Eine Todesmaschine auf dem Meere

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Textdaten
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Autor: Georg Hiltl
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Titel: Eine Todesmaschine auf dem Meere
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 601-604
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Mitfahrt auf einem Kanonenboot
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[601]
Eine Todesmaschine auf dem Meere.
Von George Hiltl.

Wir waren, eine Gesellschaft Berliner Kinder, zum Seebade in Westerland auf der Insel Sylt. An einem schönen Julimorgen machten wir einen Ausflug nach der Nordspitze des Eilands, dem sogenannten List, wo das Dänenthum noch zahlreiche Anhänger besitzt. Es ist ein öder Haidestrich, dieses List, mit den Dünen, die es säumen, und bietet wenig Anziehendes, um so mehr interessirte uns aber die in’s Auge gefaßte Besichtigung eines Stückes preußischen Bodens, der, noch vor der Gasteiner Vereinbarung, bis nach Sylt gekommen war. Ich nenne preußischen Boden ein Schiff mit der Adlerflagge, denn nach altem richtigen Satze ist das Deck eines Schiffes gleich dem Boden des Landes, dem es angehört.

Schon einige Tage vorher war der liebenswürdige Commandeur des bei Sylt auf Peilung befindlichen königlich preußischen Kanonenbootes Chamäleon nach Seebad Westerland gekommen. Seiner Einladung, ihn an Bord zu besuchen, hatten meine Badegenossen, ein paar preußische Officiere, Folge geleistet und mich aufgefordert, die jedenfalls interessante Partie mitzumachen, worauf ich denn auch im Vertrauen auf die bekannte Freundlichkeit des Chamäleon-Commandeurs sehr gern einging. Am hohen Strande angelangt, erblickten wir in ziemlich weiter Entfernung das Chamäleon vor Anker liegend. Es sah, von hier aus betrachtet, wie ein ungeheures Krokodil oder wie ein todter Walfisch aus, in dessen Rücken mächtige Harpunen steckten. Die Boote, welche zu beiden Seiten herabhingen, glichen großen Warzen, und nur der hohe, gelb angestrichene Schornstein störte diese Vergleiche des Kanonenbootes mit den Bestien der Meeresgründe.

Das Chamäleon lag so still, so ruhig, so friedlich vor uns, von der herrlichsten Sonnenbeleuchtung in höchst vortheilhaftes Licht gestellt, es sah, um einen populären Ausdruck zu gebrauchen, so aus, „als ob es nicht fünf zählen könnte“. Ein leiser Rauch, kaum stärker, als der einer transportablen Kaffeeküche auf den Boulevards von Paris, quoll aus dem Schornstein hervor und auch das Leben an Bord schien erstorben. Freilich konnte man auch anderen Gedanken Raum geben, denn das Kanonenboot glich auch einem Todesboten, einem Leichenbitter, einer Pulverkiste, einem lauernden Drachen, dessen Kopf noch unter Wasser lag und dessen Anblick erst vollkommen schrecklich sein mußte, wenn es seinen Rachen öffnete, um Feuer und Qualm zu speien.

Einer der Herren hatte mit dem Commandeur die Verabredung getroffen, daß eine Art von Signal vom Ufer aus gegeben werden solle, sobald wir zur Ueberfahrt bereit seien, und so flatterten denn verschiedene Taschentücher vom Ufer aus. Die Wache auf dem Chamäleon bemerkte auch bald diese Winke; es ward plötzlich auf dem Decke lebendig, wir sahen einige weiße Gestalten in das Boot steigen, es hinablassen und in kurzer Zeit schoß dasselbe, mit fünf Matrosen und einem Bootsmann besetzt, pfeilschnell durch die Wogen auf die Lister Spitze zu. Wir eilten hinunter und wurden bald durch den sehr höflichen Bootsmann begrüßt. Er berichtete uns, daß der Herr Commandeur nicht an Bord, sondern am Lande sei, daß er aber befohlen habe, nach ihm zu senden, sobald wir angelangt sein würden; wir möchten daher nur immer Platz nehmen.

