ADB:Louis Ferdinand

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Artikel „Ludwig Ferdinand“ von Paul Bailleu in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 19 (1884), S. 582–587, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Louis_Ferdinand&oldid=1706747 (Version vom 31. März 2015, 00:00 Uhr UTC)
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Ludwig Ferdinand: Friedrich Louis Christian, gewöhnlich Louis Ferdinand genannt, Sohn des Prinzen Ferdinand von Preußen und der Prinzessin Louise von Brandenburg-Schwedt, geb. am 18. November 1772 zu Friedrichsfelde, erzogen unter Einwirkung Campe’s von Bärbaum, trat am 1. März 1789 als Capitän bei dem Regimente Möllendorff in die preußische Armee ein. Am 12. April 1790 als Oberst-Lieutenant von der Infanterie dem Regimente Jung-Schwerin zugewiesen, folgte er dem König Friedrich Wilhelm II., als derselbe im Sommer 1790 in Schlesien ein Heer gegen Oesterreich zusammenzog. Nach Abschluß der Verträge von Reichenbach besuchte der Prinz die schlesischen Festungen und kehrte dann nach Berlin zurück, wo er wieder dem Regiment Möllendorff beigegeben wurde. Am 9. Juni 1791 zum Obersten befördert, machte er im folgenden Jahre im Regiment Woldeck den Feldzug gegen Frankreich mit, ohne sich besonders hervorzuthun. In hervorragender Weise dagegen zeichnete er sich im Jahre 1793 bei der Belagerung von Mainz aus, wo er unter dem Obercommando des Grafen Kalckreuth Truppen der Regimenter Wegner und Manstein befehligte, während ihm der spätere Graf Bülow von Dennewitz als Gouverneur zur Seite stand. Nachdem er viele einzelne Kämpfe um die Zahlbacher Höhen und Weißenau (17. und 25. April, 7. und 31. Mai 1793) glücklich bestanden, und durch die Rettung eines verwundeten Oesterreichers, den er selbst aus dem feindlichen Feuer trug, sich großes Lob verdient hatte (14. Juli), wurde er in der Nacht vom 16. zum 17. Juli bei Erstürmung einer feindlichen Schanze durch einen Schuß in das rechte Bein schwer verwundet. König Friedrich Wilhelm II., der den tapferen Prinzen gleich am 17. Juli durch die Ernennung zum Generalmajor ehrte, beglückwünschte selbst die Eltern zu ihrem Sohne und schrieb nach Berlin: „Der Prinz ist ausnehmend brav und ein wirklich geschickter Offizier … Er hat sich viel Ruhm erworben und wenn er so fortfährt, wird er einst gewiß ein großer General werden“. Der Prinz wurde seinem Wunsche gemäß auf einem Kahn nach Mannheim gebracht, wo er bei der ihm eigenen unruhigen Beweglichkeit nur langsam genas. Erst gegen das Ende des Jahres kehrte der Prinz zu der Armee zurück, die unter dem Oberbefehl des Herzogs von Braunschweig, später des Feldmarschalls Möllendorff in der Umgegend von Mainz Winterquartiere bezogen hatte. Sein Verhalten hier blieb nicht frei von Tadel. Tapfer bis zur Tollkühnheit, wie er stets freigebig war bis zur Verschwendung, unendlich beliebt bei den Truppen, denen sein populäres Wesen gefiel, seine körperliche Gewandtheit imponirte, dabei aber verzehrt von unruhigem Thatendurst und widerstandslos von den Aufwallungen eines stürmischen Charakters hingerissen, hat Prinz L. F. es nur selten vermocht, sich den strengen Anforderungen staatlicher und militärischer Disciplin zu fügen. In Folge einer ernsten Vermahnung Möllendorff’s zog er es im Februar 1794 vor, das Heer zu verlassen und nach Berlin zurückzukehren, wo auch die durch mannigfache Verhältnisse gestörten Beziehungen zu den Eltern seine Anwesenheit nöthig machten. Bei Eröffnung des Feldzuges eilte er jedoch zur Armee zurück und nahm in dem Corps des Erbprinzen von Hohenlohe als Führer einer Brigade der Division des Generallieutenants