Ein moderner Eugen Aram

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Textdaten
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Autor: C. A. Hontheim
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Titel: Ein moderner Eugen Aram
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 505–507
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[505]
Ein moderner Eugen Aram.
Skizze aus dem amerikanischen Verbrecherleben.


Im großen Ganzen bieten die Vorkommnisse und hauptsächlich die Charaktere aus dem Bereiche der amerikanischen Verbrecherwelt höchst selten Gelegenheit dar, dieselben zum Gegenstande „unterhaltender“ Lectüre zu machen. Alle unsere Verhältnisse sind im Grunde genommen noch sehr ursprünglich, und so hat auch unsere Verbrecher und unsere Verbrechen noch nicht Europens übertünchte Höflichkeit beleckt. Ungenirte Rohheit ist hier zu Lande das charakteristische Merkmal der Verbrecher, es fehlt ihnen der Schliff der Civilisation, der die Bösewichte Europas gar häufig den Novellisten willkommene Vorwürfe zu interessanten und pikanten Romanfiguren bieten läßt.

Wenn ich es aber dennoch wage, die Leser der Gartenlaube hier einen Einblick in die amerikanische Verbrecherwelt thun zu lassen, so ist es nicht so sehr das Verbrechen selbst, das an und für sich nur dem Criminalisten von Interesse sein kann, welches mich zu einer Besprechung veranlaßt hat, sondern in erster Linie der wirklich eigenthümliche Charakter des Verbrechers, der nicht sowohl dem Criminalisten als dem Psychologen reichen Stoff zum Nachdenken darbieten dürfte. Ich bin mir wohl bewußt, daß meine Darstellung nicht erschöpfend sein kann, aber das überaus reichhaltige und schätzbare Material, das vor Allem in der New-Yorker englischen Presse in Folge dieser Cause célèbre aufgehäuft wird, bietet wenigstens Momente genug dar, um einen tiefen Blick in diese moderne Eugen-Aram-Natur thun zu lassen.

Zunächst erlauben Sie mir, in ganz kurzen Zügen die Momente des Mordprocesses, der dem Treiben eines wahren Scheusals ein Ende gemacht hat, hier anzuführen.

Am 11. Januar dieses Jahres wurde in Binghampton im Staate New-York Edward H. Rulloff wegen Mordes zum Tode verurtheilt, und am 3. März sollte er „am Halse aufgeknüpft [506] werden, bis er todt ist“. Folgendes ist der objective Thatbestand des Verbrechens.

In der Stadt Binghampton wurde am frühen Morgen des 17. August 1870 Frederick A. Mirick ermordet. Er war Commis in dem Modewaarengeschäft der Gebrüder Halbert, und schlief während der Nacht mit seinem Collegen S. Burrows in dem Geschäftslocale. Am fraglichen Morgen gegen drei Uhr wurde der Clerk des in der Nähe gelegenen „American Hotel“ durch den Schrei „Mord! Mord!“ geweckt. Er stürzte auf die Straße hinaus und begegnete hier dem Burrows, der ihm in der fürchterlichsten Aufregung mittheilte, daß sein Camerad ermordet worden sei. In dem Hôtel schlief der Polizeichef der Stadt Binghampton. Derselbe wurde geweckt, da aber das idyllische Städtchen Binghampton siebenzehntausend Einwohner, einen Polizeichef und – keinen Polizeidiener hat, so hatte der Polizeichef nichts Eiligeres zu thun, als in der Feuerwehrhalle die Alarmglocke ertönen zu lassen. Bald war denn auch Alles auf den Beinen und sofort wurden Banden organisirt und die ganze Stadt und Umgegend abpatrouillirt.

