Ein bemoostes Haupt

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Textdaten
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Autor: Roderich Benedix
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Titel: Ein bemoostes Haupt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 4–6
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein bemoostes Haupt.


Sie verlangen, geehrter Herr Keil, von mir einige Mittheilungen über mein Leben, die Sie zu dem Bildniß abdrucken lassen wollen, das die Gartenlaube von mir bringen wird. Sie führen mich damit in große Versuchung. Ob Jemand nach meinem Tode eine Biographie von mir schreiben wird, weiß ich nicht; geschieht es aber, so werde ich doch in keinem Falle das Vergnügen haben, sie zu lesen. Der Auftrag also, selbst über mich zu schreiben, ist eine Versuchung meiner Eitelkeit, denn natürlich werde ich mich im schönsten Lichte darzustellen suchen – laufe ich da nicht Gefahr, zu schönfärberisch aufzutreten? Sollte ich es thun, verehrter Herr, so schiebe ich die Verantwortung dafür Ihnen zu.

Indem ich an meine Aufgabe gehen will, fällt mir auf die Seele, daß ich für eine Lebensbeschreibung ein recht dürftiger Held bin. Ich habe keine großen Abenteuer erlebt, habe niemals Schiffbruch gelitten, habe Niemanden im Zweikampfe erschossen – ich habe eben nur erlebt, was Tausende und abermals Tausende erleben. Ist doch bei einem Schriftsteller das innere Leben wichtiger als das äußere, und das erstere kann ich doch nicht weitläufig entwickeln. So will ich Ihnen denn sagen, nach was ich gestrebt habe – wie weit mein Wollen ein Gelingen gehabt hat, mag die Welt beurtheilen.

Ich bin vor etwa sechszig Jahren in Leipzig geboren worden und habe in traulichem Familienkreise eine glückliche Jugend verlebt. Das Andenken an meine herrliche Mutter ist mir unvergänglich; ich freue mich der Gelegenheit, das öffentlich aussprechen zu können. Sie hat mir durch Ihren Tod den bittersten Schmerz meines Lebens bereitet. Sie starb kurz vorher, als ich den ersten Erfolg errang. Die Freude über diesen wäre ein kleiner Dank meinerseits für ihre Liebe gewesen – ich habe ihr diesen Dank schuldig bleiben müssen.

Ich habe auf guten Schulen und Gymnasien einen guten Unterricht genossen und mancherlei gelernt. Seltsamer Weise trieb ich am eifrigsten Mathematik. Trotzdem habe ich nicht rechnen gelernt. Daß die Sprachen ein schönes, organisch entwickeltes Erzeugniß des Volksgeistes sind, habe ich erst später begriffen; damals aber lernte ich nur die Form. Schon sehr früh versuchte ich zu dichten. In meinem vierzehnten Jahre habe ich meine ersten Stücke geschrieben, das heißt ich habe einige Erzählungen in Gesprächsform gebracht, was ich damals für Dramen hielt. Daneben habe ich mich viel mit Hexametern herumgeschlagen, habe Stücke aus Homer und Ovid in solchen übersetzt, habe auch eine große Idylle in dieser Versform gemacht. Trotzdem hielt ich das Dichten nicht für meinen Beruf, sondern die Schauspielkunst. Als ich daher das Gymnasium durchgemacht hatte, ging ich statt auf die Universität der Wissenschaften auf die des Lebens: ich wandte mich dem Theater zu. Es war eine schöne Zeit, während welcher ich sechs oder sieben Jahre thätig als Schauspieler – und Sänger gewesen bin. Es liegt ein ungemeiner Reiz darin, die Gestalten der Dichter, die man mit Liebe in seinem Innern aufgenommen hat, auf der Bühne zu verkörpern, das lauschende Publicum zu erregen, ihm Thränen zu entlocken und von seinem Beifall belohnt zu werden. Es liegt auch ein großer Reiz in dem Wanderleben, bei dem man die Welt sieht und alle drei Monate ein neues Publicum hat, welchem man seine Kunst vorführen kann. So habe ich die größeren Städte Thüringens, Rheinlands und Westphalens durchzogen und manche schöne Erfolge errungen. Ich kam als unerfahrener junger Mensch zum Theater, erfahren habe ich da vielerlei, allein klug, das heißt lebensklug bin ich nicht sonderlich geworden.

