Ein geharnischter Harmloser

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Adolf und Karl Müller
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein geharnischter Harmloser
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 31–34
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[31]
Thier-Charaktere.
Von Adolf und Karl Müller.
Ein geharnischter Harmloser.

Wir sind gewohnt, ritterliche Thaten mit Vorliebe aus dem Leben unserer eigentlichen Raubthiere zu verkünden, Thaten der Kraft und des Muthes, der Großmuth und aufopfernden Mutterliebe, Kämpfe der Eifersucht und Nebenbuhlerschaft, Raubzüge verwegener Kühnheit und nächtliche Ueberfälle. Im „Löwenritt“ ist die Reitkunst des Wüstenkönigs durch den Dichter verherrlicht worden; seine Stärke gipfelt in dem bewunderten Sprunge, den er, das zweijährige Rind im Maule, über den drei Meter hohen Zaun des Krâls macht, und unsere Anerkennung schlägt ihn gleichsam zum Ehren- und Königsritter. Die Riesensprünge der Katzen vom Königstiger herab bis zum Luchs, des letzteren Geduld und Ausdauer im Lauern und auf meilenweiten Raubgängen – sie sind Beurkundungen bevorzugter Thierfamilien von edlerem Stande. Selbst der Sprung des Edelmarders in den Nacken des Rehes vom Baume herab erscheint uns als ritterliche That. Und sehen wir gar, wie der gnomenhafte Dächsel, schon rühmlich bewährt in der Feste Malepartus durch Mißachtung der Prankenschläge und Bisse Meisters Grimmbart, dem Tiger lautgebend sich entgegenstellt, fürwahr, dann können wir nicht anders, als von einer ritterlichen Großthat reden. Ehre, dem Ehre gebührt!

Aber ich möchte auf die Erfahrungsregel hinweisen, daß die Welt vor allem Anderen geneigt ist, die großartige, imponirende Gestalt der That anzuerkennen und dafür das, was im Kleinen sich groß erweist, die Leistung im Stillen und Niederen, welche nicht in die Augen springt, zu übersehen. Solche verborgene, nur der mühsamen Forschung zugängliche Großthaten treten aber innerhalb der Ordnung der Insectenfresser oder Kerfjäger (Insectivora) zahlreich auf, ohne daß sie in der Oeffentlichkeit Aufsehen erregen.

Was will die Muskelstärke des Berberlöwen im Verhältniß zu derjenigen des Maulwurfs bedeuten? Die Last, welche der Nacken des Maulwurfs hebt, die Stoffmasse, welche seine Hände unermüdlich nach hinten schaufeln, der Erfolg, mit welchem der Knorpelrüssel wühlt: das ist mehr als ritterliche That, das ist Herculesarbeit. Was will das Gebiß des furchtbarsten Raubthierkiefers gegen dasjenige des Maulwurfs und der Spitzmaus gelten? Ich antworte mit Karl Vogt’s Vergleich: „Das Gebiß einer Spitzmaus, zu den Maßen desjenigen eines Löwen vergrößert, würde ein wahrhaft schauderhaftes Zerstörungswerkzeug darstellen.“ Man sollte meinen, die Instrumentenmacher hätten dem Insectivorengebiß das Muster zu ihren Bohr-, Schneide- und Säge-Instrumenten entlehnt. Und neben diesen Verwüstungswerkzeugen, welch ein Verdauungsvermögen, welch ein Stoffwechsel! Das Gewicht der beiden genannten Insectivoren entspricht dem Gewichte dessen, was sie täglich fressen. Der „Löwenritt“ ist weltberühmt, der Ritt einer Wasserspitzmaus aber auf dem Kopfe eines mehrere Pfund schweren Karpfens, dem die nadelspitzen Zähnchen die Augen zerfleischen und das Gehirn anbohren, zumal im Wasser, dem Elemente des Fisches – ist er auch kein dichterischer Stoff für einen Freiligrath gewesen, ihn soll doch die Feder des Thierkundigen rühmend verzeichnen als Großthat des Zwerges in sammetschwarzem Pelzmantel mit Silberperlenverbrämung.

Doch heute haben wir es mit einem anderen Kerfjäger zu thun, den der Künstlergriffel leibhaftig in dem Bilde verherrlicht, das die Unterschrift trägt: „Igel und Kreuzotter“.