von Borch an den Kämpfen auf dem linken Rheinufer Theil. Mit besonderer Auszeichnung focht er in den Treffen von Duttweiler-Böbingen (2. Juli), bei Edesheim (13. Juli) wo er mit 6 Compagnien des Regiments Romberg das Treffen entschied, und in dem letzten Kampfe um Kaiserslautern (20. Septbr.). Nach dem Rückzuge über den Rhein (21. Octbr.), ging er mit seiner Brigade nach Westfalen in die Winterquartiere. Die Nachricht von dem am 5. April 1795 unterzeichneten Frieden mit Frankreich erfüllte ihn, obwol er damals keineswegs zu den Franzosenfeinden zählte, mit lebhaftem Unwillen, wie er auch schon vorher über die [583] lässige Art der Kriegführung auf preußischer Seite sich mit großer Unzufriedenheit geäußert hatte. Er ging jetzt nach Magdeburg zu seinem Regimeute, das ihm der König am 23. Febr. 1795 verliehen hatte. Prinz Ferdinand hätte ihn lieber in Berlin gesehen, allein der König lehnte es ab, ihn nach der Hauptstadt zu berufen, weil es „einem jungen Prinzen von so vieler Lebhaftigkeit und von so großer Neigung zur Thätigkeit überaus lästig sein werde, sich in Berlin den größten Theil des Jahres ganz ohne Geschäfte zu sehen“. So blieb der Prinz in Magdeburg, beschäftigt mit militärwissenschaftlichen und musikalischen Studien, bis ihn die Mobilisirung eines Theiles der preußischen Armee zum Schutze der Demarkationslinie im Sommer 1796 mit seinem Regimente nach Braunschweig und Westfalen führte. Die Jahre, die er hier, namentlich in Lemgo und Hoya verlebte, hat der Prinz immer für die trübseligsten seines Lebens angesehen. „Ich lebe hier nur von Entbehrungen“, schreibt er aus einem der genannten Orte, „und ohne Zweifel ist es nicht sehr angenehm, die schönsten Jahre des Lebens in diesem verwünschten Dorfe zuzubringen, ohne die Möglichkeit, für das Gkück seines Lebens Pläne zu fassen oder die Fähigkeiten zu entwickeln, die man vielleicht besitzt. Dazu die allgemeine Lage von Europa! hören müssen von den glänzendsten Thaten und dabei nur Galle destilliren können!“ Er dachte ernstlich daran, seinen Abschied zu nehmen, unterließ es jedoch auf den Rath von Stein, mit dem er damals zuerst in vertraute Beziehungen trat. Am 21. Mai 1799 wurde er zum Generallieutenant befördert. Bei der Einförmigkeit des Garnisonlebens, welche ihm trotz seiner ernsten Studien überaus empfindlich wurde, ergriff er gern jeden Anlaß, um sich von den Truppen zu entfernen und geistige Anregung und Erholung zu suchen. Oft treffen wir ihn in Berlin bei seiner Schwester, der Prinzessin Radziwill, der er mit innigster Liebe anhing, während er bei den Eltern nicht ein gleiches Verständniß für die Eigenheiten seines Charakters zu finden glaubte. Im Winter von 1797 auf 1798 unternahm er eine Reise an die Grenzen der Demarkationslinie, wo ein neuer Kampf mit den Franzosen bevorzustehen schien. Auf einem Leiterwagen, bei schneidender Kälte, ging es von Lemgo nach Arolsen zu dem Prinzen von Waldeck, der zur Jagd eingeladen hatte, dann über Corbach, Sachsenhausen, die Demarkationslinie entlang nach Wildungen, wo wieder gejagt wurde. Von Fritzlar aus besuchte der Prinz auch Cassel, doch ohne sich dem Landgrafen vorzustellen, den er in seinen Briefen als den am meisten verabscheuten Fürsten bezeichnet. Mit besonderer Vorliebe aber besuchte er Hamburg und Altona, wohin ihn die Neigung zu einer schönen Holländerin und zugleich jener geistig angeregte Kreis hinzog, der sich aus Franzosen und Deutschen damals in Hamburg gebildet hatte. Er selbst behauptet, über diesen häufigen Abwesenheiten seine militärischen Obliegenheiten nicht vernachlässigt zu haben, und gewiß ist, daß er an seiner eigenen Ausbildung