkeit des über sie ausgeschütteten Glückes die Fähigkeit des klaren Sehens? Wie ein Nebel schwankte es vor ihrem Auge; was ferner geschehen war, konnte sie in späterer Zeit nie deutlich berichten. Aber sie pflegte lächelnd zu behaupten, daß ihr Gatte an jenem denkwürdigen Tage sehr eigenmächtig mit ihr verfahren sei. Er habe, so sagt sie, ihr zustimmendes Ja gar nicht abgewartet, sondern aus eigener Machtvollkommenheit sie in seine Arme geschlossen, sie geküßt und seine Braut genannt.

„Also auch das noch!“ sagte Kayser eine halbe Stunde später, als er mit Marien am Arm, hinter sich das andere Paar, in den Gartensaal trat, wo Max und Hanna Arm in Arm vor dem Tische standen, auf welchem die Vasen noch immer ihres Inhaltes harrten. „Also auch das muß ich noch erleben. Wenn ich mir die Sache recht überlege, so finde ich, daß ich auf schamlose Weise von Euch getäuscht worden bin.“

„Ich trage keine Schuld daran,“ sagte Max schnell. „Sie müssen zugeben, daß ich die Absicht hatte, ehrlich gegen Sie zu handeln. Sie selbst haben Confusion in die Sache gebracht. Sie haben mir Rathschläge gegeben, die ich nicht befolgen konnte, und Warnungen zugeflüstert, die sich durchaus nicht bewährt haben. Sie haben sich so böswillig gezeigt, daß ich die Angelegenheit in meine eigene Hand nehmen mußte.“

„Also ich werde sie an einem Tage los, die beiden Plagegeister meines Lebens, meine Nichte und meine Mündel. Gott segne Dich, Kind!“ fuhr er fort, Hanna in seine Arme schließend. „Es hat mir so wohlgefallen Dich in meinen Hause zu haben, daß ich Dich gern noch länger behalten hätte. Aber das Kind meines Hauses sollst Du auch fernerhin bleiben, mit allen Rechten desselben, hörst Du? Das Kind meines Bruders, die einzige Verwandte, die ich habe, soll unter meinem so spät errungenen Glücke nicht leiden. Und was ich mir stets vorgenommen hatte zu thun, soll jetzt um so lieber geschehen, als mein lieber Freund und Schwager mein Schwiegersohn wird. Und jetzt sind wir fertig, hoffe ich, und können zu Tische gehen.“

„Erst möchte ich noch einen Boten an Tante Siddy schicken, wegen der Einquartierung,“ sagte Paula.

„Ach, Tante Siddy!“ rief Kayser. „Die Einquartierung ist bereits da,“ fuhr er fort, seine Tasche untersuchend und einen Brief zu Tage fördernd, „und hier ist ein schriftlicher Jammerschrei darüber. Zehn Mann Dragoner nebst zehn Pferden und ein Officier noch außerdem angesagt! Ich, als Vormund, soll gegen solche Zumuthung energisch auftreten. Sie sträubt sich vorzüglich gegen den Officier – die Arme! Sie ahnt nicht, daß ihr der als eine Art Strafpreuße dauernd in das Haus rückt.“

„Ich hoffe die Dame mit diesem Arrangement bald auszusöhnen,“ sagte Richard lächelnd.

„Das soll mich freuen, mein Junge. Denn sobald Sie die Bedingungen erfüllt haben, die ich Ihnen gestellt –“

„Ja,“ fiel Richard ihm ins Wort, „ich will sie erfüllen, wie ein ehrlicher Mann. – Max,“ wandte er sich an seinen Bruder, „ich folge damit auch Deinem Rathe und Deinem Wunsche; ich quittire den Dienst und werde Landmann.“

„Schön,“ fuhr Kayser fort, während Max seinem Bruder zunickte, „wenn dies also geschehen ist, will ich meinem Versprechen gemäß Ihre Sache gegen alle äußere Anfechtung vertreten; die Tante Clemence nehme ich auf mich. Damit aber ist’s auch genug. Mit Ihren häuslichen Angelegenheiten will ich nichts zu schaffen haben. Sehen Sie zu, wie Sie Herr im Hause werden!“

Richard blickte lächelnd auf Paula nieder, die an seinem Arme lehnte.

„Ich hoffe dieser Aufgabe gewachsen zu sein,“ sagte er, seine Lippen auf ihre dunklen Locken drückend.

„Und ich weiß es ganz bestimmt,“ sagte Marie, ihre beiden Brüder mit stolzem Lächeln betrachtend. „Es geht eine alte Tradition durch unser Haus, welche sagt, daß ein Reinhard noch

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Kayser mochte finden, daß die beiden vor ihm stehenden Repräsentanten des Namens geeignet seien, den alten Ruhm ihres Geschlechtes zu bewähren. Er fügte seiner indirecten Warnung kein weiteres Wort bei.

„Und nun,“ sagte er heiter, „möchte ich den Vorschlag machen, ohne weiteren Verzug zu Tische zu gehen. Kommen Sie, meine Herrschaften! Ich habe seit gestern Abend sehr viel erlebt und sehr wenig genossen. Und in Anbetracht dessen wird mir Marie hoffentlich verzeihen, wenn ich gestehe, daß in diesem Augenblicke die beiden mächtigsten Factoren, welche den Menschen bewegen, die Liebe und der Hunger, sich redlich in meinen inneren Menschen theilen.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: 2 x „ob“