Ein aussterbender Waldbaum im Oberharz

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Textdaten
Autor: Heinrich Morich
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Titel: Ein aussterbender Waldbaum im Oberharz
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aus: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Jahr 1935 S. 4344
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Ein aussterbender Waldbaum im Oberharz


[43]      Wer von Bad Grund aus den sagenumwobenen Hübichenstein am Abhange des Ibergs besucht, findet am Wege nach dem Winterberge einen merkwürdigen Baum, der zum Schutze gegen Beschädigungen mit einer Umzäunung versehen ist. Bei flüchtiger Betrachtung könnte man ihn für eine Tanne halten, trägt er doch als Belaubung die charakteristischen Nadeln, welche flach und dunkelgrün erscheinen und an den Zweigen kammförmig angeordnet sind. Daturch sieht er der Weiß- oder Edeltanne, deren Nadelblätter ebenfalls zweizeilig gestellt sind, sehr ähnlich. Aber bei näherer Untersuchung fällt uns seine eigentümliche Form auf, die von der Harzer Tanne ganz erheblich abweicht.

     Der Baum ist klein, kaum sechs Meter hoch, und erscheint wie ein Zwerg zwischen den hochgewachsenen Tannen und den kräftig entwickelten Buchen. Und jetzt stehen wir auch, wie sich Stamm und Äste von denen unserer Tannen unterscheiden, und wie sich die Nadeln ihre Eigentümlichkeiten bewahrt haben. Der Stamm ist verknorpelt und verbuckelt, und die blaugraue Rinde löst sich hier und da in großen Platten ab. Die Zweige stehen zerstreut und streben in seitlicher Richtung nach auswärts. Die immergrünen Nadeln sind linealförmig, lederartig und kurz stachelspitzig. Ein echter Nadelbaum und doch ein Fremdling inmitten unserer heiischen Fichten- und Laubwälder!

Eibenbaum am Iberg

     Diese Naturseltenheit ist der Eibenbaum (Taxus baccata), der sich nur noch in wenigen Resten in der Umgebung Grunds findet. Auf der Höhe des Winterberges bei der Schutzhütte, dem „Pavillon“, steht ein zweites Exemplar in Baumform, das ebenfalls mit einer Umfriedung versehen ist. Man hat sie so geschützt, weil man diese Naturdenkmäler gern erhalten möchte. Am Iberge sind besonders die beiden Eiben auf der Pfannenbergs-Klippe, etwa 20 Meter unterhalb der Tropfsteinhöhle, bekannt, die aber mehr in Strauchform erscheinen. Hier zeigt sich zur Herbstzeit der Unterschied der Eibe von den stammverwandten Nadelhölzern auf das augenscheinlichste durch die prächtigen Scheinrüchte, scharlachrote Beeren, die wie Korallenperlen aus dem satten Grün der Nadeln hervorleuchten.

     Die übrigen Eibenbüsche stehen, abgesehen von einem kräftigen Exemplar am Königsberge, an versteckten Stellen am südöstlichen Abhange des Iberges. Der Name deutet darauf hin, daß dieser Berg, der heute durchweg mit Buchen bestanden ist, in früheren Zeiten eine große Anzahl von Eiben gehabt haben muß. Die Eibe heißt im Plattdeutschen Ive oder Ibe, wovon die Bezeichnung Ibenberg und Iberg, d. h. Eibenberg, leicht abzuleiten ist.

     Im Harz kommt die Eibe außer diesen Exemplaren bei Grund nur noch im Bodetale als starker Baum vor. Hier befinden sich etwa 6.000 Stämme, die an den steilen Abhängen des rechten Ufers, sowie in den engen Schluchten, in denen zwischen dem Hexentanzplatze und dem Dammbachhause die Gewässer der Bode zueilen. Der ganze Waldbestand ist durch Verfügung der Forstverwaltung von jeder Nutzung ausgeschlossen; er ist sich völlig selbst überlassen, ein urwüchsiger Wald, der als Naturdenkmal erhalten werden soll.

     Es ist nachgewiesen, daß dies Baumgeschlecht einst eine große Herrschaft über die Erde besaß und auf Jahrtausende in der Geschichte zurückblicken kann. Von den britischen Inseln, dem mittleren Norwegen, Schweden und Rußland zogen sich die Eibenbestände südwärts bis an die Gestade des Mittelländischen Meeres, ja noch weiter, bis nach Vorderasien und den Himalaya.