Mit der den Landratten auf Schiffen und Booten eigenen Ungeschicklichkeit balancirten wir uns über verschiedene Ruderbänke hinweg zu den angewiesenen Sitzen. Während ein Junge von der Besatzung des Chamäleon über die Hügel in das Dorf eilte, um den Commandeur zu benachrichtigen, musterten wir unsere Bootsmannschaft. Es waren prächtige, ausgefressene, dicke Bursche mit langen Haaren und sonnverbrannten Gesichtern. Sie trugen Arbeitszeug, d. h. leinene Hosen und Oberhemden, darunter blauwollene Hemden mit breitem, weißgerändertem Ueberschlagkragen. Auf dem Kopfe saß die runde, blaue Matrosenmütze mit schwarzem Streifen, worauf in gelben Lettern zu lesen war: Königlich preußische Marine. Einer trug auch eine Mütze mit der Inschrift: Augusta. Sie tuschelten leise mit einander. Ich weiß nicht, ob sie sich etwa auf einen Jubel freuten, der ihnen durch irgend einen faux pas der Landratten verursacht werden sollte, oder ob wir ihnen willkommene Gegenstände der Zerstreuung waren. Der Bootsmann saß am Steuer in blauer Uniform, sein breites, seidenes Halstuch in den berühmten Seemannsknoten geschlungen, was die Matrosen übrigens auch gethan hatten. An schwarzem Bande hing eine silberne Pfeife auf seine Brust herab und ein brocheartiger Gegenstand hielt das Hemde unter dem Halse zusammen. Alle waren barfuß und hatten die Aermel hochgestreift, wodurch ihnen Erleichterung in der großen Hitze und uns die Gelegenheit geboten wurde, die mannigfaltige Tättowirung auf den musculösen Armen zu betrachten, jene sonderbare Koketterie der Seeleute, sich die Arme und Hände mit eingeätzten Herzen, Zahlen und Namen zu bedecken, die in blauer oder rother Farbe paradiren, vielleicht eine aus den Inseln der Südmeere mitgebrachte Mode, von den Angehörigen wilder Stämme adoptirt.

Während wir diese Dinge betrachteten, ertönte vom Ufer her schon ein lauter, kräftiger Ruf. Der Commandeur erschien. Ein junger, kraftvoller Officier in blauer Uniform, bot derselbe das Bild eines echten Seemannes. Gebräunter Teint, die eigenthümliche Färbung der Haut, welche Arbeit, Sonnengluth und schneidender Wind erzeugen, der schwankende Gang, eine fortwährende Bewegung zwischen Laufen und Balanciren, als ob die ungewissen Breter des Fahrzeuges stets unter seinen Füßen befindlich seien, [602] die durch den Kampf mit dem Elemente doppelt stark entwickelte, markige Gestalt, dies Alles bezeugte uns, daß der Commandeur des Chamäleon schon eins geworden mit jener Welt des Wassers, in die zu reisen „ein Mann,“ wie Vater Homer sagt, „die Brust mit sechsfachem Erze gepanzert haben muß.“

Nach freundlicher Bewillkommnung der preußischen Landsleute gab der Commandeur das Zeichen. Der Bootsmann herrschte: „Ruder ein!“ worauf mit einem Schlage die zehn Riemen sich in’s Wasser senkten. „Ab,“ und hinaus in die See schoß das Boot, auf den Wellen recht ordentlich schaukelnd. Die schnelle Fahrt brachte uns bald an die Steuerbordseite des Chamäleon, und mit kühnem Schwunge stiegen die Söhne der Kurmark Brandenburg auf Deck des Kanonenbootes. Schon während der Ueberfahrt hatten die Umrisse desselben immer bedeutendere Dimensionen angenommen, so daß wir über seine anscheinende Harmlosigkeit denn doch ziemlich enttäuscht wurden. In der unmittelbaren Nähe traten die verschiedenen Anstalten, die Stangen, Raaen und Leitern, die Schanzen und Stege klar hervor, und wenn das Chamäleon gemäß seiner Bestimmung auch nur ein kleines Schiff ist, birgt es doch die verderbenbringende Gewalt in seinen Planken, zwischen seinen Decken und Schanzen.

