Ein gebrochenes Edelweiß

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Textdaten
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Autor: Guido Hammer
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Titel: Ein gebrochenes Edelweiß
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 599-601
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[604]
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Von Guido Hammer.
Nr. 21. Ein gebrochenes Edelweiß.

Ein heißer Septembertag hatte mich auf einer Entenjagd bei Moritzburg[1] fast ausschließlich im Wasser zubringen lassen, als ich, noch naß wie ein Pudel und nicht wenig ermüdet, am Abend den immerhin weiten Weg von drei Stunden nach Hause antrat, wobei ich im Vorübergehen nur noch einem in der Gegend seßhaften Waidmann eine Gute Nacht sagen wollte. Gemächlich saß dieser, von der ebenfalls mitgemachten Wasserjagd bereits verschnaufend, mit den Seinen an der von mächtigen Linden überschatteten Thür seines reizend gelegenen Forsthäuschens und stärkte sich am reichlich aufgetragenen Imbiß. Mein Erscheinen war ihm ein sehr willkommenes, denn schon von Weitem rief er mir zu:

„I, das ist vortrefflich, daß ich Sie heute Abend noch einmal sehe! Setzen Sie sich,“ nöthigte er mich dann beim Herankommen, „und nehmen zuvörderst fürlieb mit einem einfachen Abendbrod, später aber mit einem Nachtlager in dem Ihnen ja so lieb gewordenen Giebelstübchen, denn Sie müssen heute bei mir bleiben. So eben,“ erläuterte er mir, „habe ich noch Schußbefehl auf ein weißes Edelthier erhalten, und da gehen wir morgen in der Frühe mitsammen darnach. Meine Büchse steht Ihnen zu Diensten, und wem es von uns Beiden zuerst paßt, der schießt’s todt.“

Das war allerdings Wasser auf meine Mühle. Dennoch wies ich mit Bedenken auf meine durch und durch nasse Bekleidung, die ich mir beim Nachhausegehen wohl trocken zu laufen gedachte, zur Uebernachtung im fremden Hause aber durchaus nicht geeignet fand. Diesem Einwand ward jedoch sehr bald praktisch abgeholfen, indem ich schon in wenigen Minuten vom Kopf bis auf den Fuß in trockenem Jägercostüm steckte, das freilich, da der gastfreundliche Besitzer desselben bedeutend umfangreicherer Natur war, als ich, arg an mir herumschlotterte. So metamorphosirt nahm ich nun vor allen Dingen am erquicklichen Mahle Theil, um dann so recht in behaglicher Muße den stillen, herrlichen Herbstabend zu genießen.

Ungehindert schweifte der Blick über die mondspiegelnde Fläche eines weit gedehnten Waldteiches hin, aus dessen wirrem Schilfe zuweilen die dumpfmächtige Stimme der Rohrdommel erklang, während das Gezänk der Rohrspatzen kein Ende nehmen wollte; wahrscheinlich weil ihnen die bereits in massenhaften Zügen einfallenden Staare den Platz im Röhricht streitig machten. Aber auch die Schnatter- und Pfeiftöne verschiedener Entenarten drangen durch die stille Abendluft herüber, und man konnte sehen, wie das plätschernde Wasser von den sich auf den Blänken Tummelnden gleich silbernen Funken und Streifen im Mondenlichte erglänzte. Lange saß ich so mit meinen gastlichen Wirthleuten unter den flüsternden Bäumen, von denen schon hin und wieder gelbe Blätter leise bröckelnd herabsanken und sich unter die im Gärtchen blühenden Astern, Malven und andern Herbstblumen betteten, wo sie am andern Morgen, goldenen Schälchen gleich, den perlenden Thau in großen, demantschimmernden Tropfen sammelten. Endlich mußte ich mich doch, so gern ich noch geblieben wäre, der Hausordnung fügen und in das mir angewiesene liebe, traute Giebelstübchen hinaufsteigen. Aber auch hier saß ich noch lauge schlaflos am weinumrankten Fensterchen, sog in vollen Zügen die balsamische Waldluft tiefathmend ein und blickte immer wieder über den schweigsamen Forst und schimmernden See, bis aufsteigende Nebel ein mystisches Dämmerlicht verbreiteten und zuletzt Alles tief verschleierten, so daß das Auge endlich ermüdete und sich nach Ruhe sehnte. Nun erst suchte ich das frische, linnenduftende Lager auf.

