ADB:Zimmermann, Johann Georg (Mediziner)

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Artikel „Zimmermann, Johann Georg“ von Rudolf Ischer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 45 (1900), S. 273–277, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Zimmermann,_Johann_Georg_(Mediziner)&oldid=2979225 (Version vom 16. Dezember 2017, 03:07 Uhr UTC)
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Zimmermann: Johann Georg Z., Arzt und Popularphilosoph, wurde am 8. December 1728 zu Brugg im heutigen Kanton Aargau geboren als Sohn des Rathsherrn Johann Z. und der Johanna Pache, der Tochter eines [274] waadtländischen Advocaten. Seiner Mutter hatte er es zu verdanken, daß er sich französisch in Schrift und Wort ebensogut ausdrücken konnte, wie in der deutschen Vatersprache. Z. studirte auf der Berner Akademie und begab sich dann (1747), nachdem er beide Eltern frühzeitig verloren hatte, nach Göttingen, um sich dem Studium der Medicin zu widmen. Er war an seinen berühmten Landsmann Haller empfohlen und fand in dessen Hause Aufnahme, eine Beziehung, die über seine ganze Zukunft entschied. 1751 promovirte er mit einer Dissertation „De irritabilitate“, bereiste Holland und Frankreich, war vorübergehend Hauslehrer in Göttingen und ließ sich dann (1752) als Arzt in Bern nieder. Wieder war es Haller, der ihm zwei Jahre später durch seine Empfehlung die Stelle eines Stadtphysicus in Brugg verschaffte. Dort hatte Z. nun 14 Jahre lang seinen Aufenthalt und Wirkungskreis. Aber weder das häusliche Glück, dessen er sich seit seiner kurz vorher erfolgten Vermählung erfreute, noch die Thätigkeit als Arzt genügte seinem Bedürfniß. Die engen Verhältnisse an dem „einsamen, reizlosen und die Flamme des Geistes auslöschenden Orte“ und sein Ehrgeiz machten ihn zum Schriftsteller. Mit dem „Leben des Herrn von Haller“ (1755), einer monströsen Biographie seines Lehrers, betrat er die schriftstellerische Laufbahn und verfaßte in der Brugger Zeit neben vielen kleineren Aufsätzen das einst hoch angesehene Werk „Von der Erfahrung in der Arzneikunst“ und das Buch „Von der Ruhr“, ersteres 1763/64, letzteres 1767 erschienen. Mit seiner ersten popularphilosophischen Schrift „Vom Nationalstolze“ (1758, 4. Aufl. 1768) ging er auf ein anderes Gebiet über, das noch mehr als die Fachwissenschaft geeignet war, seinen Namen berühmt zu machen. Seine Lage in Brugg veranlaßte ihn zu „Betrachtungen über die Einsamkeit“, die den Keim seines späteren Hauptwerkes enthalten. Die genannten Schriften machten ihn weit über die Grenzen seiner Heimath hinaus bekannt, zumal da die zahlreichen Auflagen bald bewiesen, daß er gern gelesen wurde. Daneben führte Z. eine sehr ausgedehnte Correspondenz, namentlich mit Haller, mit Tissot in Lausanne, seinem treuen Freunde und ersten Biographen, ferner mit Bodmer und Breitinger, mit Wieland und Julie Bondeli, mit Nicolai und durch diesen indirect mit Lessing und Mendelssohn, des schriftlichen und persönlichen Verkehrs mit zahlreichen anderen Freunden nicht zu gedenken, die er besonders in der Schinznacher Gesellschaft fand, von welchen ihm namentlich Lavater, Isaak Iselin, V. B. Tscharner dauernd verbunden blieben.