Als wir das Schiff betraten, fanden wir, was vom Lande aus nicht bemerkt werden konnte, die Mannschaft auf dem Deck in voller Beschäftigung. Lautlos, ohne zu räuspern, war Jeder bei seiner Arbeit. Es wurden Maschinentheile, Waffen, Gefäße geputzt, einzelne Stellen des Verdecks gescheuert, die Segel ausgebessert etc. Diese lautlose Geschäftigkeit hatte etwas ganz Eigenthümliches. Oben der blaue Himmel, unten das grüne Meer, das Fahrzeug mit seinem Gewirr von Leinen, Stricken und Stangen, darauf die arbeitende Mannschaft, und das Alles von der Sonne so grell, so glühend beleuchtet – man glaubte zu träumen.

Vor allen Dingen zog uns die gefürchtete Armirung des Kanonenbootes an. Das Chamäleon führt drei Geschütze. Zwei davon sind wohlgezogene, eines ein ungezogenes Kind. Die Gezogenen sind Fünfundvierzigpfünder. Sie sehen wie ein Schmuckkästchen aus, so sauber und blank ist Alles an und bei ihnen. Damit die Feuchtigkeit keinen Schaden bringe, ist das Rohr mit feinem Firniß überzogen, die Griffe, die Beschläge blitzten in der Sonne wie Silber und Gold. Die furchtbaren Maschinen stehen auf dem Deck des Kanonenbootes und zwar auf schmalen Eisenschienen, wodurch sie beliebig vor- und rückwärts gerollt werden können. Die Laffetten sind niedrig und gleich den gewöhnlichen Schiffslaffetten gebaut. Das Abfeuern geschieht mittels eines Hammers, der bei dem Zündloche angebracht ist und durch einen Strick gezogen wird, dann auf die Zünd- oder Schlagröhre niederfällt und wieder zurückfliegt, sobald der Schuß entzündet wird. Sorgfältig verwahrt man die Oberfläche des Geschützes durch Uebersätze von Kupferblech, und es ist eigentlich ganz seltsam, wenn man sieht, wie die Todes- und Zerstörungsmaschinen gleich geliebten Kindern sorgsam gehätschelt werden, wie man sie fast in Watte packen möchte und wie die Matrosen mit einer Mischung von Stolz und Zuneigung auf die Ungethüme blicken. Besondere Kanoniere sind auf dem Chamäleon nicht, die Matrosen bedienen das Geschütz selbst. Die Munition steht zum Theil auf dem Verdeck in Kästen, welche unter der Schanze ihren Platz haben. Die Ladung für das ungezogene Geschütz befindet sich ebenfalls in dessen Nähe, und die auf einen Spiegel gesetzten, mit getheerter Leinwand überdeckten und durch Stränge gewürgten Kartätschenballen machen einen höchst unbehaglichen Eindruck auf den Beschauer.

Was befindet sich nicht Alles auf dem Deck eines solchen Schiffes! Die Dinge sehen in der Regel so zierlich aus, als dienten sie zum Spielwerk. Man betrachte nur die Handwerkskästen oder die Behälter, in denen Bürsten, Räumnadeln, Wischer, Zangen und sonstige Requisiten für die Geschütze enthalten sind; Alles ist so niedlich und sauber, als wären es Modellstückchen, dabei befindet sich an jedem Kasten ein Verzeichniß des Inhaltes, so daß man nur zuzugreifen braucht, um alle Gegenstände schnell zu bekommen, welche zur Vernichtung und Zerschmetterung des Gegners dienen können, oder die dazu beitragen, so und so Viele in das Jenseits zu befördern. Ueberhaupt macht ein Kanonenboot zwar nicht den imposanten Eindruck, welchen ein größeres Kriegs- oder eines jener gewaltigen Postdampfschiffe hervorbringt, aber jedem Beschauer drängt sich, wenn er sich auf einem Kanonenboote befindet, unwillkürlich der Gedanke auf, daß er wirklich auf einer Todesmaschine stehe, daß diese Breter, diese Planken, diese Werkzeuge nur dazu vorhanden seien, sicheres Verderben zu verbreiten, Vernichtung an die Küsten zu tragen. Bei anderen Schiffen ist neben der Bewaffnung noch ein gewisser Comfort bemerkbar, das Kanonenboot entbehrt jeder Bequemlichkeit, es ist nur geschaffen, um zu tödten, zu zerschmettern, zu vernichten.