unermüdlich arbeitete. Allein in Berlin, wie sich denken läßt, war man anderer Ansicht. Seine Verschwendung, die unbesonnenen Reden, in denen er seiner Neigung zu Spöttereien freien Lauf ließ, der Umgang mit französischen Demagogen, wie Parandier, erregten lebhaften Anstoß und veranlaßten schließlich den König zu einem energischen Schritte. Als die Mahnungen Hamburg zu verlassen, wohin er sich gegen Ende des Jahres 1799 wieder begeben hatte, von dem Prinzen unbeachtet blieben, wurde der Oberst Massenbach, der ihm in den Feldzügen von 1793 und 1794 nahe gestanden hatte, nach Hamburg geschickt und brachte ihn halb mit Güte, halb mit Gewalt nach Magdeburg (Februar 1800). Es scheint, als habe dieser Vorgang, der das unangenehmste Aufsehen machte, in dem Charakter und der Lebensweise des Prinzen die günstigste Wandlung hervorgebracht. Aus dem zügellosen, gegen jede Schranke sich auflehnenden Jüngling, dessen wild stürmische [584] Heftigkeit ebenso oft abstieß als anzog, wurde ein Mann, dessen feuriges und schwungvolles Wesen alles begeisterte und hinriß. Mit noch größerem Ernst und Eifer widmete er sich den militärischen Studien und bearbeitete ausführlich einzelne Fragen der Taktik. Kein geringerer als Scharnhorst bezeugte ihm damals, daß er sich „schon als Jüngling einen so großen Fonds von Kenntnissen erworben habe, dessen sich unsere erfahrensten Krieger nur selten rühmen können“ (1. Decbr. 1801). Daneben las er viele historische und philosophische Werke; vor allem aber pflegte er die Musik, für welche er die höchste Begabung besaß. Mit den Eltern söhnte er sich aus. Bald finden wir ihn in Berlin, wo er einen Kreis ausgezeichneter Männer um sich sammelte, zu denen hauptsächlich Fr. Gentz, etwas später Joh. von Müller gehörten. Auch Metternich stand ihm nahe. Wer den Prinzen damals kennen lernen durfte, hat den Zauber seines Wesens empfunden: Metternich und Clausewitz, E. M. Arndt und Marwitz, so sehr verschieden sonst in ihren Anschauungen und Bestrebungen, sind einmüthig in ihrer Bewunderung für den Prinzen, bei dem körperliche und geistige Vorzüge in seltener Vollendung sich zusammenfanden. Außer der regen Theilnahme an allem, was die Fortschritte der Wissenschaften und schönen Litteratur Neues und Glänzendes hervorbrachten, war es vor allem die Politik, welche den Prinzen und seine Freunde in Berlin beschäftigte. Wir berühren hier den Punkt, wo sich die Laufbahn des Prinzen mit dem großen Strome der Ideen berührt, deren Entwickelung die Weltgeschichte ausmacht. In dem Kreise, der den Prinzen umgab, tauchte der Gedanke auf, dem immer drückender werdenden Uebergewicht Frankreichs einen Bund Preußens und Oesterreichs entgegenzusetzen, der doch auch zugleich dem Eingreifen Rußlands in die europäischen Angelegenheiten Schranken ziehen sollte. Der Plan eines mitteleuropäischen Bundes zugleich gegen Osten und gegen Westen, der für die Politik späterer Tage eine so große Bedeutung gewonnen hat, ist damals, vielleicht von Gentz, zuerst angeregt worden. Das historisch Merkwürdige ist, daß ein preußischer Prinz ihn mit Feuer ergriff und zu verwirklichen strebte. Die Beliebtheit, deren er seit den Feldzügen am Rhein vor allen anderen preußischen Führern in Oesterreich genoß, konnte ihm die Erreichung des Zieles erleichtern. Von Schlesien aus, wo im August 1804 Manöver der preußischen Truppen stattfanden, ging Prinz L. nach Mähren zum Besuche der österreichischen Truppenübungen, bei denen er mit Kaiser Franz selbst zusammentraf. Sie besprachen mit einander die Nothwendigkeit einer innigen Verbindung zwischen Preußen und Oesterreich, um dem erneuten Ausbrach eines Krieges