ADB:Luden, Heinrich (Historiker)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Luden, Heinrich“ von Franz Xaver von Wegele in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 19 (1884), S. 370–375, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Luden,_Heinrich_(Historiker)&oldid=- (Version vom 21. Juli 2019, 03:08 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Band 19 (1884), S. 370–375 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Heinrich Luden (Historiker) in der Wikipedia
GND-Nummer 118822543
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|19|370|375|Luden, Heinrich|Franz Xaver von Wegele|ADB:Luden, Heinrich (Historiker)}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118822543}}    

Luden: Heinrich L., Geschichtschreiber, geb. am 10. April 1780 zu Loxstedt (Provinz Hannover) als der Sohn eines Landmannes. Der Ueberlieferung zufolge hatte ihn der Vater ursprünglich für den Beruf eines Landwirths oder Kaufmanns bestimmt, gewiß scheint, daß er erst in seinem 16. Lebensjahre (1796) dem Domgymnasium zu Bremen übergeben wurde und drei Jahre später die Universität Göttingen bezog, um Theologie zu studiren. Dieses Studium hat er auch zu Ende geführt und sich der Kandidatenprüfung unterzogen; aber schon vorher hatte er öfters gepredigt, eine seiner Predigten („Ueber den Glauben an den Sieg des Guten“) ist im J. 1802 im Druck erschienen. Indeß hat die Theologie ihn nicht festzuhalten vermocht; seine Vorliebe für philosophische, philologische und historische Studien haben ihr das Spiel abgewonnen; hatten ihn doch schon die kirchengeschichtlichen Vorlesungen Plancks vor allen anderen theologischen Disciplinen angezogen und er ist dann Heyne, vor allem aber Heeren näher getreten; die Beziehungen zu diesem sind die fruchtbarsten und reichhaltigsten geblieben. Wohin sich L. nach dem Abschluß seiner Studien in Göttingen gewendet, bleibt ungewiß, dagegen taucht er im September 1804 in Berlin als Hauslehrer bei dem Staatsrath Hufeland auf, dessen Gunst er sich rasch erworben hat. Entscheidend für seine Zukunft ist die Bekanntschaft mit Johannes v. Müller geworden, der in demselben Jahre von Wien nach der preußischen Hauptstadt übergesiedelt war. L. hatte um diese Zeit bereits den Entschluß gefaßt, die Historie zu seinem Lebensberufe zu machen; schon hatte er seine Gedanken über die Theorie der Geschichtschreibung in zwei Abhandlungen niedergelegt und überdies den Plan gefaßt, eine Geschichte der Oranier zu schreiben. Von den Täuschungen jener seiner Spekulationen und der verfrühten Kühnheit dieses seines Planes befreite ihn nun mit unbarmherziger Hand sein wohlwollender und in diesen Dingen hinlänglich erfahrener Freund und gab ihm dafür den Rath, sich zunächst an einer bescheidenen Form und an einem geeigneteren Stoffe zu versuchen, indem er ihm empfahl, eine Biographie von Christian Thomasius zu schreiben. Diesen an sich offenbar guten Rath befolgte L., wenn auch mit schwerem Herzen, und bereits das Jahr darauf (1803) trat das Werk, mit einer empfehlenden Vorrede Johannes v. Müller’s und einer Widmung an den „ersten geheimen Cabinetsrath“ Beyme versehen an das Licht. Im nächstfolgenden Jahre (1806) ließ L. eine Biographie des Hugo Grotius, die von Johannes v. Müller in ehrender Weise in der Jenaer A.-L.