Ein deutscher Zeitungsschreiber

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Titel: Ein deutscher Zeitungsschreiber
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 453–456
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein deutscher Zeitungsschreiber.


Die Gartenlaube (1861) b 453.jpg

A. Bernstein.


Die in Berlin erscheinende Volkszeitung ist bekanntlich das in Deutschland am meisten gelesene politische Organ, da sie in einer Auflage von mehr als 26,000 Exemplaren erscheint. Wer diese Zeitung kennt, weiß es, daß sie ihre große Verbreitung nicht dem Reichthum literarischen oder politischen Materials, sondern vorzugsweise dem Inhalt ihrer Leitartikel verdankt, die ein eigenthümliches geistiges Gepräge an sich tragen.

Diese Eigenthümlichkeit besteht in einer durchsichtigen Klarheit und Einfachheit der Darstellung, welche sich mit einem so großen Scharfsinn und so tiefer Auffassung der Ereignisse paart, so sehr in den Organismus der Erscheinungen dringt und ihre Lebensgesetze offenbart, daß sie sich dadurch gänzlich von der gewöhnlich sogenannten Popularität unterscheidet.

Die Leitartikel tragen einen Talisman in sich, welcher unwiderstehlich ist; sie überzeugen, sie sprechen zu Sinn und Herzen des unstudierten Mannes; sie rücken den Gegenstand in seine unmittelbare Nähe, entkleiden ihn von altem falschen Beiwerk, welches Unverstand oder Parteisophistik ihm angehängt haben, und zergliedern dann mit unwiderleglicher Logik Schritt für Schritt, Satz für Satz, die ganze Frage in alle ihre Bestandtheile, kurz, bündig, handgreiflich, so daß der Leser am Schlüsse das Facit selbst ziehen muß und ausruft: der Mann hat Recht – das ist sonnenklar! Er trifft eben immer den Nagel auf den Kopf. Und wo es angebracht ist, trifft er nicht blos, sondern mit einer prächtigen Wendung, mit beißender Ironie, mit zündendem Witz zermalmt er seine Gegner. Es ist bezeichnend für den Ton dieser Artikel, daß sie mit gleichem Interesse vom Kutscher auf dem Bocke und von dem Tagelöhner, wie von den gebildetsten Ständen gelesen werden, welche von den abgestandenen Leitartikeln der monotonen Doctrinairs großer politischer Zeitungen, bei diesen geharnischten und gleichsam aus der Pistole geschossenen Artikelchen Erholung und Anregung suchen.

Da sich die durchsichtige Klarheit und Einfachheit der Darstellung in den verschiedensten Gebieten immer gleich bleibt, so muß es allen Lesern der Zeitung längst klar geworden sein, wie diese Leitartikel sammt und sonders das Erzeugnis eines Mannes sein müssen, in welchem sich seltene Geistesgaben vereinigen. Wenn wir versichern, daß dem so ist, daß die geistige Productionskraft, die so viel gewirkt, die sich schon seit länger als einem Jahrzehnt täglich bewährt, sich noch immer in ihrer Frische erhalten hat, wenn wir hinzufügen, daß weder revolutionaire Schmähungen noch reactionaire Verfolgungen den eigenthümlichen geistigen Stempel dieser Leitartikel abzuschwächen vermocht haben, so werden unsere Leser es natürlich finden, daß wir den Wunsch hegen, den Verfasser dieser Arbeiten ihnen im Bildniß und Lebensabriß vorzuführen. Denn trotzdem, daß sein Name vollgültigen Anspruch hat, in der ersten Reihe derer genannt zu werden, welche als die bewährtesten Vorkämpfer für die politische Freiheit und Selbstbestimmung der Nation in Aller Munde leben, ist er der bei weitem größten Mehrzahl von Lesern, welche aus seinen Artikeln nunmehr seit länger als zehn Jahren täglich Belehrung, Anregung und Erhebung schöpfen, gänzlich unbekannt. Niemals hat sich der Verfasser der Leitartikel genannt, und nur diejenigen, welche sich speciell um die Zeitungsangelegenheiten kümmern, kennen den Namen des Ehrenmannes.