Ein in gewissem Sinne furchtbarer Ort ist der Maschinenraum auf dem Chamäleon. Die fast tropische Hitze eines Sommertages verband sich mit dem heißen Dampfe, mit der Gluthströmung, welche die Kessel der Dampfmaschine von achtzig Pferdekraft entsendeten. Diese Temperatur einer Hölle ist in einen engen Raum gesperrt, zu dem nur ein schmaler Eingang führt. Man hatte die Windfänge hinabgelassen, um einige frische Luft in diese Räume zu bringen, allein das fruchtete nicht viel. Ein sinnbetäubender Dunst strömte uns entgegen und es gehörten sicher eine lange Zeit und ein fester Körper dazu, um den Aufenthalt in diesem Behältniß ertragen zu können. Freilich ist es wohl mehr oder weniger in den Maschinenräumen aller Dampfschiffe ähnlich so, aber die Kanonenboote sind nun einmal enger und niedriger, also ist der Dienst ihrer Ingenieure auch desto härter. Es ist ein großartiger Beruf, denn das Wohl des Fahrzeuges hängt nächst der richtigen Führung des Commandeurs zum großen Theil von der Gewissenhaftigkeit und Sicherheit der Ingenieure ab, die ihr Leben dieser harten Arbeit weihen. Man sagt, die Ingenieure der Dampfschiffe seien die Lebemänner unter der Mannschaft, sie bilden gewissermaßen die Jeunesse dorée unter dem Dienstpersonale eines Fahrzeuges; sie sollen ihre freien Stunden sehr wohl zu benutzen wissen und zuweilen sogar ein wenig über die Stränge schlagen.

Ob das so ist – ich weiß es nicht. Wenn aber die Männer der Maschine, diese Arbeiter, gegen welche die Genossen Vulcans nur Tagdiebe sind, wirklich in den wenigen freien Stunden, fern von der verzehrenden Gluth des brodelnden und dampfenden Kessels, von dem betäubenden Getöse der Maschine und dem erstickenden Dunste des qualmenden Oeles, ihr Leben dreifach zu genießen suchen, wer kann mit ihnen rechten? wer darf es tadeln? Die freie Stunde wird benutzt, die kurzen Augenblicke, in denen es diesen lebendig Begrabenen vergönnt ist, die erquickende Luft zu athmen, müssen schadlos halten für wochenlange, schwere Arbeit. Sie sind alle gut bezahlt, sind geachtete und gebildete Männer, weshalb sollen sie nach mühevollem Tagwerk nicht ihre Ansprüche an das Leben geltend machen? Mögen sie immerhin ein wenig oben hinaus sein – das Stampfen der Maschine macht alle Erinnerungen an fröhliche Stunden, an Saus und Braus zu nichte.

Noch mit unserm Weine beschäftigt, wurde zum Mittagessen gepfiffen. Wir sahen die ganze Mannschaft nach und nach unter Deck verschwinden. Außer uns befand sich nur noch der Posten aus dem Auslug oben. Dieser Mann vom Chamäleon war ebenfalls nicht zu beneiden. Nach Dienstvorschrift war er natürlich mit einem Fernrohre bewaffnet und mußte die gegenüberliegende Küste recognosciren. Was er dort sah, konnte seine Phantasie nicht besonders erregen. Die kahle Hügelreihe, die Häuser von List und einige Schiffchen am Strande, kleine Schooner, welche bei der Ebbe trocken lagen, so daß die Wagen vom Ufer aus dicht heranfuhren, um die Ladung des Schiffes einznnehmen – dies waren die Dinge, mit welchen unser Posten sich unterhalten durfte. Wir schenkten ihm einen Seufzer des Mitleidens, obwohl der Bursche an den langweiligen Beruf schon gewöhnt sein mochte, denn er stand unverrückt in glühendster Sonne auf der Schanze des Backbord und hielt sein Rohr an das Auge, als gälte es die Bewegungen einer feindlichen Armee zu verfolgen.

