Ein kleines Bild

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Autor: Ernst Wichert
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Titel: Ein kleines Bild
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12–20, S. 189–192, 209–214, 225–228, 245–248, 261–266, 277–282, 293–296, 309–314, 325–328
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[189]
Ein kleines Bild.
Von Ernst Wichert.[1]


An einem jener unvergeßlichen Herbsttage des Jahres 1870, in welchen das bei Sedan siegreich gewesene deutsche Heer vor Paris Stellung nahm, um die Belagerung der Kaiserstadt zu beginnen, suchte auch eine kleine Sanitätscolonne die ihr angewiesenen Quartiere. Sie bestand aus einigen mit dem bekannten rothen Kreuze bezeichneten Fahrzeugen, deren Radspeichen theilweise schon mit Stricken und Pflöcken zusammengehalten werden mußten, einem Chirurgen, mehreren Trainsoldaten und einer kleinen Schaar von freiwilligen Krankenpflegern unter Anführung eines jungen Mannes mit blondem Vollbarte, der den linken Arm in einer Binde, oder vielmehr in einem schwarzseidenen Halstuche trug, das seinem eigentlichen Zwecke ohne andern Ersatz entzogen war.

Der Ort, in welchen die Colonne einmarschirte, gehörte zu dem Kranz halb städtischer, halb ländlicher Ausbauten, die sich in fast ununterbrochener Reihe um Paris ziehen, nicht mehr zur Stadt gehören, aber doch ihren ursprünglich dörflichen Charakter verloren haben, nachdem wohlhabende Pariser sie mit ihren Villen besetzten, oder Fabrikanten aller Art sie ihren industriellen Zwecken dienstbar machten. Er lag bereits jenseits der Vertheidigungs- und vielleicht auch noch hinter der Angriffslinie zurück, aber darüber ließ sich jetzt noch keine bestimmte Auskunft geben, da der Schanzenring der Belagerer sich noch nicht geschlossen hatte und in jeder Stunde andere Dispositionen nöthig werden konnten.

Jedenfalls waren die Bewohner bei Annäherung der feindlichen Heersäulen der Meinung gewesen, daß man hier nicht so „weit vom Schusse“ sei, als Unbetheiligten wünschenswerth. Sie hatten entweder hinter den starken Forts und den Mauern von Paris Schutz gesucht, oder waren weiter in’s Land hinein geflüchtet. Der Ort schien wie ausgestorben: kein Mensch ließ sich auf der Chaussee erblicken, so weit das Auge reichte; die Thüren und Fensterläden waren geschlossen; kein Schornstein rauchte; hier und dort lagen unter den Bäumen am Wege unordentlich Möbel und Wirthschaftssachen, Kisten und Kästen zusammengeworfen, zu deren Fortschaffung sich wahrscheinlich bei der Eile der Flucht nicht mehr Fuhrwerke hatten auftreiben lassen. Tiefste Stille herrschte rundum, und deutlich war jeder Hufschlag der müden Pferde zu vernehmen, die im Schritte vor den nicht gerade schwerbeladenen Karren hergingen. Einer der Trainsoldaten, die als Kutscher fungirten, pfiff einen lustigen Tanz, aber es schien Niemand danach tanzen zu wollen. Mit gesenkten Köpfen folgten wie einem Leichenwagen in gelösten Reihen die jungen Leute, ermüdet von einem weiten Marsche und um die Hoffnung betrogen, in guten Quartieren für ihre Anstrengungen belohnt zu werden.

Die Colonne hatte die Aufgabe, ein Lazareth einzurichten, in dem Verwundete die erste Pflege erhalten könnten. Ein Gebäude mit möglichst hohen und weiten Räumen sollte dazu ausgesucht werden. Rechts von der Straße, ein wenig zurückgebaut, ragte nun ein Haus über die anderen hervor; ein hoher Schornstein dahinter bewies, daß es zu einer Fabrik gehörte. Der Mann mit dem blonden Barte trat an den Chirurgen heran und machte ihn darauf aufmerksam. „Man kann ja sehen,“ sagte derselbe, und gab dem Führer einen Wink zu halten. Beide bogen dann in den Seitenweg ein und kamen schon nach wenigen Minuten mit der Meldung zurück, daß Alles sicher sei. Das Haus stand ganz leer und bot mehr als hinreichende Räumlichkeit für den beabsichtigten Zweck.

Man richtete sich in einigen Zimmern so wohnlich ein, wie es in der Eile gelingen wollte, schaffte die mitgebrachten Lebensmittel herbei, da sich in der Speisekammer des Fabrikherrn nichts Eßbares vorfand, zündete in den Kaminen Feuer an und machte sich’s bequem auf Sophas und Polsterstühlen, die aus dem ganzen Hause zusammengeschleppt wurden. Der Chirurg brachte eine Flasche Cognac zum Vorschein, die er sorglich im Medicinkasten verwahrt gehalten hatte; in den Blechgeschirren brodelte schnell heißes Wasser; ein kleiner Vorrath von Zucker war auch vorhanden, und so wurde bald allen Müden ihr erwärmender Schlaftrunk, der trefflich mundete.

Man kam überein, durch das Loos entscheiden zu lassen, wer die Nachtwache haben solle. Unter den Dreien, die der Zufall hierzu bestimmte, war ein junger schwächlicher Mensch, der sich kaum noch auf den Füßen erhalten konnte und am dringendsten der Ruhe bedürftig schien. Unaufgefordert erbot sich der Mann mit dem blonden Vollbarte sogleich an seine Stelle zu treten. Er könne doch in einigen Stunden noch nicht schlafen, sagte er, und es sei also Sünde, andere Kräfte zu vergeuden. Er grüßte militärisch den sich in die wollene Decke wickelnden Cameraden, der ihm für die Stellvertretung durch ein freundliches Nicken dankte, und trat in den Flur hinaus, von dem eine breite Thür in’s Freie führte.

Es war inzwischen Nacht geworden, aber der Mond, der über den Häusern und Bäumen aufstieg, verbreitete so viel Helligkeit, daß das Auge nach kurzer Zeit jeden Gegenstand in der Nähe deutlich und auch die entfernteren in ihren Hauptmassen unterscheiden [190] lernte. Der Himmel war nicht ganz klar; im Norden hatte sich eine finstere Wolkenwand gelagert, von der allerhand Gezack hoch aufstieg und sich, vom Mondlichte weißumrandet, in phantastischen Formen von der Hauptmasse ablöste. Um so tiefer erschien das Blau des Himmels daneben, um so glänzender die darin schwimmende Mondscheibe. Die Fensterscheiben der oberen Stockwerke blitzten wie illuminirt, und das Zinkdach einer nicht fernen Villa lag vor den dunkeln Kronen der Bäume dahinter wie ein Seespiegel. Der junge Mann, der mit langsamen Schritten die Straße auf- und abging, hätte kein Deutscher sein müssen, wenn ihn dieses zauberhafte Landschaftsbild nicht melancholisch hätte stimmen sollen. Wie er sich nun mit der Schulter an einen Baumstamm lehnte und hinausschaute, dachte er wahrscheinlich an andere schöne Mondnächte, die er in der Heimath dann und wann halb durchwacht, und an die Menschen, die bei ihm waren, und an die Lieder, die sie gesungen, und an die Kahnfahrt auf dem Mühlenteiche … woran nicht alles? Schien doch derselbe Mond auch dort, und die zu ihm aufsahen, dachten vielleicht jetzt ebenso an ihn, bangend und sorgend, wie es ihm ergehen möge im Feindeslande.

Er hatte eine Mutter zu Hause, und Arnold war ihr einziger Sohn. Sie stand einem großen Geschäfte vor, das ihr verstorbener Gatte, der Commerzienrath Rose, in Schwung gebracht hatte und das seinem Sohne und einzigen Erben zu erhalten ihr heilige Pflicht schien. Arnold war ihr zu Liebe Kaufmann geworden, obgleich er eigentlich mancherlei gelehrte Neigungen hatte, wie er denn auch sonst vielfach ihr zu Liebe sein Leben einrichtete und ihre zärtliche Sorge über sich walten ließ. Er wäre gern Soldat geworden, um als Freiwilliger seiner Dienstpflicht zu genügen, aber seiner Mutter war der Gedanke an die möglichen Gefahren, denen er sich im blauen Rocke aussetzte, unerträglich erschienen. Der alte Onkel Helmbach, der Militärlieferungen übernahm und mit hohen Officieren auch wohl beim Glase Wein in Verkehr kam, mußte gelegentlich andeuten, daß der Arnold Rose, sein Neffe, nun auch in dem Alter stehe, wo er sich zur Prüfung der Commission stellen müsse, daß er auch gern dienen wolle, aber doch wohl zu schwächlich sei, und daß seine Frau Mama fürchte, es könne ihrem Einzigen etwas zustoßen. Der Arzt hatte dann einen Wink erhalten und nur oberflächlich untersucht. „Nicht tauglich,“ war die Entscheidung gewesen, die ihn nur deshalb weniger betrübte, weil er wußte, wie sehr sie seine Mutter erfreuen werde. Und nun, einige Jahre später, hatten ihre Thränen ihn doch nicht bewegen können, seinen Entschluß aufzugeben, wenigstens als freiwilliger Krankenpfleger den großen Krieg mitzumachen, bei dem die ganze Nation betheiligt war. Er fühlte sich gesund und kräftig genug, auch thätig sein zu können, und hätte sich krank schämen müssen, wenn es der Mutter gelungen wäre, ihn zu Hause zurückzuhalten. Diesmal redete auch Onkel Helmbach in patriotischem Eifer zu, und so mußte die alte Dame dann wohl geschehen lassen, was sie zu ihrer größten Betrübniß doch nicht hindern konnte. Natürlich gingen in den ersten Wochen täglich Briefe hin und her, dann langten sie bei der immer schwierigeren Postverbindung spärlicher an, und nun bei der Einschließung von Paris waren schon viele Tage ohne Nachricht von Hause vergangen. Arnold Rose hatte sich, besonders auch wegen seiner vollkommenen Kenntniß der französischen Sprache, so trefflich bewährt, daß man ihn gern bald hier bald dort benutzte und mit Aufträgen betraute, deren Verantwortlichkeit sich sehr fühlbar machte.

Der gute Onkel Helmbach! Er hatte bisher noch nichts geschrieben, als einmal die kurze Zeile mit seiner zitternden Hand: „Clärchen läßt herzlich grüßen,“ aber Tag für Tag hatte er sechs Cigarren in ein festes Couvert geladen und diese Kartätsche nach Frankreich hinein geschickt – gute Cigarren! – denn er selbst war ein Feinschmecker und mißtraute den Liebesgaben, die der Patriotismus versendete. Auch diese Päckchen waren nun schon längere Zeit ausgeblieben. Arnold seufzte, indem ihm dies einfiel. Noch eine letzte Cigarre hatte er in seiner Ledertasche für irgend einen außerordentlichen Fall aufbewahrt; diese Mondnacht schien besondere Berücksichtigung zu verdienen; er zog sie vor, prüfte mit Kennerblick das unversehrte Deckblatt und setzte sie in Brand. Wie bedächtig er im Auf- und Abgehen nur gerade so davon naschte, wie die Erhaltung des Feuers es nöthig machte! Wie er den bläulichen Dunst aus der kleinsten Mundöffnung in feinem Zuge langsam ausließ! Wie er ökonomisch auch von Zeit zu Zeit den unter der weißen Asche aufsteigenden Rauch mit der Nase einschlürfte! – es war ja die letzte gute Cigarre, wer weiß für wie lange?

Immer wieder ruhte inzwischen sein Blick auf der hübschen Villa, die eine Strecke straßabwärts mit ihrem mondhellen flachen Dach so zauberhaft zwischen den Bäumen dalag. Er unterschied nun schon die zwei Etagen, die Halle vor der Hausthür, den Balcon mit den zwei Vasen darüber, die vom Mondlicht gestreift wurden. Es zog ihn näher heran, er wußte nicht weshalb. Langsam schritt er die Chaussee entlang dem zierlichen Eisengitter zu, dessen Stäbe in vergoldete Spitzen ausliefen. Er blieb vor demselben stehen und blickte in das Gärtchen. Ein breiter Kiesweg führte zur Hausthür; auf dem Rasenplatz stand in einer Schale von Sandstein ein kleiner Triton, aus dessen Muschelschale aber kein Wasser floß; in einer Laube, deren Blätterschmuck größtentheils schon welk über den Boden ausgestreut war, zeigten sich hübschgeformte Sessel von Eisenguß um einen Tisch mit Steinplatte. Da haben vor Kurzem noch glückliche Menschen gewohnt, mußte Arnold unwillkürlich denken, und nun hat der Krieg sie aus ihrem schönen Besitzthum vertrieben, und ob sie es nicht als einen Haufen Schutt und Kohle wiederfinden werden, wissen sie nicht. Wer mögen sie sein – wo mögen sie weilen – mit welchen Empfindungen mögen sie jetzt hierher denken? Seine Phantasie arbeitete, um Figuren zu gestalten, die diesen Garten, dieses Haus beleben könnten. Und nun glitt das Mondlicht um die Ecke und erhellte auf einmal die ganze Frontseite; alle Fenster leuchteten auf, als würden innen die Gaskronen zu einem großen Ballfeste angesteckt. Deutlich waren die faltigen weißen Vorhänge zu erkennen. Ob sich nicht die Balconthür öffnen und eine schöne Dame hinaustreten und den Arm auf die Vase stützen würde? Lautlose Stille überall.

Die Gitterthür war nicht geschlossen. Arnold trat ein und durchschritt das Gärtchen. Am Portal des Hauses bemerkte er einen Glockenzug und daneben ein blankes Schild mit Aufschrift. Er trat näher heran, um sie zu lesen. „Charles Blanchard“ war in zierlichen Buchstaben in das Schild gravirt. Den Namen des Besitzers wußte er also. Seine Hand legte sich, ohne daß er's merkte, auf den Messingknopf in der Vertiefung daneben. Er zog daran, erst sanft, dann kräftiger. Eine helle Glocke schlug innen an und schien sich gar nicht beruhigen zu können. Erschreckt durch diesen so plötzlich die Stille unterbrechenden Ton trat Arnold auf die Stufen zurück. Das Herz schlug ihm heftig.

Niemand öffnete. Er erwartete nichts anderes. Deshalb aber klang ihm eben die Glocke in dem von seinen Bewohnern verlassenen Hause so schauerlich; es war ihm, als ob er Geister habe wecken und sich mit ihnen in Rapport setzen wollen. Er glaubte freilich nicht an Geister, aber die Einsamkeit und Verlassenheit, die Mitte der Nacht und der Mondschein ließen jenes unheimliche Gefühl in ihm aufkommen, das der Furcht verwandt ist und ein Frösteln bewirkt. In diesem Augenblick rollte ein Luftzug von der Straße her das welke Laub zusammen und trieb es raschelnd unter die Halle. „Du bist ein rechter Narr,“ schalt er sich und trat mit absichtlich verhaltenen Schritten den Rückweg an.

Wohl eine Stunde später, als seine Wache dauern sollte, patrouillirte er im Freien. Dann weckte er die Ablösung, legte sich in der Nähe des Kamins auf den Fußboden, wickelte sich fest in seinen Mantel und schlief, von der körperlichen Müdigkeit überwältigt, bald ein.

Am nächsten Morgen zeigte es sich deutlich, daß der ganze Landstrich gegen die Stadt hin bereits militärisch besetzt war und unsere Colonne sich hinter den Positionen der Angreifer in verhältnißmäßig gesicherter Lage befand. Die Action konnte jede Stunde beginnen und das Lazareth Arbeit erhalten. Eile war deshalb geboten. Man versammelte sich zu einer allgemeinen Berathung, wie man sich die unumgänglichen Bedürfnisse verschaffen sollte.

„Wir brauchen vor Allem Matratzen, Betten, Decken,“ bemerkte der Chirurg, „aber auch Lebensmittel wären erwünscht.“ Rose schlug vor, die Häuser der Ortschaft zu durchsuchen. „Die Eigenthümer selbst,“ sagte er, „verweisen uns auf Gewalt. Gut denn! nehmen wir uns, was wir brauchen, aber – nicht mehr, Freunde! Beweisen wir uns auch darin als gesittete Feinde,

[191] daß wir den Respect vor fremdem Eigenthum nicht einen Augenblick verlieren; daß wir nicht zerstören, außer wo unser Zweck es gebieterisch fordert. Folgt mir!“

Unter Rose's Anführung wurden nach diesem allseitig belobten Princip die Häuser der Nachbarschaft durchforscht. Man fand nicht, was man suchte; überall schienen gerade die Betten entfernt zu sein. An der Villa, dem ansehnlichsten Hause in weitem Umkreise, war Rose bisher wiederholt vorüber gegangen, obgleich man ihn darauf aufmerksam machte, daß dort am meisten Aussicht sei, zum gewünschten Ziel zu gelangen. Man wollte nun den Grund dieser Zurückhaltung wissen, und da er keinen vernünftigen vorzubringen im Stande war, entschloß er sich endlich doch, die Cameraden durch die Gitterthür in das Gärtchen und unter die Halle zu führen.

Die Hausthür ließ sich von außen nur öffnen, wenn man sie mit der Axt einschlug. Rose, der sie geschont wünschte, deutete auf das Fenster daneben, das ein Einsteigen gestatten würde. Bald klirrten die Glasscheiben. Die Fensterflügel wurden aufgerissen; aus der Laube holte man die Stühle herbei und stellte mit ihrer Hülfe eine Art von Treppe zusammen, auf der sich ziemlich bequem das Fensterbrett erreichen ließ. Bald stand die kleine Schaar im Hausflur und verbreitete sich von da durch die unteren Räume.

Rose hatte schon bei der äußeren Besichtigung des Hauses von einer Reihe tiefliegender und vergitterter Fenster auf weite Kelleranlagen unter demselben geschlossen. Er fand auch bald die Treppe, die offenbar zu ihnen hinabführte, und einen dunkeln Corridor, in welchem jeder Schritt, wie unter einem Gewölbe, hallte. Das Auge gewöhnte sich nach einiger Zeit an die Dämmerung so weit, daß es Zugänge zu mehreren abgetheilten Räumen unterscheiden konnte. Sie enthielten aber nichts, als leere Weinlager und Stapel leerer Kisten oder Körbe von Weidengeflecht. Auf der anderen Seite des Ganges ließ sich keine Thür entdecken, und doch mußten sich die Keller hier aller Wahrscheinlichkeit nach fortsetzen. Rose trug ein kleines Wachslicht bei sich und zündete es an. Wie er nun damit die Wand entlang leuchtete, zeigte sich eine fast quadratische Stelle dunkler gefärbt. Die Feuchtigkeit ließ nicht zweifeln, daß hier frischer Kalk aufgetragen war, und die Spuren der eiligen Arbeit bedeckten auch den Boden. „Hierher, Freunde!“ rief der glückliche Entdecker die Treppe hinauf, „ich weiß zwar noch nicht, was wir haben, aber dahinter steckt jedenfalls etwas. Man pflegt in Kriegszeiten keine Thür zu vermauern, wenn man nicht etwas Werthvolles zu verbergen hat, und hier hat ganz kürzlich ein Maurer gewirthschaftet. Alle Mann heran!“

Bald setzten sich viele Hände in Bewegung, den Kalkbewurf abzuklopfen und mit Taschenmessern die Fugen zwischen den Ziegeln zu erweitern. Der eiserne Stiel einer Kaminschaufel diente als Brechstange, und schneller, als der Handwerker seinen Verschluß bewirkt haben konnte, öffnete sich wieder die Thür. Ein gewandter Turner schlüpfte durch die Bresche und schlug innen eine laute Lache an. „Da finden wir gerade, was wir brauchen,“ rief er den eifriger das Ziegelwerk abräumenden Cameraden zu. „Matratzen, Betten und Decken genug für ein großes Feldlazareth!“

Er hatte Recht. Der ganze Raum war damit bis zum Gewölbe hinauf angefüllt. Offenbar hatte nicht nur Herr Blanchard seinen Besitz an solchen Gegenständen hier zu sichern gesucht, sondern auch die übrige Bewohnerschaft des Ortes den ihrigen hierher zusammengetragen. In zwei benachbarten Kellern lagerte Wein in Fässern und Flaschen. Auch Vorräthe von Gemüsen, Mehl, Schinken und Würsten fanden sich in einem Holzverschlage. In der freudigsten Erregung nahm man Besitz von diesen Schätzen, brach sofort einigen Flaschen den Hals und dankte Rose, der doch wieder „der Schlauste gewesen sei“.

„Nun aber ein ordnungsmäßiges Verfahren!“ commandirte derselbe. „Geht das so weiter mit dem Zechen, so finden wir uns am Ende nicht wieder aus dem Keller hinaus. Requiriren wir zwangsweise, so viel uns nöthig und gut scheint, aber legen wir dem Wirth über das Entnommene gehörig Rechnung. Hier ist ein Zettel und eine Bleifeder; schreiben wir Stück für Stück auf, und dann mag das Blatt als Quittung zurückbleiben.“

Man hatte sich gewöhnt, seinen immer verständigen Weisungen zu gehorchen, und so war denn auch jetzt bald das Geschäft des Ausräumens organisirt. Ein zweiräderiger Karren, den man in einem Fleischerladen gefunden hatte, erleichterte den Transport der Sachen nach dem Fabrikgebäude. Dort gab der Chirurg weitere Anordnungen wegen der Unterbringung.

Arnold Rose konnte die Genossen allein weiter wirthschaften lassen. Eine unbezwingliche Neugierde trieb ihn an, die Villa, die ihm gestern im Mondlichte fast wie ein verzaubertes Schloß erschienen war, näher in Augenschein zu nehmen. Die unteren Räume boten nichts Bemerkenswerthes: der Herr des Hauses, der ein Kaufmann sein und in der Stadt sein eigentliches Comptoir haben mochte, hatte hier einige Geschäftszimmer nur mit dem nothdürftigen Mobiliar besetzt, während sich auf der andern Seite des Flurs die Küche, die Mägdestube und verschiedene Wirthschaftsgelasse befanden. Die Wohnung selbst mußte im obern Stocke liegen, und dorthin führte eine zierliche Treppe mit eisernem Geländer von bester Gußarbeit. Rose bedachte sich nicht, sie zu besteigen. Der obere Flur war mit Bildwerken ausgestattet. Da hing der erste Napoleon, und der dritte und Eugenie und der kleine Lulu in Corporalsuniform, als wär's dem Besitzer des Hauses darauf angekommen, sich jedem Eintretenden sogleich als ein guter Patriot zu beweisen. Geradeaus öffnete sich eine Flügelthür von braunem Holze nach einem geräumigen Salon, der mit dem Balcon Zusammenhang hatte; rechts und links sah man durch Portièren von blaßgrüner Farbe in ein Wohn- und ein Speisezimmer mit der entsprechenden sehr eleganten Ausstattung. Daran schlossen sich Cabinete, deren eines die kleine Bibliothek und eine Marmorbüste des Corneille beherbergte; weiter folgten zierlich möblirte Schlafräume und Garderobekammern. Ueberall war das Parquet spiegelblank, hingen Glaskronen und Ampeln von mattgeschliffenem buntem Glase an den Decken herab, bedeckten Oelgemälde in breitem Goldrahmen und Stahlstiche die Wände, standen kostbare Pendulen auf den Kamingesimsen, kleine Statuetten, Vasen und allerhand Nippessachen auf den Tischen und Schränken. Arnold hatte bei seiner langsamen Wanderung durch die Zimmer Zeit, sie einzeln zu betrachten.

In der Wohnstube neben dem Salon stand ein Damenschreibtisch von geschmackvollster Form, ganz beladen mit Albums, Mappen, zierlichen Schreibmaterialien, kleinen Figuren von Porcellan und Bronze, Schmuckschälchen von polirtem Steine und Kästchen von Metallguß mit hübschen Reliefs. Arnold sah nur flüchtig darüber hin. Ihm fiel sogleich ein Gestell von vergoldeter Bronze in die Augen, in welchem eine kleine Photographie Platz fand. Er schob den Lehnstuhl ein wenig zurück, setzte sich darauf und besichtigte es näher, nahm es in die Hand, hielt es in verschiedener Richtung gegen das Licht, um dem Bilde die günstigste Beleuchtung zu gewähren, benutzte eine Lupe, die auf dem Schreibzeuge lag, dieselbe in näherer und weiterer Entfernung von seinem Auge prüfend, und schien sich von dem Gegenstand gar nicht trennen zu können. Die Photographie zeigte das Bild eines jungen Mädchens in halber Figur und war schwerlich besser, als Darstellungen dieser Art gewöhnlich zu sein pflegen, es hätte denn der lebhafte Ausdruck des interessanten Gesichtchens auf Rechnung des Künstlers gesetzt werden müssen. Aber diese Augen! Sie schienen wirklich aus dem Bilde herauszusehen und dem Beschauer zuzulachen. So viel natürliches Leben erinnerte Arnold sich nicht schon jemals auf einer Photographie bemerkt zu haben. In wie glücklicher Stimmung, dachte er, hat dieses reizende Kind dagesessen, um sich von der Sonne portraitiren zu lassen! Womit beschäftigte sich während dessen dieses Köpfchen? War das Bild der geliebten Mutter bestimmt und sollte es ausdrücken, wie lieb das Töchterchen sie habe und wie es immer wünsche, sie an die heitersten Momente ihres Beisammenseins zu erinnern? Oder war nicht die Mutter gemeint? Gehörte das Bild einem Andern und war dies gleichsam nur eine Copie? Wer war der Erste, der sich darüber freute, darüber freuen sollte? Wer hatte dem hübschen Mädchen gesagt, daß ihm diese Haltung, diese Viertelwendung gegen das Licht besonders günstig sei, daß so aus dem Schatten heraus diese hellen Augen noch heller lachen würden? Der Spiegel vielleicht?

Nein, kein Gedanke daran! Keine Spur von Coquetterie war bei genauerer Betrachtung zu entdecken. Es war nichts an dem Bilde erkünstelt. Diese Augen konnten gewiß auch sehr schwermüthig blicken, diese Stirn unter den krausen Löckchen [192] sehr nachdenklich sich in die kleine Hand stützen, diese feinen Lippen sich über den Zähnen fest schließen, als bewahrten sie ein tiefes Geheimniß. Wer konnte sagen, ob das Bild so nicht „interessanter“ geworden wäre? Aber es sollte nur wahr sein. Wie anziehend wurde es durch diese Unbefangenheit!

Arnold stellte es wieder an seinen Platz. Er bemerkte jetzt erst ein Pendant auf der anderen Seite des Tisches. Das zweite Bild in ganz ähnlichem Rahmen zeigte einen jungen Officier in auffallend gezwungener Haltung, als sollte vor allen Dingen die Uniform würdig verewigt werden. Das ernste Gesicht contrastirte merklich mit dem heiteren der jungen Dame. Die Stirn war über der schmalen, sanft gebogenen Nase zu einer feinen Falte zusammengezogen. Und der Feldherrnblick! So sah ein künftiger Napoleon als Lieutenant aus. Vielleicht war die Photographie kurz vor dem Auszug der Truppen aufgenommen, und der junge Held träumte sich schon in das eroberte Berlin. Was hatte er in diesen wenigen Monaten seitdem erlebt? Auf welchem Schlachtfelde hatte er Frankreichs Adler in den Staub sinken sehen? Lag er neben anderen Tapferen in kühler Erde bei Wörth oder bei Sedan? War er eingeschlossen in Straßburg oder Metz? Hatte er als Kriegsgefangener in Breslau oder Königsberg Zeit, über die Eitelkeit der Ruhmbegierde nachzudenken? Es gab mancherlei Möglichkeiten, aber jeder haftete eine schwermüthige Betrachtung an.

Das deutsche Gemüth konnte nicht unbetheiligt bleiben. Es suchte ein Verhältniß zu diesen Menschen, die ihm noch vor wenigen Minuten ganz fremd gewesen waren und jetzt ihm Räthsel aufgaben. Der erste Gedanke war: sie sind Bruder und Schwester. Aber dann kamen Zweifel. Jede Familienähnlichkeit schien zu fehlen. Warum nicht Bräutigam und Braut? Vielleicht bereits verheirathet … eine sehr störende Vorstellung.

Warum störend? Was ging ihn die kleine Französin an, oder dieser künftige Marschall von Frankreich? Ah! das war bald gesagt, aber es sind nicht immer logische Schlüsse, die unseren Antheil an dem bestimmen, was zufällig in unsern Gesichtskreis kommt. Es giebt zwischen der Welt in und außer uns geheimnißvolle Verbindungen, die jedes philosophischen Calcüls spotten und für die der Mathematiker keine Formel findet. Hunderttausende wären an diesem unbedeutenden Bilde vorübergegangen, ohne es mehr als eines flüchtigen Blickes zu würdigen. Arnold Rose konnte davon nicht los kommen. Und es zog ihn nicht an, wie etwa ein Kunstwerk; es gefiel ihm auch nicht, wie sonst wohl ein hübscher oder interessanter Gegenstand gefällt, der sich dem Auge einprägt – es war ihm, als ob plötzlich etwas lange Geahntes und immer Unbegriffenes in ihm auflebte und ihn überwältigte. Er lehnte sich in den Stuhl zurück und deckte die Hand über die Augen; aber nun tauchte sogleich das Bild aus dem Dunkel auf und gewann sogar Farbe. Dasselbe unheimliche Gefühl überkam ihn, wie gestern, als er die Glocke gezogen hatte und der helle Ton durch das leere Haus klang. Er stand auf und eilte mit hastigen Schritten nach dem Salon zurück.

Er trat an die Balconthür und öffnete sie. Die kühle Luft drang erfrischend ein; er athmete leichter auf. Unten trugen die Cameraden Matratzen, Betten und Körbe mit Weinflaschen durch den Garten; sie lachten und scherzten. Auch ein Vorrath von Cigarren schien entdeckt zu sein, denn die meisten pafften munter, daß der blaue Rauch sich über ihren Köpfen kräuselte. „Und Du stehst hier wie Hans der Träumer,“ schalt sich Arnold, „und solltest der Thätigste sein! ‚Ein Mägdelein nasführet Dich!‘ Fort! Das ist eine ungesunde Stimmung. Ein Mann muß wissen, was er will –“

Er wendete sich kurz um und ging der Ausgangsthür zu, fest entschlossen, diese Zimmer nicht wieder zu betreten. Wahrscheinlich wollte er sich auch gar nicht mehr umschauen, aber wenn er auch wirklich nicht den Kopf drehte, die Augen kamen doch, als er den Thürflügel anzog, unwillkürlich in die Richtung der Portière, und es war dann nicht seine Schuld, daß er unter derselben hinweg gerade den vergoldeten Bronzerahmen glänzen sah, und trotz der Entfernung das Bild darin erkannte. Er hätte darauf schwören mögen, es so auf den Schreibtisch gestellt zu haben, daß es ihm jetzt die Kehrseite zuwenden müßte. „Das ist doch wunderbar,“ sagte er halblaut, blieb stehen und schloß wieder die Thür. „Bin ich denn wie verwünscht?“ Es schien ihm bei alledem ganz angenehm zu sein, einen Vorwand zu längerem Zögern gefunden zu haben. Bald saß er wieder auf dem Lehnstuhle vor dem Schreibtische und hatte das kleine Gestell in der Hand.

Er prüfte, wie das Bild darin befestigt sei. Vier Klammern von dünnem Blech drückten es gegen den Rahmen. Sie ließen sich mit Leichtigkeit aufbiegen, selbst ohne Anwendung eines Instruments. Er probirte es an der einen Seite, dann an der andern – das Blättchen fiel auf den Tisch. Seine Hand zitterte ein wenig, als sie sich danach ausstreckte, wie nach unrechtmäßig erworbenem Gute. Was ist denn da zu bedenken? In Feindesland – ! und eine Photographie in Visitenkartenformat! Die Frau Mama oder das Töchterchen hatten gewiß noch Vorrath, und wenn nicht – es war bald ein Ersatz geschafft. Warum nicht ein Andenken mitnehmen, das so wenig reellen Werth hatte? Der gewissenhafteste deutsche Philister konnte bei diesem Raube ruhig schlafen.

Er zog seine Brieftasche heraus und öffnete sie – das kleine Bild schlüpfte hinein zwischen die Briefe der Mutter.

Nun ganz beruhigt durch die Sicherheit seines Besitzes, entfernte er sich ohne weiteren Aufenthalt aus der Wohnung, schloß die Thür hinter sich ab, legte den Schlüssel auf's Gesims und betheiligte sich bei den Arbeiten der Gefährten, die von seiner Abwesenheit keine Notiz genommen hatten.

Die Villa war ihm seitdem gleichgültig; er dachte in den folgenden Wochen, die freilich mehr und mehr seine sehr anstrengenden Dienste im Lazareth in Anspruch nahmen, durchaus nicht daran, ihr einen nochmaligen Besuch abzustatten. Aber auch das Bild beschäftigte ihn jetzt, wo es ihm gehörte und immer in seiner Nähe war, wenig mehr, als ein gelesener Brief von Freundeshand. Er betrachtete es wohl, wenn er zufällig die Brieftasche öffnete, und fand das Mädchengesicht noch immer anziehend genug, um sich seines Beutestückes zu freuen, aber es war ihm nun doch geworden, was es wirklich war: ein Bild. Die Person, die es darstellte, trat zurück, beschäftigte seine Phantasie nicht mehr. Sie hatte sich erschöpft und fand kein Material zu weiteren Luftbauten.

Dann erhielt er Ordre, einen Transport Verwundeter bis zur Grenze zu begleiten, und dann wurde er zur Loire-Armee geschickt, um in einem Feldlazareth Hülfe zu leisten. Als er nach länger als zwei Monaten nach seinem alten Stationsort vor Paris zurückkehrte, fand er dort Vieles verändert. Die meisten Bewohner der Ortschaft waren, nachdem der erste Schrecken überwunden war, aus den benachbarten kleinen Städten und Dörfern in die sie sich geflüchtet hatten und die sich nun nicht sicherer erwiesen, in ihre Häuser zurückgekehrt und hatten ihre Geschäfte, so gut es ging, wieder aufgenommen. Man beobachtete sie scharf, um jeden Verkehr mit der belagerten Stadt zu hindern, behandelte sie aber sonst nicht unfreundlich. Viele von ihnen hatten Einquartierung aufnehmen müssen.

Auch Rose erhielt ein Quartierbillet. Als er nun die Chaussee entlang ging, um das ihm angewiesene Haus zu suchen, fiel ihm wieder die Villa in die Augen. Er stellte sich an das Gitter und blickte in das Gärtchen. Die zerbrochenen Fensterscheiben neben dem Portale waren durch neue ergänzt, die Rouleaux zum Theil aufgezogen. Hatte auch Herr Blanchard es für gerathen gehalten, sich in seinem verlassenen Besitzthume wieder einzufinden, oder hatten sich's Andere darin bequem gemacht? Arnold’s Neugierde, sich darüber Gewißheit zu verschaffen, war gewiß berechtigt.

Bald stand er wieder unter dem Portale und zog an dem Klingelgriffe. Nach einer Weile sprang die Thür auf; er trat in den Flur. “Fermez la porte, s’il vous plait,“ rief eine weibliche Stimme von oben herab. Er gehorchte. Wie er die Treppe aufwärts schritt, bemerkte er, daß sich oben eine Gestalt in hellem Kleide über das Geländer beugte. Jetzt fing ihm wieder das Herz an zu schlagen unter dem kleinen Bilde, das er wie eine Bleiplatte auf der Brust fühlte. Wenn sie’s wäre?

Sie war’s nicht. Eine ältere Dame empfing ihn, deren Aehnlichkeit mit der Photographie allerdings unverkennbar war. Das Gesicht schien bleich und verhärmt, und der Blick, mit dem sie den Ankommenden eindringlich musterte, drückte schwerste Besorgniß, wenn nicht Schreck, aus.

[209] „Was steht zu Ihren Diensten, mein Herr?“ fragte sie, als Rose ihr nun gegenüberstand und sich höflich verbeugte. „Wir sind erst vor wenigen Tagen hier wieder eingezogen, und es fehlt uns selbst so sehr am Allernothwendigsten daß wir …“

„Ich habe um nichts zu bitten, als um ein kleines Logis für meine Person,“ antwortete Rose im besten Französisch. „Es wäre mir lieb, wenn ich mich in diesem Hause einquartieren könnte, das mir gefällt.“

„Ah! Sie sprechen unsere Sprache,“ bemerkte die Dame, und ein momentan freundliches Lächeln drückte ihre Befriedigung darüber aus. „Wir werden uns also verständigen können. Treten Sie ein, mein Herr, treten Sie ein!“

Sie öffnete die Thür zum Salon und nöthigte den sicher sehr unwillkommenen Gast in denselben. Arnold warf einen Blick durch die Portière auf den Schreibtisch – da stand noch der leere Bilderrahmen. Er hatte beim Eintreten geschwankt, ob er es nicht bei einer Visite bewenden lassen solle; nun mahnte das kleine Bild in seiner Brieftasche wieder stark an seine Zusammengehörigkeit mit diesem Hause, von dem er gleichsam ein Stück schon Monate lang mit sich herumgetragen hatte. Die Dame ließ sich auf dem Sopha nieder und bot ihm einen Sessel daneben an.

„Ich erwarte meinen Mann jeden Augenblick zurück,“ sagte sie. „Er ist ausgegangen, um sich nach einem Dienstboten für uns zu erkundigen. Aber es hat jetzt seine Schwierigkeiten, einen Menschen zu ermitteln, der Andern Dienste zu leisten bereit ist, da Jeder mit sich selbst genug zu thun hat. Wir haben unsere Leute entlassen müssen, als der Feind anrückte; ihre Furcht war zu groß, obgleich sie gerade am wenigsten zu fürchten hatten. So blieb auch uns nichts übrig, als dieses Haus zu verlassen und uns zu Verwandten zu flüchten. Aber auch deren Lage hat sich in letzter Zeit so sehr verschlimmert, daß wir ihnen nicht länger zur Last fallen durften, und so zogen wir es vor, die Gefahr für unsere Person nicht zu berücksichtigen und hierher zurückzukehren.“

„Sie ist, hoffe ich, nicht groß,“ sagte Arnold freundlich.

„O, daß Sie Recht hätten!“ rief die Dame lebhaft. „Aber die Grausamkeiten, von denen die Blätter berichten … Verzeihen Sie!“ fügte sie schüchtern und den Kopf senkend hinzu, „ich vergaß, daß ich mit Einem von Denen spreche, die sie dem verhaßten Feinde gegenüber gut heißen werden.“

„Sie irren, Madame,“ entgegnete Arnold ruhig. „Ich heiße nicht gut, was das menschliche Gefühl empört, und ich erkenne nicht an, daß es irgend eine Nothwendigkeit giebt, die dergleichen Barbarei rechtfertigt; der Krieg ist ohnedies schrecklich genug.“

Sie sah überrascht zu ihm auf. „Mein Herr … Sie verdammen Ihre eigenen Landsleute? So viel Gerechtigkeitssinn –“

„O, nicht doch!“ unterbrach er. „Sie sind schwerlich über die Vorfälle, an welche Sie denken, gut unterrichtet. Ich will nicht bestreiten, daß gegen einige Gemeinden mit Energie, sagen Sie meinetwegen: mit Härte, eingeschritten ist, aber sie verschuldeten ihr Unglück selbst durch die Begünstigung von Freischärlern, die wir Räubern gleichzuachten haben.“

„Sie vertheidigen ihr Vaterland, mein Herr,“ wendete die Dame ein. „Ist nicht jeder Bürger dazu berufen?“

„Wenn er sich entschließen kann, als Soldat mitzukämpfen,“ entgegnete Arnold ernst.

Madame Blanchard seufzte tief und schwieg. Sie fühlte, daß sie dieses Gespräch nicht mit der Freiheit fortsetzen könne, die eine Gleichstellung mit dem Gegner bedingt.

