ADB:Jahn, Friedrich Ludwig

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Artikel „Jahn, Friedrich Ludwig“ von Eduard Ferdinand Angerstein in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 13 (1881), S. 662–664, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Jahn,_Friedrich_Ludwig&oldid=2498639 (Version vom 18. August 2018, 19:37 Uhr UTC)
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Jahn: Friedrich Ludwig J. wurde im Dorfe Lanz bei Lenzen in der West-Priegnitz am 11. August 1778 geboren. Den ersten Unterricht empfing er von seinem Vater[WS 1], welcher dort Prediger war. In seinem Geburtsorte fand der Knabe vielfache Gelegenheit zu natürlichen Leibesübungen, er machte weite Fußwanderungen und lernte schwimmen und reiten. Aber früh prägte sich ihm auch durch die Lage des Dorfes Lanz an der Grenze dreier Länder (Preußen, Hannover, Mecklenburg) das Gefühl der Zerrissenheit Deutschlands ein. Nachdem er seine Schulbildung in Salzwedel und auf dem Grauen Kloster in Berlin erhalten hatte, studirte er seit 1796 in Halle und Greifswald zunächst Theologie, wandte sich aber bald geschichtlichen und sprachlichen Studien zu. Nachdem er dann einige Zeit als Hauslehrer in Mecklenburg sich aufgehalten, führte er mehrere Jahre hindurch ein wanderndes Leben. Schon 1800 war unter fremdem Namen die von ihm verfaßte Schrift „Ueber die Beförderung des Patriotismus im deutschen Reiche. Allen Preußen gewidmet von O. C. C. Höpffner“ bei J. C. Hendel in Halle erschienen. 1806 gab er bei A. F. Böhme[WS 2] in Leipzig seine „Bereicherung des hochdeutschen Sprachschatzes, versucht im Gebiete der Sinnverwandtschaft, ein Nachtrag zu Adelung’s und eine Nachlese zu Eberhard’s Wörterbuch“ heraus. Im Herbste 1806 machte er von Goslar aus, wo er einen Freund besucht hatte, auf die Nachricht des zwischen Frankreich und Preußen bevorstehenden Kampfes sich auf, um zu dem in Thüringen sich sammelnden preußischen Heere zu stoßen und dem Prinzen Louis Ferdinand seine Dienste anzubieten. Aber erst am Tage der unglücklichen Schlacht bei Jena (14. Oct.) traf er beim preußischen Heere ein, um die gänzliche Niederlage desselben mit anzusehen. Der Prinz Louis Ferdinand war bereits am 10. Oct. bei Saalfeld gefallen. J. machte nun die Flucht über Sangerhausen nach Mansfeld mit, ging dann nach Halle und Magdeburg, und von dort längs der Elbe nieder, um nach Stettin, wo das zerstreute Heer sich sammeln sollte, zu gelangen. Aber die Capitulation von Prenzlau und die Uebergabe von Stettin vereitelten seinen Plan und er kam auf Umwegen nach vielfacher Lebensgefahr nach Anklam, um Zeuge der Einnahme dieser Stadt zu sein. Tiefgebeugt wanderte er nun durch alle schwedisch-pommerschen und mecklenburgischen Seestädte längs der Küste nach Lübeck, wo er Blücher’s unglückliches Unternehmen [663] sah. Die folgenden Jahre war er, immer rastlos wandernd, eifrig bemüht, im Vaterlande Gefühl für deutsches Volksthum und Selbstvertrauen zu erwecken. Im Jahre 1809 kam er, das Manuscript seines klassischen Werkes „Deutsches Volksthum“, welches 1810 in Lübeck erschien, bei sich tragend, am Tage des Einzuges Friedrich Wilhelms III. (23. December) nach Berlin. Hier war er als Lehrer an der Plamann’schen Erziehungsanstalt und an dem Gymnasium zum Grauen Kloster thätig, suchte auch im Verein mit seinen Freunden Friesen, Harnisch und Zeune in der Jugend Vaterlandsliebe zu erwecken und regte zu kräftigenden Spielen an. 1811 gründete er in der Hasenhaide bei Berlin den ersten deutschen Turnplatz. Im J. 1813 trat er, dem Aufrufe des Königs nach Breslau vorauseilend, in das Lützow’sche Freicorps, bei dessen Bildung er wesentlich mitwirkte. Mit demselben nahm er an dem Treffen bei Mölln (4. September 1813) und an dem rühmlichen Gefecht an der Göhrde (16. September 1813) Theil und kehrte im August 1814 nach Berlin zurück, wo er sich mit Helene Kollhof verheirathete. 1814 erschien seine Schrift „Die Runenblätter“. Die Entwickelung des Turnens war demnächst seine hauptsächlichste Aufgabe, an welcher er in Verbindung mit Ernst Eiselen arbeitete. 