Eine andere Schaar begab sich dann mit dem Polizeichef nach Halbert’s Modewaarenhandlung, und dort fand man die Leiche des kaum achtzehnjährigen Mirick in einer Blutlache liegen. Er war durch den Kopf geschossen und das Gemach ließ die Spuren eines furchtbaren Kampfes erkennen. Alles lag durcheinander, die Hinterthür war erbrochen, von dem Mörder aber keine Spur, nur ein ganz eigenthümlicher Schuh wurde in der Nähe der Mordthat aufgefunden. Der hintere Theil des Ladens stößt an den Chenangofluß und man glaubte, der Mörder habe denselben durchwatet. Mit großer Sorgfalt wurde der Fluß durchsucht, aber lange vergeblich. Nach drei Tagen zog man indeß die Leichen zweier ertrunkener Männer aus dem Wasser. Ihre Gesichter und Leiber waren so zerschlagen und verstümmelt, daß man sie kaum noch für Körper menschlicher Wesen zu erkennen vermochte. In ihren Taschen fand man Einbrechwerkzeuge und andere Gegenstände, die deutlich erkennen ließen, daß es die Leichen zweier gefährlicher Individuen seien. Natürlich brachte man diese Leichen mit dem Mord in Verbindung.

Während der Coroner mit der Untersuchung dieses Falles beschäftigt war, wurde ganz in der Nähe der Stadt ein Mann unter eigenthümlichen Verhältnissen verhaftet. Er wurde mit den beiden Leichen confrontirt, seine Aussagen waren aber derart, daß sie trotz einiger Widersprüche keine feste Handhabe zur Einleitung einer Untersuchung darboten, so daß man das Subject schließlich laufen ließ. Zufälliger Weise begegnete jetzt der Angeklagte dem alten Richter Balcom. Der scheue Blick des Mannes fiel dem Richter auf, er hatte den Mann schon früher gesehen, doch hatte er nur unbestimmte Ahnungen, wer es sein könne. Nichtsdesto weniger ließ Balcom ihn wieder verhaften und stellte ein Verhör mit ihm an. Plötzlich wurden ihm seine Ahnungen zur Gewißheit.

„Ihr sagt, Euer Name sei William Smith?“

„Ja, Sir!“

Da sprang der Richter auf.

„Du lügst! Du bist nicht Smith, Du bist Edward H. Rulloff. Du hast vor mehr als zwanzig Jahre Deine Frau und Dein einziges Kind ermordet. Damals entkamst Du dem Galgen, aber ich verurtheilte Dich zu zehn Jahren Zuchthaus wegen Wegschleppung Deiner Familie!“

Gelassen und mit frecher Miene hörte Rulloff diese Anschuldigungen an. Doch wurden die Untersuchungen sofort wieder aufgegriffen; es stellte sich heraus, daß die beiden ertrunkenen Männer die Spießgesellen Rulloff’s waren. Der oben erwähnte unförmliche Schuh paßte genau an Rulloff’s linken Fuß, und schließlich wurde ihm die Mordthat bis zur Augenscheinlichkeit bewiesen.

Am elften Januar wurde der Proceß beendet und Rulloff zum Tode verurtheilt. Er hatte die ganze Zeit in dumpfem Schweigen dagesessen, und nur, als der alte Richter ihn in feierlichem Ernste ermahnte, seine Verbrechen zu bereuen und die kurze Spanne Lebenszeit als Vorbereitung zu seinem Tode zu benützen, überflog ein spöttisches Lächeln das düstere Gesicht des verhärteten Sünders.

Das ist der objective Thatbestand des Verbrechens. Während der Untersuchung ergaben sich ganz merkwürdige Aufschlüsse über das frühere Leben und die Eigenthümlichkeiten dieser seltenen Verbrechernatur. Im Jahre 1848 hatte Rulloff die Tochter eines Herrn Schmidt in Dreyden, N. Y., geheirathet. Später diente er als Provisor in einer Apotheke, zu Ithaca, N. Y. Dort beschuldigte er seine Frau der ehelichen Untreue und er behandelte sie mit einer wirklich teuflischen Bosheit. Einmal wollte er sie zwingen, Gift zu nehmen, und nur die zufällige Dazwischenkunft einiger Fremden vereitelte dieses Verbrechen. Rulloff war wütend und überhäufte sie mit den widerlichsten Schimpfworten.

Die geängstigte Frau fiel vor dem Wüthenden auf die Kniee und schluchzte laut auf: „O Edward, Edward, ich bin so unschuldig wie ein neugeborenes Kind!“

Der brutale Mensch aber trat sie mit Füßen und schrie: „Stehe auf! Gott verdamm’ mich, mache mir kein solches Geheul vor, wenn ich toll bin!“

Trotzdem hing die Frau mit blinder Liebe an diesem Dämon, sie wollte nicht in das Haus ihres Vaters zurückkehren und that sogar alles Mögliche, der Welt und ihren Verwandten gegenüber den wahren Charakter ihres Mannes zu verheimlichen.