Trotz vielfacher Beschäftigung fand ich noch Zeit zum Schreiben. Es entstanden einige Erzählungen und in Cleve 1835 ein großes Lustspiel, in Mainz aber 1838 mein „bemoostes Haupt“. Dieses Stück kam auf die Bühne und hatte einen ungewöhnlichen Erfolg, obwohl sich die Hoftheater damals ihm verschlossen. Ich war zu der Zeit in Wesel, kam in Verbindung mit einem Buchhändler, redigirte ein Blatt, schrieb deutsche Volkssagen, eine Geschichte der Freiheitskriege, ein Volksbuch etc. – und damit endigte meine schauspielerische Laufbahn. In Wesel schrieb ich unter anderen Stücken „Doctor Wespe“, der noch größeren Erfolg errang, und siedelte dann nach Köln über, wo ich dreizehn Jahre gewohnt habe. Ich hatte sehr früh geheirathet, hatte Kinder, und so war mir ein fester Wohnsitz erwünscht. In Köln führte ich einige Jahre die Regie des Theaters, auch ein Jahr lang die Direction der Bühne

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Die Gartenlaube (1871) b 005.jpg

Roderich Benedix.
Originalzeichnung von Adolf Neumann.

[6] zu Elberfeld, sonst widmete ich mich ganz der Literatur. Ich habe in Köln vierunddreißig Stücke geschrieben, dabei einige Opern und einen Roman „Bilder aus dem Schauspielerleben“. Die Musikschule in Köln übertrug mir den Unterricht in Literatur und Declamation. Dies veranlaßte mich, mein Lehrbuch „Der mündliche Vortrag“ auszuarbeiten. Dieses Werk hat mich sechs Jahre lang in Anspruch genommen, es enthält eine Lehre, die fast unbeachtet geblieben ist, die Betonung der Sprache, unabhängig von der grammatischen Satzbildung. So mühsam dieses Werk war, hat es mir doch große Freude gemacht, denn in den Betonungsgesetzen der Sprache liegen die größten, fast unbekannten Feinheiten, welche zu erforschen einen hohen Genuß gewährte.

Von Köln aus machte ich mehrere Reisen nach den Hauptstädten Deutschlands, nach der Schweiz, nach Belgien, London und Paris. Ich habe viel, viel Schönes gesehen – habe aber in keiner Form eine Reisebeschreibung drucken lassen.

Im Jahre 1855 hatte sich in Frankfurt am Main eine Actiengesellschaft gebildet, welche das dortige Stadttheater übernahm. Man bot mir die Leitung desselben an, die ich als Intendant auch drei Jahre führte. Dann legte ich sie nieder, denn ich sehnte mich aus dem Theaterbureau nach meiner stillen Studirstube. Ich ging nach Leipzig. Hier, in einer Universitätsstadt, hatte ich endlich Gelegenheit, mir den Doctortitel zu erwerben, wozu mich der Wunsch veranlaßte, nicht mit einer Lüge in der Welt herumzulaufen, da man mich immer Doctor nannte, ohne daß ich es war. Hier verheirathete ich mich auch zum zweiten Male und gründete mir ein neues Heim.