Nach tiefem, stärkendem Schlafe ermunterte mich der laute Weckruf meines jägerlichen Freundes, worauf ich sehr bald in Kleidern und jagdgerüstet vor ihm stand. Dann ging’s, zuvor noch durch eine Tasse guten Kaffee erquickt, hinaus in die Frische der Morgenluft, ohne daß wir jedoch sehr weit nach unserem Ziele wandern mußten. Der einzuschlagende Weg führte uns durch die von glattgeschorenen, steifverschnörkelten Taxushecken umgebene Fasanerie nach dem sogenannten „Weißen Fischgarten“, worin das jetzt gänzlich ausgestorbene weiße Edelwild gehalten wurde. Der erwähnte Wildpark aber, dessen Eingänge durch plastische Kunstwerke der Rococozeit geschmückt sind, besteht aus vortrefflichen, canaldurchschnittenen Wiesen, gesäumt von Jahrhunderte alten Beständen der herrlichsten Laub- und Nadelhölzer, die wiederum durch niedergehaltene Remisen, welche dem Wilde den gehörigen Schutz bieten, unterbrochen werden.

In erquickender Frische dämmerte der Morgen herauf; schon bleichten im Osten die Sterne vor dem kommenden Tagesschimmer, und den silberbethauten Wiesen entstiegen in langen Schwaden die Morgendünste. Mit Wonne schlürfte die Brust wiederum, wie am Abend, die aromatischen Düfte der Gräser, Kräuter und Bäume ein, während dem Ohre schon Gelegenheit ward, den mannigfachen Lauten der früh munteren Vögelschaar zu lauschen. Rasch wurde es nun heller und heller und auch die wallenden Nebel waren plötzlich wieder verschwunden, so daß das Auge freieren Spielraum bekam und bald – o köstlicher Anblick! – durch einen Trupp des weißen Edelwildes gefesselt wurde. Drüben, am Wiesenrande, dicht vor einem dunklen Fichtenbestande, äßten ruhig die graziösen Thiere, an Zahl wohl wenigstens zwanzig Stück. War die Entfernung zwischen uns und dem Wilde auch noch ziemlich weit, so hatten wir doch so vortrefflichen Wind und so geeignetes Terrain, daß es keinerlei Schwierigkeit bot, uns auf Schußweite hinanzupirschen. Dennoch mußten wir uns, nachdem wir dies bewerkstelligt hatten, auch hier zunächst nur an dem Anblick der Herrlichen weiden, da sich die Gelegenheit zum Schießen auf das bezeichnete Thier nicht sofort bieten wollte, indem dasselbe gerade mitten im Trupp und dadurch vollkommen gedeckt stand. So verhielten wir uns denn vor der Hand ruhig hinter dem Stamme einer gewaltigen Eiche, der uns vollkommen verbarg, dabei das gegenseitige Uebereinkommen treffend, wer zuerst seines Schusses sicher zu sein glaubte, der solle in Gottes Namen Feuer geben.