„Wir haben nicht erwarten dürfen, mein Herr,“ brach sie nach einer Weile ab, „von Einquartierung verschont zu bleiben, aber daß so bald nach unserer Rückkehr, ehe wir uns selbst noch eingerichtet haben …“

Rose lächelte freundlich. „Ich glaube, es geschieht zu Ihrem eigenen Besten, Madame,“ sagte er, „wenn Sie mich ohne jede Weigerung aufnehmen. Sie beurtheilen Ihre Lage ganz richtig; von der Einquartierungslast werden Sie nicht verschont bleiben, und wahrscheinlich ist dieses Haus bisher nur deshalb unbelegt geblieben, weil man es noch für unbewohnt hielt. Das rothe Kreuz sagt Ihnen, daß Sie es nicht mit einem Krieger, sondern mit einem Manne zu thun haben, der sich freiwillig die Aufgabe gestellt hat, zur Heilung der Wunden beizutragen, die der Krieg schlägt. Ich diene so gut Ihren unglücklichen Landsleuten, wie den meinigen – ich darf ehrlich sagen, ohne Ansehen der Person. Diese meine Beschäftigung sollte wohl geeignet sein, Ihnen Vertrauen einzuflößen. Wer weiß, wenn ich Sie von meiner Gegenwart befreite – was leicht geschehen könnte, Madame – mit wem Sie es morgen zu thun haben würden? Freilich kann ich Ihnen keine Garantie dafür bieten, daß ich Ihr einziger Gast bleibe, aber vielleicht gelingt es mir, weitere Zumuthungen von Ihnen fernzuhalten, und [210] jedenfalls kann ich Ihnen durch meine Kenntniß der französischen Sprache als Vermittler nützlich sein.“

Madame Blanchard nickte zustimmend, ohne zu dem wunderlichen Menschen aufzusehen, der so freundlich bat, wo er befehlen zu können schien. Die geschilderten Vortheile leuchteten ihr ein, aber sie begriff nicht sogleich, welches Interesse der Fremde haben könne, sie anzubieten und wurde dadurch wieder zum Mißtrauen geneigter. „Es würde mir nichts nützen, zu widersprechen,“ sagte sie, „haben Sie also die Güte, zu bestimmen, welches Quartier Sie einzunehmen wünschen! Ich würde Sie nur bitten, so zu wählen, daß Ihre Wohnung möglichst von der unserigen abgeschlossen gehalten werden kann. Mein Mann ist so nervös angegriffen durch all die Leiden und Widerwärtigkeiten, die wir seit einem halben Jahre fast ununterbrochen …“

„O, wir werden ganz gut mit einander leben können,“ versicherte der junge Mann, „wenn Sie nur zum kleinsten Theil den guten Willen dazu haben, wie ich. Ich liebe den Frieden, und den Hausfrieden ganz besonders. Mir genügen zwei Zimmer, das eine für mich, das andere für meinen Burschen, und ich schlage Ihnen vor, sie mir in Ihrem Parterre anzuweisen, das ja jetzt ganz unbenutzt zu sein scheint.“

„Es fehlt da sehr an Möbeln, mein Herr …“

„Sie haben ja hier im Ueberfluß dergleichen. Ja, ganz ohne Unbequemlichkeiten wird es nicht abgehen, Madame! Aber wenn Sie mir lieber diesen Salon abtreten wollen –“

„Nein, nein!“ fiel sie ihm rasch in’ Wort, „ich acceptire Ihren Vorschlag gern. Wollen Sie gleich jetzt? …“ Sie horchte auf ein Geräusch draußen und erhob sich schnell. „Ich glaube, mein Mann. … Entschuldigen Sie einen Augenblick!“ Sie eilte nach der Thür, zögerte und wandte sich noch einmal zurück. „Und wenn ich Sie bitten darf, auf seine mitunter etwas heftigen Aeußerungen nicht gereizt zu antworten – seine Nerven sind in der That … O! ich sehe es Ihnen am Gesicht ab – Sie sind gut und mild.“ Ohne seine Antwort abzuwarten, verließ sie den Salon.

Arnold hörte Mann und Frau draußen mit einander conversiren. Er sprach anfangs laut und heftig, von Zeit zu Zeit einen kräftigen Fluch einfügend, sie immer leise und begütigend. Endlich schien er sich denn auch zu beruhigen. Wieder nach einer langen Weile, die dem Wartenden sehr lang dünkte, traten Beide ein.

„Ich höre, mein Herr, daß Sie mich aus meinem Geschäftslocal austreiben wollen,“ begann Herr Blanchard, ein kleiner, sehr beweglicher Mann mit einem langen hageren Gesicht, dünnem schwarzem Haar, hoher Stirn, scharfer Nase, schmalem Kinn und lebhaften grauen Augen. Er steckte die rechte Hand in die Weste, warf den Kopf zurück und musterte so den Eindringling. „Wir sind allerdings augenblicklich im Nachtheil und müssen uns der Gewalt fügen, aber noch steht Paris, und so Gott will –“

„Lassen wir die Politik, mein Herr!“ unterbrach ihn Rose mit so scharfer Betonung, wie sie Madame Blanchard an ihrem Gast noch fremd war. Es schien ihm nöthig, sich gleich von Anfang an in das richtige Verhältniß zu seinem Wirth zu setzen. „Sie sind ein Franzose, und ich bin ein Deutscher, vergessen wir das Beide nicht, und ersparen wir uns Erörterungen, bei denen wir unmöglich einer Meinung werden können.“

Herr Blanchard sah erst trotzig zu seinem einen Kopf höheren Gegner auf und dann, da derselbe ihm durch seine ruhige Haltung doch überlegen schien, seitwärts zu seiner Frau hinüber, als erwartete er von ihr eine begütigende Aeußerung, um seinen Rückzug zu decken.

„Du willst es, mein Engel,“ sagte er darauf mit komischer Resignation, „Du willst, daß ich mich nicht aufrege. Gut! ich werde mich nicht aufregen; ich werde jede ungerechte Forderung mit der Seelenruhe eines Mannes über sich ergehen lassen, der da weiß, daß der Tag der Rache kommt, daß unfehlbar –“

„Charles –!“ bat die Frau.

„Gut, gut! Ich stehe zu Ihren Diensten, mein Herr. Mein Haus steht zu Ihren Diensten, mein Herr – Ihre Zimmer sollen unten ganz nach Ihren Wünschen eingerichtet werden, sobald ich eine Magd oder einen Diener auftreibe. Mein Gott! oder erwarten Sie, daß wir selbst Hand anlegen? Sie finden ein Sopha vor, einen Tisch, einige Stühle – auf dem Sopha werden Sie zur Noth schlafen können; verlangen Sie Alles von uns, nur nicht Matratzen und Betten! Die haben uns die verdammten Prussiens –“

„Charles –!“ unterbrach wieder Madame Blanchard mit sanftem Vorwurf.

Er warf ihr flüchtig eine Kußhand zu. „Ich werde mich nicht aufregen, mein Engel; sei ohne Sorge! Es war ja auch nur zum kleinsten Theil unser Eigenthum. O, die armen Nachbarn! Sie vertrauten der Festigkeit unserer Keller und einer vermauerten Thür. Als ob diesen Spürnasen … Schon gut, schon gut! ich sage nichts. Andere haben noch mehr verloren. Das ist der Krieg!“

Rose mußte in sich hineinlachen: er war ja selbst der Entdecker dieser Schätze gewesen. „Es kann Sie vielleicht ein wenig trösten,“ bemerkte er, „daß auf diesen Matratzen und Betten in unserem Lazarethe ebenso viel Franzosen wie Deutsche ihre wunden Glieder strecken. Die Humanität selbst gebot diesen Eingriff in’s Eigenthum.“

„Ich beklage mich nicht, mein Herr,“ rief Blanchard, „ich beklage mich nicht. Sie haben das Recht, weil Sie die Macht haben. Es bleibt also dabei: Sie und unser lieber Gast … Darf ich um Ihren werthen Namen bitten?“

Der junge Mann reichte ihm aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte, sorgsam das kleine Bild versteckend, das sich in demselben Raume befand. „Wenn es Ihnen gefällig ist …“

„Arnold Rose – so, so! Rose – ich kenne ein Handlungshaus Philipp Rose und Compagnie … in – in –“ Er schien sich auf den Namen zu besinnen und nannte ihn dann mit möglichst falscher Aussprache.

„Philipp Rose war mein Großvater,“ bemerkte Arnold. „Meine Mutter ist jetzt Inhaberin des Geschäfts – sie verwaltet es für mich, da ich ihr einziges Kind bin.“

Der Franzose schien ungläubig. Er musterte den jungen Mann, der in grobes Soldatentuch gekleidet vor ihm stand, mit zwinkernden Augen, und ein Lächeln des Zweifels zog um seinen Mund. „Ihr Großvater – Ihre Mutter – so, so! Und Sie, mein Herr? …“

„Ich diene freiwillig meinem Vaterlande, so gut ich kann. Sollten Sie mit unserem Hause in Geschäftsverkehr stehen?“

„Mit Philipp Rose und Compagnie – früher, früher allerdings. Habe mitunter Aufträge auf Weinlieferungen effectuirt – hoffe, zur Zufriedenheit. Mit Ausbruch des Krieges natürlich jede Verbindung abgebrochen – für alle Zeit, mein Herr, für alle Zeit. Zwischen Frankreich und Deutschland giebt es fortan … Gut! ich sage nichts; ich mäßige mich. Aber das Haus war gut, sehr gut.“

„Ich habe das Recht, die Firma zu zeichnen, Herr Blanchard,“ bemerkte Arnold in seiner ruhigen Weise. „Wenn Sie also doch anderen Sinnes werden sollten und einen hübschen Posten Ihres ausgezeichneten Rothweines nicht zu theuer –“

„Ah! kein Tropfen davon geht mehr über die Grenze, kein Tropfen!“ eiferte der patriotische Kaufmann. „Ich wünschte, der Wein in meinem Keller wäre Gift gewesen, und die Herren Prussiens. die ihn ausgetrunken, wären sämmtlich daran –“

„Aber Charles –!“ bedeutete wieder die Frau, „vergiß nicht, zu wem Du sprichst!“

„Bitte, bitte!“ entschuldigte Arnold. „Thun Sie sich keinen Zwang an! Ich würde ebenso ungehalten über die Franzosen sein, wenn sie Gelegenheit gehabt hätten mir meinen Rheinwein auszuräumen – vielleicht noch ungehaltenen denn sie verstehen ihn nicht immer so gut zu würdigen, wie wir ihren Rothen. O, ich hoffe, wir werden noch ganz gute Freunde werden, Herr Blanchard. Auf Wiedersehen!“

Er reichte dem etwas verdutzten Hausherrn die Hand hin. Herr Blanchard legte zögernd zwei Fingerspitzen hinein und zog sie sogleich wieder fort, mit komischem Eifer den Kopf schüttelnd. –

Arnold Rose glaubte mit dem Ausfalle dieser seiner ersten Visite gar nicht unzufrieden sein zu dürfen. Er hatte sich eingeführt; die Frau gefiel ihm, und mit dem Manne meinte er fertig werden zu können. Einige Stunden später zog er mit seinem Burschen, einem ehrlichen und dienstwilligen Altpreußen, Namens Kruttke, in das Parterre der Villa ein. Madame Blanchard wies oben die nöthigen Möbel an, und Kruttke trug [211] die schwersten Stücke auf seinem breiten Rücken wie Spielzeug die Treppe hinunter. Dann ließ er sich die Küche zeigen und begann aus den vom Proviantmeister reichlich gelieferten Lebensmitteln ein Mahl zu bereiten, so gut seine Kochkunst es verstand.

„Ich möchte nur wissen, wovon die da oben eigentlich leben, Herr Rose,“ bemerkte Kruttke einige Tage später, als er eine Fleischsuppe mit Nudeln auftrug. „Es kommt kein Fleischer und kein Bäcker in’s Haus. Herr Blanchard freilich geht aus und mag wohl irgendwo seinen Mittagstisch finden, aber die arme Frau … sie bekommt wahrhaftig nichts Warmes in den Leib und sieht schon ganz verstört aus. Ich denke mir, sie könnt’s nicht übel nehmen, wenn wir ihr einmal einen Teller Suppe anbieten möchten.“

„Versuch’s einmal!“ antwortete Rose; „aber die Herrschaften sind verdammt stolz –“

„Ah! wenn man nur Hunger hat!“

„Gut! mir ist’s recht.“

„Ja – aber wie bringt man der Madam das bei, wenn man nicht Französisch sprechen kann? Deutsch versteht sie nicht.“

„Um so besser! Du bist dann außer Stande, ihre Entschuldigungen anzunehmen.“

Kruttke kratzte sich hinter’m Ohre. „Das schon, Herr Rose, aber …“

„Gut denn, so will ich Dir’s schriftlich geben.“ Er schrieb einige Worte auf eine Visitenkarte und gab sie dem braven Burschen mit, der inzwischen seinen Anzug in Ordnung gebracht und das Bärtchen, das ihm im Kriege gewachsen war, aufgestutzt hatte.

Nach einigen Minuten kam Kruttke zurück. Sein Gesicht strahlte vor Freude. Schon in der Thür rief er: „Sie hat gelacht und die Suppe angenommen, Herr Rose.“ In der Hand hielt er eine ansehnliche Tüte von weißem Papier und ein Kärtchen. „Sie hat Ihnen auch etwas aufgeschrieben, Herr Rose – da! Und zu mir hat sie recht schnakisch gesagt: ‚Monsieur Krütt, Sie sein ein kutes Mensch!‘ Und das da –“

„Was bringst Du da in der Tüte?“

„Das hab’ ich durchaus für Sie annehmen müssen, da half kein Widerstreben. Ich glaube, davon fristet die Madame ihr Leben. Na – es mag ganz gut schmecken, wenn man satt ist.“

Das Papier enthielt Biscuits und Chocoladenplättchen. Auf der Karte stand: „Marie Blanchard – bittet, sich dieses Dessert gut schmecken zu lassen.“ „Den Tausch können wir acceptiren,“ meinte Rose. „Wenn Deine Suppe nur besser gekocht wäre, Kruttke – Deine Recepte sind so entsetzlich einfach.“

Damit war nun ein Verkehr eingeleitet, und der wackere Bursche sorgte dafür, daß er nicht wieder ganz einschlief. Ihm gefiel nun einmal „die bleiche Madame“, die ihn „ein gutes Mensch“ genannt hatte, und er ließ sich’s nicht ausreden, daß sie hungern müsse. Er konnte sich überhaupt schwer vorstellen, daß Jemand noch aus anderen Gründen bleich aussehen könne, als weil ihn hungere, und sein mitleidiges Herz wurde durch nichts mehr erregt, als durch den Gedanken, daß es einem lebendigen Geschöpfe – Mensch oder Thier – an dem fehlen könne, was ihm das höchste aller Güter schien: am Sattessen. Er trug Madame Blanchard also allerhand Lebensmittel zu und suchte sich auch sonst nach Kräften nützlich zu beweisen, indem er ihr mancherlei Arbeiten abnahm, die sonst ihre Magd hätte verrichten müssen. Auf Dank dafür rechnete er schon deshalb nicht, weil sie ja „Französisch sprach“. Sie ließ sich aber auch seine Dienste gern gefallen und half ihm zum Entgelt manchmal in der Küche beim Kochen, was wieder Rose zu Gute kam. Selbst Herr Blanchard wurde freundlicher, klopfte Kruttke im Vorbeigehen vertraulich auf die Schulter und schickte auch einmal eine Flasche Wein, die Beiden trefflich mundete. Endlich glaubte Arnold die Zeit gekommen, einen Schritt näher wagen zu dürfen.

An einem Nachmittage, als er die Eheleute zu Hause wußte, klopfte er an die Thür des Salons. Herr Blanchard hielt sich freilich für verpflichtet, ein sehr verwundertes Gesicht zu zeigen und die Hand in die Weste zu stecken, wie er zu thun pflegte, wenn er imponiren wollte. Aber seine Frau bot dem Gaste doch einen Stuhl an, und Arnold ließ sich nicht so leicht einschüchtern.

„Wir sind Feinde,“ begann er. Herr Blanchard nickte. „Wir sind Feinde und haben alle Ursache, uns dessen hier vor Paris, wo uns täglich der Donner der Kanonen weckt und zu Bett begleitet, bewußt zu bleiben.“

„Paris wird nicht fallen, mein Herr,“ bemerkte der Kaufmann eifrig.

„Es hält sich so tapfer,“ antwortete der Gast verbindlich, „daß es ihm keine Schande wäre, schließlich die Thore öffnen zu müssen.“

Diese Schmeichelei schien gut aufgenommen zu werden. Herr Blanchard wiederholte zwar: „Paris wird nicht fallen,“ aber nicht mehr in jenem bissigen Tone, sondern gleichsam mit lächelnder Stimme. Es war eine Art von Brücke über den Strom geschlagen, auf der man sich einander nähern konnte, so schwankend sie sein mochte.

„Geben wir zu,“ fuhr Arnold fort, „daß unsere beiderseitige Situation nicht angenehm ist. Nun, bei einem Schiffbruche gewinnen zwei Matrosen ein Boot. Sie sind Todfeinde und messen einander mit grimmigen Blicken. Jeder kann den Anderen verderben, wenn er die Ruder über Bord wirft, aber die Folge ist leider, daß er dann ebenfalls zu Grunde geht. Was werden sie thun? Ich denke, sie rudern Beide tüchtig mit allen Kräften, um sich an’s Land zu bringen, und schlagen dann aufeinander los, wenn sie wieder festen Fuß haben. Freilich jedes Gleichniß hinkt, und das meinige ist, wie ich zugebe, recht lahm –“

Herr Blanchard nickte.

„– aber etwas lernen kann man doch daraus. Ich kann Paris nicht nehmen, und Sie können es nicht halten. Der Kampf ist für uns Beide wie ein Sturm, den wir auswüthen lassen müssen, und wir sitzen hier im Boote und haben die Wahl, ob wir uns gegenseitig ganz nutzlos am Rudern hindern, oder ob wir mit vereinten Kräften für einen erträglichen Zustand sorgen wollen.“

„Herr Blanchard strich nachdenklich sein langes Kinn. „Erklären Sie sich deutlicher!“ bat er nach einer Weile.

„Mit einem Worte: machen wir gemeinsame Oekonomie! Kruttke und ich haben, was Ihnen vielleicht oft fehlt, Lebensmittel in Fülle; die Lieferungen des Proviantmeisters sind meist gut und reichlich. Aber wir können nicht den wünschenswerthen Gebrauch davon machen. Weshalb? Weil Kruttke in der edlen Kochkunst ein sehr bescheidener und nicht einmal talentvoller Anfänger ist, der ganz unmäßig Material verschwendet, um die kleinsten Erfolge zu erzielen –“

Hier nickte Madame Blanchard zustimmend.

„Ich für meinen Theil, obgleich ich kein Kostverächter bin und auf den Kriegszustand alle billige Rücksicht nehme, bekenne doch gern, daß ich lieber gut als schlecht esse, und daß ich vor allen Dingen gern in Gesellschaft esse. Nun sitze ich freilich lieber bei Freunden als bei ‚Feinden‘ zu Tische. –“

Hier lächelten Mann und Frau einander an.

„Aber es giebt Feinde, mit denen man sich ganz gut befreundet, und es ist ja nicht gerade nöthig, daß man stets über Principien debattirt. Ich mache nun folgenden Vorschlag: alle Naturalien, die wir geliefert erhalten, wandern in Ihre Küche, meine beste Madame Blanchard. Sie übernehmen mit Kruttke’s Beistand die Zubereitung. Was wir ferner für Geld haben können, schaffen wir gemeinsam dazu; ich denke, meine Connexionen werden dabei von Nutzen sein. Herr Blanchard gestattet freundlichst, daß ich an seinem Tische Platz nehme, und hat die Güte, selbst mit uns zu speisen. Es ist ihm erlaubt, so oft es ihm beliebt, eine Flasche seines vortrefflichen Rothweins aufzustellen, wovon er sicher noch ein hübsches Lager irgendwo in der Nähe geborgen hat, und ich verpflichte mich, ihn zu trinken, ohne zu fragen, woher er kommt. Wie gefällt Ihnen dieses Arrangement?“

Die Eheleute forderten zwölf Stunden Bedenkzeit. Schon vor Ablauf derselben erklärten sie, einverstanden zu sein, allerdings unter einigen feierlichen Bedingungen seitens des Herrn Blanchard. Kruttke war seelenvergnügt, mit Madame Blanchard zusammen wirthschaften zu können, und schleppte an Eßwaaren heran, was er irgend im Proviantamte oder auf der Landstraße erhaschen konnte. Bald zeigte sich’s, daß der bissige Franzose ein ganz gemüthlicher Tischnachbar sein konnte, und seine Frau erholte sich sichtlich. Rose fühlte sich an der hübsch gedeckten kleinen Tafel „wieder als Mensch“, und schlürfte nach dem Essen [212] den Kaffee aus dem bunten chinesischen Täßchen beinahe mit so gutem Appetite, wie zu Hause neben seiner Mama und Onkel Helmbach.

Es kam nun auch in mehr und mehr vertraulicher Weise Manches zur Sprache, was die Familie näher anging. Madame Blanchard hatte doch nicht, wie Kruttke meinte, ihre bleiche Gesichtsfarbe nur dem Hunger zu danken gehabt; schwere Sorge um ihren einzigen Sohn Victor bekümmerte sie. Sie wußte, daß er bei Sedan verwundet worden war; dann aber fehlte jede sichere Nachricht über ihn. Der Papa versicherte, daß er sich „mit Löwenmuth geschlagen“ und als „ein Wunder von Tapferkeit“ bewährt habe, und berief sich auf den Bericht des Obersten seines Regiments an einen gemeinsamen Freund; er behauptete, jedes Mal wörtlich zu citiren, und jedes Mal wuchsen die Heldenthaten. Aber lebe er noch? Sei er „in der barbarischen Behandlung der Feinde“ seinen Wunden erlegen? Er habe nicht geschrieben, da er die Eltern wahrscheinlich in dem belagerten Paris glaube, jedenfalls ihren jetzigen Aufenthalt nicht kenne. „Er wird als Gefangener irgendwo in Deutschland zurückgehalten werden,“ suchte Arnold zu beruhigen. „Das hoffe ich,“ sagte Madame Blanchard, eine Thräne aus dem Auge wischend, während ihr Mann hastig schluckte, als ob er eine bittere Pille hinunterwürgen müßte. „Als Gefangener – als Gefangener … In der That, es wäre möglich. Denn, vergessen Sie nicht, er war verwundet.“ Arnold versprach, Nachforschungen nach dem Vermißten anzustellen, und hielt Wort.

So war nun also der junge Krieger mit dem Feldherrnblicke, dessen Bild dort auf dem Schreibtische der Dame vom Hause stand, glücklich untergebracht. Arnold fand sie oft in Betrachtung des Bildes vertieft. Er wagte einmal zu fragen, was der leere Rahmen nebenan bedeute.

„O, mein Herr,“ sagte sie lächelnd, „das ist eine sehr wundersame Geschichte. Sie wissen, daß man unsern Keller erbrochen und beraubt hat – aber das wissen Sie noch nicht, daß der Feind auch unsere Wohnung durchsuchte. Freilich … wir selbst wüßten es nicht, wenn nicht diese kleine Photographie verschwunden wäre. Denken Sie, mein Herr, einzig und allein diese Photographie. Ist das nicht sehr wundersam? Wir hatten so eilig fliehen müssen, um nur unsere Personen in Sicherheit zu bringen, daß wir nicht daran denken konnten, die mancherlei Stücke von theilweise nicht unbeträchtlichem Werthe zu verstecken oder mit uns zu nehmen, die Sie in diesen Zimmern bemerkt haben werden. Wir machten uns darauf gefaßt, nichts oder wenig davon wiederzufinden. Und siehe da! nicht die geringste Kleinigkeit fehlte – bis auf dieses Bild. O, Juliette, der wir davon schrieben, war außer sich darüber. Welche Unverschämtheit, ihr Portrait zu entführen – recht auffällig, nur ihr Portrait! Ja, sie ja ganz ihres Vaters Tochter – eine brave Patriotin!“

Arnold fühlte sein Herz heftiger pochen unter dem Bilde dieser braven Patriotin. Er hätte laut auflachen mögen bei der Erzählung der ahnungslosen Frau, und doch war es ihm wieder, als ob ihm etwas die Kehle zuschnürte, daß er sein Leben lang nicht mehr lachen solle. Juliette hieß das reizende Geschöpfchen also, das ihn schon so viel beschäftigt hatte – der Name gefiel ihm. Er klang so weich, so einschmeichelnd; er stimmte zum Glück gar nicht zu der Schilderung der Frau Mama. Das Eis war gebrochen; er wollte nun das Schifflein seiner Neugierde ganz flott machen.

„Ihr Fräulein Tochter!“ rief er mit gespielter Ueberraschung. „Sie also gehört in diesen leeren Rahmen, über den ich mir schon so viel den Kopf zerbrochen habe. Ich wette, der gute Landsmann, der sie Ihnen entführt hat, wußte, was er that, als er nur Augen für sie hatte. Fräulein Juliette sieht Ihnen ähnlich, Madame, nicht wahr?“

Er erschrak selbst über diese doch zu handgreifliche Schmeichelei, aber Madame Blanchard sah darin durchaus nichts Arges. „Wer mich gekannt hat, als ich noch jung war, behauptet es allerdings,“ antwortete sie mit befriedigtem Lächeln. „Jetzt freilich …“

Arnold hatte nicht weiter schüchterne Zurückhaltung nöthig. „Sie haben sich aber überraschend gut conservirt,“ versicherte er mit der aufrichtigsten Miene von der Welt. „Hätte ich’s nicht aus Ihrem eigenen Munde, daß Sie die Mutter eines Offiziers der französischen Armee sind –“

Madame Blanchard konnte nicht umhin, einen Blick in den Spiegel seitwärts zu werfen. „Ich habe früh geheirathet,“ antwortete sie mit einem leichten Seufzer, „und Juliette ist jünger als ihr Bruder, sehr viel jünger.“

„Sehr viel jünger?“

„Nun – fast acht Jahre. Victor zählt vierundzwanzig.“ Die reizende Juliette war also siebenzehn Jahre alt – eine neue und sehr wichtige Bereicherung seiner Kenntnisse. „Und Sie haben sich von dem jungen Mädchen getrennt?“ fragte er, die Recognoscirung fortsetzend.

„Sehr ungern, mein Herr; aber es war nothwendig. Juliette ist in einer ausgezeichneten Pension erzogen – das Pensionat befindet sich in einem alten Schlosse nicht weit von Orleans und zählt zu seinen Schülerinnen selbst junge Damen von ältestem Adel. Sie hatte ihren Cursus bereits[WS 1] durchgemacht – das fleißige Kind – als der Krieg ausbrach, sind wir nach Hause zurückgekehrt. An ihrem siebenzehnten Geburtstag gerade ließ sie sich photographiren, um uns eine Freude zu bereiten. Es war der letzte glückliche Tag in unserer Familie. Bald darauf begannen die Feindseligkeiten; der Abschied von Victor war sehr traurig für die Mutter und für die Schwester, wenn auch damals unsere zuversichtlichen Hoffnungen … Lassen wir diese Erinnerungen! Unsere Kinder correspondirten eifrig; Juliette nahm den lebhaftesten Antheil an den Operationen. Stundenlang konnte sie vor einer Karte des Kriegsschauplatzes sitzen und mit kleinen Fähnchen die Routen der Gegner abstecken; jeder unserer Verluste erfüllte sie mit größerer Erbitterung – diese leidenschaftliche Natur! Dann kam der Unglückstag von Sedan, dann die Einschließung von Paris. Wir glaubten das junge Mädchen in unserm elterlichen Schutz nicht genug gegen alle Zufälle des Krieges gesichert und schickten sie wieder nach der Pension zurück, so sehr sie sich auch gegen die Trennung sträubte. ‚Ich behalte Dein Bild,‘ sagte ich ihr beim Abschied, ‚und wir werden einander wieder sehen, mein theures Kind.‘ Ach! es war ein böses Omen, mein Herr, als ich in diese verlassene Wohnung eintrat und das Bild nicht wieder fand. Gebe der allmächtige Gott, daß ich Juliette nicht verliere! Seit Wochen sind wir ohne eine Zeile von ihr, da die Postverbindung durch die Preußen gestört ist. Armes Kind!“

Arnold war im Innersten gerührt. Viele, viele Thränen waren sicher seinetwegen geweint; er hatte der Mutter den Trost geraubt, sich an dem Bilde des geliebten Kindes zu erfreuen, das sie in Zeiten der Gefahr von ihrem Herzen hatte lassen müssen. Schon griff seine Hand unter den Rock nach der Brieftasche. „Da ist das Bild,“ konnte er ja sagen, „nimm es – es gehört Dir.“ Aber stärker als das Mitleid war doch wieder ein anderes Gefühl in seiner Brust. Er hätte es Selbstsucht nennen müssen, wenn er ihm einen Namen hätte geben wollen oder können – Abneigung, einen Besitz aufzugeben, an dessen Unzertrennlichkeit er sich nun schon gewöhnt hatte und der ihm unversehens mehr geworden war, als er bei der Aneignung für möglich halten durfte – Eigensinn, eine Beute zu behaupten, an die sich die Erinnerung eines kleinen Abenteuers knüpfte, das noch immer fortwirkte. Sonst nichts? Schwerlich. Er würde sich jedenfalls über den Gedanken, daß ihn die hübsche Französin selbst zu fesseln drohe, sehr aufrichtig ausgelacht haben. Nein! sein Herz durfte er noch für ganz frei halten, denn auch Cousine Clärchen zu Hause, mit der ihn die Commerzienräthin zu necken liebte, weil sie die Partie wünschte, hatte es nicht verwundet – kaum leicht geritzt. Aber wenn er jetzt das Bild hätte abgeben müssen, es würde ihm doch ein Schmerz gewesen sein – wahrhaftig! ein Schmerz, den er schon jetzt in den Fingerspitzen fühlte, als sie die Brieftasche berührten. Er zog eilig die Hand zurück.

In diesem Augenblicke trat Herr Blanchard in’s Zimmer. Er kam von der Straße, grüßte sehr flüchtig, winkte seiner Frau, ihm nach dem Cabinete zu folgen, zog schon unterwegs einen Brief hervor und sprach dann eine Weile leise, aber anscheinend sehr erregt mit ihr. Als sie zurückkehrten, hielt Madame Blanchard ihr Taschentuch vor die nassen Augen, und ihr Mann ging mit großen Schritten im Salon auf und ab, von Zeit zu Zeit sein Kinn in die Hand stützend oder das dünne Haar aus der Stirn streichend.

„Ach, Juliette, unser liebes Kind!“ seufzte die Dame.

[214] „Juliette? Was ist’s mit Fräulein Juliette?“ fragte Rose theilnehmend.

Madame Blanchard sah ihren Mann fragend an, der gerade in ihre Nähe kam und nun stehen blieb. „Mag er’s doch wissen!“ sagte er in geändertem Tone. „Vielleicht kann er einen guten Rath geben.“

„Das ist auch meine Hoffnung,“ bestätigte seine Frau. Sie wandte sich dann schnell zu Rose: „Das Pensionat, in dem unsere Juliette sich befindet, wird bis auf Weiteres aufgelöst, mein Herr. Blanchard hat durch einen Expressen diesen Brief erhalten mit der Aufforderung, über seine Tochter zu verfügen. Sollen wir sie nun weiter nach dem Süden schicken, ganz allein, ohne eine zuverlässige Begleitung? Ich würde sie am liebsten hier in unserem Hause haben; aber wie sie hierher schaffen, wie sie durch die Linien der Feinde bringen? Es ist unmöglich!“

„O, ich würde sie abholen,“ meinte der Kaufmann, „aber man könnte mich leicht wie einen Spion behandeln, wenn man mich ertappte, und am nächsten Baume aufknüpfen. Ist es nicht schon vielen friedlichen Bürgern so ergangen?“

Rose mußte lachen, so ernst ihm auch zu Muthe war. „Wollen Sie meine Begleitung annehmen?“ fragte er schnell entschlossen.

„Ihre Begleitung?“

„Ja! Ich bin im Stande mich überall zu legitimiren, und daß ich nicht mit einem französischen Spione reise, wird man mir schon glauben.“

Madame Blanchard reichte ihm die Hand. „Auf ein so gütiges Anerbieten durften wir allerdings nicht rechnen. Empfangen Sie meinen herzlichsten Dank! Sie erleichtern die Sorge einer Gattin und einer Mutter sehr. Auch Juliette wird sich dem unbekannten Manne verpflichtet fühlen, dessen großmüthige Theilnahme für unser Geschick...“

Das drohte ihrem vorsichtigen Manne zu viel zu werden. „Zu allen Gegendiensten gern bereit, mein Herr,“ fiel er schnell ein. „Niemand kann vorher wissen, wie sich das Blatt einmal wendet. Ich bin zwar nur ein einfacher Kaufmann, habe aber einflußreiche Freunde und Gönner, die meiner Verwendung Gewicht geben können.“

Der junge Mann versicherte, daß er sich dessen mit Freuden erinnern werde. Es gelang ihm leicht, eine Art Paß für Blanchard und seine Tochter zu erhalten, worin zugleich eine Anweisung an die Commandanten von Truppenkörpern und an die Behörden gegeben war, die in seiner Begleitung Reisenden nach Möglichkeit zu befördern. So ausgerüstet, kamen sie verhältnißmäßig schnell an ihren Bestimmungsort.

Das Pensionat fand man in größter Aufregung. Ein Theil der jungen Damen war schon abgereist, andere erwarteten ungeduldig die Abholung. Die Sachen der Lehrerinnen standen gepackt. Preußische Ulanen durchstreiften die Gegend, und ihre Fähnchen wurden aus den Fenstern des Schlosses nicht bemerkt, ohne jedesmal neue Schrecken zu verbreiten. In geringer Entfernung südwärts standen französische Truppenkörper der von Gambetta gebildeten Armee und die jungen Fräulein schalten ihre Unbeweglichkeit, indem sie am liebsten einige Regimenter zu ihrem Schutze um das Schloß gelagert gesehen hätten. Rose war es gelungen, ein Fuhrwerk zu requiriren, das zwar nur aus einem schlechten Bauerwagen und zwei ziemlich abgetriebenen Gäulen bestand, aber doch die Möglichkeit schnelleren Fortkommens bot. Er selbst führte als Kutscher die Leine, und das rothe Kreuz verschaffte ihm überall Durchlaß.

Natürlich war er auf die erste Begegnung mit Juliette nicht wenig gespannt. Das Bild sollte nun Farbe und Leben erhalten. Würde die Wirklichkeit sein Phantasiestück in Schatten stellen, oder hinter seiner Erwartung zurückbleiben? Endlich kam sie, in Pelz und Capote gehüllt, am Arm ihres Vaters die Rampe vor dem Portal herab; ein Diener trug einige Kistchen und Kästchen und packte dieselben vorn neben dem Kutscher in den Wagen, als ob das gerade so sein müsse. Arnold stand neben dem Vorderrade, den Rücken den Pferden zugewendet, hielt die Hand mit der Leine auf dem Strohgefäß und sah zu. In einiger Entfernung vom Wagen schien Blanchard seiner Tochter etwas zuzuflüstern. Sie zuckte leicht die Achseln und warf, ohne den Kopf zu wenden, einen schnellen Seitenblick auf den jungen Mann, gab aber sofort wieder ihren Augen eine andere Richtung, da sie sich von ihm beobachtet sah. Der Kopf richtete sich dabei höher auf, und auf dem bis dahin freundlichen Gesicht zeigte sich plötzlich ein eisiger Zug von hochmüthiger Zurückhaltung. Mit ihrem Vater näher tretend, würdigte sie den Deutschen kaum des flüchtigsten Grußes und machte sofort Anstalt, auf den Wagen zu steigen. Arnold bot ihr die Hand; sie stützte sich aber, als ob sie es gar nicht bemerkte, auf ihren Vater und schwang sich rasch und geschickt vom Trittbrett auf das hintere Strohgefäß. Dann blickte sie nach dem Schlosse zurück, wo an einem der oberen Fenster einige junge Mädchen standen und der Scheidenden zunickten. „Warum zögern wir länger?“ fragte sie, ohne umzuschauen.

Blanchard stand noch neben dem Wagen, augenscheinlich in einiger Verlegenheit über das Benehmen seiner Tochter. Er blinzelte mit den Augen, lächelte und schien etwas sagen zu wollen, aber nicht die passenden Worte zu finden. Juliette’s Frage machte diesem peinlichen Zustande ein Ende. Offenbar entschlossen, sich ihrer Leitung zu überlassen, machte er nun ebenfalls Anstalt, aufzusteigen und bemerkte dabei: „Ja, fahren wir ab!“

Rose stand unbeweglich. Er suchte ein leicht erklärliches Gefühl des Unmuths zu unterdrücken und konnte sich doch nicht bis zu der Gleichgültigkeit herabstimmen, die absichtlich unartige Behandlung der jungen Dame unbeachtet zu lassen. „Wollen Sie nicht die Güte haben,“ wandte er sich an Blanchard, „mich Ihrem Fräulein Tochter vorzustellen?“

„Es ist nicht nöthig,“ antwortete Juliette nachlässig. Ihr Papa hüstelte halb in Verlegenheit, halb um ihr ein Zeichen zu geben, sich zu mäßigen.

[225] „Ich bitte gleichwohl darum,“ nahm Arnold wieder das Wort. „Man pflegt eine solche Vorstellung auch dann für schicklich zu halten, wenn bei einer ersten Begegnung kein Theil im Zweifel über den anderen sein kann. Jeder gesellschaftliche Verkehr braucht eine formelle Einleitung, und da eine gemeinsame Reise unter allen Umständen häufige Berührungen –“

„Herr Arnold Rose, Kaufmann – meine Tochter Juliette,“ unterbrach Blanchard vorstellend, um weitere, jedenfalls unliebsame Erörterungen abzuschneiden. Das Mädchen verneigte sich flüchtig und nickte gleich wieder den Freundinnen zu. Rose konnte sich von einer nochmaligen Aufnahme des Gesprächs keinen Erfolg versprechen. „Wird sich mit der Zeit schon von selbst machen!“ tröstete er sich, stieg auf und trieb die Pferde an.

Vater und Tochter waren bald in eifriger Unterhaltung. Beide hatten viel zu fragen und zu erzählen. Alle kleinen Erlebnisse der letzten Wochen wurden ausgetauscht; Juliette hatte zu lachen und zu weinen und wieder zu weinen und zu lachen. Mit zärtlichster Sorge erkundigte sie sich immer wieder nach der Mutter, und des Bruders ungewisses Schicksal schien sie tief zu bekümmern. Dazwischen lief denn eine lebhaft humoristische Schilderung der Confusion im Pensionat bei der Nachricht von der Annäherung des Feindes; wie Demoiselle Tallandier ihre Lockenperrücke in der Eile verkehrt aufgesetzt und Madame Roland in der Küche alle ihre Recepte verwechselt habe. Es folgten heftige Exclamationen über die Unhöflichkeit des Feindes, alle diese Unruhe über eine friedliche Erziehungsanstalt gebracht zu haben, Klagen über das unglückliche Frankreich, das von seinen Generälen verrathen werde, Ausbrüche des Zornes gegen den Feind, dann wieder Berichte von Siegen, die als ganz zuverlässig gemeldet seien. Blanchard, der sich sonst so gern aus derselben Tonart äußerte, war jetzt auffallend zurückhaltend und still. Erst als das Gespräch die inneren Angelegenheiten des Landes zu berühren anfing, betheiligte er sich lebhafter dabei. Juliette war eine eifrige Republikanerin – wäre sie von Adel, sagte sie, so würde sie Legitimistin sein – er dagegen war Bonapartist gewesen und konnte sich noch immer nicht entschließen, Napoleon ganz aufzugeben. Darüber kamen beide in den muntersten Wortstreit. Arnold glaubte, sich jetzt einmischen zu dürfen, wendete sich zurück und warf eine Bemerkung in das Gespräch. Es folgte aber keine Antwort darauf, sondern die Unterhaltung war damit ganz abgebrochen. Juliette zog die Capote tiefer über die Stirn und hielt ihren Pelzmuff vor Mund und Kinn.

Arnold hatte aber doch wieder einen Blick aus ihren wunderbaren Augen erhascht. Seiner Eitelkeit schmeicheln konnte derselbe freilich nicht, es hätte denn die Feindseligkeit, die sich darin aussprach, für eine besondere Art von Theilnahme erachtet werden müssen. Wunderbar waren diese Augen doch, von einem tiefen Graublau und wie in einem feuchten Glanz schwimmend, der alles Licht einzufangen schien, um es in Blitzfunken auszuströmen. Der sprechende Gesichtsausdruck des Bildes wurde nun begreiflich; seine Anziehungskraft ließ sich gleichsam erklären, denn die Sonne hatte etwas von diesem Sprühfeuer aufgefangen, festgehalten und auf das Papier gefesselt. Nur daß die Wirkung Auge in Auge noch viel anregender, herausfordernder war. Jener Zug von naiver Freude an sich selbst, der das Bild so reizend machte, ließ sich jetzt nicht bemerken, aber das Bemühen, eine stolz abweisende Haltung anzunehmen, hatte doch etwas fast komisch Gezwungenes und, ganz der Absicht entgegen, gar nicht Imposantes. Arnold, der sich unausgesetzt in Gedanken mit der reizenden Feindin beschäftigte, mußte in sich hinein lachen über ihre patriotischen Schauspielerkünste, die ihn sicher doch ärgern sollten. Er ärgerte sich durchaus nicht, aber er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit fühlbar zu machen, daß er denn doch nicht nur für den Kutscher der Herrschaften gelten wollte und rücksichtsvollere Behandlung erwartete.

Nachdem die Fahrt unter mancherlei Hindernissen, namentlich durch Streifcorps herbeigeführt, die entweder Auskunft über die feindlichen Stellungen verlangten oder bei der Prüfung der Legitimation der Reisenden vorsichtig waren, mehrere Stunden gedauert hatte, wurde bei einem Wirthshause Station gemacht. Blanchard führte sogleich seine Tochter in’s Zimmer und überließ, ohne auch nur ein freundliches Wort zu sagen, Rose die Sorge für Wagen und Pferde. Als Letzterer nach einer Viertelstunde ebenfalls in die Wirthsstube trat, saßen die Beiden bei einem frugalen Male an einem kleinen Tische, der so gegen den Kamin vorgeschoben war, daß ein Dritter nicht mehr Platz daran finden konnte. Er merkte die Absicht. Blanchard schien sich zu geniren; er bückte sich tiefer, als nöthig, auf seinen Teller nieder und bearbeitete etwas lärmend mit Messer und Gabel ein Stück Fleisch. Juliette aber wendete das Köpfchen und suchte den näher Tretenden durch einen Blick fernzuhalten, der etwa sagen wollte: wir wünschen allein zu sein, mein Herr. Sie war also die Veranstalterin dieser künstlichen Absonderung und feierte nun ihren Triumph, da er wirklich einen Augenblick in Verlegenheit kam, wie er sich dieser Kriegserklärung gegenüber benehmen solle. Aber ein Rückzug war jetzt gefährlich. „Wir werden an [226] diesem kleinen Tische etwas unbequem zu Dreien essen,“ sagte er, „aber vielleicht um so gemüthlicher. Heda! Kellner, noch einen Stuhl! Dort an den Kamin – mich friert. Erlauben Sie, Herr Blanchard! Wir rücken den Tisch auf dieser Seite ein wenig ab. Lassen Sie sich deshalb gar nicht stören, mein Fräulein! Ich theile den Raum mit Ihrem Herrn Papa, der schon an meine Nachbarschaft gewöhnt ist. So! Sie haben nur nöthig, Ihren Stuhl ein wenig zu wenden. Was giebt’s denn zu essen? Hat der Wirth keine Augen gehabt oder kann er nicht bis drei zählen? Noch ein Glas und eine zweite Flasche! Aber geschwind!“ Er trieb den Burschen fort, der so gemessenen Weisungen gegenüber sich nicht zu weigern wagte und mit einem Achselzucken, das ihn bei der jungen Dame entschuldigen sollte, bei dem Arrangement half.