Was wir nachstehend von dem Lebensgange Bernstein’s mittheilen, verdanken wir den Notizen einiger seiner Freunde – daß das Material, welches uns zu Gebote steht, ein nur spärliches ist, hat seinen Grund einmal in der Bescheidenheit des Mannes, [454] der es verschmähte, eine Berühmtheit zu werden, und dann in der Thatsache, daß sein Leben bisher kein äußerlich bewegtes, sondern ein tief innerliches war, welches nur er selbst einmal in dem ganzen Reichthum geistiger Kämpfe und Erlebnisse wird darstellen können. So lange seine fruchtbare Wirksamkeit nach außen uns eine solche Selbstschau nicht in Aussicht stellt, müssen wir versuchen, aus der reichen und mannigfachen Thätigkeit des Mannes ein Bild seines eigensten Wesens zu gewinnen.

A. Bernstein ist im Jahre 1812 in Danzig von jüdischen Eltern geboren, wurde von diesen für den Rabbinerstand erzogen und war bis zum reifen Jünglingsalter ausschließlich auf die geistige Nahrung angewiesen, die das emsige Studium der Bibel und des Talmud einem energischen Geiste darzubieten vermag.

Die Sehnsucht nach erweitertem Wissen trieb ihn im zwanzigsten Jahre seines Lebens nach Berlin, wo er sich mit der ganzen Kraft der Jugend und dem Feuer eines lange unterdrückten geistigen Triebes in alle ihm bisher verschlossen gebliebenen Gebiete des Wissens hineinwarf. Der Umstand, daß er erst in reiferen Jahren die Elemente unserer Cultur aufnehmen konnte, hatte für ihn den Uebelstand, daß er die schulgerechten Stadien einer classischen Bildung nicht mehr nachholen konnte. Aber eben dies scheint zu seiner an den Tag getretenen seltenen Kunst, selbst die strengsten wissenschaftlichen Probleme zu popularisiren, den Grund gelegt zu haben. Denn auf dem Wege der Ausbildung ganz auf sich angewiesen, war er nicht blos gezwungen, bei jedem Zweig des Wissens sich zu möglichster Geistesklarheit und Uebersichtlichkeit emporzuarbeiten, sondern er lernte und erprobte auch an sich selber die Methode, wie man ohne die übliche, schulgerechte Vorbereitung den Wissenschaften beizukommen vermag. Energische Anstrengungen, unerschütterlicher Muth und eine von tiefem sittlichen Ernst getragene Begeisterung für alles Edle und Hohe reichten hin, um in wenigen Jahren die Lücken seiner Kenntnisse und seiner Lebensanschauungen auszufüllen. Vor Allem fühlte er sich gedrungen, mit der hinter ihm liegenden theologischen Epoche zu brechen, und er that dieses mit einer Uebersetzung und Bearbeitung des Hohen Liedes Salomonis (erschienen Berlin 1834), in welcher er mit der freiesten Kritik das biblische Buch als ein literarisches Product behandelte. Die in dieser Schrift von ihm aufgestellte Behauptung, daß das dritte Capitel des Hohen Liedes ein späteres und eingeschobenes sei, erwarb sich bei fachwissenschaftlichen Autoritäten Anerkennung und Zustimmung, und gab jedenfalls den Beweis, daß schon der 22jährige Jüngling den Muth seiner eigenen Meinung und das Talent besaß, sie geltend zu machen. Doch vermochte er nicht die Ehrfurcht vor der sein ganzes Wesen tief ergreifenden deutschen Literatur so weit zu überwinden, daß er mit seinem Namen ihr ihm heiliges Gebiet betrete. Sein Schriftchen erschien unter dem Namen „Rebenstein“, und durch diese Pseudonymität ermuthigt, begann er sich in freien lyrischen Productionen und kritischen Abhandlungen zu versuchen. Diese Arbeiten erregten die Aufmerksamkeit der älteren Literaten Berlins, die, in hohen Lebensstellungen, es sich zur Ehre rechneten, junge Talente geistig zu unterstützen und zu fördern.

Hitzig, Varnhagen von Ense, Chamisso, Streckfuß, Gubitz und der Jüngste dieses Kreises, Wilibald Alexis, zogen den jungen Mann zu sich heran, wiesen ihm Arbeiten im Gebiete der wissenschaftlichen, der literarischen und Kunstkritik zu und übertrugen ihm zeitweise auch die Redaction der Berliner literarischen Organe, welche theils von ihnen, theils unter ihrer Einwirkung geleitet wurden.