Aber weder der Ruhm eines Schriftstellers noch die freundschaftlichen und gelehrten Beziehungen konnten Z. befriedigen. Er wollte in einem größeren Kreise leben, wirken und glänzen. Daher klagte er beständig und suchte fortwährend, von Brugg wegzukommen. Aussichten waren vorhanden. Bald war von Bern, bald von Solothurn, dann wieder von einer Professur in Göttingen, dann von einer Stellung am polnischen Hofe die Rede. Aber erst die Berufung als Nachfolger Werlhof’s nach Hannover, die Z. neben Tissot wieder hauptsächlich Haller zu verdanken hatte, entsprach seinen Wünschen. Von 1768 an lebte Z. nun als königlicher Leibarzt in Hannover bis an sein Ende. Zunächst zwar trat ein Rückschlag ein als Folge der zu hoch gespannten Erwartungen. Heimweh, Enttäuschung, Krankheit und anderes Unglück steigerten seine Entmuthigung bis zur Melancholie. 1770 verlor er seine geliebte Gattin und seinen Beschützer, den Minister v. Münchhausen. 1771 starb seine Schwiegermutter, und im gleichen Jahre unterzog er sich einer sehr gefährlichen und schmerzhaften Bruchoperation in Berlin. Eine Audienz bei Friedrich dem Großen gab Z. sein Selbstvertrauen, das Bewußtsein seines großen Werthes, für ihn die Grundbedingung eines glücklichen Lebens, zurück. Eine ausgedehnte Praxis in vornehmen Kreisen und an kleinen Fürstenhöfen, in Pyrmont immer neu [275] angeknüpft und erweitert, Ueberhäufung mit Auszeichnungen und Geschenken, alles traf zusammen, um ihn nach seinen Wünschen glücklich zu machen. Besaß er doch nun Ruhm und Reichthum und Umgang mit den Mächtigen. Der Verlust seiner Gattin war soweit verschmerzt, daß sich Z. nun neben seinen glänzenden Beziehungen nach außen in seinem Hause einer selbstgewollten Einsamkeit überließ. Seinen Sohn schickte er in Hannover in Pension und dann nach Göttingen auf die Universität, seine Tochter nach Hamburg und dann in die Schweiz. Durch eine Neubearbeitung der Schrift „Von der Einsamkeit“, die ihm Angriffe von Seiten des sonderbaren Obereit zuzog, durch kleine Aufsätze in verschiedenen Zeitschriften und namentlich durch den leidenschaftlichen Antheil an Lavater’s Physiognomik sorgte Z. dafür, daß auch sein litterarischer Name nicht vergessen wurde. Seine Schweizerreise 1775 glich einem Triumphzuge durch die Heimath. Auf der Rückreise weilte er mit seiner Tochter im Goethe’schen Hause in Frankfurt, wo sich der durch Goethe etwas dichterisch ausgeschmückte Vorfall ereignete. 1777 traf ihn ein schwerer Schlag durch den Ausbruch des Wahnsinns bei seinem Sohne, ein Unglück, das ihn mit ebenso heftigem wie verhältnißmäßig rasch vorübergehendem Schmerz erfüllte. Dagegen machte der Tod Haller’s nicht den Eindruck auf ihn, den man hätte erwarten können. Seine Liebe für den Mann, dem er so vieles verdankte, war entschwunden, und man kann ihn von Undankbarkeit nicht freisprechen, wenn man den kühlen Nekrolog im „Deutschen Museum“ und namentlich die Vorarbeiten zu einer neuen Biographie Haller’s liest, die glücklicherweise nicht zu Stande kam. Was er Haller vorwarf und als Grund seiner veränderten Gesinnung angab, Ehrgeiz und Ruhmsucht, das war ja gerade sein eigener Hauptfehler. Neue Beziehungen zu Goethe, zu Boie, Sturz und Hölty erweiterten Zimmermann’s litterarischen Bekanntenkreis, aber jetzt schon zeigte sich bei ihm die Gereiztheit gegen Andere, die Neigung zum Streit, die großentheils aus Selbstüberhebung entsprang. Wegen des Naturforschers De Lue verfeindete sich Z. mit Kästner, wegen Lavater’s mit Lichtenberg. Unerfreuliche litterarische Fehden waren die Folge. Seine herzliche Freundschaft mit J. G. Sulzer wurde 1779 durch dessen Tod gelöst. Andere Freunde verlor Z. dagegen durch sein schroffes und unbesonnenes Auftreten in seinen Schriften, namentlich durch die Anekdoten im „Hannoverschen Magazin“, so Herder, Goethe und Wieland, die er durch unpassende Aeußerungen verletzte. Die Bekanntschaft mit dem Fürsten Orlow und dem Prinzen von Hessen-Kassel gab seinem Stolze neue Nahrung. Im September 1781 verlor er seine Tochter, die er aufs tiefste betrauerte, und durch Abreise seine beste Freundin, die Hofräthin v. Doering. Völlig vereinsamt ging er nun an die Ausarbeitung seines großen Werkes „Ueber die Einsamkeit“. Mitte 1782 dann schloß Z. eine zweite Ehe mit einem Fräulein v. Berger, die ihm ein Trost und eine Stütze für seinen Lebensabend wurde.

