Ein heimlicher Feind der Seidenraupen

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Textdaten
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Autor: B. T.
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Titel: Ein heimlicher Feind der Seidenraupen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 108
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[108] Ein heimlicher Feind der Seidenraupen. Ich hielt in einem sogenannten „Rumpelkämmerchen“ Seidenraupen, und zwar nur in geringer Anzahl, um selbst einmal den Wandlungsproceß der Natur beobachten zu können. – Die Raupen schlüpften aus, etwa fünfzig an der Zahl, und gediehen bei guter Fütterung zusehends. Nach ungefähr vierzehn Tagen, nachdem sie sich groß und dick gefressen, erschien mir ihre Anzahl kleiner als zuvor, doch unterließ ich das Zählen. Die Zeit des Einspinnens kam heran; ich hatte schließlich noch neunundzwanzig goldgelbe hübsche Cocons, die ich an einen Faden traubenartig befestigt frei und an einem von der Wand abstehenden Holzstäbchen aufhing. Nach etlichen Tagen – ich hatte die Kammer seither nicht mehr betreten – fand ich sieben Cocons durchlöchert, auf dem untergebreiteten Tuche aber saßen nur vier Schmetterlinge; die anderen drei waren spurlos verschwunden. Ich sah nun öfters des Tages nach. Bald waren weitere dreizehn ausgekrochen, und doch zählte ich im Ganzen nur elf Schmetterlinge. Das war mir räthselhaft. Niemand betrat außer mir die Kammer, und ich fragte mich daher: wo kamen meine armen Schmetterlinge hin?

Eines Abends nach elf Uhr wollte ich nochmals nach meinen Pfleglingen sehen, als ich zu meiner Ueberraschung ein großes Prachtexemplar der hier gewöhnlichen, ein Centimeter im Durchmesser haltenden Hausspinnen auf den Cocons sitzen sah. Das war also die räthselhafte Vertilgerin meiner Raupen und Schmetterlinge! Mein Kommen störte die Freche gar nicht; ja, sie ließ sich ruhig beleuchten und betrachten. In dem ihr am nächsten liegenden Cocon zeigte sich schon ein kleines Loch, und der sorglose Schmetterling arbeitete tüchtig am Durchbruche und seinem sicheren Tode entgegen. Eine volle Stunde wurde meine und der Spinne Geduld auf die Probe gestellt. Endlich noch ein Ruck, ein Flügelschlag, der erste und letzte – da saß auch unser schneeweißer Schmetterling in den Fängen der Erbarmungslosen. Das war die einfache Lösung des Räthsels von den fehlenden Schmetterlingen. Aber warum die Spinne so geduldig auf das Ausschlüpfen derselben harrte, anstatt sich bequem einen Braten vom Tuche zu holen, das ist mir bis heute noch unerklärlich; nachdem ihr Opfer vollendet, entfernte sie sich, auf Holzstäben und Wand ihren Weg nehmend und nicht, wie ich vermuthet, auf das Tuch sich niederlassend, um da weitere Verheerungen anzurichten, und doch mußten ihre wachsamen Augen das Leben und Getreibe der Schmetterlinge längst entdeckt haben. Ich schnitt ihr den Weg ab und ließ sie im Wasser einen verdienten Tod finden.

B. T.