Das sollte aber keinem von uns Beiden so leicht glücken. Schon war es lichter Tag geworden, die äußersten Wipfel der uns gegenüberliegenden Buchen und Eichen prangten bereits im goldenen Schein der Frühsonne; weiter und weiter drangen die Strahlen hernieder, bis sie über die thauglitzernden Büsche und Gräser huschten und zuletzt die vor uns stehende Wildgruppe mit blendendem Lichte übergossen – aber noch immer ruhte die Todeskugel im Rohre. Ja, wäre sie für den stattlichen Sechszehnender, der beim Truppe stand, bestimmt gewesen, längst hätte sie ihr Ziel erreicht, denn kaum vierzig Schritte vor mir äßte sich der Herrliche, gänzlich isolirt und breit stehend. So zog er nur allzusehr meine Aufmerksamkeit auf sich, denn den einzigen Moment, in welchem ich einmal zur Noth auf unsere ersehnte Beute hätte schießen können, versäumte ich in versunkener Anschauung des Hochgeweihten. Fast eine halbe Stunde hatten wir vergeblich geharrt, der Trupp hatte sich, fortäßend, mehr und mehr von uns entfernt und zog endlich in das Waldesdunkel ein, so daß er darin unsern Blicken gänzlich entschwand. Das hatte nun bei so beschränktem und eingeschlossenem Terrain, wie das des Hirschgartens ist, eben nicht viel zu sagen, insofern es nur die Wiederauffindnng des Wildes galt. Dennoch konnte dieses dabei leicht rege gemacht werden, was dann jedenfalls Schwierigkeiten zur Folge hatte, denn man glaubt nicht, wie schwer es schon ist, ein bezeichnetes Stück Wild aus einem selbst ruhigen Trupp herauszuschießen, um wieviel mehr, wenn letzterer einmal stutzig geworden. Und wirklich [605] bekamen wir noch unsere rechte Noth. Denn so schnell wir auch wieder schußrecht an die außer Sicht Gekommenen hinan waren, das begehrte Thier blieb, wie in Vorahnung ihm drohender Gefahr, stets mitten im Trupp und ward, wie erst schon, immer und immer durch andere gedeckt, oder, wenn es ja einmal auf Augenblicke frei wurde, stand sicher hinter ihm eine Creatur, die, hätte man geschossen, auch mit getroffen werden mußte. Kurzum, es war nicht beizukommen.

Außerdem trat nun wirklich der gefürchtete Fall ein, daß die Beschlichenen uns wegbekamen und dadurch so mißtrauisch wurden, uns nicht wieder im Pirschen an sich hinan zu lassen. Deshalb zogen wir nach vergeblichen Bemühungen vor, uns ablösend vor die Wechsel zu stellen, während der Andere sacht hinter dem Wilde herpirschte. Aber auch dieses Manöver wollte zu keinem Erfolge führen, wir kamen eben niemals auf das rechte Stück zum Schuß. Zuletzt fiel uns fast der Muth, dasselbe an diesem Tage überhaupt noch zu bekommen, besonders da der Trupp durch die immerwährende Beunruhigung nun förmlich flüchtig wurde und die gezwungenen Wechsel nur im Fluge passirte. Trotzdem ließen wir nicht ab, und dabei glückte es endlich meinem Führer doch einmal, das Thier auf einen Moment, allerdings in vollster Flucht, frei aufs Korn zu bekommen. Rasch schoß er, und ganz deutlich sah ich, wie es die Kugel erhielt. Mit krummgezogenem Rücken machte es eine gewaltige Lançade in die Luft und stürmte dann mit dem flüchtigen Trupp weiter. Aber nur etwa fünfzig Schritt ging es mit seinen Genossen, dann trennte es sich von ihnen und zog langsam, nicht sehr fern von mir, etwa hundertundfünfzig Schritte, über eine haideblühende Blöße dem Holzrande zu. Deutlich konnte ich hierbei auf dem weißen Haar den Anschuß, der hinterm Blatte, aber etwas kurz saß, erkennen, ohne noch selbst einen Schuß anbringen zu können. So beobachtete ich denn vor allen Dingen, wo das kranke Thier sich niederthun würde, was auch sehr bald unter einer gewaltigen Fichte geschah, welche ihre dichten Zweige bis zur Erde neigte.

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Die letzten Augenblicke.
Nach der Natur gezeichnet von Guido Hammer.

