ADB:Harnisch, Wilhelm

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Artikel „Harnisch, Wilhelm“ von Heinrich Julius Kämmel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 10 (1879), S. 614–616, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Harnisch,_Wilhelm&oldid=- (Version vom 15. September 2019, 15:15 Uhr UTC)
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Band 10 (1879), S. 614–616 (Quelle).
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Harnisch: Wilhelm H., ein um Lehrerbildung und Volksschulwesen im Geiste Pestalozzi’s hoch verdienter Mann, geb. den 28. August 1787 in Wilsnack, [615] einem Städtchen der westlichen Priegnitz, gest. den 15. August. 1864 in Berlin. – Sein Vater, ein wohlhabender Ackerbürger und Schneidermeister, bestimmte den scheinbar wenig begabten Knaben doch zum Studium der Theologie und übergab ihn 1800 dem Gymnasium in Salzwedel, das damals der durch F. A. Wolf gebildete Heinzelmann leitete. Nach einer ziemlich trüben Schulzeit bezog er zu Ostern 1806 die Universität Halle, hatte aber in die neuen Verhältnisse noch kaum sich eingelebt, als das Unglück des Krieges und die Verstörung der Universität ihn zur Flucht in die Heimath nöthigten, die er unter mancherlei Gefahren mühsam erreichte. Zunächst gezwungen, sich als Hauslehrer fortzuhelfen, hielt er doch den früh gewählten Lebensplan fest, und als er 1808 in die Universität Frankfurt a. O. eingetreten war, begann er ernstlicher mit Pädagogik sich zu beschäftigen. Und schon nach einem Jahre zur Hauslehrerthätigkeit zurückgekehrt, wurde er in einer mecklenburgischen Familie mit den Grundsätzen Rousseau’s bekannt, nach denen die Frau vom Hause erzogen war. Aber bereits am Anfange des J. 1810 wurde er nach Berlin berufen, um auf Kosten des Staates in der von Plamann geleiteten Anstalt Pestalozzi’s Methode kennen und üben zu lernen. Da hatte er nun vielfache Gelegenheit mit hervorragenden Männern, mit Fichte, Schleiermacher, Köpke, Klöden, Zeune, Jahn in Verbindung zu kommen und an den Bestrebungen, welche auf Rettung des Vaterlandes aus tiefer Bedrängniß gerichtet waren, auch an der Einrichtung des Fechtbodens, des Turnplatzes, der Schwimmanstalt Theil zu nehmen. Er erwarb damals von der Universität Wittenberg die philosophische Doctorwürde und schrieb zugleich sein erstes Buch „Die deutsche Volksschule“ (1812). Als dann in Breslau ein Schullehrerseminar nach Pestalozzi’s Ideen eingerichtet wurde, erhielt er an demselben die Stelle des ersten Lehrers, in Wahrheit des Directors, in welcher er, nachdem die Theilnahme am Freiheitskriege ihm versagt gewesen, mit großem Erfolge arbeitete. Zugleich war er Leiter eines Schullehrervereins, der bald Nachahmer fand, und auch als Schriftsteller entwickelte er eine eifrige Thätigkeit. Es erschienen von ihm in jenen Jahren: „Vollständiger Unterricht in der deutschen Sprache“, 4 Theile (1813–18), neben andern Schriften für diesen Zweig des Unterrichts, „Der Schulrath an der Oder“ (6 Jahrgänge, 1814–20), „Das Leben des fünfzigjährigen Hauslehrers Kaskorbi“ (eine Art pädagogischer Roman), 2 Theile (1817), „Das Turnen in seinen allseitigen Verhältnissen“ (1819), „Handbuch für das deutsche Volksschulwesen“ (1820, dritte, ganz umgearbeitete Auflage 1839), „Weltkunde“ (1820), „Schlesien, ein Hilfsbuch für Lehrer und ein Lesebuch für Schüler“ (1820), „Raumlehre“ (1822), „Himmelsgarten, ein Weihnachtsbuch“ (1822). Begonnen wurden: „Die wichtigsten neuen Land- und Seereisen für die Jugend“, 16 Theile, (1821–32). Mit Wachler, Gaß, Passow, Schneider, Friedrich und Karl v. Raumer unterhielt er engen wissenschaftlichen Verkehr, auch mit katholischen Geistlichen und Lehrern stand er in freundlicher Verbindung. Aber sein Eifer für die Turnsache, die bei den Staatsbehörden allmählich Mißtrauen erweckte, gefährdete auch seine Stellung, und obwohl er mannhaft und mit der Ruhe eines guten Gewissens sich vertheidigte, so sah er doch im J. 1822 von Breslau sich entfernt. Er wurde, allerdings in ehrenden Formen, Director des Schullehrerseminars in Weißenfels, wo seine Umsicht und Kraft viel aufzuräumen und zu verbessern hatte. In rastloser Thätigkeit brachte er die Anstalt, mit welcher auch eine