Juliette hatte Pelz und Capote abgelegt. Nun erst zeigte sich die sehr zierliche Gestalt, und das hübsche Gesichtchen fand in dem lockigen Haare seine natürliche Einfassung. Es hatte wenig Farbe, und ein Netz feiner blauer Aederchen auf beiden Seiten der Stirn in der Gegend der Schläfen, unter der sehr zarten Haut vorschimmernd, verstärkte den Eindruck nervöser Reizbarkeit, der in diesem Moment schon durch eine merkliche Unstätigkeit des Blickes und durch das Zucken der feinen Lippen, zwischen welchen die kleinen Zähne sichtbar wurden, gegeben war. Arnold saß ihr jetzt gegenüber und benutzte die Gunst, sich mit ihrer ganzen Erscheinung bekannt machen zu können, vielleicht etwas dreister, als sonst für schicklich gegolten hätte. War es nun dieser oder ein anderer Grund – das Mädchen stand plötzlich auf, warf die Serviette auf den Stuhl und entfernte sich nach dem anderen Ende des Zimmers. Sie blieb eine Weile am Fenster, dann vor einigen schlechten Bildern stehen und setzte sich endlich, möglichst dem Kamine abgewendet, auf ein wenig einladendes Sopha unter denselben.

Das gilt Dir! dachte Arnold; dieser kleine Eigensinn setzt sein Stück durch, nicht mit mir an einem Tische essen zu wollen. Es ist wie in Polen, wo auch die Frauen unversöhnlicher sind, als die Männer. – Ein Gefühl des Unmuths überkam ihn, wenn er sich fragte, welche Rolle er eigentlich spiele. Die des aufdringlichen Freundes unzweifelhaft; kaum eine andere konnte ihm so widerwärtig sein. Und was nöthigte ihn dazu? Nichts, wenn nicht das kleine Bild in seiner Brieftasche, das nun einmal seinen Spuk fortsetzen wollte, wie es ihn angefangen hatte. Er steckte wie in einem unsichtbaren Zaubernetze.

„Wir benutzen zusammen einen Wagen, Herr Blanchard,“ begann er, nachdem er nothdürftig seinen Hunger gestillt hatte, „aber es fehlt uns der Kutscher dazu. Nun habe ich, als der jüngere von beiden, damit angefangen die Leine zu führen. Wäre es nicht Zeit zu wechseln? Ich denke! Kutschiren Sie nun gefälligst bis zur zweiten Station! Ich will mir's unterdessen auf Ihrem bisherigen Platze bequem machen.“

Herr Blanchard blickte sehr verwundert zu ihm auf und auch Juliette schien aufmerksam zu werden. „Ich muß gestehen,“ antwortete er stotternd, „daß ich nicht die mindeste Uebung darin habe, eine Pferdeleine zu führen.“

„Auch ich habe die edle Kunst des Rosselenkens weder gelernt noch geübt,“ versicherte der junge Mann lachend; „wir sind Beide nur Dilettanten.“

„Aber bei meiner Ungeschicklichkeit läuft Juliette Gefahr …“

„Nicht die mindeste. Die Thiere sind sehr geduldig. Ich würde sonst der Letzte sein, dieses an sich gewiß sehr billige Abkommen vorzuschlagen.“

Herr Blanchard schielte zu seiner Tochter hinüber; er weigerte sich offenbar nur deshalb, weil er ihre Unzufriedenheit voraussetzte. Sie sollte stundenlang mit dem verhaßten Deutschen zusammen Schulter an Schulter sitzen und ihren Vater Knechtsdienste verrichten sehen. Er konnte sich ganz in ihre Seele versetzen und stotterte neue Entschuldigungen.

Juliette mischte sich ein. „Es steht meinem Vater so wenig an, als mir,“ sagte sie, „Sie um eine Gefälligkeit zu bitten, die Sie unaufgefordert zu leisten nicht den Willen haben. Gut! wir fügen uns.“ Sie stand auf und legte wieder Pelz und Capote an. „Deinen Arm, lieber Papa! Promeniren wir vor dem Hause, bis die Pferde ausgeruht sind. Die Luft in diesem Zimmer ist mir zu bedrückt.“

Herr Blanchard setzte seufzend seinen Hut auf und folgte ihr. Er sah sehr verdrießlich aus.

Arnold blieb allein im Zimmer. „Der Trotzkopf!“ rief er laut. Es blieb ihm nun nichts übrig, als sich mit den Bildern an den Wänden und mit einigen alten Journalen zu unterhalten, bis die Pferde gefüttert worden wären. Seine Stimmung schlug um. „Ist es nicht albern,“ sagte er sich, „daß ich mich um diese Leute bemühe, die ihrerseits nur darauf denken, wie sie mich fern halten können? Diese kleine Französin ist recht niedlich – aber was weiter? Ich beschäftige mich mit ihren Kindereien, als wäre mein Herz dabei betheiligt. Unsinn! Darunter muß ein Strich gemacht werden. Ich gebe das Quartier auf und werfe das Bild in den Kamin – das ist das Gescheiteste, was ich thun kann.“

Er ging hinaus und erkundigte sich beim Stallknecht nach den Pferden. Sie hatten gefressen, und die Reise konnte fortgesetzt werden. Blanchard und Juliette spazierten in einiger Entfernung und fanden sich beim Wagen ein, als die Pferde aufgeschirrt waren. Der Kaufmann schien unsicher, ob Rose seine Drohung wegen des Kutschirens ernst gemeint habe, aber dieser benahm ihm bald jeden Zweifel.

„Es wird gut sein,“ sagte er, „wenn Sie sich zuerst aufsetzen und die Leine fassen. Ich werde dem Fräulein beim Einsteigen behülflich sein.“

Blanchard widersprach nicht weiter; er bat nur den Stallknecht, die Pferde so lange zu halten, bis Alles in Ordnung sei.

Rose verneigte sich galant. „Bitte, mein Fräulein!“ Er reichte ihr die Hand, und sie mußte sich nun wohl darauf stützen. Aber kaum stand sie im Wagen, so faßte sie ihren Vater um die Schultern, schwang sich mit einer raschen Bewegung über den vorderen Sitz und kam neben ihn zu sitzen. Arnold konnte nun allein hinten Platz nehmen. Er war einen Augenblick ganz verblüfft über diesen neuen und ganz unerwarteten Schachzug, und auch Blanchard schien davon überrascht, denn er machte die etwas unzufrieden klingende Bemerkung, daß man hier zu Zweien hinter der Bagage doch sehr unbequem sitzen werde. Aber das Mädchen, das jetzt ganz vergnügt umschaute, warf einige Gepäckstücke hinter sich in den Wagen und rief muthwillig:

„Steigen Sie ein, mein Herr, steigen Sie ein, sonst fahren wir ohne Sie ab.“

Arnold mußte wohl gehorchen.

Es sollte noch verdrießlicher für ihn kommen. Eben als die Pferde sich in Bewegung setzten, nahm Juliette ihrem Vater die Zügel aus der Hand und trieb sie mit denselben zu rascherer Gangart an.

„Theilen wir uns in das Amüsement,“ sagte sie dabei neckisch; „Du kannst von Zeit zu Zeit die Peitsche schwingen, Papa, wenn unsere Pferdchen das Laufen vergessen.“

„Aber so war's nicht gemeint, mein Fräulein,“ warf Rose ein. „Hätte ich ahnen können, daß Sie …“ Er stand hinter ihr auf und faßte nach der Leine.

„Bitte, bemühen Sie sich gar nicht!“ wies sie ihn ab, „es macht mir Spaß zu kutschiren.“

„Nicht doch, Kind!“ äußerte sich nun auch Herr Blanchard; „erlaube mir …“

Sie hielt ihn mit der vorgestreckten Schulter ab. „Ich erlaube durchaus nicht. Was sich für meinen Papa nicht schickt, da man’s von ihm als eine Pflicht fordert, ist mir wohlanständig, wenn ich mir ein Vergnügen daraus mache. Ich bilde mir ein, in einem eleganten englischen Gig zu sitzen und meinen Papa in’s Boulogner Wäldchen spazieren zu fahren. Ist das nicht hübsch? Du kennst doch die Einrichtung eines solchen Fuhrwerkes?“

Herr Blanchard gab ihr nicht die Veranlassung, dieselbe näher auseinanderzusetzen, aber Arnold wußte recht gut, worauf sie anspielte. Es gab da einen Rücksitz für den Bedienten, und er nahm ihn ein. Er hätte nur noch die Arme über der Brust kreuzen dürfen, so wäre der englische Groom fertig gewesen. O, seine kleine Todfeindin fühlte sich als Siegerin und wurde übermüthig in ihrer Laune. Er zündete eine Cigarre an und verpaffte die edle Gabe des guten Onkel Helmbach mit wahrhaft verschwenderischer Eile. „Mag es nun gehen, wie’s geht!“ dachte er. „Ich kümmere mich nicht weiter darum.“

Juliette war jetzt die Munterkeit selbst; sie lachte und scherzte mit ihrem Nachbar, commandirte die Peitsche in seiner Hand und trieb beim Kutschiren allerhand Possen, die bei so [227] gutmüthigen Thieren und auf der breiten ebenen Landstraße ganz ungefährlich waren. Hin und wieder fiel eine Aeußerung, die Arnold als eine neckische Herausforderung hätte auffassen können, in diesen Ton einzustimmen, und es schien sie dann zu ärgern, daß er nun beharrlich schwieg.

Nach einer Stunde aber wurde die Unterhaltung matter und matter. „Gieb mir die Leine,“ sagte Blanchard, „Deine Hände ermüden.“

Doch das ließ nun der Eigensinn noch nicht zu. „O, gar nicht,“ antwortete sie, aber keinesweges mit überzeugender Munterkeit, sondern schon recht abgespannt und wie geärgert.

„Wir sind gewiß nicht mehr weit von der Station.“

Das war, wie Arnold wußte, ein Irrthum. Aber er schwieg auch jetzt; er that so, als ob der Wagen hinten ganz leer sei. Wollte er Juliette an seine Gegenwart erinnern, so konnte er kein wirksameres Mittel wählen. Es dauerte denn auch nicht lange, so wandte sie sich halb zurück und sagte ohne den bisherigen spitzen Accent:

„Können Sie uns vielleicht Auskunft geben, mein Herr, ob es noch weit bis zur Station ist?“

„Eine ziemliche Strecke,“ antwortete er, ohne sich zu rühren.

„Der Weg ist entsetzlich langweilig,“ bemerkte sie zu Blanchard, der schläfrig nickte, und dann wieder so weit zurückgewendet, daß für Arnold das ganze Profil des zierlichen Gesichtchens bemerklich wurde: „Sind Sie denn auch sicher, mein Herr, daß wir den richtigen Weg einhalten?“

„Es ist derselbe, auf dem wir die Hinfahrt gemacht haben,“ antwortete der Gefragte in gezwungen gleichgültigem Ton. Das Profil war allerliebst.

Wieder eine Pause.

„Aber es dämmert schon.“

Es dämmerte wirklich schon recht merklich. Der Himmel war grau bezogen, und der röthliche Streifen ganz unten am Horizont zeigte an, daß die Sonne untergegangen sei. Nach einer halben Stunde etwa gelangte man an eine Brücke. Der gemauerte Bogen war von Freund oder Feind gesprengt und dann nothdürftig mit Steinen und Holz ausgebessert worden. Auch der Weg wurde hier sehr schlecht, da augenscheinlich quer durch die Chaussee breite und tiefe Gräben gezogen waren, die man dann nur in der Mitte ziemlich lose einschüttete, um einen dammartigen Uebergang zu gewinnen. Es war inzwischen so dunkel geworden, daß man auf weitere Entfernung nur mit einiger Mühe die Unebenheiten der Straße erkennen konnte.

„Vorsichtig, mein Fräulein, vorsichtig!“ rief Rose.

„Der Weg wird schwierig,“ bemerkte Herr Blanchard, ängstlich zur Seite über das tief in das lose Erdreich einsinkende und sich dann wieder rasch hebende Rad hinabsehend.

„Doch einmal eine kleine Abwechselung,“ entgegnete die junge Dame, die Pferde mit dem Zügel antreibend.

Das Rad ging über einen Stein weg und Herr Blanchard machte auf dem Sitze eine hüpfende Bewegung. „Sollten wir nicht doch lieber Herrn Rose bitten …“

„Warum denn? Ich lenke schon zur Seite.“

„Steigen Sie ab, mein Fräulein!“ bat Rose, „es geht so nicht weiter.“

„Wir sind gleich wieder auf festem Boden.“

In diesem Momente sank das Vorderrad neben ihr wie in ein tiefes Loch. Arnold stand auf und nahm Blanchard die Peitsche aus der Hand. „Sie werfen um, mein Fräulein,“ rief er.

Juliette lachte. „Sind Sie so furchtsam?“ Sie riß dabei am Zügel und suchte die Pferde zu einer scharfen Wendung zu vermögen. Das eine stand hoch, das andere tief; die herumschwankende Deichsel schlug das untere gegen den Kopf und zwang es zu einem scheuen Ausweichen.

Rose beugte sich schnell über und griff nach der Leine. „Geben Sie, mein Fräulein, geben Sie!“ sagte er hastig. Sie suchte sich ihm zu entziehen und lenkte dabei unwillkürlich noch mehr nach der gefahrvollen Seite. Nun glitt auch das Hinterrad die Böschung hinab; Herr Blanchard sprang mit einem raschen Satze hinaus. Dabei verlor der Wagen nun ganz das Gleichgewicht, kam in's Kippen und überschlug sich. Arnold hatte nur noch gerade Zeit, das Fräulein vom Strohsitze zurückzureißen und in eine weniger gefährliche Lage zu bringen. Was in den nächsten Secunden geschah, wußte er nicht.

Als er sich wieder aufraffte, fühlte er einen heftigen Schmerz am Kopfe wie von einem Schlage. Er sank mit den Füßen in eine schlammige Masse, aus der mehrere große Steine hervorragten. Der Wagen lag völlig umgekehrt im Graben nicht weit von ihm. Ein wenig oberhalb bemühte sich Blanchard, seine Tochter aufzurichten. „Hast Du Dich beschädigt, mein Engelskind?“ hörte er ihn wiederholt fragen. Juliette gab keine Antwort. Eine furchtbare Angst überkam ihn; er nahm alle seine Kraft zusammen, sich aufrecht zu stellen und die Böschung hinaufzuklettern.

„Wie geht's dem Fräulein?“ fragte er besorgt. „Mein Gott! Doch kein größeres Unglück?“

Seine Stimme brachte Juliette wieder ganz zu sich. „Ich glaube nicht,“ sagte sie matt; „nur der rechte Fuß scheint ein wenig verstaucht zu sein – ich fiel gerade unter den Wagen. Sind Sie verletzt? … Ich würde es sehr bedauern, wenn meine Ungeschicklichkeit –“

„Sprechen wir nicht davon!“ fiel Arnold ein, dem diese freundliche Zusprache das beste Wundpflaster war. „Die Hauptsache ist, daß wir uns möglichst bald in reisefähigen Stand setzen. Kommen Sie, Herr Blanchard! Helfen Sie mir den Wagen untersuchen und aufrichten!“

„Verlangen Sie nichts Unmögliches von nur!“ replicirte derselbe mit sehr dünner Stimme. „Mir zittert jedes Glied von dem Schrecke. Welche Gefahr –! Nicht für mich, mein Herr, das war das Wenigste; aber für meine einzige Tochter – Juliette hätte von dem schweren Wagen erdrückt werden können! O, wenn ihre Mutter wüßte …“

„Wir werden noch Zeit genug haben, alle möglichen Folgen dieses bösen Sturzes durchzusprechen,“ unterbrach der junge Mann. „Declamiren wir jetzt nicht, handeln wir! Schwerlich werden Sie die Nacht unter freiem Himmel zubringen wollen. Folgen Sie mir!“

Er stellte sich seitwärts gegen die Böschung und ließ sich mit dem losen Erdreiche in den schlammigen Graben hinabgleiten. Aber Blanchard rührte sich nicht. „Hierher, mein Kind, hierher!“ rief er ängstlich, „setze Dich auf diesen Stein! Dein Fuß ist verletzt … o, o, o! Schone ihn! So! Ich bleibe bei Dir – es ist ja meine Pflicht. Herr Rose wird die Güte haben, den Wagen wieder auf den Damm zu bringen. Nicht wahr, Herr Rose? In Deinem ganzen Leben nimmst Du nicht wieder eine Leine in die Hand. Nun – wie steht's, Herr Rose?“

Arnold, der nicht mehr auf Beistand rechnete, stand mit den Füßen bis über die Knöchel im Schlamme, strängte die Pferde ab und versuchte mit Aufbietung aller Kräfte, den Wagen aufzurichten. Kaum aber hatte er ihn ein wenig gehoben, so daß die Last auf die Räder zu drücken anfing, als ein Knistern und Krachen des Holzes ihn belehrte, daß eines derselben gebrochen sein müsse. Bald überzeugte er sich von der Richtigkeit dieser sehr unerfreulichen Wahrnehmung. „Das Hinterrad total zertrümmert!“ rief er hinauf. „Es ist nicht daran zu denken, den Wagen wieder fahrbar zu machen. Das Vernünftigste ist, wir lassen ihn liegen, wie er liegt.“

„Aber was soll aus uns werden?“ fragte der Kaufmann besorgt.

„Wir gehen zu Fuß, Papa,“ meinte Juliette. „Es ist mir nur leid um mein Gepäck, das da im Graben liegen bleiben muß.“

Herr Blanchard knurrte etwas von „ungewohnten Strapazen, weiter Entfernung, vorgerückten Jahren, zitternden Knieen,“ wagte aber keine laute Opposition zu erheben. „Ließe sich nur wenigstens meine kleine Handtasche auffinden,“ sprach das Mädchen, laut genug, um auch unten im Graben verstanden werden zu können. „Es ist darin das Album, in das alle meine Freundinnen sich eingeschrieben haben; es sollte mir bis an mein Lebensende ein theures Andenken sein.“ Sie stand auf, stützte sich mit der Hand auf den Stein und prüfte mit dem Fuße die Festigkeit des Gerölles. „Haben Sie da unten sicheren Grund?“ fragte sie zögernd, denn der Fuß schmerzte heftig; „ich möchte die Tasche suchen.“

„Bemühen Sie sich nicht, mein Fräulein!“ bat Rose, der wieder ganz Mildherzigkeit war; „es ist völlig genug, wenn ich mir die Stiefel voll Wasser schöpfe. Hier ist die kleine Tasche schon, leicht genug trotz aller der schweren Abschiedsseufzer in Versen und Prosa, mit denen das Album belastet ist. Geben Sie Acht! Ich werfe sie Ihnen zu.“

[228] „O, Dank, besten Dank! Wenn Sie nur noch das kleine Flacon finden könnten, das sich mir vom Bande losgerissen hat! Es ist ein Geschenk von der guten Tallandier, in einer theuren Lehrerin, und ich verliere es ungern. Ach! wenn ich mir nur nicht den Fuß verstaucht hätte …“

Rose versicherte, daß er’s schon gefunden und eingesteckt habe. „Nichts lassen wir zurück,“ fuhr er fort, „als den zerbrochenen Wagen und das Stroh darauf. Wir haben ja die beiden Pferde. Mit der Leine, die nicht mehr gebraucht wird, befestigen wir das Gepäck auf ihren Rücken. Wie viel Stücke hatten Sie mit?“

Juliette zählte und beschrieb. Blanchard fing sich nun doch an zu schämen, so unthätig dazusitzen; er ließ sich die halbe Böschung hinabgleiten, nahm von Arnold die Sachen in Empfang und reichte sie seiner Tochter hinauf. „Es fehlt nichts mehr,“ bestätigte dieselbe endlich, „aber an einer von den Kisten ist der Deckel eingedrückt, und der Handkoffer scheint sehr naß geworden zu sein. Wenn nur das hübsche blauseidene Kleid verschont geblieben ist, das Mama mir zum letzten Geburtstage geschenkt hat!“

Arnold trieb die Pferde den Damm hinauf; die Sachen wurden geschickt aufgepackt und befestigt. Er nahm die Zügel in die Hand und commandirte den Aufbruch. „Wir haben noch eine gute Stunde bis zum Wirthshause,“ sagte er, zu rascherem Ausschreiten aufmunternd, „und die Nacht überfällt uns.“

Juliette hatte sich auf ihres Vaters Arm gestützt und bemühte sich, mit dem Führer Schritt zu halten. Anfangs zog sie den verletzten Fuß nur ein wenig nach, bald aber hinkte sie bedenklich und ließ ihre Last den kleinen Mann, ihren Vater, so empfindlich fühlen, daß dieser stöhnend den Vorschlag machte, den Arm zu wechseln. „Ich brauche aber gerade auf dieser Seite eine Stütze,“ versicherte das Mädchen weinerlich, „weiter, weiter, Papa!“

Blanchard fügte sich seufzend; aber schon nach wenigen Minuten blieb er wieder stehen. „Es geht so nicht, Kind,“ versicherte er. „Beim besten Willen –! Ich nehme gewiß auf mich keine Rücksicht, aber mein eigener leidender Zustand …“

Arnold wurde aufmerksam. „Wollen Sie ausruhen?“ fragte er.

„O, es wird dann nur schlimmer,“ entgegnete die Französin. „Nein, nein! eilen wir, unter Dach zu kommen.“

„Ja, eilen – eilen!“ knurrte der Papa; „ich kann Dich doch unmöglich tragen, Kind. Wenn Sie vielleicht mit mir tauschen wollen, Herr Rose …? Ich könnte ja die Pferde führten, und Sie gestatten gütigst meiner Tochter –“

„Auf keinen Fall, Papa!“ warf Juliette ein. „Ich will lieber hier auf der Landstraße den Morgen erwarten, als Herrn Rose bemühen …“

„Aber das und ja Thorheiten,“ ließ sich Herr Blanchard in seinem Aerger etwas ungalant vernehmen. „In der Noth, Kind – und Herr Rose verdient wirklich nicht, so unfreundlich –“

Er unterbrach sich selbst, als fürchtete er, doch zu viel zu sagen. Arnold hatte auch genug gehört. „Ich darf Ihnen meinen Arm nicht anbieten, mein Fräulein,“ sagte er ziemlich kühl. „Aber wie wär's, wenn Sie sich entschließen könnten, eine unserer beiden Rosinanten zu besteigen? Unbequem freilich wird der Ritt sein, aber Sie schonen wenigstens den Fuß.“

Er wartete eine Antwort nicht ab, sondern räumte von dem einen Gaule das Gepäck fort, legte die wollenen Decken zusammen, die vorher auf den Strohbündeln gelegen hatten, und versuchte eine Art von Sattel herzustellen, der einigermaßen gegen den Druck des weit vorstehenden Rückgrates schützen konnte. Er hielt dann seine Hand hin, indem er sich bückte. „Benutzen Sie diesen lebendigen Steigbügel, mein Fräulein!“ bat er, „es wird Ihr Gewissen sicher nicht beschweren, einen Feind mit Füßen zu treten.“

Sie zögerte ein Weilchen und schaute wie nach einer anderen Hülfe um. Aber es gab sonst kein Mittel, auf das Pferd zu gelangen, da nicht einmal ein großer Stein in der Nähe war. „Ich bin gar nicht so boshaft,“ sagte sie dann, stützte sich auf seine Schulter und setzte die Fußspitze wirklich auf seine Hand. Mit einem raschen Schwunge saß sie quer auf dem Gaul und suchte sich's auf demselben möglichst bequem zu machen, ohne sogleich die Hand von Arnold's Schulter fortzuziehen. „Vortrefflich!“ rief sie, „ich danke Ihnen recht sehr für den klugen Einfall. Willst Du mir nun Deine Hand reichen, Papa? Ich werde mich allein auf dem losen Sattel nicht halten können.“ Herr Blanchard sprang zu und löste Rose ab. Der kleine Zug setzte sich wieder in Bewegung.

Eine halbe Stunde ging's rasch vorwärts. Dann fing Herr Blanchard wieder sehr verdächtig zu seufzen und zu stöhnen an. Der Braune, auf dem Juliette saß, hatte einen harten und stoßenden Schritt. Die Decken lagen nicht fest; der Fuß fand keine Stütze; so wurde der Ritt sehr ermüdend, und Herr Blanchard fühlte bald seine hochausgestreckte Hand noch mehr belastet, als vorhin seinen Arm.

„Möchtest Du nicht einmal in die Mähne fassen?“ fragte er verzweifelt. Es ist nur, daß ich ein wenig ausruhe.“

„Ich sitze wie auf einer Stange,“ entgegnete sie, „und kann nicht balanciren, wenn ich mich bücke. Lass' nur – das Sitzen wird mir so wenigstens erträglich.“

„Ja – aber ich halt's nicht länger aus,“ versicherte er, und ließ die Hand sinken. Arnold gab seinen Platz vor den Pferden auf und eilte zum Beistand herbei. Ohne weiter zu fragen, reichte er Blanchard den Zügel und faßte kräftig des Fräuleins Hand.

Sie widerstrebte jetzt nicht weiter, weder mit Worten, noch durch die That, sondern ließ geschehen, was sie in ihrer Lage nicht glaubte ändern zu können. Zwar bemühte sie sich anfangs, seine Hülfe nur so weit in Anspruch zu nehmen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren; bald aber gab sie auch diese Reserve auf und stützte sich bei jeder Hebung des Pferdes auf seinen Arm wie auf einen festen Stab. Die Kraft, die er ihrem Druck entgegensetzte, gab ihr ein angenehmes Gefühl der Sicherheit, und so fing sie denn auch wieder mit ihrem Vater ganz lustig zu plaudern an. Rose betheiligte sich nicht bei dem Gespräch; es war ihm eine ganz eigene Empfindung, die kleine warme Hand des reizenden Mädchens in der seinigen zu fühlen, das sich so viel ausgesuchte Mühe gab, ihm feindlich zu begegnen, und an das er sich doch mit immer festeren Banden gefesselt wußte.

Jetzt wurde bei einer Biegung des Weges in der Ferne ein Licht bemerkbar. „Da!“ rief Juliette. „Wir sind am Ziel.“

„Es ist das alleinstehende Haus an der Landstraße,“ bemerkte Rose, „in dem sich allerdings eine Wirthschaft befindet. Bis zum Städtchen ist’s von da noch eine Viertelstunde, und ich möchte des bequemeren Nachtquartiers wegen rathen –“

„Nein, nein!“ unterbrach das Mädchen eifrig, „wir kehren hier ein. Das bequemste Nachtquartier ist jedenfalls das nächste.“

Gleich darauf durchschnitt die Straße ein niedriges Gehölz. Schon nach wenigen Schritten tönte ihnen aus demselben ein barsches „Qui vive?“ entgegen. Blanchard blieb sogleich stehen und hielt die Pferde zurück. Vom Graben her tauchte eine Gestalt auf und näherte sich den Reisenden. Es war ein Mann in blauer Blouse; ein breitkrämpiger Filzhut deckte das Gesicht und ein Gewehr in seiner Hand weckte wenig Vertrauen. Eine zweite Gestalt folgte und stellte sich mitten auf den Weg nicht weit vor den Pferden.

„Was soll das?“ fragte Rose unwillig, „sind wir hier unter Räubern …“

Er fühlte einen schnellen Druck der kleinen Hand und begriff sogleich, daß er ihm Schweigen gebieten sollte. Blanchard gab mit etwas stotternder Stimme Auskunft über das Woher und Wohin, und Juliette vervollständigte mit größerer Geläufigkeit seine Angaben.

„Und der Herr da?“

„Unser Begleiter, lieber Freund.“

„Ein Prüssien –!“

„Allerdings, aber kein Soldat.“

„Sondern –?“

„Ein Krankenpfleger. Die Binde mit dem rothen Kreuz –“

„Kann jeder Spion anlegen.“

„Mein Herr –“ fiel Rose aufgebracht ein.

„Schweigt!“ rief der Blousenmann und ein sanfter Händedruck belehrte ihn, daß er gehorchen solle.

[245] „Ihr seid verdächtig!“ fuhr der Blousenmann fort, „da Ihr in solcher Gesellschaft reist. Ihr werdet mir bis zum Hause folgen und Euch dort bei unserm Hauptmanne legitimiren, wenn Ihr könnt. Diesem da hätte ich Lust, gleich hier eine Kugel vor den Kopf zu schießen – es sind wieder zwei von den Unseren eine Stunde von hier aufgeknüpft gefunden.“

„Ihr werdet nicht so ungalant gegen eine Dame sein, lieber Freund,“ wehrte Juliette ab. „Und übrigens – die Exceution kann Euch ja nicht entgehen, wenn Ihr sie verschiebt,“ setzte sie so kühl und gleichgültig hinzu, daß es Arnold durchfröstelte.

„Erschießt Ihr mich,“ rief er, die Achseln zuckend, „so könnten leicht vier von den Euren baumeln, und wer steht Euch gut dafür, daß Ihr nicht darunter seid?“

Der Blousenmann nahm heftig das Gewehr auf und schlug mit der Hand an den Kolben. „Ihr wollt’s nicht anders –!“

Blanchard faßte ihn beim Arm. „Vorsichtig, Freund!“ flüsterte er ihm zu. „Er ist kein Spion – ich stehe für ihn. Und das rothe Kreuz muß geschont werden, wenn man uns nicht als Barbaren verschreien soll – uns, die civilisirteste Nation.

Das leuchtete dem Blousenmanne ein. Er ließ das Gewehr sinken, und rief barsch: „Folgt mir! Der Hauptmann mag entscheiden. Oder vielmehr: geht voran! Ich will den Burschen vor meinem Gewehre haben.“

Herr Blanchard ergriff wieder die Zügel und setzte die müden Thiere in Bewegung. In der Nähe des Hauses brannte ein Feuer; darüber war ein großer Kessel aufgehängt. Im engen Kreise standen und lagerten bewaffnete Männer. Ein Posten schritt vor der Thür auf und ab. Arnold wußte nun, daß die Truppenkörper, die vor zwei Tagen noch die Straße besetzt hatten, zurückgezogen waren, und daß eine Bande Freischärler den Weg verlegt hatte, um Streifpatrouillen und Boten abzufangen. Weit entfernt, Blanchard und seine Tochter schützen zu können, war er nun selbst in nicht geringer Gefahr, die Freiheit, wenn nicht das Leben einzubüßen.

Sie wurden in die Wirthsstube geführt, wo am Tisch bei der Flasche einige Männer saßen, die von dem in der Blouse respectvoll angeredet wurden. Es begann ein Verhör, das bald eine freundlichere Wendung nahm, als einer der Officiere sich erinnerte, kurz vor dem Kriege mit Blanchard ein Geschäft gemacht zu haben. Juliette hatte sich’s bereits am Kamin bequem gemacht und ein Gespräch mit der Wirthin angeknüpft.

„Ich höre,“ sagte sie, „daß die Zimmer sämmtlich besetzt sind. Wer von den Herren ist so rücksichtsvoll, mir das seinige abzutreten? Ich bin sehr ermüdet von der Reise und kann unmöglich die Nacht hier am Kamine zubringen.“

Man verständigte sich untereinander und gab ihr die Versicherung, daß nach Kräften für ihre Bequemlichkeit gesorgt werden sollte. Arnold bemühte sich vergebens, einen Blick von ihr zu erhaschen; er schien für sie nicht weiter auf der Welt zu sein.

Er hatte ein sehr scharfes Verhör über allerhand militärische Verhältnisse zu bestehen, in die man ihn eingeweiht glaubte. Er gab närrische und knappe Antworten, ließ sich auch durch martialische Drohungen und gelegentliche Püffe nicht einschüchtern. Er wisse nichts, wiederholte er immer; wenn er aber etwas wüßte, so würde er gewiß auch guten Grund haben, es nicht zu verrathen, und so solle man ihn in Ruhe lassen.

Morgen werde er vielleicht willfähriger sein, hieß es nun; man mache mit so schweigsamen Prussiens kurzen Proceß. Er wurde einem Blousenmann übergeben und von diesem nach dem Stallgebäude hinter dem Hause geführt. Dort schloß man ihn in einen finsteren Raum ein, in dessen einer Ecke etwas Stroh lag. Er warf sich darauf und stützte den Kopf auf den Ellenbogen, über das Schicksal, das ihn morgen erwartete, nachdenkend.

Wenn man ihm durch eine Kugel den Garaus machen wollte – es wäre nicht der erste Fall gewesen, in dem man das rothe Kreuz nicht als Schutz gelten ließ. Die Franctireurs waren erbittert, weil sie von den Occupationstruppen als Räuber behandelt wurden, und übten Wiedervergeltung, wo sie die Macht hatten. Auf ein ordnungsmäßiges Verfahren war nicht zu rechnen; er wußte, daß er der Willkür fanatisirter Menschen preisgegeben war. Und in so schweres Ungemach hatte ihn nun doch nichts anderes, als das kleine Bild gebracht. Nicht einmal Dank erntete er für seine Großherzigkeit: Juliette behandelte ihn wie einen Lästigen, dem man sich hüten müsse Verbindlichkeiten zu schulden; sie haßte ihn in allen seinen Landsleuten. Oder hatte sich ihre Stimmung ein wenig zu seinen Gunsten geändert? Vermied sie nicht mehr so absichtlich, mit ihm zu sprechen? War der Ton ihrer Stimme milder und freundlicher, wenn sie ihm eine Antwort gab? Und daß sie ihm ihre Hand überließ – freilich, die Noth zwang sie dazu. Aber warum gab sie ihm zweimal ein Zeichen zu schweigen, wenn sie nicht einen gewissen Antheil an seinem Geschick nahm? Wenn sie ihn nur als Feind betrachtete, warum [246] suchte sie ihn zu hindern sich einer Gefahr auszusetzen? Diese Thatsachen erschienen ihm immer wichtiger, je öfter er sie sich wiederholte, und die Auslegung, die er ihnen gab, schmeichelte doch ein wenig seiner Eitelkeit.

Erst nach Stunden schlief er ein, aber beunruhigende Träume verfolgten ihn. Er träumte, daß er erschossen werden solle, und bereitete sich zum Tode vor. Wie seine Mutter sich über den Verlust ihres einzigen Sohnes grämen würde, trat ihm recht nahe vor die Seele, und er meinte, ihr gar nichts von dem kleinen Bilde schreiben zu dürfen, da sie’s ihm nimmer werde verzeihen können, einem solchen Phantom nachgegangen zu sein, Onkel Helmbach entlud eine Zahl Papierhüllen, die voll Cigarren steckten, in eine große Kiste und nickte jeder traurig nach. Dann war’s ihm, als ob er die Kugel an sein Herz schlagen fühlte – sie war mitten durch das kleine Bild in seiner Brusttasche gegangen. Er lag auf der Erde. Man öffnete seinen Rock über der Brust und fand das Bild. Juliette stand neben ihm und nahm es überrascht dem Manne in der blauen Blouse aus der Hand, dessen Gewehr noch rauchte. Ihre Augen standen plötzlich in Wasser, und sie bückte sich zu ihm herab und küßte ihn auf die Stirn. Er war aber gar nicht todt, wie er geglaubt hatte, sondern hob die Arme auf und umfaßte die holde Gestalt und …

Und da rasselte der Schlüssel im Schloß, und er erwachte. Die Wirthin stand vor ihm und sagte:

„Kommen Sie nur in die Wirthsstube! Die Herrschaften warten schon auf Sie beim Kaffee. Unsere braven Jungen sind vor einer Stunde abgezogen und haben Sie zurückgelassen. Ich durfte aber nicht sogleich öffnen, damit Sie nicht merkten, wohin sie sich gewendet hätten.“

„Und ich bin also frei?“ rief Rose überrascht, indem er sich die Augen rieb.

„Frei!“ bestätigte die Frau. „Danken Sie’s dem jungen Fräulein, das sehr eifrig für Sie gesprochen hat.“

„Juliette – ?“

„Ich weiß nicht, wie die junge Dame heißt, aber der Hauptmann hatte ordentlich Respect vor ihr, als sie ihm so dreist die Wahrheit sagte, daß es eine Schande sei, sich an einem Unschuldigen zu rächen und einen Wehrlosen wie einen Feind in Waffen zu behandeln. Ja, das sagte sie ihm.“

Ein ganz eigenes Gefühl von Wohlsein kam über sein junges Herz, das noch vor Kurzem so ängstlich bedrückt geschlagen hatte. Er war frei, und ihr dankte er seine Freiheit – ihr, das war die Hauptsache. Konnte er ihr gleichgültig sein, wenn sie so lebhaft für ihn Partei nahm? Unmöglich – sein frohgemuthes Herz antwortete: unmöglich! Er eilte an den Brunnen, wusch Gesicht und Hände mit dem kühlen Wasser und säuberte seine Kleidung von Stroh und Staub, wobei ihm die Wirthin behülflich war.

„Ich habe übrigens auch ein Wörtlein mitgeredet,“ sagte sie dabei. „Es sind schlimme Zeiten, und unser Haus ist ein Wirthshaus. Vorgestern hatten preußische Ulanen bei uns Quartier genommen, gestern unsere braven Freischärler; morgen – wer weiß? – überzieht uns wieder der Feind. Da gäb’s für uns einen hübschen Tanz, wenn es hieße, ein Preuße mit dem rothen Kreuz sei auf unserm Hof oder zehn Schritte davon erschossen. Kein Ziegel bliebe bei uns auf dem andern. Das hat der Hauptmann wohl einsehen müssen, und da er überdies dem jungen Fräulein einen Gefallen thun konnte … Sie verstehen wohl.“

Arnold, durch diese praktische Erörterung ein wenig herabgestimmt, drückte ihr ein Geldstück in die Hand und ging nach der Wirthsstube, wo seine Reisegenossen bereits gefrühstückt hatten. Es konnte also um den dritten Platz am Tisch diesmal keinen Kampf geben. Juliette stand am Fenster und schaute auf die Landstraße hinaus. Blanchard hatte eine Zeitung in der Hand, die wahrscheinlich von den Franctireurs zurückgelassen war, blickte oben über den Rand und grüßte ihn mit leichtem Kopfnicken. Er eilte auf das Mädchen zu, um seinem Dankgefühl Ausdruck zu geben, und bot ihm einen guten Morgen. Juliette wendete sich halb zurück, maß ihn mit einem kalten und stolzen Blick, verneigte sich sehr förmlich und inspicirte weiter die Landstraße, die ganz leer war. Arnold stand einen Moment ganz verblüfft; dann zog er sich langsam zurück. „So, so!“ sprach er halblaut vor sich hin, „ich soll nichts wissen; ich soll nichts merken, und vor Allem: ich soll mir nichts einbilden. Gut! wir sind also Feinde nach wie vor – ich will’s nicht vergessen.“

Er frühstückte ohne Appetit, so hungrig er auch war. Wenn sie dich erschossen hätten, dachte er, so wär’s aus gewesen mit allen diesen Faseleien des Herzens. Gleich darauf lachte er über sich selbst ganz laut und vernehmlich, so daß Blanchard von seiner Zeitung aufsah und selbst Juliette zu erschrecken schien – : so weit ist’s noch nicht mit uns und soweit kommt’s auch nicht.

Die Pferde wurden vorgeführt. Für die junge Dame war ein Sattel aufgetrieben, den ein Soldat zurückgelassen hatte. Er bot zwar einen ziemlich unsicheren Quersitz, war aber doch jedenfalls bequemer, als der knochige Rücken des Gauls, und hatte einen Steigbügel. Bis zur Eisenbahnstation hatte man nur noch einige Stunden.

Rose ging wieder vor den Pferden her; er vermied es, sich umzusehen, und sprach kein Wort, pfiff aber von Zeit zu Zeit ein lustiges Stückchen vor sich hin oder paffte eine Cigarre. Auch Juliette war schweigsam. Nach einer Weile äußerte sie den Wunsch, abzusteigen und der Abwechselung wegen eine Strecke zu Fuß zu gehen.

Du solltest einmal reiten, Papa,“ schlug sie vor, „Du siehst so ermüdet aus.“

Blanchard ließ sich nicht lange bitten.

„Gut, des Spaßes wegen,“ sagte er und stieg auf.

Juliette ging neben dem Pferde her, indem sie den Steigbügelriemen faßte und sich daran stützte. Arnold hatte den Zügel an den Reiter abgegeben und blieb mit dem anderen Pferde zurück. Er brauchte nun seinen Augen, die so gern auf der hübschen Gestalt ruhten, keinen Zwang anzuthun. Unter der Capote kräuselten sich so zierlich die Locken hervor – und die kleine Hand am Bügel – eine sehr kleine Hand!

Plötzlich wandte sie sich halb um und überraschte ihn in seinen zärtlichen Betrachtungen. „Sie sind ja heute ganz stumm,“ sagte sie mit spöttischem Tone. „Sie haben wohl die Nacht recht schlecht geschlafen?“

„Es ist nicht das,“ antwortete er so leichthin, als er’s über die Lippen bringen konnte. Das Herz schlug ihm heftig. Sie hatte sich also doch mit ihm beschäftigt, wie er mit ihr, und es schien ihr darum zu thun, ihn wieder freundlicher zu stimmen, nachdem sie ihn in der Wirthsstube so schnöde abgewiesen hatte.