auf dem Festlande zuvorzukommen. Während dann der Kaiser zur Besichtigung der böhmischen Festungen abreiste, ging der Prinz nach Wien, wo er von dem Erzherzog Anton und dem Herzog Ferdinand von Württemberg in der schmeichelhaftesten Weise empfangen wurde (September 1804). Bei den Unterredungen, die er hier mit dem Minister Graf L. Cobenzl hatte, entwickelte der Prinz den Gedanken einer preußisch-österreichischen Allianz und empfahl zugleich die Sendung eines Erzherzogs nach Berlin. Bestimmte Verabredungen konnten, wie sich versteht, nicht getroffen werden; aber als man sich trennte, hatte man doch das Gefühl einer innern Gemeinsamkeit namentlich gegen Frankreich. Ueber Prag und Dresden nach Berlin zurückgekehrt, bemühte sich der Prinz eifrig, für seinen Plan Anhänger zu gewinnen. Er sprach darüber mit dem Könige, dem leitenden Minister Hardenberg, mit dem einflußreichen Cabinetsrath Beyme; in einer ausführlichen Denkschrift begründete er die Nothwendigkeit „eines näheren Vereins zwischen Preußen und Oesterreich zur Erhaltung der Ruhe und Hinderung einer jeglichen fremden Einmischung in Deutschland“, indem er zugleich den Einwand zu entkräften suchte, daß sein Plan nur zu einer neuen Coalition führen werde. [585] Auch Gentz kam ihm mit seiner gewandten Feder zu Hülfe; allein es blieb alles vergeblich. Bei der unsicheren Lage der europäischen Angelegenheiten. wie sie sich durch den französisch-englischen Krieg und die drohende Haltung Rußlands gestaltet hatte, fürchteten Friedrich Wilhelm und seine Rathgeber durch den Abschluß einer Allianz mit Oesterreich gerade den Ausbruch des festländischen Krieges zu beschleunigen, den man doch vermeiden wollte. Der Prinz selbst war über das Mißlingen seiner Bestrebungen sehr unglücklich: der Ablehnung seiner Rathschläge schrieb er das Verderben zu, das 1805 und 1806 über Deutschland hereinbrach. – Als im Sommer 1805 der Gegensatz zwischen Frankreich und Oesterreich sich immer mehr zuspitzte, unternahm der Prinz eine längere Reise in die Gegenden, die zum Schauplatz des nahenden Krieges bestimmt schienen. Ueber Dresden und Karlsbad ging er nach München, wo ihm der Kurfürst Max Joseph große Aufmerksamkeit bewies; von hier aus (13. August) mit Chasteler durch Tirol, dann über Trient nach Venedig. Bei seiner Rückkehr fand er die Lage in Berlin sehr verändert. Das Heranrücken starker russischer Armeen an die preußische Grenze und der Ausbruch des Krieges zwischen Oesterreich und Frankreich hatten die Mobilisirung der preußischen Armee veranlaßt; die Verletzung des preußischen Gebiets in Ansbach durch Napoleon und das persönliche Erscheinen des Kaisers Alexander in Berlin gaben der preußischen Politik eine Richtung gegen Frankreich. Während der Herzog von Braunschweig mit einem Heere Hannover besetzte, zog ein anderes Corps unter dem Oberbefehl des Fürsten Hohenlohe langsam von Schlesien aus durch Sachsen nach Thüringen, um für den Fall des Scheiterns der durch Haugwitz mit Napoleon angeknüpften Verhandlungen den Oesterreichern zu Hülfe zu eilen. Mit diesem Corps, dessen Avantgarde er commandiren sollte, vereinigte sich im November Prinz L. Er hatte die von ihm längst ersehnte kriegerische Wendung der Dinge mit freudiger Genugthuung begrüßt, beklagte es aber lebhaft, daß man erst noch Verhandlungen durch den für franzosenfreundlich geltenden Haugwitz führen ließ und nicht mit raschem Entschluß in das Oesterreichische einrückte. In Erfurt traf er mit dem Herzog Karl August von Weimar zusammen, der die Reserve des Hohenlohe’schen Corps befehligte, und mit Goethe, mit dem er eine Nacht durchzechte. Da sich inzwischen durch die Erfolge