Unterdessen war mein Jägersmann mit Laden fertig geworden und an mich herangekommen. In Kürze erstattete ich Bericht über das Beobachtete und zeigte dem glücklichen Schützen seine sitzende Beute. Mit gutem Winde pirschten wir uns nun mitsammen ganz nahe hinan, und leise nahm ich die Büchse an den Kopf, um das leidende Thier vollends todt zu schießen, aber Freund Grünrock griff mir plötzlich in den Arm, mich an meinem Vorhaben zu behindern. „J,“ raunte er mir dabei in’s Ohr, „Sie sind wohl des Teufels, hier erst noch eine Kugel d’ran wenden zu wollen. Nehmen Sie lieber rasch Ihr Skizzenbuch zur Hand, denn so Etwas kommt einem nicht alle Tage vor: ein Stück Wild im Verenden nach der Natur zeichnen zu können.“

[606] „Ach was, lassen Sie mich dem armen Geschöpf sein Leiden verkürzen! Hole der Satan eine so erbärmliche Skizze nach einer schmerzgequälten Creatur, der dadurch die Erlösung von ihren Schmerzen vorenthalten wird!“ murmelte ich ihm unwirsch entgegen und nahm die Buchse wieder auf, um Menschlichkeit zu üben, denn das Thier hatte jetzt, durch unser Geflüster aufmerksam geworden, eben den Kopf nach mir herübergewandt und sah mich mit einem Blick seines großen, schönen blauschimmernden Auges, aus dem Schmerz und Sanftmuth, Vorwurf und Bitte zugleich sprachen, so jammervoll an, daß ich mir dem duldsam sterbenden Thiere gegenüber wie ein ruchloser Bösewicht erschien. Dieses Gefühl steigerte sich in mir noch außerdem durch den Anblick des purpurnen Herzschweißes, der dem Anschuß in dicken Perlen entquoll und am „gebrochenen Edelweiß“ herniederrann, während bei jedem Athemstoß des sterbenden Geschöpfes hellrother Lungenschweiß aus Nase und Lippe entströmte. Das rührte aber meinen Waidmann Alles nicht, er nahm mir’s Gewehr von der Schulter und drang darauf, daß ich zeichnete. Laut bittend, ohne Rücksicht auf jägerliche Vorsicht, verlangte ich indeß die rasche Tödtung durch seine oder meine Hand, was er aber halsstarrig mit dem Bedeuten verweigerte: wenn ich gezeichnet hätte. Nur um ihm den Willen zu thun und dadurch um so rascher des Wildes Qualen zu beenden, griff ich nun hastig nach Stift und Papier, in flüchtigen Umrissen das Opfer mißverstandener Kunstliebe zu fixiren. In vibrirender Unruhe, aber kürzester Frist, habe ich das Blatt, nach dem ich die beigedruckte, natürlich ausgeführtere Zeichnung gebe, geschaffen, denn so lange ich zeichnete, verwendete das schwer- und schweißathmende Thier keinen Blick von mir ab. Dann, so rasch ich entworfen, legte es den schönen Kopf seitwärts und hinter nach dem Anschuß zu, das schmerzgebrochene Auge umflorte sich mit smaragdenem Schimmer, leiser und leiser wurde das Röcheln und – ohne seine Lage zu verändern oder sonst nur zu zucken – hauchte es seinen letzten Athemzug aus. Der Tod war mitleidig dem harten Menschenherzen zuvorgekommen.

„Verdammt sei das Sündenblatt!“ Mit diesen Worten warf ich die erzwungene Studie dem Waidmann vor die Füße, und – sonderbarer Weise – als er sie aufhob, war genau an der Stelle, wo der Anschuß hingehörte, ein Tröpfchen Schweiß gekommen, das in der Fährte an einem Halme gehangen. Mit seinem Herzblut hatte das dem Tode verfallene Original sein nichtiges Conterfei bezeichnet. Noch bewahre ich mir das unscheinbare Blättchen als mahnendes Erinnerungszeichen: auch als Jäger das Mitleiden nie zu unterdrücken.



  1. Moritzburg ist ein von großen Teichen umgebenes, mitten im Walde gelegenes Jagdschloß unweit Dresden, der Schauplatz der großartigsten Jagdfestlichkeiten unter den früheren Augusten.