ADB:Kotzebue, August von

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Artikel „Kotzebue, A. v.“ von Ludwig Geiger in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 16 (1882), S. 772–780, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kotzebue,_August_von&oldid=2492740 (Version vom 20. September 2018, 14:22 Uhr UTC)
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Kotzebue, Otto von
Band 16 (1882), S. 772–780 (Quelle).
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Kotzebue: A. v. K., geb. am 3. Mai 1761 in Weimar, wo sein Vater, der sehr früh starb, Legationsrath war. Seine Kindheits- und Jugendgeschichte, sein inniges Zusammenleben mit der Mutter, seine früherwachte Neigung zum Theater und die Befriedigung derselben hat er anmuthig, wenn auch nicht ohne Großsprecherei in seiner Selbstbiographie (Wien 1811, von Goedeke als untergeschoben erklärt), die für die späteren Perioden richtiger als Reisetagebuch oder Notizensammlung bezeichnet werden könnte, geschildert. Er studirte in Jena, dann in Duisburg, wo er sich wiederum mit dem Theater beschäftigte und die schriftstellerischen Liebhabereien aus der Kinderzeit fortsetzte und ausbildete. 1781 kam er als Secretär des Generalgouverneurs v. Bauer, der die Leitung der Theater unter sich hatte, nach Petersburg, 1783 ward er Oberappellationsassessor, 1785 Präsident des Gouvernementsmagistrats, und bekleidete diese Stelle mehrere Jahre, die amtliche Thätigkeit freilich durch viele Reisen und zahlreiche schriftstellerische Arbeiten unterbrechend. In einem (ungedruckten) Briefe an Bertuch 1788 nennt er sich bescheiden „einen noch am Fuße des deutschen Parnasses Umherirrenden“ und nimmt dankbar den Antrag des Weimarer Verlegers an, für das „Journal des Luxus und der Moden“ mitzuarbeiten. Durch Romane, Dramen, Pasquille bekannt geworden, suchte er durch zahllose Schriften seinen Ruhm zu erhöhen, zog sich 1795 ins Privatleben zurück und vertauschte erst 1798 seine Zurückgezogenheit mit den Unruhen einer öffentlichen Stellung als Theaterdichter in Wien, einer Stellung, die er indessen sehr bald wieder aufgab („Mein Aufenthalt in Wien und meine erbetene Dienstentlassung“, Wien 1800). Da er auch sonst in Deutschland die gewünschte Anerkennung nicht fand, so ging er nach Rußland zurück, wurde aber, aus bisher unaufgeklärten Ursachen, verhaftet, nach Sibirien gebracht, und, wie man sagt, wegen seines Stücks „Peter III. und der Leibkutscher“, in welchem er eine edelmüthige Handlung des Czaren erzählt, befreit. Ueber diese Gefangenschaft, den Fluchtversuch, die Wiedereinbringung, das Leben in Sibirien, handelt eine andere autobiographische Schrift: „Das merkwürdigste Jahr meines Lebens“, 2 Bde., Berlin 1801, lebendig und frisch geschrieben, aber voll Selbstlob, Coquettiren mit seinen Gefühlen, Einmischung mystischer Geschichten und Hervorhebung politischer Anschauungen. In einem großen Anhange: „Mémoires secrets sur la Russie“ rühmt er sich seiner antirevolutionären, monarchischen Gesinnung, die er ähnlich in dem Lustspiel: „Der weibliche Jakobiner“ (1790), [773] in dem Buche vom Adel (1792) und in einem der Kaiserin Katharina überreichten Plane zur Begründung der Universität Dorpat (1795) ausgesprochen hatte. Als Belohnung für die ausgestandene Angst erhielt er die Stelle eines Theaterdirectors in Petersburg, hatte aber seitens der Censur viele Quälereien zu bestehen, indem alles, was sich auf Rußland, Vaterland, französische Aufklärung, Republik bezog, geändert werden mußte oder rücksichtslos gestrichen wurde; selbst in dem römischen Trauerspiele „Octavia“ durften die Worte: „Stirb als freier Römer“ nicht stehen bleiben; ähnlich, wie man ihm früher in Wien in dem Stücke „Die Versöhnung“ die Worte des Schusters: „Ich will nach Rußland, dort soll es brav kalt sein“ in den Satz: „Ich will nach Rußland, dort wohnen lauter ehrliche Leute“ geändert hatte. Nach dem Tode Pauls I. verließ K. Rußland, ging nach Weimar, glaubte durch eine Bekränzung von Schiller’s Büste Goethe zu kränken, wurde aber an der Ausführung seines tollen und vergeblichen Versuchs gehindert und als Meister Firlefanz in einer lustigen Posse der Charlotte v. Schiller: „Der verunglückte 5. März, ein Schwank“, gehöhnt. Darüber ergrimmt, trat