der Franzosen der Kriegsschauplatz nach Mähren hinzog, so mußte das Corps Hohenlohe’s im December von Thüringen nach Sachsen zurückgehen; der Prinz mit der Avantgarde nahm sein Hauptquartier in Zwickau; hier, in den Bergen eingeschlossen „in dem verwünschten kleinen Nest“, wie er es nennt, wartete er voll Ungeduld, aber zugleich voll trüber Ahnungen, auf den Befehl, das Gebirge zu überschreiten und nach Böhmen vorzugehen. Aber statt des Befehles zum Vorrücken kamen Ende Januar 1806 die Nachrichten von dem Abschluß eines Vertrages mit Frankreich und zugleich die Verfügungen, welche die Demobilisirung der Armee anordneten. Das leidenschaftliche Gemüth des Prinzen wurde durch diesen Umschwung der Dinge so erregt, daß er zunächst nicht nach Berlin zurückkehrte, sondern auf seinen Besitzungen in der Nähe Magdeburgs blieb und in den Vergnügungen der Jagd Zerstreuung suchte. Im folgenden Sommer finden wir ihn wieder in Berlin, als Mittelpunkt einer Vereinigung hervorragender und patriotischer Männer, welche eine Aenderung in der preußischen Politik und einen Wechsel in den leitenden Persönlichkeiten anstrebten. Gerade die Wendung der preußischen Politik im August 1806, wo das Heer von neuem gegen Frankreich in die Waffen gerufen wurde, bestimmte diese Männer, in einer auch von Prinz L. „in seinem Namen und für seinen Bruder, den Prinz August“ unterzeichneten Eingabe den König um die Entfernung des Grafen Haugwitz und der Cabinetsräthe zu bitten, die in Preußen wie im [586] Auslande alles Vertrauen eingebüßt hätten (2. September). Es war ein in der Geschichte der preußischen Monarchie unerhörter Schritt, der den König empfindlich verletzte. Der Prinz erhielt sogleich den Befehl zur Armee abzugehen; er suchte vergeblich noch den König zu sprechen, und auch von der Königin, die er aufs Innigste verehrte, mußte er sich begnügen in einem Schreiben Abschied zu nehmen, über dem schon die Ahnung des Todes schwebte. Am 6. Septbr. bereits war der Prinz in Dresden, wo er Gentz traf, und mit dem Kurfürsten von Sachsen verkehrte. Am 23. reiste er über Teplitz nach Eisenberg, wohin ihn Fürst Lobkowitz geladen hatte, auch Gentz war hier und Fürst Karl Schwarzenberg, der sich sehr patriotisch zeigte. Am 26. erreichte er in Freiberg den Fürsten Hohenlohe, dessen aus Preußen und Sachsen bestehendes Corps sich inzwischen zusammengezogen hatte, und übernahm wie im Jahre vorher den Befehl über die Avantgarde. Die Aussicht auf den Kampf und namentlich auf einen Offensivkrieg hob seine Stimmung; die Unsicherheit in der Leitung der Armee erfüllte ihn mit Besorgniß. Auf dem Marsche von Freiberg nach Thüringen, in Oederan bei Chemnitz, schrieb er in eigenthümlicher Vorahnung nach Berlin: „Ich hoffe, daß Ihr den 10. oder 12. Nachrichten erhalten werdet und daß vielleicht die ersten Schüsse gefallen sind … Nicht ohne lebhafte Bewegung kann ich an die nahenden Augenblicke denken und an den Kampf, der sich vorbereitet. Ich würde ihm ruhiger und heiterer entgegen sehen, wenn die, denen die wichtigsten Sorgen anvertraut sind, mir mehr Vertrauen einflößten“. Allein er verstand es, seiner trüben Ahnungen Meister zu werden: seine Umgebung bemerkte, daß er, je näher der Tag des Kampfes rückte, um so mehr „an Frohsinn und Gesundheit gewann“. Am 1. October kam das Corps in Gera an, am 2. in Jena; der Prinz nahm sein Hauptquartier in Stadt-Ilm. Es hatte ursprünglich die Absicht bestanden, über den Thüringer Wald hinweg einen Angriff gegen die französischen Truppen zu unternehmen, die man noch nicht in genügender Zahl beisammen glaubte. Als man dann den Anmarsch Napoleons erfuhr, der an beiden Ufern der Saale