Durch die Erfolge seiner literarischen Thätigkeit ermuthigt, entschloß sich Bernstein im Jahre 1836 sich in Berlin häuslich niederzulassen. Er heirathete ein junges armes Mädchen, das er kurz nach seiner Ankunft in Berlin kennen und lieben lernte, und fand in seiner Ehe ein so tiefes innerliches Glück, daß Alle, welche ihm in jener Zeit nahe gestanden, das Verhältniß als ein solches schildern, wie es in reinster Idealität und Verklärung nur selten einmal in die Erscheinung tritt. Diese Ehe breitete über sein ganzes Leben mehr wie je eine sittliche Weihe, und als sie im Jahre 1854 durch den Tod seiner Gattin gelöst wurde, konnte er den seelenvernichtenden Schmerz nur dadurch überwinden, daß er immer selbstloser sich der Arbeit für das Allgemeine hingab und durch eine alle Kraft absorbirende Thätigkeit täglich von Neuem das Leben dem Schmerze abrang. Doch haben wir damit vorgegriffen und kehren zu dem Jahre 1837 zurück.

Die literarische Thätigkeit stillte weder den wissenschaftlichen Trieb Bernstein’s, noch bot sie ihm ein gesichertes Auskommen. Letzteres zu erreichen, verband er sich mit Wilibald Alexis, um ein Lesecabinet in großem Style in Berlin zu gründen. Es trat sehr hoffnungsreich in’s Leben, scheiterte aber an dem Mangel kaufmännischen Sinnes beider Unternehmer. Ein Versuch Bernstein’s, sich als Buchhändler einen Erwerb zu schaffen, gelang ebenfalls nicht, und Alles verwies ihn von Neuem auf seinen literarischen Fleiß. Sein wissenschaftlicher Trieb führte ihn um diese Zeit zuerst dem Studium der Natur zu, und wie er in Allem, was er ergriff, sogleich productiv wurde, war das nächste Ergebniß dieses Studiums eine Arbeit über die „Rotation der Planeten“, die zwar das bis jetzt von der Wissenschaft ungelöste Problem nicht löste, aber von so ernster Anlage war, daß der weltberühmte Astronom Bessel es nicht verschmähte, sich hierüber in einen Briefwechsel mit dem Verfasser einzulassen und ihn zur fachwissenschaftlichen Durcharbeitung seiner Ideen zu ermuntern.

Von günstigem Erfolge war eine zweite kleine Arbeit Bernstein’s, im Fach der preußischen Finanz- und Domainenverwaltung.

Der Regierungsantritt Friedrich Wilhelm’s IV. hatte die Bande der Censur gelockert und neue Hoffnungen auf Reformen des Staatswesens erregt; aber zunächst bemächtigte sich die feudale Partei dieser Gunst der erwachenden Oeffentlichikeit, und Herr von Bülow-Kummerow schrieb sein Werk über Preußens Finanzen, das, weil es der Freiheit des Wortes huldigte, außerordentliches Aufsehen erregte, aber dadurch gerade falsche staatswirthschaftliche Grundsätze unter dem Scheine der Opposition gegen die alte gesunde Nationalwirthschaft verbreitete.

Da erschien gegen Bülow-Kummerow eine kleine anonyme Schrift unter dem Titel: „Zahlen frappiren“, die in zwei Auflagen schnell vergriffen wurde. In derselben wurde der Nachweis geführt, daß die bis dahin von der Finanzverwaltung befolgte Veräußerung der Staatsdomänen zu Gunsten der Tilgung der Nationalschuld ein gesundes Volks- und staatswirthschaftliches Princip enthalte; Bülow-Kummerow rechnete, wie die Gegenschrift nachwies, mit falschen Zahlen zu Gunsten einer falschen volkswirthschaftlichen Anschauung. Da die kleine Schrift die bisherige Verwaltung vertheidigte, nahm man an, daß ihr Verfasser ein Finanzbeamter sein müsse, und da sie schlagend die Rechenfehler Bülow-Kummerow’s bewies, schrieb man sie keiner geringeren Autorität, als dem jetzigen preußischen Finanzminister, Herrn von Patow, zu, der auch noch in neuerer Zeit von Prutz als deren Verfasser angegeben ist. So schmeichelhaft diese Voraussetzung für den wahren Verfasser sein mußte, so wenig veranlaßte ihn dies, aus seiner Anonymität herauszutreten. Diese Thatsache ist nicht blos für Bernstein’s literarischen Charakter bezeichnend, sondern genügt auch zum Beweis, wie fern er schon damals von der Vorliebe für Opposition und von der Ausbeutung seiner Ansichten war, wo er sie für die Regierung geltend machte.

