ADB:Lange, Friedrich Albert

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Artikel „Lange, Friedrich Albert“ von Franz Weinkauff in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 624–631, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Lange,_Friedrich_Albert&oldid=- (Version vom 16. Juni 2019, 13:32 Uhr UTC)
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Lange: Friedrich Albert L., philosophischer, socialpolitischer, pädagogischer und turnerischer Schriftsteller, geb. am 28. September 1828 zu Wald bei Solingen, † am 21. November 1875 zu Marburg in Hessen. Sein Vater Johann Peter L., reformirter Prediger zu Wald (jetzt Oberconsistorialrath und ordentlicher Professor der Theologie an der Universität zu Bonn), siedelte sechs Wochen nach der Geburt seines Sohnes Albert nach Langenberg (bei Elberfeld), wohin ihn die reformirte Gemeinde berufen hatte; im August 1832 wurde er zweiter Prediger in Duisburg. Der Knabe besuchte in Duisburg die Elementarschule und dann 2½ Jahr das Gymnasium. Als im Frühjahr 1841 der Vater, ein Vertreter der positiven Richtung, von dem conservativen Kirchenregiment in Zürich, anstatt Johann David Strauß[1], zu einer Professur der Theologie berufen worden, setzte der Sohn seine Gymnasialstudien in Zürich fort von Ostern 1841 bis Ostern 1847; hierauf hörte er zwei Semester an der Universität philologische und theologische Vorlesungen und wurde durch den Herbartianer Ed. Bobrick in die Philosophie eingeführt. Schon als Gymnasiast war er ein ausgezeichneter Schwimmer, Ruderer, Turner. Als Student war er Turnwart des akademischen Turnvereins. Zu Ostern 1848 ging er nach Bonn, um unter Ritschl und Welcker Philologie zu studiren. Er ward Mitglied des von beiden geleiteten philologischen Seminars, sowie des archäologischen Vereins bei Overbeck. Außerdem hörte er Philosophie bei Schleiermacher’s Schüler Brandis, in dessen Haus und Kreise er viel verkehrte, bei Löbell Geschichte der classischen Litteratur Deutschlands, bei Plücker analytische Geometrie und Differenzialrechnung. Auch in Bonn leitete er einige Semester den akademischen Turnverein. Den gewöhnlichen Studentenfreuden war er abhold; er liebte Spaziergänge und weite Wanderungen mit munteren und originellen Freunden, leicht enthusiastisch beim Anblick von Naturschönheiten, heiter und humoristisch, wißbegierig und forschend, nie rechthaberisch oder empfindlich in Gesprächen und in wissenschaftlich-geselligen Kränzchen, ein Freund des Schachspiels, ein Verehrer Goethe’s und Platen’s, in vielen Stücken selbst ein junger Goethe. Er promovirte 1851 am 26. März zum Doctor der Philosophie (Quaestiones metricae, Bonn), bestand im Sommer das Oberlehrerexamen und diente zu Köln als einjährig Freiwilliger, bald zum Unteroffizier befördert, von Herbst 1851–1852, worauf er zur Ableistung seines Probejahres als Schulamtscandidat am königlichen Friedrich-Wilhelms-Gymnasium eintrat, zugleich im Hause des Banquiers J. D. Herstatt als Erzieher des jüngsten Sohnes. In seinem Schulamte voll Eifer und Pflichtgefühl, ein Meister der Disciplin, war L. nicht bloß ein hervorragendes Lehrtalent im sprachlichen Unterrichte, sondern auch ein vorzüglicher Leiter der Turnübungen der unteren Klassen. Er schrieb damals einen Reformplan „Ueber die Verbindung des Turnens und der militärischen Ausbildung“. Dieser vom Director Heinrich Knebel bei der Schulbehörde in Koblenz eingereichte Aufsatz veranlaßte ein anerkennendes Schreiben des Ministers, der L. nach Berlin berief zu einer Besprechung mit Hauptmann Rothstein, dem Unterrichtsdirigenten der Berliner Central-Turnanstalt. L. konnte sich mit