-Zeitung angezeigt wurde, erscheinen. In diesem Zusammenhange entstand etwas später die Lebensbeschreibung William Temple’s, beide im Hinblick auf die noch immer festgehaltene Absicht Luden’s, der Geschichtschreiber des oranischen Hauses werden zu wollen. Eine auffallende Originalität kann man diesen Erstlingsschriften Luden’s nicht zuschreiben, um so unverkennbarer jedoch meldet sich in denselben ein ungewöhnliches Talent der geschichtlichen Erzählung und Darstellung an. Die intimen Beziehungen Luden’s zu Johannes v. Müller haben aber nebst den erwähnten Leistungen auch dazu beigetragen, eine maßgebende Wendung in seinem äußeren Leben herbeizuführen. Er wurde im Mai 1806 zum außerordentlichen Professor in der philosophischen Facultät der Universität Jena, zunächst freilich ohne Gehalt, ernannt. Der Einfluß des Philologen Eichstädt, mit welchem L. seit seiner Studienzeit in Göttingen in gelehrter Verbindung stand, scheint dabei mitgewirkt zu haben; ihm hatte er gleich nach der Publication seiner Schrift über Thomasius die Ertheilung des Titels eines Doctors der Philosophie von der philosophischen Facultät daselbst zu verdanken gehabt. [371] Auch Goethe hat sich für jene Ernennung Luden’s lebhaft interessirt. Nach einem kurzen Aufenthalt in Göttingen traf L. im Juli 1806 in Jena ein und machte durch Knebel’s Vermittelung zugleich die Bekanntschaft des Dichterfürsten, wie er das in seinen „Rückblicken“ anschaulich erzählt. Im September ging er nach Celle (Hannover), um die Uebersiedelung seiner Familie nach Jena auszuführen, denn seit dem Frühjahr 1804 war er verheirathet, eine Thatsache, die demnach in die zwischen dem Ende seiner Göttinger Epoche und vor dem Aufenthalte in Berlin liegende Zeit eingereiht werden muß. Im October (1806) machte er sich mit Frau und Kind von Celle auf den Weg nach seinem neuen Bestimmungsort, erhielt aber unterwegs die überraschende Kunde von der vernichtenden Katastrophe der preußischen Macht bei Jena und Auerstädt. Als er in Jena eintraf, fand er auch die von ihm bereits gemiethete und bezogene Wohnung völlig ausgeplündert, seine Bibliothek, seine Manuscripte, die häusliche Einrichtung zerstreut und verschwunden. Es galt also für ihn in doppeltem Sinne von vorne anzufangen. Sehnsüchtig richtete er damals seinen Blick wieder auf Johannes v. Müller, der ihm Muth zusprach und auszuharren aufforderte. Auf den Rath desselben hat er in dieser Zeit Ugo Foscolo’s Ultime lettere di Jacopo Ortis übersetzt und an andere Unternehmungen dieser Art gedacht, um über die schwere Zeit hinwegzukommen, in deren Bewältigung er übrigens von mehr als einer befreundeten Seite nachdrücklich unterstützt wurde. Auch Herzog Karl August hat ihm noch im Laufe des J. 1807, wie sehr seine milde Hand auch von allen Seiten in Anspruch genommen war, ein wenn auch vorläufig nur kleines festes Gehalt bewilligt. Luden’s akademische Wirksamkeit, für welche er in so hohem Grade berufen war, hat sich glücklich und rasch entwickelt. Er war zunächst nicht für ein bestimmtes Fach angestellt. Die ordentliche Professur der Geschichte war in den Händen des bekannten Heinrich und auf diesen und dessen Empfindlichkeit, die seiner Zeit auch Schiller zu kosten bekommen hatte, mußte er Rücksicht nehmen. So sah er sich in der Auswahl von geschichtlichen Vorlesungen vor der Hand beschränkt und mußte sich genügen lassen, höchstens „Allgemeine Welthistorie“ anzukündigen, für welche er keineswegs schon ausreichend gerüstet war. Daneben las er nun Logik mit Metaphysik und Aesthetik; noch im Jahre 1808 hat er „Grundzüge ästhetischer Vorlesungen zum akademischen Gebrauche“ im Druck erscheinen lassen. Auf diesem Wege lief er allerdings Gefahr, sich zu zersplittern, doch hat er die Geschichte, die er nach wie vor als Lebensberuf im Auge behielt, darüber nicht vernachlässigt. In den J. 1807 und 1808 hat er zwei Bändchen „Kleine Schriften meist historischen Inhalts“ veröffentlicht, darunter die schon einmal erwähnte Biographie Sir W. Temple’s, Studien über die Geschichte von Venedig und ein Programm über den „Vortrag