er noch heftiger als früher gegen Goethe auf, besonders in der im Verein mit Garlieb Merkel zu Berlin, wo er kurze Zeit lebte, herausgegebenen Zeitschrift: „Der Freimüthige“. Seinen Berliner Aufenthalt unterbrach er durch Reisen, über welche er öffentlich Bericht erstattete: „Erinnerungen aus Paris im J. 1804“, die zum ersten Male Feindschaft gegen Napoleon predigten, vielleicht veranlaßt durch die Nichtbeachtung des Dichters seitens der herrschenden französischen Kreise, und „Erinnerungen von einer Reise aus Liefland nach Rom und Neapel“, Berlin 1805, die eine öffentliche Beleuchtung durch den Maler Müller erhielt. Der Haß gegen Napoleon wurde von ihm, dem nach Preußens Fall wieder in Rußland weilenden, in seinen Zeitschriften „Die Biene“ (1808–14), dann „Die Grille“ (Königsberg 1810 bis 1812), später in den „Politischen Flugblättern“ (Bd. I. Königsberg 1814) geschürt, als Lohn dafür erhielt er die Stelle eines russischen Staatsraths, und schrieb im Sinne der Alliirten in seinem „Russisch-deutschen Volksblatt“. Nach dem Untergange Napoleons wurde er zum russischen Generalconsul in Preußen ernannt, lebte in Königsberg und beschäftigte sich vielfach mit historischen Studien, als deren Frucht eine dem jetzigen Stande der Forschung wenig entsprechende „Geschichte des Deutschen Reichs von dessen Ursprunge bis zu dessen Untergange“, 1814, 1815, 2 Bde., erschien. Einige Jahre vorher, 1809, hatte er ein Werk „Preußens ältere Geschichte“ herausgegeben, das von Friedrich Wilhelm III. gern angenommen und von Joh. v. Müller und Schlözer ungemein gepriesen worden war. Im J. 1817 zog er wieder nach seiner Vaterstadt Weimar, wo er sein letztes journalistisches Unternehmen, das „Litterarische Wochenblatt“ (2 Bde. 1818–19) herausgab. Ueber die Tendenz dieser Zeitschrift spricht er sich in einem ungedruckten Briefe an Bertuch (Liebenstein, 27. Juli 1817) folgendermaßen aus: „Einen allgemeinen Titel betreffend, so schlage ich vor: Pudenda oder pudenda nostri temporis oder Archiv der Thorheiten unserer Zeit oder auch einen der von Ihnen vorgeschlagenen. Ich überlasse es ganz Ihrer reiferen Erfahrung und Einsicht. Die Vorrede brauchte meines Erachtens weiter nicht von erweiterten Plänen zu erwähnen, auch bin ich hier so entsetzlich confus, daß ich keine vernünftige Zeile machen kann. Gern will ich Ihnen meine schwache Hand zur Züchtigung von allerlei Albernheiten bieten; nur muß ich leider Mysticismus ausschließen, da ich doch einmal als Verfasser verrathen werden und dadurch (Sie errathen wohl warum) sehr übel anlaufen könnte. Aus eben der Ursache müßte ich mir dergleichen Aufsätze, selbst von fremder Hand verbitten, da ich sie doch immer würde ausbaden müssen. Indessen werden uns corpora delicti genug übrig bleiben“ .... Doch [774] die Zeitschrift entsprach diesem vorläufigen Programm nur wenig. Was sie als Thorheiten bezeichnete, das betrachtete die Jugend als ehrwürdig und ideal. K. hatte früher für politische Freiheit und wol auch Gleichheit gesprochen; nun bekannte er seine Umkehr. „So ist unsere jetzige Ueberzeugung entstanden“, schreibt er, „daß die Demokratieen nur einzelne Städte beglücken, daß die Monarchie die beste und natürlichste Regierungsform ist, daß Stände allerdings dem Fürsten wie dem Volke sehr nützlich sein können, daß sie aber nicht eine Art Opposition gegen den Fürsten bilden, sondern nur des Hauses biedere Söhne sein sollen, die dem Vater freundlich rathen, nicht ihm vorschreiben dürfen und endlich, daß unbedingte Preßfreiheit zwar viel nützt, aber noch mehr schadet“. K. bespöttelte den Zeitgeist, declamirte gegen das Turnwesen, wüthete gegen die akademische Freiheit und denuncirte sie offen als Quelle gegenwärtigen und künftigen Uebels. Wegen solcher und ähnlicher Ansichten wurde K. zwar von Einzelnen, Metternich und Gentz, gelobt, von der Jugend aber getadelt und bitter gehaßt. Zur Verstärkung dieses Hasses trug die vielverbreitete Meinung bei, daß er ein russischer Spion sei. Er hatte nämlich (Ende 1816) den Auftrag erhalten, dem Kaiser „monatliche Berichte zu erstatten von allen neuen Ideen, welche über Politik, Statistik, Finanzen, Kriegskunst, öffentlichen Unterricht etc. in Deutschland und Frankreich in Umlauf kommen“ und war diesem Auftrag