Nach einigen weiteren Schritten ließ sie den Riemen los und blieb stehen, bis er vorüberkam. Dann ging sie neben ihm her, ein wenig hinkend, wie er erst jetzt bemerkte. „Wissen Sie,“ nahm sie das Gespräch wieder auf, „daß es Ihnen leicht hätte übel ergehen können?“

„So?“ fragte er. Es reizte ihn, sich von ihr selbst mittheilen zu lassen, was geschehen war. Kam es ihr darauf an, ihn zum Mitwisser zu machen? Und weshalb?

„Man hatte gute Lust, Sie zu erschießen,“ fuhr sie fort, „und Sie dürfen mir’s glauben, Ihr Leben hing an einem seidenen Faden. Sie lächeln. Es war aber eine sehr ernste Sache.“

„Und welchem glücklichen Zufall danke ich denn meine Rettung?“ fragte er weiter. Sein ganzes Gesicht lachte wirklich; es war ihm eine rechte Genugthuung, daß Juliette sich nun genöthigt sah, ihren Dank abzuholen, den sie vorhin so billig hätte in Empfang nehmen können.

„Keinem Zufall,“ entgegnete sie, den Blick senkend. „Ich habe Sie losgebeten.“

„Sie, mein Fräulein – ?“

„Ich!“

„Das ist Ihrer Feindschaft gewiß recht schwer geworden.“

„In der That: recht schwer.“

„Aber die Humanität – “

„O, nichts der Art, ich versichere Sie.“

„Eine Grille also – “

„Auch das nicht. Ich hatte meine guten Gründe. Und deshalb eben spreche ich davon. Hätte ich Ihnen etwas Liebes erweisen wollen, so würde mir das Bewußtsein einer guten That genügen, und hätte ich aus Laune gehandelt, so würde ich mich setzt wahrscheinlich meiner Voreiligkeit schämen, aber ich that mit sicherem Bedacht, was ich that, und es ist durchaus nothwendig,

[247] daß Sie’s wissen, wenn ich meinen ganz egoistischen Zweck erreichen soll.“

Arnold sah das Mädchen mit großen Augen an und schüttelte den Kopf. „Das verstehe ich nicht,“ sagte er und die Betonung der Worte ließ erkennen, daß er zugleich sagen wollte: ich will’s auch nicht verstehen.

Aber sie nahm nicht Rücksicht darauf. „Meine Eltern behaupten,“ fuhr sie fort, „daß sie Ihnen Dank schuldig seien, mein Herr, Ihnen – unserem Feinde, und ich fühle, daß auch ich Ihnen in gewissem Sinne verpflichtet bin, da Sie sich ja, ohne mich zu kennen und nur um meiner Mutter eine Gefälligkeit zu erweisen, zu dieser Reise entschlossen haben, und da ich ohne diesen Ihren Beistand wahrscheinlich von Denen, die ich liebe und die mich lieben, für lange Zeit weit getrennt worden wäre. Eine solche Verpflichtung fühlt sich aber wie eine Last jener anderen patriotischen Verpflichtung gegenüber, den Landesfeind zu hassen, jede Gemeinschaft mit ihm, wenn nicht aufzuheben, so doch zu beschränken und ihm so viel Schaden zuzufügen, wie irgend möglich. Da freute ich mich denn, ganz unerwartet eine Gelegenheit zu finden, unseren schuldigen Dank quitt zu machen, so gründlich quitt zu machen, daß auf unserer Seite vielleicht noch ein kleiner Ueberschuß von Wohlthat blieb, auf den wir uns berufen können, wenn Sie uns nöthigen, auch ferner Ihre mancherlei freundlichen Anerbietungen zu acceptiren. Ich rechne, daß Ihnen das Leben großen Werth hat, das Gegentheil wäre unnatürlich. Nun denn! gewissermaßen habe ich ein Recht zu sagen, daß es Ihnen von mir geschenkt sei. Ich erwarte dafür keinen Dank – nicht den mindesten, mein Herr, aber ich will, daß Sie wissen sollen, auf welche Weise wir Ihnen unseren Dank abtragen. Nochmals: wir sind quitt, und es hindert mich nun Nichts mehr, Sie mit aller Freiheit die Feindschaft empfinden zu lassen, die mir ein Herzensbedürfniß ist.“

Sie warf ihm einen triumphirenden Blick zu und schritt kräftiger aus. Arnold war betroffen von dieser Auslegung ihrer Handlungsweise. Alle seine kühnen und so schmeichelhaften Voraussetzungen brachen zusammen. Ihres Dankes wollte sie gegen ihn ledig sein – nichts weiter. Und das sagte sie ihm mit so raffinirter Aufrichtigkeit in’s Gesicht, so ohne Bewegung, als habe sie ein Exempel ausgerechnet und richtig befunden. Es war darin etwas, was ihn tief empörte; er hätte ihr zurufen mögen: ich will ein Geschenk nicht, das Du mir so verletzend bietest –! wenn es nicht lächerlich gewesen wäre, es jetzt auszuschlagen, wo es gar nicht mehr zurückgenommen werden konnte. Und gleich darauf mußte er wirklich lachen, über Juliette lachen, die so doctrinär, wie ein kleiner Professor, ihre menschlichen und patriotischen Pflichten abwog, mit Gründen experimentirte, über sein Leben verfügte und an ihren eigenen Heroismus ganz ernsthaft glaubte. Es kam ihm vor, als ob sie auf hohen Stelzen neben ihm herginge und versicherte: so groß bin ich, Du darfst aber nicht daran zweifeln, sonst bin ich sehr böse. Sie hatte sich mit ihren siebenzehn Jahren in der Pension eine Welt zurecht gemacht, so regelrecht französisch, daß sie ihre Position für ganz unangreifbar halten konnte, und nun kam das Leben und stellte eine Figur auf das Schachbrett, die dreist gegen die Königin selbst vorschritt und sich von ihren Trabanten durchaus nicht aus dem Felde schlagen lassen wollte. Es war wirklich spaßhaft, wie sie sich abmühte, den Eindringling zu ignoriren, während sie doch schon mit allen ihren Gedanken an ihm hing. „Mit allen ihren Gedanken,“ versicherte Arnold sich selbst, „wie sie sich auch dagegen wehren mag.“

„Sie antworten mir gar nicht?“ fragte Juliette nach einer Weile, ein wenig gereizt.

„Welche Antwort befehlen Sie, Herrin?“ fragte er zurück, nicht ganz ernst, aber auch nur mit halbem Scherze.

Sie stutzte. „Befehlen?“

„Nun – Sie haben sich ja wohl eine Rolle ausgearbeitet und brauchen doch jedenfalls dazu ein Stichwort.“

„Spiele ich mit Ihnen Komödie, mein Herr?“

„Ich denke, ein wenig – und wenn nicht mit mir, so mit sich selbst.“

„Das ist eine starke Behauptung. Sie glauben nicht, daß ich genau meiner Ueberzeugung gemäß handele?“

„Aber nicht Ihrer Empfindung gemäß. Ihr warmes Herz und Ihr freundlicher Sinn wissen nichts von der Todfeindschaft, die Ihr oppositioneller Kopf sich ausklügelt.“

„Sie irren, mein Herr, Sie irren,“ rief sie eifrig. „Eine gute Patriotin –“

„Ah!“ unterbrach er mit einer abweisenden Handbewegung. „Man muß allemal über dem Patrioten nicht den Menschen vergessen, und eine Frau besonders …“

„Was wollen Sie sagen?“

„Wir werden uns darüber nicht vereinigen können.“

Juliette bedachte sich einen Augenblick. „Aber wir können doch darüber disputiren,“ sagte sie dann schnell. „Oder wollen Sie nicht?“ Ein Blick begleitete diese Frage, der wie ein Zündfunke einschlug. Sie wartete die Antwort nicht ab, sondern fuhr fort. „Mein Fuß ist noch recht schmerzhaft – sehen Sie nur, wie ich ihn mühsam nachschleppen muß. Wenn Sie ein Franzose wären und ich ein deutsches Mädchen – Sie hätten mir längst artig Ihren Arm angeboten.“

Arnold durchzuckte es freudig. „Auch der Deutsche ist gern so galant,“ erwiderte er, „wenn er nicht fürchten darf, einen Korb zu erhalten.“ Er reichte ihr den Arm.

„Was thut man nicht in der Noth!“ sagte sie lachend, indem sie sich darauf stützte, „und wir sind ja quitt.“

So gingen sie nun wie gute Freunde neben einander her, er mit großen, festen Schritten, sie trotz ihres kranken Fußes leicht tänzelnd, jedem Steine und jeder Wasserfurche auf der Landstraße peinlich ausweichend. Juliette meinte es ganz ernst mit dem Disputiren und hatte es bei seiner Zerstreutheit nicht schwer, immer das letzte Wort, und damit, wie sie behauptete, Recht zu behalten. Es kam ihm auch so wenig darauf an, ihrem Eigensinne irgend ein Geständniß abzustreiten; daß sie nun so freundlich und gesprächig war, und ihre Schulter an die seine lehnte und ihn mit ihren blitzenden Augen ansah und mit dem warmen Hauche ihres Mundes berührte, wenn sie lebhaft sprach – das entzückte ihn, das bedeutete ihm einen Sieg, auf den er nicht mehr gehofft hatte. Sie schien alle ihre Trümpfe gegen ihn ausgespielt zu haben und nun ganz beruhigt zu sein. „Wir sind ja quitt – “ das hatte ihr offenbar den Sinn: ich habe nicht mehr nöthig, meine Feindseligkeit zur Schau zu stellen. Und er verstand sie nun auch so und hütete sich, sie wieder auf andere Gedanken zu bringen: er sagte das Wenigste von Dem, was er hätte sagen können.

Es hatte doch seine Gefahr für eine junge Dame, einem Feinde das Leben zu retten. Dieses Leben, noch kurz vorher so gleichgültig, wird plötzlich interessant; es fordert Theilnahme, behauptet einen Werth, stellt sich unabweislich in die eigene Lebensrechnung als eine Zahl ein, die sich immer vergrößert und ohne Einbuße nicht mehr streichen läßt. Juliette begriff diese Gefahr noch nicht; aber wenn sie sie begreifen wird, ist es vielleicht schon zu spät, sich ihr zu entziehen. –

Die Eisenbahnstation wurde ohne Hinderniß erreicht. Dort gab es freilich langen Aufenthalt; gegen Abend aber gelang es Rose doch, mit Hülfe eines hohen Officiers für seine müden Reisegefährten Plätze zu erlangen, und nach einem kurzen Nachtmarsche konnten sie dann die Glocke an der Thür der Villa ziehen. Madame Blanchard eilte die Treppe hinab ihrer Tochter entgegen und erstickte sie fast mit Küssen. Kruttke, mit einem Lichte in der Hand, stand in einer Ecke der Flur und beobachtete still. Sein ganzes Gesicht lachte, und eine Thräne der Rührung, die ihm über die rothe Backe floß, wischte er mit dem Rockärmel fort. „Ich muß immer an meine alte Mutter denken, wenn ich so was sehe,“ sagte er heimlich zu Rose; „wie die sich aber freuen wird, wenn ich einmal … na! wie Gott will!“ Blanchard stellte allerhand gewagte Vermuthungen über den baldigen Entsatz von Paris auf, worauf seine Frau kaum achtete. Dann zogen sie sich in ihre Gemächer zurück, ohne dem deutschen Freunde auch nur eine gute Nacht zu bieten. Nur Juliette wandte noch einmal auf halber Treppenhöhe das Köpfchen zurück und nickte flüchtig. Das that ihm sehr wohl. – –

Als er sich am anderen Tage zur bestimmten Zeit oben beim Mittagstische einfand, empfing ihn nur Madame Blanchard. Sie dankte ihm nun in überschwenglicher Weise für seine Mühewaltung und bedauerte, daß er einer nicht geringen Gefahr ausgesetzt gewesen; sie bat ihn aber zugleich, etwas verlegen, mit ihrer Gesellschaft vorlieb zu nehmen; ihr Mann fühle sich sehr unwohl und Juliette … sie wollte lange mit der Sprache nicht recht heraus: Juliette könne sich noch nicht so schnell an den Gedanken [248] gewöhnen, mit dem Feinde in ihrem Vaterhause den Tisch zu theilen. Das ferne Dröhnen der Kanonen, an das sie selbst sich längst gewöhnt hätte, habe das arme Mädchen ganz nervös aufgeregt; ein ruhiges Wort lasse sich jetzt gar nicht sprechen.

Arnold war verstimmt: also ein Rückfall, und anscheinend kein leichter. Er überlegte, was weiter zu thun sei, und überließ seiner Wirthin das Wort fast allein. Als er schon aufstehen wollte und eben eine Entschuldigung einleitete, daß er wahrscheinlich morgen verhindert sein werde, mit ihr zu tafeln – er meinte einen Druck üben zu müssen – trat Juliette vom Cabinete her in das Zimmer ihrer Mutter und setzte sich an deren Schreibtisch auf denselben Lehnstuhl, auf dem Arnold gesessen hatte, als er zuerst ihre bildliche Bekanntschaft machte. Es schien ihr ganz entfallen zu sein, daß sich im Salon ein Gast befand, oder es war ihre Absicht, ihn ganz unbeachtet zu lassen, jedenfalls beschäftigte sie sich, als ob sie allein wäre, mit den Nippessächelchen, öffnete die Schreibmappe, tauchte eine Feder ein und legte sie wieder fort. Madame Blanchard hüstelte wiederholt verlegen in ihr Tuch, um ihr ein Zeichen zu geben, aber sie achtete nicht darauf. Endlich nahm sie das Gestell auf, das ihr Bild eingefaßt hatte, hielt den leeren Rahmen vor sich hin und guckte schelmisch hindurch nach dem Salon hin gerade auf den Platz, den Arnold einnahm. Nun mußte er lachen, denn er dachte an das Bild in seiner Tasche. Juliette bemerkte es und rief hinein:

„Sind diese Prussiens nicht ganz abscheuliche Bösewichter? Mich fortzustehlen – mich! Wenn sie uns eine Festung mehr genommen hätten, es wäre mir nicht so ärgerlich gewesen. Und nun bestreiten Sie noch, mein Herr, daß Ihre Landsleute barbarisch Krieg führen – bestreiten Sie es, wenn Sie es angesichts dieses ausgeraubten Rahmens können!“

Arnold war aufgestanden und unter die Portière getreten. „Ich denke, der größte Barbar kann’s gerade nicht gewesen sein,“ sagte er, über und über roth im Gesicht, „der sein Auge auf diesen Schatz geworfen hat. Das kleine Bild muß ihm sehr gefallen haben, und ich kann das jetzt ganz gut begreifen, nachdem ich das Original –“

„O, keine Schmeichelei!“ unterbrach sie. „Man will nicht Jedem gefallen, und es giebt Auszeichnungen, die einer Beleidigung täuschend ähnlich sehen.“

Der junge Mann sah zur Erde. „Wie können Sie die Sache so ernst nehmen?“ fragte er etwas befangen.

„Wie, mein Herr,“ rief sie, „fühlen Sie nicht, daß ich das beste Recht dazu habe? Kann es mir gleichgültig sein, wer mein Bild mit sich herumträgt? Einer unserer Feinde ist’s. Und welche Absicht konnte diesen Langfinger geleitet haben, als er es nahm? Recht empfindlich verletzen wollte er die junge Dame, die es doch einmal vermissen mußte –“

„O, wie können Sie denken, mein Fräulein –“

„Renommiren wollte er mit dem Bilde bei seinen rohen Cameraden und später in der Heimath: das sei ein Geschenk von dem leichtsinnigen Dinge da, das so lustig lache, während ganz Frankreich weine. Welche Lüge darf er sich nicht erlauben? Wer stiehlt eine Photographie, keinen halben Franken werth – die Photographie eines Menschen, der ihm ganz fremd, ganz gleichgültig ist? Nein, nein, er kann mich ungestraft verleumden. Und wer weiß, wie der Zufall spielt, wer das Bild bei ihm sieht? welchen Mißbrauch er mit dem Namen, den er ist unten an der Hausthür lesen konnte –“

Arnold schüttelte sehr energisch und unwillig den Kopf. „Sie kennen uns Deutsche nicht,“ rief er in ihre erregten Fragen hinein. „Ich weiß nicht, ob ein deutsches Mädchen, dem etwas der Art begegnet wäre, von einem Ihrer Landsleute zu befürchten hätte, was Sie befürchten; aber ich glaube mein Wort verpfänden zu können, daß Sie ganz ruhig sein dürfen. Denken Sie sich doch nur in die Situation hinein! Während Ihre Keller ausgeräumt werden und eine lustige Gesellschaft sich den Rothwein Ihres Herrn Papa gutschmecken läßt, durchwandelt ein stiller Mensch diese verlassenen Räume, stellt allerhand philosophische Betrachtungen an über die Wandelbarkeit menschlicher Geschicke und über die Vergänglichkeit irdischen Glanzes, sieht auf dem Schreibtische das Bild eines schönen jungen Mädchens –“

„O, mein Herr –“

„Gut! Das Bild eines jungen Mädchens, das ahnungslos heiter in die Welt hinausgeschaut – Sie sagen selbst, das Bild habe gelacht – der Gegensatz zieht ihn an, bestärkt ihn in seinen melancholischen Betrachtungen; es entsteht in seinem Leben das, was man einen Moment nennt, und – er nimmt ein Andenken an diese Stunde. Erklärt sich’s so nicht ganz ungezwungen?“

Juliette hatte den Kopf gesenkt und die Augenbrauen finster zusammengezogen. „Sie legen’s eben in Ihrer Weise aus,“ sagte sie, „aber nicht viel tröstlicher für mich. Es ist sehr peinlich, sich in solchen mystischen Beziehungen zu einem Unbekannten zu wissen. Wenn er wenigstens noch sein Bild dafür zurückgelassen hätte! Unverschämt wär’s gewesen, aber man könnte seinen Haß doch gegen eine vorstellbare Person richten.“

„Sie hassen ihn?“

„Aus tiefster Seele!“

„Und wenn er nun mit ganz anderen Empfindungen an Sie denken sollte? Wenn dieses kleine Bild in seinem Gemüthe die größte Unruhe und Sehnsucht … Es soll doch schon vorgekommen sein, daß ein Bild so wunderbare Wirkungen äußerte.“

Sie sah überrascht zu ihm auf, und dann leuchteten ihre Augen plötzlich von jenem blitzartigen Feuer, das er auch sonst schon bei leidenschaftlicher Betheiligung daraus hatte sprühen gesehen. „Das wollte ich wünschen,“ sagte sie, nur die Lippen, nicht die weißen Zahnreihen öffnend. „Es wäre eine gerechte Strafe. Ja, wenn ich zaubern könnte – so wollte ich’s ihm anzaubern, daß er sich sehnte, wie nach einer Märchenfee, die er im Traum gesehen, und nicht Ruhe fände, bis er das Bild zu Asche verbrannt und sie in alle vier Winde gestreut hätte. Wie schade, daß ich keine Hexe bin!“

„Wenn Du wüßtest, wie zauberkräftig Du bist!“ dachte Arnold bei sich und ein halb verlegenes, halb wehmüthiges Lächeln spielte um seinen Mund. Hätte er beichten wollen – nun wär’s ihm unmöglich geworden. Noch war er ihr zu wenig, das mußte er fühlen; verrieth er jetzt sein Geheimniß, so wandte sie ihm den Rücken und er sah sie nie wieder. Er mußte schweigen und ihren Zorn verrauchen lassen. Warum hatte er auch nicht das Bild in den Kamin geworfen!

Er brach das Gespräch ab und leitete es auf eine Frage, die ihn jetzt sehr nahe anging. „Es war kein Unwohlsein,“ sagte er, „was Sie hinderte, an unserm Mahl Theil zu nehmen. Leugnen Sie’s nicht! Sie wollten mir zu verstehen geben, daß sich Ihnen ein unlieber Tischgenosse sei …“

„Mein Herr –“

„Ich rechte darüber mit Ihnen nicht. Aber wissen muß ich, ob es Ihre Absicht ist, auch ferner auszubleiben.“

„Und wenn …?“

„Ich würde es dann für meine Pflicht halten, die Wohnung Ihrer Eltern nicht mehr zu betreten.“

Juliette war auf eine solche Erörterung nicht vorbereitet. Sie biß die Lippe und ließ einen Blick in den Salon schweifen, in dem sie ihre Mutter anwesend wußte. Madame Blanchard hatte sich bei der Conversation gar nicht betheiligt, aber daß ihr kein Wort davon entgehen werde, konnte ihre Tochter sich sagen.

„Ist das Ihr Ernst?“ fragte sie nach einer Weile.

„Mein ernsthaftester Ernst,“ antwortete er schnell und mit so festem Ton, daß sie nicht daran zweifeln durfte.

Sie besann sich wieder. Ein sehr lebhaftes Mienenspiel verrieth ihm ungefähr ihre mit einander streitenden Empfindungen. Dann flog wieder das schalkhafte Lächeln über ihr reizendes Gesichtchen, das mit allen ihren Unarten aussöhnen konnte, und es klang ihm wie Musik, als sie, aufstehend und sich halb zum Fenster wendend, schmollend sagte:

„Kommen Sie nur wieder! Es war nicht so böse gemeint. Ich werde mich in’s Unvermeidliche schicken.“

Er wollte ihre Hand fassen und seinen Dank bestätigen, aber Juliette schlüpfte fort, ohne noch einmal umzuschauen, und schloß die Thür das Cabinets hinter sich. „Der Eigensinn ist doch gebrochen,“ beruhigte Arnold sich, küßte Madame Blanchard die Hand, indem er dabei an ihre Tochter dachte, und klopfte unten vergnügt seinem Kruttke auf die Schulter, der mit richtigem Instinct auf diese Liebkosung mit einem ebenso vergnügten: „Na – dann ist’s schon gut“ antwortete.

[261] Vierundzwanzig Stunden später konnte Rose seinen Wirthen eine sehr erfreuliche Nachricht bringen. Der Lieutenant Victor Blanchard war glücklich ermittelt worden. Er befand sich unter den gefangenen Officieren in Arnold’s Vaterstadt und hatte seine Wunde bereits geheilt. Madame Blanchard vergoß reichliche Freudenthränen; ihr Mann fühlte sich nicht weniger erleichtert, unterließ aber nicht zu bemerken: es sei also doch richtig mit der Verwundung, und es müsse eine schwere Verwundung gewesen sein, da man ihn habe gefangen nehmen können, wogegen denn Niemand ein Bedenken auszusprechen wagte, am wenigsten Arnold. Gleich nach Tisch beschäftigte sich die ganze Familie eifrigst mit Briefschreiben; aber auch Arnold schrieb an seine Mutter und an Onkel Helmbach, empfahl ihnen den jungen Officier und fügte den Wunsch hinzu, daß ihm seine eigenen Zimmer eingerichtet und zur Disposition gestellt werden möchten; was man Victor Blanchard thue, das thue man ihm selbst.

Nicht weit über eine Woche war seitdem vergangen, als die Feldpost Briefe brachte, die mit nicht geringer Spannung erbrochen wurden. Onkel Helmbach schrieb, daß man sich des lieben Gefangenen sofort bemächtigt und ihn, dem Wunsche Arnold’s entsprechend, in dessen Zimmer einquartiert habe. Man sei allseitig bemüht, ihm das Leben möglichst angenehm zu machen. Er, Onkel Helmbach, hätte ihn am liebsten bei sich selbst aufgenommen, da Clärchen doch die einzige in der Familie sei, die Französisch sprechen könne; aber Clärchens wegen sei das doch wieder nicht angegangen, weil ja keine Frau im Hause sei und man sich vor dem Gerede der Leute in Acht nehmen müsse. Man habe nun aber verabredet, daß er mit seiner Tochter bei der Commerzienräthin für gewöhnlich speisen wolle, damit doch der arme Mensch sich in seiner Muttersprache unterhalten könne. Gleich am ersten Tage habe sich’s freilich herausgestellt, daß Herr Victor Blanchard eifrig darauf aus gewesen sei, Deutsch zu lernen; er habe ein kleines Wörterbuch bei sich gehabt und könne sich mit Hülfe desselben schon ziemlich gut verständlich machen. Seine Cigarren seien ihm sämmtlich zu schwer, aber er habe schon für die feinsten Papiros gesorgt. Man freue sich, der Familie Blanchard, von der er so viel Gutes berichte, eine Gefälligkeit erweisen zu können. Das bestätigte denn auch seine Mutter und trug ihm auf, der Madame Blanchard einen Gruß zu bestellen und ihr zu sagen, daß ihr Sohn auf sie den günstigsten Eindruck gemacht habe.

Victor selbst beruhigte seine Eltern wegen seiner Wunde, die in einem deutschen Lazareth unter der sorgsamsten Pflege eines tüchtigen Arztes sehr glücklich geheilt sei, versicherte, daß man die Gefangenen sehr rücksichtsvoll behandelt und ausreichend unterstützt habe, schilderte seine Ueberraschung, sofort nach Empfang der Briefe, die ihm endlich über seine Angehörigen Gewißheit gaben, von einem sehr liebenswürdigen alten Herrn und einer sehr schönen jungen Dame in einer Equipage aus der Caserne abgeholt und nach einem luxuriös ausgestatteten Privatquartier gebracht zu sein, ertheilte der Commerzienräthin alles Lob als einer sehr aufmerksamen Wirthin und ließ Arnold Rose für die warmen Empfehlungen danken, die ihm eine so freundliche Aufnahme verschafft hätten. Es folgten dann politische Betrachtungen sehr ernster Art, zu denen Herr Blanchard den Kopf schüttelte, und zuletzt Herzensergüsse, die ihm sympathischer waren. „Alles, was wir in unserer Lage thun können,“ schrieb Victor, „ist, daß wir uns auf die Revanche vorbereiten, die wir über kurz oder lang zu nehmen haben, daß wir von unserem Unglück und von unseren Feinden lernen, und daß wir Frankreich, welche Regierung es sich auch geben mag, unser ganzes Herz bewahren. Wir müssen, wir werden siegen. Ich erlerne die deutsche Sprache und hoffe davon einmal Nutzen zu ziehen, wenn ich mit unserer siegreichen Armee diesen Boden betrete.“

„Bravo, bravo!“ rief Blanchard und las diese Stelle laut vor. „Er verliert den Muth nicht; er weiß, was die Ehre Frankreichs fordert. Vielleicht schneller, als er denkt … noch steht Paris, noch steht es.“

Arnold achtete die Gefühle des Patrioten und widersprach nicht. Er merkte bald, daß sich die Stimmung gegen ihn allseitig besserte. An die Stelle der höflichen Rücksichtnahme trat ein freundschaftliches Entgegenkommen. Victor schrieb wieder und wieder, mit immer wärmeren Ausdrücken die trefflichen Menschen lobend, die darin wetteiferten, ihm seine Gefangenschaft in Vergessenheit zu bringen, und die Familie Blanchard bemühte sich dann sichtlich, sich ein gleiches Lob aus dem Munde ihres Gefangenen – sie ahnten freilich nicht, wie sehr er’s war, – zu verdienen.

„Die Feindschaft der Nationen,“ schrieb Victor, offenbar unter dem Einflusse seiner deutschen Umgebung, „darf die Gefühle von Hochachtung und Verehrung nicht ausschließen, die der Mensch dem Menschen schuldet. Die Individuen haben das natürliche Recht, individuell zu empfinden und ihr Verhältniß zu einander nach anderen als politischen Grundsätzen zu regeln. Freilich entscheidet zuletzt patriotische und gesellschaftliche Pflicht [262] über unser äußeres Verhalten den Freunden gegenüber, die unsere politischen Feinde sind, weiter aber darf unsere Abhängigkeit von solchen Rücksichten nicht gehen, wenn wir uns noch als freie Menschen fühlen und bethätigen wollen.“

Juliette wiegte nachdenklich den Kopf. „Ihre Cousine muß ein sehr hübsches und liebenswürdiges Mädchen sein,“ sagte sie.

„Weshalb?“

„Es fiel mir nur so ein.“

„Wenn es nach meiner Mutter ginge, so würde sie meine Frau.“

Juliette richtete sich wie erschreckt auf. „Ihre Frau?“

Er lachte. „Wenn es nach meiner Mutter ginge –!“

„Und Sie?“ Sie begleitete diese kurze und schnell hingeworfene Frage mit einem Blicke, der bestimmt schien, ihn durch und durch zu sehen.

„O, ich …“ antwortete er und zuckte die Achseln.

„Nun – nun – ? Beichten Sie nur!“

„Ein Mädchen, das mich liebte, hätte von dieser Seite nichts zu fürchten.“

„Das ist eine gewundene Erklärung,“ meinte sie. „Ein Mädchen, das Sie nicht liebt, hat natürlich ebenso wenig zu fürchten. Ich wollte wissen, wie weit Sie selbst betheiligt sind … ohne jedes weitere Interesse, als das aus einer gewissen freundschaftlichen Theilnahme für einen Mann hervorgeht, der sich’s nun einmal in den Kopf gesetzt zu haben scheint, uns vergessen zu machen, daß er unser Feind ist. Mein Bruder hat nicht ganz Unrecht: man verletzt nicht eine allgemeine Pflicht, wenn man zu Gunsten Einzelner sie auf das nothwendigste Maß einschränkt.“

„Ich gehe viel weiter,“ entgegnete er lebhaft, „und behaupte, eine solche allgemeine Pflicht der Abneigung und Feindseligkeit lasse sich nur unter der stillschweigenden Bedingung rechtfertigen, daß jede Ausnahme zu Gunsten des rein menschlichen Gefühls gestattet sei. Ich gestehe ein solches nothwendigstes Maß, wie Sie’s nennen, gar nicht zu, sondern stelle die Freiheit, sich als Mensch dem Menschen gegenüber zu fühlen, obenan; ich betrachte die nationale Feindschaft als ein Unglück, nicht als eine sittliche Pflicht – auch selbst im Kriege – und folge, wo mein Herz mitspricht, keinem Machtgebote, als dem der Liebe.“

Juliette hatte mit gesenkten Augen zugehört; jetzt bewegten sich mit raschem Zucken die langen Wimpern ein wenig auf und ab. Es war da ein Wort gefallen, das einen so eigenen Klang hatte, gar nicht wie andere Worte. Sie hätte ihm sagen können, daß sie gar keine Antwort auf ihre Frage erhalten habe, aber es mußte ihr nun wohl gefährlich erscheinen, weiter in ihn zu dringen, und noch gefährlicher, ihm auf dem Seitenwege zu folgen, den er eingeschlagen; sie schwieg und benutzte die erste beste Gelegenheit, sich zurückzuziehen.

Aber man fand sich doch immer wieder. Eines Tages trat Juliette mit dem Wunsche hervor, auch Deutsch zu lernen, wie ihr Bruder. „Ich denke mir,“ sagte sie, „Victor wird für seine Sprachstudien aus dem anscheinend sehr regen Verkehr mit Ihrer Cousine den größten Vortheil ziehen; warum soll ich mir den Umgang des Cousins in unserem Hause nicht in gleicher Weise nutzbar machen? Ich habe immer gefühlt, daß man Ihrer schönen Literatur nicht gerecht werden kann, wenn man sie nur aus französischen Uebersetzungen kennt. Sie haben ja viel überflüssige Zeit: wollen Sie mir Stunden geben?“

Er erklärte sich natürlich in den wärmsten Ausdrücken dazu bereit, verschwieg aber nicht, daß die Sprache sehr schwer sei.

„O!“ rief sie, „Sie müssen’s nur nicht damit anfangen, wie ein Pedant. Ich mag nicht aus dem Buch Vocabeln lernen und decliniren und conjugiren; Sie müssen mir’s beibringen, wie einem Kinde, das den Unterricht gar nicht merkt. Wenn ich mich langweile, ist’s bald aus mit meinen guten Vorsätzen. Versuchen Sie’s einmal, wie weit Sie’s mit mir bringen, und fangen wir gleich an!“ Sie setzte sich ihm gegenüber an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand, so daß sich die Locken zwischen den Fingern hindurchringelten. „Nun –? Was heißt in Ihrer Sprache: ‚fangen wir gleich an‘?“

Seine Lehrmethode gewann immer mehr ihre Zufriedenheit. Aus der Stunde wurden oft genug Stunden. Und nach einiger Zeit durfte man sich auch nicht mehr mit dem Sprechen begnügen; es war nöthig, die gelernten Worte und Sätze zu schreiben. Arnold mußte also um den Tisch herumrücken und sich an ihre Seite setzen, und ihr, wenn sie die wunderlichsten Buchstaben zusammengestellt hatte, die Feder abnehmen und Verbesserungen eintragen, oder am liebsten, da sie doch wie ein Kind lernen wollte, die reizende kleine Hand führen. Oft kamen sie auch in Streit, wenn er ihr ein Wort vorsprach, das ihre Zunge durchaus nicht bewältigen konnte, er nun immer noch zu meistern hatte und sie behauptete, ganz richtig nachzusprechen, wie er vorspreche.

„Ach, Sie sind doch ein Pedant,“ rief sie dann ärgerlich, „ich hätte mich gar nicht mit Ihnen einlassen sollen.“

Madame Blanchard aber, die, gewöhnlich mit einer Näharbeit am Fenster saß, mahnte freundlich: „Sei hübsch artig, Juliette! Du machst es Herrn Rose schwer genug.“ Das wollte er natürlich nie gelten lassen, und wenn er dann seine Schülerin recht aus dem Grunde lobte, durfte er stets auf einen dankbaren Blick oder auf einen flüchtigen Händedruck rechnen. – –

Die Einschließung von Paris dauerte so lange, daß man sich an den Gedanken gewöhnte, so noch unbestimmte Zeit fortleben zu können. Die beiden jungen Leute wenigstens schienen gar nicht ungeduldig auf eine Entscheidung zu warten, und auch Herr Blanchard hatte sich so weit beruhigt, daß nur noch ganz ungewöhnliche Nachrichten ihn in Aufregung versetzten und zu lebhafteren Auseinandersetzungen über die politische Lage stachelten. Er hatte sogar in einer guten Stunde schon zugegeben, daß der Krieg von Frankreich hervorgerufen sei und daß es verständiger gewesen wäre, den Preußen ihr Sadowa zu gönnen. Nun aber kam endlich doch der Tag, an dem Paris fiel, und wie mit einem Gewitter schlug plötzlich die Stimmung wieder um.

„Dem Hunger ist Paris erlegen,“ rief er wüthend, „dem Hunger! Nicht mit Waffengewalt ist es genommen. O, es ist eine Schmach, so zu siegen.“ Er ballte die Fäuste, und große Thränen stürzten über sein hageres Gesicht. Arnold, der ihn zu besänftigen versuchte, wurde mit beleidigenden Worten zurückgewiesen. „Frohlocken Sie nicht zu früh, mein Herr!“ donnerte er ihn an; „dieser Sieg wird Ihr Verderben sein. Was ist die Welt ohne Paris? O, man tritt das Große nicht brutal unter seine Füße, ohne sich der allgemeinen Verachtung auszusetzen. Hätten die Deutschen Paris geschont, es wäre vielleicht noch ein Friede möglich gewesen; jetzt wird Feindschaft sein zwischen den beiden Nationen bis an den jüngsten Tag, was auch die Diplomaten zu Papier bringen. Kein Wort mehr – ich bitte Sie, kein Wort mehr! Wir hatten Waffenstillstand geschlossen bis zur Entscheidung; nun ist Paris gefallen – zwischen uns giebt’s fortan keine Gemeinschaft.“

Madame Blanchard und Juliette legten Trauer an; sie gingen Arnold scheu aus dem Wege oder beschränkten sich auf den nothdürftigsten Verkehr. Schritt vor Schritt war man langsam einander näher gekommen, und wie mit einem einzigen Sprunge maß man die weiteste Entfernung wieder zurück. Und es war nun gar keine Hoffnung mehr, nochmals vom Anfang anzufangen und den verlorenen Boden wiederzugewinnen; der Fall von Paris hatte eine Kluft aufgerissen, die auszufüllen auch der Muthigste verzagen mußte. Arnold hatte sich schon dem Ziel so nahe geglaubt und sah es jetzt in unabsehbare Ferne gerückt. Er wagte in der ersten Bestürzung nicht einmal, die Augen darauf zu richten. Alles, alles schien verloren.

Wie ein Träumender ging er einige Tage noch in dem ihm so lieb gewordenen Hause aus und ein, ohne freilich die Wohnung seines Wirths zu betreten. Es kam ihm wie etwas ganz Unerträgliches vor, den Umgang des Mädchens missen zu sollen, das sich seines ganzen Herzens bemächtigt hatte, und dem auch er – daran zweifelte er nicht – etwas geworden war. Aber noch unerträglicher wurde bald die Vorstellung, mit Juliette unter demselben Dache zu wohnen und sie nicht sehen, nicht sprechen, nicht lachen hören zu können. Er machte sich bittere Vorwürfe, den rechten Moment zu einer offenen Erklärung versäumt zu haben, sehr ungerechte Vorwürfe, denn sein Gefühl hatte ihn ganz richtig geleitet. Dann meinte er wieder trotzig, vor Blanchard hintreten und sich ihm mit Mannesmuth eröffnen zu müssen, und gleich darauf nannte er sich selbst einen Tollhäusler. „Es ist aus, ganz aus,“ rief er sich zu. „Ich bin wie der Matrose, der im Sturm über Bord fällt. Er weiß

[263] recht gut, daß kein Boot ausgesetzt werden kann, um ihn zu retten, und daß seine Schwimmkünste bald erlahmen müssen, und doch rührt er noch die Arme, sich über Wasser zu erhalten. Fruchtloses Bemühen – hinab!“

Er forderte, da ja seine Dienste jetzt schon leicht entbehrt werden konnten, beim Commando der Lazarethabtheilung seine Entlassung und gab Kruttke den Befehl, seine wenigen Sachen zusammenzupacken. Der brave Bursche hatten längst gemerkt, was ihn an das Haus fesselte. „Ich wußt’s wohl,“ sagte er traurig, „das ist von wegen Paris. Na – ich denk’ mir so in meinen dummen Gedanken: halb haben wir’s doch nur, und das ist halb zu wenig oder halb zu viel. Man sieht’s an dem Herrn Blanchard, da ist keine Dankbarkeit nicht, daß man die Stadt schont; hätten wir sie zusammengeschossen, es wär’ gerad’ so. Und – nehmen Sie sich’s nur nicht zu Herzen, Herr Rose! – wären wir gar nicht einmarschirt, es wär’ gerad’ auch so. Deutsche und Franzosen tanzen nun einmal nicht nach derselben Musik. Und darum – na! ich will von dem schönen Fräulein nichts sagen, aber das Herz könnt’ einem weh thun, wenn man so viel Unverstand unter den Menschen sieht, wo es doch ein Blinder mit der Hand greifen kann, daß es ihnen eigentlich ganz anders zu Muth ist. Ja, ‚da hört sich die Weltgeschichte auf,‘ hat immer unser Herr Lehrer gesagt, wenn einer von uns gar zu dumm war, daß er ihm gar nicht mehr meint' den Kopf zurecht setzen zu können – und hier ist’s beinah’ ebenso. Na, es giebt auch noch in Deutschland schöne Fräulein, und so arge Mucken, wie die hier, haben sie denn doch nicht, und so ein hübscher, guter Herr … I, das find’t sich Alles wieder zurecht. Ich wünscht’ nur, ich könnt’ gleich mit Ihnen, daß meine alte Mutter nicht so lange zu warten braucht.“

Das war die längste Rede, die Kruttke je fertig gebracht hatte. Sie mußte sich in den letzten schweigsamen Tagen angesammelt haben. Rose, dem das Wasser in die Augen stieg, klopfte dem treuen Menschen die Schulter und drückte ihm die Hand, sagte aber kein Wort. Als er reisefertig war, stieg er langsam die Treppe hinauf, und auf jeder folgenden Stufe fühlte er sein Herz schwerer, daß es ihm zuletzt wie ein Stein in der Brust lag, als er an die Thür klopfte. Als eine bekannte helle Stimme „Herein!“ rief, schalt er sich, daß er nicht fortgelaufen sei, ohne seine schmerzliche Wunde noch einmal aufzureißen.

Er fand Juliette allein im Salon, und das hob seine Stimmung wieder. Ihr Gesicht war verweint, und die schlanke Gestalt, als sie sich nun erhob, schien wie haltlos und gebrochen. Die bleichen Wangen rötheten sich schnell, und in den matten Augen glühte etwas von dem Feuer auf, das damals so lebhaft darin loderte. Nur eine Secunde oder weniger – dann erstarrten diese sonst so beweglichen Formen; die Wangen entfärbten sich wieder, und der stolz abweisende Blick erinnerte ihn an jenes erste Zusammentreffen am Wagen, als er sie aus der Pension abholte. „Mein Herr –“ sagte sie hastig, als er, von seinem Gefühle überwältigt, nicht sofort zu seiner Einführung Worte fand.

„Ich komme, Abschied zu nehmen, Fräulein Juliette –“ fiel er nur ein, indem er die flache Hand wie begütigend vorstreckte.

