Ein alter Sonneberger Kaufherr

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Titel: Ein alter Sonneberger Kaufherr
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 144–148
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein alter Sonneberger Kaufherr.[1]


Die von Nürnberg, der Mutter aller deutschen Spielwaarenstädte, zuerst vor anderen Concurrenten emancipirten Sonneberger Kaufleute betrieben anfangs lediglich Meßhandel, und da bekanntlich ehedem jede größere Stadt ihre Messe hatte und die Sonneberger Spielwaaren überall guten Absatz fanden, so zogen sie lustig von einem Meßplatze zum andern. Die Sonneberger Spielwaaren, buntfarbig bemalt, „ergötzlich“ und „g’spaßig“ anzuschauen, galten überall und allezeit als „Nürnberger“ und [146] wurden vorzugsweise gekauft. Aber nicht auf den Handelszügen, sondern daheim im Comptoir und Haus wollen wir einen solchen Kaufherrn betrachten. Sie hatten, einer wie der andere, ihre eigenen Manieren, als junge wie als alte. Wenn nämlich ein solcher alter Sonneberger es auch über sich vermocht hatte, die Söhne in das Geschäft aufzunehmen, oder dasselbe ihnen abzutreten, so arbeitete er dennoch nach wie vor auf gewohnte Weise bis an sein Lebensende fort und behielt sich „das Recht der Disposition“ wohl ebenso lange vor. Der Grund, warum die alten Kaufherren auf ihre kaufmännische Wirksamkeit nicht verzichten wollten, lag aber weniger in der Gewohnheit, thätig zu sein, und in der Einbildung, daß ihre Söhne ohne sie nicht „reüssiren“ würden, als hauptsächlich in der Unzertrennlichkeit von ihrem Comptoir. Dieses hatten sie sich nach Jahrzehnten so gemüthlich und gemächlich eingerichtet, daß sie sich förmlich dahin sehnten, wenn Krankheit eine Zeitlang sie an ihre Wohnstube gefesselt hielt. Dort im Comptoir und nicht in der Wohnung, wo sie von der Familie gestört wurden, fröhnten sie all den Liebhabereien, auf die sie in ihren jüngeren Jahren im Voraus sich gefreut hatten.

Einen solchen alten Kaufherrn näher kennen zu lernen, wollen wir ihn nun in seinem Comptoir beobachten.

Zu dem Zwecke müssen wir früh aufstehen, denn bald nach Tagesanbruch geht er dahin, sein alter Spitzhund vornweg, die Katze hinterdrein.

Der Anzug des Kaufherrn besteht aus einem langen Kittel mit über die Schultern herabhängendem Kragen, von hausleinenem, naturfarbigem Stoffe, verblichen und schmutzig, weil der Alte seiner würdigen Ehehälfte den Gefallen nicht thut, ihn auch nur ein paar Tage zur Wäsche abzulegen. Der Kittel war ein Frankfurter und hatte früher auf den Meßreisen als Staubmantel gedient. Er ließ ihn jahrelang flicken und an den Ellenbogen beflecken aus treuer Anhänglichkeit. Mit der Zipfelmütze und den alten Filzpantoffeln verhielt es sich ähnlich.

Der erste Blick unseres Comptoirherrn ist auf seine Singvögel gerichtet, die in zahlreichen, großen und kleinen Käfigen an die Fenster und Luftlöcher gehängt, zwitschernd und hüpfend ihre Freude verkünden, daß ihr pünktlicher, sorgsamer Schutzherr sie eigenhändig füttern wird. Jeden Vogel durch Zunicken freundlich begrüßend, hat er für jeden einen Schmeichelnamen, wie: „Mätzle“, „Zirrle“, „Pfuitz“, „Dom“. Zunächst sucht er aus dem alten Mehlwürmertopf eine Portion der fettesten Würmer, drückt ihnen mit dem Nagel des Daumens die Köpfe entzwei und reicht sie der Lüdellerche und dem Rothkehlchen, die gierig ihre Mahlzeit verschlucken. Der Stieglitz und der Buchfink bekommen einen anderen Leckerbissen. Der Gimpel pfeift schon einige Strophen vom Lieblingsliede des alten Herrn: „Guter Mond, du gehst so stille“ ohne Stocken recht schön, genau so, wie dieser täglich mehrmals es ihm vorpfeift.