nachgekommen. Diese Bulletins sind selbstverständlich nicht bekannt, nur der Auszug eines derselben (Ende 1817) kam durch einen gewissenlosen Abschreiber in Luden’s Hände und wurde von ihm und, nach Vernichtung der betreffenden Nummer der „Nemesis“, von Oken in der „Isis“ abgedruckt. Doch enthalten auch diese Fragmente durchaus nichts Stärkeres gegen Persönlichkeiten und gegen Ansichten, als was in jeder Nummer des Litterarischen Wochenblattes ähnlich zu lesen war. Unter den Ereignissen, welche in dem „Wochenblatt“ mit besonderer Derbheit und beißender Ironie behandelt wurden, ist das Wartburgfest zu nennen, auf welchem K. und seine Gesinnungsgenossen übel genug behandelt, auf dem auch einzelne seiner Schriften verbrannt worden waren. Unter den Mitfeiernden befand sich auch der Student der Theologie, Karl Ludwig Sand aus Wunsiedel, der in einem zum Feste bestimmten Aufsatz: „Zum 18. des Herbstmonats, im Jahre nach Christi 1817, auf der Wartburg“, die Begründung eines allgemeinen Bundes mit der Devise: „Tugend, Wissenschaft, Vaterland“ warm empfohlen, zugleich aber, um dem Bunde die Mühe des Strafens abzunehmen, dem Einzelnen gerathen hatte, „jedwedem Unreinen, Unedlen, Schlechten und wer nur immer seinen deutschen Namen entehrt auf seine eigene Faust nach seiner eigenen hohen Freiheit zum offenen Kampfe entgegenzutreten“. Ob Sand schon damals sich K. als Opfer ausersehen hatte, ist zweifelhaft; sicher ist, daß er durch die Lectüre des Wochenblatts in sich die Ueberzeugung ausbildete, K. sei ein so schlimmer und gefährlicher Gegner der deutschen Freiheit, daß er sterben müßte. Am 23. März 1819 tödtete er K. in Mannheim. Damals fand diese That nicht blos bei jungen Leuten, sondern auch bei reifen und ernsten Männern unbedingte Anerkennung – soll doch der Theologe de Wette der Mutter Sand’s Glück gewünscht haben, daß sie einen solchen Sohn geboren. Die freiheitlich Gesinnten hofften, daß durch diesen Tod die Reaction erschreckt, aufgehalten, vernichtet würde, sie merkten bald zu ihrem eigenen Schaden, daß im Gegentheil erst durch diesen Mord die Regierungen auf die von K. verdammten Bestrebungen hingewiesen wurden, daß sie die That des einzelnen Phantasten, der, mochte er auch Bewunderer haben, doch keine Nachahmer fand, als Aeußerung einer großen Partei betrachteten und in rücksichtslosester Weise, weit schlimmer als K. es je gerathen haben würde, die Jünglinge verfolgte, welche in K. ihren ärgsten Feind gemordet zu haben wähnten.

[775] K. war kein schlechter Mensch; er war zwar eitel, unklug, verletzte gerne mit seinem Witz, aber er war der besten Neigungen fähig, musterhaft in seinem häuslichen Leben, ein treuer Freund, von einem wahren Drange, anderen wohlzuthun erfüllt. Die reactionären Bestrebungen fanden an ihm einen Beschützer, aber gewiß keinen bestochenen und unredlichen, und wenn man auch die Art verdammt, in der er den freiheitsfeindlichen Bestrebungen seiner Auftraggeber diente, so muß man ihm die Vortrefflichkeit seiner patriotisch-publicistischen Thätigkeit zum Verdienste anrechnen, die er schon zu einer Zeit übte, in der gar Manche, die später aus Freiheit und Patriotismus ein Geschäft machten, sich furchtsam versteckt hielten. Außer den Zeitschriften, den historischen Arbeiten und den Beiträgen zu seiner Selbstbiographie, die im obigen bereits gewürdigt sind, hat K. sehr viel geschrieben, Goedeke zählt im Grundriß nicht weniger als 256 Nummern auf. Unter diesen haben die polemischen Schriften den meisten Tadel erfahren. Die erste: „Dr. Bahrdt mit der eisernen Stirn oder die deutsche Union gegen Zimmermann, ein Schauspiel in vier Aufzügen von Freiherrn v. Knigge“, 1790, verdient denselben. Es war ein Bubenstreich, den Namen eines Fremden zu mißbrauchen, und die Art, wie hier gegen Bahrdt aufgetreten wird, der allerdings seines Schwindelgeistes wegen eine Zurechtweisung verdiente, ist gemein. Die Schimpfwörter, welche von den zur Union Versammelten gegen Zimmermann gebraucht werden, übersteigen alles Maß; der Ort, auf dem die Endkatastrophe vor sich geht, ist ein unnennbarer (übrigens vielleicht nur eine Nachahmung einer Stelle aus Murners: Vom großen lutherischen Narren); und selbst die ernsten Stellen, z. B. die, wo Luther erscheint und den Versammelten