Ein neues Machwerk Tissot’s

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Textdaten
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Autor: A.
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Titel: Ein neues Machwerk Tissot’s
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 182–184
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein neues Machwerk Tissot’s.


In den ersten Tagen des März erscheint von Victor Tissot, dem Autor des bekannten Buches „Reise in’s Milliardenland“, ein zweiter Theil dieses Werkes: „Die Preußen in Deutschland“.

Man wird sich wohl noch erinnern, wie viel Staub dieses „Voyage au pays des Milliards“ dies- und jenseits der Vogesen aufwirbelte. In Frankreich machte sich der nationale Chauvinismus über das stark gepfefferte publicistische Gericht her, und in Deutschland war man begreiflicher Weise neugierig, das Bild kennen zu lernen, welches ein so erklärter Feind des neuen Reiches von deutschen Zuständen entworfen hatte. Die vielleicht nicht immer kluge wohlüberlegte Neugierde wirkte magnetartig und dies um so mehr, da die bittere Pille ganz artig gezuckert präsentirt wurde, denn abgesehen von dem etwaigen Werthe seines Buches, abgesehen von dem Grade der Gründlichkeit seiner Studien schreibt Tissot sehr genießbar. Man ärgert sich, ist entrüstet, wünscht den Autor zum Kukuk – aber man lacht. …

Man begreift, daß der zweite Theil des „Voyage“ bei dem zweifelhaften Rufe, den der Verfasser so rasch erwarb, im Publicum nicht ohne Spannung erwartet wird, und da die menschliche Neugierde nie ihre Rechte aufgiebt, so wird man auch diesmal sich über den Inhalt dieses Buches zu orientiren suchen. Für’s Erste ist der Titel „Die Preußen in Deutschland“ ein Schlagwort. Die Titel müssen heutzutage sensationell sein, sonst ist mit dem Verleger kein Geschäft zu machen. „Die Preußen in Deutschland“ – das sollte eine Skizzirung der Zustände bedeuten, wie die Ereignisse von 1866 und 1871 zu Gunsten von Preußen sie geschaffen haben. Obwohl die verhaßten Prussiens auch in diesem Buche arg mitgenommen werden, ist der Zweck kein exclusiv politischer. Herr Tissot wirft mit seinen Steinen nach jedem Zweige deutscher Cultur.

Als er sich im vorigen Juli eines schönen Abends auf den Weg machte, um das Material für diesen Band zu sammeln, konnte er nicht einmal die Ueberschreitung der germanischen Grenze abwarten, um seinem gepreßten, nach deutschem Blute lechzenden Herzen Erleichterung zu verschaffen. Schon in Namur, im neutralen Belgien, beginnt die Deutschenhetze. Im Verfolg seiner Reise führt die Bahn ihn an Saarbrücken vorüber; natürlich geht es hier ohne eine Suade über den auch deutscherseits anerkannten Heldenmuth der Franzosen nicht ab; die Beschießung Saarbrückens bei der famosen Affaire, wo Lulu die Kugel aufhob, nimmt der Autor auf die leichte Achsel; er findet die ganze Sache „unverfänglich“; er begreift nicht, daß die antifranzösische Presse in Deutschland über die „Asche von Saarbrücken“ Krokodilthränen vergossen.