Unsere Unterhaltung ward durch einen Matrosen unterbrochen, der, aus der Küche heraufgestiegen, den Gästen des Chainäleon einen Teller Erbsensuppe präsentirte. Wir kosteten Jeder einen Löffel und mußten gestehen, daß uns nach dieser Prüfung das gesunde, wohlgenährte Aussehen der Leute kein Räthsel mehr war. Wir Badegäste in Westerland auf Sylt hatten solche Suppe in unsern respectiven Hotels nicht auf dem Tische. Die Leute sind überhaupt trefflich beköstigt und können sich auch über allzu harte Arbeit nicht beklagen. Ein Theil versieht den Dienst, während der andere sich mit den häuslichen Verrichtungen beschäftigt; Nachmittags sind sie mit Ausnahme der Wachhabenden [603] frei, wenn nicht die Witterung ihre Kräfte in Anspruch nimmt. Der Vormittag wird nach einem besonderen Stundenplane mit Uebungen hingebracht. Theils manövrirt das Schiffsvolk oder wird instruirt, auch übt der Commandeur fleißig die Löschmannschaft und es ist ein besonderer Unterricht für das Verhalten eingerichtet, wenn das Signal gegeben wird: „Feuer im Schiff!“

Die Mannschaft hängt mit großer Zuneigung dem trefflichen Commandeur an, welcher seiner Seits wieder den Leuten das beste Lob ihrer Tüchtigkeit, Willigkeit und Ordnungsliebe wegen ertheilt; auch ist der Gesundheitszustand höchst befriedigend. Von der gesammten Equipage war nur ein Unterofficier an Gelenkrheumatismus während des Aufenthaltes bei List erkrankt, obgleich die starke Hitze allerlei Befürchtungen erweckt hatte.

Die Entermesser, Hacken und Spieße, sowie die gefürchteten Zündnadelgewehre, liegen in bester Ordnung in Säcken wohl verwahrt und doch gleich zur Hand für etwaigen Gebrauch. Hunde verschiedener Gattung liefen im Schiffe umher und wurden sehr gehätschelt. Man läßt den Leuten gern diese treuen Gefährten und nur bei allzu zahlreichem Erscheinen von Nachkommenschaft werden einige Sprößlinge über Bord befördert.

Durch mehrere offenstehende Luken gewahrten wir in den Zimmern der Ingenieure und Steuerleute oder Unterofficiere verschiedene weibliche Photographien. Hinter einigen war eine kleine welke Blume, ein Blättchen oder eine Schleife befestigt. Es waren wohl Andenken der fernen Lieben, Erinnerungen an eine traurig-süße Abschiedsstunde, in der jene kleinen Blumen und Blätter gebrochen waren, stumme Mahnungen der Heimath zu gedenken und zuweilen eine Unterschrift: „Komm gesund wieder.“ Ja, das ist nun nicht anders. „Werden wir uns wiedersehen?“ diese Frage muß der Seemann jedes Mal leise vor sich hin thun, wenn er, auf dem treulosen Elemente schwimmend, des Abends solch ein liebes Bild betrachtet!

„Boot herab!“ scholl das Commando, und wir saßen bald wieder in dem kleinen Fahrzeuge. „Auf Wiedersehen nach Tische!“ damit verabschiedeten wir uns von den Leuten und gingen, vom Commandeur geführt, in den naheliegenden Gasthof, sobald wir an’s Land gestiegen waren. Der Wirth des Gasthauses zu List ist ein Stockdäne. Er ließ sich nur wenig sehen. Die Leute erzählten, er sei auf Capitain Hammer’s Flotille gewesen. Indessen machte er sein mürrisches Betragen durch trefflichen Hammelbraten, guten Salat und eine Nationalspeise: Grütze mit Weinsauce – Alles äußerst wohl zubereitet und von der bildhübschen Tochter servirt – vergessen.