zuruft: „Ehre sei Zimmermann in Hannover! Friede unter euch Neidhämmeln und allen guten Menschen ein Wohlgefallen“, oder der gereimte Epilog, in welchem der Verfasser seine Herzensmeinung gegen die Aufklärer kundgibt, sind plump. – Dagegen sind die beiden anderen polemischen Schriften zwar derb, aber witzig und treffen die Gegner an verwundbaren Stellen. Bei der jetzt ziemlich allgemeinen Ueberschätzung der romantischen Schule ist man zwar geneigt, Kotzebue’s Auftreten gegen die Brüder Schlegel zu verdammen; trotzdem halte ich Kotzebue’s „Der hyperboräische Esel oder die heutige Bildung, ein classisches Drama oder philosophisches Lustspiel für Jünglinge“, 1799, für eine höchst gelungene Satire und Schlegel’s Antwort: „Ehrenpforte und Triumphbogen für den Theaterpräsidenten v. K.“, 1801, trotz einiger hübscher Verse für ein kunst- und witzloses Machwerk. K. versucht in einem kleinen Familiendrama den inneren Werth eines wegen seiner äußeren Rauhheit verachteten, dagegen die innere Hohlheit eines wegen seiner zur Schau getragenen Bildung hochgehaltenen Sohnes darzustellen, dem ersteren die verdiente Belohnung, dem letzteren die gebührende Strafe zukommen zu lassen. Der Witz besteht nun darin, daß der gebildete Jüngling, ein herzloser Mensch, beständig in Schlegel’schen Phrasen spricht; die Aneinanderreihung zusammenhangloser und doch zusammen gehörig scheinender, hochtrabender und schwerverständlicher Stellen wirkt ungemein komisch. Nicht gegen die Brüder Schlegel allein, auch gegen den Satiriker Falk, die ungemessenen Goethebewunderer und gegen Goethe selbst sind die „Expectorationen, ein Kunstwerk und zugleich ein Vorspiel zum Alarkos“ (1803), eine derbe, aber von A. W. Schlegel verdiente Zurechtweisung, die trotz des versuchten Leugnens sicher von K. herrührt. Schlegel’s Liebedienerei gegen die Großen, seine unglaubliche Ueberhebung über die Kleineren wird recht lustig verspottet; Goethe, der stolz thronende Olympier, dem der Dichter seine verunglückten Weimarer Versuche schuld gab, muß sich manchen Hieb gefallen lassen; ihm werden Orakelsprüche über Poesie und Litteratur in den Mund gelegt; zuletzt schläft er ein, Schlegel schreibt die Melodie seines Schnarchens nach, um [776] sie als Musik der Musik zu verkünden, der kleine Falk aber nimmt den Augenblick wahr, über entsetzlich viel Dinge entsetzlich viel zu reden. Solche meist satirisch-polemische Anspielungen kommen auch in sehr vielen anderen Stellen seiner Lustspiele vor. Namentlich häufig ist die Erwähnung Schillers und Wieland’s, die Bewunderung des letzteren z. B. in „Der arme Poet“; gegen die Schicksalsdichter wird in „U. A. w. g.“, gegen Ewald und Frau La Roche in „Die Freimaurer“, gegen Schlegel und Vulpius in „Die deutschen Kleinstädter“ polemisirt; in dem Stücke „Der Besuch“ heißt es einmal über und gegen die Propyläen: „Das müssen Sie kennen lernen! Das sind die Vorhöfe des Tempels! Die gemeinsten Dinge werden darin auf eine neue Art, in einer neuen Sprache vorgetragen“. (Vgl. Schiller an Goethe, 5. Mai 1800.) Indessen mit diesen gelegentlichen Anspielungen begnügt sich der Dichter nicht; er benutzt vielmehr seine Comödien, um ausführlich seine Meinung über gewisse Vorgänge der Zeit zu sagen. Von einer seine politische Ansicht bekundenden war oben die Rede, drei andere mögen hier als charakteristische Beispiele hervorgehoben werden. „Der Freimaurer“ verspottet in allerliebster Weise die Neugier eines alten Grafen und seiner Nichte, hinter die Geheimnisse der Freimaurerei zu kommen; der erstere hat ein Vorderhaus gemiethet, in dessen Hinterhaus die Logenversammlungen abgehalten werden und will dieselben belauschen, die letztere will dem Baron nur unter der Bedingung die Hand reichen, daß sie von ihm Aufschluß über die Geheimnisse erhält, beide aber werden trotz ihrer vielfältigen Versuche in ihren Erwartungen getäuscht und zuletzt in ernsten würdigen Versen belehrt. „Die Organe des Gehirns“ sind eine trotz gewisser Derbheiten anmuthige Verspottung der Gall’schen Schädellehre, namentlich in der Person eines Alten, der durch diese Passion sein Vermögen verliert, als einziges Besitzthum eine Sammlung Schädel behält und trotz seines, wie er meint, untrüglichen Mittels, die Menschen zu erkennen, in