Präparandenanstalt und (seit 1829) ein Taubstummeninstitut sich verband, zu fröhlichem Gedeihen. Unterstützt von trefflichen Lehrern, denen er ein Freund war, übte er auf seine Zöglinge, die in ihm einen Vater verehrten, den nachhaltigsten Einfluß aus, der mehr und mehr im ganzen preußischen Sachsenlande das Volksschulwesen zu gedeihlichster Entwickelung brachte. Sein Seminar [616] wurde eine Musteranstalt, welcher Deutsche und Schweizer, Engländer und Franzosen, Griechen und Amerikaner ihre Aufmerksamkeit zuwandten. Es läßt sich denken, daß auch die ihm vorgesetzten Behörden sein Wirken jetzt ohne Rückhalt anerkannten. Im J. 1834 erhielt er den Auftrag, die große Militär-Waisenanstalt in Annaburg neu einzurichten und in demselben Jahre erhielt er den rothen Adlerorden 4. Cl. Im J. 1838 wurde ihm die neue Ordnung der Stolberg-Stolberg’schen Schulen übertragen. Seine 1830, 1834 und 1836 unternommenen Revisionsreisen machten ihn mit den Volksschulen der Provinz in besonderer Weise vertraut. Seine fortwährend sehr rege schriftstellerische Thätigkeit hing mit seinem amtlichen Berufe innig zusammen. Er begann in Weißenfels mit der Schrift: „Ueber den jetzigen Standpunkt des Volksschulwesens, besonders der Seminarien im preußischen Staate“ (1824). Dann erschienen: „Der Volksschullehrer“, drei Jahrgänge (1824–28), „Das preußische Sachsenland und Lebensbilder aus dem preußischen Sachsenlande“ (1827), „Die deutsche Bürgerschule“ (1830), „Frisches und Firnes zu Rath und That“, 2 Bdchn. (1836 f.). Besonders wichtig zur Kenntniß seines persönlichen Waltens ist die Schrift: „Das Weißenfelser Schullehrerseminar und seine Hilfsanstalten“ (1838). Mit seinem religiösen Denken und Leben war er vom Standpunkte des Rationalismus immer entschiedener auf den des positiven Christenthums übergegangen, wie dies auch einige seiner Schriften erkennen lassen: „Vollständiger Unterricht im evangelischen Christenthume“, 2 Theile (1830 f.), „Entwürfe und Stoffe zu Unterredungen über Luthers kleinen Katechismus, 2 Theile (1834 und 37), „Erbauliche Betrachtungen über die zehn Gebote“ (1835). Im J. 1837 hatte er unter zahlreicher Theilnahme seiner Freunde und Schüler das Fest seiner 25jährigen Wirksamkeit im Seminarleben gefeiert. Und noch schien dem körperlich und geistig-rüstigen Manne eine lange Bewährung in der so entschieden verfolgten Richtung möglich. Aber allmählich entwickelte sich ein Nervenleiden, das in Abspannung und Schwermuth sich äußerte, zu bedenklicher Stärke. Er bedurfte der Ruhe und legte daher 1842 das Schulamt nieder, um das Pfarramt zu Elbei bei Wolmirstädt zu übernehmen. Aber sein an rastloses Schaffen gewöhnter Geist führte ihn auch jetzt über den engen Kreis des Wirkens weit hinaus. Er war ein fleißiger Arbeiter für den Gustav-Adolf-Verein; er nahm lebhaften Antheil an Prediger-Conferenzen, wie an den Berathungen für äußere und innere Mission. Und auch als Schriftsteller war er noch thätig. Es erschienen von ihm in dieser Zeit die Schriften: „Der jetzige Standpunkt des gesammten preußischen Volksschulwesens“ (1844), „Luthers kleiner Katechismus als Lernbuch“ (1844), „Luther’s kleiner Katechismus als Lehrbuch“ (1844); unter den Bewegungen des J. 1848 schrieb er: „Die künftige Stellung der Schule, vorzüglich der Volksschule, zu Kirche, Staat und Haus“. Aber häusliches Leid, das ihm auch früher nicht erspart geblieben war, drückte ihn seit 1842 tief darnieder; die Gattin, die bereits in Berlin ihm die Hand gereicht und mehrere Kinder ihm gegeben hatte, starb wenige Monate nach seinem Einzuge in Elbei; auch die einzige ihm gebliebene Tochter nahm der Tod hinweg; der jüngste Sohn versank in Geisteskrankheit. Doch schloß er 1852 eine zweite Ehe, deren Frucht noch ein Söhnchen war. Erst 1861 zwang ihn zunehmende Nervenschwäche, sein Pfarramt zu verlassen; er zog sich mit Frau und Kind nach Magdeburg zurück. Allein das Leiden, das ihn beugte, entwickelte sich in der schlimmsten Art. Er mußte einer Heilanstalt in Berlin übergeben werden, wo er, fast 77 Jahre alt, gestorben ist. Von seiner Autobiographie, die auf drei Theile berechnet war, ist nur der erste „Mein Lebensmorgen“ (1787–1822) vollendet und 1865 von H. E. Schmieder herausgegeben worden.