ADB:Knigge, Adolph Freiherr

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Artikel „Knigge, Adolf Freiherr v.“ von Erich Schmidt in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 16 (1882), S. 288–291, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Knigge,_Adolph_Freiherr&oldid=2500106 (Version vom 12. Dezember 2018, 21:40 Uhr UTC)
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Band 16 (1882), S. 288–291 (Quelle).
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Knigge: Adolf Franz Friedrich Ludwig Freiherr v. K., Schriftsteller, geb. den 16. Oct. 1752 zu Bredenbeck bei Hannover als einziger Sohn des Oberhauptmanns K., der 1766 tief verschuldet starb. Die unsicheren Familienverhältnisse haben früh auf Knigge’s Charakter ungünstig eingewirkt. Festigkeit, Selbstzucht, gründliche Arbeit waren ihm versagt. Man ahnt den künftigen Vielschreiber, wenn der Knabe 1765 eine Schrift über „Die Lehre von Gott“ an J. A. Schlegel zur Beurtheilung („Aus einer alten Kiste“, S. 50 ff.) sendet. In Hannover vorgebildet, studirte er seit dem Herbste 1769 in Göttingen die Rechte, wurde aber schon 1771 auf Empfehlung seines Oheims, Minister v. Althaus, hessischer Kammerassessor, als welcher er nach längeren Reisen dilettantisch auf dem Gebiet der Volkswirthschaft in Hessen thätig war. Die zerrütteten Finanzen, sowie amtliche und gesellige Mißhelligkeiten ließen ihn auf seinen Posten verzichten. Er hatte 1773 das Hoffräulein v. Baumbach geheirathet. Sie zogen nach Nentershausen, 1777 nach Hanau. Der Hofjunker K. erhielt den Titel eines weimarischen Kammerherrn. Ein gewandter Gesellschafter, genoß er die Gunst des hessischen Erbprinzen; wenigstens bis 1780, wo er nach Frankfurt übersiedelte. 1772 in die Kasseler Loge aufgenommen, strebte er lange vergebens nach höheren Graden und einer maßgebenden Rolle, bis er endlich in Hanau seiner Wichtigthuerei mehr genügen konnte. Alchemistischer Tand paarte sich mit Experimenten von religiöser Besserung und Volksbeglückung (1775 „Allgemeines [289] System für das Volk“) und einer Vereinigung aller Orden; überall wirkte aufgeblasener Egoismus mit. 1780 trat K. in Verbindung mit dem von Weishaupt, Professor in Ingolstadt gestifteten Illuminatenorden und wurde unter dem Namen Philo ein sehr rühriger Agitator. Er eiferte für eine neue Eintheilung des Ordens, gewann u. A. Bode (Amelius), leitete die Correspondenz, betonte das Politische mehr und mehr, bestritt Jesuiten und Rosencreuzer in einer Zeit, wo nicht nur ein G. Forster den geheimen Gesellschaften eine brennende Theilnahme zuwandte, sondern dieselben allgemein als Großmacht anerkannt wurden, erließ eine „Warnung an die deutschen Fürsten, Jesuiten-Geist und Dolch betreffend“, sprach auf Congressen, entwarf ein neues System und arbeitete mit an der Vereinigung von Illuminaten und Freimaurern. So gehörte er zu den Führern der Illuminaten in der Periode von 1780–84. Er überwurf sich mit Weishaupt und schied im Sommer 1784 aus, nicht ohne selbstsüchtige Ueberlegung, denn damals begann der Feldzug der baierischen Regierung gegen den Orden. K. aber hat nie seine Haut zu Markte getragen. Er war Philanthrop vor allem für sich, nie hingebender Schwärmer, nie Diener der Ideen. Neugier, Ehrgeiz, Geschäftigkeit hatten ihn in der Thätigkeit für die Orden aufgehen lassen. Der überaus oberflächliche Aufklärer K. wies die weitere Gemeinschaft mit den Gesellschaften öffentlich ab, that aber trotzdem bei der „Deutschen Union“ nachmals mit und correspondirte mit Bahrdt, um diese Verbindung, als Gefahr im Verzug, dreist zu verläugnen. Er war nichts weniger als ein Charakter, schwächlich, leichtsinnig, sanguinisch, ehrfüchtig. „Mein Temperament war lebhaft, unruhig, bewegsam, mein Blut warm, die Keime zu mancher heftigen Leidenschaft lagen in mir verborgen. Ich war in der ersten Erziehung ein wenig verzärtelt und durch große Aufmerksamkeit, deren man meine kleine Person früh gewürdigt hatte, gewöhnt worden, sehr viele Rücksicht von anderen Leuten zu fordern“. Die frühe Selbständigkeit und das mittellose Abenteuern hier und dort verzettelten seine Anlagen. Bis 1787 lebte er in Heidelberg als journalistischer Vielschreiber. Seit 1779 recensirte er auch für Nicolai’s Bibliothek. Er sprach am Saarbrückener Hof etc. vor. 1784 wurde er in Mannheim mit Schiller bekannt. Auch mit Lavater, Klopstock, Bürger hat er Briefe gewechselt. 1787 kehrte er in die Heimath zurück, ohne in Hannover seine Verhältnisse ausgleichen zu können. Seit 1791 Landdrost in Bremen kränkelte er und starb am Nervenfieber den 6. Mai 1796.