die gröbsten Irrthümer verfällt. Endlich geben „Die deutschen Kleinstädter“ eine so durchaus gelungene Verspottung des deutschen Kleinstädterthums, der Titelsucht, der lächerlichen Aeußerlichkeiten, der Kleinlichkeit in Gesinnung und Reden, zugleich eine so hübsch und witzig durchgeführte Intrigue, wie ein Liebespaar – der Mann wird zuerst wegen einer entfernten Aehnlichkeit für den König gehalten, dann aber, weil er titellos ist und die Titel Anderer nicht respectirt, verachtet – vermöge einer nächtlichen Zusammenkunft trotz des anfänglichen Geschreis der Basen, der Ortsobrigkeit und des getäuschten Nebenbuhlers vereinigt wird, daß nicht nur das hier geschilderte Krähwinkel noch heute als Typus jener engen Verhältnisse gilt, sondern das Stück selbst als ein in seiner Art geniales Zeitbild betrachtet werden kann. In den meisten seiner Lustspiele jedoch verzichtet K. auf die satirische Tendenz und begnügt sich mit der einfachen erheiternden, komischen Wirkung. Als Beispiele für diese ungemein zahlreiche Gattung mögen folgende gelten. „Der gerade Weg ist der beste“: Bewerbung zweier sehr verschieden gearteten Candidaten, um die erledigte Pfarrerstelle und Triumph des unredliche Mittel Verschmähenden. „Schneider Fips“: der Sieg zweier Liebenden über einen thörichten, nach später Liebesneigung verlangenden Vormund, eine lustige Wand-Vexir-Comödie voll Laune und Muthwillen. „Der häusliche Zwist“: Wiedervereinigung zweier Gatten, die, über Verwendung einer ersparten Summe in Streit gerathen, aber trotz der Einflüsterungen eines unruhstiftenden Nachbars bald ihre zärtliche Neigung erkennen. „Die Zerstreuten“: Versöhnung und durch ihre Kinder herbeigeführte Verschwägerung zweier Kameraden, die ungeachtet ihrer Charakterverschiedenheit – der eine ist bettelstolz, der andere hochfahrend und aufbrausend – einander unentbehrlich sind und, nachdem sie einen kurzen Versuch gemacht, sich zu trennen, in Folge ihrer Zerstreutheit wieder zusammengeführt, [777] sich dauernd vereinigen. „U. A. w. g. oder die Einladung“: die Verheirathung einer Amtmannstochter mit einem Lieutenant, gegen den Willen des Vaters und doch durch Vermittelung desselben, nachdem er durch List dazu gebracht worden, seinen eigenen Ausspruch: „sie könne ihn heirathen, wenn er die Tochter selbst bei Nacht und Nebel in die Wohnung des Lieutenants führe, nachdem er vorher öffentlich bekannt gemacht, daß er sie verheirathen wolle“, wahr zu machen. „Pagenstreiche“: eine Sammlung toller Geschichten eines ausgelassenen, aber immer liebenswürdigen Pagen, der in alle drei Töchter seines Onkels verliebt, einen beständigen Kampf mit dem Onkel, der schreckhaften Tante, den drei Mädchen durchzukämpfen hat, deren jede ihn besitzen oder wenigstens durch seine Unterstützung den aufgedrungenen Bräutigam loswerden will, eines Pagen, der oft hinausgeworfen und immer wieder obenauf, ein Bild harmloser Frische und Lebensfreude ist. Im Gegensatze zu diesen von Sittenlosigkeit völlig freien Stücken gibt es nun freilich eine ziemliche Zahl solcher, in denen einzelnes Unsittliche mit unterläuft oder die durchaus frivol sind. Als charakteristische Beispiele dieser Gattung mögen „Der Rehbock“, „die beiden Klingsberge“ gelten (W. v. Kotzebue nennt 5 Stücke mit unmoralischer Tendenz, 163 moralische und 48, „in denen Zweideutigkeiten, gewagte Situationen oder einzelne mit der Moral in Widerspruch stehende Scenen und liebenswürdig dargestellt, verwerfliche Charaktere vorkommen“; eine Eintheilung, auf die ich weiter keine Rücksicht nehme). In dem „Rehbock“ – das Stück hat seinen Namen von einem durch einen Pächter geschossenen Rehbock – treibt die Unsittlichkeit ein ziemlich freches Spiel: Männer in Frauenkleidern und Weiber in Männerkleidern treten auf und ergeben sich einander in freier Liebe, Ehen werden gebrochen und lose Verhältnisse schnell geknüpft, selbst Bruder und Schwester werden in nichts weniger als geschwisterlichen Verkehr mit einander gebracht. „Die beiden Klingsberge“ sind Vater und Sohn, ein alter und ein junger Wüstling, die nicht genug Liebesabenteuer haben können, sich beim Aufsuchen und Durchführen derselben beständig in die Quere kommen, trotz dieser Störungen aber eine innere Freude an ihrem gleichartigen Thun