Ein bischöflich Verfluchter im Elend

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Titel: Ein bischöflich Verfluchter im Elend
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 71–72
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Folgeartikel: Für die Freunde des Priesters Herrn Braun
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[71] Ein bischöflich Verfluchter im Elend. Wenn der Leser diesen Titel liest, wird er sich wohl darauf gefaßt machen, eine Leidensgeschichte aus längst vergangenen Tagen zu hören. Dem ist nicht so. Wir erzählen hier eine Geschichte der Gegenwart, und die Leser erfahren von einem mit ihnen Lebenden, wie ein Bischof seine volle Gewalt an einem armen Priester ausläßt. Die Redaction der Gartenlaube erhält nämlich folgende Zuschrift eines höheren bairischen Gerichtsbeamten:

„Ich wage, im Vertrauen auf das bekannte Humanitätsgefühl, Euer Wohlgeboren Folgendes vorzuführen:

Im Jahre 1856 wurde der katholische Pfarrverweser Thomas Braun von Holzkirchen in Niederbaiern deshalb seiner Stelle und seines Gehaltes entsetzt und, weil ohne entsprechendes Privatvermögen, dem Hunger und Elend preisgegeben, weil er den Muth hatte, das im Jahre 1854 von dem gegenwärtigem Papste Pius dem Neunten neu verkündete Dogma von der unbefleckten Empfängniß Mariens, der Mutter Jesu, zu bezweifeln und dem Bischof von Passau gegen die ihm zugemuthete Verkündigung dieser neuen Lehre Vorstellungen zu machen.

Für diese Aufrichtigkeit, dafür, daß dieser altkatholische Priester kein Heuchler wurde, wurde er aber hart gezüchtigt und seiner zeitlichen Existenz beraubt, mit dem Kirchenbann belegt, dem katholischen Volke von den Kanzeln als ewig Verfluchter und Verdammter geschildert und der fernere Umgang mit demselben als verpestend, als die schwerste Sünde geschildert, von der nicht absolvirt werden könne.

Dieser edle Mann duldete seitdem vierzehn Jahre lang die ganze Härte solchen Kirchenbannes; an keinem katholischen Orte duldete ihn der hartherzige Bischof; er mußte nach Ortenburg, dem einzigen protestantischen Orte Niederbaierns, flüchten, um den bittersten Verfolgungen und Mißhandlungen seiner eigenen Glaubensbrüder zu entgehen, und hält sich auch zur Zeit noch an diesem Orte auf.

Thomas Braun wurde von keinem seiner bairischen Collegen, sondern nur von einigen katholischen Geistlichen im fernen Holland bisher kümmerlich unterstützt; wie er mir aber am 27. November v. J. schrieb, ist nun auch diese Unterhaltsquelle versiecht, und der nun sechsundfünfzigjährige, auch körperlich geschwächte Mann ist dem Hungertode unrettbar preisgegeben, wenn nicht bald eine genügende Unterstützung erfolgt.

[72] Meine innigste Bitte würde an Euer Wohlgeboren nun dahin gehen, womöglich von diesem wahrheitsgetreuen Zustande edle Menschenfreunde zu verständigen, damit Herr Thomas Braun wenigstens momentan eine kleine Unterstützung fände, welcher er nach seiner jammervollen Zuschrift dringend bedarf.

Nach eingezogener Erkundigung ist Herr Thomas Braun ein sehr achtbarer und aufgeklärter Geistlicher, der aber, weil er eben der römischen Curie keinen blinden, jesuitischen Gehorsam leistete, bei seinem Bischof in Ungnade fiel und wie ein unbrauchbares Möbel weggeschleudert wurde.

Ist aber Derjenige noch ein echter Nachfolger unseres Heilands, der seinen Bruder des religiösen Hasses wegen Hungers sterben läßt?! In Deutschland soll ja vom neuen Jahre an Eintracht und religiöse Duldsamkeit herrschen; Glaubens- und Gewissensfreiheit soll ein unantastbares Gemeingut des deutschen Volkes werden; ich glaube, der Geist Jesu Christi und der von ihm gestifteten heiligen Religion müßte aus Deutschland entschwunden sein, wenn wir einen Deutschen seiner Glaubenstreue halber verhungern lassen könnten.

In der Hoffnung, keine Fehlbitte gethan zu haben, und unter den herzlichsten Glückwünschen zum neuen Jahr, zeichnet mit Versicherung vollkommenster Hochachtung etc.“

Soweit unser Gewährsmann, welcher uns ausdrücklich erklärt, daß er für die Wahrheit seiner Aussage jeden Augenblick mit seinem Namen einzustehen bereit sei, und es bedarf denn auch wohl nur dieser Zeilen, um die thatsächliche Theilnahme unserer Leser für den Unglücklichen anzuregen.

Der Bischof von Passau aber hat in neuerer Zeit, wie selbst von seinem König anerkannt worden, einem milderen, versöhnlicheren Geiste gehuldigt, er gehört sogar zu den wenigen deutschen Bischöfen, welche die neuesten Dogmen des vaticanischen Concils vom Jahre 1870 noch nicht in ihren Diöcesen verkünden ließen. Vielleicht erinnert diese Mahnung der Presse den hohen geistlichen Herrn an seinen Gewaltact gegen einen Mann, der nicht mehr gegen den Papst verbrochen hat, als er selbst soeben begeht, und er findet sich hoffentlich bewogen, das so offen begangene Unrecht ebenso offen wieder gut zu machen.
D. Red.