Dort liegt aus dem Stoppelacker am Feldrain eine eirunde Stachelkugel. Ich trete hinzu, und ohne Gewaltmittel in Anwendung zu bringen, streiche ich die Menge starrender Stacheln von vorn nach hinten, fasse, so geschützt vor Verletzung, den Stachelklumpen und trage ihn auf eine überhängende Felsplatte. Es vergeht eine Zeit von fünfzehn Minuten, ehe ein leises Zucken an dem Panzer sichtbar wird, dann aber streckt sich unter mehrmals wiederholtem Rucke zu gleicher Zeit der vordere und hintere Theil desselben, und vorsichtig prüfend taucht zuerst eine rüsselförmige Schnauze und alsdann das finster blickende Gesicht hervor. Ist es wirklich drohender Zorn, unheilverkündender Rachegedanke, der in dem faltenreichen Gesichte geschrieben steht? Wie doch die äußere Miene täuschen kann!

Der entrollte Igel läßt das Auge prüfend in die Umgebung blicken und rollt dann linkisch dem Rande der Platte zu. Täppisch poltert er hinunter, aber, im Nu wieder zusammengerollt, fällt er als Kugel zu Boden, ohne im Mindesten sich weh zu thun. Fällt er doch so von hohen Mauern nieder, ohne sich zu beschädigen.

Eine so merkwürdige Einrichtung, welche das Thier plötzlich in eine gänzlich veränderte Gestalt umzuwandeln vermag, verdient eine genauere Untersuchung. Ein stark entwickelter Hautmuskel, welcher theils als Fortsetzung der dicken Faserschicht des Hinterkopfs erscheint, theils an dem Nasen- und Stirnbeine entspringt, umgiebt gürtelartig die beiden Seiten des Igelleibes. Das nach hinten zu beiden Seiten seiner Seitenabschnitte breit verlaufende, am Bauche dick, nach dem Rücken zu dünn werdende Muskelband hängt mit der Haut des Stachelpanzers von dessen Ursprung am Bauche bis zum Rücken zusammen. Die Seitenhälften des Muskels verbinden sich auf dem Stummelschwanze des Igels miteinander. Sobald er nun den Muskel zusammenzieht, wird der Panzer verkürzt und seine Stacheln richten sich folgerecht empor. Es tritt zugleich die Mithülfe von Bauchmuskeln hinzu, sodaß die Panzerhaut gleich einem Strupfbeutel die am Bauche vereinigten Füße sammt Kopf und Schwanz umhüllt. Nur in der Mitte des panzerlosen Bauches bleibt eine kleine, schmale Naht. Beim Entrollen der Stachelhaut sind zwei Muskelpartien thätig, die vordere, welche in strahlig auf der Rückenseite verlaufenden Muskelbündeln der Haut über Stirn- und Nasenbein wie an den Ohrmuscheln und am Halse einverleibt sind und durch Zusammenziehen das Vordertheil, die Kapuze, entrollen, und ein hinteres Muskelpaar, welches in den mittleren Schwanzwirbeln seinen Ursprung hat, im Verlaufe der Fasern der Bauchseite sich vereinigt und in den Rückenrändern des großen Hautringmuskels endet.

Ausgerollt und gestreckt, steht ein plumpgestaltetes, ohne das 2,5 Centimeter messende Stummelschwänzchen 30 Centimeter Länge und etwas über 12 Centimeter Höhe einnehmendes Thier vor uns mit gelbröthlichgrauem Kopfe und glänzend schwarzen Augen, schwarzbraunen „Läufen“, weißgrau grundirter und röthlichgelb überflogener Brust- und Bauchpartie und mit Stacheln bewaffnet, deren Grund und Spitze braun, deren Mitteltheil aber gelblichweiß erscheint und die ihrer Länge nach abwechselnd feingefurcht und mit erhabenen Leisten versehen sind. Wir gönnen dem geharnischten Harmlosen seine Freiheit und ertheilen ihm unbedenklich Absolution bezüglich seiner vereinzelten Angriffe auf Vogelnester am Boden und junge Häschen im Grase oder auch Mordversuche im Hühnerhofe, wo er erfolglos unter die ihren Augen kaum trauenden und ob der Verwegenheit langhälsig staunenden Hennen springt und dieselben zum erschreckten Auffluge veranlaßt. Wir sehen dem Sohlengänger unter der Zusicherung unseres unwandelbaren Protectorats wohlwollend nach und suchen ihn zu gelegener Zeit wieder auf.

Wo sind sie, die einsamen Plätze alle an den Waldrändern, an Dornrainen, in heckenreichen Feldgärten, in kleinen Feldgehölzen und in Parkanlagen, wo auf meinen Beobachtungsgängen und Ständen der Igel mich Blicke thun ließ in seinen Wandel, sein Wesen und Familienleben?