empfinden. Ihre gemeinsamen Bewerbungen um Amalie schlagen fehl, denn diese ist bereits mit einem Offizier v. Stein verheirathet, die leichtsinnigen Anträge, die sie der Henriette machen, haben keinen Erfolg, denn diese, die Schwester jenes Offiziers, bleibt tugendhaft, der junge Graf muß sich mit dem Offizier schlagen, erkennt sein Unrecht und heirathet Henriette, für die er mehr als eine flüchtige Neigung empfindet, der Alte verharrt zwar bei seinen leichtfertigen Anschauungen, merkt aber doch, daß die Zeit seiner leichten Erfolge und unverlierbaren Siege vorüber ist. Die rasche Bekehrung, wie sie hier bei dem jungen Klingsberg angenommen wird, unpsychologisch, wenn auch dramatisch höchst wirksam, tritt häufig bei K. ein, vornehmlich in seinen Rührstücken. Unter diesen Rührstücken ist eines der bemerkenswerthesten das sehr weinselige „Der arme Poet“, in welchem Lorenz Kindlein, das seitdem unzählige Male nachgeahmte Muster der armen Schreiber und Poeten, der, von seiner Frau, der Tochter eines reichen Pflanzers in Surinam, gewaltsam getrennt, in Folge seiner Gutmüthigkeit und unpraktischen Lebensanschauung seine Aemter verliert, in größter Dürftigkeit seine Tage hinbringt, bis er nach mancherlei seltsamen Zufällen in einem jungen Mädchen, das ein Gelegenheitsgedicht bei ihm bestellt, seine Tochter erkennt und durch dieses Wiederfinden sein und der Seinen Glück begründet. Mit diesen Rührstücken, in denen die Motivirung schwach ist, der Schlußeffekt oft in künstlicher, dem natürlichen Verlauf widersprechender Weise herbeigeführt wird, und die unwürdige Speculation auf die Thränendrüsen der Zuschauer nur zu offenbar hervortritt, hängen die naiv-sentimentalen eng zusammen, deren Heldinnen durch ihre Mischung von Schlüpfrigkeit [778] und schwärmerischer Jungfräulichkeit die Ideale aller jungen und alten Mädchen wurden: Kora in der Sonnenjungfrau, Gurli in den Indianern von England, Stücke, die so beliebt waren, daß K. sich veranlaßt sah, beiden Fortsetzungen zu geben, um der Begierde des Publicums zu genügen. Das Hauptstück dieser ganzen Richtung, eines der wirksamsten unter allen Kotzebue’schen Dramen und gewiß keines der schlechtesten ist das 1789 zuerst erschienene „Menschenhaß und Reue“, das eine ziemlich große Litteratur hervorrief. K. bearbeitete es aufs neue 1819, nachdem er ihm schon 1792 unter dem Titel: „Die edle Lüge“, eine Fortsetzung gegeben hatte; andere Fortsetzungen erschienen von Fr. Ziegler, Soden, Mosengeil, eine Parodie unter dem Titel: „Eitelkeit, Dein Name ist Poet oder der travestirte Menschenhaß und Reue, eine Posse zur Verdauung in 3 Acten“, von Bittermann. Eulalia und Meinau, die Helden des Stücks, sind weltbekannte Figuren geworden. Das Stück ist nicht so ungesund, wie man gewöhnlich annimmt, die Schuldigen büßen durch ein langes qualvolles Leben ihre Vergehen, der Mann seine Vertrauensseligkeit, durch welche er unbewußt der Tugend seines Weibes Fallstricke legt, das Weib seine ein einziges Mal bewiesene, aber freilich zunächst unverzeihliche Schwäche; durch ein solches reuevolles, thätiges Leben – denn eben durch Wohlthaten, die sie, die Gequälten, Anderen erweisen, suchen sie die rauhe Stimme ihres Gewissens zum Schweigen zu bringen – und durch die stets wache Erinnerung an ihre gemeinschaftlich verlebte glückliche Vergangenheit erkaufen sie sich das Recht, wieder ruhig, wenn nicht glücklich zu werden. Eulalia wird von einem Offizier, den ihr Mann, Herr v. Meinau, beim Antritt einer längeren Reise als seinen intimen Freund ins Haus bringt, verführt, entflieht, nachdem das von ihr nur halb gebilligte Verbrechen begangen, aus Scham und Ekel, verbirgt sich bei einer Gräfin Wintersee, von deren Edelsinn sie gehört und der sie ihr Geheimniß mittheilt, widersteht allen wohlgemeinten Liebesanträgen und lebt unter dem Namen Madame Müller in den Diensten jener Gräfin, in einer stillen, geräuschlosen, der Pflicht und wahrhaften Liebesdiensten geweihten Thätigkeit. Zufällig kommt Meinau in dieselbe Gegend, lebt als Einsiedler, sich laut als Menschenhasser bekundend, in der Stille aber Wohlthaten übend, wobei er auf Schritt und Tritt den Namen seiner Concurrentin im Erweisen guter Handlungen hört, rettet dem Grafen das Leben, kommt, da er sich den