Sie schien zu erschrecken und eine plötzliche innere Unruhe gewaltsam niederzukämpfen. „Abschied …?“ fragte sie unsicher, und fügte leise hinzu: „schon?“

„Es ist am besten so,“ antwortete er, ein paar Schritte vortretend, „ich hab’s überlegt. Ich habe so gute, glückliche Tage in diesem Hause verlebt, und ich möchte doch gern ein warmes Andenken daran in die Heimath mitnehmen. Was jetzt noch folgen kann … Sie wissen ja, daß sich nach diesen letzten Ereignissen, über die wir keine Macht haben, das frühere Verhältniß nicht wieder herstellt – wenigstens jetzt in Kürze nicht.“

„Nie mehr, nie mehr,“ rief sie sehr erregt, „glauben Sie mir: nie mehr.“ Dabei perlten große Thränen aus den ängstlich ausweichenden Augen hervor. Sie preßte fest die Lippen zusammen, als ob sie ihr Gefühl zwingen wollte, sich nicht zu verrathen, aber es gelang ihr nicht. Unwillig über ihre eigene Schwäche, wandte sie sich dem Fenster zu. Das krampfhafte Zucken des Kopfes und der Schultern sagte ihm, daß der Thränenstrom sich nicht hemmen ließ und daß sie mit größter Anstrengung ein lautes Schluchzen niederzukämpfen suchte. Er wagte nicht, ein Wort der Beruhigung zu sprechen.

Nach einer Weile nahm sie wieder ihre frühere Stellung ein. „Mein Vater liegt krank zu Bett,“ sagte sie, und die glockenhelle Stimme hatte jetzt einen rauhen Klang; „er wird bedauern –“

„Sie glauben, daß er mich abreisen lassen wird, ohne mir noch einmal die Hand zu reichen?“ fragte Arnold gekränkt.

„Sein nervöser Kopfschmerz …“ entschuldigte sie; „er ist so fieberhaft aufgeregt – selbst wir müssen jedes Wort auf die Goldwage legen, und wenn er nun durch Sie von Neuem erinnert wird … Aber ich will meine Mutter benachrichtigen, die an seinem Bette sitzt.“

Sie wollte rasch an ihm vorüber, er aber ergriff ihre Hand und hielt sie sanft zurück. Sie ließ es geschehen. „Ich betrachte es als eine besondere Gunst meines sonst so unholden Geschicks,“ sprach er mit bebender Stimme, „daß ich Sie allein im Zimmer traf, Juliette, als ich mit schwerem Herzen Abschied zu nehmen kam. Ihretwegen, Juliette, konnte ich nicht fort ohne Abschied –“

„O mein Herr –“ unterbrach sie, und ihre Hand wurde eiskalt; „warum sagen Sie mir das?“

„Weil ich hoffe, daß Ihre Empfindung der meinigen ein wenig entgegenkommt,“ antwortete er weich, „weil ich zu wissen glaube, daß ich Ihnen aus einem Feinde ein Freund geworden bin, weil es vielleicht auch Ihnen ein Herzensbedürfniß ist, sich einmal noch frei zu machen von dem bedrückenden Einflusse äußerer Verhältnisse und dem Scheidenden ein freundliches Wort auf den Weg zu geben. Ich werde lange – lange noch an Sie denken, Juliette – ich werde Sie nie vergessen können. Und ich trenne mich nicht von Ihnen ohne die zuversichtliche Hoffnung, daß wir einander im Leben noch einmal begegnen werden, wenn die Wunden, die dieser Krieg auch uns geschlagen, nicht mehr schmerzen. Sagen Sie mir, daß Sie mir bis dahin ein gutes, treues Andenken bewahren wollen – sagen Sie mir das, Juliette!“

Er hatte die letzten Worte rasch und fast zitternd hervorgestoßen, nun aber versagte ihm die Stimme: er hätte keinen Laut mehr herausbringen können. Sie stand neben ihm und hatte den Kopf gesenkt; die Locken hatten sich hinter dem Ohr gelöst und waren in langen Ringeln, das Gesicht deckend, vorgefallen. Es war jetzt so still, daß er ihr rasches Athmen hörte. „Was hindert Dich, sie in Deinen Arm zu schließen,“ flüsterte eine zitternde Stimme in seiner Brust, „ihr zu bekennen – –?“ Da fühlte er einen Druck der kleinen, weichen Hand. Der Kopf schüttelte die Locken über die Schultern zurück; sie sah ihm in die feuchten Augen mit einem schnellen, wehmüthig zärtlichen Blick – dann riß sie sich los und eilte fort. „Wir sehen uns nicht wieder,“ sagte sie, schon abgewandt; gleich darauf schloß sich die Thür hinter ihr.

Arnold stand wie betäubt. Nach einigen Minuten erschien Madame Blanchard. Sie entschuldigte ihren Mann und wünschte ihm sehr förmlich eine gute Reise. Er sagte ihr – er wußte selbst nicht was. Sie reichte ihm die Hand und er drückte einen Kuß darauf. „Grüßen Sie Victor!“ bat sie.

Einige Stunden später saß er im Eisenbahnwaggon, düster in eine Ecke gelehnt. Er hätte sich’s nimmer gedacht, daß er den Tag der Heimkehr einmal scheuen würde.


Im Hause der Commerzienräthin war großer Jubel, als Arnold Rose – „der Sohn“, „der junge Herr“, „der Chef“, wie er bei den verschiedenen Betheiligten hieß – unerwartet zurückkehrte. Seine Mutter, eine behäbige Dame, der die Gutmüthigkeit auf’s Gesicht geschrieben war, machte ihm, nachdem die Freudenthränen getrocknet waren, die zärtlichsten Vorwürfe, daß er sich nicht „ordnungsmäßig“ angemeldet habe; es sei nun seine Schuld, wenn er das Haus nicht von der Thürschwelle bis unter’s Dach hinauf geschmückt, das Comptoirpersonal und die Hausgenossen nicht in Feiertagskleidern finde. Man habe schon so viel darauf gedacht, wie man ihn empfangen wolle, und nun sei alles Kopfzerbrechen unnütz gewesen. Er konnte ganz aufrichtig antworten, es freue ihn recht, seinen Zweck erreicht zu haben; er liebe es gar nicht, daß mit seiner Person viel Aufhebens [264] gemacht werde, und sei aus dem Kriege, der so viel Leiden gebracht, auch gar nicht in der Stimmung heimgekommen, Feste zu feiern. Die Mama schüttelte den Kopf. Nun erst bemerkte sie, daß er nicht frisch aussehe.

„Sei ohne Sorge!“ sagte er hastig, „ich fühle mich ganz gesund und habe nur das Bedürfniß, mich in die alten Verhältnisse schnell einzuleben und sogleich wieder thätig zu sein.“

Das wollte der guten Frau gar nicht recht in den Sinn. Sie werde „den Doctor fragen“, meinte sie, „ob er nicht vor allen Dingen Erholung und gute Pflege brauche.“

Sein erster Gang war zu Onkel Helmbach. Der alte Herr mit dem runden glatten Gesicht, den buschigen grauen Augenbrauen und der hoch über die faltenlose Stirn hinaufgerückten kahlen Platte zwischen dem wohlfrisirten weißen Haar wurde ganz kreiselig vor Freude. Er umarmte und drückte ihn so herzhaft, daß sich die weiße Binde verschob und Clärchen hinterher sagen durfte, er sehe ganz liederlich aus.

„Nein diese Freude, daß Du wieder da bist, Junge!“ rief er ein Mal über das andere. „Du kannst gar nicht glauben, wie ich Deinetwegen gezittert habe. Wenn Dir da draußen etwas passirt wäre – das wäre ja auf mein Conto geschrieben, und zeitlebens hätt’ ich’s nicht wieder herunterbringen können. Ich hatte Deiner Mama doch gewissermaßen für den Sohn garantirt, und nun garantire einmal für so etwas, das sich selbst nicht ein Bischen schont und immer voran ist, und an gar keine Eventualitäten denkt.“ Er klopfte ihm auf die Backe, und seine Augen blitzten so hell, wie die beiden Diamantknöpfe in seinem Chemisette. „Na, und die Cigarren, haben sie Dir wirklich geschmeckt? Ich habe ein Kistchen für Dich bei Seite gestellt – eine wahre Kaiser-Cigarre, kann ich Dir sagen.“ Er nahm ihn wieder beim Kopf und küßte ihn rechts und links.

Cousine Clärchen wollte etwas von der Familie Blanchard wissen; sie war die Erste, die daran dachte. Arnold theilte ziemlich gleichgültig mit: wie die Villa aussehe und die Wohnung oben, was Herr Blanchard für ein eifriger Patriot sei und wie gut seine Frau mit Kruttke habe wirthschaften können.

„Es ist doch aber auch eine Tochter im Hause,“ bemerkte Clärchen ein wenig spitz.

„Freilich, freilich –“ bestätigte er mit erkünstelter Unbefangenheit, „Juliette – ein hübsches Mädchen, eine geschworene Feindin der Deutschen – wir haben so manchen Disput miteinander gehabt.“

„Wenn Du nur mit heilem Herzen zurückgekommen bist,“ meinte der Onkel schmunzelnd. „Ich kenne die Französinnen nur aus den Theaterstücken, aber da muß man sich immer vor ihnen in Acht nehmen. Geistreich und munter sind sie, aber Herz, was man so bei uns in Deutschland Herz nennt, haben sie nicht, und mit der Moral … ich will in Clärchens Gegenwart nichts davon sagen.“

„Die Franzosen haben ein eigenthümliches Vergnügen daran, sich auf der Bühne schlecht zu machen,“ antwortete Arnold; „man kennt sie nicht, wenn man sie nur von da her kennt.“

„Ich glaub’s gern,“ nickte Onkel Helmbach. „Wir haben’s ja auch an dem jungen Victor Blanchard erfahren. Für einen Franzosen ein ganz verständiger Mensch, kann ich Dich versichern – was, Clara?“

Das blonde Mädchen wurde roth. „Man unterhält sich recht gut mit ihm,“ meinte sie.

Der gefangene Officier wohnte noch bei der Commercienräthin. Arnold stattete ihm eine Visite ab und bestellte den Gruß aus dem elterlichen Hause. Er fand einen jungen Mann, der seinem Bilde nur noch wenig ähnlich sah. Die wenigen Monate mit ihren schweren Erfahrungen hatten ihn schnell gereift. Nichts mehr von dem komödienhaften Wesen, das auf eine Copie des großen Napoleon auszugehen schien, war an ihm zu bemerken. Er behandelte Arnold wie einen Freund seines Hauses und ließ sich sogleich sehr vorurtheilsfrei über die Seinigen aus. Er fürchte, seinem Vater gar nicht zu gefallen, äußerte er unter Anderem und werde Mühe haben, sich mit ihm über gewisse Dinge zu verständigen. Er wisse jetzt, daß man sich in Frankreich den Nachbar ganz unrichtig vorstelle, und sei nicht gesonnen, mit seiner bessern Einsicht hinter dem Berge zu halten. Uebrigens nahm auch er es für gewiß, daß es nach einigen Jahren zu einem zweiten Kriege kommen werde. „Wir werden dann nicht mehr für unser Uebergewicht kämpfen, aber für die Herstellung des verletzten Gleichgewichts. Unser Sieg wird dann für Sie keine Niederlage bedeuten; er wird, wie bei einem Duell, nur beiden Theilen die Möglichkeit geben, einander ehrlich die Hand zu reichen und auf Grund gegenseitiger Achtung einen der ganzen Welt erwünschten dauernden Freundschaftsbund zu schließen. Diese beiden Nationen, die sich in so Vielem ergänzen, müssen für das Wohl der Menschheit zusammen arbeiten; ihre Gegnerschaft bedeutet einen Rückschritt der Cultur.“

Das war das Zukunftsprogramm dieses jungen Franzosen, der sein Vaterland liebte und sich bemühte, auch dem siegreichen Feinde gerecht zu werden.

Man war weit genug auseinander, um Stunden lang eifrig disputiren zu können, und doch nicht zu weit, um sich deshalb erzürnen zu müssen. Arnold fühlte den Umgang mit Juliettens Bruder als eine Wohlthat; es war nun doch nicht jeder Verkehr mit der Familie abgebrochen, das Verhältniß setzte sich wenigstens in einem Gliede derselben fort, und neue Fäden wurden geknüpft, die sich vielleicht später fassen ließen. Victor wollte sofort das Quartier räumen, das, wie er wußte, früher von Arnold benutzt worden war, aber dieser litt es durchaus nicht. Seine Mutter mußte ihm ein Zimmer daneben einrichten lassen, sodaß sie nun nur eine Thür zwischen sich hatten, die unverschlossen blieb. An den ersten Tagen fanden sich auch nach bisheriger Gewohnheit Onkel Helmbach und Clärchen zu den Mittagsmahlzeiten ein. Victor war gegen die junge Dame die Aufmerksamkeit selbst. „Es ist gut,“ bemerkte die Commerzienräthin heimlich zu ihrem Sohne, „daß Du wieder da bist – diese Franzosen können sehr liebenswürdig sein.“ Er lächelte vor sich hin und drückte ihr die Hand.

Leider dauerte dieser nahe Verkehr wenig länger als eine Woche. Dann erhielt Victor einen Brief von seinem Vater nebst Geldeinlage, und was derselbe sonst noch enthielt, blieb nicht lange verborgen. Blanchard verlangte, daß sein Sohn das Rose’sche Haus verlassen und sich von jedem Umgange mit den Deutschen fern halten solle. Nachdem der Feind, wenn auch unter Bedingungen, die ihm wenig des Rühmens werth scheinen würden, gewagt habe, in Paris seinen Einzug zu halten, sei es für jeden Franzosen eine Ehrensache, seine Meinung über diese Barbarei nicht verkennen zu lassen. Uebrigens sei ja auch der junge Rose nicht mehr bei ihm in Quartier, und es schicke sich schon deshalb nicht, noch länger Gefälligkeiten anzunehmen, die auf Dank Anspruch erheben könnten. Victor zeigte Arnold diesen Brief, der ihm die Verlegenheit ersparte, seinen Rückzug zu motiviren. Er meinte, in der Hauptsache gehorchen und sofort eine Privatwohnung miethen zu müssen. Damit sei ja noch nicht gesagt, daß er durchaus seines Vaters Ansichten theile, wenn denselben schon eine gewisse Berechtigung nicht abzusprechen sei. Es könne ihm nur angenehm sein, auch ferner von Zeit zu Zeit bei so lieben und achtungswerthen Menschen anklopfen zu dürfen, und er werde nie vergessen, wie viel Freundliches er von ihnen … Es folgte ein Schwarm verbindlicher Redensarten, die vielleicht im Augenblicke ganz ernst gemeint waren, aber Arnold nur erkälteten. Sein Vornehmen, Victor in sein Herzensgeheimniß einzuweihen, blieb unausgeführt.

Der gefangene Officier hielt anfangs Wort. Bald aber wurden seine Besuche seltener und kürzer; seine Stimmung zeigte sich mehr und mehr verändert. Eines Tages meldete er, daß er die Erlaubniß erhalten habe, nach Frankreich zurückzukehren, und nahm sehr förmlichen Abschied. Arnold konnte es nicht über sich gewinnen, ihm auch nur einen Gruß an seine Schwester aufzutragen.

Ungefähr zu derselben Zeit langte ein Feldpostbrief an, dessen Aufschrift lautete: „An den jungen Herrn Rose, zu Hause in *** bei seiner Frau Mutter.“ Der brave Kruttke schrieb:

„Lieber Herr Rose! Wo ich mich unterstehe, an Ihnen zu schreiben, so geschieht es nicht aus Noth, daß Sie mir etwas geben sollen. Denn Gott sei Dank! wir haben jetzt vollauf und bekommen noch immer mehr, und meine alte Mutter soll bald wissen, daß sie einen Sohn hat, und daß nicht Alles darauf gegangen ist, denn es heißt, wir kommen nun nächstens zurück, und da wollte ich Ihnen nur benachrichtigen, daß ich noch lebe und daß ich ein anderes Quartier habe, wo es mir gar nicht so gut gefällt, denn ohne meinen Herrn Rose ist es doch nirgends [266] nichts. Lieber Herr Rose, ich hab’ Ihnen einen Gruß zu bestellen, aber Sie werden nicht rathen, von wem. Ich hatte nämlich im alten Quartier mein kleines Messer vergessen und da sprach ich einmal an und wollt’ es in der Küche suchen, denn den Herrschaften ist es doch nichts nütz. Der Herr Blankschart ging im Garten herum und war ganz gelb im Gesicht wie ein alter Postwagen, und das kommt gewiß von dem vielen Aerger, daß wir Paris nun doch noch untergekriegt haben; der sah mich blos grimmig an und sagt’ kein Wort. Sie haben jetzt eine Magd, die machte mir die Thür auf und wunderte sich auf Französisch über mich, daß ich zum Besuch komme, was ich wohl verstand. Aber sonst war sie ganz sauber, und schade, daß nicht schon zu unserer Zeit eingetroffen. Die Madame Blankschart that sehr vornehm, die ich doch zusammen gekocht habe, und gab gar keine Rede und Antwort wegen dem kleinen Messer. Da kam das junge Fräulein dazu und verstand gleich und ging mit mir in die Küche, und richtig! da hatte die Magd schon das kleine Messer gefunden und eingesteckt. Und wie ich nun ganz vergnügt ‚merzi‘ sagte, kam sie mit hinaus und sagte: ‚wissen Sie schon, daß Ihr Herr Rose gut zu Hause angekommen sein?‘ Sagt’ ich: ‚Nein.‘ Sagt’ sie: ‚ich wissen von meinem Bruder.‘ Sagt’ ich darauf: ‚Das freut mich.‘ Besann sie sich ein Weilchen und sagte dann ganz kauderwälsch: ‚Wenn Sie fahren nach Hause, ihn viel grüßen.‘ Na, ich denk’, ich richt’s lieber gleich aus, und daß sie roth wurde im ganzen Gesicht und sah doch vorher ganz erbärmlich weiß aus. So bitt’ ich nun sehr um Entschuldigung, wegen diesen Brief, daß ich an Ihnen schreibe. Und lieber Herr Rose, wenn Sie wo meiner alten Mutter einen Vorschuß geben wollen, das zahl’ ich alles ab. Denn sie meinen wohl, die Post ist sicher mit dem Gelde, aber ich trau’ lieber nicht. Lieber Herr Rose, ich dank’ noch viel mal für alles Gute und schreibe hierunter für alle Fälle meinen Namen, daß Sie wissen, wer schreibt – Gottfried Kruttke.“

[277] Also sie hatte seiner doch freundlich gedacht! Er steckte den Brief zu dem kleinen Bilde und wurde wieder an Juliette so lebhaft erinnert, daß er einige Tage ganz melancholisch herumging und seiner Mama große Sorgen machte. Daß er die Mutter des treuen Menschen aufsuchte und reichlich beschenkte, versteht sich von selbst. Er versprach ihr auch, den Sohn in’s Geschäft zu nehmen, wenn er Lust habe Comptoirdiener zu werden. Der „gelbe“ Herr Blanchard und die „vornehme“ Madame Blanchard gefielen ihm gar nicht. „Wir sind weit auseinander,“ gestand er sich.

Erst jetzt in der Heimath unter den Menschen, die von den Drangsalen des Krieges unberührt geblieben waren und ihre volle Freude an den großen Erfolgen unserer Waffen und an der Einigung des Vaterlandes zu einem deutschen Reich unter einem mächtigen Kaiser bei jeder Gelegenheit lebhaft aussprachen, lernte auch Arnold die Bedeutung dieser Errungenschaften recht würdigen. Aber so frei wurde seine Stimmung doch nicht, daß er sich mit rückhaltloser Begeisterung dem Festjubel hätte hingeben können. Er wußte ja, daß sich drüben der Horizont mehr und mehr verfinsterte, je glänzender hier die Glückssonne aufstieg, und daß sich eine immer höhere Schranke zwischen seinen Wünschen und der Hoffnung, sie erfüllt zu sehen, aufthürmte. Bei den Einzugsfeierlichkeiten war sein Haus nicht weniger geschmückt, als die anderen, und bei der Illumination hatte man Gassterne und Kerzen nicht gespart; er führte auch zu großer Befriedigung der Frau Mama Cousine Clara am Arm durch die Straßen und beantwortete Abends den Champagnertoast des guten Onkels Helmbach auf die friedlichen Streiter unter dem rothen Kreuz mit warmen Worten des Dankes, aber sein ganzes Herz war doch nicht dabei, und als er die Thür seines Schlafzimmers hinter sich geschlossen hatte, öffnete er die Brieftasche, nahm das kleine Bild heraus, hielt es lange vor sich hin und versuchte, ob es ihm nicht lebendig werden wollte. Das „erbärmlich weiß“ aus Kruttke’s Brief fiel ihm beim Anschauen der farblosen Photographie ein. Vielleicht dachte sie so schmerzlich an ihn, wie er an sie – vielleicht! Und sie hatte nicht einmal so viel von ihm zur Erinnerung.

Die Commerzienräthin ahnte nichts von alledem, was sein Herz beschwerte. Sie hatte den Lieblingsplan einer Verbindung ihres Sohnes mit seiner Cousine Clara nicht aufgegeben und versäumte nun keine Gelegenheit, ihn zu einem Entschluß zu drängen.

„Sprich nur ein Wort, daß Du einverstanden bist,“ sagte sie in einer vertraulichen Stunde gerade heraus, „und die Sache wird rasch in Ordnung gebracht sein. Ihr seid einander ja gut, so viel zu solchem Bunde nöthig ist, und daß Dir das treuherzige und bescheidene Mädchen eine brave Frau werden wird, ist außer jedem Zweifel. Worauf wartest Du eigentlich?“

„Du suchst Dir eine Frau für mich aus, beste Mama,“ antwortete er ausweichend, „und Cousine Clara, meinst Du, wird der Mutter ungefährlich sein. Aber ich denke noch gar nicht an’s Heirathen, und wenn einmal … Hoffentlich wirst Du meiner Wahl, wie sie auch ausfalle, Deine freundliche Zustimmung geben.“

Den Spätsommer brachte er in einem Bade zu, als dann aber wieder der Herbst herankam und sein Tagebuch vom vorigen Jahre immer wichtigere Daten in seine Erinnerung zurückführte, und nun auch jener Tag herankam, an dem er das kleine Bild aus der menschenverlassenen Villa entwendet hatte, wollte sich der Strom seiner Empfindungen nicht mehr niederdämmen lassen. Wie ein Träumender verrichtete er seine Arbeiten, genoß er seine Mahlzeiten, saß er am Familientisch. Seiner Mutter wurde er mehr und mehr ein Räthsel, und auch der Hausarzt wußte ihr dasselbe nicht zu lösen.

„Sage mir nur in aller Welt, was fehlt Dir, Kind?“ fragte sie ihn eines Tages mit Thränen in den Augen. „Du verkümmerst ja sichtlich! Willst Du mich um meinen einzigen Sohn, um meine ganze Lebensfreude bringen?“

Er faßte ihre Hand und drückte sie an sein Herz. „Versprichst Du mir, mich geduldig anzuhören?“ entgegnete er mit fester Stimme, nachdem er einen Entschluß gefaßt hatte. „Was ich Dir mitzutheilen habe, wird Dich in nicht geringe Verwunderung setzen, aber es darf Dich nicht erschrecken, nicht unwillig machen. Vergiß nicht, daß es Dein Sohn ist, der Dir sein Innerstes aufdeckt, und daß Du seinen Gefühlen auch dann Achtung schuldest, wenn Du sie nicht billigen kannst.“ Er öffnete die Brieftasche, nahm mit zitternder Hand Juliette’s Bild heraus und reichte es seiner Mutter.

Die Commerzienräthin warf einen neugierigen Blick darauf und erschrak, als sie das weibliche Portrait bemerkte, so heftig, daß sie kreidebleich wurde. Sie wußte in dem einen Moment Alles – Alles, worauf es ankam: Arnold liebte, und das war der Gegenstand einer Neigung, die ihn verzehrte.

Er erzählte nun seine Erlebnisse vor Paris mit aller Ausführlichkeit [278] und schloß: „Magst Du nun an den Zauber in diesem kleinen Bilde glauben, oder nicht, Mutter, so viel ist gewiß, daß das Mädchen selbst mir’s angethan hat für mein ganzes Leben. Ich weiß Alles, was Du mir vernünftiger Weise einwenden kannst; es giebt keinen Grund gegen die Verbindung, den ich nicht selbst tausend Mal durchdacht hätte. Wie oft habe ich mich einen Unsinnigen gescholten, wenn ich mir alle Hindernisse vergegenwärtigte! Und doch war kein Verstand stark genug, diese Sehnsucht meines Herzens zu bannen. Alle Deine Vorstellungen, Deine Bitten, Deine Klagen werden ebenso machtlos sein. In mir steht es fest, daß ich nicht glücklich sein kann, wenn Juliette nicht die Meine wird. Es ist beschlossen und unabänderlich: ich fahre nach Paris und halte um sie an. Liebt sie mich, wie ich sie liebe, so kann es keinen äußeren Widerstand geben, der unüberwindlich wäre.“

Arnold selbst hatte schwerlich erwartet, daß seine Mutter sich schnell seinen Wünschen fügen werde, aber auf eine so heftige Opposition, wie ihm nun entgegentrat, war er nicht gefaßt gewesen. Nicht nur sah sie ihren eigenen Lieblingsplan zerstört, es war ihr auch ganz unfaßlich, wie Arnold sich in eine Französin habe verlieben können, und wenn diese Neigung sich nun doch einmal auf so wunderliche Weise in sein Herz geschlichen habe, wie er nicht sofort einsehe, daß der Roman schlecht enden müsse. Sie bestürmte ihn, sich nicht in sein Unglück zu stürzen, und erkrankte ernstlich, als er zäh an seinem Vorhaben festhielt. Onkel Helmbach wurde in’s Geheimniß gezogen und um Rath gefragt. Der alte Herr gab ihr in Allem Recht, sprach mit Arnold „ein ernstes Wort“ und kam dann doch mit der trostlosen Nachricht zurück, es sei mit dem Trotzkopfe nun einmal nichts anzufangen. „Ich glaube übrigens,“ sagte er schließlich mit so verschmitztem Lächeln, wie sein gutmüthiges rundes Gesicht irgend aufbringen konnte, „die Sache ist gar nicht so gefährlich, wie sie scheint. Er hat sich in seinen Eigensinn verrannt, und kann nun nicht heraus. Nach seiner eigenen Darstellung ist es ja noch keineswegs gewiß, daß die junge Dame ihm eine gleich zärtliche Neigung entgegenbringt. Vielleicht würde er schnell zur Vernunft kommen, wenn er bei einer offenen Werbung seinen Irrthum einsehen müßte. Und wenn sie ihm wirklich gut sein sollte, werden ihre Eltern einwilligen? Tausend gegen eins zu wetten: nein! Dann muß er sich’s doch aus dem Kopfe schlagen, und uns kann er keine Vorwürfe machen. Es ist zu bedenken.“

Die Commerzienräthin sann nach, und diese Gründe leuchteten ihr ein. Aber die Gefahr, der er sich in Frankreich aussetzte? Die Zeitungen waren voll von Berichten, wie übel man den Deutschen dort überall begegne, wo sie sich unter der noch immer feindselig aufgeregten Bevölkerung sehen zu lassen wagten. Ihres Lebens wären sie nicht sicher, am wenigsten in Paris. Da Arnold, der schon in der Hauptsache gewonnenes Spiel hatte, diese Besorgnisse als ganz übertrieben verlachte, stellte nun die gute Frau ihr Ultimatum: allein lasse sie ihn auf keinen Fall reisen, wenn aber Helmbach ihn begleiten und vor unbedachten Schritten behüten wolle, möge er thun, was er nicht lassen könne. Onkel Helmbach, der durchaus kein Held war, zog zu dieser Entscheidung ein recht saures Gesicht, meinte dann aber doch, es empfehle sich wirklich, wenn ein älteres Mitglied der Familie an Ort und Stelle sich über die näheren Verhältnisse unterrichte und gleichsam die Sache ordnungsmäßig in die Hand nehme. Er wollte das Opfer bringen.

Arnold ließ sich recht gern den Onkel gefallen, der ihm ein lieber Reisegesellschafter und gewiß kein eifriger Widersacher war. Und so fuhren die Beiden denn eines Tages bei gräulichem Herbstwetter zur Bahn, gelangten glücklich über die Grenze und stiegen in Paris aus.

In der Stadt hielt man sich nicht lange auf. Der alte Herr war zwar neugierig genug, das moderne Babel kennen zu lernen, fühlte sich aber doch zu unbehaglich in dieser fremden Umgebung, um Wünsche zu äußern. Er glaubte jedem, der ihnen begegnete, abzumerken, daß er ihn mißtrauisch beobachtete, und namentlich verursachte ihm jeder Polizeibeamte, an dem sie vorüber mußten, heimliche Schauer.

„Herr, mein Gott,“ sagte er beklommen, „wenn ich hier von Deiner Seite abgedrängt werde, so bin ich rein verloren; ich kann ja nicht einmal französisch sprechen.“

Arnold mußte über den Mentor lachen, den ihm seine Mutter so wohlweislich beigegeben hatte. Um ihn zu beschäftigen, ermittelte er das Comptoir von Charles Blanchard und führte ihn dorthin. „Du sollst ja meiner Mutter auch Auskunft über die äußeren Verhältnisse der Familie geben,“ sagte er. „Nun, Herr Blanchard ist Kaufmann; sieh Dich in seinem Comptoir um, und Du wirst darüber besser unterrichtet sein, als durch einen Blick in den Salon.“ Onkel Helmbach nickte. Er hätte zu jedem anderen Vorschlage ebenso genickt.

Das Geschäftslocal lag in einem stattlichen Hause der Cité. Menschen in allerhand Röcken gingen aus und ein; es war ein lebhaftes Treiben in der Einfahrt nach dem Hofe zu und auf der Treppe, die nach dem eigentlichen Comptoir führte. Sie standen ein paar Minuten und beobachteten. Dann traten sie ein. Mehrere Zimmer hintereinander waren mit Schreibtischen besetzt. Arnold fragte einen jungen Menschen, der Wechsel in ein Buch eintrug, nach dem Chef. Herr Blanchard sei seit einiger Zeit kränklich, wurde ihm geantwortet, und komme nicht täglich nach der Stadt. Der Herr dort im hintersten Zimmer sei aber der Procurist und werde jede gewünschte Auskunft ertheilen. Es war Arnold lieb, seinen alten Wirth nicht hier begrüßen zu müssen. Er erkundigte sich bei dem Herrn, an den er gewiesen war, indem er sich ihm als einen Kaufmann vorstellte, ob es dem Hause vielleicht genehm sein würde, wenn er für dasselbe in Deutschland Bestellungen auf Rothweine vermittele; er dürfe einen guten Absatz versprechen. Der Franzose kniff die Augen zu, zog den Mund breit und sagte:

„Ich bedaure – Herr Blanchard macht principiell mit Deutschland keine Geschäfte. Wenn Sie aber Verbindungen in Oesterreich …“

Arnold zuckte die Achseln. Die Sache war damit abgethan. Er hatte sich schon verabschiedet, als ihm einfiel, nach Victor zu fragen. Der Geschäftsführer wurde aufmerksamer.

„Sie kennen den Herrn Lieutenant persönlich?“

„Ich habe die Ehre.“

„Er steht mit seinem Regimente in Paris und wohnt …“ Die Wohnung wurde genannt.

„Ich danke Ihnen.“ Arnold faßte seinen Onkel unter den Arm und entfernte sich.

Der Franzose begleitete ihn bis zur Thür. „Darf ich um Ihren Namen bitten, mein Herr?“

Arnold grüßte zum Abschiede. „Er thut nichts zur Sache. Ich werde den Herrn Lieutenant aufsuchen.“

Als sie die Straße entlang gingen, meinte Helmbach: „Hm, hm! Das Geschäft hat ein Ansehen. Aber verstand ich recht, daß sie mit Deutschland nicht handeln wollen?“

Arnold lachte. „Das sind Marotten, die ihnen selbst mit der Zeit sehr unbequem werden müssen.“ Innerlich nahm er diese Abweisung keineswegs so leicht. Wenn der alte Herr uns noch immer nicht seinen Rothwein gönnt, überlegte er, was wird er erst für Augen machen, wenn ich seine Tochter … Onkel Helmbach zog einen ähnlichen Schluß, schwieg aber diplomatisch.

Arnold bedachte, ob er sogleich den Lieutenant aufsuchen solle. Dieser konnte ihn bei seinen Eltern einführen, er konnte aber auch in Frankreich ein ganz Anderer geworden sein, als in Deutschland, seinen Beistand versagen und ihm bei seinem Vater einen schlimmen Empfang bereiten. Diese Befürchtung überwog. Er fand es praktischer, erst durch seine Visite in der Villa eine vollendete Thatsache zu machen. Er nahm einen Wagen, holte das Gepäck ab und verließ die Stadt in der Richtung der Ortschaft, in der sich das Feldlazareth befunden hatte. Er erinnerte sich eines Gasthofes nicht weit davon, der freilich im letzten Winter leer gestanden hatte oder von Officieren als Quartier benutzt war. Jetzt zeigte sich die Wirthschaft wieder im besten Gange. Rose ließ halten und bestellte zwei Zimmer.

Sie wurden genöthigt, ihre Namen und den Ort, woher? in ein Buch einzutragen. Gleich darauf erschien der Hôtelbesitzer selbst. „Aus Deutschland, meine Herren?“ fragte er etwas verdrießlich.

„Allerdings.“

„Darf man wissen, in was für Geschäften …?“

„In eigenen.“

„Sehr gut. Aber welcher Art, wenn ich fragen darf …?“

„Sie sind sehr neugierig, mein Herr.“

„Entschuldigen Sie! Es ist mir zur Pflicht gemacht –“

[279] „Nehmen Sie also an, daß wir Paris sehen wollen.“

„Ah! Man entfernt sich nicht so weit von der Stadt, um sie zu sehen.“

„Wir lieben aber die Stille – und ich bin hier recht gut bekannt. Im vorigen Herbst sah’s freilich in dieser Gegend anders aus.“

„So, so! im vorigen Herbst. Ja, da standen hier …“ Er verschluckte das Weitere. „Und wie lange gedenken Sie sich aufzuhalten?“

„Einige Tage.“

Der Hôtelbesitzer überlegte. „Ich kann Sie nicht hindern, meine Herren,“ bemerkte er nach einer Weile, „bei mir zu logiren, und was mich anbetrifft, ich bin ohne Vorurtheil, aber ich muß Sie bitten, mich nicht dafür verantwortlich zu machen, wenn Ihnen etwas Unangenehmes passiren sollte. Man muß eben die Verhältnisse nehmen, wie sie sind.“

Arnold beruhigte ihn, so gut er konnte.

Gegen Abend – es dunkelte schon stark – lud er den Onkel, der durch die Reden des Wirths ganz verschüchtert war, zu einem Spaziergange ein. Er müsse erst einmal recognosciren, sagte er, bevor er in die eigentliche Action eintrete. Sie kamen an dem Fabrikgebäude vorbei, in welchem das Lazareth aufgeschlagen war. Jetzt zeigten sich alle Fenster erleuchtet. Arbeiter gingen ab und zu. Ein Lastwagen wurde am offenen Thore abgepackt. Noch eine Strecke weiter unter den Bäumen – und die bekannte Villa wurde sichtbar. Aber der Mond schien nicht, um sie zauberisch zu erleuchten; in der Abenddämmerung lagen Haus und Baumwand wie eine dunkle Masse da. Sie näherten sich dem Eisengitter und Arnold führte seinen Begleiter, der ihn unter den Arm gefaßt hatte, an dasselbe heran. In dem Zimmer der Madame Blanchard brannte eine Lampe. Nun wurde auch in den Salon Licht gebracht; es bewegte sich her und hin. Gleich darauf erschien eine weibliche Gestalt am Fenster und ließ die Vorhänge herab. Dann hörte man auf dem Flügel spielen. War das Juliette? Arnold zweifelte nicht daran und nahm’s für ein gutes Omen.

Dann öffnete sich die Hausthür, und ein Herr trat heraus. Er ging langsam über den Kiesweg hin, schlug mit seinem Stöckchen in die Hecken und summte irgend eine Melodie vor sich hin. Als sich die Töne des Claviers vernehmen ließen, blieb er einen Augenblick stehen, schaute zurück und warf eine Kußhand hinauf. Dann ging er rasch weiter. Am Gitter bemerkte er die beiden Fremden und beobachtete sie beim Austreten scharf. Arnold erkannte nur einen jungen schlankgewachsenen Mann mit schwarzem Bärtchen und eigenthümlich stechenden Augen. Derselbe schloß zögernd das Gitter hinter sich und schien sich zu bedenken, ob er die Fremden anreden solle.

„Was wollen Sie hier, meine Herren?“ fragte er dann in der Weise eines Polizeibeamten, der etwas Unerlaubtes wittert.

„Wir glauben hier Niemandem im Wege zu sein,“ antwortete Arnold, ohne sich schrecken zu lassen.

„So, so – freilich!“ knurrte der Herr, faßte ihn noch einmal in’s Auge und entfernte sich, das Musikstück mit einigen ziemlich unharmonischen Tönen begleitend.

Helmbach zog seinen Neffen fort. „Wir werden noch Unannehmlichkeiten haben,“ äußerte er ängstlich, „es ist ja hier auch Nichts zu sehen.“

„Du weißt nicht, wie mir um’s Herz ist,“ entgegnete Arnold und seufzte tief auf.

Sie gingen dieselbe Straße zurück. Nicht weit von der Fabrik lag ein kleines Wirthshaus, das Arnold im vorigen Winter oft besuchte. Der Wirth hatte damals zwar auch die Flucht ergriffen gehabt, war dann aber heimgekehrt und hatte sein Geschäft wieder eröffnet. An Zuspruch fehlte es ihm nicht, und die preußischen Thaler gefielen ihm so gut wie die französischen Francs. Arnold hatte ihn lieb gewonnen, da er ein munterer Geselle war, der gut zu unterhalten verstand und die Leute im Ganzen auch ehrlich bediente. Er führte jetzt den alten Herrn trotz der Bedenklichkeiten desselben in das kleine Wirthshaus.

Der Restaurateur erinnerte sich seines guten Kunden gleich, zeigte sich aber nicht sonderlich erfreut über das unerwartete Wiedersehen. Da das Gastzimmer von Arbeitern gefüllt war, bat er die Herren, ihm nach seinem Privatstübchen nebenan zu folgen. Dort setzte er ihnen Wein vor und nahm auf Arnold’s Bitte neben ihnen Platz.

„Es ist gut,“ bemerkte er, „wenn man dort auf Sie möglichst wenig aufmerksam wird. Diese Schlauköpfe denken sich gleich allerhand zusammen.“

Rose brachte das Gespräch bald auf den Gegenstand, der ihn am meisten beschäftigte. „Wie steht’s drüben?“

Der Restaurateur verstand ihn. „In Ihrem alten Quartier, meinen Sie – ah! man weiß nicht recht. Blanchard hat viel verloren, erst durch den Krieg, dann durch die Wirren in der Stadt, aber ich denke, er ist bei alledem noch ein recht wohlhabender Mann.“

„Und seine Gesundheit?“

„Da bleibt viel zu wünschen. Er hat eine schwere Krankheit durchgemacht und leidet noch jetzt an den Nachwehen.“

„Und seine Frau?“ Arnold ging Schritt für Schritt auf sein Ziel zu.

„O! Madame Blanchard würden Sie auffallend gealtert finden. Die Sorgen, mein Herr, die Sorgen! Sie liebt ihren Mann und ihre Kinder.“

„Der Sohn ist noch Officier, nicht wahr?“

„Ich glaube, er kostet dem Papa mehr, als ihm lieb ist, und sie sind auch sonst über Manches nicht einig, wie man behauptet. Nun, das ist kein Wunder! In Frankreich muß man jetzt die Leute, die in der Politik einig sind, mit der Laterne suchen. Unglückliches Land!“

„Wie geht’s dem Fräulein?“ Nun war er auf der richtigen Fährte.

„Das Fräulein ist noch zu Hause, aber man sagt –“

„Was sagt man?“

„Ich weiß nicht, was an dem Gerede ist, aber seit einigen Monaten geht dort der Maire häufig aus und ein, und das findet man auffallend.“

„Ein großer Mann mit schwarzem Bärtchen, nicht wahr?“

„Sie kennen ihn also?“

„Ich sah ihn eben aus dem Hause kommen. Und was sagt man?“

„Er soll sich eifrig um die Hand der Tochter bewerben.“

„So – ?! Und Juliette?“

„Sie scheint kränklich zu sein, und man wollte im Sommer, als sie in ein Bad reiste, gehört haben, daß sie sich verschworen habe, nie zu heirathen. Aber bei jungen Damen hat das nicht viel zu sagen; sie ändern leicht ihren Sinn. Und schließlich spricht doch der Vater das entscheidende Wort. Ihm gefällt der Maire, da er Bonapartist ist und wohl auch heimlich für seine Partei wirkt, was ihn in der Gemeinde keineswegs beliebt macht. Uebrigens ist er aus guter Familie und soll viel gelernt haben. Man zweifelt nicht, daß er rasch vorwärts kommen wird, wenn er sich zur rechten Zeit zu neigen und zu beugen weiß, und das versteht er. Bringt ihm seine Frau ein hübsches Vermögen zu, so ist er in wenigen Jahren ein geachteter Mann, und Herr Blanchard wird seinen Vortheil daraus zu ziehen wissen, einen so nahen Freund in der Verwaltung zu haben.“

Arnold war sehr unruhig geworden, und trank ein Glas Wein nach dem andern, um seinen trockenen Gaumen zu netzen. „Die Sache ist also so gut wie in Ordnung?“ fragte er aufgeregt.