Solche abgerichtete Gimpel bekamen alte gute Geschäftsfreunde zum Geschenk, und der Abschied von einem solchen Vogel, wenn der Sohn ihn mit sich auf die Messe nahm, kostete dem Alten ein paar Thränen. Der Briefwechsel zwischen Vater und Sohn behandelt in erster Reihe des Vogels Befinden, und zwar angelegentlicher, als das der Familie, dann erst das Geschäftliche.

Von den Vögeln geht’s zum Wetterpropheten, dem Laubfrosche im Glase am Fenster. Er sitzt auf der obersten Sprosse der Leiter, über dem Wasserspiegel, darob der Alte sich freut, da dies schönes Wetter bedeutet. Und er fängt ihm nicht ohne Mühe drei Fliegen, die er lebend durch ein Löchlein der Papierdecke in’s Glas prakticirt. Wie sie der Frosch erschnappt und verschluckt, das sieht sich der Alte mit an, und sollte es ihm eine halbe Stunde Zeit kosten.

Unterdessen hat die Hausmagd des Herrn altgewohntes Frühstück, „Warmbier mit Ingwer“ gebracht und auf den im Winter wie im Sommer zur frühen Morgenstunde geheizten Ofen gestellt, den der Alte selbst mit Holz bedient, um sein Warmbier warm zu erhalten.

Das Nächste ist, seinen Tabak, die Pfeifen und den Schnupftabak herzurichten, Vorbereitungen zu den Tagesgenüssen, die der Alte mit gleicher Sorgfalt, aber größerer Umständlichkeit besorgt, als die Hausfrau in der Küche die Speisen. Vom Rollenkanaster wird für den Tag so viel geschnitten, daß die Blechdose und der Bocksbeutel voll werden. All’ die thönernen Pfeifen auf dem Eckgestelle und die daneben an der Wand hängenden Ulmer, deren silberbeschlagene Köpfe theilweise mit den Merkur-Emblemen und reichen Verzierungen kunstvoll beschnitzt und dem Alten beinahe das Theuerste und Liebste auf Erden sind, werden geputzt, gereinigt, die Rohre zum geöffneten Fenster hinaus durchblasen und die Köpfe durch Aufklopfen am Fensterbrette von Asche entleert, ein Geräusch, das die gegenüber wohnende Familie regelmäßig an das Aufstehen mahnt, da es nun sechs Uhr ist.

Damit ist auch die Zeit für den Kaufherrn gekommen, dem ersten, frischen Genusse seiner Tabakspfeife sich hinzugeben. Mit Stahl und Feuerstein wird der Schwamm entzündet und schmunzelnd die Pfeife damit in Brand gesetzt. Nach den ersten sechs Zügen holt er seine mit Achatsteinen besetzte dreigehäusige, dickbauchige Taschenuhr, die er an breiter Silberkette, mit Uhrschlüssel und rubingläsernem Petschaft behängt, stets bei sich trägt, aus der Hosentasche und zieht das Uhrwerk bedächtig auf. Indem er die Uhr an’s Ohr hält, mustert er seine Hausapotheke und sieht, ob Alles im Comptoir an seinem Platze steht. Auf Regalen und alten Schränken sehen wir verschiedene große und kleine Flaschen, Krüge und Gläser mit allerlei farbigen Flüssigkeiten darin. Alchymist ist der Alte just nicht, obschon er zu dieser Kunst mehrmals Anlauf genommen hat. Dagegen bereitet er selbst seine Schuhwichse und ‑Schmiere, Baumwachs, Fleckseife, Tinte in allen Farben, Lebenselixire, einen ausgezeichneten Magenbittern, Ameisenspiritus, Pflaster für alle Wunden und für Hühneraugen. Er würde, das steht fest, „gar viel mehr Mannigfaltiges zum Besten der Menschheit produciren können“, wenn er nur die Zeit dazu hätte. In der That besitzt der alte Herr einen Schrank voll alter Receptbücher, die er vor drei Jahrzehnten in Frankfurt antiquarisch gekauft hat.