Es will allmählich Abend werden. Leiser Wind lispelt im Gezweige und fächelt erquickend die Augustschwüle. Ein Rascheln auf dem Laubboden lenkt mein spähendes Auge nach jenem aufgeschichteten Heckenreisig im Gebüsche. Dort regt es sich an mehreren Stellen, und deutlich tritt zunächst ein alter Igel in den Abendsonnenschein. Die Nase gesenkt und nach allen Richtungen hin Blätter, Wurzelausschläge, bemooste Steine und Vertiefungen beschnüffelnd, rückt er dem zwischen Bosquetpartien sich hinschlängelnden Wege näher. Da gewahrt er eine Maus. Wie eine Bildsäule steht er stille, mit gespanntem Gehöre und haftendem Blicke, bis die Beute nur noch einen Meter von ihm entfernt ist. Dann springt er, rascher zufahrend, als das seither beobachtete täppisches Auftreten vermuthen läßt, der im Zickzack ausweichenden Maus behende nach und hält im nächsten Augenblicke [32] den quiekenden Nager zwischen den Zähnen. Nun raschelt es lebhafter im Laube und auf einen leisen Murkston der Igelmutter kommen hintendrein fünf halbwüchsige Igelchen, von denen die beiden Vordersten sich über die entgegengebrachte Beute hastig, aber keineswegs friedlos herstürzen. Während diese die Maus zerreißen, mischen sich die drei nachkommenden Geschwister unter die Schmausenden. Unterdessen hat sich, von sichtlicher Unruhe getrieben, die Igelmutter wieder nach dem Platze begeben, wo sie soeben die Maus gefangen. Das Rüsselschnäuzchen ist emsig thätig und wühlt jetzt im Laube am Rande des Weges; unter der Beihülfe der scharfnageligen, grabenden Füße hebt sich die Erde und jetzt erfolgt ein zufahrender Ruck des Vorderleibes und dann wird das Quieken einer Maus hörbar. Wirklich, eine zweite Maus hängt am Gebisse des Räubers und ist zu Tage gefördert. Das Verkriechen im unterirdischen Gange hat ihr nicht geholfen; der aufmerksame Igel hatte sie beim Fange ihrer Gefährtin bemerkt, und darum trieb ihn der Eifer sogleich zur Fortsetzung der Jagd. Diesmal wird die Maus von dem gleichzeitig der Mutter entgegenkommenden „Geheck“ in dichtem Knäuel im Beisein der Versorgerin verzehrt. Da knackt unter meinem Fuße ein dürres Reis, und wie ein elektrischer Schlag durchzuckt es die Panzermuskeln der Igelfamilie, und da liegen sechs zusammengerollte Kugeln vor mir. Noch weiche ich nicht vom Platze und stehe regungslos. Nach wenigen Minuten entrollt die Alte ihren Stachelmantel, und vertraut folgen ihrem Beispiele die Kleinen, die erst seit Kurzem befähigt sind, den Mantel über die verletzbaren Körpertheile zu ziehen, der Familienwohnung zutrippelnd. Hier wurden indessen die Jungen nicht geheckt. Ihre Geburtsstätte war ein seit Jahren unterhöhlter Hügel, ungefähr hundert Schritte von dieser Wohnung entfernt, mitten im Gestrüppe, Gestein und Genist. Dort hatte ich die tagalten Kleinen entdeckt. Beim Untersuchen der Wohnung hörte ich die ängstlich besorgte Mutter ein trommelartiges Knurren ausstoßen, ähnlich wie es der Dachs hören läßt. Die nackten Jungen mit verschlossenen Ohren und Augen konnten kaum 17 Centimeter lang sein, und die in weichzelliger, dehnbarer Hautunterlage steckenden weißen Stacheln waren eben im Durchbruche begriffen. Das Nest, welches äußerlich aus einer festeren Laub- und Moosschicht bestand, war inwendig mit feineren Gras-, Genist- und Moosstoffen ausgelegt. Ich griff zur Schonung des Gehecks sehr behutsam in das Familienheiligthum ein und entfernte mich alsbald wieder, nachdem ich die äußere Ordnung hergestellt hatte.