wiederholten dankbaren Aufforderungen nicht entziehen kann, ins Schloß, erkennt bei seinem ersten Besuche sein Weib, die, sobald sie ihn sieht, ohnmächtig wird, will sich aber nicht bewegen lassen, sie wieder aufzunehmen. Auch von Seiten der Frau etwas weit getriebenes edelmüthiges Sträuben, endlich entscheiden die herbeigeholten Kinder, die vom Vater zur Mutter und von dieser zu jenem laufen, das Schwanken und Zerren und vereinigen die äußerlich Getrennten, die freilich nicht erst seitdem sie sich wiedergefunden, innerlich mit einander verbunden waren. In dieser Vereinigung ist nichts Widerliches, da die Frau nicht aus Sinnenlust oder Leidenschaft zu einem Anderen, sondern aus augenblicklicher Schwäche gefehlt hat und der Mann, aus einem zuweit getriebenen Vertrauen zum Freunde und zur Frau, seinen Theil Schuld an dem Vergehen hat, beide aber, nach langjähriger Buße in dem Pflichtgefühl, mit ihren Kindern und für dieselben zu leben, sich zusammenfinden. Das Stück ist übrigens auch sonst außerordentlich wirksam; der dumme Peter, der Typus eines einfältigen Bedienten, der Haushofmeister, der Correspondenzen mit aller Welt führt und seinen Ehrgeiz darein setzt, über Alles unterrichtet zu sein, sind trefflich erfundene und ausgeführte Figuren. Auch von Kotzebue’s ernsten Schauspielen sollte man mit größerem Respect reden, als man gewöhnlich thut. Mag „Oktavia“ oder „Johanna v. Montfaucon“ der Verdammung preisgegeben werden, ein Stück, wie „Die [779] Kreuzfahrer“, ein Schauspiel, in dem manches Tragische ausgesprochen und dargestellt wird, verdient nicht die leichte Abfertigung, daß es eine Nachahmung von Lessings Nathan sei. Es ist die Geschichte des Balduin v. Eichenhorst und der Emma v. Falkenstein, welche, da sie lange nichts von dem Geliebten vernommen, ihm nach dem heiligen Lande, wo er gefangen ist, nachreist, in ein Kloster geht, da sie die falsche Nachricht von seinem Tode hört, und in diesem Kloster bald unter der Liebe, bald unter dem Hasse der Aebtissin Adelheid v. Nordeck, der ehemaligen Geliebten ihres Vaters, zu leiden hat. Balduin ist nicht todt, nach seiner Befreiung übt er heldenhafte Thaten, befreit die Tochter des Emirs und wird als Verwundeter in eben das Kloster gebracht, in welchem Emma weilt. Sie wollen entfliehen, werden zurückgebracht, Emma soll eingemauert werden, da wird sie durch den Emir befreit, ihr Klostergelübde durch den Bischof gelöst, sie selbst dem Geliebten angetraut. Das Stück ist mit einer höchst beachtenswerthen Geschicklichkeit gemacht: der Leser oder Hörer kommt aus der Aufregung nicht heraus, die spannendsten, manchmal etwas peinlichen, niemals aber unmöglichen Situationen drängen einander, die Sprache, zwar Prosa, aber doch derart, daß man sich unwillkürlich zum Skandiren veranlaßt sieht, ist durch und durch poetisch, die Charaktere der Emma und Balduins sind großartig angelegt und durchgeführt. Beide sind Helden der Liebe, das Weib aber übt seine Kraft im Leiden, Dulden, der Entsagung, der Mann bewährt sie in vielseitiger Thätigkeit, die der Menschheit geweiht scheint und doch nur der Einen gilt. Beide stellen die Liebe über den Glauben. Es gereicht K. gewiß nicht zur Unehre, Worte, wie die folgenden, seinem Helden in den Mund gelegt zu haben: „Dein Wahnsinn, Mensch, erzeugt den starken Glauben, die stärkere Liebe kam von Gott! Denn was des Glaubens Wuth zerreißt, das knüpft die Liebe still geschäftig immer neu. Ferne Länder betritt der Glaube mit gezücktem Schwert, an der Grenze harrt die Liebe, ihm die Waffen zu entreißen. Auf tausend Irrwegen sucht der Glaube die Spur zum Himmel, auf einem Pfade führt die Liebe die Völker zusammen“. Kotzebue’s Romane, „Die Leiden der ortenbergischen Familie“, 2 Bde., Leipz. 