Der Wirth wiegte den Kopf. „Das glaube ich doch nicht. Es muß nicht so glatt gehen, wie’s der Herr Maire wünscht, sonst wäre wohl die Verlobung schon publicirt. Das Fräulein wird sich nicht ganz leicht geben; sie soll eigensinnig sein, und der Papa hat sein einziges Töchterchen verwöhnt. Es eilt mit dem jungen Dinge ja auch nicht so sehr. Ueber’s Jahr vielleicht …“

Arnold stand auf und bezahlte den Wein. Er hatte mehr erfahren, als er vermuthen konnte, und mehr Gewißheit vermochte der Wirth ihm doch nicht zu geben. Onkel Helmbach, der nur einzelne Brocken dieser Reden aufgefangen hatte, erhielt auf dem Heimwege einen Bericht, aus dem sich Arnold’s schwere Besorgnisse nicht erkennen ließen, aber der Hauptpunkt war doch nicht zu umgehen gewesen: daß sich ein sehr einflußreicher Freier gefunden habe und daß diese Rivalität ein neues, bisher gar nicht in Rechnung gestelltes Hinderniß bedeute.

Unser junger Freund hatte eine sehr unruhige Nacht. Die

[280] Vormittagsstunden des nächsten Tages schlichen ihm so langsam hin, daß er wiederholt seine Uhr beschuldigte, still zu stehen. So knapp wie möglich bemaß er die Zeit, die zur Abstattung von Visiten für unschicklich gilt. „Ich weiß nicht, lieber Onkel,“ sagte er, als er endlich den Gang glaubte wagen zu dürfen, „wie sich’s heute fügt, ob ich erst allein einen Besuch mache, um mein Hiersein zu melden, oder ob ich Dich gleich vorstelle. Man muß es von den Umständen abhängen lassen. Aber komm’ doch auf jeden Fall mit!“

Helmbach fügte sich.

Die Sonne schien wohl freundlich auf das gelbrothe Laub der Bäume und zwischen den Stämmen durch auf den Weg. Als sie in die Nähe der Villa kamen, stutzte Arnold und machte Halt. „Siehst Du die Dame dort im Garten hinter der Laube?“ fragte er hastig und mit verhaltener Stimme.

Helmbach nickte. „Sie hat sich in einen kurzen Mantel fest eingehüllt und trägt ein weißes Kopftuch.“

„Ganz richtig! Das ist Juliette.“

„So –? Juliette.“

Es folgte eine Pause im Gespräche. Beide Männer schauten mit gespannter Aufmerksamkeit in den Garten hinein. Die junge Dame hatte das Gesicht ihnen abgekehrt und schritt langsam den Gang weiter. „Onkel!“ nahm Arnold wieder das Wort, „Du wirst einsehen, daß ich diese Minute nicht verpassen darf – ich kann Juliette sprechen, bevor ich ihre Eltern sehe und von ihnen vielleicht unfreundlich begrüßt werde – ich muß sie sprechen.“

„Ja, so wollen wir doch –“

„Ich muß sie allein sprechen, Onkel! Thue mir die Liebe und gieb mich frei.“

„Aber, lieber Junge …“

„Gehe hier in der Allee auf und ab, aber nicht mit zu kurzen Wendungen – oder besser noch: geh’ langsam nach unserm Hôtel zurück!“

„Der alte Herr faßte seinen Arm. „Du wirst mich doch nicht – ?“

„Der Weg ist ja gar nicht zu fehlen. Und siehst Du – nun muß sie sich sogleich umwenden. Bitte, sei gut und laß mich los!“

Er entzog ihm mit einem schnellen Rucke seinen Arm und eilte über die Landstraße fort, der Gitterthür zu. Der Onkel stand ganz verblüfft da, zog den Hut tiefer über die Stirn, als ob er sein Gesicht besser verstecken wollte, murmelte irgend einen gutmüthigen Fluch und wandte seine Schritte rückwärts. Als er nach einer kurzen Strecke noch einmal sich umsah, stand der verwünschte Ausreißer schon vor der Dame und hielt den Hut in der Hand. „Er wird sich obendrein noch erkälten,“ schalt er in sich hinein; „wenn seine Mutter wüßte, daß ich so mein Amt verwalte!“ Einige Leute kamen ihm entgegen; er wich scheu bis zu den Baumstämmen hin aus. –

„Bin ich noch nicht vergessen?“ fragte Arnold, als er sich der vermummten Gestalt näherte.

Juliette hatte während des Gehens vor sich hin zur Erde gesehen; nun schreckte sie, von dieser Stimme berührt, auf, hemmte den Schritt und ließ zugleich die Arme, die gekreuzt den Mantel über der Brust schlossen, niedersinken. Der Mund öffnete sich ein wenig, ohne jedoch einen Laut hervorzubringen, und die Augen richteten sich auf den Fragenden mit jenem Ausdrucke ängstlicher und angestrengter Aufmerksamkeit, mit dem sie beim Erwachen eine ganz unerwartete Erscheinung zu mustern pflegen: träume ich – habe ich ein Wirkliches vor mir? Blitzschnell schien sie dann alle Möglichkeiten durchzudenken, die ihn hierher zurückgeführt haben könnten, und ihr bewegliches Gesicht ließ den raschen Wechsel der verschiedenartigsten Empfindungen erkennen. Zuletzt behauptete sich auf demselben siegreich ein freundliches Lächeln. Sie reichte dem Gaste die Hand und entzog sie ihm nicht sofort, nachdem er einen feurigen Kuß darauf gedrückt hatte. „Es ist doch wunderbar …“ sagte sie leise; „ich dachte eben an Sie.“

„Sie dachten an mich?“ entgegnete Arnold, und sein Blut, das bis dahin vor den krampfhaft geschlossenen Herzkammern still zu stehen schien, kam wieder in warmen Fluß. „O, dann kann ich nicht ganz unwillkommen sein.“

„Wenn das richtiger ist – ich träumte von Ihnen,“ modificirte sie ihr beglückendes Geständniß. „Man kann nicht für seine Träume.“

„Ich bin auch damit zufrieden,“ antwortete er. Die Unterhaltung stockte. Arnold überlegte, ob er sogleich eine offene Erklärung wagen solle, die sie über seine Absichten unterrichtete, und wie er sie einzuleiten habe, um nicht durch zu rasches und unvorsichtiges Vorgehen sich zu schädigen. Ehe er aber mit diesen Erwägungen in’s Reine gekommen war, hatte Juliette schon ihre ganze Fassung wiedergewonnen. Ihre Frage: „Wie ist es Ihnen bisher ergangen?“ deutete sehr bestimmt darauf hin, daß sie das Gespräch auf den conventionellen Gesellschaftston zu leiten entschlossen war.

Er fand nicht sogleich eine Antwort darauf, und als er sie nun wieder ansah, bemerkte er erst auf ihrem bleichen Gesichte die Spuren körperlicher oder seelischer Leiden, die sie gepeinigt haben mußten. „Promeniren wir noch ein wenig im Garten!“ fuhr sie fort. „Die Sonne scheint einmal nach Wochen wieder freundlich, und unser Arzt hat mir Bewegung in frischer Luft verordnet. – Aber Sie wollten vielleicht meinen Eltern –“

„Auch das!“ erwiderte er, ihr zur Seite tretend; „aber ich komme dort nicht so leicht zu spät. Man erwartet mich nicht und sieht mich wohl gar ungern. Glücklicher konnte ich es gar nicht treffen, als Ihnen, mein theures Fräulein, hier vor dem Hause zu begegnen, aus dem ich einst nur von Ihnen wie ein nicht unlieber Gast entlassen bin. Ach, jener traurige Abschied! Er haftete so fest in meiner Erinnerung – er verdüsterte alle meine Tage bis zu diesem, der mir ein Wiedersehen schenkt. Wie unglücklich wäre ich gewesen, wenn ich Ihre Gesinnungen gegen mich verändert gefunden hätte! Wie glücklich macht mich Ihre Versicherung, daß ich Ihnen kein Vergessener war!“

Juliette wandte den Kopf ab und beschleunigte ihre Schritte. Die Hand ließ den Mantel los und bewegte sich rasch nach dem Gesichte. Er glaubte zu bemerken, daß sie eine Thräne trocknete. „Wir haben inzwischen viel Trübes erlebt,“ antwortete sie ausweichend. „Sie wissen, welcher entsetzliche Kampf im Innern dem Frieden mit dem Feinde folgte, dem traurigsten Frieden, den Frankreich seit Jahrhunderten geschlossen hatte. Auch in unserm Hause … Sie kennen ja meinen Vater. Eine schwere Krankheit der überreizten Nerven brachte ihn an den Rand des Grabes, und als er dann langsam genas und sich wieder seiner Geschäfte annahm, konnte ihm der Verfall seines Vermögens nicht länger verborgen bleiben. Meine Mutter opferte freudig das ihrige, und es gelang, das Schlimmste abzuwenden; ja, seine Lage kann jetzt wieder für völlig gesichert gelten, aber seine beste Lebenskraft ist doch gebrochen, und wir dürfen uns kaum noch der Hoffnung hingeben, daß seine Gesundheit je wieder ganz hergestellt werden wird.“

„Und ist er uns Deutschen noch immer ein unversöhnlicher Feind?“ fragte Arnold etwas gedrückt.

Juliette nickte. „Er ist’s und wird seine Gesinnung schwerlich ändern.“

„Und Sie, mein Fräulein?“ Er blieb stehen, als wäre kein Schritt weiter zu thun vor Beantwortung dieser wichtigsten Frage, und sah erwartungsvoll in die großen Augen, die nach ihm umschauten und sich dann schnell senkten.

„Ich, mein Herr … O! mir sind diese Dinge gleichgültiger geworden, seitdem ich sie nicht mehr mit leidenschaftlicher Voreingenommenheit betrachte. Ich bin zu der Einsicht gelangt, daß es im Leben der Völker, wie der Einzelnen gewisse nothwendige Entwickelungen giebt, mit denen man sich abzufinden hat. Man kann den Begebenheiten nicht gerecht werden, wenn man mitten in ihnen steht und Partei zu ergreifen hat, aber wenn man die Geschichte studirt – ich studire eifrig Geschichte, und nicht nur die Frankreichs – so ergeben sich da weitere Gesichtspunkte auch für das Naheliegende. Sieg und Niederlage bedeuten dem Weltgeist ganz etwas anderes, als uns. Ich wünschte, es würde einmal eine Geschichte der Meinungen des Tages geschrieben, damit man recht deutlich einsehen lernte, wie kurzsichtig die Menschen allezeit gewesen.“

So ernst hatte sie noch nie gesprochen; in dieser Betrachtungsweise war ein deutscher Zug, der ihn frappirte.

„Sie sind ja eine Philosophin geworden,“ antwortete er mit freundlichem Lächeln. „Ich glaube, wir können uns verständigen.“

Eine leichte Röthe überhauchte ihr Gesicht. „Wir sind Protestanten,“ sagte sie, scheinbar ausweichend. „Mein Vater [281] stammt aus einer hugenottischen Familie, die trotz aller Verfolgungen an ihrem Glauben festhielt. Wir haben glücklicherweise lange Zeit keine Veranlassung gehabt, unser religiöses Bekenntniß zu betonen – aufrichtig gesagt: wir waren so schlechte Protestanten, wie unsere Mitbürger schlechte Katholiken geworden. Jetzt reißen in dem unglücklichen Frankreich mehr und mehr die Pfaffen die Zügel der Herrschaft an sich; was geschieht, ist geradezu unwürdig einer aufgeklärten Nation, die bisher mit Recht auf ihre Literatur und auf ihre wissenschaftlichen Leistungen stolz war. Drüben in Deutschland aber entbrennt ein Kampf gegen Rom, der die volle Kraft unserer Sieger in Anspruch nimmt, und in diesem Kampf stehe ich aus ganzer Ueberzeugung auf ihrer Seite.“

„O, das sagt mir viel,“ rief Arnold, durch diese unerwartete Eröffnung beglückt, „sehr viel. Es ist zwar, so lange ich Gast in diesem Hause war, nie das Gespräch auf religiöse Gegenstände gekommen und ich durfte daraus schließen, daß Fragen dieser Art Sie und die Ihrigen damals wenig beschäftigten. Damals! Das konnte sich geändert haben, nachdem die politische Spannung nachgelassen hatte. Ich gestehe, daß ich voll heimlicher Sorge war, es könnte sich hier eine zweite, bisher noch gar nicht beachtete, vielleicht unübersteigliche Scheidewand zwischen uns schieben. Jetzt athme ich freier. Meine Reise hierher, teuerste Juliette, hatte ja keinen andern Zweck –“

Sie trat, wie erschreckt, hastig einen Schritt zur Seite und wandte das Gesicht ganz von ihm ab. „Ich glaubte, Sie wollten meinen Eltern einen – Besuch abstatten,“ unterbrach sie, „– und ich hielt Sie schon zu lange auf.“ Sie ging ihm voran nach der Hausthür zu, aber er folgte nicht und nöthigte dadurch auch sie, wieder stehen zu bleiben. Dann erst trat er [282] an sie heran. „Entfliehen Sie mir nicht!“ bat er sanft und energisch zugleich. „Es ist eine Fügung des Himmels, daß ich Sie sprechen darf, ehe ich mich Ihren Eltern eröffne. Ihretwegen, Juliette, allein Ihretwegen kam ich ja.“

Das Wort war gesprochen; er wußte selbst nicht, wie es so rasch auf seine Lippen gekommen war. Es war nicht mißzuverstehen, und der zärtliche Blick, der es begleitete, schien nur zu fragen: kam ich dir erwünscht? Ueber das schöne, jetzt marmorbleiche Gesicht des Mädchens zuckte es hin wie ein Aufblitzen freudiger Erregung. Dann schien sie Schmerz zu empfinden: unter der Stirn zogen sich die Augenbrauen finster zusammen, und der schon zum Sprechen geöffnete Mund schloß sich wieder mit krampfartigem Druck. Er glaubte keine Antwort abwarten zu dürfen. „Hören Sie mich gütig an, Juliette!“ fuhr er fort; „wer weiß, ob mir die Stunde noch einmal so günstig ist – und Sie müssen Alles erfahren.“

Sie ließ den Mantel fallen und streckte die Hand wie abwehrend gegen ihn aus. „Nein, nein –! schweigen Sie –“ fiel sie jetzt fast heftig ein, und ihre Stimme hatte einen bange zitternden Klang. „Sie dürfen so nicht zu mir sprechen – nie, nie!“

„Ich muß!“ rief er leidenschaftlich, „ich muß – und wenn es mir an’s Leben gehen sollte! – Es geht mir an’s Leben, Juliette,“ fuhr er sanfter fort, „glauben Sie mir das! Ich habe Ihnen ein kurzes Bekenntniß zu machen, das Ihnen vielleicht besser, als eine lange Rede, meinen ganzen Zustand erklärt: ich, Juliette, war der Räuber Ihres Bildes.“

[293] Das Mädchen hob rasch den Kopf und musterte ihn mit einem Blicke sprachlosen Erstaunens. Er wiederholte die letzten Worte, als wollte er jeden Zweifel beseitigen und nickte dabei freundlich. Ihm war eine Last vom Herzen. Juliette fand sich nicht sogleich in das ganz Unerwartete. „Sie, mein Herr …“ sagte sie mit ängstlich verhaltenem Tone; „Sie haben mein Bild –“

„Es war ein Zauber darin, den keine Philosophie ergründet. Und wenn alle Schätze der Welt dort oben aufgehäuft gewesen wären, sie hätten mich nicht verlockt. Aber dieses Bild … Ich wußte ja selbst nicht, was ich that, als ich es nahm. Die merkwürdigen Augen fesselten mich, diese lachenden Augen, die zu sprechen schienen: ‚ich bin das Glück; halte es fest!‘ Und als mir’s dann gehörte, das kleine Bild, da wurde es meine Unruhe. Es trieb mich zurück in dieses Haus, es zwang mich, hier Quartier zu nehmen; es gab mir den Rath ein, Ihren Vater zu begleiten, als er Sie aus der Pension abholte, es sprach mir Muth zu, wenn Ihr patriotischer Eifer meine freundschaftliche Annäherung verletzend zurückwies; es ließ mich selbst in jener traurigsten Stunde des Abschiedes nicht ganz trostlos; es begleitete mich in die Heimath und lachte mir auch dort glückverheißend zu. Und daß ich nun wieder vor Ihnen stehe, Juliette, auch das ist sein Werk. Sie ahnten nicht, welche Bedeutung Ihre Worte hatten, als Sie dem unbekannten Entführer eine unlöschliche Sehnsucht in’s Herz wünschten, als Strafe seiner Vermessenheit. Ihr Richterspruch hatte sich schon erfüllt.“

Juliette stand da, wie in tiefes Nachdenken versunken. Sie hatte die rechte Hand auf’s Herz gelegt und faltete mit der herabhängenden Linken mechanisch den Mantel, um ihn gleich wieder herabsinken zu lassen und das Spiel von Neuem zu beginnen. Sonst schien in der ganzen Gestalt keine Bewegung zu sein. Erst als er schwieg, hoben sich ihre langen Augenwimpern ein wenig, als erinnerte sie sich nun wieder an sich selbst. Er glaubte einen leisen Seufzer zu vernehmen, und die Lippen schienen etwas sprechen zu wollen. Er beugte sich vor und horchte gespannt; ihm war, als müßte die nächste Secunde über Sein und Nichtsein entscheiden. „O, das ist ein schweres Schicksal …“ hörte er sie fast tonlos hauchen.

„Ein Schicksal,“ berichtigte Arnold, „ohne Zweifel ein Schicksal. Aber warum ein schweres? Sind wir nicht seiner Herr, wenn wir uns ihm beugen? Und weshalb Widerstand versuchen? Ich bekenne mich machtlos, Juliette, und Sie – sprechen Sie, theuerste Juliette! – empfinden nicht auch Sie diesen Zwang wie etwas Unabwendliches, Unaufhaltsames –“

Unter ihren Wimpern stürzten die hellen Thränen hervor.

Sie wandte sich rasch ab und ging einige Schritte vor. „O, warum thun Sie mir das?“ sagte sie mit bebender Stimme. „Es kann – es darf ja nicht sein.“

Arnold folgte ihr. „Wenn Sie, wie ich, entschlossen sind –“

„Aber Sie sind ein Mann,“ unterbrach sie, „und Sie haben nicht einen Vater …“

„Ihr Vater wird sich bewegen lassen –“

„Nie, nie würde er einwilligen – glauben Sie mir: nie!“

„Wenn ich ihm sagen darf, daß Sie mich lieben –“

„Das wäre sein Tod. Nein, Sie dürfen nicht … O, mein Gott, wie kann ich Sie überzeugen …? Ich – ich – ich liebe Sie nicht.“

„Juliette –!“

„Ich liebe Sie nicht.“

„Und Ihr Bild ruft mir zu: ‚laß dich nicht beirren – du bist doch geliebt.’“

„Es ist Täuschung, mein Herr, Täuschung. Geben Sie das Bild zurück, und Sie werden wieder frei sein in Ihrem Gefühle –“ Sie eilte mit schnellen Schritten fort, der Ecke des Hauses zu, um welche der Weg nach dem hinteren Theile des Gartens führte.

„Ich trenne mich nicht mehr von ihm,“ rief er; „es ist mir ein Talisman, und ich gebe keine Hoffnung verloren, so lange ich ihn besitze. Beantworten Sie mir nur noch eine Frage: ist es wahr, daß Ihr Vater bereits über Ihre Hand verfügt hat?“

„So weit geht seine Macht nicht,“ entgegnete sie, sich stolz aufrichtend. „Ich werde nie einem Manne die Hand reichen, den ich nicht liebe.“

„Und dem Manne, den Sie lieben –“

„Nie ohne meiner Eltern Zustimmung.“ Das sagte sie zwar ohne Zögern, aber nicht mit derselben Sicherheit und Schärfe. Bildete er sich’s nur ein, daß ihre thränenfeuchten Augen dabei sprachen: aber du bist der Mann, den ich liebe!? Sie grüßte mit der Hand, kehrte sich rasch ab und entschwand ihm hinter dem Hause. Er wagte nicht, ihr nachzugehen.

Arnold hatte sich’s ja selbst nie anders gedacht, als daß er sein geliebtes Mädchen mit der Eltern Zustimmung heimführen wolle; nun aber gefiel es ihm doch wenig, daß Juliette das volle Gewicht darauf legte und der Hauptfrage auswich. Sich geliebt wissen, schien seinem Herzen ein so starkes Bedürfniß, daß dagegen der praktische Zweck der Werbung weit zurücktrat. Zwei Menschen, die ihrer Liebe gewiß seien, meinte er, könnten nicht unglücklich sein, auch wenn ein äußeres Hinderniß ihrer Vereinigung entgegentrete; gerade im gemeinsamen Kampfe werde [294] sich die Stärke ihrer Neigung bewähren. Juliette wagte aber nicht, sich zu binden, sie hielt jede Bemühung seinerseits für hoffnungslos. Das drückte seine Stimmung nieder, während er nun langsam dem Portale zuschritt, oft stehenbleibend und überlegend, was am rathsamsten zu thun sei. Es war da eigentlich gar nichts zu überlegen: zurück durfte er auf keinen Fall. Die Zaghaftigkeit suchte nur nach Gründen, eine Entscheidung hinzuhalten, die ihn sehr schmerzlich berühren konnte. Aber vorstellen mußte er sich seinen alten Quartiergebern doch. Er zog, unwillig über seine Unentschlossenheit, mit einem kräftigen Rucke an der Glocke – sie wollte wieder gar nicht aufhören, zu läuten, wie in jener Nacht im verlassenen Hause.

Er schickte seine Karte hinein. Madame Blanchard empfing ihn nicht unfreundlich im Salon, der eine neue Ausstattung von Teppichen, Decken und Vorhängen erhalten hatte. Sie fand es ganz natürlich, daß er, wenn er Geschäfte halber nach Paris kam, einen Besuch in ihrem Hause nicht versäumte, und glaubte sich’s nicht erst bestätigen lassen zu dürfen, daß er Geschäfte halber komme. Man habe noch oft an ihn gedacht, versicherte sie, und werde ihm auch ferner ein gutes Andenken bewahren. Das Gespräch wurde eine Weile in jenem heitern Gesellschaftstone weitergeführt, der so bequem über alle Unebenheiten der Situation hinweghilft, indem er sie mit höflichen Redensarten ausfüllt. Arnold, der sich auf eine sehr kühle und gemessene Aufnahme gefaßt gemacht hatte, war sehr geneigt, dieses freundliche Sichgehenlassen zu überschätzen, und kam bald in die beste Laune, indem er die kleinen häuslichen Ereignisse des vorigen Jahres humoristisch beleuchtete. Man scherzte und lachte und hätte in derselben Weise auch noch Stunden lang scherzen und lachen können, ohne einander näher zu kommen.

Herr Blanchard, hieß es, mache noch Toilette. Er brauchte viel Zeit dazu, und als er dann endlich, auf einen Stock gestützt, erschien, war Arnold nicht wenig erschreckt über sein leidendes Aussehen. Seine Magerkeit hatte noch zugenommen; Rock und Weste hingen lose von seinen Schultern herab wie von einem Knochengerüste. Die Haut auf den eingefallenen Backen war lederfarben; die linke Seite des Gesichts zeigte deutliche Spuren einer nicht gründlich gehobenen Lähmung, und beim Gehen schleppte auch der linke Fuß ein wenig nach. Arnold eilte ihm entgegen und reichte ihm zum Gruße beide Hände hin. Der Franzose berührte aber nur die eine mit den Fingerspitzen und winkte wieder auf den Platz zurück. Seine Frau schob ihm einen Sessel hin; er stützte sich auf die Lehne desselben und steckte die Hand in die Weste. Arnold war auf eine politische Standrede gefaßt.

„Sie kommen, die Physiognomie eines Landes zu studiren, mein Herr,“ begann er nach kurzem Räuspern, „das einen unglücklichen Krieg durchgemacht hat. Sie werden wenig finden, was Sie daran erinnert; nur das Frankreich, das sich selbst zerfleischte, zeigt dem Fremden noch überall seine klaffenden Wunden. Aber auch sie werden sich schließen, schneller als unsere Feinde wünschen. Die ungeheuren Opfer – Opfer – Opfer …“ Er verlor mitten im Pathos der Rede, auf die er sich wahrscheinlich beim Ankleiden vorbereitet hatte, den Faden, wiederholte sich, stieß mit der Zunge an und suchte mit den Augen bei seiner Frau Hülfe.

„Du hast Recht,“ sagte sie, „die Opfer, die man Frankreich zumuthete, waren ungeheuer.“

Er schüttelte unwillig den Kopf. „Sie wiegen zu leicht, wenn man drüben geglaubt hat, uns zu Grunde – uns zu Grunde zu richten. Frankreich besitzt eine Lebenskraft … Sehen Sie mich an! Ich bin Frankreich –“ seine Hand zitterte auf dem Stocke, während er sich aufrichtete, um sich eine imposante Haltung zu geben – „ich bin Frankreich. Der Krieg hat mich um ein Vermögen gebracht, das die Arbeit vieler Jahre repräsentirte – und heute blüht mein Geschäft wieder; eine schwere Krankheit warf mich auf’s Lager, und heute sehen Sie mich wieder frisch und kräftig … frisch und – frisch …“ Sein Blick wurde wieder flimmernd und irrend.

„Du solltest Dich nicht aufregen, lieber Charles,“ mahnte seine gute Frau, indem sie ihn unter den Arm faßte und sanft auf den Sessel niederdrückte. „Herr Rose hat sich uns immer als ein Mann ohne Vorurtheil bewiesen; er zweifelt gewiß keinen Augenblick –“

„Daß Frankreich mit bewunderungswürdigem Muthe und mit scheinbar unerschöpflichen Kräften an seiner Wiederherstellung arbeitet,“ fiel Arnold ein.

Herr Blanchard nickte mit wohlgefälligem Lächeln. „Einen Riesen mag man um einen Fuß kürzen,“ sagte er, „und er bleibt doch ein – bleibt doch ein – ein …“

„Riese,“ ergänzte der junge Mann. „Wir in Deutschland wissen das.“

Wieder ein gnädiges Nicken. „Wissen Sie das? Gut! das ist gut. Man hat drüben allen Grund bescheiden zu sein.“

„Bescheiden im Glück, stolz im Unglück,“ bemerkte Arnold, „so wünsche ich mir meine Freunde.“

„Stolz zu sein werden die Deutschen nie lernen, auch nicht im Unglück,“ entgegnete der Kaufmann mit einem Blick von oben her. „Eine Nation von – von – von …“

„Von Philosophen,“ half Madame.

„Das meinte ich nicht. Von … Gut! es kommt nicht darauf an. Was führt Sie her, mein Herr? – wenn die Frage nicht indiscret ist.“

Arnold überlegte einen Moment. „Ich komme, mir in Frankreich eine Frau zu suchen,“ sagte er dann möglichst leichthin.

„Ah!“ rief Herr Blanchard und warf den Kopf zurück, was wahrscheinlich bedeuten sollte: darauf zu antworten wäre Thorheit. Ein moquantes Lächeln konnte diese Annahme fast zur Gewißheit machen.

Madame Blanchard schenkte seiner sonderbaren Behauptung doch mehr Aufmerksamkeit. „Sie scherzen,“ äußerte sie kopfschüttelnd und sah ihn doch dabei so prüfend an, als habe sie geheime Zweifel an ihrem eigenen Unglauben.

„Ich scherze durchaus nicht,“ versicherte Arnold lebhaft, aber doch noch mit einer Art humoristischer Reserve, um nöthigenfalls den Rückzug offen zu lassen. „Ich habe im vorigen Jahre eine sehr liebenswürdige junge Dame kennen gelernt, die zu besitzen mir ein großes Glück bedeuten würde. Ich glaube zu wissen, daß mir die junge Dame auch ein wenig geneigt ist, und wenn sie den Muth haben sollte, dies einzugestehen –“

„Aber die Eltern?“ fiel Madame Blanchard. offenbar beunruhigt, ein. „Können Sie es für denkbar halten, daß die Eltern –“

„Ah!“ rief der Hausherr wieder dazwischen, und sein kleiner Kopf rückte noch einen halben Zoll aus der Binde. Der Laut klang diesmal verweisend, als wolle er sagen: warum über dergleichen Unsinn noch ein Wort verlieren? Sein Gesicht drückte Aerger aus. Die Frau nahm seine Hand und streichelte sie.

Der Gast stand auf. „Ich hoffe,“ sagte er, „daß auch in Frankreich noch das Recht der Liebe über allen Rechten ist. Eine so hochherzige Nation sollte in keinem ihrer Glieder so kleinlich denken, es denen verkümmern zu wollen, die glücklich sein können.“ Er sprach diese Worte ganz ernst und so nachdrücklich, daß eine Beziehung kaum zu verkennen war. Madame Blanchard schien sie auch zu verstehen; sie senkte die Augen und zog die Unterlippe ein wenig zwischen die Zähne. Ihr Mann, der sich mit Hülfe des Stockes zitternd erhoben hatte, sah ihn dagegen groß an, als erwartete er eine Erklärung zu dieser dunkeln Rede. Arnold gab sie nicht. „Ich habe meinen alten Onkel mitgebracht,“ sagte er, sich verabschiedend, „denselben, der Ihnen aus Victor’s Briefen bekannt sein wird. Darf ich mir die Ehre geben, ihn morgen vorzustellen?“

„O – wir bitten sehr,“ antwortete die Hausfrau für ihren Mann, der sich in diese neueste Neuigkeit nicht sogleich schien finden zu können.

„Er hat nur eine einzige Untugend,“ bemerkte Arnold schon an der Thür mit schalkhaftem Lächeln, „aber freilich eine große, fast unverzeihliche: er spricht nicht Französisch. Darüber wird er sicher morgen die tiefste Reue empfinden, wenn er sich um das Vergnügen gebracht sieht, Ihnen alle die Artigkeiten zu sagen, zu denen ihn sein Herz drängt. Nehmen Sie gütigst mich zum Dolmetscher an!“

Madame Blanchard war nicht undankbar für diese höfliche Schlußwendung: sie reichte ihm zum Abschied huldvoll die Hand und gestattete einen Kuß auf dieselbe. –

Als Arnold, ganz vertieft in Gedanken über das so eben Erlebte, sich dem Gasthause näherte, fand er eine beträchtliche Menschenmenge vor demselben und als er eingetreten war, den [295] alten Onkel in einem wahrhaft erbarmenswürdigen Zustande. Er lehnte todtenbleich und ganz aufgelöst in einer Sophaecke, hatte die Hände gefaltet und erwartete sein Ende in Schrecken. „Kommen sie schon, diese entsetzlichen Menschen?“ fragte er mit lallender Stimme, „bin ich rettungslos verloren? Wenn Du entfliehst – nimm Dich meiner armen Cläre an, Arnold … ach! es ist mein Tod!“

Nur sehr langsam gelang es, ihn so weit zu beruhigen, daß er erzählen konnte, was geschehen. Er habe sich verleiten lassen, von der geraden Straße abzugehen, um ein Etablissement seitwärts zu besichtigen. Dahinter habe er die Spuren von Verschanzungen gefunden, die sein Interesse erregten und ihn weiter vom Wege abführten. Er begreife selbst nicht, wie er bei seiner Aengstlichkeit sich so in’s Ungewisse habe wagen können. Er müsse wohl die Kreuz und Quer gegangen sein, denn als er sich nun zurückgewandt, sei er auf einen unrichtigen Weg gerathen. Zu seinem Unglück sei ihm nun der Gedanke gekommen, seinen Plan von Paris und Umgebung hervorzuziehen und den Versuch zu machen, sich mit Beistand desselben zu orientiren. Gleich darauf hätten sich ihm zwei Männer genähert, die ihn schon vorher aus einiger Entfernung beobachteten, und ihn gefragt, was er da so geheim treibe. Aus seiner Antwort müßten sie wohl sofort gemerkt haben, daß er ein Deutscher sei, und nun hätten sie ihn einen Spion genannt und in ihre Mitte nehmen wollen. In seiner Angst gemißhandelt zu werden, habe er sich nun eiligst aus dem Staube gemacht; sie wären ihm aber nachgelaufen und hätten immer geschrieen: ‚ein Spion – ein deutscher Spion!‘ Bald wäre eine größere Schaar hinter ihm her gewesen; er habe seinen Hut und seine Brille verloren. Endlich habe man ihn ergriffen und „unter den furchtbarsten Drohungen“ hierher escortirt, nachdem er den Namen seines Hôtels genannt. Mit Mühe nur habe der Wirth ihn den Armen dieser „blutgierigen Wütheriche“ entreißen können die „zu vielen Tausenden“ das Haus belagerten. Er erwarte von diesem „Bestienvolk“ das Schlimmste. „Das Beste wäre,“ meinte er, „wir warteten die Dunkelheit ab und suchten dann nach dem Stationsgebäude der Eisenbahn zu entkommen. Hätte ich mich doch niemals zu dieser unglückseligen Reise überreden lassen!“

„Nun sind wir aber einmal hier, Onkel,“ begütete Arnold, „und müssen auf unserm Posten aushalten. Verlassen wir uns auf unser gutes Gewissen! Nur nicht Faust zeigen! Nur nicht Heimlichkeiten vornehmen! Glaube mir: man hat jetzt seine Komödie gespielt und kümmert sich nicht weiter um uns.“

Wie zur Bestätigung dieser Ansicht brachte der Hôtelbesitzer Hut und Brille des alten Herrn. Eine Frau habe sie abgegeben, „da man der fremden Sachen wegen nicht Unannehmlichkeit haben wolle.“ Er lachte jetzt schon selbst über den Vorfall und meinte, die Leute seien doch recht närrisch. „Es ist ihnen freilich nicht zu verdenken,“ fügte er hinzu.

Nach dem Mittagessen schlug Arnold eine Fahrt nach Paris vor, um Victor Blanchard aufzusuchen; aber Helmbach, so gern er den alten Bekannten begrüßt hätte, den er wirklich recht lieb gewonnen, war nicht zu vermögen, das Haus zu verlassen, „es sei denn bei Nacht und Nebel“. Der Neffe entschloß sich, allein zu fahren.

Er traf glücklich den jungen Officier in seiner Wohnung. Die Begrüßung war recht herzlich; er mußte sogleich umständliche Auskunft über alle seine Angehörigen in der Heimath geben, auch über das „schöne blonde Fräulein“, das ihm so gutherzig die schweren Tage der Gefangenheit habe kürzen helfen. Von Zeit zu Zeit warf Victor einige deutsche Brocken in die Unterhaltung ein, um zu zeigen, daß seine Studien fruchtbar gewesen seien. Arnold glaubte sich ihm ganz frei eröffnen zu können.

„Ah! dachte ich’s doch!“ rief der Lieutenant, „dachte ich’s doch! Juliette, die sonst so gut Spaß versteht, ließ sich mit Ihnen durchaus nicht necken. Ja, ich will’s Ihnen nicht verdenken, daß Sie dem Mädchen gut sind; meine kleine Schwester – ich kann’s ja sagen, da Sie jedenfalls ungeprüft meinen Enthusiasmus theilen – ist ein reizendes Geschöpf Gottes, dem ich von Herzen alles Glück wünsche, das in dem besten Herzen Platz hat. Ich bin ohne Vorurtheil. Warum soll sie nicht einen Deutschen lieben? Was hat die Liebe zweier Menschen aus bürgerlichen Familien mit der Politik zu schaffen? Hätte ich Juliette’s kleine Hand zu vergeben … nun! ich will nicht sagen, daß Sie mir der erwünschteste Schwager wären, aber entgegen wollte ich ihrer Neigung gewiß nicht sein, und jedenfalls wären Sie mir lieber, als Herr Credillon, der Maire, der ein sehr zweifelhafter Charakter ist und den Vater durch geschmeidiges Wesen und allerhand Vorspiegelungen von weitreichenden Verbindungen ganz bethört hat.“

„Ist meine Bitte unverschämt,“ fragte Arnold nicht ohne Beklommenheit, „daß Sie sich bei Ihrem Vater für mich verwenden? Sie kennen meine häuslichen Verhältnisse, Sie würden –“

Victor lachte. „Da fallen Sie gerade auf den untauglichsten Vermittler. Ich lebe mit meinem Vater auf ziemlich gespanntem Fuße, müssen Sie wissen. Das Wenigste ist, daß ich ihm zu oft mit Geldforderungen komme – aber unsere Ansichten über tausend Dinge in der Welt stimmen nicht, und ich kann nun einmal nicht den Mund halten, wenn ich etwas besser zu verstehen glaube. Seit seinem Schlaganfall ist er ungemein reizbar. Ich darf ihm jetzt nicht einmal mehr widersprechen; er sieht mir’s schon vom Gesicht ab, daß ich innerlich anderer Meinung bin, und da sein bester Freund, der Maire, in der unvernünftigsten Weise alle seine Marotten bestärkt, wird die Differenz zwischen uns von Tage zu Tage größer. Spreche ich für Sie, so werden Sie ihm bald als der gefährlichste Mensch unter der Sonne erscheinen. Günstiger wär’s für Sie, wenn ich vor Ihnen warnte – ha, ha, ha!“

„Aber wie hat eine solche Entfremdung –“

„Lieber Freund, die Politik spielt jetzt in Frankreich eine garstige Rolle, ganz ebenso in jedem Privathause wie im Saale der Abgeordneten. Erwarten Sie von mir keine Enthüllungen, keine Eröffnungen – ich bin Soldat. Nur das Eine darf ich Ihnen vertrauen: ich bin, wie die Verhältnisse einmal liegen, ungern Soldat. Ginge es nach meinen Wünschen, ich nähme meinen Abschied. Aber mein guter Papa … ah! lassen wir das, ich sage nichts mehr.“

„Und ich darf also in keiner Weise auf Ihren Beistand hoffen?“

„Was kann ich für Sie thun? Ich will Sie hinaus begleiten, will mit meiner Schwester, vielleicht auch mit meiner Mutter sprechen, wenn sich’s so fügt, aber – mein Vater hat die entscheidende Stimme, und ich zweifle sehr …“

Er zuckte die Achseln, und Arnold seufzte tief: „Weit, weit vom Ziel.“

Arnold nahm das Anerbieten mit Dank an. Die beiden Männer fuhren zusammen bis zum Gasthause; dann ging Victor zu Fuß bis zur Villa. Spät Abends sah Arnold, der am Fenster stand, ihn von dort mit jenem Herrn zurückkehren, dessen Bekanntschaft er am Gitter gemacht zu haben sich erinnerte. Es mußte der Maire sein. Victor verabschiedete sich sehr förmlich von ihm und trat in das Haus. „Ich bestelle mir hier den Wagen,“ hörte er ihn beim Eintreten sagen.

Arnold ging ihm vor Ungeduld entgegen. „Nun – was bringen Sie?“

„Wenig Tröstliches,“ antwortete der Officier, wie es Arnold vorkam, nicht ganz in dem früheren freundlichen Tone. „Herr Credillon ließ mich kaum aus den Augen – er betrachtet mich als seinen Widersacher und hat ja Grund dazu. Er wußte übrigens schon, bevor er es von den Meinigen erfuhr, daß Sie derselbe Arnold Rose sind, der im vorigen Winter in unserm Hause Quartier genommen hatte, und ich irre wohl schwerlich, wenn ich annehme, daß er noch mehr zu wissen glaubt. Dieser Mensch hat eine ganz eigene Combinationsgabe. Nehmen Sie sich vor ihm in Acht!“

„Ich gehe nicht auf unrechten Wegen,“ bemerkte Arnold.

„Gleichwohl! Leuten seiner Art kommt es auf einen Machtmißbrauch mehr oder weniger nicht an. Uebrigens wird er bei Juliette nichts erreichen. Sie hatte sich unwohl melden lassen und blieb auf ihrem Zimmer. Ich konnte sie also ein paar Minuten allein sprechen; aber es war nichts aus ihr herauszubringen, als daß sie entschlossen sei, keinen Zwang zu dulden. Kein Wort der Ermuthigung kam über ihre Lippen, aber sie verwahrte sich auch nicht gegen Ihre Werbung. ‚Es ist nicht gut zu fragen,‘ sagte sie, als ich heftiger in sie drang, ‚wenn die Antwort nichts entscheiden kann.‘ Das arme Mädchen leidet schwer; ich kenne dieses feste Herz, das so viel Gewalt aber sich selbst hat. Geben Sie mir als Ehrenmann das Versprechen, [296] Juliette nicht weiter zu beunruhigen, wenn Sie sich überzeugen sollten, daß Sie bei den Eltern nicht zum Ziele gelangen können!“

„Was verlangen Sie von mir?“ fuhr Arnold auf. „Nie – nie werde ich vergessen –“

Victor ergriff seine Hand und drückte sie. „Das steht bei Ihnen. Sie empfinden heute so, und das kann mich nur freuen. Aber es handelt sich hier um etwas Anderes: um die Einwirkung auf Entschlüsse, die nicht gefaßt werden können ohne schwere Pflichtverletzungen. Was wollen Sie? Juliette ist ein Kind Frankreichs. Achten Sie die Rücksichten, die sie dieser Mutter zu schenken hat, wenn sie dem Manne ihrer Wahl folgt, noch so gering – sie werden auch in Ihrer Schätzung größere Bedeutung gewinnen müssen, wenn der berechtigte Widerspruch der leiblichen Eltern sie stärkt. Das Mädchen, das Ihnen in Feindesland folgte ohne den Segen von Vater und Mutter, könnte Ihnen, wie ich Sie kenne, unmöglich eine erwünschte Gattin sein. Und ich setze noch Eines hinzu: alle Ihre Liebe würde sich machtlos erweisen, ihr den Frieden zu geben, den das Glück braucht.“

Arnold war nicht befangen genug in seiner Leidenschaft, um die Wahrheit dieser Worte zu verkennen, die offenbar ein theilnehmender Freund sprach. Er erwiderte stumm den Druck der Hand, und Victor war mit diesem Zeichen der Zustimmung zufrieden. Beide traten nun in’s andere Zimmer zu Helmbach ein, der ein Glas Punsch präparirte, zur Stärkung, wie er sagte, wobei es eine offene Frage blieb, wer nach seiner Meinung derselben am meisten bedürfte. Der junge Officier suchte seinen deutschen Sprachschatz hervor, um den alten Herrn bei dem Gespräche zu betheiligen, das dadurch bald eine humoristische Wendung nahm. Man stieß an auf des blonden Clärchens Wohl, und Victor versicherte mit einem Blicke auf Arnold, daß er „gewisse Thorheiten“ ganz gut begreife und wahrscheinlich auch den Muth gehabt hätte, sie zu begehen, wenn er in Deutschland seinen Namen hätte besser zu Ehren bringen können. Wenn man freilich ein armer Gefangener sei, so müsse man sich den Appetit vergehen lassen, Eroberungen zu machen. Das war so scherzhaft gesagt, daß darauf im Ernste gar nicht zu antworten war. Man plauderte noch ein halbes Stündchen, bis der Hôtelwagen vorgefahren war; dann verabschiedete sich Victor von den deutschen Freunden mit einem deutschen „Glück auf!“ –

Onkel Helmbach hatte nach einer guten Nacht den Schreck des vorigen Tages so weit überwunden, daß er den Bitten des Neffen, ihn nach der Villa zu begleiten, nur schwachen Widerstand entgegensetzte. Er mußte wohl einsehen, daß er sich nicht fernhalten dürfe, nachdem sein Besuch einmal angemeldet worden. Nur bestand er noch darauf, daß man sich trotz der kurzen Strecke in den Wagen setze. Die beiden Herren warfen sich also in feinste Visitentoilette und machten sich auf den Weg – Arnold mit sehr schwerem Herzen. Es kam ihm, je mehr sie sich dem Hause näherten, immer unsinniger vor, so auf Freischaft zu gehen, und doch gab es keine vernünftigere Möglichkeit, sich zu erklären. Um einen Brief zu schreiben, hätte er keine weite Reise nötig gehabt.