der dort eingeführten schwedischen Gymnastik nicht befreunden; er hielt fest, wie es alle deutschen Turnvereine thaten, an dem deutschen Turnen nach Jahn, Eiselen und Spieß. Nach drei Jahren energischer Wirksamkeit noch immer nicht vom Hülfslehrer zum ordentlichen Lehrer befördert, reichte er (seit dem 6. September 1853 vermählt mit Friederike Colsmann aus Langenberg) seine Entlassung ein und habilitirte [625] sich im Herbst 1855 als Privatdocent der Philosophie und Pädagogik an der Universität Bonn, wohin auch sein Vater schon im Frühjahr 1854 berufen worden. Die Antrittsrede behandelte Herbart’s mathematische Psychologie. Er las Psychologie, Moralstatistik, Pädagogik, Geschichte des Gymnasialunterrichtes und kritische Geschichte des Materialismus, hielt auch „Pädagogische Uebungen und Unterredungen“. Er hielt auch Vorträge in verschiedenen Vereinen, wie vor einem gemischten Publikum. Unter den Docenten waren es der Philosoph Ueberweg und der Mediciner Böcker, mit denen er am liebsten und eifrigsten wissenschaftlichen Verkehr pflog. Ein im Bonner Docentenverein gehaltener Vortrag ist abgedruckt in Westermann’s Monatsheften (Nr. 20, Mai 1858): „Desid. Erasmus. Sein Privatleben und sein persönlicher Charakter.“ In Fleckeisen’s Jahrbüchern für Philologie und Pädagogik recensirte er (Bd. LXXVI) Raumer’s Geschichte der Pädagogik etc. und behandelte (Bd. LXXVIII) „das Studium und die Principien der Gymnasialpädagogik, mit besonderer Berücksichtigung der Werke von K. Schmidt und G. Thaulow“. Seinem Freunde Böcker zu Liebe erörterte er in der Erlanger Zeitschrift für Staatsarzneikunde 1858 „die Principien der gerichtlichen Psychologie, mit Berücksichtigung von Ideler’s Lehrbuch“. Nach einer 2½-jährigen akademischen Thätigkeit hatte sich L. wieder für den Gymnasialunterricht gewinnen lassen. Er erhielt am Gymnasium zu Duisburg die erste ordentliche Lehrerstelle am 20. April 1858, schon am 19. Januar 1859 die vierte, am 22. April 1861 die dritte Oberlehrerstelle; er gab in den obersten Klassen des Gymnasiums Griechisch, Latein, Deutsch und philosophische Propädeutik; an der mit dem Gymnasium verbundenen Realschule Deutsch, gelegentlich auch zur Aushülfe Englisch; er leitete die Turnübungen und verwaltete die Schulbibliothek. Die Duisburger Periode (Ftühjahr 1858 bis Herbst 1866) war die inhalt- und ereignißvollste Zeit in Lange’s Leben, zugleich auch, von 1866 abgesehen, seine glücklichste und heiterste. Da er sich gleich im Juli 1858 ein Haus kaufte, schien er sich hier dauernd ansiedeln zu wollen; gesund und kräftig, hoffte er nicht bloß den Schulpflichten zu genügen, sondern auch Muße zu finden, die in Bonn begonnenen Studien vollenden und in wissenschaftlichen Werken darlegen zu können. Es blühten die hoffnungsvollen Tage der „neuen Aera“ (October 1858): L. wirkte als Wahlmann mit Eifer für das neue Ministerium; die Schulbehörde beauftragte ihn mit einem Gutachten über die Ursachen der Abnahme des höheren Lehrstandes in Quantität und Qualität, und später über die Abänderung des Reglements für Lehrerprüfungen; bei der Mobilmachung während des italienischen Krieges hatte sie ihn, gegen seine militärische und patriotische Neigung, für nicht abkömmlich bezeichnet. An Schiller’s 100jährigem Geburtstag hielt er die Festrede (Duisburg 1859), welche mit dem Wunsche schließt: wie Schiller’s Heldenjungfrau plötzlich aus den Träumen erwacht und die Stunde des Handelns gekommen sieht, so möge auch Germania sich unter den Nationen Europas emporrichten und rufen: „Gebt mir den Helm!