Nach Tische stellte der Commandeur uns dem Strandvoigt von List vor, der, Anfangs scheu, durch des preußischen Seeofficiers liebenswürdiges Betragen bald ganz umgewandelt worden ist. Ich glaube, der Voigt heißt Hansen. Ich glaube, denn obwohl ich mich eines guten Gedächtnisses erfreue, kann es doch dem besten Gedächtnißkünstler passiren, auf Sylt Namen zu vergessen, weil man in einem wahren Meere von Hansen, Petersen, Johannsen, Boysen, Boësen und Jensen umherrudert. Es giebt Stellen, wo man wirklich die Leute numeriren müßte. Vor der Wohnung des Voigtes ist eine Menge Schiffsholz aufgehäuft, Spieren, Balken, Planken, Maststücke, Eisenwerk. Die See hat das Alles an den Strand getrieben, es wird verkauft, zerschnitten, verbrannt. Diese Schiffstrümmer geben ein sehr ernstes, melancholisches Bild. Woher kommen sie? Welche Hoffnungen sind zu Grabe gezogen, als diese Holzstücke in die wüthenden Fluthen sanken? Wie viele Hände haben vielleicht jenen großen Balken als letzten Versuch zur Rettung umklammert und sind dann matt, kraftlos abgeglitten! Das Holz an das Ufer, die Menschen in die See – tief, tief hinunter, – hinweggerissen von dem helfenden Brete und doch ist auf demselben noch zu lesen: „––tuna.“ Armer Seemann! Er hatte die Fortuna umklammert! Man sieht an vielen Häusern Sylts solche Schiffsnamen, welche die See an den Strand warf. Die meisten sind fast eine Ironie auf das Schicksal des Fahrzeuges, dem sie zur Zierde gereichten.

Fort ging es über die Dünen und in eine schauerliche Einöde. Von dieser Traurigkeit, dieser furchtbaren Schwermuth der Dünengegend bei List kann man sich kaum einen Begriff machen. Die schneeweißen Sandberge rollen ineinander, spärlicher Sandroggen kriecht auf ihnen umher, wie Leichentücher breiten sich die Ebenen aus, Alles erstorben, Alles verschüttet, der Sand ist Meister des Bodens geworden. Nun kommt eine Strecke brauner Haide, da wird es lebendig; wo nur ein Gedanke von Vegetation sich zeigt, da sind Wesen mit Fleisch und Blut. In diesen Haidethälern der Dünenberge kreischt und schwirrt es. Tausende von Möven fliegen empor und erfüllen die Lüfte mit ihrem klagenden Geschrei. Sie haben hier unten ihre Nester, ihre Jungen und der Ruf des Vogels klingt fast wie: „Tödte nicht! tödte nicht!“ Zwischen den kurzen Blättern der Wegekräuter oder Ginster liegen die großen, grünen Eier der schönen Vögel. Man kann sie leicht finden, denn nur ein kunstloses Nest umhüllt sie. Bückt man sich, so wird die Unruhe der Vögel oben in der Luft immer größer, sie fahren herab, sie wollen einen Versuch machen ihr Nest zu schützen, sie haben sich in diese unwirthlichen Steppen zurückgezogen, um sicher vor dem Menschen sein zu können. Da ist er wieder und stört die Ruhe auch hier. Sonnenbrand, Einöde von Mövengeschrei und ängstlich flatterndem Geflügel belebt, ungeheuere Berge zeigen, bei dem leisesten Windhauche angewirbelten Sandes, ein großartiges Bild der erstorbenen Natur, das ist hinter den Dünen von List zu sehen, und zu diesem wüsten Panorama stimmt trefflich das Geheul der See, die wenige Schritte davon brandet.