Da haben Sie die Grundzüge meines äußeren Lebens. Soll ich meinen, damit Ihrer Aufforderung Genüge geleistet zu haben? Ist es mir doch, als müßte ich Ihnen eine Abrechnung meines Lebens geben, eine Rechenschaft. Wenn ich diese Abrechnung mache, so muß ich sagen, daß ich meinem Geschicke zu großem Danke verpflichtet bin. Zwar hat es mir äußeres Glück, was man so Glück gewöhnlich nennt, nur in bescheidenstem Maße gewährt, aber die Fähigkeit, die es mir verliehen, wiegt das vielfach auf. Es ist ein hoher Genuß, ein Dichtwerk hervorzubringen. Man empfängt im Geiste den ersten Gedanken, man lässt ihn sich wachsen und reifen, die Gestalten, die man zeichnen will, gewinnen mehr und mehr an Lebensfülle, die Fäden des Werkes knüpfen sich immer mehr zu festem Gewebe, bis das Ganze Vollendung gewonnen hat und zum Niederschreiben fertig ist. Wer diesen Genuß nicht kennt, ahnt ihn nicht, und er wäre mir durch nichts zu ersetzen. Und mir ist er oft gewährt worden, denn neben anderen Arbeiten habe ich hundert Stücke geschrieben. Und ich will es Ihnen offen bekennen: in der Arbeit habe ich immer volle Befriedigung gefunden.

Auch ein günstiger Erfolg meiner Arbeiten ist mir zu Theil geworden. Der vierte Theil meiner Stücke hat ungewöhnlichen Beifall gefunden und ist über alle deutschen Bühnen gegangen. Lassen sie mich Ihnen einzelne in’s Gedächtniß zurückrufen. „Das bemooste Haupt“, „Doctor Wespe“, „Weiberfeind“, „Steckbrief“, „Vetter“, „Eigensinn“, „Alter Magister“, „Proceß“, „Hochzeitsreise“, „Eifersüchtigen“, „Liebesbrief“, „Gefängnis“, „Lügen“, „Mathilde“, „Dienstboten“, „Concert“, „Störenfried“, „Doctor Treuwald“, „Zärtliche Verwandte“, „Aschenbrödel“, „Relegierte Studenten“, „Neujahrsnacht“ etc. Ein anderes Viertel meiner Stücke ist ziemlich unbeachtet geblieben, die übrigen haben an vielen Bühnen gefallen, sind aber keine Cassenstücke geworden. Meine Stücke haben auf den ersten Bühnen Deutschlands Eingang gewonnen, die größten Hoftheater haben mehr als dreißig derselben auf dem Repertoire. Ebenso haben die kleinsten Theater bis zu den Privattheatern sich von meinen Stücken genährt. Auch über die Grenzen Deutschlands haben meine Arbeiten ihren Weg gefunden. Ich besitze Uebersetzungen in englischer, französischer, vlämischer, holländischer, dänischer, schwedischer, russischer, finnischer, polnischer, czechischer, magyarischer, rumänischer, serbischer Sprache. Sie sehen: dieser Erfolg hat mir nicht gefehlt.

Da ich nun einmal im Beichten bin, so lassen sie mich auch über die Grundsätze Rechenschaft geben, die mich geleitet haben. Jeder Künstler hat eine gewisse Eigenthümlichkeit, die er nicht verleugnen kann, und an der er immer zu erkennen ist.

Wie in der Malerei sich scharf das historische Bild von dem Genrebilde scheidet, so scheint es mir auch in der Dichtkunst zu sein. Wenn die Dichtkunst historische Bilder behandelt, so müssen dieselben in einer gewissen Vergangenheit stehen, in der wir alles aus der Ferne ansehen, in der namentlich die kleinen Züge schwinden. Die Genrebilder dagegen müssen Lebenswahrheit bringen und damit namentlich das Ausmalen in die kleinen Züge. Sie müssen in der Gegenwart wurzeln, in der das volle Leben des Volkes pulsirt. Für jene ist das politische Leben, für diese das Kleinleben in Familie und Gesellschaft Gegenstand. Ich bin immer nur Genremaler gewesen. Auch scheint es mir ein, allerdings sehr verbreiteter, Irrthum zu sein, daß das Lustspiel die Aufgabe habe die Thorheiten der Zeit zu geißeln. Das ist immer Sache der Satire, diese aber gehört nur sehr bedingt in die Poesie. Die Satire kann daher ein Mittel für das Lustspiel sein, nicht aber dessen Zweck, dessen Hauptzweck. Irgend einen sittlichen, socialen Gedanken, eine Lebenswahrheit soll ein Stück haben, aber er muß nicht immer geradezu satirisch sein. Einen solchen Gedanken werden Sie aber in allen meinen Stücken finden.