“ Für Schmid’s Pädagogische Encyklopädie (Stuttgart 1857 ff.) hatte er als Docent viele Artikel übernommen, die er nun in Duisburg ausarbeitete: „Bildungsfähigkeit“, „Calvin“, „Erasmus“, „Friedrich der Große“, „Errichtung und Erhaltung der Schulen“ u. a. Bald nahmen ihn auch die Interessen und Anforderungen des neugestifteten Schulze-Delitzsch’schen Consumvereins in Anspruch; er trat in den Nationalverein, er saß im Vorstand des Turnvereins, er war Präses im Vorstand der Sonntagsschule wie Präses und Lehrer der höheren Mädchenschule, er war Diaconus, dann Mitglied des evangelischen Presbyteriums etc. Eine Reihe von Vorlesungen, die er ins Werk setzte, wirkten belebend und gewannen ihm die Gunst der Gebildeten. Das praktische Leben nahm ihn jedoch bald so in Anspruch, daß er ernstlich daran dachte, mit Neujahr [626] 1862 die vielen Nebenämter aufzugeben und mit Amt, Familie und Büchern ein Stillleben zu führen. Die polizeiliche Vexation der Turnvereine veranlaßte ihn als Mitglied des Fünferausschusses der Turnvereine Rheinlands und Westfalens „die Tragweite der Allerhöchsten Verordnung vom 11. März 1850“ zu erörtern in der kleinen Schrift (Mitte October) „Die Turnvereine und das Vereinsgesetz“ (Duisburg 1861); die von ihm am 27. October 1861 auf dem Turntag zu Düsseldorf vorgelegten neuen „Satzungen des Rheinisch-Westfälischen Turnverbandes“ sammt „Einführungsordnung“ wurden von der Versammlung ohne Aenderung angenommen. Das Jahr 1862 begrub sein gehofftes Stillleben in den Wogen und Wirbeln des politischen „Conflictes“. Die Schulbehörde hatte in einer Verfügung (16. Januar) die Lehrer vor „Agitation“ gewarnt. L. veranlaßte (15. Februar) eine außerordentliche Lehrerversammlung (der Director hielt sich fern), um in einem Promemoria an die Behörde die Verfügung für einen wohlmeinenden Rath zu erklären, den zu befolgen man nicht Willens sei. Er sah sein Recht angetastet und beschloß nun, gegen seine frühere Absicht, an politischer Agitation sich zu betheiligen. Die Gelegenheit kam durch die Annahme des Hagen’schen Antrags (6. März) in der Kammer, der die Auflösung der Kammer, die Bildung der Fortschrittspartei, den Rücktritt des altliberalen Ministeriums zur Folge hatte. L. legte seine Ansicht über „Die Stellung der Schule zum öffentlichen Leben“ (Duisburg 1862) dar in der Festrede bei der Schulfeier am Königsgeburtstag, 22. März: in dem ernst religiösen und streng sittlichen Geiste eines Thomas Arnold, dem er in vielen Stücken glich. An demselben Tage erschien der berufene Jagow’sche Erlaß. Die Duisburger Rhein- und Ruhrzeitung nahm einen Leitartikel von L. auf – es war der erste, den er in seinem Leben geschrieben – und erhielt dafür die erste Verwarnung. L. und Professor Köhnen hatten (2. April) den Aufruf an die Urwähler des Wahlkreises Duisburg-Essen mitunterzeichnet, zu Gunsten des Hagen’schen Antrages; L. hatte in der Lehrerconferenz (14. April) einen gemeinsamen Protest des ganzen Collegiums beantragt und durchgesetzt, worin mit Bezug auf den dem König und der Verfassung geleisteten Eid offen erklärt wurde, man glaube der Treue gegen den König am besten zu dienen durch pflichtmäßige Ausübung des Wahlrechtes; da erschien ein Ministerialcommissär (13. Mai), um L. und Köhnen in Sachen des Aufrufs zu vernehmen; von der Schulbehörde (Koblenz 26. Juni) erfolgte an beide eine Verwarnung. L. beschloß mit dem Ende des Schuljahres aus seinem Amte zu scheiden. Noch als Lehrer schrieb er für die Encyklopädie den Artikel „Leibesübungen“ (Gotha 1862, Heft 39–40); in erweitertem Separatabdruck: „Die Leibesübungen. Eine Darstellung des Werdens und Wesens der Turnkunst in ihrer pädagogischen und culturhistorischen Bedeutung“ (Gotha 1863). Im Herbst 1862 