Auf solche beklommen machende Eindrücke that der Anblick des hübschen Segelbootes gar wohl, welches unterdessen vom Chamäleon herübergekommen war, um uns abzuholen. Es sollte der interessante Tag durch eine Segelpartie beschlossen werden. Leider – ich muß so sagen – war das Wetter so schön, daß wir fast kein Lüftchen in die Segel bekamen. Mit Riemen mußte das Fahrzeug gefördert werden. Endlich sprang eine kleine Brise auf. Diese Zeit der Ruhe hätten wir nun gar zu gern durch Gesang gefeiert. Der Commandeur befahl den Jungens vom Chamäleon in scherzhafter Weise zu singen. „Sie sollten nur hören, wie munter das an Bord zugeht. Da wird gejubelt und gesungen, hier können sie nicht die Zähne auseinanderkriegen,“ sagte er. Die Leute waren verlegen, sie drehten ihre Mützen in den Händen, zuletzt krochen sie alle in die Gegend des Bugsprietes und weil sie nun von dem Segel gedeckt waren, begannen sie einen vierstimmigen Gesang, der recht gut klang, aber ernst, feierlich, fast choralartig war. Liegt das in der Stimmung, welche das Element erzeugt? Werden diese einfachen Leute durch dies Schweben zwischen Leben und Tod so unwillkürlich ernst, wenn sie heiter sein wollen? Genug, die überwiegende Mehrzahl der Seemannslieder tönt in melancholischen Weisen über die Fluth dahin.

Wir steuerten auf den „Ellenbogen“, eine kleine Insel gegenüber der List, zu. Hier ist ein Leuchtthurm oder ein Leuchtfeuer. Das Boot stieß auf, aber wir waren wohl noch fünfzig Schritte vom Land entfernt. „Wie kommen wir heraus?“ riefen die Landratten. – „Das werden Sie gleich sehen, meine Herren,“ lautete die Antwort. Schon standen eben so viel Matrosen, als Passagiere im Boote waren, in der Fluth. Der Commandeur bestieg die Schultern eines seiner Untergebenen, unter lautem Gelächter folgten wir Alle seinem Beispiel. „Werden Sie mich auch nicht fallen lassen?“ fragte einer unserer Hauptleute, mit wehmüthigem Blicke auf seinen eleganten Reiseanzug, das zweibeinige Roß, dem er sich anvertraute. Der breitschultrige Seewolf hatte statt der Antwort nur ein verächtliches Grunzen.

Wir wurden Alle an das Land gesetzt. Das Leuchtfeuer brennt auf einem eisernen Thürmchen. Wir bestiegen dasselbe und genossen noch einen herrlichen Anblick, denn die Sonne sank schon in die Fluthen. Beim Zurückgehen kam die Rede auf Capitain Hammer. Man mag von der Bösartigkeit dieser berüchtigten Figur des letzten Krieges Mancherlei erzählen können aber der Wahrheit die Ehre. Die Tüchtigkeit Hammer’s in seinem Berufe steht über alles Lob erhaben da. Die Tonnen- und Baakenordnung, das Leuchtfeuerwesen, die Peilungen, die Ausbaggerungen auf dem unter seiner Obhut stehenden Terrain sind so musterhaft in ihrer Art geführt, daß nach dem Zeugniß unserer Seeofficiere sowohl, als nach dem der ihm feindlich gesinnten Sylter, jede Marine die dänische um einen so trefflichen Beamten und kenntnißreichen Officier beneiden kann. Noch einmal fuhren wir bei dem Chamäleon vorüber, wir grüßten seine Mannschaft und gingen eine Viertelstunde später an das Land. Mit herzlichstem Danke für den genußreichen Tag, der ein uns Allen interessantes Berufsleben erschauen ließ, schieden wir von dem liebenswürdigen Commandeur des kleinen Seeungeheuers.

Zu unsern Füßen rauschte es leise, es war die Fluth, welche heranrollte; die Sonnenkugel schwebte nur noch zur Hälfte über [604] dem glühend rothgefärbten, glatten Meeresspiegel, rosige Nebel stiegen auf und hüllten die letzten Enden der Masten des Chamäleon ein, nur die preußische Flagge bewegte sich noch lustig im Abendwinde. Endlich verschwand auch sie hinter dem Vorsprung der hügeligen Küste. Die Sonne sank hinab, im Osten schwebte der Mond herauf. Zwei riesige Seeadler zogen in weiten Kreisen über das Meer, dessen Wellen im Mondlichte blitzten und funkelten.