der Universalgeschichte“, das den noch unsicher tastenden Neuling auf diesem Gebiete deutlich genug verräth. Doch hat er bereits im Sommer 1808 zum ersten Male über die „Geschichte der Teutschen“ gelesen, nicht eingeschüchtert durch die französische Garnison, die damals Jena noch besetzt hielt und den muthigen Professor mit Mißtrauen betrachtete. Die einleitenden vier Vorträge hat er im J. 1810 unter dem Titel „Einige Worte über das Studium der vaterländischen Geschichte“ zunächst als Manuscript für Freunde und Zuhörer drucken lassen. Er betrat damit den Weg, auf welchem er seine wahre Bestimmung erblickte und welcher zugleich als der seinen Neigungen, zum Theil auch seinen Anlagen gemäßeste erscheinen darf. Die Erweckung der vaterländischen werkthätigen Gesinnung durch die Förderung und Lehre der nationalen Geschichte einerseits und die Pflege des politischen Geistes andererseits drücken am Ende die ganze Summe der Aufgaben und Ziele aus, die L. während seines Lebens verfolgt hat. Hat er doch auch Vorträge über Politik bald genug in den Kreis seiner Lehrwirksamkeit gezogen [372] und bereits im J. 1811 die erste Abtheilung eines „Handbuches der Staatsweisheit oder der Politik“ veröffentlicht. Bluntschli in seiner Geschichte der neueren Staatswissenschaft hat von dieser Schrift Luden’s auffallender Weise gar keine Notiz genommen, während Roscher in seiner Geschichte der Nationalsökonomik i. D. (S. 640–649) von seinem Standpunkte aus es allerdings der Mühe werth gefunden hat, derselben einen bestimmten Platz anzuweisen. An dieser Stelle sei es genug, hervorzuheben, daß die Ausführungen Luden’s, zwar nicht überraschend originell und geistvoll, wesentlich conservativer Natur sind und, wie man sich heut zu Tage ausdrücken würde, mehrfach ein staatssocialistisches Gepräge an sich tragen. In erster Linie ist ihm aber die Politik eine überwiegend historische Wissenschaft, während er hinwiederum die Geschichte mit für die beste Lehrerin der Staatsweisheit hält. Vor nebelhaften Abstractionen hat er sich auf diesem Wege zu seinem Vortheil bewahrt und, um an dieser Stelle nur noch das Eine hervorzuheben, auf die Verfassung und das bürgerliche Recht des Staates legt er ein Hauptgewicht, übrigens wohl wissend und scharf betonend, daß Eines sich nicht für Alle schickt. Eine Fortsetzung und Vollendung hat jedoch dieses Werk nicht gefunden, sei es, daß die Zeitumstände und andere Arbeiten oder die wenig unterdrückte Verstimmung des Verfassers über die nicht durchweg günstige Aufnahme desselben von Seiten der Kritik ihn davon abgehalten haben. Inzwischen hatte sich die äußere Stellung Luden’s nach Wunsch verbessert. Im J. 1808 war er in Folge einer abgelehnten Berufung nach Frankfurt a. d. O. zum ordentlichen Honorarprofessor und zwei Jahre darauf, nach Heinrich’s Tode, an dessen Stelle zum ordentlichen Professor der Geschichte ernannt und sein Gehalt dem entsprechend erhöht worden. Seine unabhängige politische Denkungsart, die ja kein Geheimniß geblieben war, hatte einen so hochherzigen Fürsten, wie des Herzog Karl August war, nicht abhalten können, dem fesselnden Lehrer und rührigen Gelehrten die verdiente Anerkennung zu gewähren. Als umfassendere geschichtliche Arbeit Luden’s in den nächsten 10 bis 12 Jahren ist seine „Allgemeine Geschichte der Völker und Staaten“ hervorzuheben. Von ihr erschien der erste Theil (die Völker und Staaten des Alterthums umfassend) im J. 1814 für sich, darauf in zweiter Auflage im J. 1819, und an diesen schlossen sich dann im J. 1821–22 der zweite und dritte Theil an, welche die Geschichte der Staaten und Völker des Mittelalters behandelten. Dieses Werk ist nun augenfällig und ausgesprochener