wurde er Mitredactor der Rhein- und Ruhr-Zeitung (neben W. Schroers) und Secretär der dortigen Handelskammer, als welcher er die Jahresberichte pro 1862 und 1863 schrieb und für einige Freunde einen akademischen Cursus über Geschichte der neueren Philosophie eröffnete. Die Rhein- und Ruhr-Zeitung stand in der vordersten Reihe der Kämpfer für das beschworene Volksrecht, seit v. Bismarck (Ende September) Ministerpräsident geworden und die Kreuzzeitungspartei drohend wieder ihr Haupt erhoben. Lange’s Polemik kam aus einer tief sittlichen Erregung gegen die „Invasion des französischen, imperialistischen Systems“, gegen den neuen „Haugwitz“; die unausgeführte Parallele deutete auf den düsteren Hintergrund: Jena und Demüthigung unter einen Napoleon. Lange’s wuchtige und scharfe Schläge auf das Haupt der Reaction belebten und stählten die oppositionelle Gesinnung über den Wahlkreis hinaus in ganz Rheinland und Westfalen. Er brandmarkt in einer Beleuchtung des Verhältnisses von Staat und Kirche „das verruchte [627] System, die Schärfe des geistlichen Schwertes stets gegen die Unterdrückten und nie gegen die Unterdrücker zu wenden“, da doch „die Religion bestimmt ist, ein rettendes Gegengewicht zu bilden gegen die Tyrannei der Großen dieser Welt“ und „wenigstens der Unvernunft ein Ende bereitet werden muß, welche die heiligsten Gefühle des Menschen gegen seine heiligsten Rechte und Pflichten in den Kampf führt“. Bei Gelegenheit des von Ferdinand Lassalle in Berlin (16. Januar 1863) geführten Processes entwickelt er den Werth und die Bedeutung der durch die Verfassung gewährleisteten Freiheit der Wissenschaft und zollt der wissenschaftlichen Tiefe des Agitators offen Anerkennung, wenn er auch in seiner „Volkswirthschaftlichen Rundschau“ noch auf dem Standpunkte der „Selbsthülfe“ stehen bleibt. Die bekannte Preßordonnanz vom 1. Juni 1863 nöthigte die Redactoren ihre Verantwortlichkeit niederzulegen und dem Verleger zu übertragen; sie gaben in der Zwischenzeit bis zur Aufhebung dieser Ordonnanz durch den im Herbst zusammengetretenen Landtag (24. November) gemeinsam eine Serie kleiner Flugblätter heraus, die in Massen über einen großen Theil der Provinz verbreitet wurden. Noch am 19. October hatte die Zeitung wegen dreier Artikel (von L.) eine Verwarnung erhalten; erst mit dem 25. November nahm die Redaction ihre Verantwortlichkeit wieder auf. Im Juni 1864 eröffnete L. eine kleine Druckerei; er plante sowol eine Reihe kleiner zeitgemäßer Volksschriften, in Verbindung mit einem Freunde, abzufassen und zu drucken, als auch mit dem 1. Januar 1865 ein Wochenblatt: „Rheinisch-Westfälische Arbeiterzeitung“ erscheinen zu lassen, bestimmt unter dem Arbeiterstande Bildung und Kenntniß der Lebensverhältnisse zu verbreiten und seine Interessen zu vertreten, eine Uebersicht der Politik in liberaler Auffassung zu geben, ohne jedoch wesentlich der Tagespolitik gewidmet zu sein, und in den unterhaltenden und belehrenden Artikeln auch dem Bedürfniß der Familie und dem Gemüthe der Arbeiter Nahrungsstoff zu bieten. An dem „Vereinstage deutscher Arbeitervereine“ in Leipzig, October 1864, nahm er Theil; er wurde neben Bebel, Sonnemann, Max Hirsch u. A. in den ständigen Ausschuß gewählt; vergebens warnte er vor Parteifanatismus und mahnte, selbst ein begeisterter Freund des Genossenschaftswesens, die Schulzeaner, die Fortschrittspartei zur Toleranz gegen das berechtigte Moment in den Bestrebungen der Lassalleaner. Sein projectirtes „Organ des vierten Standes“, worin beide Parteien zu Wort kommen sollten, kam nicht zur Ausführung. Er schrieb daher zur eigenen Rechtfertigung und zur Klärung