ADB:Marwitz, Ludwig von der

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Artikel „Marwitz, Ludwig von der“ von Bernhard von Poten in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 20 (1884), S. 530–531, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Marwitz,_Ludwig_von_der&oldid=- (Version vom 20. August 2019, 10:09 Uhr UTC)
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Marwitz: Friedrich August Ludwig von der M., preußischer Generallieutenant, wurde am 29. Mai 1777 in Berlin geboren, trat 1791 als Standartenjunker bei den Gendarmen, dem damals in Berlin tonangebenden Cavallerieregimente ein, mit welchem er 1794 gegen die polnische Insurrection auszog, ohne indeß zu kriegerischer Thätigkeit zu gelangen, und verließ 1802 den activen Dienst, um sein väterliches Gut Friedersdorf, zwischen Müncheberg und Küstrin am Rande des Oderbruches gelegen, zu übernehmen. Als 1805 der Krieg mit Frankreich in Sicht stand, verließ er seine Scholle, deren Bewirthschaftung er sich mit der vollen Energie seines Charakters zugewendet hatte, und bat um seine Verwendung bei der Armee. Sie wurde ihm als Rittmeister und Adjutant des Fürsten Hohenlohe zu Theil. Doch der Krieg blieb aus und M. nahm 1806 zum zweiten Male den Abschied. Aber schon im Herbst trat er von Neuem ein, Hohenlohe hatte ihn sich wiederum als Adjutanten erbeten. Mit diesem focht er bei Jena, wo er sein Möglichstes that um den Sieg an die preußischen Fahnen zu fesseln; sein Pferd wurde ihm erschossen, sein Hut von Kugeln durchlöchert, vergebens führte er wankende Abtheilungen zurück in den Streit. Nach der Kapitulation von Prenzlau gelang es ihm nach Preußen durchzukommen. Hier mußte er lange auf Auswechslung warten. Als er sie im März endlich erlangt hatte, erhielt er die Erlaubniß ein Freicorps zu bilden, welches dann nach Pommern gesandt wurde, aber nicht mehr zur Verwendung vor dem Feinde kam. Nach Rüchel’s Idee, welcher in Preußen in dieser Beziehung allmächtig war, sollte es 2000 Pferde und 600 Mann leichte Infanterie stark werden; Blücher setzte in Pommern den Etat auf 500 Mann Kavallerie, 200 Mann Infanterie fest. Als der Krieg zu Ende war, nahm M. zum dritten Male den Abschied und kehrte nach Friedersdorf zurück. Die alte Monarchie war zusammengebrochen; auf den Trümmern sollte ein neues Preußen errichtet werden. M. begriff die Nothwendigkeit vollkommen, aber über die Wahl der Mittel gerieth er bald in offenen Kampf mit der Staatsgewalt. Er wollte den unmöglich gewordenen früheren Unterschied der Stände wieder aufrichten und wollte von den Privilegien des Adels zum Besten des Ganzen nichts opfern; er glaubte diesen durch sich selbst regeneriren, einen echten Adel, einen rechten Bürgerstand wiederherstellen zu können; er vergaß, daß der Adel lange aufgehört hatte dem Gemeinwesen diejenigen Dienste zu leisten, auf welche jene Vorrechte sich gegründet hatten. Für seine Idee kämpfte er mit Wort und Schrift, namentlich auf dem Provinziallandtage. Als dann der Staatskanzler Hardenberg, welcher vor Allem Geld brauchte und der in den Mitteln zur Beschaffung desselben nicht wählerisch war, in die Rechte der Stände gewaltsam eingriff, protestirte er öffentlich und in aller Form im Namen der Stände des Landes Lebus gegen die von der Regierung angeordneten Maßregeln. Dafür kam er auf Verfügung des Kammergerichts im Juni 1811 auf die Festung Spandau; mit ihm ein Graf Finkenstein, welcher den Protest mitunterzeichnet hatte. Nach fünf Wochen wurde er entlassen. Vom öffentlichen Leben zog er sich nun ganz zurück. – Kaum aber war die Nachricht von dem Untergange der französischen Armee in Rußland nach Deutschland gekommen, so stand der Entschluß bei ihm fest, von neuem zu den Waffen zu greifen. Um Preußen zum Losschlagen zu bestimmen, ließ er sich sogar herbei seinen Todfeind Hardenberg aufzusuchen, in der Hoffnung, auf dessen Entschließungen einen