Ein böses Wort findet schnell einen bösen Ort

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Autor: unbekannt
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Titel: Ein böses Wort findet schnell einen bösen Ort
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 407–409
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[407]
Ein böses Wort findet schnell einen bösen Ort.
Ein einfache Geschichte.

Wer kennt nicht die rührende Geschichte von dem jungen Bergmanne in Falun in Schweden, der eines Tages verschüttet wurde und den man dann nach langen Jahren unverändert und wie schlafend wiedergefunden? Unter der neugierig herbeigeströmten Menge wußte fast Niemand mehr von dem Vorgange; die Braut allein hatte den Bräutigam erkannt, um an der Schwelle des Grabes mit ihm, dem wie lebend und in Jugendblüthe Erscheinenden wieder vereinigt zu werden. Wird ja das treue Herz nie alt, wenn es einst recht jung und treu gewesen!

Ich will Euch eine ähnliche Geschichte erzählen, die ich selbst erlebt habe und deren Ausgang weniger wehmüthig ist. Sie mag zugleich lehren, wie des Menschen Herz eine gar köstliche Blüthe ist, die wohl behütet sein will, auf daß nicht die Frucht vor der Zeit abfalle, und was Freude und Glück verheißen, nicht sich in Reue und vergebliche Klage wandle.

Ich denke heute noch mit jenem innigen, halb freudigen, halb wehmüthigen Gefühle, wie es Jugenderinnerungen bis in’s späteste Alter zu begleiten pflegt, eines freundlich unter Bäumen gelegenen Dorfes in der Nähe meines Heimathsortes. Als Kinder durften wir da wohl zur Zeit der Blüthe oder wenn die rothen Kirschen, spater Birnen und Aepfel, mit glänzenden Wangen von den Bäumen lächelten, hinaus, oder an schönen Abenden im Geleite der Aeltern uns an würziger Milch und mitgebrachter Semmel gütlich thun. Man konnte nicht oft im Dorfe eingekehrt sein, ohne einer weiblichen Gestalt zu begegnen, die, obwohl sie nach Tracht und Aussehen unzweifelhaft zu den eingebornen Dorfbewohnern gehörte, unter ihnen doch einer besondern Auszeichnung zu genießen schien, denn von Jung und Alt ward sie all überall, wo sie erschien, freundlich begrüßt, und man sah wohl, daß sie nicht zu jenen in der Neige des Lebens Stehenden zähle, die, wenn ihr Tag zu Ende geht und sie nicht mehr handlich schaffend in die Arbeit eingreifen können, von den steter Beschäftigung gewohnten und dazu genöthigten Landleuten gar zu gerne mehr nur als Last betrachtet werden.

Wo sie aber auch einkehrte, kam nicht die klagende Schwäche des Alters, sondern dessen Erfahrung, verständige Rede und guter Rath, wie er überall und zu jeder Zeit gebraucht werden kann. Die „gute Lene“, wie sie bei den Kindern des Dorfes hieß, weil ihre Gürteltasche nicht selten eine bescheidene Süßigkeit barg und entleerte, war den älteren Dörflern wie eine weise Sibylle oder ein köstliches Schatzkästlein voll guter Dinge. Das von der landesüblichen Haube nicht ganz bedeckte, greisig ergraute Haar zeugte von der langen Reihe von Sommern und Wintern, die über dieses Haupt dahingegangen, und man wäre wohl versucht gewesen, sie in ihrer bescheidenen, aber immer ausnehmend reinlichen Kleidung ein schönes, altes Mütterchen zu nennen, hätte nicht der besondere Schnitt der Haube gelehrt, daß die „gute Lene“ ein langes Leben hindurch einsam und allein ihren Weg gegangen.

Was war es denn aber nun, was der Erscheinung gerade dieser alten Jungfrau eine besondere Bedeutung gab, die, wie man [408] weiß, ehelos alt gewordenen Personen des anderen Geschlechtes sonst nicht eben zu Theil zu werden pflegt? Der Grund für jenen Umstand lag einmal in dem Treiben der „guten Lene“, und dann in ihrer Lebensgeschichte. Beide aber hingen innig zusammen, wie ich Euch sogleich erzählen werde.