1816 erschien das grundlegende Buch „Die deutsche Turnkunst von F. L. Jahn und E. Eiselen“. Inzwischen war die lebhafte patriotische Begeisterung der Turner von der nach dem Kriege allmälig sich erhebenden Reaction vielfach als staatsgefährlich verdächtigt worden, und als nun am 23. März 1819 der Jenaer Student und Turner Karl Sand den als Volksfeind gehaßten Staatsrath v. Kotzebue ermordet hatte, waren die deutschen Regierungen sehr geneigt, in den Tendenzen des Turnens die Grundursache dieser unseligen That zu suchen. Die Führer der deutschen Jugend auf Universitäten und Turnplätzen wurden als staatsgefährliche Verführer verdächtigt und zum Theil verhaftet, und auch J. wurde in der Nacht vom 13. zum 14. Juli 1819 gefänglich eingezogen. Sechs Jahre befand er sich in Untersuchungshaft, zuerst in Spandau, dann in Küstrin, zuletzt in Colberg, wo er sich ziemlich frei bewegen durfte. Endlich, im März 1825, wurde er freigesprochen, ihm jedoch der Aufenthalt weder in Berlin und in einem Umkreise von zehn Meilen, noch in einer Universitäts- oder Gymnasialstadt erlaubt. Wo er seinen Wohnsitz wählte, sollte er unter polizeilicher Aufsicht bleiben, ihm jedoch, so lange er durch sein Verhalten keine Veranlassung zum Tadel gab, von der Regierung ein Jahrgeld von 1000 Thalern gezahlt werden. Er ließ sich nun zunächst in Freiburg an der Unstrut nieder, siedelte 1829 nach Cölleda über, kehrte aber nach sieben Jahren nach Freiburg zurück, wo er von nun an bis zu seinem Lebensende wohnte. Er lebte in stiller Zurückgezogenheit, sich als ein gebrochener Mann fühlend. Nur zuweilen gab er durch schriftstellerische Arbeiten noch Kunde von sich. So erschienen 1828 die „neuen Runenblätter“, 1833 „Merke zum deutschen Volksthum“, 1835 die nach seiner mündlichen Erzählung niedergeschriebenen „Denknisse eines Deutschen oder Fahrten des Alten im Bart, herausgegeben von Karl Schöppach[WS 3]“, 1836 „Leuwagen gegen H. Leo“. Als im J. 1840 Friedrich Wilhelm IV. den preußischen Thron bestiegen, hob er die über J. verhängte Polizeiaufsicht auf und verlieh ihm nachträglich das eiserne Kreuz. Noch einmal trat J. an die Oeffentlichkeit: das Volk hatte seiner nicht vergessen, man hatte ihn 1848 in die deutsche Reichsversammlung gewählt. Aber er entsprach in derselben zu Frankfurt nicht den Erwartungen, die man von ihm gehegt hatte. Seine Anschauungen waren veraltet, er verstand die Zeit nicht mehr. Aus der Zeit der Septemberunruhen in Frankfurt rührt seine „Schwanenrede“ her, die nie gesprochen, sondern nur gedruckt worden ist. In derselben gibt er sein politisches Glaubensbekenntniß, welches er mit den Worten schließt: „Deutschlands Einheit war der Traum [664] meines erwachenden Lebens, das Morgenroth meiner Jugend, der Sonnenschein der Manneskraft und ist jetzt der Abendstern, der mir zur ewigen Ruhe winkt“. J. starb zu Freiburg an der Unstrut, am 15. Oktober 1852, 74 Jahre alt. Die deutschen Turner haben ihm im Verein mit vielen Freunden des Vaterlandes in der Hasenhaide bei Berlin ein großartiges Denkmal gesetzt, in welchem Jahn’s mächtige in Erz gegossene Gestalt auf einem Unterbau von Felsen sich erhebt, dessen einzelne Stücke aus allen Theilen der Erde, wo Turner wohnen und die deutsche Zunge klingt (auch aus Amerika, Ostasien und Australien), herbeigesandt worden sind.

Vgl. des Verfassers Theoretisches Handbuch für Turner, Halle 1870. – F. L. Jahn’s Leben von Pröhle[WS 4], neu bearb. v. Euler[WS 5]. Stuttgart 1881.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Alexander Friedrich Jahn (1742–1811), Pfarrer in Lanz.
  2. Adam Friedrich Böhme (1735–1809), Buchhändler in Leipzig.
  3. Karl Elias Schöppach (1812–1843), Lehrer in Meiningen.
  4. Heinrich Christoph Ferdinand Pröhle (1822–1895), Sagenforscher in Wernigerode, Lehrer in Mülheim und Berlin. Sohn von Heinrich Andreas Pröhle.
  5. Karl Philipp Euler (1828–1901), Turnlehrer in Berlin.