ADB:Merkel, Garlieb

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Artikel „Merkel, Garlieb Helwig“ von Julius von Eckardt in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 21 (1885), S. 433–435, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Merkel,_Garlieb&oldid=- (Version vom 17. August 2019, 18:36 Uhr UTC)
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Merkel: Garlieb Helwig M. wurde am 19./31. Oct. 1769 zu Pastorat Loddiger in Livland geboren und von seinem Vater, einem in Straßburg zum Voltairianer gewordenen Landprediger, in den Grundsätzen der Aufklärungsphilosophie und des Rationalismus erzogen. Seit dem J. 1782 verwaist, verlebte der frühreife Knabe die entscheidenden Jahre seiner Bildung in einsamem Studium der von seinem Vater angesammelten Bücherschätze, die ihm umfassende Kenntniß der lateinischen, französischen, englischen und der älteren deutschen Litteratur, zugleich aber auch Einseitigkeit der Geistesrichtung und autodidactische Selbstüberschätzung eintrugen. Für regelmäßigen Schulunterricht durch die Eigenthümlichkeit dieses Bildungsganges verdorben, trat M. als siebzehnjähriger Jüngling für mehrere Jahre in eine Rigaer Regierungskanzlei, gab diese Stellung im J. 1788 indessen wieder auf, um die folgenden vier Jahre als Hauslehrer bei einem livländischen Landprediger zuzubringen, sich dann in Riga mit litterarischen und poetischen Versuchen zu beschäftigen und 1793 abermals eine Hauslehrerstellung auf dem Lande zu übernehmen. Von dem ihn umgebenden Elende der leibeigenen lettischen Landbevölkerung lebhaft ergriffen, schrieb er während der J. 1794 und 1795 in der Stille die Schrift: „Die Letten, vorzüglich in Livland am Ende des philosophischen Jahrhunderts“, in welcher er unter heftigen Angriffen gegen den deutschen Adel und die evangelische Geistlichkeit Livlands, die Aufhebung der Leibeigenschaft verlangte, die sehr viel dringendere Nothwendigkeit einer gesetzlichen Regelung der ökonomischen Lage des Landvolks aber fast vollständig übersah. Um diese schon wegen ihres sittlichen Pathos und wegen der Kühnheit ihrer Ausführungen bemerkenswerthe, in ihren Folgen höchst wirkungsvolle Schrift zu veröffentlichen, verließ M. im Frühjahr 1796 seine Heimath. Er trieb in Leipzig, später in Jena, anfangs medicinische, dann staats- und schönwissenschaftliche Studien und siedelte im J. 1797 nach Weimar über, wo er mit Böttiger, Herder und Wieland nähere Beziehungen anknüpfte und eine Abhandlung über „Hume’s und Rousseau’s Urvertrag“, sowie ein „Supplement“ zu den (bereits im J. 1796 erschienenen und wenig später zum zweiten Male aufgelegten) „Letten“ schrieb. Im Herbst 1797 nahm er die Stellung eines Secretärs des dänischen Finanzministers Grafen Schimmelmann in Kopenhagen an, legte dieselbe indessen schon nach wenigen Monaten nieder und kehrte im December 1797 nach Weimar zurück, wo er während der beiden folgenden Jahre blieb, um im Herbst 1799 nach Berlin zu gehen und sich, nachdem er zu Frankfurt a. d. O. den Doctorgrad erworben hatte, für die nächsten sieben Jahre dauernd in der Hauptstadt Preußens niederzulassen. Von Weimar her erklärter Parteigänger Wieland’s und Herder’s, durch Frau Herder in seiner Feindseligkeit gegen die „neue Schule“ und deren Hauptvertreter bestärkt, in Berlin mit Engel nahe befreundet und durch seine Beziehungen zu Böttiger und Kotzebue in deren Feindseligkeiten gegen Goethe