Als sie durch den Vorgarten gingen, bemerkte Arnold, oben am letzten Fenster hinter der Gardine Juliette. Als er hinauf grüßte, zog sie sich eilig zurück. Es war ihm ein gutes Omen, sie vor seinem Eintritte in’s Haus gesehen zu haben.

Herr und Madame Blanchard warteten schon im Salon. Sie empfingen die Gäste mit ausgesuchter Höflichkeit und doch zugleich mit kühler Zurückhaltung. Es war wunderlich, wie Onkel Helmbach ihre feierlichen Anreden mit verlegenem Lächeln entgegennahm und mit ein paar angelernten Phrasen beantwortete, die nur sehr unvollkommen paßten. Ein Franzose hätte sich umgekehrt in deutscher Gesellschaft schwerlich so gedrückt gefühlt.

„Mein Onkel ist entzückt von der freundlichen Aufnahme, die er in diesem mir so werthen Hause findet,“ dolmetschte Arnold, „und bedauert nur, Ihnen nicht selbst seine Gefühle nach Wunsch ausdrücken zu können.“ Er wandte sich an Helmbach und sagte mit demselben hochtönenden Pathos, aber in seiner Muttersprache: „Thu’ mir die Liebe, Onkel, und nicke zu Allem, was ich sage, mit dem Kopfe! Ich werde dafür sorgen, daß Dein liebenswürdiges Lächeln von unseren Wirthen auf’s Günstigste ausgelegt wird.“ Der alte Herr nickte und lächelte. „Wären wir nur erst zur Thür hinaus,“ dachte er bei sich.

Madame Blanchard richtete wieder eine lange und sehr lebhafte Rede an ihn. Sie dankte für die Gefälligkeiten, die er ihrem Sohn erwiesen und die ihr das ganze Leben lang unvergeßlich bleiben würden.

„Er hat sich bei Ihnen so wohl gefühlt,“ setzte ihr Mann hinzu, „daß er fast verlernt hat, ein guter Franzose zu sein.“ Er zog dazu ein verdrießliches Gesicht.

„Bin ich nicht bei Ihnen ein halber Franzose geworden?“ warf Arnold ein. „Zum halben Deutschen fehlt bei Victor noch viel. Nicht wahr, Onkel?“

Helmbach nickte. „Wo ist denn aber das Mädchen?“ fragte er leise; „ich wäre doch begierig –“

„Nenne nur getrost ihren Namen, Onkel, damit ich anknüpfen kann. Ich muß doch ein Stichwort haben.“

„Nun, ich meine Fräulein Juliette.“ Sein glattes Gesicht wurde rosig, wie von der Morgenröthe angehaucht, als er das Losungswort aussprach.

„Du bist zum Küssen, Onkel,“ rief Arnold. „Sie hörten da einen Namen nennen, Madame,“ wandte er sich an die Mama, „der Ihnen auch ohne meine Erklärung die Wünsche meines Onkels deutlich gemacht haben wird. Es würde ihm so viel Ehre wie Vergnügen sein, Ihrem Fräulein Tochter vorgestellt zu werden, von der er durch mich so viel Gutes gehört hat und für die er seinem Neffen zu Liebe schwärmt. Nicht wahr, Onkel, ich sage nicht zu viel?“

Der alte Herr, der wenig davon verstanden hatte, nickte eifrig. „Aber so schüttele doch den Kopf!“ bedeutete der Neffe rasch. Auch das geschah.

„Es thut mir unendlich leid,“ bedauerte Madame Blanchard, „mich selbst des Vergnügens beraubt zu sehen, den würdigen Herrn mit meiner Juliette bekannt zu machen. Sie ist seit gestern unwohl und nicht zu vermögen, das Zimmer zu verlassen. Ich bitte, sie zu entschuldigen.“

„Ich bitte, sie zu entschuldigen,“ wiederholte Herr Blanchard.

Arnold biß sich auf die Lippe, um ein Gefühl von Zaghaftigkeit schneller zu überwinden, das sich in diesem Augenblicke seiner bemächtigte. Das Gespräch war glücklich auf das Mädchen geleitet und durfte sich von diesem Gegenstande nicht mehr entfernen. „Sollte ein besonderer Anlaß …“ sagte er schüchtern ausholend. „Ich hatte gestern, ehe ich bei Ihnen eintrat, die Freude, Fräulein Juliette – im Garten vor Ihrem Hause – begrüßen zu können, und ich bemerkte nicht …“

„Sie haben Juliette schon gesprochen,“ fiel Blanchard überrascht ein. „Aber davon hat sie uns ja kein Wort gesagt.“ Er sah dabei fragend seine Frau an.

„Vielleicht hat Ihr plötzliches Kommen sie erschreckt,“ bemerkte sie, zur Erde blickend. „Das arme Kind hat so schwache Nerven, und Ihre Person – das ist ja so natürlich – mußte bei ihr Erinnerungen erwecken, die …“

„Die auch stärkere Nerven angreifen können,“ ergänzte der Herr Gemahl, die Hand in die Weste steckend.

„Ich hoffe, Sie täuschen sich,“ sagte Arnold, „sich im Sessel vorbeugend. „Ich bin eitel genug, zu glauben, daß mein Anblick dem Fräulein nicht so schreckenerregend war. Wir schieden im letzten Frühjahr, was auch im Augenblicke störend einwirkte, als gute Freunde, und es ist, wie ich annehmen darf, in der Zwischenzeit Nichts geschehen, was dieses Band gelockert haben könnte. Auf meiner Seite hat es sich nur noch mehr befestigt, und wenn Sie aufrichtig sein wollen und können, meine verehrte Madame, so werden Sie mich vielleicht auch darüber beruhigen können, daß Juliette’s gute Meinung von mir sich nicht geändert hat.“

Madame Blanchard beschäftigte sich damit, die Spitzen ihrer Manschette unter einem goldenen Armbande vorzuzupfen, das zu weit auf die Hand herabgefallen war. Die Finger der schmalen Hand zitterten dabei merklich; der Hausherr richtete sich im Stuhl auf und ließ einen knurrenden Ton vernehmen, der Arnold wie fernes Gewittergrollen in’s Ohr klang. Onkel Helmbach mußte wohl begreifen, daß man bei den Präliminarien der wichtigen Verhandlung angelangt war, bei der er Zeuge sein sollte; ihn überfiel plötzlich ein Husten, der ihn zwang das Taschentuch vorzuziehen und sich damit abgewandt die Augen zu wischen. Dann herrschte eine Secunde lang tiefes Schweigen – die Stille vor dem Sturme.

[309] „Was könnte es nützen,“ nahm Arnold wieder das Wort, „eine Frage hinzuzögern, die an Ihr gutes Herz zu richten der einzige Zweck meiner Reise hierher war. Ich weiß, Madame Blanchard – Herr Blanchard, Sie haben ein gutes Herz, das schon oft zu Gunsten reiner Menschlichkeit den Zwang beengender Vorurtheile durchbrochen hat. Ich sagte Ihnen gestern, daß ich gekommen sei, mir aus Frankreich eine Frau zu holen. Sie schienen’s für Scherz zu nehmen, aber es war wirklich, wie ich versicherte, mein ernsthaftester Ernst. Deshalb begleitete mich mein alter Onkel, um sich mit eigenen Augen für meine besorgte Mutter zu überzeugen, daß die Familie, aus der ich meine Wahl getroffen, die würdigste ist, und um zu bestätigen, daß ich frei über mich zu verfügen habe. Nun – das Mädchen dem mein ganzes Herz gehört, ist längst gefunden; es ist Juliette, Ihre Tochter.“

Blanchard stieß so heftig den Stock auf den Fußboden, daß seine Frau erschreckt auffuhr; als er sich dann vom Stuhle erhob, schüttelte die Hand auf der Krücke hin und her, die kleinen grauen Augen, weit aufgerissen schienen Feuer zu sprühen und die Lippen bewegten sich mit großer Schnelligkeit gegeneinander, ohne sogleich Worte formen zu können. Helmbach, der ein Unglück befürchtete, sprang auf und suchte den am ganzen Leibe Zitternden zu unterstützen; er wies aber den dargebotenen Arm zurück, trat einen Schritt gegen Arnold vor und rief:

„Geben Sie Frankreich – geben Sie – geben Sie Frankreich Elsaß und Lothringen zurück, und Sie sollen – Sie sollen meine Tochter zur Frau haben. Elsaß und Lothringen, mein Herr – Elsaß und Lothringen für meine Tochter!“

Die Aufregung machte seine Sprache wieder unsicher, tastend, zerstückt. Er sank in den Stuhl und wiederholte noch mehrmals leiser und leiser: „Elsaß und Lothringen – meine Tochter.“

Arnold, obschon sich ihm das Herz in der Brust zusammenkrampfte, suchte äußerlich ruhig zu erscheinen. „Sie fordern Unmögliches von mir,“ antwortete er. „Und wenn ich der deutsche Kaiser selbst wäre, diesen Preis für Ihre Zustimmung vermöchte ich nicht zu zahlen. Aber ich liebe Juliette, und Juliette –“

Der Franzose ließ ihn nicht aussprechen. „Unmögliches – Unmögliches –“ wiederholte er, „gerade wie Sie – wie Sie Unmögliches fordern. Mein Kind einem Deutschen – einem von denen, die vor kaum Jahresfrist hier als Feinde hausten, die mit Waffengewalt Paris – Paris – Paris …“ Die Gedanken gingen ihm aus; er brachte den Satz nicht zu Ende. Dann schienen sie, indem sein Blick durch das Zimmer irrte und die offene Thür seitwärts streifte, plötzlich eine neue Vorstellung aufzufassen und festzuhalten. Ein listiges Lächeln flog über sein Gesicht. „Ah! Unmögliches!“ sagte er spöttisch, „kann wohl sein! Gut! Da ist eine andere Aufgabe. Juliette ist beleidigt von einem jener Hunderttausende, die Paris belagerten. Sehen Sie dort den leeren Rahmen – man hat ihr Bild … ihr Bild hat man gestohlen – Juliette’s Bild, mein Herr! Nun denn! schaffen Sie’s zurück in jenen Rahmen, ha, ha, ha! und ich will glauben, daß Sie Juliette lieben.“

Der Eindruck, den er sich offenbar von dieser Anforderung versprochen hatte, deren Bedeutung ihm jenem märchenhaften: „bringe mir drei Haare aus des Sultans Bart!“ gleichzukommen schien, ging gänzlich fehl. Selbst Helmbach’s rundes Gesicht, das soeben noch ganz versteint ausgesehen hatte, schaute auf ein rasch hingeworfenes Wort seines Neffen plötzlich recht vergnügt d’rein. Arnold gab ihm einen Wink und sagte kopfnickend:

„Wenn das Ihr Ernst wäre ... auf diese Bedingung könnte ich wohl eingehen. Ich weiß: es ist Ihr Ernst nicht; Sie wollten meiner nur spotten. Aber wenn es nun ein glücklicher Zufall so fügte, daß ich Ihren Spott in Ernst zu verwandeln vermöchte – wollen Sie darin nicht den Spruch einer gütigen Vorsehung erkennen, die Sie auf diese überraschende Weise mahnt, das Glück zweier Menschen, die zusammen gehören, nicht zu stören? Im vollen Ernst also: geben Sie mir Juliette für Juliette’s Bild! In einer halben Stunde kann der Tausch bewirkt sein.“

Blanchard konnte sich in diese ganze unvermuthete Wendung nicht sogleich finden. Auf seinem fahlen Gesichte haftete noch jenes höhnische Lachen, aber seine Gedanken waren offenbar weit weg davon. Sie suchten, wie seine verschwommenen Augen, irgend einen Halt und konnten ihn nicht finden.

Seine Frau durchschaute schneller die Sachlage. „Wie, mein Herr,“ sagte sie, anscheinend gar nicht unangenehm überrascht, „Sie selbst machten in unserer Abwesenheit diesem Hause einen Besuch – Sie selbst eigneten sich Juliette’s Bild an?“

„Sie selbst – Sie selbst –“ wiederholte Blanchard, der nun gleichfalls zu begreifen anfing; „ah! Sie selbst.“

„Und das Bild zog mich Ihnen nach,“ fuhr Arnold fort. „Sie wissen nun, weshalb ich mich bei Ihnen einquartierte.“

„Und Sie konnten uns so lange in Ungewißheit lassen!“

„Sie werden meine Gründe verstehen, verehrteste Frau. [310] Wäre mir der Gegenstand gleichgültig gewesen, ich hätte das Geheimniß nicht so lange gehütet. Aber vom ersten Augenblicke an bemächtigte sich meiner ein Zwang … ich konnte ihm keinen Widerstand entgegensetzen. Und als ich dann Juliette selbst sah und die tiefste Neigung –“

„Ah! nichts, nichts, nichts!“ fiel Blanchard ein, der nun seine frühere Haltung wiedergewonnen hatte. „Ich glaube noch nicht einmal daran, und wenn wirklich – wenn wirklich –“

„Das Bild befindet sich in meiner Brieftasche,“ versicherte Arnold; „es bedarf nur eines Ganges nach meinem Hôtel –“

„Und wenn wirklich,“ fuhr Blanchard fort, ihn mit der Hand zur Ruhe weisend, „ich habe Ihnen schon gesagt: es ist unmöglich. Ueber meiner Tochter Hand ist auch bereits verfügt.“ Er wandte sich ab und schien damit das Zeichen geben zu wollen, daß ihm die Entfernung des Besuchs erwünscht sei.

Arnold trat zu ihm und legte die Hand auf seinen Arm. „Wenn mich Juliette liebt, Herr Blanchard –“ sagte er mit bewegter Stimme.

„Es ist nicht – darf nicht sein. Juliette ist meine Tochter.“

„Und Sie wollen ihr Herz nicht befragen?“

„Nein.“

„Sie glauben die Verantwortung –“

„Ich weiß, was ich Frankreich schuldig bin. Wir sind besiegt, aber wir haben die Achtung vor uns selbst nicht verloren, mein Herr. „Es giebt unauslöschliche Feindschaften. Kein Wort weiter!“

Arnold sah sich wieder vor der Mauer ohne Pforte, die nun in raschem Sturme zu nehmen gänzlich mißglückt war. Wie der Soldat, der seine Kräfte ohne jeden Erfolg erschöpft hat, fühlte er sich plötzlich ganz muthlos und keiner weiteren Anstrengung fähig. „Vergebens – Alles vergebens,“ sagte er zu seinem Onkel, der sich in der peinvollsten Lage befand und jetzt keine andere Antwort hatte, als ein Achselzucken und einen Blick gen Himmel, für den Arnold sich eine beliebige Auslegung suchen mochte.

„Ich glaube erwarten zu dürfen,“ nahm Madame Blanchard das Wort, „daß Sie uns unter solchen Umständen“ – sie wies auf ihren Mann – „Juliette’s Bild nicht länger vorenthalten werden. Es könnte für Sie, wenn Ihre Gesinnungen aufrichtig sind, woran ich nicht zweifle, nur den Werth einer sehr trüben Erinnerung haben. Uns aber müßte es nach dieser Eröffnung sehr peinlich sein, es in Ihrer Hand zu wissen.“

„Sie haben Recht,“ entgegnete der junge Mann. „Ich weiß, daß mir dieses Bild nur so lange gehören darf, wie die Hoffnung in mir lebt, Juliette selbst zu gewinnen. Noch gebe ich diese Hoffnung freilich nicht auf. Mein Antrag hat Sie überraschen müssen; Ihre Erklärung darauf ist in erregter Stimmung erfolgt – ich darf sie nicht als eine endgültige anerkennen. Sie werden Juliette hören – Sie werden mir gestatten, ihr selbst, wenn sie’s fordern sollte, das mir so theure Bild zurückzugeben. Ich nehme also noch nicht Abschied. Auf Wiedersehen!“

Ohne weiteren Einspruch abzuwarten, faßte er seinen alten Onkel unter den Arm und verließ mit ihm das Zimmer. –

Schweigend gingen sie über die Straße hin nach ihrem Gasthause.

An der Thür kam ihnen der Wirth entgegen. „Meine Herren,“ sagte er ganz verstört, „ich habe Ihnen eine sehr unangenehme Neuigkeit zu melden. In Ihrer Abwesenheit – der Himmel weiß, daß ich außer Schuld bin! – in Ihrer Abwesenheit ist der Maire mit einigen seiner Beamten hier gewesen. Man hat sich Ihre Zimmer aufschließen lassen, hat eine Haussuchung gehalten, Ihre Koffer eröffnet, alle Ihre Sachen –“

„Aber auf welchen Verdacht hin?“ fiel Arnold empört ein. „Was haben wir harmlose Reisende verbrochen –“

„Ach! nach der gestrigen Scene fürchtete ich gleich das Einschreiten der Polizei und des Gerichts,“ äußerte der Hôtelbesitzer mit lebhafter Gesticulation. „Was wollen Sie, meine Herren? Sie sind Deutsche, und Sie haben sich der Spionage verdächtig gemacht. Es mußte etwas geschehen, um die Leute zu beruhigen. Ich sagte Ihnen ja gleich, daß Sie sich sehr vorzusehen hätten. Uebrigens finden Sie Ihr Eigenthum unversehrt. Der Herr Maire hat nichts mitgenommen, als eine kleine Brieftasche, die sich in Ihrem Rocke befand –“

„Meine Brieftasche!“ rief Arnold. „Das nenne ich unverschämt.“

„Mäßigen Sie sich, mein Herr,“ bat der Hauseigenthümer. „Es handelt sich, wie ich annehmen muß, um einen gesetzmäßigen Act der Behörde, deren Anordnungen sich auch der Fremde zu fügen hat. Ich bin überzeugt, daß man Ihnen die Brieftasche zurückgeben wird, nachdem man in discreter Weise Kenntniß von ihrem Inhalte genommen. Was können Sie mehr verlangen?“

„Genugthuung! Ich eile auf die Mairie, und wenn mir dort nicht volle Gerechtigkeit wird, auf die deutsche Gesandtschaft. Lassen Sie mir sogleich den Wagen anspannen!“

Der Franzose lächelte giftig. „Keine Drohungen, mein Herr, keine Drohungen!“ sagte er. „Die Untersuchung wird ihren Gang haben.“

Die Brieftasche fehlte wirklich.

Auf der Mairie wurde Rose mit aller Höflichkeit empfangen. Er stand nun dem Manne gegenüber, mit dem er um ein Herz zu kämpfen hatte. Wußte, vermuthete, argwöhnte Herr Credillon, um was es sich für ihn handelte? Sein nichtssagendes Lächeln konnte darüber nicht aufklären; aber es hatte vielleicht Bedeutung, daß er dabei die Augenlider herabhängen ließ und wie unter einer Schießscharte hervor den Deutschen musterte. „Ich weiß, weshalb Sie kommen mein Herr,“ nahm er sogleich das Wort. „Entschuldigen Sie meinen Besuch in Ihrer Abwesenheit! Die besonderen Umstände verboten eine Anmeldung. Die Pflicht eines Sicherheitsbeamten –“

„Und wessen beschuldigt man uns?“ fiel Rose ein. „Womit rechtfertigt die Behörde diese Haussuchung?“

„Darüber hat sie sich schwerlich Ihnen gegenüber zu verantworten, mein Herr,“ entgegnete der Maire immer in demselben gleichmäßigen und höflichen Tone. „Aber ich stehe durchaus nicht an, Ihnen mitzutheilen, daß Anzeigen gegen Sie und Ihren Reisegefährten bei mir eingelaufen sind, die ich nicht unbeachtet lassen durfte. Die Masse ist aufgeregt, und Sie haben sich verdächtigt. Es mußte amtlich irgend etwas geschehen, um die Leidenschaften zu beruhigen.“

„Und meine Brieftasche –?“

„Ich habe sie an mich genommen, weil sie mancherlei Schriftstücke in einer Sprache enthielt, die ich nicht verstehe. Es war meine Pflicht, festzustellen, daß dieselben keinen Inhalt hätten, der auf einen unerlaubten Zweck Ihres hiesigen Aufenthaltes könnte schließen lassen. Ich zweifele keinen Augenblick –“

„Und wo befinden sich die Papiere zur Zeit?“

„In den Händen des deutschen Dolmetschers, den ich sofort ersucht habe, sie einer Durchsicht zu unterziehen.“

„Darf ich Namen und Wohnung dieses Herrn erfahren?“

„Wozu? Haben Sie die Güte, sich nach zwei Stunden wieder hier zu melden! Ich hoffe dann bereits in der Lage zu sein, die Brieftasche mit ihrem ganzen Inhalte wieder in Ihre Hände zurückgeben zu können. Wie gesagt, nur eine Präventivmaßregel – man soll mich nicht beschuldigen dürfen, nachlässig im öffentlichen Dienst gewesen zu sein.“

„Ich werde mich auf der Präfectur beschweren, mein Herr –“

„Das steht Ihnen frei, mein Herr, aber es ändert in der Sache selbst nichts, könnte jedoch leicht eine Verzögerung herbeiführen, die Ihnen schwerlich angenehm wäre, und die Angelegenheit unnöthigerweise compliciren. Nach zwei Stunden, mein Herr, nach zwei Stunden! Treffen Sie inzwischen gefälligst die Vorbereitungen zu Ihrer Abreise!“

„Es ist durchaus nicht meine Absicht –“

„O, ich bedaure, Sie ersuchen zu müssen, sich gewissen polizeilichen Anordnungen zu fügen, die im Interesse der öffentlichen Sicherheit …“

„Auch wenn meine Papiere in voller Ordnung befunden werden?“

„Auch dann! Ich sehe mich außer Stande, die Verantwortlichkeit dafür zu übernehmen, daß Ihrer Person wegen Unruhen entstehen, die leicht Ihr Leben gefährden könnten. Ich erwarte Sie also nach zwei Stunden. Auf Wiedersehen!“

Er verbeugte sich tief und gab damit das Zeichen, daß er die Audienz als beendigt ansehe. Rose mußte sich überzeugen, daß jede Bemühung, durch seine Vorstellungen die Entschlüsse des Beamten zu ändern ganz fruchtlos sein würde. Im [311] Innersten empört über eine Behandlung, die das öffentliche Interesse zum Deckmantel selbstsüchtiger Motive nahm, verließ er die Mairie.

Die gesetzte Frist war noch nicht verstrichen, als ihm auf seinem Zimmer ein versiegeltes Päckchen übergeben wurde, dessen Empfang er zu bescheinigen hatte. Es enthielt seine Brieftasche und ein Schreiben des Herrn Credillon, der in phrasenreichem Stil die Belästigung entschuldigte, die den Reisenden nicht habe erspart werden können. Der Inhalt der Papiere sei ganz unschuldig befunden, und ihrer sofortigen Abreise stehe nun nichts weiter im Wege. Wenige Minuten darauf brachte der Hôtelbesitzer die Rechnung. Er habe gemessenen Befehl … Sein Achselzucken schloß den Satz.

„Je eher, je lieber!“ rief Onkel Helmbach. „Nur fort – fort – fort!“

Arnold hatte die Brieftasche geöffnet und einen flüchtigen Blick in die verschiedenen Abtheilungen geworfen. Er wußte ja am besten, daß seine Aufzeichnungen und Einlagen nichts enthielten, was selbst unter der schärfsten Polizeibrille als ein schwarzer Punkt erscheinen könnte. Welchen denkbaren Grund sollte man gehabt haben, ihm irgend etwas vorzuenthalten? Und doch schien er einen Gegenstand zu vermissen. Er wiederholte die Durchsicht oberflächlich, schob dann mit eiligem Finger Blatt nach Blatt zurück, warf endlich den ganzen Inhalt auf den Tisch und schüttelte die Tasche aus.

„Juliette’s Bild ist nicht dabei,“ rief er, in den Papieren wühlend.

Onkel Helmbach packte schon seinen Koffer. „Ist’s möglich?“ sagte er ohne sonderliche Erregung.

Arnold sprang auf: „Ueberzeuge Dich selbst! Das Bild fehlt.“

„Aber wer sollte –“

„O, der Schurke! Er ist der Dieb.“

„Wer, wer?“

„Credillon. Das war für ihn ein interessanter Fund. Aber der Bube soll mir –“

„Lärme nicht, lieber Junge! Wir machen uns wieder verdächtig. Was kann Dir auch noch ferner das Bild sein, wenn Du nicht das Mädchen –“

„Aber ich habe versprochen, es in ihre Hand zurückzugeben,“ rief Arnold, im Zimmer auf- und ablaufend. „Nein, er muß es zurückgeben – muß, muß!“

Er eilte auf die Mairie. Herr Credillon that sehr verwundert, ihn nochmals bei sich zu sehen. „Sie haben ja doch Ihre Brieftasche empfangen, mein Herr …“

„Aber nicht mit Allem, was darin war.“

Der Beamte warf sich in die Brust. „Sie wollen doch nicht etwa behaupten –?“

„Ich will behaupten, daß eine kleine Photographie fehlt.“

„Ach, eine so gleichgültige Sache –“

„Sie ist mir nicht gleichgültig, mein Herr, und – Ihnen vielleicht auch nicht.“

Die schwarzen Augen blinzelten unruhig unter den gesenkten Lidern. „Was stellte denn die Photographie dar?“ fragte er mit spitzbübischem Lächeln.

„Da Sie die Brieftasche durchsucht haben, wissen Sie es so gut wie ich,“ antwortete Arnold aufgebracht. „Das Bild einer jungen Dame, die Ihnen nicht unbekannt ist.“

„So – so! das Bild einer jungen Dame – ich habe darauf in meinem amtlichen Eifer gar nicht geachtet. Ich kann weder sagen: das Bild ist dagewesen, als ich auf die Brieftasche Beschlag legte, noch: es ist nicht dagewesen. Ich fand sie übrigens in der Rocktasche, und der Rock hing frei im Zimmer; das Zimmer war unverschlossen –“

„O, wie können Sie glauben, daß Jemand vom Hôtel –“

„Ja, wie können Sie glauben, daß Jemand von der Mairie –? Uebrigens unmöglich ist nichts in der Welt. Die Brieftasche ist durch viele Hände gegangen – das kleine, anscheinend ganz werthlose Bild kann Dem oder Dem gefallen haben. Eine Untersuchung würde mich und Sie nur lächerlich machen.“

„Ich fordere sie, mein Herr.“

„O – o – o! welche Weiterungen einer solchen Kleinigkeit wegen.“ Der Maire faßte in die Tasche und zog eine Geldbörse hervor. „Um sie zu vermeiden, bin ich, ohne eine Verschuldung meinerseits anzuerkennen, gern zur Entschädigung bereit. Ein Franken genügt für das Blättchen, nicht wahr?“

Dem Deutschen schoß das Blut in’s Gesicht. „Mein Herr, Sie sind ein …“ Die schwarzen Augen schienen ihn durchbohren zu wollen; er sprach die Beleidigung nicht aus. „Es giebt noch Mittel und Wege, Sie zu zwingen, mir mein Eigenthum zurückzugeben.“

Der Maire lachte laut auf. „Wagen Sie’s doch, einen Beamten der Republik einer Entwendung zu bezichtigen, ohne mit Beweisen gerüstet zu sein! Lächerlich – ha, ha, ha – lächerlich!“

Rose warf zornig die Thür hinter sich in’s Schloß. Die Schreiber im Vorzimmer richteten, erschreckt über solche Dreistigkeit, wie auf Commando die Köpfe auf und schossen ihm grimmige Blicke nach.

Er begab sich in’s Hôtel der deutschen Gesandtschaft. Ein alter Secretär ließ sich recht gutmüthig die Beschwerde vortragen. „Dabei wird schwerlich etwas zu thun sein,“ sagte er dann nach einigem Besinnen. „Wäre der Maire selbst nicht betheiligt, er würde wahrscheinlich mit viel Ostentation eine Untersuchung in Scene setzen, um uns von der Gerechtigkeitsliebe der französischen Behörden zu überzeugen. Nun wird er sich hüten, sich selbst zu bezichtigen, und seine Vorgesetzten werden ihn gegen unsere anscheinend beleidigenden Angriffe in Schutz nehmen. Die Sache ist für Sie recht ärgerlich, das gebe ich zu, aber was kann Ihnen am Ende so viel an dem kleinen Bilde gelegen sein, das Sie gewiß längst Ihrem Gedächtnisse eingeprägt haben!“

„Es ist nicht der an sich so geringfügige Gegenstand,“ entgegnete Rose ärgerlich, „es ist die Unverschämtheit dieses brutalen Menschen, der sich, einem Fremden, einem Deutschen gegenüber, glaubt erlauben zu dürfen …“

„Ja, ja, ja! das ist eben das Aergerliche,“ bemerkte der Secretär. „Aber was wollen Sie? Glauben Sie, daß wir einer Photographie wegen – und knüpften sich für Sie auch noch so merkwürdige Erinnerungen daran – diplomatische Noten wechseln können? – Oder sollen wir, wenn man uns wiederholt, was Sie schon gehört haben, von Neuem Krieg anfangen?“ setzte er lächelnd hinzu.

„Einem Engländer hätte das nicht passiren können,“ stieß der junge Mann unmuthig heraus.

„O doch – doch!“ beruhigte der Herr Hofrath. „Die Engländer sind praktische Leute; sie fangen nichts an, was sie nicht durchführen können, und für eine Visitenkartenphotographie –“

„Ich weiß genug,“ schloß Arnold. – –

Die nächste Nacht durchwachte er neben Onkel Helmbach im Eisenbahncoupé. –


Zwei Jahre waren seitdem vergangen.

Endlos lange Zeit für Arnold Rose, der mit einem Leben nichts anzufangen wußte, dem seine besten Hoffnungen abgestorben waren. Sie waren todt für ihn und begraben in seinem Herzen. Er glaubte nicht mehr daran, daß ihn Beharrlichkeit doch noch zum Ziele führen könne, daß die Zeit sein Geschick günstig wenden werde. Er hatte sich gesagt, der Traum seines Glückes sei zu Ende, ganz zu Ende, und es nütze nicht, wieder die Augen zu schließen, um ihn zurückzurufen. Vielleicht hatte er’s trotzdem versucht und nichts erreicht, als jenen halbwachen Zustand, der einem Rausche zu folgen pflegt und in dem man sich über seine eigene Verworrenheit ärgert. Nein! lieber ganz nüchtern die Dinge anschauen, wie sie nun einmal wirklich sind, alle Selbsttäuschungen über Bord werfen, auf der langweiligen Heerstraße des Lebens hinziehen mit den Tausenden, die nie einen Schritt seitwärts gewagt haben.

Wäre ihm Juliette’s Bild geblieben –! Er hatte sich in den Aberglauben so fest hineingeredet, es sei sein unerklärlicher Zauber, der ihn an das schöne Mädchen fesselte, daß er wohl jetzt auf die nicht weniger abergläubische Aufregung verfallen konnte, mit dem Verlust des Bildes sei auch jener Zauber gebrochen, so daß er nun plötzlich ganz klar sehe, wie unmöglich die Erfüllung seiner Wünsche sei. Es kam ihm vor, als verwische sich in seiner Erinnerung die Gestalt der kleinen Französin ganz überraschend schnell, nun er nicht mehr das Blättchen vor [312] sich hinstellen und liebevoll betrachten könne. Wollte er das Bild in sein Gedächtniß zurückrufen, so trat ihm sogleich immer der leere Rahmen vor Augen, und es gelang ihm nicht, ihn auszufüllen. Nur manchmal, wenn er gar nicht absichtlich seine Gedanken darauf richtete, blitzte es vor ihm auf wie eine Lichterscheinung, und er wußte dann, daß Juliette ihm zugelacht hatte, wie damals, als er zuerst von ihrem Blick gebannt war. Er empfand in solchen Momenten einen stechenden Schmerz, und es folgten darauf melancholische Stunden, in denen er sich selbst unerträglich vorkam.

Er hatte sich mit Eifer dem Geschäft gewidmet, um zur Grillenfängerei möglichst wenig Zeit zu behalten. Seiner gesunden Natur widerstand dieses nachgiebige Versenken in eine mißmüthige Stimmung, die nur erschlaffend wirken konnte. Er hatte gefühlt, daß unausgesetzte Thätigkeit von früh bis spät ihn am besten dagegen waffnete, und sich deshalb Anstrengungen zugemuthet, die sonst dem Chef eines großen Handlungshauses erspart bleiben. Die ödeste Zahlenarbeit nahm er mit Vorliebe auf sich; weite Geschäftsreisen brachten ihm die angenehmste Zerstreuung. Seine Mutter, so besorgt sie anfangs seiner Gesundheit wegen war, ließ ihn gewähren, da sie wohl merken mußte, daß kein Arzt ihm eine bessere Medicin verschreiben konnte.

Von der Familie Blanchard hatte er keine Nachricht erhalten. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, durch Geschäftsfreunde, die nach Paris reisten, Erkundigungen einzuziehen, aber er vermied alles, was wieder einen Verkehr hätte anknüpfen können. Auch im Hause sprach er nie über seine Erlebnisse in Frankreich. Nicht einmal über den Erfolg seiner Brautfahrt hatte er selbst der Mutter Bericht erstattet, sondern sie kurz an den Onkel verwiesen. Kam einmal die Rede auf den Krieg, so nahm er gar keinen Theil daran oder entfernte sich aus der Gesellschaft. Es galt den Familienangehörigen bald für ausgemacht, daß er an die Vergangenheit gar nicht erinnert zu werden wünschte, und so legten sie sich denn mit zarter Rücksicht Schweigen auf.

So hatten sie ihm auch, ohne daß es dieserhalb einer Verabredung bedurfte, verschwiegen, daß vor einiger Zeit, als er gerade auf einer Geschäftsreise abwesend war, Victor Blanchard die Stadt passirt und der Commerzienräthin und Onkel Helmbach Besuche abgestattet hatte. Es hatte sie nicht wenig überrascht, aus seinem Munde zu erfahren, daß er den Abschied genommen und nun nach Rußland reise, um bei einer von Franzosen gebauten und geleiteten Bahn die Stelle eines Ingenieurs zu übernehmen, die seinen Neigungen zusage. Er hatte sich nur einen ganz kurzen Aufenthalt gegönnt und über sein elterliches Haus gar nicht gesprochen. Warum sollte man Arnold beunruhigen?

Nach diesen zwei Jahren nun schien wirklich sein Gemüth wieder ganz frei. Er konnte im Familienkreise recht heiter sein und floh auch die Gesellschaft nicht mehr. Der Umgang mit Cousine Clara war der herzlichste und unbefangenste. Seine Mama konnte wieder daran denken, ihre alten Pläne aufzunehmen, und Onkel Helmbach, dem sie sich in einer vertraulichen Stunde eröffnete, meinte zustimmend: er habe es ja gleich gesagt, Kranken dieser Art müsse man nicht in den Weg treten. Eine unglückliche Liebe sei ja in der Familie etwas ganz Unerhörtes, und wenn Arnold in Folge wirklich ganz ungewöhnlicher Umstände auch ein wenig von den alten Traditionen abgekommen wäre, so könne er doch unmöglich so ganz aus der Art geschlagen sein, daß er sich nicht wieder in sich selbst zurecht finde. Wenn er sein Clärchen nicht zur Frau haben wolle – darum keine Feindschaft; aber an eine vernünftige Heirath müsse er denken, so oder so. Es sei die höchste Zeit für den jungen Menschen.

Die Frau Commerzienräthin versuchte es nun erst wieder mit schüchternen Andeutungen, harmlosen Neckereien, allgemeinen Sentenzen, die auf den besonderen Fall passen und auch nicht passen konnten. Da Arnold nicht auswich und wohl gar mit einem Scherz erwiderte, der wie eine Herausforderung zu weiterem Vorgehen klang, wurde sie dreister und erleichterte an einem Sonntag Abend, als die Verwandten sich entfernt hatten, ihr mütterliches Herz gründlich. Zu ihrem frohesten Erstaunen hörte Arnold sie ganz gelassen an und entgegnete darauf ohne jede Erregtheit: „Ich weiß, Mutter, daß ich zum Junggesellen nicht tauge. Ein solider Kaufmann braucht eine Frau für sein Haus, und ich bin ja auf dem besten Wege ein solider Kaufmann zu werden. Es ist gleich, ob ich heute oder über’s Jahr wähle; ich werde immer nach Grundsätzen wählen, zu denen das Herz keine Beziehung hat. Das Liebste ist mir, wenn ich jeder Wahl überhoben bin. Cousine Clara ist ein ebenso gutes wie hübsches Mädchen; sie wird die vortrefflichste Frau werden. Sie kennt alle meine Eigenheiten, und was die Hauptsache ist, auch meine Schicksale; sie weiß, daß ich sie nicht liebe, wie ich das Wort verstehe. Genügt ihr das freundschaftliche Gefühl, das ich aufrichtig für sie hege, so weiß ich mir in meiner Lage keine bessere Lebensgefährtin zu wünschen. Nur verlangt nicht, daß ich selbst sie befrage. Was ich ihr sagen müßte, könnte sie nur befangen und unruhig machen. Bringt die Angelegenheit mit ihr in Ordnung! Bin ich ihres Jaworts sicher, so will ich um ihre Hand anhalten. Bist Du mit mir zufrieden?“

Das war reichlich so viel, wie die Commerzienräthin selbst bei dem kühnsten Glauben an ihre mütterliche Beredsamkeit und an die Unfehlbarkeit ihrer Gründe erwarten durfte. Sie dankte ihrem „guten Sohne“ mit Thränen der Rührung in den Augen. Er erklärte sich bereit, dem Mädchen, das sie für ihn gewählt, die Hand zu reichen – das war ihr Alles. Was er sonst noch sagte, wie er seinen Entschluß motivirte, darauf hörte sie kaum. „Es ist ihm gar nicht Ernst mit seiner Gleichgültigkeit,“ dachte sie bei sich; „er redet sie sich nur ein, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, wenn er seiner Herzensthorheit nun für immer absagt. Sind sie nur erst Mann und Weib, findet das Andere sich; sie ist viel zu hübsch und liebenswürdig, um ihn bei so nahem Umgange kalt zu lassen, und er ist viel zu gutmüthig, um seine Frau kränken zu können. Es wird da nichts zu befürchten sein.“

So vollkommen beruhigt, machte sie sich sofort an’s Werk. Onkel Helmbach war ja schon gewonnen; die vereinten Bemühungen und Vorstellungen Beider mochten wohl auch bei Clärchen alle Bedenken unschwer niedergeschlagen haben. Gewiß ist, daß nur wenige Tage vergingen, bis die glückliche Frau ihrem Sohne die Nachricht brachte, die Sache sei ganz in Ordnung und er habe nur nöthig, in Frack und weißer Binde bei Clärchen anzuklopfen, um als Bräutigam zurückzukehren. Er bemühte sich, diese Mittheilung wieder mit aller Gelassenheit aufzunehmen, aber es gelang ihm doch nicht, die etwas verwunderte Frage zurückzuhalten, ob denn Clärchen gar keine Einwendungen erhoben habe? „Ach, sie hat ein Bischen geweint,“ antwortete die Mama, „und sich mit Zweifeln geplagt, ob sie Dich werde glücklich machen können, wie sie’s von Herzen wünschte – das ist bei jungen Mädchen einmal nicht anders. Schließlich aber hat sie gesagt, sie wolle Dir ihr Jawort geben, wenn Du’s zu fordern kämst. Du bist also ganz sicher, Dir keinen Korb zu holen.“

So war’s entschieden. Arnold stützte den Kopf in die Hand und träumte eine Weile vor sich hin. Wie Schattenbilder zogen die Erinnerungen der Kriegszeit an seinem geistigen Auge vorüber, kenntlich und doch ohne feste Gestalt. Er wollte sie halten, aber sie verschwammen immer nebelhafter. Es war zuletzt nur noch der Maire, der wie aus einem Versteck mit den schwarzen Augen hervorblinzelte – eine abscheuliche Visage. Arnold stand auf, trat an’s Fenster und sah in den hellen Sonnenschein hinaus. „Es muß ein Ende haben mit diesem Spuk,“ sprach er halblaut vor sich hin; „man muß das Leben ganz so prosaisch nehmen, wie es nun einmal ist – und wie man’s verdient, wenn man’s überhaupt erträgt. So mancher, der sich eine Kugel durch den Kopf jagte, hat nichts Schwereres erfahren als ich. ‚Narrheit!‘ sagen die klugen Leute. Mag sein! Aber größere Narrheit ist’s jedenfalls, sich klug zu schonen und dann doch nicht vergessen zu können. Abgemacht! –“

Als ob keine Minute Zeit zu verlieren wäre, kleidete er sich sofort um. Als er fertig war und sich im Spiegel musterte, spielte ein recht bitteres Lächeln um seine Lippen. „Wie bleich Du bist, lieber Freund!“ nickte er seinem Bilde zu. „Du solltest Dich schminken. Von einem Bräutigam kann man doch wenigstens am ersten Tage seines jungen Glückes rothe Backen verlangen.“ Er zupfte die weiße Cravatte zurecht und prüfte die Handschuhe. „Es ist lächerlich – bei seiner Cousine …! Ah! gerade da. Man kann einer Sache, die keinen Inhalt hat, nie genug Form geben.“

[314] An der Hausthür begegnete er Kruttke. Der brave Mensch war gleich nach seiner Rückkehr aus Frankreich bei ihm als Comptoirdiener eingetreten und bewährte sich vortrefflich. Er selbst fühlte sich in seiner Stellung recht wohl; nur daß er niemals von der guten Madame Blanchard und von dem schönen Fräulein sprechen durfte, beschwerte sein treues Gemüth. Er wußte wohl, warum er schweigen mußte: es war ja eine unglückliche Liebe. Die mitleidige Seele litt schwer darunter und gab ihre Theilnahme nun wenigstens regelmäßig durch verständnißinnige Blicke zu erkennen. Er kam jetzt eben von der Post, trug ein Pack Zeitungen und Briefschaften in der Hand, und wollte mit dem bekannten wehmüthigen Ernst an seinem Herrn vorüber in’s Haus treten. Rose blieb stehen.