Wer über die Menschen lachen will, muß sie lieben. Darum habe ich nie Menschen gezeichnet, die man verlachen kann; man darf über ihre Schwächen und Thorheiten lächeln, es dürfen ihnen aber die Züge nicht fehlen, die sie liebenswerth machen. Es ist ein feiner Unterschied zwischen lächerlich und komisch. Ueber ersteres lacht man auch, aber es gehört nicht in die Kunst. Darum habe ich meine komischen Rollen oder in bitterem Wortwitze gesucht, sondern in den Verwicklungen, die aus den Eigenthümlichkeiten der Charaktere hervorgehen. Man hat dies Situationskomik genannt, ich nehme gern diesen Namen an.

Meine Stücke nehmen ihre Stoffe meistens aus dem Bürgerthum, weil mir in diesem der Kern unseres Volkes zu ruhen scheint. Die vielgeschilderte geistreiche Salonwelt, uniformirt in Frack und Glacéhandschuhen, existirt wenig und ist ebenso eine Fiction, wie auf der andern Seite die gemüthliche Biederkeit der Bauern in der Idylle. Im Bürgerthum wurzelt der Fortschritt, der Fortschritt der ganzen Menschheit in Einsicht und Sittlichkeit, und darum, glaube ich, sei im Bürgerthume der Volksgeist am klarsten ausgesprochen. Dabei meine ich nicht eine besondere Classe des Volkes aufzustellen, denn zum Bürgerthum sind Alle zu rechnen, weß Standes sie seien, welche im Schaffen und Arbeiten ihre Aufgaben erkennen. Und ich habe nur aus dem deutschen Bürgerthume meine Stoffe genommen, weil der Dichter national sein soll, und weil das deutsche Volk etwas besitzt, was anderen Völkern bis auf den Namen abgeht – Gemüth. Ich habe die Saiten desselben oft neben den komischsten Verwicklungen angeschlagen und gern auch eine Thräne der Rührung hervorgerufen.

Der Gedanke ist mir ein erhebender, daß die Menschheit aus den rohesten Anfängen durch viele Jahrtausende hindurch sich zu immer höherer Stufe entwickelt, daß ein Geschlecht dem andern die Erbschaft der Weiterentwickelung abgenommen hat, und weil ich an den ewigen Fortschritt glaube, habe ich meinen Stücken stets eine sittliche Grundlage gegeben. Ich habe jede Frivolität gemieden und bilde mir zuweilen ein, durch meine Werke dem Eindringen und der Ueberwucherung ausländischer Frivolität mit gewehrt zu haben. Ist diese Einbíldung eine trügliche, so hat mich meine Eigenliebe getäuscht.

Ferner habe ich an dem Grundsatze festgehalten, nur durch die größte Einfachheit zu wirken. Alle Bühnenmittel, welche nur die Schaulust anregen, Pomp in Decorationen und Costumen, Wirkung durch Glanz und Feste etc. habe ich niemals angewandt. – Auch habe ich niemals übersetzt oder fremde Stoffe benutzt.

Schließlich erlauben Sie mir ein Wort über meine Stellung. Ich stehe allein, ohne alle literarischen Verbindungen und habe so mein Leben lang gestanden. Die Schuld davon mag an mir liegen. In meiner Natur ist, wenn nicht geradezu Schüchternheit, doch das Gegentheil von Dreistigkeit. Ein Phrenolog fand in meiner Schädelbildung Mangel an Selbstbewußtsein. So habe ich es nie verstandenen mich geltend zu machen, mich vorzudrängen, meinen Vortheil zu wahren.

Aber ich fühle, daß es Zeit ist zum Ende zu kommen. Wenn Ihre Leser mein so gelungenes Bild ansehen, werden sie in dessen ernsten Zügen wohl kaum das Wesen eines Lustspieldichters erkennen. Doch nur mein Streben ist ein ernstes gewesen, meine Beurtheilung der Menschen war immer eine milde und versöhnliche, meine Lebensanschauung eine heitere.

Mit bestem Gruße Ihr

Roderich Benedix.