Die Reformbestrebungen auf dem Gebiete der Religion boten vom Jahre 1845 an unserm Autor Gelegenheit, die theologischen Studien seiner Jugendjahre im Interesse der Reform des Judenthums geltend zu machen. Die jüdische Reformgemeinde in Berlin verdankt seiner Theilnahme sowohl die Gründung wie die Einführung eines Gottesdienstes in deutscher Sprache und einer Religionsschule, welche nach geläuterten Principien eine Neubildung des Judenthums anbahnt. Noch jetzt sind theologische Studien für Bernstein eine Lieblingsbeschäftigung seiner Mußestunden, und oft finden wir in seinen Mahnungen an das Volk einen Klang, der uns an die großen Vorbilder erinnert, die uns im Prophetenthum als erschütternde Beispiele sittlicher Einwirkung auf ein sinkendes Volk aufbewahrt sind.

Das Jahr 1848 war es nicht, welches Bernstein zur politischen Schriftstellerei anreizte; seiner im tiefsten Grunde maßvollen Natur widerstrebten im Gegentheil viele der damals hervortretenden politischen Erscheinungen so sehr, daß er sich von jeder Publicität fern hielt. Gerade diese Erscheinungen waren es aber, die ihn überzeugten, daß das Volk einer besonnenen Vorbildung für die politische Freiheit bedürfe, um auf gesunder Grundlage einen Widerstand gegen die Reaction zu leisten, welche durch die Straßen-Demagogie gestärkt wurde.

Von dieser Ueberzeugung getrieben, gründete er auf gut Glück, mitten im Belagerungszustande, im März des Jahres 1849 die „Urwähler-Zeitung“, weder von einer Partei, noch von einem [455] nennenswerthen Capital unterstützt, einzig und allein im Vertrauen auf seinen guten Muth, auf sein gutes Ziel und auf das Bedürfniß eines solchen Organs, zu einer Zeit, wo ein sehr wenig vorgebildeter Theil des Volkes in seiner Eigenschaft als Urwähler einer bessern Leitung bedurfte, als die der Demagogie war.

Der Erfolg krönte das Unternehmen mit beispielloser Schnelligkeit. Schon nach den ersten vierzehn Tagen war die Zahl der Abonnenten auf drittehalbtausend gestiegen, obgleich die Leitartikel durchaus mäßig gehalten waren und radicalen Demokraten für viel zu milde galten. Erst als Ende Mai das Urwählerrecht geschmälert, das allgemeine Wahlgesetz durch eine Octroyirung in das Dreiclassensystem umgewandelt wurde, begann die Urwähler-Zeitung einen energischen Kampf gegen die Regierung und die sogenannte constitutionelle Partei, welche die Regierung in ihrem Kampfe gegen Recht und Gesetz unterstützte. In diesem Kampfe, den Bernstein nicht blos mit einer bis dahin ganz ungekannten populären Sprache der Politik, sondern auch unterstützt von dem sittlichen Zorne gegen die Verderblichkeit jeder Verletzung des Rechtszustandes führte, wuchs die Theilnahme für die Zeitung so sehr, daß sie bereits im Herbste des Jahres 1849 an 10,000 Abonnenten hatte und somit die ganze Wuth der Reaction gegen sich wachrief.

Da jetzt noch nicht die Zeit gekommen war, die Presse gewaltsam zu unterdrücken, begann die Regierung die Urwähler-Zeitung durch Processe zu verfolgen. Die ersten Versuche scheiterten an dem Rechtssinn der Geschwornen, die Bernstein, als er auf der Anklagebank erschien, freisprachen. Erst als die Polizei, gegen die bestehende Ordnung, mitten im Monat zwölf neue Geschworne direct für einen Proceß gegen die Urwähler-Zeitung wählte, erfolgte eine Verurtheilung, so daß Bernstein eine viermonatliche Gefängnißhaft zu überstehen hatte.

In der richtigen Voraussetzung, daß mit seiner Verhaftung der Lebensfaden der Zeitung abgeschnitten werde, überließ sich die Polizei nun einer Maßregelungswuth, die in Preußen ohne Beispiel war. Sie confiscirte Tag für Tag die Zeitung für mehrere Wochen, selbst wenn sie ohne Leitartikel erschien, und begünstigte eine andere, der Urwähler-Zeitung nachgeahmte, die sie den Lesern derselben aufzuzwingen hoffte. Die Leser jedoch ließen sich weder durch die Maßregelungen abschrecken, noch durch die Manöver irre leiten. Sie blieben der Urwähler-Zeitung treu, obgleich diese oft gar nicht, oft verstümmelt erschien, bis denn der Polizei nichts mehr übrig blieb, als bei Gelegenheit eines von Polizeiagenten provocirten sogenannten Complotes, das mit ungeheurem Eclat „entdeckt“ wurde, die Urwähler-Zeitung gewaltsam zu unterdrücken.