So lange man nämlich im Dorfe zurückdenken konnte, war Lene stets als Bote und Engel des Friedens erschienen. In jüngeren Jahren schon, wo ihre Wangen noch rosig glühten, die Augen feurig glänzten und Lenchen noch immer ohne Widerrede für das schönste Mädchen des Dorfes gelten mochte, hatte sie, wo nur ein Zwist zwischen zwei Herzen ausgebrochen, mit ungewöhnlichem Ernste immer zum Guten zu reden gewußt, und so manchen Bruch verhütet, manches Unglück im Keime erstickt. Später, als das volle schwarze Haar zu bleichen begonnen und reifere Jahre ihr auch bei älteren Leuten ein eindringlich ernstes Wort gestatteten, hatte sie dieses freundliche Geschäft des Friedensstiftens gar oft auch in lange wohlbegründeten Haushaltungen geltend zu machen verstanden, ihre kluge, vermittelnde Rede manchen Unfrieden gebannt und in Segen verkehrt, was in böse Wege einzulenken drohte. Schmollen und Zank zwischen Denen, die in treuer Anhänglichkeit die Freuden und Leiden des Daseins mit einander zu genießen und zu ertragen bestimmt, war ihr vor Allem in den Tod zuwider; und wo sie solches traf, da mahnte sie kopfschüttelnd gar dringend mit den Worten: „Ein böses Wort findet oft schnell einen bösen Ort“, und selten, daß diese ihre Warnung nicht auf empfänglichen Boden fiel.

Im Dorfe kennt man sich gegenseitig genau genug, so daß Jeder im Allgemeinen des Andern Lebensschicksale weiß – wenn irgendwo sind auf dem Dorfe die Häuser von Glas und der Kreis ist zu enge, als daß in ihm irgend ein wichtiges Ereigniß sich nicht mit der täglichen Umgebung lange Zeit fortpflanze. So kannte man denn auch der „guten Lene“ Geschichte. Gerne erzählte sie selbst diese nicht; nur zuweilen unter gar Befreundeten, oder wenn sie glaubte, daß ihr eignes Geschick warnend ein fremdes Unglück abwenden könne, ließ sie sich darauf ein; es war diese aber für sie sicher immer noch ein Augenblick der Buße und der reuigen Erinnerung, und man mochte dabei dann wohl wieder einen Strahl wehmüthigen Gedächtnisses in ihren stillen Augen aufblitzen und ein mattes Lächeln über die gefalteten Wangen zittern sehen.

Ich will es versuchen, mit Lenen’s Worten die einfache Geschichte wiederzugeben.

„Ich war nicht immer so gut, wie mich die Kinder nennen, auch nicht so klug, wie Eure Aeltern mir schmeicheln“ – pflegte Lene zu beginnen – „aber auch so alt und gebückt, wie Ihr mich hier seht, bin ich nicht stets gewesen. Es gab eine Zeit, da wollten die jungen Burschen im Dorfe, die jetzt Eure Väter und Großväter sind, des Hofbauern Lenchen Euren Müttern und Großmüttern allenthalben beim Tanze oder sonstigen Festlickkeiten vorziehen. Bös war ich gerade nicht, das weiß der allwissende Gott, aber doch hatten süße Reden mein unerfahrenes Herz berückt, daß ich Böses beging an einer treuen Seele. Freilich wußte ich das damals, nicht so zu beachten, wie ich es heute weiß. Ihr kennt draußen am Anger den stattlichen Hof, meinem Vater gehörte er und es stand weit und breit kein besserer. Mag sein, daß auch dies meinen Sinn hochmüthiger stimmte, als recht ist – denn so eine schöne Sache wohl zusammengehaltenes Gut von den Vätern ist, Treue und bescheidener Sinn sind doch noch edlere Gaben des Himmels – genug, ich habe eine flüchtige Eitelkeit schwer büßen sollen. In dem Dorfe war damals – fragt Eure Väter – keine fleißigere Hand, kein schlankerer Wuchs, kein aufmerksameres Kind, als der alten Clausen-Marie einziger Sohn Georg. Groß war freilich das Häuschen nicht, das sie bewohnte, und keine weite Flur von Aeckern und Wiesen umschloß es, aber so wie es war, nährte es gerade einen sorgsamen Arbeiter und Muster für alle Bauern in sorgfältiger Bearbeitung und schönem Ansehen waren die wenigen Morgen unter Georg’s Händen geworden. Ich und Georg waren Schulgenossen; als Kinder hatten wir mit einander gespielt, und daß ich ihn auch später noch so recht von Herzen lieb gehabt, ach, das habe ich erst so gemerkt, als es zu spät gewesen! Auch mein Vater mochte den fleißigen Burschen gut leiden und so munkelte man wohl im Dorfe davon, daß es bald ein tüchtiges, hübsches Paar mehr geben werde, was Keinem zu Schaden gereichen würde, am wenigsten dem Hofbauern. Nur ich mochte nicht gerne davon hören, und rümpfte die Nase dazu, als könnte ich wohl andere Freier bekommen, als der armen Clausen-Marie Sohn. Und kamen andere – denn daran fehlte es nicht – so mochte ich doch keinen, und war gegen sie noch stolzer. Der arme Georg aber konnte gar nicht klug aus mir werden, denn war ich heute freundlich gegen ihn, so schmollte ich andern Tages schnippisch, und doch wieder war mir nicht wohl, wenn er sich dies zu Gemüthe gezogen und den Vater einen Tag nicht besucht hatte. Dies konnte nicht in alle Ewigkeit so fortdauern, denn die Mutter wünschte sich eine tüchtige Schwiegertochter in’s Hauswesen, und mein Vater wollte sich auch keine alte Jungfer erzogen haben.