Einfluß [531] äußern zu können. Aber seine Hoffnung auf ein sofortiges Losschlagen ward nicht erfüllt, er mußte warten. Als des Königs Aufruf ergangen war, bot er seine Dienste an; seine Mitstände schlugen ihn zum Brigadier der kurmärkischen Landwehr vor und der König bestätigte ihn als solchen. Seine Brigade bestand aus 4 Bataillonen und 4 Schwadronen; sie gehörte zur Division des Generals von Puttlitz. Schon vor dem Waffenstillstande bestand seine Kavallerie vor Wittenberg, welches M. einschließen sollte, ein glückliches Gefecht mit polnischen Ulanen. Während die Waffen ruhten, ließ er es sich angelegen sein, seine Landwehrleute zu Feldsoldaten auszubilden. Dabei offenbarte sich sein praktischer Sinn. So sehr er sonst z. B. die Reitkunst pflegte, wofür seine klassisch zu nennende Schrift „Die Zäumung mit der Kandare“, Berlin 1852, zeugt, so verzichtete er doch darauf, seine Kavalleristen zu geschulten Reitern zu machen; er trachtete nur danach, die Begabung, welche sie mitbrachten, für ihren augenblicklichen Zweck zu verwenden. Bald nach Wiederbeginn der Feindseligkeiten fand am 27. August das Treffen bei Hagelberg statt; es war der Ehrentag der kurmärkischen Landwehr; M. hat eine gelungene Darstellung desselben veröffentlicht („Beschreibung des Treffens“ etc., Berlin 1817). Eine andere sehr gelungene Unternehmung, welche M. mit seinem Kavallerieregimente ausführte, war die Ueberrumpelung von Braunschweig am 25. September, von wo er zahlreiche Gefangene und reiche Beute zurückbrachte. Dann half er Magdeburg einschließen und darauf Wesel blokiren; erst Mitte Mai zog er in letztere Festung ein. – Im Feldzuge von 1815 kommandirte er eine Brigade der Reserve-Kavallerie des III. Armeekorps, mit welcher er bei Ligny, Wavre und Namur focht; über seine persönlichen Erlebnisse während der von ihm mitgemachten Kriege geben besondere Abschnitte seiner nachgelassenen Papiere eingehende Auskunft. – Nach Herstellung des Friedens blieb er im Dienst; des leidigen Geldes wegen, sagt er selbst, sein Gut und seine gesammten pecuniären Verhältnisse hatten durch den Krieg unsäglich gelitten und er mochte das Gehalt nicht entbehren. Die Lage der Stabsquartiere der Kavallerie-Brigade, deren Kommando er erhielt, zuerst Crossen, dann Frankfurt, gestattete ihm neben den Dienstgeschäften zugleich seine eigenen zu besorgen; an den ständischen Angelegenheiten nahm er fortwährend lebhaften Antheil, stets auf dem von ihm für richtig gehaltenen Standpunkte zähen Festhaltens an dem Alten verharrend. Diese Ansichten vertrat er auch im Staatsrathe, dessen Mitglied er war. 1817 wurde er General. Als er zur Beförderung zum Divisions-Kommandeur aufgerückt war und in dieser Stellung nach Breslau hätte übersiedeln müssen, verließ er definitiv den Dienst und lebte in seinen letzten Jahren zurückgezogen in Friedersdorf, wo er am 6. December 1837 starb. In den Civilstaatsdienst zu treten, lehnte er wiederholt ab. – Marwitz’s Persönlichkeit und sein Charakter sind durch seinen Lebensgang gekennzeichnet; daß er ein Mann war, welcher Vielen nicht gefallen mußte, ist selbstverständlich; die Urtheile über ihn sind daher sehr verschieden. Der spätere General von Röder nennt ihn 1807 in seinen als Manuskript gedruckten Memoiren einen ungewöhnlichen Menschen und Soldaten, kräftig an Leib und Seele, ritterlich, voll Verstand und Scharfblick, geistreich, lebendig, mit gründlichen Kenntnissen ausgestattet, einen wahren Christen. Wenn ein Mensch wie Varnhagen ihn roh, stolz, geizig, verhaßt und gemieden nennt, so hat das natürlich sehr geringen Werth, nachdem dieser sich durch seine Tagebücher selbst gerichtet hat.

Aus dem Nachlaß Fr. Aug. Ludwig’s von der Marwitz, Berlin 1852, 1. Band, Lebensbeschreibung, 2. Band, Militärische und politische Aufsätze. – Th. Fontane, Wanderungen durch die Mark Brandenburg, 2. Theil, Berlin 1863: Das Oderland, Barnim, Lebus.