Aber auch künstlerischen Beschäftigungen hat sich derselbe in seinen Mußestunden hingegeben. Denn die Schachtel- und Koffermalerkunst, die sogenannte Wismuthmalerei, wie sie sein Vater und Großvater schon betrieben, ist frühzeitig ihm eingeimpft und auf ihn vererbt worden. In der That trieb er als angehender Kaufmann das Malerhandwerk neben seinem Handel fort, wie dies fast bei allen Sonneberger Kaufleuten des achtzehnten Jahrhunderts geschah, daß sie dem Handwerke ihrer Eltern, der Wismuthmalerei oder dem Wetzsteinmachen, treu blieben. Die Kaufherren setzten natürlich einen Werth darein, mit ihrer Kunst über der des Malerhandwerks zu stehen. Bei diesem war sie am meisten ausgeprägt im Bemalen großer Schachteln und Koffer mit Blumen, Landschaften, Jagdstücken und Figuren. Einem jeden Gemälde war für Jungfrauen oder Frauen, Jünglinge, Ehemänner oder Hagestolze ein von dem Maler selbst gedichteter Knittelvers beigeschrieben, meist so naturwüchsig derber Art, daß darob manche Klage von außen einlief: „sintemal züchtige Jungfrauen und Frauen solche Schachteln nicht ansehen, geschweige gar kaufen möchten“.

Der über dem Schreibpulte des Kaufherrn prangende immerwährende Kalender, mit buntfarbiger Schrift und Goldarabesken, ist von seiner Hand. Auf den vier Seiten des Rahmens stehen die Namen der Familienmitglieder bis zurück zu den Urgroßeltern sammt ihren Geburts- und Sterbetagen verzeichnet, in jeder der vier Ecken ein Denksprüchlein in Goldschrift, unten in der Mitte sehr leserlich sein Name, die Jahreszahl und das „ipse fecit“, das deutlich auf allen den Leimfarbe-Bildern hervortritt, womit der alte Herr seine Wohnstube und Gastzimmer vollgehängt hat.

Wer sich für seine Gemälde interessirt und sie von ihm sich erklären läßt (es sind Ansichten von Städten, die er auf seinen Reisen besucht hat), der steht gut bei ihm angeschrieben und den beschenkt er obendrein mit einem Schächtelchen seiner Schuhwichse oder er giebt ihm einen Magenbittern.

Unterdessen hat der Kaufherr das Warmbier zu einer Pfeife Tabak sich gut schmecken lassen, und seine Arbeitszeit beginnt. Die mächtige Tintenbüchse wird geschüttelt, die Streusandbüchse zur Hand gerückt. Die Kielfedern werden geschnitten und die bestgelungene wird unter einem tiefen Athemzug hinter’s Ohr unter die Zipfelmütze gesteckt. Die Briefe von der letzten Coburger Mittwochs-Botenpost werden geordnet, zur Beantwortung innerhalb drei Tagen für den nächsten Sonntags-Briefboten. [147] Und in die Bücher wird Alles bis zur Stunde eingetragen, was in der Strazza steht. Dann wird das Bestellungsbuch durchgesehen. Die an die Ablieferung von Waaren zu mahnenden Arbeiter werden notirt und die neu ausgeschriebenen, auszutragenden Bestellungszettel in die Tasche gesteckt; denn da der Frosch schönes Wetter, als für den ganzen Tag beständig, angekündigt hat, so ist der Vorsatz gefaßt, Nachmittags gleich nach dem Schläfchen die Wege selbst zu thun und Alles bestens selbst zu besorgen, die Pfeifenmacher in Mengersgereuth, die Schachtelmacher in Steinach oder die Nagelschmiede in Oberlind persönlich aufzusuchen.