K. hat viele Bände gefüllt. Er mußte von der Feder leben. Es kam ihm stets mehr auf „redlichen Erwerb“, als auf die Sache an. Er dilettirte auf zahlreichen Gebieten. Auch in der Musik: „von musikalischen Compositionen habe ich nichts herausgegeben, als sechs schlechte Clavier-Solo’s“. Ohne jede Bedeutung sind seine kleinen theatralischen Arbeiten, meist Bearbeitungen nach dem Französischen für die Hamburger Bühne. Er stand seit 1775 in dauernder Verbindung mit Schröder, war befreundet mit Großmann und gab 1788 f. „Dramaturgische Blätter“ heraus. 1783 erschienen sechs „Predigten“, breite Bettelsuppen der Aufklärung. K. will einige dieser Predigten – was gingen ihn Kanzelreden an? – wirklich gehalten haben; in einer Kirche kaum. Seine Schriftstellerei, sein ganzes Treiben überhaupt hat Ein Schlagwort: Menschenkenntniß. Um ihretwillen ist K. Reisender, Hofmann, Maurer, Illuminat, Briefsteller, Publicist, Romanschreiber, Lebenskünstler. Seine Romane sind heute fast ungenießbar wegen der geschwätzigen Seichtheit, aber culturhistorisch nicht uninteressant. K. wählte die lässigste Form der Lebensläufe. Der „Roman meines Lebens“, 1781–83, in vier Theilen, ist ein gedehnter Bildungsroman in Briefen, der Baron ist K. selbst. 1783 „Geschichte Peter Clausens“, die Biographie eines leichtfertigen Schustersohnes, der durch alle möglichen Lebenslagen ohne eigenes Verdienst, nur vom [290] Zufall gehoben, nicht eben nobel emporkommt; ein picarischer Roman. Politische und sociale Satire ist karikirt reichlich vorhanden. Deutschland erscheint – zum Theil mit Beziehungen auf des bewunderten Wieland orientalische Romane – als ein Pfuhl von Unsittlichkeit. Man könnte an die pessimistischen Erzählungen Klingers denken, aber der herbe, stoische Sinn liegt K. fern. Auch seine Romane bilden eine Kette. „Die Verirrungen des Philosophen oder Geschichte Ludwigs von Seelberg“, 1787, bringen die Oberflächlichkeit in Systeme. Der Held läuft alle möglichen Weltanschauungen und Arten der Lebensführung durch, bis endlich eine Festigung stattfindet. Ebenso platt langweilig ist die „Geschichte des armen Herrn v. Mildenburg“: Leiden eines Ultraredlichen, dem es an praktischer Klugheit fehlt. Allerhand Erlebtes, so aus der Pfalz, wird angebracht. Die Lebenskunst entspricht den Lehren in Knigge’s Hauptwerk. Als Romanschreiber ist K. in der Anlage ein schwacher Schüler von Fielding und Lesage. Weiter: 1791 „Das Zauberschloß“: ein Adelicher kann jeden Vorgang in seinem Schloß beobachten. 1792 sein bekanntestes Werk: „Die Reise nach Braunschweig“: Veranlassung zur Fahrt ist Blanchard’s Luftballon. Humor wird vermißt, die Situationen sind mitunter recht drastisch, die Komik roh, die Darstellung nachlässig. Kulturhistorisch wichtiger sind die „Briefe auf einer Reise aus Lothringen nach Niedersachsen geschrieben“, 1793. „Die Reise nach Fritzlar“, 1794, parodirt schon im weiteren Titel Lavater’s Tagebuch der Bremenser Reise. Ernster: 1794 „Geschichte des Amtsraths Gutmann“: ein Biedermann, der auch aus dem Unheil Gewinn zieht und glücklich endet. 