Ein alter Regenschirm

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Titel: Ein alter Regenschirm
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 71,72
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[71] Ein alter Regenschirm. Sieht man die Regenschirme über den Köpfen von Damen und Herren ausgespannt, so sieht man eben nichts Poetisches an ihnen und dennoch haben auch sie ihre Annalen voll Romantik und Legenden. Während der letzten Insurrection zu Gunsten des Don Carlos wurde auch ein Angriff gegen den Sommerpalast des Marquis de la S– gemacht, welcher zu der Zeit in einem anderen Theile des Landes für die Sache der Königin thätig war. Seine Tochter, die verwittwete Gräfin F–, war mit der Dienerschaft allein im Schlosse. Als man ihr die Nähe des Feindes meldete, versammelte sie alle Männer, die etwa fähig waren, ihres Vaters Eigenthum zu vertheidigen. Sie ließ Thüren und Fenster verbarrikadiren und sonstige Maßregeln treffen, um der Gefahr zu begegnen. Dennoch wurde sie, bevor sie sich recht in Vertheidigungszustand zu setzen vermocht hatte, überrascht und aus Mangel an Munition gezwungen, sich mit ihren Vertheidigern zu übergeben.

Kaum war der Feind in das Schloß eingerückt, als er auch Excesse beging, welche die Gräfin zu dem Entschlüsse brachten, lieber zu sterben, als in die Hände der Feinde zu gerathen. Getrieben von Zimmer zu Zimmer und nach einem Orte suchend, in welchem sie vor ihnen sicher sein dürfte, [72] flüchtete sich zuletzt die arme Gräfin in ein kleines Closet, welches seit vielen Jahren als Rumpelkammer diente, und hoffte, da unentdeckt zu bleiben. Doch gar bald spürten die Feinde der reichen Erbin, auf die sie es insbesondere abgesehen hatten, nach und fanden ihren Versteck. Das Freudengeschrei, welches die Verfolger bei ihrem Anblick ausgestoßen hatten, zeigte es der Entsetzten an, die in ihrer Todesangst die Augen geschlossen hatte, wie wenn sie dadurch der Gefahr zu entgehen vermöchte.

Die Arme hatte sich hinter einen Pfeiler von Koffern und Bretern versteckt; diese schieden sie von der brutalen Soldateska. Aber wie langte konnte diese Barriere sie von ihr trennen? In ihrer Verzweiflung blickte sie um sich her nach einem Vertheidigungsmittel, durch welches sie im Stande wäre, die Feinde abzuhalten, bis sie das Fenster erreicht hatte, entschlossen, lieber zu sterben, als sich den Brutalitäten dieser gesetzlosen Bande auszusetzen. Ihr Auge fiel auf einen alten, längst nicht mehr benutzten Regenschirm, der ihrem Vater gehörte und eben so staubig als von Motten zerfressen war. Diesen ergriff sie und stürzte nach dem Fenster in dem Augenblicke, als es dem Entsetzlichsten ihrer Verfolger gelungen war, sich durch die Barriere, die ihn von ihr trennte, durchzuarbeiten. Als sie bei seiner Annäherung den alten Regenschirm gegen ihn erhob, lachte er hell auf, dennoch bewirkte sein dadurch erregtes Erstaunen, daß er einen Schritt zurücktrat. Dieser Moment war es, in welchem die Gräfin auf die Fensterbrüstung sprang und dem Griffe des Soldaten nach ihren Kleidern entging; der nächste sah sie hinabstürzen.

Mit einem Schrei des Entsetzens stürzten die Verfolger nach dem Fenster, überzeugt, den schönen Leib der Gräfin auf dem Pflaster des Hofes zerschmettert zu sehen. Aber der alte Regenschirm, den sie noch fest in ihrer Hand gehalten, hatte sie vor Tod und Entehrung gerettet. Im Falle war er aufgegangen, hatte die Luft erfaßt und sie so unbeschädigt auf den Boden gebracht, von wo sie sogleich dem Thore zueilte, während die Soldaten voll Erstaunen über diese, ihnen fast wie ein Wunder erscheinende Begebenheit ihr nachblickten, ohne auch nur einen Fuß zu ihrer Verfolgung zu erheben. Inzwischen fand die Gräfin eine Zuflucht in der Hütte eines zum Gute gehörigen Bauern.

Die Gräfin ist jetzt wieder verheirathet und lebt am Hofe der Königin Isabella, wo sie eine der ersten Stellen einnimmt; der alte Regenschirm aber befindet sich in der Kirche des heiligen Isidor, wo er, reichlich verziert mit Gold und Perlen, hinter dem Altare der Mutter Gottes als Votivopfer hängt.

Alljährlich begibt sich die Gräfin mit ihren Kindern an dem Tage, da sie dem Tode und der Entehrung entging, in diese Capelle und der alte Regenschirm wird über der knieenden Gruppe ausgespannt gehalten, während der Priester seinen Segen spricht und die Glocke fröhlich zu Ehren der heiligen Jungfrau und des Regenschirmes tönt; denn jene war, so fühlte die dankbare Gräfin, die Retterin, dieser das wunderbare Mittel der Rettung.

In katholischen Ländern hat jede Corporation einen Heiligen zum Patron – und der heilige Medardus ist der Patron der Regen- und Sonnenschirmmacher. Daß diesen die Wahl traf, wird der Legende nach folgender Begebenheit aus dem Leben zugeschrieben. Eines Tages in Mitte des Sommers befand er sich mit mehreren Andern auf dem Felde, als plötzlich ein heftiger Regen niederfiel, welcher seine Begleiter in einigen Augenblicken bis auf die Haut naß machte, während er nicht nur trocken blieb, sondern auch sich nicht einmal bewußt wurde, daß es regne. Ein Adler von ungeheurer Größe schwebte in kurzer Entfernung über seinem Haupte mit ausgebreiteten Flügeln und schützte den heiligen Mann vor dem Regen, indem er ihn, immer über ihm schwebend, bis zu seiner Wohnung begleitete.

Die Kirche des heiligen Medardus in Paris besaß vor der großen Revolution einen Altar, welchen die Gilde der Regen- und Sonnenschirmmacher ihm geweiht hatte. In der von Mercier gegebenen Beschreibung dieser Kirche wird erzählt, daß sie merkwürdig war wegen eines sonderbaren Regenschirmes, welcher in der Form eines Domes den Altar des heiligen Medardus beschattete und so construirt war, daß er in einem Augenblicke aufgespannt wurde, obgleich er dann eine solche Größe erhielt, daß bequem sechs Mann darunter stehen konnten; zusammengezogen bildete er einen Baldachin mit Straußfedern auf der Spitze, die sich sehr artig ausgenommen haben sollen.