„Was bringst Du?“ fragte er. Er sah es ja; aber es war ihm Bedürfniß, sich durch ein Gespräch aufzuhalten.

„Die Postsachen, Herr Rose,“ antwortete Kruttke mit verhaltener Stimme. Er hatte sich’s angewöhnt, zu ihm, wie zu einem Kranken, leise zu sprechen.

„Hm – gut! Leg’s nur auf meinen Tisch. In einer kleinen halben Stunde denke ich … Weißt Du, Kruttke, der Brief, den Du mir einmal geschrieben hast –“

„Aus Frankreich, Herr Rose –“ Er erschrak sichtlich darüber, daß er das Wort ausgesprochen hatte, und räusperte sich.

„Du hast Recht gehabt: es giebt auch in Deutschland schöne und gute Mädchen, und eins davon soll nun meine Frau werden.“

„Ach! Herr Rose –!“ stieß Kruttke mit komischer Verwunderung heraus. Sein rundes Gesicht wurde blutroth, und die wasserblauen Augen richteten sich mit ängstlicher Frage auf den Principal, wie wohl seine Rede gemeint sei. Dann schüttelte er den Kopf und sah ganz verschämt zur Erde, als handelte es sich um sein eigenes Herzensgeheimniß. „Ach, Herr Rose –“ sagte er wieder in dem leise flüsternden Tone. „Sie machen einen ja blos zum Narren.“

„Durchaus nicht!“ versicherte Arnold; „aber ich kann Dir’s nicht übel nehmen, wenn Du mir nicht glaubst.“

„Denn das Beste wäre es ja,“ fuhr Kruttke lebhafter fort, den Zeigefinger in seine Halsbinde steckend und sie gewaltsam ausweitend, um sich mehr Luft zu schaffen, „und meine alte Mutter, zumal wo sie eine erfahrene Frau ist, sagt auch: ‚Es thut für den jungen Herrn nicht gut, daß er sich so lange Gedanken macht, und ist doch an keine menschenmögliche Aussicht nicht zu denken, und seine Frau Mutter grämt sich, und sein Herr Onkel hat eine Tochter‘ …“

„So, so! Ihr habt ja schon Alles in Ordnung gebracht.“

„Ach, Herr Rose – wenn man Ihnen doch gut ist –! Ich hab’ aber gesagt: ‚Der thut’s nicht – er ist wie verhext,‘ entschuldigen Sie, Herr Rose, das hab’ ich meiner alten Mutter gesagt, und sie hat ein Kreuz geschlagen, obgleich sie nicht katholisch ist, und hat gesagt: ‚der liebe Gott mag’s bessern!‘ Denn fromm ist sie, die alte Frau, das muß man ihr lassen, und gebetet hat sie gewiß alle Abend. Und wenn’s nun wirklich geholfen hat …“ Er streichelte Arnold’s Arm. – „Aber es ist wohl gar nicht Ihr Ernst?“

Arnold fühlte sich ganz eigen bewegt. … „Du sollst einen neuen Hochzeitsrock haben,“ sagte er, sich zur Heiterkeit zwingend, „und für Deine alte Mutter ein Kleid ganz nach ihrem Geschmack und eine Haube dazu. Nun aber reinen Mund halten, bis die Verlobungsanzeige in der Zeitung steht, hörst Du?“

Kruttke legte die Hand auf’s Herz. „Ach, Herr Rose – werde ich!? Also es ist wahrhaftigen Gott wahr? Na, blos die Freude von unserer Frau Commerzienräthin –!“ Er wischte mit dem Rücken der Hand eine Thräne fort.

Dabei kamen die Briefschaften in’s Schwanken; das Pack löste sich, und einige Stücke fielen auf die Erde. Er sammelte sie eiligst auf.

„Was war das für ein kleiner Brief in rosa Convert?“ fragte der Principal.

Kruttke suchte unter den Poststücken. „Wer kann wissen?“ sagte er, eins nach dem andern umlegend. „Ach, der da –! Vielleicht für die Frau Commerzienräthin, weil er doch rosa. –“

„Gieb einmal! – Nein, an mich.“ Arnold betrachtete sehr aufmerksam die Adresse. Sie war mit ganz feinen Schriftzügen, in französischer Sprache geschrieben. Er prüfte den Poststempel: Lausanne. Wer konnte an ihn aus Lausanne …? Er hatte gar keinen Bekannten dort. Und ein Franzose –? Seine Finger schoben sich auf dem Couvert hin und her, als wollte er den Inhalt prüfen: es war ein harter Gegenstand darin, kein Briefbogen. Plötzlich bemächtigte sich seiner eine ganz eigene Aufregung: der Brief zitterte in seiner Hand; er riß hastig die Hülle ab und zog die Einlage hervor – ein Blick darauf, eine schwankende Bewegung – er hielt Kruttke das Blatt vor und: „Mensch, was siehst Du da –?“ keuchte er wie athemlos.

Kruttke sprang zu und stützte ihn mit seinem Arm. Zugleich sah er auf das Blatt, und fühlte nun auch seinen eigenen Kopf taumeln. „Straf mich Gott!“ rief er, „das französische Fräulein!“

[325] „Ihr Bild, ihr Bild – Juliette’s Bild!“ bestätigte Arnold. „O, das ist eine wunderbare Schicksalsfügung! Ihr Bild – und gerade in diesem Augenblicke …! Das ist eine Mahnung des Himmels, das ist – – Ich habe nichts gesagt, Kruttke, kein Wort – verstehst Du? Das ändert Alles – Alles.“

„I, da soll doch –!“ brummte Kruttke unzufrieden. „Man soll sich doch über gar Nichts nicht freuen.“

Der Principal achtete nicht auf ihn. „Aber wer hat mir – das Bild geschickt?“ sprach er halblaut vor sich hin, das leere Couvert wieder und wieder mit den Augen durchsuchend. „Keine Zeile dabei – nicht einmal der Name des Absenders … Die Adresse von unbekannter Hand! Credillon –? Unmöglich. Aber sie selbst –? Wie käme sie zu dem Bilde? Und doch … doch! Nur sie kann … mein Herz sagt mir’s – nur sie! Ich werde, ich muß sie finden.“ Er verwahrte Bild und Couvert sorglich in seiner Brusttasche. „Kruttke,“ rief er, „packe sofort meine Sachen – Kleider, Wäsche – das Nöthigste für ein paar Wochen! Wir reisen noch heute Abend nach Lausanne ab. Beeile Dich! Mit dem nächsten Zuge, verstehst Du, mit dem nächsten Zuge!“ Er stürmte fort.

Kruttke blieb wie angedonnert stehen. „I, da hört doch die Weltgeschichte auf,“ knurrte er nach einer Weile. „Das verdammte Bild! Er ist wieder verhext.“ –

Arnold kam erst zu etwas ruhigerem Nachdenken über seine Lage, nachdem er im wildesten Tempo einige Straßen auf- und abgelaufen. Er erinnerte sich, daß er zu seiner Cousine hatte gehen wollen, um ihr einen Heirathsantrag zu machen, und mußte nun laut auflachen über dieses ganz unbegreifliche Vornehmen. Er befand sich auch wirklich auf dem Wege zu ihr: seines Onkels Haus war in wenigen Minuten zu erreichen. Sollte er umkehren? Sollte er abreisen, ohne Clärchen nur ein Wort zur Verständigung …? Das arme Mädchen! Wenn sie ihn wirklich liebte, wenn sie sich Hoffnungen hingegeben hätte, deren Erfüllung schon gewiß schien! Es war ja unter den Eltern und mit ihr schon Alles in Ordnung gebracht – sie erwartete ihn heute oder morgen. Und nun so unverdient eine Enttäuschung –? Aber da half kein Bemitleiden. Und wenn sie schon seine Braut gewesen wäre, Juliette’s Bild hätte die Verlobung aufheben müssen. Sie ist ja so einsichtsvoll, die liebe, freundliche, herzensgute Cläre. Sie wird verstehen, begreifen –

Dabei war er vor dem Hause angelangt. Das Herz hätte ihm nicht heftiger pochen können, wenn er vor der Thür einer Geliebten gestanden hätte, deren Ja oder Nein sein Lebensglück bedingte. Er hatte ein Unrecht abzubitten und wußte nicht, ob es ihm verziehen werden konnte. Er erkundigte sich bei der Magd, ob seine Cousine allein im Zimmer sei; dann trat er ein, ohne sich melden zu lassen: sie sollte wenigstens nicht länger, als durchaus nöthig, in Zweifel über seine Absichten sein.

Clärchen blickte erschreckt von ihrer Arbeit auf. Sie sah gar nicht aus, wie ein junges Mädchen, das einen Bräutigam erwartet. „Du kommst wirklich, Arnold?“ sagte sie mit langgezogenem Tone, der keineswegs auf eine angenehme Ueberraschung schließen ließ.

Das verwirrte ihn nun ganz. „Ja, ich meinte doch, daß meine Mutter und Dein Vater …“ stotterte er.

Sie legte das Strickzeug auf ihr Arbeitskörbchen, stand auf und reichte ihm die Hand. „Und Du, Arnold, Du selbst –?“

„Ich –?“ Er drückte diese schlaffe und weiche Hand gleichsam stoßweise. „Wenn Du mich anhören willst, liebe Clara …“

Ihre Augen überflossen feucht. „Sie hatten also Recht: Du hast wirklich den Muth, mir zu sagen, daß Du mich – liebst?“

„Nein, nein, nein!“ rief er, ihre Hand an seine Lippen ziehend und bei jedem „Nein“ küssend. „Das habe ich nie versprochen – das nie.“

Die Thränen rollten ihr über die bleichen Wangen. „Und ein Mädchen, das Du nicht liebst, willst Du zur Frau …? Arnold! wenn Du Ja sagst … ich habe ihnen mein Wort gegeben, und ich breche es nicht – aber überlege erst, frage Dich auf’s Gewissen …“

Das hatte er nicht erwarten können. Sie war also nur die gehorsame Tochter gewesen, hatte gehofft, daß er selbst ihr die Entscheidung ersparen werde. Ueberglücklich griff er in die Tasche, zog das kleine Bild hervor und hielt es ihr entgegen.

„Sieh das, bestes Kind!“ sagte er, „und urtheile nun selbst, weshalb ich jetzt noch kommen kann!“

„Juliette!“ rief sie überrascht. „Ja, sie steht zwischen uns, und – und …“ sie senkte den Kopf und wandte sich rasch ab.

„Und –?“ forschte er. Es lag in der Art, wie er sich unterbrach, etwas, das dazu herausfordern konnte. „Cläre – Du hast ein Geheimniß –“

„Frage nicht!“ wies sie ihn zurück.

[326] „Und wolltest doch –“ er trat hinter sie und legte die Hand auf ihre Schulter. „Du hast mir gezürnt, Cläre,“ sagte er, „und mit gutem Rechte. Ich will mich nicht für besser ausgeben, als ich bin. Ja, ich glaubte einen Riegel vor mein Herz gelegt zu haben, den ich nun selbst nicht mehr fortschieben könnte. Ich ging aus, Dir meine Hand anzubieten – ich bildete mir ein, wir könnten ein Paar werden, wie es so unzählige Paare giebt, die sich mit freundschaftlichem Wohlwollen begnügen und in treuer Pflichterfüllung ihre Befriedigung finden. Was soll ich Dir sagen? In diesem Augenblicke begreife ich mich selbst schon nicht mehr. Alle die guten Gründe, die mein Mißmuth gelten ließ, zerfließen in Nebel vor dem ersten Aufstrahle neuer Hoffnung. Und ich weiß nun nicht einmal, woher mir dieses Licht kommt, ob es nicht ein trüglicher Schein, der nur neue Unruhe in meinem Herzen weckt. Wer hat mir Juliette’s Bild, das mir vor zwei Jahren entwendet wurde, zugeschickt? Es ist in Lausanne zur Post gegeben: das ist mir der einzige Wegweiser. Die Adresse auf dem Couvert ist nicht von Juliette’s Hand; wie sie in den Besitz des Bildes gekommen sein sollte, begreife ich nicht. Und doch ist mir jetzt nichts so unumstößlich gewiß, als daß ich den Absender des Briefes ermitteln, Juliette aufsuchen, meine Liebeswerbung von Neuem beginnen muß – daß ich ein anderes Weib heimführen werde. Ich reise noch heute ab, und wann ich zurückkehre und wie ich zurückkehre, steht dahin. Sprich Du mit meiner Mutter, erkläre ihr, so viel Du selbst von diesen räthselhaften Fügungen begreifst – ich verweise sie beim Abschiede an Dich. Und so – lebe wohl!“

Clärchen reichte ihm beide Hände. „Meine besten Wünsche begleiten Dich, Arnold,“ sprach sie mit innigstem Ausdrucke. „Eine Stimme des Herzens sagt mir, Du wirst sie finden, Du wirst glücklich sein. Der gute Gott kann ja nicht wollen, daß die finsteren Mächte der Feindschaft obsiegen: die er in Liebe bindet, wird er auch mit starker Hand zusammenführen. Ich vertraue seiner Güte.“

„Möge auch Dir Dein frommer Glaube helfen!“ sagte Arnold, einen Kuß auf ihre Stirn drückend.

„Nichts von mir,“ bat sie, „wenn Du mich lieb hast, nichts von mir!“ – –

Am zweiten Tage darauf langte Arnold Rose in Lausanne an. Der treue Kruttke begleitete ihn, wie es bestimmt war. Sie nahmen in einem der größten Hôtels Wohnung, und sofort begannen die Erkundigungen nach der Familie Blanchard und nach Credillon. Sie waren ganz vergeblich. Man wußte auf dem Stadthause nichts von ihnen; Arnold durchforschte die Fremdenbücher aller Hôtels auf’s Genaueste – sie enthielten diese Namen nicht. In den kleinsten Pensionen wurde umsonst nachgefragt. Auch in den reizenden Ortschaften, die sich unterhalb der Stadt am See hinziehen, blieb kein Haus ohne Nachfrage. Stundenlang promenirte Arnold auf der schönen Brücke auf und ab, die so kühn die beiden Stadttheile verbindet und über deren Steineinfassung auf das lachende Seegelände und den kleinen See hinabzuschauen kein Fremder unterläßt. Bei jedem Abgange der Eisenbahn war er auf dem Perron; jedes Dampfboot, das Gäste brachte und holte, controlirte er. Ohne jeden Erfolg!

So verging eine Woche. Die Hoffnung, hier in Lausanne auf die Spur zu treffen, wurde immer schwächer. Entfernte er sich aber von diesem Punkte, so erweiterte sich sofort nach allen Seiten hin der Gesichtskreis in’s Grenzenlose. Es war unmöglich zu sagen, nach welcher Richtung hin die weitere Nachforschung sich am ehesten fruchtbar erweisen konnte, aber er meinte doch klug zu handeln, wenn er zunächst mit der Wahrscheinlichkeit rechnete. Er ließ Kruttke in Lausanne zurück und fuhr nach Genf; war doch anzunehmen, daß Reisende aus Paris sich dorthin wandten, und für die Familie Blanchard konnte die calvinistische Stadt besonders anziehend gewesen sein. Auch hier begann wieder die mühselige Wanderung von Hôtel zu Hôtel. Er hätte sie sparen können.

Seine Aufregung wurde immer leidenschaftlicher; trotz der körperlichen Erschöpfung brachte ihm die Nacht nur den unruhigsten Schlaf. Es war ihm ein unendlich peinigender Gedanke, daß er Juliette vielleicht ganz nahe sei und sie doch nicht erreichen könne. Immer wieder träumte er, er stehe an einer Straßenecke und wisse nicht, ob rechts, ob links; endlich entscheide er sich, und während er nun seinen Weg fortsetzte in der Hoffnung, ihr zu begegnen, gehe sie hinter ihm vorüber. Und dann wieder zwischen Traum und Wachen schien es ihm unsinnig, sie überhaupt hier zu suchen, bevor er auch nur darüber Gewißheit erlangt habe, ob sie sich denn von Hause entfernte. Dieses Bedenken wurde eines Morgens so zwingend, daß er den nächsten Eilzug bestieg und nach Paris fuhr, um sich Ueberzeugung zu verschaffen.

Er fand die bekannte Villa ungefähr so, wie er sie zuerst gesehen hatte: die Fenstervorhänge rundum waren herabgelassen; kein Mensch bewohnte sie. Er erfuhr, daß Herr Charles Blanchard vor etwa einem Jahre verstorben sei; das Geschäft sei in andere Hände übergegangen; die Wittwe habe schon vor Monaten den Ort verlassen; über ihren jetzigen Aufenthalt wisse man nichts. Wahrscheinlich lebe sie mit ihrer „kranken“ Tochter „irgendwo im Süden“; Credillon sei als Unterpräfect nach einem entfernten Departement versetzt.

Diese Nachrichten waren wichtig genug. Blanchard todt! Sein fanatischer Widerspruch fiel nicht mehr in die Wage. Wenn er über sein Grab hin die Hand der Geliebten faßte – den Todten konnte es nicht beunruhigen: aber die Lebenden vielleicht? Und Juliette krank? Das junge, blühende Mädchen! Sie hatte Wort gehalten: eines Andern Weib war sie nicht geworden. Und wie wuchs nun die Wahrscheinlichkeit, daß sie ihrer Gesundheit wegen mit der Mutter am Genfersee verweile, daß Frau Blanchard die Adresse schrieb! Er suchte das Grab ihres Mannes, des braven Patrioten, auf, der Frankreichs Niederlage nicht hatte verschmerzen können, und sprach ein Gebet darüber. Dann eilte er nach Lausanne zurück.

Kruttke konnte ihn beruhigen, daß er inzwischen nichts versäumt habe. „Ich denke mir so in meinen dummen Gedanken,“ sagte er, „auf die Manier geht’s nicht. Hier sind die Herrschaften nicht, und auch niemalen gewesen. Und wenn das Fräulein hätte merken lassen wollen, wo sie ist, so hätte sie doch lieber gleich ein paar Worte geschrieben. Aber accurat nicht! Der Brief ist blos hier in den Briefkasten geworfen, daß wir nicht wissen sollen, wo sie ist. Aber zu weit, meine ich, wird sie deshalb nicht gegangen sein, denn weit oder nicht weit, es verschlug immer dasselbe. Na – und wenn sie sich partout gar nicht finden lassen wollte, dann hätte sie doch auch das Bild nicht fortgeschickt. Also calculire ich so: hier herum ist es schon. Fragt sich nur noch, wo? Das ist aber am besten vom Wasser aus zu übersehen, dieweil man da den weitesten Blick hat und überall an’s Land kann, wo’s einem scheint. So ein schönes blaues Wasser lockt auch Gesunde und Kranke hinaus und Jeder will in die Mitte. Da wimmelt denn der See an jedem Abende von allerhand Fahrzeugen, und auf einem könnte das Fräulein doch einmal sein. Denn wieso nicht?“

Gegen diese Logik ließ sich freilich nichts einwenden, und so ganz dumm erschien der Vorschlag gewiß nicht. Es ermittelte sich, daß Kruttke die Bekanntschaft eines Bootsführers gemacht hatte, der in einer norddeutschen Stadt zu Hause und lange Jahre Matrose gewesen, dann mit seinem kranken Capitain hierher gekommen war und nach dessen Tode einem Engländer den Kutter abgekauft hatte, den er nun Liebhabern von Segelfahrten unten, nicht weit vom Dampfbootplatze, zur Verfügung stellte. Mit seinen zwei dreieckigen Segeln überholte er jedes andere Fahrzeug, wendete leicht und scharf, fuhr blitzschnell im Zickzack über den See und schien selbst gegen den Wind vorwärts zu kommen. Das hatte Kruttke mit Verwunderung wiederholt angesehen, und als er den Mann einmal bei einem Zusammenstoße mit anderen Böten am Hafenplatze einen derben deutschen Fluch ausstoßen gehört, war er sogleich mit ihm in Verkehr getreten.

Arnold miethete den Kutter für unbestimmte Zeit. Er kreuzte nun an jedem Abende den See in allen Richtungen und gab Befehl, jedem begegnenden Boote so dicht vorbeizufahren, daß man die Personen darin deutlich erkennen könne. So geschickt der Matrose dieses Manöver auszuführen wußte, so gefahrdrohend schien doch jedesmal die Annäherung des scharfen Seglers, und bald war zu bemerken, daß man ihm schon von fern auszuweichen suchte. Arnold hatte die Aufmerksamkeit auf seine Person gelenkt, und das konnte ihm nützlich sein. Vielleicht war es auch kein übler Einfall, daß er eine Flagge mit der Aufschrift „Juliette“ anfertigen und an der hintern Maststange befestigen ließ. Die weißen Buchstaben im rothen Flaggentuche waren weithin sichtbar, und man hatte nun doch einen Namen, [327] der sich von Mund zu Mund herumtragen ließ und vielleicht auch an die gewünschte Stelle dringen konnte. Schade nur, daß auch so alle Liebesmüh’ vergeblich blieb.

Eines Tages hatten sie mit gutem Winde die Länge des Sees durchschnitten. Als sie gegenüber Montreux umkehrten, zeigte sich die Nothwendigkeit, in der Nähe des nördlichen Ufers in kurzen Linien zu laviren. Einer dieser Zackenschläge brachte sie bei Vevey bis dicht vor die erste Ladebrücke und nahe an’s Land heran. Als nun die Segel umgestellt wurden und das Boot seine Drehung machte, sprang Kruttke plötzlich wie besessen von der Mastbank auf, schrie: „Halt, halt!“ und deutete mit der Hand auf eine Steinmauer, die eine mit Platanen besetzte Terrasse abschloß.

„Was giebt’s denn?“ fragte Arnold am Steuer, mit den Augen der angedeuteten Richtung folgend.

„Sehen Sie nichts, Herr Rose?“ rief Kruttke, „dort links in der Rosenlaube – die Dame im schwarzen Kleide – Herrgottchen! die mit dem Opernglase vor den Augen – sie sieht ja hierher.“

„Das wäre –?“

„Na, gewiß! Ich kenne doch meine Madame Blanchard – über den ganzen See hin will ich sie erkennen. Wenn sie nur erst da ist! Und nun hat sie auch uns bemerkt und macht eiligst Kehrt – und sehen Sie nur da hinten am Hause hinauf auf dem mittelsten Balcon, wer steht da –? Aber um Himmelswillen, fallen Sie mir nicht in’s Wasser, Herr Rose! Wo wollen Sie denn hin?“

Es hatte wirklich den Anschein, als ob Arnold über Bord springen wollte, um rascher an’s Land zu kommen. Er hatte die Steuerpinne losgelassen, den Fuß auf den Rand des Kutters gesetzt und den Oberkörper so weit vorgebeugt, daß er bei der geringsten Schwankung das Gleichgewicht verlieren mußte. „Anlegen, anlegen!“ rief er, „sofort anlegen!“ Der Matrose zog die Segel ein und ergriff ein Ruder. Mit einigen kräftigen Stößen brachte er das Boot an’s Land.

Arnold eilte der Terrasse zu. Seitwärts führte eine schmale Steintreppe auf dieselbe. An einem hübschen Springbrunnen vorüber gelangte er zu einer gedeckten Halle vor dem stattlichen Hause. Die Dame im schwarzen Kleide mußte schon vor ihm eingetreten sein; jedenfalls befand sie sich nicht unter den Fremden, die in der Halle an kleinen Tischen saßen und plauderten oder spielten.

In der weitgeöffneten Thür standen mehrere Kellner; sie sahen mit einiger Verwunderung den jungen Mann durch den Garten und die drei oder vier Stufen hinaufstürmen, als gelte es eine Verfolgung. „Madame Blanchard aus Paris?“ fragte er hastig und seinen Schritt kaum ein wenig mäßigend.

„Geht soeben die Treppe hinauf. Die Zimmer der Damen liegen –“

„Ich weiß, ich weiß.“ Er lief mehr als er ging, von Zeit zu Zeit eine Stufe überspringen. Als er den letzten Absatz erreicht hatte, war die Dame nur eben im Corridor angelangt.

Sobald sie merkte, daß sie in die Thür ihres Zimmers nicht mehr werde eintreten können, bevor er sie erreicht haben würde, blieb sie stehen und erwartete ihn. „Mein Herr, Sie sind es – Sie sind es also wirklich –“ stammelte sie. „Wie Sie mich erschreckt haben! Meine Nerven …“

Er ergriff ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. „Entschuldigen Sie, Madame!“ bat er, „entschuldigen Sie meine Hast! Wenn man aber wochenlang keinen anderen Gedanken gehabt hat, als wie man in der weiten Welt ein paar Menschen aufsuchen soll, die nicht das Mindeste dazu scheinen thun zu wollen, sich finden zu lassen, und endlich –“

„O! Juliette war zum Sterben krank, mein Herr,“ unterbrach ihn die Dame. „Das arme Kind glaubte wirklich, sterben zu müssen.“

„Mein Himmel! Aber die Gefahr ist doch beseitigt?“

„Die Aerzte sagen, sie leide am Herzen; ihre Kunst scheint sehr unzureichend gegen Uebel dieser Art. Sie machte ihr Testament und vertheilte kleine Andenken an ihre Freunde – seitdem war sie ruhiger, und die bösen Zufälle kehrten nicht wieder.“

„Damals war es auch, als sie mir das kleine Bild zuschickte, das ich vor Jahren einmal –“

„Ganz recht, mein Herr. Sie glaubte, daß es Ihnen lieb gewesen sei, und da sie auf den Tod gefaßt war …“

„Aber warum wurde es an einem anderen Orte zur Post gegeben?“

„Es war das ihre eigene Anordnung. Vielleicht fürchtete sie –“

„Was – was?“

„Was nun doch eingetroffen ist. Sie sind hier, Herr Rose.“

„Sprechen Sie ehrlich! Fürchtete sie, daß ich kommen könnte?“

Madame Blanchard lächelte vor sich hin. „Das muß ich wohl glauben.“

„Und darf ich sie sehen?“

„O, nicht so unvorbereitet, mein Herr; der Schreck könnte –“

„Sie weiß aber schon, daß ich hier bin. Als mein Boot landete – die Gestalt auf dem Balcon – ich habe mich nicht getäuscht …“

„Dann freilich –! Gedulden Sie sich nur eine kurze Minute.“ Sie öffnete leise die Thür und schaute hinein. Gleich darauf stieß sie einen Schrei aus und eilte in’s Zimmer. Die Thür blieb offen Arnold folgte.

Juliette lag auf der Erde neben einem Lehnstuhle, auf den sie den Kopf gestützt hatte. Ihr schönes Gesicht war marmorbleich. Die dunkeln Locken waren darüber hingefallen. Die Mutter strich sie ihr aus der Stirn, kniete neben der Ohnmächtigen nieder, nahm sie in den Arm und rief: „Du darfst nicht sterben, mein theures Kind. Du darfst nicht sterben. Er kommt ja – er ist bei Dir.“

Arnold faßte ihre Hand und beugte sich zu ihr nieder. „Juliette – meine theuerste Juliette!“ flüsterte er ihr zu. „Nein! Du darfst nicht sterben. Du wirst leben – für mich leben. Sage mir nur, daß Du mich liebst, und Dein Herz wird nicht mehr krank sein. Du liebst mich, nicht wahr, Du liebst mich?“

Er fühlte einen sanften Druck ihrer kleinen Hand, die sich schnell in der seinigen erwärmte. Das Gesicht, noch eben so starr, wurde mehr und mehr von einem wonnigen Lächeln belebt. „Du liebst mich, Juliette, nicht wahr, Du liebst mich?“ wiederholte er wieder und wieder. Und nun schlug sie die Augen auf, diese wunderbaren dunkelblauen Augen, und der eine Blick sagte ihm Alles. Dann, wie erschreckt über diesen Verrath des so lange gehüteten Geheimnisses, entzog sie ihm die Hand, schlang die Arme um den Nacken der Mutter, drückte das Gesicht an ihre Schulter und schluchzte: „Mutter! Mutter! Du hörst, er liebt mich noch.“

Madame Blanchard streichelte zärtlich ihre Locken und sah dabei mütterlich besorgt zu Arnold hinüber, halb um Schonung bittend, halb erkundend, ob es sein Ernst sei. „Er liebt Dich noch,“ sagte sie beruhigend, „und Du – Du – Du darfst ihm gestehen –“

„Ach! er kannte ja mein schwaches Herz,“ rief das Mädchen, sich noch fester an sie schließend, „lange – lange schon.“

Arnold umfaßte die schlanke Gestalt und hob sie auf den Stuhl. Der Kopf sank matt gegen die Lehne zurück, aber die Augen schlossen sich nicht mehr. Er kniete vor ihr nieder, sah zu ihr auf und küßte ihre Hände. „Warum wolltest Du sterben?“ fragte er mit zärtlichem Vorwurfe.

Sie zog ihn sanft zu sich hinauf und küßte seine Stirn. „Weil ich nicht leben konnte ohne Dich,“ hauchte sie ihm zu. „Und wenn Du nicht gekommen wärst – gewiß, gewiß! ich wäre bald gestorben.“

„Und konntest Dich doch verstecken,“ rief er, „und dem Zufalle überlassen, ob er mich zu Dir führe?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht dem Zufalle! Du hattest ja mein Bild wieder.“

Er sah sie überrascht an, als ob er nicht gleich den Zusammenhang ihrer Worte faßte. „Auch Du glaubst an seinen geheimen Zauber?“ sagte er lächelnd.

„Jetzt dürfte ich wohl,“ antwortete sie, „denn es hat sich ja wunderbar genug bewährt. Aber nennen wir’s nicht so! Ich habe viel darüber nachgedacht, und zu erklären ist’s freilich kaum. Daß aus Millionen zwei Menschen einander finden, ist das nicht immer eine Fügung? Man nimmt’s auch fast ohne Verwundern gläubig und dankbar dafür und fragt nicht einmal: wie hat das so geschehen können und müssen? Mitunter aber hebt sich der Schleier ein wenig; wir sehen zurück bis auf das erste noch [328] unbewußt Gemeinsame, das gleichsam wie ein Samenkorn in der Erde liegt und auf Sonnenschein und Regen wartet. Und wenn man das nun kennt und wenn man weiß, daß es auch immer weiter wirksam und bestimmend gewesen ist, soll man ihm da nicht vertrauensvoll eine Kraft zuschreiben, die unsern Willen zwingt und unseren Wegen die Richtung giebt?“

„O Du Philosophin!“ rief Arnold. „Dir war’s sicher schon in der Wiege bestimmt, daß Du einen Deutschen lieben solltest. So schön hätte ich selbst mir’s gar nicht zurechtlegen können. Wie aber kamst Du zu dem Bilde, das man doch aus meiner Brieftasche entwendet hatte?“

Madame Blanchard gab ihr ein Zeichen, sich nicht durch Sprechen zu sehr anzustrengen. „Credillon hatte es in der Brieftasche entdeckt,“ nahm sie selbst das Wort, „und Ihnen dann verleugnet, als Sie es zurückforderten. Er wußte nicht, daß Sie uns bereits Ihre Schuld gebeichtet hatten, daß Juliette Sie als den Entführer ihres Bildes kannte. Nach einiger Zeit, als sie seiner Bewerbung immer heftiger widersprach, erfand er – wahrscheinlich um sich bei ihr einzuschmeicheln – das Märchen, er habe in deutschen Blättern des Bildes wegen einen Aufruf erlassen und Demjenigen eine große Summe geboten, der es ihm, als dem Maire, einsende. Juliette, die Ihrer Versicherung durchaus Glauben geschenkt, auch von der Beschlagnahme Ihrer Papiere gehört hatte, durchschaute nun sofort den Zusammenhang, schwieg aber klug, um ihn in die Falle gehen zu lassen. Schon nach wenigen Wochen brachte er denn wirklich die Nachricht, der geldgierige Deutsche habe sich durch eine Mittelsperson gemeldet und ihm das Bild verkauft. Er lege es nun zu Juliette’s Füßen, hoffe aber auf einen Dank. Juliette forderte ihn spöttisch auf, dem Papa seine Unkostenrechnung vorzulegen. O! an eine so materielle Ausgleichung der Verbindlichkeiten habe er nie gedacht, antwortete er; wenn aber seine Aufmerksamkeit einen Lohn verdiene, der wirklich lohne – denken Sie, der Unverschämte begehrte einen Kuß! Juliette, empört ebenso über seine Verlogenheit wie über diese Zumuthung, nahm das Bild und – versetzte ihm einen Backenstreich. Die Worte, mit denen sie ihn begleitete, wiederhole ich nicht; sie machten selbst auf meinen guten Charles einen so tiefen Eindruck, daß der Bösewicht bei ihm allen Glauben einbüßte und sich bald zum Rückzuge genöthigt sah. Wir haben dann von seinen Chicanen viel zu leiden gehabt. Entblödete er sich doch nicht, uns nachträglich des Einverständnisses mit dem Feinde während der Belagerung zu bezichtigen. Das verstörte meinen armen Blanchard nun vollständig. Aber solche Leute machen jetzt in Frankreich ihr Glück: er ist bereits Unter-Präfect und wird noch weiter steigen.“

Das Gespräch war, früher als Arnold es wünschen konnte, auf Blanchard gebracht; er selbst mußte es nun dabei festhalten. Er erzählte, daß er den Tod des ihm einst so lieb gewordenen Mannes schon in Paris erfahren und daß er seine Ruhestätte besucht habe. Juliette weinte still in ihr Tuch, und Madame Blanchard erleichterte sich durch eine Fülle von Mittheilungen aus seiner Leidenszeit. „Er hatte zuletzt Alles vergessen,“ schloß sie, „was seit dem unglücklichen Tage geschehen war, an dem sich Paris ergab. Ja, er glaubte an diese Uebergabe nicht einmal, sondern behauptete, die Belagerung werde noch immer fortgesetzt. Er hörte auch fortwährend schießen. Seine letzten lallenden Worte waren: ‚Paris fällt nicht.‘“ –

Der See lag schon in tiefer Dämmerung; nur die höchsten Bergspitzen links über dem Rhonethal glühten noch wie Feuer der scheidenden Sonne. Madame Blanchard öffnete die Thüren und Arnold trug Juliette im Sessel auf den Balcon hinaus. Ihre Einrede, daß sie sich gar nicht mehr so schwach fühle und wohl auch die wenigen Schritte gehen könne, wollte er nicht gelten lassen. Unten an der Ladebrücke lag noch der Kutter. Der Matrose war an’s Land getreten, aber Kruttke saß auf der vorderen Mastbank und schaute unverwandt zum Balcon hinauf. Arnold machte die Damen auf den treuen Menschen aufmerksam. „Er hat gar keinen geringen Theil dabei,“ sagte er scherzend zur Mama, „daß wir gute Freunde geworden sind. Er glaubte allen Ernstes, Sie müßten hungern, und seinem mitleidigen Herzen verdankten Sie den ersten Teller Suppe aus unserer Küche.“

„War auch die rothe Flagge seine Erfindung?“ fragte Juliette.

„Nein, sie war mein verzweifelter Gedanke,“ versicherte Arnold, „aber Ehre, wem Ehre gebührt: die Seefahrten hat er in Anregung gebracht.“

Es ermittelte sich nun, daß der Kutter erst heute von den Damen bemerkt war. Sie hatten seit Wochen das Zimmer gehütet: Juliette war erst seit wenigen Tagen im Stande gewesen, das Bett zu verlassen. Nun war ihnen der Schnellsegler mit der rothen Flagge aufgefallen. Da sie aus so weiter Entfernung die Inschrift nicht lesen konnten, hatte die Mama ein Fernglas angewandt. „Der Name ‚Juliette‘,“ erzählte sie weiter, „beunruhigte mein Töchterchen sogleich ganz außerordentlich. Als sich nun das Boot näherte, ging ich auf die Terrasse hinab, um aus geringerer Entfernung die Leute darauf zu beobachten. Hätte sie wenigstens Geduld gehabt, bis ich ihr Gewißheit bringen konnte! Aber sie, die ohne meine Stütze nicht zwei Schritte gehen konnte, war auf den Balcon hinausgetreten und – nun, Sie kennen ja die Folgen dieser Unvorsichtigkeit.“

Arnold drückte dem geliebten Mädchen die Hand. „Mir ist nach dieser Ohnmacht so wohl und leicht um’s Herz, wie seit Jahren nicht,“ versicherte Juliette.

Der Mond tauchte aus den Bergnebeln auf, eine große bleiche Scheibe, und hob sich langsam in das Tiefblau des unbewölkten Himmels hinauf. Und nun blitzten Lichtfunken auf dem Seespiegel und tanzten weiter und weiter über die sanften Wellenbiegungen hin, bis zuletzt ein glänzender Lichtstreif bis zum jenseitigen Ufer hinüberspielte. „Ich denke an eine Mondnacht,“ sagte Arnold träumerisch, „die für mein ganzes Leben bedeutsam war.“ Er erzählte von seiner Nachtwache in Feindes Land und von dem ersten Besuch der Blanchard’schen Villa.

„Ihr Deutsche seid doch ein wunderliches Volk,“ bemerkte Juliette ganz so schalkhaft, wie in den früheren glücklichsten Tagen ihres Verkehrs. „Es ist nur gut, daß zu unserer Verlobung Mondschein im Kalender steht. Wenn man hier am Genfer See nicht für den alten Burschen schwärmen lernt, denke ich, lernt man’s überhaupt nicht.“ –

Spät erst trennten sie sich. Arnold nahm im Hôtel sogleich für sich Logis. Am andern Tage wurde Kruttke mit dem Kutter nach Ouchy zurückgeschickt, um aus Lausanne die Sachen abzuholen und auf der Post Weisungen zu geben. Er nahm zugleich einen Brief mit, der den Lieben in der Heimath ein vollfreudiges „Gefunden!“ zurief.

Aber Kruttke brachte auch einen Brief mit, der im „Hôtel du Lac“ zu Vevey vielleicht mehr Sensation erregte, als der Arnold’s im Hause der Commerzienräthin erwarten durfte. Um es nur gleich mit den knappsten Worten zu sagen: Victor Blanchard hatte tief aus Rußland an Clärchen geschrieben und bei ihr angefragt, ob sie den Muth habe, seine Hausfrau zu werden. Muth gehöre freilich dazu, denn er hause ganz außer der civilisirten Welt; nicht jener augenblickliche Muth, der leicht zu einem großen Opfer anrege, sondern jener beharrliche, der in treuer Pflichterfüllung nicht ermüde und den nur die deutschen Frauen hätten. Clärchen hatte den ganzen Brief abgeschrieben. „Was soll ich thun?“ schloß sie. „Ob Du nun Deine Juliette findest oder nicht, mich willst Du ja doch nicht. Und daß ich Dir’s nur gestehe: ich war ihm schon in den Tagen seiner Gefangenschaft gut.“

Madame Blanchard war wie aus den Wolken gefallen, und es dauerte einige Zeit, bis sie sich auf dem Boden dieser neuen Thatsachen zurechtfand. „Ich will glauben,“ sagte sie endlich, „daß er die beste Wahl getroffen hat, und mein Mutterherz giebt auch dazu seinen Segen; aber Tochter und Sohn …“ sie wiegte nachdenklich den Kopf und tupfte eine Thräne fort; „gut, daß mein Charles schläft.“

Als Arnold Abends seine Juliette auf der Terrasse unter den mondbeglänzten Platanen langsam am Arm auf und ab führte und die Erinnerung des Erlebten in ihnen beim traulichen Austausch aller so lange und sorgenvoll bewahrten Herzensgeheimnisse mächtig geworden war, sagte er, ihre Hand auf sein Herz drückend: „Es war ein schwerer Kampf, und die Liebe hat gesiegt. Erst in Wenigen freilich! Aber laß uns hoffen, daß ‚Versöhnung‘ bald das allgemeine Losungswort werden wird. Mensch zu Mensch und Volk zu Volk!“



  1. Verfasser des „Schuster Lange“, Jahrgang 1873.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: bereis