Maßen aus Vorträgen hervorgegangen und sollte zugleich wieder als Wegweiser für solche dienen. Von diesem Gesichtspunkte aus und nicht als autonomes, schlechthin wissenschaftliche Zwecke verfolgendes Unternehmen muß es beurtheilt werden. L. war in dieser Zeit, möchte man sagen, mehr noch als von seinem Berufsfache, von der publicistischen Betheiligung an den öffentlichen Angelegenheiten in Anspruch genommen. Schon im J. 1808 hatte er, allerdings anonym, „Ansichten des Rheinbundes“ veröffentlicht, die, wenn auch in vorsichtiger Fassung, den verblendeten und getäuschten Lobrednern desselben entgegentraten und den unsicheren Grund, auf welchem dieser Bau errichtet war, deutlich genug beleuchteten. Fernerhin hatte ihn der beginnende Freiheitskampf so lebhaft ergriffen, daß er dem Beispiele so vieler von ihm begeisterten Zuhörer folgen und ebenfalls in die Reihen der Kämpfer für das sich befreiende Vaterland eintreten wollte. Es wurde ihm indeß von dem späteren General v. Grolmann, der damals, aus der französischen Gefangenschaft entronnen, in Jena ein Asyl gefunden und von Luden’s Vorträgen gefesselt, sich enge an ihn angeschlossen hatte, mit Recht eingewendet, daß er als Lehrer und Schriftsteller dem Vaterlande mehr nützen könne, als durch persönliche Betheiligung am Kriege, dem es an todesmuthigen Streitern ja ohnedem nicht fehlte. So entschloß er sich denn, auf seinem Posten [373] auszuharren und im Sinne Grolmann’s für die gute Sache ins Gefecht zu gehen. Aus diesem Entschlusse heraus entstand die „Nemesis“, Zeitschrift für Geschichte und Politik, deren Lebensdauer sich von 1814–18 erstreckte und die in diesem Jahre mit dem 12. Bande abgebrochen wurde. Zunächst in ihrer Richtung gegen Napoleon und Frankreich gewendet, concentrirte sie nach dem endgültigen Sturze des Kaiserreichs ihre Aufmerksamkeit doch bald überwiegend auf die politische Entwickelung Deutschlands und die verfassungsmäßige Gestaltung der öffentlichen Verhältnisse in den einzelnen Bundesstaaten. L. konnte sich wenigstens sagen, daß er mit diesen Bestrebungen sich mit den Grundsätzen seines Landesfürsten, des Großherzogs Karl August, und der von diesem seinem Lande verliehenen Verfassung im vollkommenen Einklange befand. Welch einen fruchtbaren Aufschwung auf Grund der gesetzlich gegebenen Preßfreiheit damals in dem kleinen weimarischen Staate der publicistische Journalismus nahm, ist hinlänglich bekannt. L. selbst hat in jenen Jahren neben der „Nemesis“ vorübergehend die von Brockhaus in Leipzig verlegten „Deutschen Blätter“ (1815–16) und das „Allgemeine Staatsverfassungs-Archiv“ (3 Bde.) redigirt. Man weiß aber auch, wie diese freie Gestaltung des öffentlichen Lebens in Weimar, wozu die geräuschvollen burschenschaftlichen Tendenzen in Jena sich gesellt hatten, bald genug, namentlich in Wien und Berlin, auf Widerstand stieß und Drohungen und Verfolgungen hervorrief. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß L. auf die patriotische Hebung des studentischen Geistes nachhaltig eingewirkt hat; nicht minder gewiß bleibt aber, daß er seiner ganzen Art nach vor Ausschreitungen und Selbstüberhebung stets gewarnt hat. So ging denn auch das Wartburgfest mit seinen Nachwirkungen ohne empfindliche Folgen für L. vorüber, dagegen endete sein bekannter Conflict mit Kotzebue, obwol er formell Sieger blieb, mit dem Entschlusse, die „Nemesis“, d. h. die publicistische Thätigkeit aufzugeben und nicht länger „leeres Stroh zu dreschen“. So war denn doch eingetroffen, was ihm Goethe schon bei der Begründung der „Nemesis“ warnend vorausgesagt hatte. Die „Nemesis“ selber anlangend, kann man allerdings nicht behaupten, daß wir eine außerordentliche