1787 schrieb K. in fataler Lage sein 1788 in zwei Theilen (3. Aufl. 1790, 3 Thle.) erschienenes, bis 1801 schon sieben Mal aufgelegtes Buch, das ihm eine sprichwörtliche Berühmtheit verschaffte: „Ueber den Umgang mit Menschen“. Er schickt eine Selbstanalyse voraus. Er ist fertig und kann in gezwungener Zurückgezogenheit die Erfahrungen seines bunten Lebens, den gewonnenen esprit de conduite nicht nutzen. Mögen Andere es thun. Das sehr populär gehaltene, übel disponirte Buch führt aus der Familie allmählich in die große Gesellschaft, von den Beziehungen zu Anverwandten und Freunden sich ausbreitend, alle Lebenslagen, alle Stände musternd, einzelne sichere Regeln mit allgemeinen Darlegungen verbindend. Moral und Klugheit pactiren. Von einer durchgebildeten praktischen Philosophie ist keine Rede. Vgl. auch 1796 „Ueber Eigennutz und Undank“. Gut vorwärts zu kommen, klug zu gewinnen, was man Glück in der Welt nennt – das will K. lehren. Diese flache egoistische Lebenskunst fand zwar großen Beifall, aber in den Tagen, als die Romantik nach einer Umbildung der deutschen Gesellschaft und einer neuen Ethik rang, ihren Nachrichter in Schleiermacher, obgleich nicht so öffentlich, wie die weniger frivole, aber ebenso platte Weltphilosophie Engels (vgl. das Tagebuch bei Dilthey, Leben Schleiermacher’s, Denkmäler S. 107 ff. und oben S. 254 f.). „K. hat wie ein schlechter Wirth gehandelt, und das wenige Artige in seinem Buche in die übelste Gesellschaft gebracht“. Die Materie sei gemein, der Ton misanthropisch. 1788 folgten „Briefe über die neue Erziehungsart“, gegen die Basedow’sche Schule; die Ursache von Knigge’s Zerfall mit Campe und Trapp und von einer unerquicklichen Polemik. Die französische Revolution, die ihn immer mehr begeistert, und die er in Hamburg mit Klopstock feierte (Kiste, S. 220 f.), veranlaßte eine Reihe politischer Schriften; zum Theil nach dem Prinzip der Ferne eingekleidet: „Geschichte der Aufklärung in Abyssinien“. Er fordert parlamentarische Regierung, erhebt sich aber nirgends über den Phraseur, als der er eine liberale Propaganda machte 1792 in „Des sel. Herrn Etatsraths S. C. v. Schaafskopfs hinterlassenen Papiere“. Auch persönliches darin. Sophie von la Roche wies K. derb ab. Auch von de Luc mußte K. sich starke Dinge sagen [291] lassen. Der berühmte Arzt Ritter Zimmermann verschrie ihn als gefährlichen Demagogen. K. wurde klagbar und gewann den mehrjährigen Proceß (Akten s. Kiste, S. 234 ff.). K. hatte 1788 Zimmermann’s Buch über Friedrich II. gröblich verhöhnt in „Ueber Friedrich Wilhelm den Liebreichen und meine Unterredung mit ihm; von J. H. Meywerk, Chur-Hannöverschem Hosenmacher“. Kotzebue hatte dann 1790 die Frechheit, seinen „Bahrdt mit der eisernen Stirn oder die deutsche Union gegen Zimmermann“ unter Knigge’s Namen ausgehen zu lassen. Zuletzt war K. noch als Uebersetzer thätig; sehr flüchtig. Und sein letztes Bekenntniß „Ueber Schriftsteller und Schriftstellerei“, ist wie alles, was diese flinke Feder zu Papier gebracht, ein wortreiches Gerede ohne Zusammenhang und große würdige Gesichtspunkte. Knigge’s Werke sind viel übersetzt worden, besonders ins Holländische. Er hat den ausführlichen Plan zu einer Ausgabe hinterlassen (Kiste, S. 27 ff.), der durch die „Schriften“, 1804–6, 12 Bde., nicht erfüllt wurde. Seine Tochter Philippine wurde schon als Kind zum Dichten und Uebersetzen gezwungen (Briefe an sie, Kiste, S. 213 ff. und Holtei, Dreihundert Briefe, 2, 107 ff.). 1789 von ihr (geb. 1774) „Versuch einer Logik für Frauenzimmer“!

Karl Goedeke, Adolph Freiherr Knigge, Hannover 1844. Aus einer alten Kiste. Originalbriefe, Handschriften und Documente aus dem Nachlasse eines bekannten Mannes, Leipzig 1853.