Gleich nach dem Mittagsschläfchen tragen die Töchter Alles zusammen, was der Vater zum Anzug und zur Toilette braucht. Sie pudern ihn und zupfen, putzen und bürsten so lange an ihm herum, bis er ungeduldig wird und die Mutter kommt, um den „Vater“ von Kopf bis zu Fuß endgültig zu mustern und alles gut zu heißen. Mit dem steifen Zöpfchen an der altmodischen Perrücke, den Dreimaster darüber, im grasgrünen, langen Tuchrock, weißen Wadenstrümpfen, Schuhen mit großen silbernen Schnallen, mit gesteiftem weißem Jabot, weit über die gestickte Schooßweste hervorstehend, – so tritt der ehrwürdige Kaufherr, Neunerherr und Schützenmeister zugleich, auf die Straße. Ihm ist’s in solchem Moment, als stünde seinetwegen in der ganzen Straße aller Handel und Wandel still, als ob alle Leute, auch die an den Fenstern, auf ihn schauten und einander fragten, wohin der alte Herr wohl gehe. – Er aber kümmert sich um Niemand. Aus der hinteren Rocktasche schaut die Tabakspfeife; in der anderen bauscht der Tabaksbeutel mit heraushängendem Pfeifenstürer; aus der rechten Schooßtasche hängt das buntgedruckte, baumwollene Schnupftuch auffällig breit entfaltet; in der anderen birgt sich, sorgsam in Papier gewickelt, der Abendimbiß, bestehend aus einem Stück Schwarzbrod und einem Kuhkäse.

So geht der Alte am hohen Spazierstocke mit großem silbernem Knopfe bedächtig seines Wegs stundenweit, – wohl wissend, daß er bei so schönem Wetter mehrere seiner Sonneberger Collegen in dem Dorfe treffen werde, daß Pfarrer und Schulmeister zeitig im Wirthshause sich einstellen, mit den Herren aus der Stadt einen Tarok zu karten, weshalb er sich mit Pfennigen und Hellern aus der Ladencasse seiner Frau sattsam versorgt hat, sowie auch mit einer frisch gefüllten Dose echten Sentemir (St. Omer), aus welcher Pfarrer und Schulmeister im Laufe des Kartenspiels sich oftmals erquicken und zum Schluß und Abschied, wenn um sechs Uhr das Abendglöcklein läutet, jedesmal noch eine Doppelprise nehmen.

Unter der Sonneberger Kaufmannschaft stand als Grundsatz fest, daß neben jeder Großhandlung ein Kleinhandel zu betreiben sei. Jener sei riskant und häufig Conjuncturen unterworfen, zumal Sonneberger Waaren Luxusartikel seien, die Niemand zu kaufen brauche; der Handel mit täglichen Gebrauchsartikeln und Lebensmitteln aber sei auch zu schlechten Zeiten beständig, denn Jedermann müsse sie kaufen, um zu leben. – So räsonnirte man. – Ferner galt das Princip: daß der Mann und die Söhne die Großhandlung betreiben, die Frau und die Töchter das Kleinhandelsgeschäft, den Laden zu führen haben, beide Geschäfte ohne wesentliche fremde Beihülfe, weniger aus Furcht vor Veruntreuung, als vor Schädigung des geschäftlichen Interesses, denn Geheimhaltung der Kundschaft, der Einkaufs- und Verkaufspreise waren Regeln, die als klug und weise galten und streng befolgt wurden. Also wurde das einer Sonneberger Großhandlungsfirma zugehörige „Specerei-, Material- und Schnittwaarengeschäft“ von der Hausfrau allein geführt, selbstständig und meist ohne irgend welche Beihülfe seitens des Gemahls oder der Söhne.

Ueberhaupt waren die Sonneberger Kaufmannsfrauen des vorigen Jahrhunderts innig mit dem Händel verknüpft; ihr Antheil an der geschäftlichen Prosperität des Hauses war ein wesentlicher. Wie viele Fälle weist die Sonneberger Handelsgeschichte auf, da nur zu frühzeitig des Kaufherrn Großgeschäft eingegangen war, während das Ladengeschäft seiner Frau blühte und lange noch reichlich lohnte, zum Glücke der Familie. Wie viele Handlungshäuser unserer Zeit verdanken ihre Wohlhabenheit, oder doch ihren Aufschwung dem Kleingeschäfte der Großmutter, ihr auch zugleich den günstigen Einfluß, daß die Enkel sparsam blieben bis auf den heutigen Tag. So manche Anekdote und Geschichte von der geistigen Ueberlegenheit der Frauen, von ihrer Energie und Thatkraft, die sie ihren Männern gegenüber im Geschäfte entwickelten, leben durch Tradition als „Lieder vom braven Weibe“ in Sonneberg fort.