Einige Monate nachher verließ er mit seiner Frau und seiner jungen Tochter Ithaca, um, wie er sagte, sie nach einer Farm zu bringen. Seitdem hat man sie nie wieder gesehen. Seinem Advocaten hat er aber eingestanden, daß er seine Frau erdrosselt und ihr dann eine Ader geöffnet habe, um sie zu Tode bluten zu lassen. Das Kind habe er erstickt. Das Verbrechen konnte ihm jedoch nicht erwiesen werden, und so wurde er wegen Wegschleppung seiner Familie zu zehn Jahren Zuchthaus verurtheilt. Im Jahre 1856 hatte er die Strafe abgesessen und sofort wurde dann wieder ein Proceß wegen Ermordung seines Kindes gegen ihn anhängig gemacht. Er wurde zum Tode verurtheilt, aber auf Appellation wegen mangelnder Beweise entlassen.

Es läßt sich denken, daß die Processirung eines solchen Menschen die Gegend ringsum in nicht geringe Aufregung versetzen mußte. Die Verhandlungen in Binghampton nahmen mehrere Tage in Anspruch; aber die ganze Stadt verfolgte mit Fieberspannung die einzelnen Phasen des Processes. Des Mörders Vertheidiger ein tüchtiger Advocat aus Binghampton, erhielt zahlreiche Drohbriefe, worin ihm die Strafe des socialen Ostracismus und vollständiger Verlust seiner Praxis angekündigt wurde, wenn er es wagen würde, zu Gunsten des Mörders zu sprechen. Auch wurde ihm mitgetheilt, daß im Falle einer Freisprechung das Volk selbst die Gerechtigkeit in die Hand nehmen würde. Sechs Stunden blieb die Jury in Berathung, die Aufregung während dieser Zeit wurde immer gewaltiger, und selbst, als die Jury endlich das „Schuldig“ aussprach und Rulloff, zum Tode verurtheilt, in das Gefängniß zurückgeführt wurde, bedurfte es aller Anstrengung, den Mörder vor der Volkswuth zu schützen.

Bis dahin habe ich Ihnen nur eine ganz gewöhnliche Mordgeschichte erzählt, die auch weiter kein lohnendes Interesse erwecke würde, wenn nicht eben die Natur des Mörders so mannigfache Anhaltepunkte zu interessanten Betrachtungen darböte.

Rulloff ist ein Mann von fünfzig Jahren und von deutsch-amerikanischer Abkunft. Er war Apotheker, Lehrer, Handwerker, gewöhnlicher Arbeiter etc.; aber er mochte sich in einer Lebensstellung befinden, wie immer, stets benutzte er jeden freien Augenblick zu den rastlosesten Studien. Ganz geläufig sprach er Französisch, Deutsch, Englisch und Latein. Die griechische Sprache konnte er durch und durch, und mit Leichtigkeit wußte er sich im Spanischen, Portugiesischen und Italienischen verständlich zu machen, sogar im Hebräischen und im Sanskrit hatte er sich die umfassendsten Kenntnisse erworben. Im Gefängnisse beschäftigte er sich viel mit juridischen Studien, besonders vertiefte er sich gern in interessante und verwickelte Criminalfälle. In der Technik, Physik, Chemie und den beschreibenden Naturwissenschaften war er sehr wohl bewandert; kurz, es gab kaum einen Zweig menschlicher Wissenschaft, dem er sich nicht mit Eifer zugewandt hatte. Ich will freilich nicht behaupten, daß er ein wirklicher Gelehrter war; aus eigenem Fleiße hatte er so ziemlich ohne System ein überreiches Material positiven Wissens sich angeignet; aber er besaß nicht die Gabe der wissenschaftlichen Absonderung und Scheidung, die Begriffe verwirrten sich leicht und das überreich aufgehäufte und gewissermaßen unverdaute Material brachte ihn dazu, bei jeder Gelegenheit sich mit seinem Wissen hervorzudrängen.