vorrückend die in den Ebenen Thüringens versammelte preußisch-sächsische Armee in der linken Flanke zu überf1ügeln drohte, hielt der Fürst Hohenlohe unter dem Einfluß seines Generalstabschefs Massenbach den Uebergang der Armee auf das rechte Ufer der Saale für unerläßlich, um der Umgehung der linken Flanke zuvorzukommen. Ohne rechte Uebereinstimmung mit den Bewegungen der vom König selbst und dem Herzog von Braunschweig befehligten Hauptarmee, beschloß der Fürst deshalb seine Truppen an der Saale bei Kahla, Orlamünde und Rudolstadt zu versammeln und Alles zum Uebergang vorzubereiten. Der Prinz erhielt am 9. den Befehl, die Avantgarde bei Rudolstadt zusammenzuziehen, diesen Posten sowie Blankenburg bis zum Heranrücken der Armee des Königs zu behaupten und dann über die Saale zu gehen. In der Ausführung dieses Befehles begriffen, auf dem Marsche nach Rudolstadt, wo er vom 9. zum 10. übernachtete, erfuhr der Prinz, daß die Franzosen bereits bis in die Nähe von Saalfeld gelangt seien. Es erschien ihm nothwendig, diesen Punkt, wo die vom oberen Main über Koburg führende Straße sich ins Saalthal hinabsenkt, noch zu behaupten, sowohl um der eigenen Armee den Uebergang über die Saale zu sichern, als um der vom linken und rechten Saalufer heranziehenden französischen Armee diesen Vereinigungspunkt zu entziehen. Es ist keine Frage, daß der Prinz an sich richtigen Blick und treffendes Urtheil bewiesen hat, denn die Befehle Napoleons zeigen, welche Wichtigkeit der Posten von Saalfeld besaß; allein indem er seine Stellung soweit an der Saale aufwärts ausdehnte, lief er Gefahr, von dem Corps Hohenlohe’s getrennt und isolirt geschlagen zu werden. So entwickelte sich am 10. October das Treffen bei Saalfeld. Ueberlegene französische Truppen unter dem Befehl des Marschall Lannes stiegen zahlreich [587] aus dem Gebirge herab und griffen die Preußen und Sachsen zugleich vor Saalfeld und in der rechten Flanke auf der Straße nach Rudolstadt an. Der Prinz, der am Morgen des 10. von Rudolstadt nach Saalfeld gekommen war, zeigte der drohenden Gefahr gegenüber eine ungewohnte Ruhe und Kaltblütigkeit. Aber auch sein persönliches Eingreifen vermochte nicht den Franzosen den Sieg zu entreißen, den sie zugleich ihrer größeren Zahl und ihrer überlegenen Fechtweise, dem Tirailliren verdankten. In dem Getümmel des Rückzuges, bei dem Orte Wölsdorf nordwestlich von Saalfeld, wurde der Prinz von feindlichen Reitern eingeholt und getödtet. Sein Leichnam, der am Tage nach dem Treffen in die Schloßcapelle von Saalfeld gebracht war, wurde später nach Berlin überführt und am 21. März 1811 im Dome feierlich beigesetzt. – Aus seinem Verhältniß mit Henriette Fromm hinterließ der Prinz zwei Kinder, einen Sohn (Ludwig) und eine Tochter (Blanca), die im J. 1810 unter dem Namen Wildenbruch in den Adelsstand erhoben wurden.

Vgl. Anekdoten und Charakterzüge aus dem Leben des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, Berlin 1807. Varnhagen von Ense, Gallerie von Bildnissen aus Rahels Umgang und Briefwechsel I, 239–300 (in der Charakteristik treffend, in den positiven Angaben höchst unzuverlässig). Briefe [an Pauline Wiesel) haben veröffentlicht A. Büchner, Leipzig 1865 und L. Assing, Aus dem Nachlaß Varnhagen’s, Leipzig 1867. Eine schöne Charakteristik giebt Clausewitz (Schwartz, Leben des General Clausewitz, 1878). Ueber Saalfeld s. Höpfner, Krieg von 1806 und 1807. Vgl. auch Karl von Nostitz (Adjutant des Prinzen, 1805, I806), Leben und Briefwechsel, Dresden 1848. Akten der Geh. Staats-, Haus- und Generalstabs-Archive und der Geh. Kriegskanzlei zu Berlin. Briefsammlung im Privatbesitz.
Bailleu.