Das vierbändige Werk „Ueber die Einsamkeit“ erschien 1784 und 1785. Es ist nicht nur dem Umfange nach Zimmermann’s Hauptwerk, sondern auch deshalb, weil sich sein ganzes Wesen, seine Vorzüge wie seine Fehler darin am deutlichsten ausprägen; voll der tiefsten und schönsten Betrachtungen verräth es wie in seiner Polemik so auch in der Lobpreisung der Natur deutlich den Einfluß Rousseau’s, mit dem Z. große innere Verwandtschaft hatte, ohne daß man ihn einen Nachahmer Rousseau’s nennen dürfte. Alles in allem ist es ein Buch, das noch heute mit Recht einen guten Theil des Beifalls beanspruchen könnte, welcher ihm damals in fast überschwänglichem Maaße zu Theil wurde. Aber die Polemik bildet die Flecken, welche das schöne Gesammtbild entstellen. Da ist der vernichtende Kampf gegen den halbnärrischen Obereit; da ist ferner die oft jedes Maaß übetsteigende Kritik des Klosterlebens, der Anachoreten und [276] „heiligen Schufte“. Alle Bitterkeit seiner Hypochondrie kommt in diesen Partien zum Ausbruch, welche schon damals von einigen Wenigen getadelt und später von dem englischen Uebersetzer mit Recht weggelassen wurden. Im Lager der Berlinischen Aufklärer, bei Nicolai, dem Z. schon früher Beiträge für die „Allg. deutsche Bibliothek“ geliefert hatte, bei Gedike und Biester erregten gerade diese Stellen den größten Jubel. Nichts aber war ihm süßer, als der Beifall der Kaiserin Katharina II., die ihn mit Auszeichnungen und Geschenken überhäufte und immer wieder versuchte, ihn an ihren Hof zu ziehen. Als ihm nun aber das Jahr 1786 zu der Freundschaft mit der Kaiserin auch noch die Berufung zu dem kranken Könige Friedrich II. von Preußen brachte, da erreichte sein Glück und sein Stolz den Gipfel. Zwar konnte er dem Könige nicht helfen, aber die Thatsache blieb doch bestehen, daß ihn der bedeutendste Monarch Europas in seiner letzten Krankheit um Rath und Hülfe ersucht hatte. Sein Glück mußte der Ritter von Zimmermann – das war er inzwischen durch die Huld Katharina’s geworden – der Welt mittheilen. So schrieb er das Buch „Ueber Friedrich den Großen und meine Unterredungen mit Ihm“ (1788), worin er aber nebenbei eben so heftig gegen die Aufklärer auftrat, wie vor kurzem noch gegen die Katholiken. Er glaubte an einen weitverzweigten Geheimbund von Aufklärern und Illuminaten, die sich zum Umsturz von Religion und Staat verschworen hätten. Daß Z. so hoch gestiegen war, verzieh man ihm ungern; daß er seine persönlichen Verdienste und seinen Werth der Welt so naiv verkündigte, konnte man noch weniger verzeihen; daß er aber die Berliner Aufklärer, die ihn bisher als ihren Bundesgenossen betrachtet hatten, so plötzlich und so heftig angriff, das war in den Augen der Betroffenen natürlich unverzeihlich. Man konnte nicht begreifen, daß er in seiner religiösen Ueberzeugung die deistische Aufklärung, in der er die Quelle aller Irreligiosität und Unsittlichkeit sah, ebensosehr verabscheute wie das Pfaffenthum. Dazu bot seine maßlose Angriffsweise auch hier nur zu viele Blößen, die die Gegner benützen konnten. Nun brach der Sturm gegen das Buch los. Gedike und Biester vertheidigten Berlin und die Aufklärung, Schulz aus Gilsdorf, J. Ch. Schmid und Trapp kämpften ebenfalls für die Aufklärung und namentlich