publicistische Leistung in ihr zu feiern und ihr Verstummen demnach zu bedauern hätten; der Herausgeber fand namentlich in der deutschen Frage und Preußen gegenüber nicht den Standpunkt, wie man einen solchen von einem tiefer denkenden Politiker erwarten mochte; auf der anderen Seite dürfen wir aber wenigstens nicht vergessen, daß es in jenen Jahren schwerer war, sich auf diesem Gebiete rasch zurechtzufinden und die überkommenen Vorurtheile abzustreifen. Wie dem aber sein mag, L. hat mit jenem seinem Entschlusse dem öffentlichen Leben sich doch nicht vollständig entzogen; er hat vielmehr in den J. 1823–32 als Abgeordneter der Universität Jena im weimarischen Landtag gesessen. Zu hochwichtigen parlamentarischen Actionen war hier der Natur der Dinge nach freilich keine Gelegenheit geboten; dies hat L. aber nicht abgehalten, im kleinen Kreise nach Kräften zu wirken. Wie es aus Veranlassung eines rechnerischen Nachweises zwischen Goethe als Vorstand der „Großherzoglichen Immediatcommission für Wissenschaft und Kunst“ einerseits und den Ständen andererseits zu einem Conflicte zu kommen drohte, hat L. in seinen „Rückblicken“ selbst erzählt, zugleich aber auch, daß in Folge seiner Betheiligung an der betreffenden Debatte über diesen Fall wohl oder übel eine dauernde Entfremdung zwischen dem Dichter und ihm eingetreten ist; freilich war eine Erkältung der anfänglich warmen Sympathie Goethe’s für den jungen Gelehrten bereits vorausgegangen. Seit seinem Rückzug von der publicistischen Thätigkeit hat L. wieder seine ganze Kraft seinem Berufe als Lehrer und Schriftsteller gewidmet. Es ist hinlänglich bekannt, mit welch seltenem Erfolge er [374] noch ein Paar Jahrzehnte hindurch auf dem Lehrstuhle gewirkt hat, darüber herrscht im Grunde nur eine Stimme und in dieser seiner Wirksamkeit muß offenbar mit sein größtes Verdienst gesucht werden. Von seinen späteren litterarischen Unternehmungen steht seine „Geschichte des teutschen Volkes“ oben an, deren erster Band im J. 1825 erschienen ist. Es ist schwer, das rechte Wort für dieses Werk zu finden. Es ist mit hohen Erwartungen aufgenommen worden und zuletzt sind doch Alle, das Publicum so gut als der Verfasser und vielleicht auch der Verleger darüber ermüdet. L. erzählt in der Vorrede zum ersten Bande, er habe sich schon seit langer Zeit mit dem Plane zu einem solchen Werke getragen; der nationale Aufschwung, der auf die Zeit der Freiheitskriege gefolgt ist, scheint in ihm schließlich den Entschluß, ihn auszuführen, gereift zu haben. Und doch hat er sich selbst wieder den Zweifeln, ob der Zeitpunkt zu solch einem Unternehmen richtig gewählt sei, nicht völlig zu entziehen vermocht, und der Ausgang hat gezeigt, daß jene Zweifel hinlänglich berechtigt waren. Jener nationale Aufschwung war bereits im Erlöschen begriffen, und vor allem war es bedenklich, zu der Abfassung einer umfassenden deutschen Geschichte in dem Augenblicke zu schreiten, in welchem eben erst recht begonnen wurde, die Quellen derselben zu sammeln und nach wissenschaftlichen Grundsätzen zu bearbeiten. Dazu kam ein anderes, vielleicht nicht minder bedenkliches: das Werk war in einem viel zu breiten Maßstabe angelegt, so daß auf diesem Wege ein Ende gar nicht abzusehen war und ein viel zu geduldiges Publicum vorausgesetzt wurde, wenn das Werk in dieser Fülle auch nur bis zum Ende des Mittelalters herab geführt wurde, wobei noch immer schwer einzusehen blieb, aus welchem Grunde die Geschichte des deutschen Volkes gerade hier abgebrochen werden sollte. Dazu kam indeß ein noch viel bedenklicheres. L. hatte, als er an die Ausarbeitung ging, von der Schwierigkeit seines Unternehmens kaum eine ausreichende Vorstellung. Dieses