Da faßte sich denn Georg eines Tages ein Herz und drang in mich, ihm endlich reinen Wein einzuschenken, wie ich es meine mit ihm, auf daß er nicht länger der Mutter zu heimlichem Grame, den Andern aber zum Spotte diene. Hatte der Himmel mich an jenem Tage verlassen, oder wie es gekommen, – ich verschloß mein Herz und gab dem armen Burschen keine Antwort, und als er immer dringender wurde, und endlich gar in die Drohung ausbrach: er könne es nicht länger aushalten, und werde trotz der Mutter auf und davon gehen über’s weite Meer – da wandte ich mich zum ersten Male gegen ihn, und es mußte etwas recht Höllisches in der Miene gelegen haben, mit der ich ihm die Worte erwiederte: „Ei, so geh’ – in Gottes Namen“, denn ich habe Georg seitdem nicht mehr gesehen.“

Nach einer kurzen Pause fuhr Lene weiter fort: „Des andern Tages kam auch in unser Haus die Kunde, der Clausen-Marie Sohn sei fortgegangen, wie es heiße, weit über’s Meer auf Nimmerwiedersehen. Und die alte Marie selbst kam auf den Hof gelaufen, die mageren Hände ringend und die Augen roth von Thränen und verlangte den Sohn von mir, da ich ihn fortgetrieben hätte in’s Elend, in die kalte Ferne, so daß sie ihn nie mehr wiedersehen würde. Da brach es wie ein Donnerschlag über mich herein, aber zugleich auch wie ein Blitzstrahl, der mein sündhaftes Herz erleuchtete und es zur Erkenntniß führen sollte, daß Georg allein es erfüllt und daß ich in frevelhaftem Leichtsinn zwei Herzen zumal gebrochen. Ich war die Elendeste von Allen, weil die Schuldige. Gott aber verließ mich doch nicht. Mutter Marie’n hatte ein zurückgelassener Zettel Georg’s dem Vater empfohlen; ich suchte in treuer Pflege meine Schuld zu sühnen. Als sie die Augen zudrückte, hatte sie mir längst verziehen, da ich ihr Tochter zu sein versucht für den verlorenen Sohn. Mutter Marie schied, der Vater schied, ehe noch die Noth der Zeit über uns hereingebrochen. Denn es waren damals schwere Tage gekommen, Krieg und Einquartierung, schlechtes Wachsthum und Theuerung. Ich schaffte, so viel ich konnte und so lange es ging; manche kräftige Hand hätte sich gern mir für immer gereicht, und für das irdische Gut hätte dies gut sein mögen. Ich aber hatte mit der Freude des Lebens und der Liebe für immer abgerechnet. – Die weibliche Kraft war zu schwach für die schwere Zeit, und so folgte ich denn dem Rathe Wohlmeinender, ehe es zu spät geworden, verkaufte den Hof und sicherte mir für den Rest meines Lebens das kleine Haus, das ich bewohne, und mein bescheidenes Auskommen. Dies ist lange, lange her; – von Georg hat man nie wieder etwas gehört, und jetzt denkt seiner wohl auch Niemand mehr, als – ein einziges Herz.“

So die „gute Lene.“ Man wird nun auch verstehen, was sie meinte mit ihren warnenden Worten: „Ein böses Wort, findet schnell einen bösen Ort.“ Und so hätte ich Dir nun, lieber Leser, nichts erzählt, als was ähnlich vielleicht schon hundertmal begegnet, wäre damit unsere Geschichte schon zu Ende. Gerade daß sie es nicht ist, hat auch das vorstehende Bild einer frühen Jugend lebendig erhalten, daß ich es Dir in schlichter Weise mittheilen gekonnt. So höre denn, was weiter geschehen. Einst von der hohen Schule in die Ferien nach Hause gekommen, war die erste Neuigkeit, die man mir erzählte, der „guten Lene“ seit einem halben Jahrhundert verschollener Georg sei unerwartet zu Aller Ueberraschung zurückgekehrt.