für die rationalistische Theologie, während Hippel und Knigge Zimmermann’s Eitelkeit mit einer Lauge des beißendsten Spottes übergossen. Sogar eine Caricatur Zimmermanns wurde verbreitet. Während der Streit in vollem Gange war, schrieb Z. seine „Vertheidigung Friedrichs des Großen gegen den Grafen von Mirabeau“. Er hielt an seinen Beschuldigungen gegen die Aufklärer fest und behauptete, sie seien im Bunde mit Mirabeau, der soviel über Friedrich II. gelogen habe. Während der braunschweigische Officier Mauvillon, ein Verehrer Mirabeau’s, und Gedike und Biester im Namen der Berliner auf diese zweite Schrift antworteten, schickte sich Z. zu einem Hauptschlage an, womit er alle seine Gegner niederzuschmettern hoffte. So erschienen die „Fragmente über Friedrich den Großen“ (1790). Z. war schon in der Brugger Zeit aus einem Demokraten ein Aristokrat und später in Hannover ein überzeugter Monarchist geworden. Die französische Revolution, die inzwischen begonnen hatte, verabscheute er und sah zugleich in ihr eine Frucht der Aufklärung, die der 62jährige nun mit seiner ganzen Kraft bekämpfte. Neue Angriffe waren die Folge. Neben den früher Genannten und einigen Anonymen bestritten Nicolai und Blankenburg Zimmermann’s historische Darstellung. Der berüchtigte Dr. Bahrdt aber griff Z. in der derbsten Weise an, ihn persönlich verunglimpfend. Da trat Kotzebue auf Seite Zimmermann’s und schrieb unter dem Namen Knigge’s das abscheuliche Pamphlet „Dr. Bahrdt mit der eisernen Stirn“, worin sämmtliche Gegner Zimmermann’s auf die schmutzigste Art beschimpft wurden, zur Entrüstung ganz Deutschlands und zu [277] Zimmermann’s größtem Schaden. So sah Z. den Preis und das Ziel seines ganzen Lebens, den Ruhm, dahinschwinden, sah durch die französische Revolution alles in Frage gestellt, was für ihn Werth hatte, und durch die Anzweiflung seines Eides, er habe den „Dr. Bahrdt“ nicht geschrieben, selbst seine persönliche Ehre angegriffen. Als Kotzebue sich endlich zu seinem Machwerk bekannte, war es für Z. zu spät. Auch mit seinen guten Freunden wie De Lue und Heyne überwarf er sich in seiner übermäßigen Reizbarkeit und fand einen Bundesgenossen nur noch in dem verrufenen L. A. Hofmann. Der Beifall, den Kaiser Leopold II. einer Denkschrift Zimmermann’s über die Bekämpfung der Revolutionäre und Aufklärer zollte, war für Z. das letzte Glück seines Lebens. Aber der Kaiser starb. Mit letzter Kraft wandte sich Z. gegen die „Illuminaten, Volksaufwiegler und Demokraten“, namentlich gegen Knigge in Hofmann’s Wiener Zeitschrift. Darüber verwickelte er sich in einen langwierigen und aufreibenden Proceß mit Knigge, wodurch seine Kraft völlig verzehrt wurde. So war er, wie er es selbst erkannte, an Leib und Seele krank, verfiel in völligen Trübsinn und geistige Umnachtung und starb am 7. October 1795. – Z. war ein großer, wohlgebauter Mann mit geistvollen Augen, ein ausgezeichneter Arzt, geistreicher Gesellschafter und glänzender Schriftsteller. Sein Unglück war krankhafte Veranlagung wie sein Ende zeigt. Die letzten Worte des Verfassers der Einsamkeit waren: „Laßt mich allein, ich sterbe!“

Bibliographie in meinem Buche: J. G. Zimmermann’s Leben u. Werke, Bern 1893, und Nachträge dazu im Euphorion 1897, S. 550 ff.