der Ansichten für Arbeiter wie Arbeitgeber das Büchlein: „Die Arbeiterfrage in ihrer Bedeutung für Gegenwart und Zukunft“ (1865). „Zur gründlichen Abhülfe gehört“, sagt L. im Vorwort, „eine vollständige Erneuerung des Lebensprincips, namentlich des Princips der Gemeinschaft und der gegenseitigen Beziehungen des Menschen zum Mitmenschen. Nicht der berechnende Verstand des Bauern und des zünftigen Handwerkers kann uns hier Vorbild sein, sondern wir müssen die Wirkung von der Steigerung reiner Lebensfreuden, von der Ausbreitung geistiger und durchgeistigter sinnlicher Genüsse, endlich aber von einer Vertiefung des Gemüthslebens und Veredlung des Charakters erwarten, wie sie sich nur ergeben kann, wenn den gedrückten Volksklassen, wie schon Owen es wollte, außer der materiellen Verbesserung auch Muße und Geselligkeit unter freien und neuen Formen geboten werden.“ An dieses Schriftchen knüpfte sich ein Federkampf in den Zeitungen; Hauptstreiter waren der Assessor Eugen Richter und der Abgeordnete Ludolf Parisius. L. entfremdete sich die Mitglieder der Handelskammer, wie er sich mit der Redaction der Duisburger Zeitung entzweite. Der sociale Streit hatte den Plan der Volksschriften in den Hintergrund gedrängt; es erschien davon nur eine, meist aus des Freundes Materialien erwachsene: „Das päpstliche Rundschreiben (8. December 1864) und die 80 verdammten [628] Sätze erläutert durch Kernsprüche von Männern der Neuzeit, sowie durch geschichtliche und statistische Notizen“ (1865). Zu gleicher Zeit auch für den Vereinstag in Stuttgart 1865 ein Schriftchen „Jedermann Hauseigenthümer (1865), nach dem bewährtesten System englischer Baugenossenschaften bearbeitet von L., mit Einleitung von L. Sonnemann“. In den endlosen Kämpfen und anstrengenden Arbeiten eines Publicisten suchte L. seine Erholung in wissenschaftlichen Studien. Für die Encyklopädie schrieb er 1863 über „Mnemotechnik“, 1866 „Oppositionsgeist“, „Pennalismus“. Die Ausarbeitung der „Geschichte des Materialismus“ begann schon Ende 1862; die Vollendung des Werkes war schon im Juli 1865 dem Publikum angekündigt in dem Schriftchen: „Die Grundlegung der mathematischen Psychologie. Ein Versuch zur Nachweisung des fundamentalen Fehlers bei Herbart und Drobisch“ (1865). Mit großem Interesse verfolgte L. auch die Turnsache. In Kloß’ Jahrbuch 1864 (Bd. X, Heft 1) recensirte er „Vier schweizerische Preisschriften: Ueber die Vereinigung der militärischen Instruction mit der Volkserziehung und insbesondere über die militärische Gymnastik“ (1863). Ueber diese Frage hatte er sich schon vorher ausgesprochen in der deutschen Turnzeitung 1864: „Schulturnen und Wehrtüchtigkeit“ (mehrere Artikel); ebendaselbst: „Die Schulturnfrage in Preußen“; „Ein statistischer Streifzug“; 1865: „Die deutschen Turnvereine und die Vereinsgesetze“; 1866: „Besprechung von G. Hirth’s zweitem statistischem Jahrbuch der Turnvereine Deutschlands“. Die anderen litterarischen Leistungen Lange’s bis zu seiner Auswanderung nach der Schweiz waren im Januar 1866 „Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart“ (1866); in Eduard Pfeiffer’s Stuttgarter Monatsschrift „Die Arbeit“ 1866 Heft 7 und 8: „Das Glück und die Arbeit“; in Lange’s eignem Verlag, im April 1866: „J. St. Mill’s Ansichten über die sociale Frage und die angebliche Umwälzung der Socialwissenschaft durch Carey“ (1866). Lange’s Verlag brachte auch wissenschaftliche Werke von namhaften Gelehrten, worunter – bezeichnend für die Signatur der Zeit – Venedey’s „John Hampden und die Lehre vom gesetzlichen Widerstand“, 3. Aufl. (November 1865) gar keinen Absatz fand; das letzte Verlagswerk, ein