Nach einigen Tagen sah ich zum zweiten Male nach den Igeln und fand die Stacheln der Jungen schon ziemlich weit der Haut entwachsen. Acht Tage später zeigte sich mir das Nest leer. Nach längerem Suchen fand ich die ganze Familie hier in neu errichtetem, aber sehr lose und nachlässig geformtem Nachtlager. Die besorgte Alte hatte ihre Jungen in Sicherheit gebracht, unzweifelhaft im Maule hierhergeschleppt. Sehr rührig war die Pflegerin, die mehrere Wochen alten Kleinen mit von außen zugetragener Nahrung zu versehen, obgleich ihnen das Gesäuge noch lange nicht entzogen wurde. Hier wurde Puppe, Käfer, Schnecke und Wurm erbeutet, dort nach Engerlingen und Mäusen gewühlt, dort endlich Grille, Heuschrecke, Eidechse und eine Blindschleiche gefangen. Bei allen diesen Unternehmungen bekundet sich ein scharfer Geruch- und Gehörsinn. Unter treuer Mühewaltung, Pflege und Anleitung bis zum Herbste gelangen die jungen Igel zur vollkommenen Selbstständigkeit und gehen nun getrennt ihre Wege.

Nimmt man im Verhältniß von Alt und Jung und im geschwisterlichen Verbande nur Friedfertigkeit wahr, so findet man ein rühmliches Gegenstück auch im Verhältniß der beiden Geschlechter zu einander, zur Zeit der Werbung und Paarung. Zwar legt der Regel nach jedes stachelbewehrte Individuum der Igelsippschaft sein eigenes Nest an, aber es sind Fälle beobachtet worden, daß das Paar ein und dieselbe Wohnung in Zärtlichkeit theilte. Immer aber kommen Beide, wenn sie auch getrennt wohnen, häufig an stillen Plätzen auf nächtlichen, wie auch auf Tagausgängen zusammen. Hartnäckige, erboste Raufhändel und schneidige Liebesduelle zwischen borstigen Nebenbuhlern habe ich niemals gesehen.

Oft findet man Weibchen, welche den Sommer über, umgeben von Männchen, ohne Nachkommenschaft bleiben; sie sind einjährige Igel, welche, noch nicht fortpflanzungsfähig, in Abgeschiedenheit und Abneigung gegen Geselligkeit ihren Haushalt eingerichtet haben und beim Begegnen von Ihresgleichen so fremd erscheinen, wie Nachbarn in großen Städten, die nicht wissen oder nicht wissen wollen, daß sie neben einander, vielleicht unter einem Dach wohnen.

In gewissen Jahren treten die Igel viel zahlreicher auf, als in andern. Wesentlichen Einfluß auf ihr Gedeihen hat der Charakter des Winters, zumal des Spätherbstes. Tritt der strenge Nachtfrost bei vorausgegangener Nässe frühzeitig ein, so sterben die jungen Igel in großer Anzahl. An einem Octobermorgen fand ich nach scharfem Nachtfroste auf dem Wege zwischen einem Bach und dem von ihm gespeisten Teich sechs junge Igel an den Bosqueträndern starr hingestreckt. Diese Thiere sind gegen die Kälte außerordentlich empfindlich. Wohl ihnen darum, wenn sie zeitig als wohlgenährte, fettstrotzende Winterschläfer sich winterlich einrichten! Zu diesem Zweck tragen sie Laub, Moos, Heu und Stroh in Menge ihren geschützten Schlupfwinkeln zu und geben diesen Stoffen im Innern eine sorgfältige Polsterwandung. Nach Lenz wälzt sich der Igel und spießt die Stoffe massenhaft an seine Stacheln, um dann beladen der Wohnung zuzuwandeln. Hier hält er einen tiefen Winterschlaf, aus welchem ihn erst die Märzluft weckt. Uebrigens erwacht er zuweilen, bei gelindem Wetter, auch in Wintermonaten.

Nirgends finde ich indessen diese Angabe in den naturgeschichtlichen Werken; selbst in den besten und neuesten fehlt diese Beobachtung. Mitten im Januar habe ich die Fährte eines Igels, welcher in dem Nothbau eines Dachses, tief unter einer verzweigten Baumwurzel sein Winternest angelegt hatte, von der Röhre aus in die Wiese und an den das Thal durchfließenden Bach verfolgt. Hin und zurück gingen so viele Fährten, daß ein breites Pfädchen getreten war und mir anfänglich die Vermuthung nahe lag, es habe hier ein Iltis seinen regelmäßigen Wechsel. Ein Durchschlag vor dem vorliegenden Dächsel förderte den zusammengerollten Igel sammt dem Neste zu Tage. Trotz einer langsam schmelzenden Schneedecke herrschte damals eine ungewöhnlich milde Witterung anhaltend vierzehn Tage lang, Dieses eine Beispiel läßt den allgemeinen Schluß zu, daß der Igel, wenn auch in einen wirklichen Winterschlaf vertieft, doch vom Witterungseinfluß zum zeitweisen Erwachen und nächtlichen Ausgang veranlaßt wird. Wenn dies in der Nähe des am nordwestlichen Abhang des Vogelsberges gelegenen Alsfeld sich ereignet hat, wie vielmehr lassen sich ähnliche Erscheinungen in milder gelegenen Gegenden der Ebene erwarten!