und Schiller verwickelt, trat M. in seinen 1802 veröffentlichten „Briefen an ein Frauenzimmer über die neuesten Producte der schönen Littetatur in Deutschland“ zu den Heroen des classischen Idealismus und zu den im Aufstreben begriffenen Romantikern in einen Gegensatz, der auf seiner gesammten späteren Thätigkeit als unaustilgbarer Schatten gelegen hat. Den Schwerpunkt dieser Thätigkeit verlegte der Vorkämpfer der alten Schule indessen schon wenige Jahre später auf ein Gebiet, für welches er ungleich besser befähigt war, als für die ästhetische Kritik, [434] auf das politische. Nachdem er am 1. October 1802 die Redaction des wissenschaftlichen und kritischen Theils der Spener’schen Zeitung übernommen, begründete er im J. 1803 die Wochenschrift: „Ernst und Scherz“, die, im folgenden Jahre mit Kotzebue’s „Freymüthigem“ verbunden, bis zum October 1806 unter diesem Doppeltitel fortgesetzt und von M. zum Organ einer ebenso kühnen wie leidenschaftlichen Polemik gegen Napoleon und die Franzosen, ganz besonders aber gegen die deutschen Rheinbündler und Franzosenfreunde gemacht wurde. Der im J. 1805 mit Johannes von Müller verabredete Plan zu gemeinsamer Herausgabe eines patriotischen Tageblattes in Berlin scheiterte an der Unschlüssigkeit des Letzteren, M. aber setzte seine Mahnungen zu einer preußisch-deutschen Nationalerhebung in dem „nicht-politischen“ Theile des „Freymüthigen“ so energisch fort, daß er bereits zu Anfang des Jahres 1806 auf der französischen Proscriptionsliste stand und namentlich wegen seiner Aufsätze über die Erschießung Palms von den Anhängern der französischen Allianz heftig angefeindet wurde. – Nach der Schlacht bei Jena mußte er auf den dringenden Rath des Ministers von Schulenburg Berlin verlassen und in seine Heimath zurückkehren, in welcher er die folgenden zehn Jahre als Herausgeber der in Riga erscheinenden Zeitung „Der Zuschauer“ den Kampf gegen das Napoleonische Frankreich fortsetzte und während des Krieges von 1812 an den Bemühungen des damaligen Gouverneurs von Liv- und Kurland, Marchese Paulucci um die Anknüpfung geheimer Verhandlungen mit York einen gewissen Antheil nahm. Während derselben Zeit schrieb M. vier Hefte „Skizzen aus meinem Erinnerungsbuche“, in denen er seine Beziehungen zu den litterarischen Zeitgenossen in ebenso parteiischer, wie lebensvoller und anschaulicher Weise schilderte und einen Versuch zur Rechtfertigung seiner kritischen Thätigkeit und seiner Polemik gegen Goethe unternahm. Dieselbe Absicht verfolgten die zwanzig Jahre später geschriebenen, ausführlicheren „Darstellungen und Characteristiken aus meinem Leben“ (2 Bde., Leipzig, Riga und Mitau 1839), die neben vielem Verfehlten und Veralteten bemerkenswerthe Beiträge zur Geschichte des classischen Zeitalters der deutschen schönen Litteratur enthalten, in Deutschland übrigens so gut wie unbekannt geblieben sind. Nach der Befreiung Deutschlands unternahm M. einen verunglückten Versuch zur Wiedererlangung der litterarischen Stellung, die er während der Jahre 1802–1806 eingenommen hatte. Im Frühjahr 1816 nach Berlin zurückgekehrt, begründete er gemeinsam mit F. W. Gubitz (der sich indessen bald zurückzog) eine Zeitschrift „Ernst und Scherz oder der alte Freimüthige“, die nach neunmonatlichem Bestehen wieder einging, weil sie von dem Publikum vollständig unbeachtet gelassen worden war. M., der die Redaction im Frühjahr 1817 Julius v. Voß