     Heute ist dieses berühmte Baumgeschlecht im Aussterben begriffen, man findet seine Reste in Deutschland nur noch zerstreut, und auch die [44] paar Exemplare am Iberge scheinen dem sicheren Untergange geweiht zu sein. Wie in der Geschichte der Völker, so geht es auch in der Entwicklung der Natur: Geschlechter kommen und gehen, und das Dichterwort bewahrheitet sich auch hier in vollem Maße: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben steigt aus den Ruinen.“ Was hat denn aber den Verfall des Baumgeschlechtes herbeigeführt? War es zu altersschwach geworden, hatte es sich überlebt und seine Kräfte verloren, oder ist es von Feinden verdrängt und ausgerottet worden?

     Die Ursache seines Rückganges liegt einmal in der Natur selbst, dann aber auch in dem ungeheuren Verbrauch des Holzes in früherer Zeit. Vor etwa 2.000 Jahren zeigte die Vegetation von Deutschland einen wesentlich anderen Charakter als heute. Mit der Kultur, die im Laufe der Jahrhunderte große Veränderungen hervorrief, verschwanden allmählich die wilden Urwälder und die schmutzigen Moräste und damit auch manche Bewohner des germanischen Bodens.

     Die Eibe wächst sehr langsam, soll sie doch ein Alter von 2.000 Jahren erreichen, und setzt ihrer Verbreitung selbst die größten Schwierigkeiten entgegen. Ihre Blätter sind giftig und ihre beerenartigen Früchte werden von keinem Tiere gefressen, also auch nicht an andere Orte verschleppt. Dazu kommt, daß in früheren Zeiten nur Holz weggeschlagen, aber nichts wieder angepflanzt wurde. Die starke Benutzung zu Geräten und Bogen machte es immer sparsamer und teurer, so daß sich sogar einige deutsche Fürsten gezwungen sahen, die Ausfuhr dieser begehrten Holzart bei hoher Strafe zu verbieten, um in ihren Ländern die geänzliche Ausrottung zu verhindern.

     Das Holz der Eibe ist äußerst hart und fest und von großer Zähigkeit, was bei der Langsamkeit des Wachstums begreiflich erscheint. Dabei ist es sehr fein und schwarz gebeitzt dem Ebenholz ähnlich, weshalb es nicht mit Unrecht den Namen „Deutsches Ebenholz“ führt. Man verwendete es viel zu Haus- und Tischgeräten, und noch heute wird es für Drechsler- und Schnitzarbeiten gesucht. Vor der Erfindung der Feuerwaffen diente es namentlich zur Anfertigung von Bogen und Armbrüsten, und diese Verwendung war so allgemein, daß man eine große Armbrust kurzweg „Eibe“ nannte.

     Im Altertum galt die Eibe als Baum des Todes; die Furien trugen Fackeln von Eibenholz und die Priester bekränzten sich im inneren Heiligtum von Eleufis mit Myrten- und Taxuszweigen.

     In den Gärten werden die Eiben vielfach als Zierbäume und Ziersträucher angepflanzt und somit vor dem gänzlichen Aussterben bewahrt. Aber dies ist nicht die wilde Eibe, sondern eine Abart derselben, Taxus genannt. Derselbe wächst bedeutend rascher als die Eibe, wodurch auch die Qualität des Holzes geringer wird. Man benutzt den Taxus gern zu Lauben und Hecken, und namentlich zu Ludwigs XIV. Zeiten spielte er eine große Rolle in den Luxusgärten.

     Während die Taxusarten durch ihre Verwendung in Gärten und Anlagen vor dem Untergange gesichert sind, ist die wilde Eibe sich selbst überlassen und als freies Kind der Natur allen verderblichen Einflüssen preisgegeben. Aber den Bestrebungen der Naturdenkmalspflege, welche besonders charakteristische Bebilde der heimatlichen Natur schützen und pflegen will, wird es gelingen, die wenigen Reste der Eibenbestände so lange wie möglich zu erhalten.


Anmerkungen (Wikisource)