Des Mäuse- und Rattenfanges wegen suchen Hausbesitzer Igel einzufangen und setzen sie in Keller und Kammern. Möglich, daß das nächtliche Gepolter, welches das Thier im Hause verursacht, zur Entstehung mancher Spukgeschichte Anlaß gab. Einen Weinrausch bringt man dem Igel als Mittel der Zähmung hier zu Lande nicht bei, wie dies denen empfohlen wird, welche mit ihm in ein intimes Verhältniß treten wollen. Es bleibt bei der Einkerkerung, wo ihm keine Nahrung gereicht wird, er vielmehr zu dem ewigen Kampf mit den nagenden Plagegeistern verurtheilt ist. Natürlich stirbt er hier Hungers, wenn er nicht zu seinem Glück einen Ausweg in’s Freie findet. Im Freien aber ist der Schauplatz seiner nutzbringenden Thaten. Gefräßig von Natur, zieht er Fleischnahrung der immerhin nicht unbeliebten Obstnahrung entschieden vor, und dies treibt ihn immer von Neuem zur Jagd auf Kerbthiere, Schnecken, Würmer und Mäuse an. Zur Bewältigung selbst gefährlicher, boshafter Thiere betritt er aber auch als wahrhaft ritterlicher Streiter den Kampfplatz. Dies beweist seine Jagd auf die ihm liebste unter allen von ihm gesuchten Beuten, die Kreuzotter, deren Gift ihm merkwürdiger Weise nicht schadet, wenn ihm auch wüthende Bisse in die Lippen und die Zunge beigebracht werden.

Die glänzenden Siege, welche der Igel in den Kisten des Naturforschers Lenz im Kriege mit Hamstern und Kreuzottern erfochten hat, machen ihn würdig, daß man ihm, statt ihm mit dem Stock mordend in die Weichtheile zu stoßen oder ihn, in Lehm gewickelt, am Bratspieß des Zigeuners über ein höllisches Heidenfeuer zu halten, den Lorbeer auf seine Stacheln steckt und ihn mit heiler Haut überall seine harmlosen Wege gehen läßt.

Hören wir aber, da mir hierin die eigene Beobachtung abgeht,

[33]
Die Gartenlaube (1878) b 033.jpg

Der Igel im Kampfe mit der Kreuzotter.
Originalzeichnung von F. Specht.

[34] wie sich der Tapfere nach Lenz ruhmeswerth im Kampfe mit der wohlbewaffneten Otter benahm.

„Am 30. August,“ sagt unser Naturforscher, „ließ ich eine große Kreuzotter in die Kiste des Igels, während er ruhig seine Jungen säugte. Ich hatte mich im Voraus davon überzeugt, daß diese Otter an Gift keinen Mangel litt, da sie zwei Tage vorher eine Maus sehr schnell getödtet hatte. Der Igel roch sie sehr bald, erhob sich von seinem Lager, tappte unbehutsam bei ihr herum, beroch sie, weil sie ausgestreckt dalag, vom Schwanze bis zum Kopfe und beschnupperte vorzüglich den Rachen. Sie begann zu zischen und biß ihn mehrmals in die Schnauze und in die Lippen. Ihrer Ohnmacht spottend, leckte er sich, ohne zu weichen behaglich die Wunde und bekam dabei einen derben Biß in die herausgestreckte Zunge. Ohne sich beirren zu lassen, fuhr er fort, das wüthende und immer wieder beißende Thier zu beschnuppern, berührte sie auch öfters mit der Zunge, aber ohne anzubeißen. Endlich packte er schnell ihren Kopf, zermalmte ihn, trotz ihres Sträubens, sammt Giftzähnen und Giftdrüsen zwischen seinen Zähnen und fraß dann ruhig weiter bis zur Mitte des Leibes.“

Von einer andern Otter erhielt derselbe Igel zehn Bisse in die Schnauze. Dennoch wich er nicht und besiegte die Wüthende. „Seitdem,“ so berichtet Lenz weiter, „hat der Igel oftmal mit demselben Erfolge gekämpft, und dabei zeigte es sich, daß er den Kopf jedesmal zuerst zermalmte, während er dies bei giftlosen Schlangen ganz und gar nicht berücksichtigte.“

So ist’s recht: gerade dem gefährlichsten Gegner zeigt man offenes Visir. und der Angriff in’s Gesicht ist allein wahrhaft ritterlich. Harmloser Igel, du trägst deinen Panzer mit Ehren.

Karl Müller.