Das Studium seines ganzen Lebens hat er, wie er selbst sagte, in einem äußerst umfassenden Werke niedergelegt, das immerhin interessant genug ist, besprochen zu werden.

[507] Auf der Philologen-Versammlung in Poughkeepsie, N. Y., im Juli 1869 führte sich Rulloff als Professor E. Leurio aus Newyork ein und vertheilte an die Mitglieder der Gesellschaft ein Circular, dem wir Folgendes entnehmen:

Große Entdeckung!
Die Sprache der alten Griechen hergestellt!
Das Mysterium der neuen Sprachen erklärt!
5000 Beispiele,
entnommen der griechischen, lateinischen, deutschen, französischen und englischen Sprache, deren Formation vollständig klar und verständlich dargelegt wird.
Preis des Manuscripts – 500,000 Dollars!

Es wurde ein Comité von drei Professoren ernannt, welche dieses Werk, das der Verfasser für die Kleinigkeit von einer halben Million Dollars anbot, untersuchen sollten. Das Comité berichtete, daß die Versammlung sich nicht mit diesem Gegenstande befassen könne, ein kritisches Urtheil über das Werk gab das Comité nicht ab, nur ein Mitglied erklärte später, daß das Manuscript viel wichtige Schätze für die Sprachforschung enthalte.

Bei Gelegenheit des Processes ist nun auch das Manuscript wieder zur Sprache gekommen und vielfach argumentirt worden. Es umfaßt einen großen Folioband von sechshundert Seiten und zwei kleinere Bände. Die Handschrift ist eigenthümlich. Das Manuscript enthält sieben Theile unter folgenden Titeln:

1) Methode der Sprachformation. 2) Die Wurzeln der Sprache und ihre Analysis. 3) Die Form der Worte und ihre Modificationen. 4) Die methodische Erforschung der Wurzeln in der Formation der Sprache. 5) Die Bedeutung der Worte. 6) Der Ursprung der Partikel. 7) Fünftausend Beispiele.

Doch genug davon. Ich habe das Werk nicht selbst gesehen, kann nur aus den meist oberflächlichen Besprechungen der amerikanischen Presse schöpfen, und deshalb kann ich mir auch kein Urtheil über das Buch erlauben. Höchst wahrscheinlich wird es aber eine reiche Ausbeute interessanter Spracheigenthümlichkeiten enthalten, ohne daß es dem Verfasser gelungen ist, dieselbe in einem streng wissenschaftlichen System zusammenzufassen.

Zum Schlusse möge hier noch ein eigenthümlicher Zug im Charakter des gelehrten Scheusals Platz finden.

Als Rulloff im Gefängniß zu Ithaca saß, hatte er den Sohn des Sheriff, den jungen Jarvis, kennen lernen. Es war ein wilder, unbändiger Junge, und Rulloff unterrichtete ihn, aber nicht nur in den nützlichen Schulkenntnissen, sondern er bildete ihn auch zum abgefeimtesten Bösewicht heran. Rulloff hatte große Zuneigung zu dem jungen Manne gefaßt und später waren sie auch immer zusammen. Mehr als einmal hat Rulloff mit eigener Lebensgefahr aus den kritischsten Momenten ihn gerettet. Jarvis war auch einer der beiden Complicen, die bei dem Mordgeschäft in Binghampton betheiligt waren und die im Chenangoflusse ertranken. Bei der Untersuchung hat es sich herausgestellt, daß Rulloff bereits den Laden verlassen hatte, als der junge Jarvis, der noch mit den beiden Clerks zu kämpfen hatte, kläglich um Hülfe rief; sofort kehrte er zurück, um seinen Freund zu retten, er erschoß Mirick, konnte aber Jarvis nicht retten, und jetzt erlitt er selbst, als Letzter des würdigen Brüderpaares, den Tod am Galgen.