Reisehandbuch von G. Schöne: „Einführung in die Schweiz“ war eben fertig geworden, als L. beschlossen Deutschland zu verlassen. Er hatte seit Herbst 1865 als Publicist den letzten, vergeblichen Kampf gegen die Regierung wie gegen die „Potenten“ und die Fortschrittspartei unternommen, gegen die letztere, weil sie in der Vertheidigung der Verfassung keine hinlängliche Energie bewiesen und die Bedeutung der socialen Frage verkannt; er hatte zur Bildung einer „ächten Volkspartei“ mitzuwirken gesucht durch eine besonders auf Arbeiterkreise berechnete, socialpolitische Zeitung „Der Bote vom Niederrhein“, verbunden mit einem „Gratisanzeiger“ (1. October 1865 bis 29. Juni 1866). L. bemühte sich darin die Arbeiter aufzuklären über ihre Lage und Interessen, über den Gang der socialen Bewegung in Deutschland wie in Europa; er empfahl ihnen Petitionen um Abschaffung des Census bei den gemeindlichen, Einführung des allgemeinen directen Stimmrechts bei den politischen Wahlen, um Erlaß eines Genossenschaftsgesetzes mit beschränkter Haftbarkeit wie zweckmäßiger Gesetze auch für die Invaliden der Arbeit. Natürlich fehlte es nicht an polizeilichen Haussuchungen; es regnete förmlich Preßprocesse gegen den kühnen Wortführer, die von ihm zwar mit unverwüstlichem Humor und ebenso schneidiger wie glänzender Dialektik geführt, doch die kostbare Zeit zersplitterten. Auch die Geldmänner ließen ihn ihren Haß fühlen. Er beharrte in seinem Mißtrauen gegen Bismarck; die Herstellung eines Parlamentes aus directen Wahlen schien ihm ein bedenkliches Experiment, das nur durch einen schmählichen Bürgerkrieg gelingen könne; er fürchtete den „Mißbrauch der schönen Idee zu bonapartistischen [629] Reactionszwecken“. Nach der Niederwerfung Oesterreichs bei Sadowa, 3. Juli, und der Auflösung des deutschen Bundes stand er dem „Annexionsrausch“ und der „Anbetung des Erfolgs“ verdrossen und kalt gegenüber und sah in dem Gesinnungswechsel der Mehrzahl nur Heuchelei und Feigheit. In seiner immer mehr isolirten Stellung mußte ihm sein Aufenthalt in Duisburg, wo seine edelsten und reinsten Pläne gescheitert, unbehaglich und peinlich werden. Von einer Reise nach Süddeutschland im October zurückgekehrt, brachte er die schmerzliche Erfahrung mit, daß auch von der süddeutschen „Volkspartei“ kein Heil zu erwarten sei. Am 24. November verließ er mit seiner Familie Duisburg, um nach der Schweiz in den Kanton Zürich auszuwandern, die ihn zunächst als neutraler Boden lockte, um sich auszuruhen und zu sammeln. In Winterthur gab ein Jugendfreund Lange’s, Salomon Bleuler, eine demokratische Zeitung heraus, den „Winterthurer Landboten“; er hatte L. angeboten Mitredactor und Geschäftstheilhaber zu werden an der Buchdruckerei (Zeitung und Verlag), wie auch der neueingerichteten Sortimentsbuchhandlung; L. ging auf das Anerbieten ein und nahm, da er den Plan einer Docentur an der Universität Zürich bald aufgegeben, eine Lehrstelle an den oberen Klassen des Winterthurer Gymnasiums an; als er diese schon Ostern 1867 niederlegte (nur gelegentlich als Stellvertreter gab er später noch einige Stunden philosophische Propädeutik), wurde er Mitglied der Aufsichtscommission des Gymnasiums. Nur in der ersten Hälfte des Jahres 1867 fand er Muße zu wissenschaftlicher Arbeit. Schon im Sommer 1867 wurden in der pädagogischen Encyklopädie die Artikel „Phrenologie“, „Physiognomik“, „Rechtspflege in der Schule“ gedruckt, „Psychologie“ aber (noch in Duisburg begonnen) war zurückgelegt für ruhigere Tage. Zu gleicher Zeit erschienen „Neue Beiträge zur Geschichte der Mathematik“. Heft 1: Zurückweisung der Beiträge Schilling’s, nebst