Hierauf übernahm der Buchhändler Franz Duncker den Verlag der „Volkszeitung“, die sich offen als eine Nachfolgerin der unterdrückten Urwähler-Zeitung zu erkennen gab. Die Leser erkannten den Geist derselben sofort aus den Leitartikeln, und schon die erste Woche ihres Erscheinens reichte hin, ihr 5000 Abonnenten zu verschaffen. Allein damals – im April 1853 – war die Fluth der Reaction im vollsten Aufsteigen, und Bernstein erkannte, daß es nothwendig sei, der Volkszeitung noch in anderer Weise als durch die politischen Artikel eine gesicherte Grundlage zu schaffen, für die Zeit, wo sie vielleicht einmal gezwungen sein könnte, die Politik ganz ruhen zu lassen.

Aus Bernstein’s Feder erschien in Folge dessen durch volle drei Jahre neben den täglichen Leitartikeln noch täglich ein naturwissenschaftlicher Artikel, und diese Arbeiten fanden so außerordentlichen Beifall bei Laien und Fachkennern, daß die Volkszeitung dadurch ein beliebtes Blatt selbst in solchen Kreisen wurde, wo man ihre politische Richtung nicht theilte und bekämpfte. Diese naturwissenschaftlichen Arbeiten Bernstein’s – jetzt auch gesammelt erschienen – halten sich ebenso fern von Speculation, wie von irgend einer gemachten Tendenz und verfolgen nur den Zweck, durch die einfache Darlegung des Gesetzmäßigen in der Natur den Geist des Volkes für die Erkenntniß solch hoher Gesetzlichkeit zu wecken, eine Grundlage der Bildung zu schaffen, die für jeden Beruf, sei er welcher er wolle, fördernd und erhebend wirkt, Gedankenlosigkeit und Aberglauben zerstört und die Einsicht erzeugt, daß nur durch organisches Wachsen, durch ungehemmte Entfaltung innerer Lebenstriebe gesunde Gestaltungen entstehen. Gewiß ist die so liebevolle und gründliche Beschäftigung mit den Naturwissenschaften von großem Einflusse auf Bernstein’s ganz eigenthümliche Art gewesen, auch die Erscheinungen der Gesellschaft und des Staates von dem Punkte ihres ersten Werdens aus zu erfassen, im Gesetzmäßigen und Nothwendigen das Gute und Dauernde zu erkennen, sich von jedem Uebereilen fern zu halten und doch nie die Kraft und Energie in der Forderung dessen zu verlieren, was das naturgemäße Wachsen des Volksgeistes verlangt.

Die Leichtigkeit, mit welcher die naturwissenschaftlichen Arbeiten die verwickeltsten und schwierigsten Probleme ohne irgend welche Abbildung dem Verständniß einfacher Leser zugänglich machen, hat ihnen auch den Beifall des Auslandes gewonnen. Es erschienen Uebersetzungen davon in dänischer, schwedischer, polnischer und holländischer Sprache. Von der holländischen Uebersetzung sind bereits fünf Auflagen veranstaltet, von welchen die vierte Auflage in 16,000 Exemplaren so schnell vergriffen wurde, daß eine Concurrenz-Uebersetzung erscheint. – Die deutsche Originalarbeit wurde nicht blos in der Hamburger Reform nachgedruckt, sondern auch die deutsche Zeitung in New-York brachte dieselbe regelmäßig, und gegenwärtig erscheinen daselbst die sämmtlichen Bände im Nachdruck. Und dennoch hat selbst diese zwiefache Thätigkeit weder der Productivität noch der geistigen Beschäftigung Bernstein’s eine Grenze gesetzt. Im Jahre 1856 ertheilte ihm die preußische Regierung ein Patent für die Erfindung eines telegraphischen Problems, welches bisher noch kein Anderer zu lösen vermochte. Bernstein stellte im königlichen Telegraphenamt zu Berlin einen Apparat auf, der zwei Depeschen sowohl in gleicher, wie in entgegengesetzter Richtung auf einer Leitung telegraphiren kann, und die Bedeutung der Erfindung überwand die Schwierigkeiten, welche sich sonst wohl dem demokratischen Schriftsteller bei den Behörden entgegengestellt hätten; die Telegraphendirection stellte ihm zur Lösung dieser wie anderer telegraphischer Probleme die Leitungen zu Gebote. Die nähere Darstellung derselben würde uns zu weit abführen, wir wollen nur bemerken, daß die königliche Regierung die Lösung der Probleme, aber zugleich auch die Nothwendigkeit umfassender Verbesserungen im ganzen Telegraphenwesen anerkannte, um sie praktisch durchzuführen. Wenn einmal die Telegraphie, wie das nothwendig erfolgen muß, in die Hände von Privatgesellschaften übergegangen ist, dann werden auch diese Erfindungen ihre volle Wichtigkeit bewähren.