Eines schönen Sommerabendes nämlich fuhr ein leichtes Wägelchen in’s Dorf hinein, gelenkt von einem alten, aber sichtlich noch rüstigen Manne mit schneeigem Haupthaar und Barte, kräftigen, sonnverbrannten Zügen in der Tracht der Gegend, aber offenbar fremden Schnittes. Die wenigen Dorfbewohner, die dem Gespanne begegneten, schauten es mit der gewöhnlichen Neugierde für ungewöhnliche Erscheinungen an, ohne daß der Inhaber des [409] Wägelchens und die Begegnenden sich erkannt hätten. Da schritt, wo der Weg um eine Ecke biegt und sich dem prunklosen Kirchlein des Dorfes und dem sauberen Pfarrhause nähert, die „gute Lene“ daher. Das Auge der Liebe ist scharf und wird nicht getäuscht von dem Schnee des Hauptes und den Furchen der Wangen. „Georg!“ rief es in freudigem Schrecken, „Lenchen!“ tönte es zurück – mit jugendlicher Kraft ward vom Wagen gesprungen und im letzten purpurglühenden Scheine der Sonne, unter dem friedlichen Geläute der Abendglocke, die eben zum Gebete mahnte, lagen sich die zwei Alten jungen Herzens in den Armen, Thränen der Wehmuth und des freudigen Wiedersehens vergießend. Der wackere Pfarrherr brachte die Beiden in’s Haus, wo Georg denn seine Begegnisse erzählen mußte. Mit Mühe und Noth hatte sich der arme Bursche, durch Lenchen’s Grausamkeit in Verzweiflung fortgetrieben, nach der neuen Welt gefunden. Doch die unverwüstliche Kraft der Jugend und seine starken, fleißigen Arme ließen ihn nicht zu Grunde gehen. Mehrmals hatte er in die Heimath an die Mutter geschrieben; in der Unruhe der Zeit waren wohl die Briefe verloren gegangen, und so mußte er endlich glauben, daß Niemand mehr zu Hause sei, der auch nur an ihn denke oder ihn wolle. Unter den Mühen und Anstrengungen seines neuen Lebens trat die Heimath zurück und ward nur zur wehmüthigen Erinnerung. Der Fleiß seiner Hände ward gesegnet im neuen Vaterlande, das Herz aber blieb allein stehen. So vergingen Jahre um Jahre und es kamen die Tage des Alters. Da litt es Georg nicht mehr drüben; in der alten Heimath wollte er wenigstens die letzte Ruhe finden, im Tode mit der Mutter und – vielleicht noch Einer vereint sein. Einem wackern Pflegesohn übergab er Haus und Güter, die er drüben erworben, nahm so viel als für den Rest seiner Tage bescheidenes Auskommen erforderte und schiffte über den Ocean zurück.

Ich habe nur wenig mehr hinzuzufügen. Das Häuschen, welches Georg’s Mutter bis zu ihrem Tode bewohnt hatte, stand eben wieder zum Verkaufe an. Georg brachte es an sich; das dazu gehörige Gärtcheu und Lenen’s kleine Besitzung gränzten aneinander. Lene setzte ihre bisherige segensvolle Beschäftigung fort; die Verzeihung des Himmels, die sie noch am Schlusse ihrer Tage in Georg’s Wiedersehen erkannte, bestärkte sie nur in ihrem Eifer. Georg machte die reiche Erfahrung seines langen Lebens nutzbar für seine Nachbarn und Dorfgenossen, mochten sie nun seinen Erzählungen von dem jenseitigen Schaffen und Wirken lauschen oder seinem verständigen Rathe folgen. Sie sind nun beide längst von der Erde geschieden; der Himmel nahm sie sanft und stille zu sich, fast gleichzeitig, ohne neuen Trennungsschmerz. Wen sein Weg je auf den kleinen Friedhof des Dörfchens führen sollte, findet zwei einfache Gräber neben einander mit schwarzem Kreuze und der gemeinschaftlichen Inschrift: „Im Herzen nie getrennt, im Tode vereint!“ Es sind die Gräber Georg’s und der guten Lene.“
L.