geht schon allein aus dem Umstande hervor, daß er glaubte, die Zeit von 1236–1550 in je zwei Bänden darstellen zu können, während er für die Geschichte der vorausgehenden Jahrhunderte 12 Bände verbraucht hatte, eine Berechnung, bei welcher der unendlich reichere Inhalt des 14. und 15. Jahrhunderts offenbar vollständig außer Anschlag gebracht blieb. Ein anderes, schon oft hervorgehobenes Gebrechen des Werkes liegt in dem Mangel der hinlänglich scharfen und systematischen Quellenkritik, der durch die nicht gewöhnliche Kunst der Darstellung leider nicht ausgeglichen oder ersetzt wird. Man kann es zwar zu den Vorzügen der Luden’schen Geschichtschreibung rechnen, daß er, seinem Meister Johannes v. Müller getreu, sich zu einer gerechten Beurtheilung des Mittelalters erhebt, man fühlt sich aber zugleich versucht hinzuzusetzen, daß er hierbei, z. B. in der Auffassung und Darstellung der Conflicte zwischen den Kaisern und der Hierarchie bereits zu Gunsten der letzteren des Guten zu viel thut. Aus diesen und noch mehreren anderen Gründen, die hier nicht weiter verfolgt werden können, ermüdete allmählich die Theilnahme der Nation an dem Werke, und der Verfasser, der sich darüber nicht täuschen konnte, legte mit dem 12. Bande, mitten in der Geschichte Kaiser Friedrichs II. beim Jahre 1237 plötzlich die Feder nieder, ohne sie zu diesem Zwecke wieder aufzunehmen, obwol er noch ein Jahrzehnt lang gelebt hat. Die Bemerkung ist vielleicht am Platze, daß L. nach seiner ganzen Art mehr für die geschichtliche Darstellung der neueren Zeit als des Mittelalters berufen war, und daß er sich durch die Bearbeitung der Geschichte der Revolutionszeit oder dgl. bleibenderen Nachruhm verdient hätte, als durch die Behandlung der mittelalterlichen Epoche der deutschen Geschichte. Es mag aber auch die beginnende Abnahme der Lebenskraft an dieser Ermüdung und Verzagtheit Theil gehabt haben. Nahten doch auch für den einst so rüstigen und rührigen Mann die Tage, die uns nicht zu gefallen [375] pflegen; seine letzten Jahre waren durch Krankheiten getrübt; seit 1845 hat er das Katheder nicht wieder bestiegen, am 23. Mai 1847 ist er gestorben, nicht ein ganzes Jahr vor dem Ausbruch jener stürmischen Bewegung in Deutschland, die sich all’ die Ideale zu verwirklichen vermaß, für welche auch er seine besten Kräfte eingesetzt hatte. Von litterarischen Hervorbringungen Luden’s sind zum Schlusse nur noch seine „Rückblicke“ zu erwähnen, die bald nach seinem Tode veröffentlicht wurden und, zunächst nur für seine Angehörigen bestimmt, recht lehrreiche Aufzeichnungen über eine Reihe interessanter Momente seines Lebens enthalten. Freilich hätte L., wenn er so gewollt hätte, noch viel Wichtigeres aus seinem Leben mittheilen können. So verhältnißmäßig klein der Schauplatz war, auf welchem er sich bewegte, so viel Bedeutendes hat er erlebt und erfahren. Er hat auch nie mehr eine Neigung verspürt, denselben mit einem größeren zu vertauschen, obwol es ihm, unseres Wissens, auch in späteren Jahren an Gelegenheit dazu nicht gefehlt hat. Von Schülern, auf deren Entwickelung er maßgebend eingewirkt hat, ist der Geschichtschreiber Papst Gregor VII. und des deutschen Ordens, Johannes Voigt in Königsberg zu nennen.

Vgl. u. a. den Nekrolog in der Jenaer A. L.-Zeitung, 14. Juni 1847, Nr. 141. – Neuer Nekrolog der Deutschen, 25. Jahrgang 1847, S. 375 ff. – Eichstadii opuscula oratoria, p. XVI-XXII. – (Am gehaltvollsten): Dr. Dietrich Schäfer, Akademische Festrede, gehalten in der Aula zu Jena am 12. Juni 1880 zur hundertjährigen Gedächtnißfeier Luden’s (Preußische Jahrbücher, Bd. 46). – Aus dem Briefwechsel Johannes v. Müller’s mit Luden im Neuen Reich, Jahrg. 1881.