Die Wirksamkeit jeder tüchtigen Kaufmannsfrau erstreckte sich im wohlgeordneten Haushalte nicht blos auf das Erhalten dessen, was der Mann verdiente, vielmehr zugleich auf Selbsthandeln und Selbstverdienen, wenigstens dessen, was der Haushalt kostete. Und was zu einem wohlgeordneten Haushalte damals und noch bis in’s erste Drittel unseres Jahrhunderts gehörte und wie außerordentlich verzweigt und daher anstrengend ein solcher für die Frauen und die erwachsenen Töchter war, davon wissen heutzutage aus Erfahrung nur noch Wenige zu erzählen.

Die Erziehung der Töchter leitete die Mutter. Aus der Schule entlassen, hatten die Töchter alle häuslichen Arbeiten zu erlernen und später theilweise allein zu verrichten. So in der kleinen Feldwirthschaft, die bei keinem Hausbesitzer und Familienvater fehlen durfte, wenn er für wirklich haushälterisch gelten wollte. Ein Acker mußte den Hausbedarf an Kartoffeln liefern, ein zweiter das Korn, das der Mahlmühle zugemessen wurde, zu Mehl für’s hausbackene Brod, das bessere für den Sonntagskuchen, den „Striezel“. Eine Kuh, oft zwei, wollte weder der Hausherr noch die Hausfrau missen. Jener hielt etwas auf einen guten Kuhkäse, den Niemand so gut zu machen verstehe, wie seine „Alte“, diese auf ein gutes Tröpfchen Rahm zu ihrem Kaffee und auf ein frisches Stückchen Butter, der übrigen Annehmlichkeiten einer Milchkammer gar nicht zu gedenken. Der Hausgarten, so klein und unvortheilhaft er hinter’m Hof zwischen Häusern lag, lieferte die vegetabilischen Zuthaten zu allen Gerichten; dazu noch Johannis- und Stachelbeeren, Aepfel, Birnen und Zwetschen. Der alte Herr verstand das Oculiren und Veredeln der Obstbäume, wozu er sich die Fechser von Bamberg mitgebracht hatte.

Hauptsache war noch, daß alljährlich ein selbstgemästetes, fettes Schwein „in’s Haus“ geschlachtet wurde, denn der Alte war an seine Majoran-, Zwiebel- und Knoblauchswürste gewöhnt und mochte keine anderen. Hatte er doch vor Jahren, als er die Messen noch bezog, seinen Bedarf an Wurst auf einen Monat mit nach Frankfurt genommen und kaufte sich dort täglich einen Teller Suppe oder Gemüse dazu. Die Würste waren geräuchert und wurden eher steinhart, als daß sie verdarben.

Höher als solche Genüsse schätzte die Hausfrau das nützlichste vom Schwein, den Speck. Ihr war es ein Gräuel, solchen beim Metzger kaufen zu müssen, denn der war unverschämt theuer damit. Ihr war schon die Ausgabe für den Rindertalg zu viel, den sie zum Lichterziehen brauchte; daher machte sie alle Knochen dem alten Spitzhund streitig und verwerthete sie zur Fabrikation ihrer vorzüglich bewährten Hausseife. Fleisch und Speck vom Schwein wurden eingesalzen und geräuchert, daß Alles bis zum Spätherbst reichte. Mehr als ein halbes Pfund wurde an den Wochentagen nicht consumirt; trotzdem kam immer ein fingergroßes Stück Fleisch auf jedes Kind und auf die Magd, nur Sonntags und Mittwochs etwas mehr, wenn es rohe Kartoffelklöße gab, dem alten Herrn zu Liebe und auf seinen Befehl. Dann legte er vom Braten etwas reichlicher vor. Der Hühnerhof und der Taubenschlag versorgten die einfache Küche auch so ziemlich. Ueberdies erlangte die Hausfrau auf dem Markt stets ein Ei mehr für den Batzen, als andere Frauen, und kaufte überhaupt billiger und vortheilhafter ein, denn sie verstand das Handeln.