einer Untersuchung über Epikur und die Grenzen des Erfahrungsgebietes (Winterthur 1867). Seit Mitte dieses Jahres war L. ganz absorbirt von politischer und journalistischer Thätigkeit; doch sandte er schon Anfang Juli 1868 den Artikel „Schule zu Schlettstadt“ ein, im August „Schülerzahl“, im Januar 1869 „Schulbücher“, Mitte November „Seelenlehre (Psychologie)“. Lange’s Niederlassung in Winterthur traf nämlich zusammen mit den ersten Regungen einer stets wachsenden Opposition im Kanton Zürich, welche eine gründliche Verfassungsrevision verlangte. Der „Landbote“ war das Hauptorgan der Bewegungspartei. L. fand hier für seine Ideen einen wohl cultivirten Boden, auf dem er frei wirken konnte, zumal in dem mit Anfang 1868 neu herausgegebenen „Demokratischen Wochenblatt“, dem „Unabhängigen“, verbunden mit dem „Pionnier, Organ des socialen Fortschritts“. Wie in Duisburg, ward er auch hier mit vielen Aemtetn betraut. Im Vorstande des demokratischen Vereins, des Consumvereins, des Kunstvereins; als eine in Schul-, Bank- und Eisenbahnsachen anerkannte Autorität, Mitglied des Verfassungsrathes (seit Ostern 1869) und des Bankrathes (der Nationalbank), wie des Erziehungsrathes des Kantons und der Stadtschulpflege zu Winterthur und als Stadtrath (seit Mai 1870), eine Zeit lang auch Director des Forstwesens. Im Herbst 1869 habilitirte er sich in als Privatdocent in der philosophischen Facultät. Der Eintritt eines dritten Redactors (Neujahr 1870) verschaffte ihm die nöthige Zeit, um den herrlichen Artikel „Psychologie“ vollenden und die Umarbeitung der „Arbeiterfrage“ vornehmen zu können, die beide im Sommer 1870 gedruckt wurden. Am 13. August 1870 berief ihn die neue Regierung zur „Professur für inductive Philosophie“. Am 15. Juli war in Paris der Krieg gegen Preußen erklärt, am 16. in Rom die Unfehlbarkeit des Papstes beschlossen worden. L. schrieb (19. Juli bis 17. August) die Kriegsberichte für den Landboten, die das Publikum trotz ihrer großen Objectivität zu preußisch fand. Er [630] wurde tief betrübt durch die leidenschaftliche Theilnahme der Schweizer für Frankreich, er sah sein stolzes Vertrauen auf ein politisch hochgebildetes Volk getäuscht, das nicht einmal gerecht sein konnte gegen die Deutschen. Er beschloß daher sämmtliche Aemter niederzulegen und in Zürich sich gänzlich den Wissenschaften zu widmen, in der bitteren Erkenntniß, daß er überhaupt zu sehr Idealist sei, um Politiker sein zu können. Er widerstrebte daher auch nicht, als die Mediciner und Naturforscher der Universität Würzburg seine Berufung beantragten; die Sache zerschlug sich. Als nach Ueberweg’s Tod (9. Juni 1871) die Königsberger philosophische Facultät bei ihm anfragte, antwortete er mit Nein. Kaum hatte er den Nekrolog des Freundes vollendet („Fr. Ueberweg“, Berlin 1871), da befiel ihn selbst, den bisher kerngesunden Mann, eine heftige Unterleibsentzündung. Seit October 1871 nach Zürich übergesiedelt, erholte er sich wieder und begann die Umarbeitung des „Geschichte des Materialismus“. Gegen Ende Februar 1872 bot ihm der kurz vorher ins Amt getretene freisinnige Kultusminister Falk eine philosophische Professur an in Marburg. L. nahm die Stelle an, weil er der alten Verhältnisse, Personen und Parteien ledig sein wollte. Die Aerzte riethen ihm zur völligen Wiederherstellung seiner Gesundheit zu einer Operation, der er sich (Ende Juli) in Tübingen unterzog, als er eben die Druckbogen des Artikels „Vives“ – eine wahre Perle der pädagogischen Encyklopädie – erhalten. Er verließ nach sechs Wochen das Tübinger Krankenhaus nicht ganz ohne Hoffnung, aber in Marburg erkannte er bald die