Inmitten all dieser Arbeiten trat aber in Bernstein der Drang nach freier poetischer Gestaltung, der in seiner Jugend so lebendig gewesen war, wieder hervor, und er schrieb für zwei folgende Jahrgänge des jüdischen Kalenders zwei Novellen, welche später in einer besonderen Ausgabe erschienen. „Vöggele der Maggid“ und „Mendel Gibbor“ sind Erzählungen aus dem jüdischen Gemeindeleben einer kleinen Stadt im Großherzogthum Posen und stellen so höchst eigenartige, unserm ganzen Culturleben anscheinend fernliegende Zustände dar, daß wir uns staunend fragend, ob wir denn mit diesen Menschen in demselben Staate und zu derselben Zeit leben. So ist das Stoffliche von ganz besonderm Interesse, wird aber weit überboten durch den sprudelnden, frischen Humor in der Darstellung der Verhältnisse, durch Zartheit und Tiefe in der Schilderung von Seelenzuständen und durch die echteste poetische Kraft, Gestalten so lebensvoll vor uns hinzuzaubern, daß uns ist, als hörten wir ihren Herzschlag und hätten Theil an ihrem innersten Sein. In diesen beiden Novellen sind Frauengestalten von solch seelischer Anmuth und unvergeßlich ergreifender Herztiefe, daß wir sie den idealsten Schöpfungen auf diesem Gebiete unserer Literatur an die Seite stellen können. Und wohl glauben wir, daß Eine von ihnen, wie uns die Freunde Bernstein’s versichern, das verklärte Bild der Frau ist, die sein höchstes Glück gewesen und deren Verlust über sein ganzes Leben den Schleier einer oft so tiefen Wehmuth breitet, denn das Bild ist von einem so lichten Glanze umgossen, wie ihn nur die Liebe giebt. Der Genuß dieser Erzählungen wird manchen Lesern durch die häufige Anwendung des jüdischen Idioms erschwert, obgleich ebenso Viele es wie etwas durchaus Aeußerliches kaum empfinden und sich mit ungetrübter Freude dem umfangenden Zauber dieser Darstellungen hingeben.

Indem wir noch hinzufügen, daß im Fache der Photographie und hauptsächlich der Stereoskopie auf Glas Bernstein’s Arbeiten mit den Leistungen der Pariser Meister wetteifern, brauchen wir unsern Lesern nicht mehr zu versichern, daß eine so vielseitige Thätigkeit nur durch ein strengem Fleiße gewidmetes Leben möglich ist. Diese unausgesetzte Arbeit nach so vielen Richtungen des geistigen Lebens, vereint mit einer großen Zurückhaltung und Bescheidenheit, bewirken es, daß Bernstein nur in einem verhältnißmäßig [456] kleinen Kreise gekannt ist. Aber gerade, weil er sich allem nach außen Zerstreuenden völlig fern hält, gelingt es ihm, bei anscheinend so verschiedenartigen Arbeiten die volle Harmonie des innern Wesens zu bewahren. Er ist in hohem Grade das, was man liebenswürdig nennt, hülfreich nach allen Seiten, seinen Freunden der treueste und bewährteste Freund, so daß diese bei den seltenen Geistesgaben, die ihn auszeichnen, doch den höchsten Werth des Mannes in seinem Charakter und in seinem Herzen finden. – Was Bernstein in den letzten zehn Jahren für die politische Bildung des Volkes gethan, ist nicht hoch genug anzuschlagen. Wir haben nur einer Pflicht genügt, wenn wir die Leser unseres Blattes mit einem Manne bekannt machten, welcher mit Recht den Dank der Nation für eine langjährige unerschrockene und überzeugungstreue Arbeit in ihrem Dienste beanspruchen darf.