Während der langen Winterabende wurde von der Hausfrau, den Töchtern und der Magd Flachs gesponnen und zu Strähnen geweift, die der Leinweber vorgezählt erhielt. Daraus wurde für die Familie Tisch-, Bett- und Hemdenzeug auf ein Jahr hinaus angefertigt, denn der Inhalt des Wäscheschrankes, wie der des Zinnzeug-Glasschrankes einer jeden Familie war im ganzen Städtchen bekannt. Er war der Gradmesser häuslicher Ordnung und des Wohlstandes eines Hauses, den zu erhalten und zu vermehren respectable Hausfrauen sich über Alles angelegen sein ließen. Außerdem strickten Frau und Töchter emsig Strümpfe oder stopften die schadhaften; am Tage aber wurde die vom Haushalt und Laden übrige Zeit zu Näharbeit verwandt, denn das selbstgesponnene hausleinene Kleiderzeug verstanden sie auch selbst zuzuschneiden, und so war der solide [148] Hausstaat ausnahmslos „selbst gemacht“. Abends wurden dann wohl auch wieder die gesammelten Gänsefedern geschlissen, neue Betten damit zu füllen, aus dem ordinären Kaffee im Laden die besten Bohnen ausgesucht, zum Verkauf als Prima-Qualität, und die Linsen „gelesen“’ (gesäubert) zum Mittagsbrod des nächsten Tages. Im Spätsommer gab es wieder andere Beschäftigung. Obst wurde geschält, geschnitzt und gedörrt; auch Runkeln als Zusatz zum Kaffee wurden gedörrt, Sauerkraut und Gurken in Fässern, Preißelbeeren, Heidelbeeren und Weichseln in Töpfen eingemacht, denn davon wurde jährlich sehr viel verbraucht zur Labung armer Kranker, von denen man natürlich kein Geld nahm. Alles das hatten die Töchter zu machen gelernt und waren auch im Kochen perfect, d. h. sie konnten außer den gewöhnlichen Speisen auch Gastmähler bereiten, Serviettenklöße mit Rosinensauce, Pudding mit Hiftensauce tadellos herstellen, ohne Hülfe der Mutter. Nur den Schwarzenbeerwein, meinte diese, brächten ihre Kinder nicht so heraus, wie sie. Die alte Dame bildete sich auf ihren Wein eben so viel ein, wie der alte Herr auf seinen Magenbittern, „den kein Hofapotheker auch nicht so herausbrächte“, wie er versicherte.

Werfen wir noch einen Blick in das Comptoir, so sehen wir den alten Diener an seinem Pult, auf hohem Schraubstuhl sitzend, in alten Hausschuhen, abgetragenem, vergilbtem Tuchrock mit über die Aermel gezogenen grünleinenen „Schreibärmeln“. Auch er hat im Comptoir allerlei zur Kurzweil um sich herum. Ein Paar Eichhörnchen mit Hütte aus Rinde und Moos gebaut auf dem Fensterbret, zwei drollige Finkmeisen in großem Haus mit Tretmühle darin und einen fettgefütterten alten Kreuzschnabel (Krienitz), der „vor’s Rothlauf“ schützt. – Der alte Herr findet selbst Spaß an solcher Liebhaberei seines Michel’s und gönnt sie ihm.

Michel, so heißt der treue buckelige Diener, hält, genau wie sein Herr, auf zuverlässige Arbeit und ist deshalb wie jener sehr langsam. Ihm liegt ob: das Schreiben der Preiscorrente, der Facturen, der Avis- und Frachtbriefe, die Führung der Weißmacher- und Malerlieferbücher und des Packbuches. Auch überschreibt er die Waarenpaquete mit den Nummern und der Benennung des Inhaltes in der Einbindstube. – Am glücklichsten fühlt er sich, wenn die Töchter in der Einbindstube zur Aushülfe Spielsachen in Papier wickeln helfen, mit ihm scherzen oder ihm gar ein Liedlein singen, wenn der Vater nicht zu Hause ist.