Erst am 17. Mai wurde der Mörder Edward H. Rulloff im Gefängnißhofe zu Binghampton, New-York, hingerichtet. Bei seiner Verurtheilung war der 3. März als Hinrichtetag festgesetzt. Er machte jedoch die größten Anstrengungen, nochmals processirt zu werden, und wirklich wurde der Executionstag hinausgeschoben. Der Appellhof beseitigte jedoch das Urtheil und so blieb nur der Gnadenweg noch übrig. Der gelehrte Mörder reichte eigenhändig ein Gnadengesuch ein. In demselben stützte er seine Bitte hauptsächlich darauf, daß sein Leben für die Wissenschaft erhalten werden müsse, da er mit seinem neuen Sprachsystem noch nicht ganz fertig sei, und dieses Wunderwerk müsse die Menschheit vollständig erhalten. Der Brief war übrigens in einem so abenteuerlichen Tone gehalten, daß der Gouverneur sich veranlaßt sah, die Zurechnungsfähigkeit des Mörders untersuchen zu lassen. Rulloff überzeugte aber die beiden Aerzte, daß er keineswegs an einer Geistesstörung leide. Ueberaus eifrig beschäftigte er sich dann mit seinen Studien und schrieb lange Artikel über vergleichende Sprachenkunde für ein Binghamptoner Journal. Dieselben waren aber meistens ganz unverständlich und seltsam in jeder Beziehung. Kaum erhielt aber Rulloff die abschlägige Antwort des Gouverneurs, da brach sich die bestialische Natur des Mörders Bahn. Er tobte und wüthete tagelang wie ein Besessener und lästerte in den gemeinsten Ausdrücken die Richter, den Gouverneur etc. – dann legte sich sein Paroxysmus wieder, er wurde wieder tiefsinnig, versenkte sich in seine Studien und bejammerte es kläglich, daß die Wissenschaft nunmehr um seine gelehrten Forschungen betrogen werde; je näher aber der Tag der Execution herannahte, desto eifriger schrieb und arbeitete er.

Im Ganzen sind seine philologischen Studien ziemlich unverdaulich und vielleicht möchte er den Namen „philologischer Mörder“ schon deshalb verdienen, weil er wirkliche Mordattentate auf die Philologie ausgeübt hat. Augenscheinlich studirte er jetzt nur aus Prahlerei, was sich ziemlich deutlich aus folgender verbürgten Thatsache erklären läßt. Er beklagte sich einst bei einigen Besuchern, daß ihm die portugiesische Sprache so viel Schwierigkeiten mache. Zufällig sprach einer der Herren geläufig portugiesisch und da stellte es sich denn heraus, daß Rulloff auch nicht ein Wort portugiesisch verstand.

Wenige Tage vor seinem Tode eröffnete er plötzlich dem Sheriff, er sei bereit, ein vollständiges Bekenntniß aller seiner Verbrechen abzulegen, wenn man – fünftausend Dollars an seinen Bruder auszahlen wolle. Es wurde an seinen Bruder telegraphirt, doch dieser lehnte mit Entrüstung das Anerbieten ab und ohne weiter ein Wort darüber zu verlieren, vertiefte er sich wieder in seinen Codex.

Ein paar Mal hatte er auch entsetzliche Wuthanfälle. Die letzten Stunden vor seinem Tode war er aber ruhig, eisig kalt! Er frühstückte Morgens mit großem Behagen, kleidete sich sehr sorgfältig an, schrieb noch ein paar Briefe und bestieg, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, das Schaffot; bis zum letzten Momente verharrte er in eisig kalter Ruhe. Rulloff war unzweifelhaft ein – interessanter Verbrecher. Sein Leben bildete eine fortgesetzte Reihe der entsetzlichsten Schandthaten, die nur zum kleinsten Theil an die Öffentlichkeit getreten sind. Und in dieser niedrigen Verbrechernatur barg sich ein ganz eigenthümlicher Schatz menschlichen Wissens. In keiner Beziehung kann Rulloff allerdings Anspruch darauf machen, ein Mann der Wissenschaft zu sein, dazu waren die massenhaften Kenntnisse zu wenig geordnet und ihm zu wenig zum Bewußtsein gekommen. Immerhin bietet aber der Contrast in der Natur dieses Menschen höchst eigenthümliche psychologische Räthsel dar, und unzweifelhaft bildet dieser Mensch eine der interessantesten Erscheinungen in dem Gebiete der Criminalistik. Rulloff wäre entschieden ein dankbares Bild in der Pitaval-Galerie.
C. A. Hontheim.