1767, und „Leontine“, 2 Bde., Riga 1808, bedeuten wenig; sie sind höchstens charakteristisch für die Vermischung dreier Arten, die er in seinen Dramen geschickt von einander zu trennen weiß, der rührenden, der ritterlich-romantischen und der unsittlichen. Wegen der stark hervortretenden Unsittlichkeit werden diese Romane jetzt mit Recht getadelt; daß der Geschmack in dieser Beziehung wechselt, lehrt die Thatsache, daß der eine der Romane 1791 von der Jenaer Litteratur-Zeitung gerühmt wurde als ein sehr moralisches, von einem sehr rechtschaffenen und tugendhaften Verfasser herrührendes Werk. Kotzebue’s Gedichte sind theilweise Volkslieder geworden, z. B. das schöne: „Es kann ja nicht immer so bleiben hier unter dem wechselnden Mond“, theilweise sind sie, wie das große Poem „Ausbruch der Verzweiflung“ charakteristischer Ausdruck für das Gähren und Treiben einer strebenden aber unreifen Jugend. Es ist eine stimmungsvolle Klage über die zweifelhaften Vorzüge des Menschen vor dem Thier, über seinen beständigen Kampf mit den Leidenschaften, über die Mühen der Jugend und die Plagen des Alters; zum Schlusse dann eine höchst energische Forderung an das Schicksal, dem Klagenden für seine Leiden Unsterblichkeit zu gewähren: „Soll ich nun noch Gnade betteln | Wo das Recht mir werden muß? | Nein, ich harre ungeduldig! | Denn vergeben mußt du mir, | Bist Unsterblichkeit mir schuldig. | Sieh’, ich fordre sie von dir“. – Die Lustspiele Kotzebue’s sind Legion. Sie haben ein sehr verschiedenes Schicksal gehabt; nach einer Periode gewaltiger Ueberschätzung sind sie nun schwerer Verdammung anheimgefallen. Thatsache ist und bleibt, daß sie Jahrzehnte lang sowol bei Lebzeiten des Autors, als auch nach seinem Tode [780] die deutschen Bühnen, die kleinsten wie die größten vollkommen beherrschten, daß sie lange Zeit die einzigen deutschen Theaterstücke waren, die auf fremden Bühnen Eingang fanden oder aber unter den gleichfalls in die Fremde verpflanzten weitaus die beliebtesten blieben; Thatsache ist ferner, daß einzelne Stücke sich bis heute dauernd auf dem Repertoire erhalten haben oder daß, sobald sie von einem beliebten Gaste wieder hervorgesucht werden, sie noch jetzt eine von Beifall begleitete Auferstehung feiern. (Eine Statistik aus dem Wiener Burgtheater 1867 lehrt, daß in 77 Jahren 104 Kotzebue’sche Stücke gespielt worden waren und 3650 Aufführungen erlebt, also die Theaterabende von mindestens 10 vollen Jahren ausgefüllt hatten.) Das letztere Factum beweist, wenn man nicht von vornherein die Verdammung der Kritiker und Aesthetiker für entscheidend und für mächtig genug hält, selbst dem lautesten Jubel des Publicums Schweigen zu gebieten, mindestens eine erstaunliche Lebensfähigkeit dieser Stücke. Aber es beweist noch mehr. K. ist kein Genie, auch nicht einmal ein dramatisches, aber er besitzt, wie wenige, das Geheimniß der „Mache“, die Fähigkeit, dankbare Rollen zu schreiben, Gewandtheit und Witz, die zur Unterhaltung genügen. Daher wird er das Publicum ergötzen, dem Schauspieler anbetungswürdig und dem Dichter wenigstens nachahmenswerth erscheinen. Letzteres umsomehr, als er, trotz der Unzahl seiner Stücke niemals langweilt. Freilich ist er nicht selten fade und platt, er streift meistens nur oberflächlich die Gegenstände, er studirt sie selten und erschöpft sie nie, aber gerade durch diese leichte wechselnde Manier wird er von einer erstaunlichen Vielseitigkeit und erwirbt sich das Verdienst, das Leben gewisser Kreise, namentlich der kleinbürgerlichen Gesellschaft vor etwa hundert Jahren in seiner ganzen Nichtigkeit und Erbärmlichkeit klarzulegen, aber auch seine guten Seiten mit Anmuth und Schalkhaftigkeit darzustellen und mit sanfter Rührung das Elend zu beklagen. In Geschicklichkeit der Intriguenführung, in Unerschöpflichkeit der Phantasie, wie Natürlichkeit des Humors ist ihm kaum einer der modernen Dramatiker gleichgekommen.

Bibliographische Zusammenstellung bei Goedeke, Gr. II. 1056–1065. Biographische Arbeiten von Cramer und Döring; unmittelbar nach Kotzebue’s Tode erschien A. v. Kotzebue’s Litterarisches und politisches Wirken, Tobolsk 1819 und manche andere Pamphlete für und wider, die zur Erkenntniß der Zeitstimmung wichtig, aber für das biographische Detail werthlos sind. Neu, nicht ohne Parteilichkeit, aber durch Mittheilung werthvoller bisher unbekannter Materialien ausgezeichnet ist das Buch von W. v. Kotzebue: A. v. Kotzebue, Urtheile der Zeitgenossen und der Gegenwart, Dresden 1881. Kotzebue’s Schriften, d. h. fast ausschließlich die dramatischen, sind oft gesammelt: die vollständigste Sammlung ist die des Theaters in 40 kleinen Bänden, die älteste „Gesammelte Schriften“, 4 Bde., Riga und Leipzig 1787–1791. Die neueste „Auswahl dramatischer Werke“, Leipzig 1867, 10 Bde.