Wir sehen also den Michel im Comptoir, zwar wie immer in seine Arbeit vertieft, aber diesmal, da der alte Herr „über Land“ gegangen ist, über einer Lieblingsbeschäftigung. Holzspähnchen und Handwerkszeug liegen um ihn herum, und treten wir näher, so sehen wir, daß er Vogelkäfige reparirt und eine Mausfalle schnitzt. Denn ihm, dem Michel, war der Mausefang im ganzen Hause anvertraut, von der Speisekammer bis hinauf unter’s Dach, wo die Spielwaaren lagerten. Und er besorgt ihn gewissenhaft und mit viel List, deren er sich unter seinen Collegen gern rühmte, denn die Mäuse waren die ärgsten Feinde eines jeden Sonneberger Spielwaarenhändlers. Sie strebten den Teigmassespielwaaren als Leckerfraß nach, weil die Teigmasse aus Brodmehl und Leim bestand, und so kam es nur zu häufig vor, daß Mäuse unter dem Schutze der Papierhüllen allen Reiterlein die Köpfe, Arme und Beine abgefressen hatten, wenn man diese für’s Ausland in Kisten verpacken wollte.

Wie oft exportirte Sonneberg zahlreiche Mäusefamilien lebendig in den Paqueten, worin sie „ihre Wohnung nebst Schlaf- und Speisekammer“ aufgeschlagen hatten und sich urgemüthlich befanden. Und wie ärgerten sich die Sonneberger Kaufherren, wenn der Besteller schrieb, daß man statt Reiterlein lebende Mäuse mit den Jungen geschickt habe, die während der Reise den Inhalt aufgezehrt hätten! – Nicht genug – die Teigmassespielwaaren hatten noch eine den Handel nicht minder gefährdende Eigenschaft. Auf dem Transporte zu Wasser verschimmelten sie leicht, und Milben erzeugten sich in der Teigmasse selbst. Solch Mäuse-Aergerniß war die einzige Veranlassung, daß dem alten Kaufherrn von Zeit zu Zeit ein derber Fluch über die Lippen fuhr, der den armen Michel jedesmal wie ein Blitzstrahl streifte. Darauf hin verspürte er nicht eher wieder frischen Lebensmuth, als bis er die Missethäter gefangen und dem alten Herrn lebendig ausgeliefert hatte.

Dieser beeilte sich alsdann seine alte Katze zu wecken, die zumeist auf dem Lehnsessel beim Ofen schlafend lag. Er hielt ihr die geöffnete Mausfalle vor Nase und Augen, auf daß sie die Maus erhasche. Die alte Katze aber war zu unbehend und zu faul geworden: – die Mäuse entwischten ihr regelmäßig. – Nun waren sie im Comptoir dem alten Herrn erst recht zum Aergerniß, denn jetzt war auch sein Frühstück, Schwarzbrod mit Speck, im Schubfache seines Pultes nicht mehr sicher vor ihnen, und er schwor Rache den vermaledeiten Mäusen, die erst seine Reiterlein und zum Dessert auch seinen Speck verzehrten. Das ganze Geschäftspersonal wurde zur Mäusejagd in das Comptoir gerufen; jedes Löchlein wurde verstopft und jede Person erhielt einen Besen zum Zuschlagen, wenn die Maus ihr nahe käme.

Der Leser wolle über unsere Mäusegeschichte nicht voreilig urtheilen und sie belächeln, denn: waren die capitolinischen Gänse für Rom ein Sporn zur Wachsamkeit, so waren die die Teigspielwaaren fressenden Mäuse für Sonneberg eine Ursache der Strebsamkeit und des Nachdenkens und dadurch mittelbar ein Hebel seines Fortschritts.



  1. Mitgetheilt als Probe aus A. Fleischmann’s „Culturgeschichtlichen Bildern aus dem Meininger Oberlande“, von welchen demnächst das zweite Heft erscheinen wird.