übertragen hatte, unternahm eine Reise durch das westliche Deutschland (die er in dem zweibändigen Buche: „Ueber Deutschland, wie ich es nach einer zehnjährigen Entfernung wiederfand“, ausführlich besprochen hat) und kehrte sodann nach Riga zurück. Auf dem in der Nähe dieser Stadt belegenen Gute Depkinshof lebend, theilte er seine Zeit fortan zwischen landwirthschaftlicher und journalistischer Thätigkeit. Die letztere wurde ihm zu Folge unaufhörlich wiederkehrender Censurschwierigkeiten indessen so vollständig verleidet, daß er die Redaction des „Zuschauer“ im J. 1831, diejenige der im J. 1827 übernommenen Wochenschrift „Provinzialblatt für Kur-, Liv- und Estland“ zu Ende des Jahres 1838 niederlegte. Während seiner letzten Lebensjahre in völliger Zurückgezogenheit lebend, aber in der Stille stets mit litterarischen Plänen beschäftigt, starb er am 9. Mai (27. April) 1850 zu Depkinshof. – Merkel’s zahlreiche politische, kritische und ästhetische Schriften (unter denen noch das in Veranlassung der Aufhebung der Leibeigenschaft erschienene Buch: „Die freien Letten und Esten“ Leipzig 1820, besonders namhaft zu machen ist) sind zum größten Theil veraltet, [435] dauernden Werth dürfen allein die oben erwähnten autobiographischen Beiträge zur livländischen und deutschen Sittengeschichte des 18. Jahrhunderts und die „Flüchtigen Erinnerungen aus dem Jahre 1806“ in Anspruch nehmen, welche eine außerordentlich anschauliche Schilderung der Katastrophe nach der Schlacht bei Jena enthalten. Der Schwerpunkt von Merkel’s Talent und Neigung lag auf dem politisch-publicistischen Gebiete; daß ihm auch hier nur mäßige und zeitweilige Erfolge beschieden gewesen sind, erklärt sich wesentlich aus der verunglückten kritisch-ästhetischen Thätigkeit, zu welcher er sich durch die einseitig litterarische Richtung seiner Zeit bestimmen ließ. Trotz maßloser Eitelkeit und Selbstüberschätzung war M. ein ehrlicher, überzeugungstreuer Charakter und als solcher von dem gewöhnlich neben ihm genannten, ihm im Grunde immer antipathisch gewesenen Kotzebue durchaus verschieden.

Ein vollständiges Verzeichniß der Merkel’schen Schriften findet sich im dritten Bande des von Recke und Napiersky herausgegebenen Schriftsteller- und Gelehrten-Lexikons der Provinzen Livland, Estland und Kurland (vgl. a. a. O. S. 206–214) und den von Th. Beise herausgegebenen Nachträgen und Fortsetzungen zu demselben (vgl. a. a. O. Bd. II S. 43 und 44). Außer den ebendaselbst gegebenen biographischen Nachweisungen sind noch namhaft zu machen: „Erinnerung an Garlieb Merkel“ in J. Eckardt’s Baltischen Provinzen Rußlands (2. Aufl., Leipzig 1859), „York und Paulucci. Aus dem Nachlaß G. Merkel’s, von demselben (Leipzig 1865), „Die Unzufriedenen der Schiller- und Goethezeit (Grenzboten, Jahrg. 1867)“ und eine in der Baltischen Monatsschrift (Jahrg. 1869) veröffentlichte Abhandlung von Diederichs. – Eine Sammlung im Nachlaß Merkel’s gefundener Aufzeichnungen über Weimar in den Jahren 1798–1800 soll demnächst in der Deutschen Rundschau veröffentlicht werden.[1]

[Zusätze und Berichtigungen][Bearbeiten]

  1. S. 435. Z. 26 v. o.: Die Sammlung erschien u. d. Titel: „Ueber Deutschland zur Schiller-Goethe-Zeit“ (1797–1806) von Garl. Merkel. Nach des Verfassers gedruckten und handschriftlichen Aufzeichnungen zusammengestellt und mit einer biographischen Einleitung versehen von Jul. Eckardt. Berlin 1887. [Bd. 26, S. 830]