unabwendbare Katastrophe. Er arbeitete um so eifriger im Dienste der Menschheit und Wissenschaft an der Vollendung der Umarbeitung der „Arbeiterfrage“ und der „Geschichte des Materialismus“, zweier durch glänzende Darstellung und reichen Inhalt ausgezeichneter Werke, welche allen ernsten und wahrheitliebenden Menschen eine Fülle von Anregungen und Belehrungen bieten und dem Verfasser den Ruhm eines tiefen Denkers, scharfen Kritikers, besonnenen Reformers, idealgesinnten Menschen und edlen Menischenfreundes sichern. Ohne Klage und mit stoischem Muthe trotzte er allen Leiden und Qualen; an Schiller’s Leben, Leiden und Poesie sich erhebend, jede Traurigkeit um sich verbannend und Anderer Freude, Lachen, Scherz wie eine Wohlthat genießend. Seine wackere und seelenstarke Frau war ihm eine unermüdliche, aufopfernde Pflegerin; in ihren Armen hauchte er am 21. November 1873 seine edle Seele aus. Schon vor 1870 mit Preußens deutscher Politik ziemlich ausgesöhnt, ist er, fest überzeugt von der großen Zukunft des neuen deutschen Reiches, wenn es durch geistige Thaten und Siege, noch größer als die bei Spichern und Sedan, die socialen Gefahren zu überwinden wisse, in der „interessanten Zeit“ des „Kulturkampfs“ aus dem Leben geschieden. Sein letztes im Sommer 1875 vollendetes Werk waren die „Logischen Studien. Ein Beitrag zur Neubegründung der formalen Logik und der Erkenntnißtheorie“ (1877). Die in Zürich und Marburg gehaltenen Vorlesungen bezogen sich auf Logik und Theorie der Induction, Aesthetik, Schiller’s philosophische Dichtungen, Psychologie mit Einschluß der Anthropologie; Geschichte der Psychologie, Pädagogik und Geschichte der Philologie, Elemente der Social- und Moralstatistik, Geschichte und Kritik des Materialismus; dazu: Philosophische Uebungen im Anschluß an Kant’s Kritik der reinen Vernunft. In Marburg las er außerdem noch: Ueber philosophische Bildung (gedruckt in Lindau’s Nord und Süd 1879–80) und Theorie der Abstimmungen. Ein in Zürich gehaltener Vortrag „Die griechischen Formen und Maße in der deutschen Dichtung“ ist abgedruckt in Rodenberg’s Rundschau 1879. Die „Arbeiterfrage“ erschien in dritter umgearbeiteter Auflage Winterthur 1875; 4. Aufl. 1879). Die „Geschichte des Materialismus“, 2. Aufl., Iserlohn 1873–75; 3. Aufl. 1876 bis 1877; in wohlfeiler (durch Weglassung der Anmerkungen und Register verkürzter) [631] Volksausgabe 1882; in englischer Uebersetzung London 1877–79; in französischer Paris 1878–80. – Lange’s testamentarische Verfügung über seinen litterarischen Nachlaß ist nicht zur Ausführung gekommen.

Grabreden v. H. Nissen und v. J. Cäsar (Marburg 1875); vgl. außer d. Marburger Tageblatt Nr. 275 u. Kölner Ztg. Nr. 327 Billwiller, N. Zürcher Ztg. Nr. 622; Schroers, Rh. u. Ruhr-Ztg. Nr. 276; Bleuler im Landboten 1876 Nr. 2–10; Vaihinger, Illustr. Ztg. Nr. 1711. Vgl. über L.’s Philosophie (außer Erdmann u. Ueberweg-Heinze) H. Cohen, Preuß. Jahrb. 1876 S. 353–81; M. Heinze, Vierteljahrschr. f. wiss. Philos., 1876 S. 173–201. G. Vaihinger[2], Hartmann, Dühring und Lange, 1876. – H. Braun, F. A. Lange als Socialökonom, Halle 1881. F. Mehring, Deutsche Socialdemokratie, Bremen 1879, S. 97, 180, 197, 210, 244, 288. Fanny Lewald, Am Genfer See, Berl. 1869 S. 209 ff. – Hirth’s Turnerlesebuch (1865), S. LXXIII. C. Euler u. Kloß in Kloß’ Jahrb. Bd. XXII S. 27, 74 ff. F. Meili in d. Deutschen Turnztg. 1878, N. 1–3. W. Angerstein, Wehrgymnastik, Berl. 1880, S. 22 ff.

[Zusätze und Berichtigungen][Bearbeiten]

  1. S. 624. Z. 15 v. o. l.: Friedrich David Strauß. [Bd. 18, S. 796]
  2. S. 631. Z. 10 v. o. l.: Hans Vaihinger (st. G. V.). [Bd. 18, S. 796]