In Coblenz hält Herr Tissot zum ersten Male einen Rasttag. Auch hier – welch ein Glück! – findet sich eine geläufige Zunge – ein Unterofficier – um ihm haarklein Auskunft über den Stand der deutschen Rüstungen zu ertheilen, und in der festen Ueberzeugung, daß „vierzig Armeecorps zu achtzehntausend Mann jedes auf ein Zeichen mobil dastehen können“, verfügt sich der Autor in einen Waggon dritter Classe, um das deutsche Reisepublicum im gewöhnlichen Sinne so recht zu beobachten. Diese billige Fahrt ist höchst lehrreich. Erstens entdeckt der Verfasser das wirkliche deutsche Familienleben. Es besteht darin, „daß die guten Familienväter, die Geheim- und Hofräthe sich allein im kleinen Gasthofe ihrer Stadt gütlich thun, während die Weiber und Kinder besagter Hof-, Geheime- und Legationsräthe zu Hause bleiben und Eichelkaffee und Erdäpfel genießen. Die deutsche Frau, namentlich im Süden, ist eine Sclavin, eine Magd. Ihre erniedrigende und grausame Lage erzeugt Entrüstung und flößt Mitleid ein. Das Weib hat die härtesten Arbeiten zu verrichten. Es steht zuerst auf und geht zuletzt in’s Bett. Es ist das Lastvieh, eine Maschine im Stricken, Nähen und der Reproduction des Geschlechts, sonst Nichts. In der Familie ist der Vater zugleich Oberhaupt und Richter. Wie unterwürfig (hm, hm!), wie folgsam (hm, hm!), wie zitternd (hm, hm!) sind diese armen und süßen Geschöpfe! Die Tyrannei des Papas ist der Anfang der Erlernung des Respects; bei dieser Race thut ein Bischen Schlagen immer Noth, denn Macht geht vor Recht.“

Die schwermüthigen Betrachtungen über das Pariaschicksal deutscher Frauen unterbricht der Eintritt neuer Reisender. Ein Mitglied des Bonner Kriegsvereins erzählt die Enthüllung des Arminius-Denkmals und ein Tiroler Schütze, der von Stuttgart kommt, hat einen Papagei als Preis davongetragen. Das Thier schreit die ganze Fahrt: „Bismarck, Bismarck – Hahnemann, Hahnemann!“ Mit diesem letzten Namen ruft der Papagei nach einem Redacteur der Moskauer deutschen Zeitung, welcher auf der Rednerbühne die Drei-Kaiser-Allianz feierte, und den Namen dieses Moskauer Schriftstellers merkte sich unser Papagei auf einmal – sonderbarer Kauz! Was die Schilderung des Mitglieds des Bonner Kriegsvereins anbelangt, so lautet diese gerade wie sie Herr Tissot braucht, um den Franzosen ein deutsches Nationalfest von der lächerlichen abfälligen Seite zu zeigen. Zum Schlusse legt der Bonner seinen Reisegefährten eine mit dem Bildnisse des Arminius geschmückte Denkmünze vor. Das Angesicht des Siegers vom Teutoburger Walde findet in den Augen des Verfassers wenig Gefallen. „Dieser Tropmann de la forêt de Teutoburg,“ schreibt er, „trägt auf dem Kopfe ein Bärenfell mit zwei Rabenflügeln, die sich wie Eselsohren ausnehmen. Die Lippen sind grausam, wie bei dem Tiger; der Bart ist kraus und struppig. Man erkennt den wahren deutschen Spion, den Verräther, der seine ehemaligen Waffenbrüder in einen Hinterhalt gelockt hat.“ Bekanntlich wurde in Frankreich zur Zeit des Arminius-Festes diese These von dem Verrathe des Cheruskerfürsten an seinen Alliirten zuerst von den Gelehrten des „Journal des Debats“ verfochten und fand natürlich Anklang.

Worms, die Lutherstadt, bietet wenig Anlaß für die Kritik; hier regt sich in dem Verfasser das, wie uns dünkt, ziemlich lebhafte künstlerische Gefühl. Er zollt dem Denkmale des Reformators aufrichtige Bewunderung und scheint von der Synagoge entzückt. Die Erscheinung eines semitischen Fräuleins von idealer Schönheit versetzt ihn förmlich in Ekstase.

Auch Frankfurt hat Herr Tissot ziemlich liebgewonnen, und der Palmengarten, von dem die Bürger der ehemaligen Freistadt mit gerechtem Stolze sprechen, übt auf den französischen Kritikus einen mächtigen Zauber aus. „Die Citoyennes de Francfort – ich kenne keine weiblichen Geschöpfe, die soviel Zauber besitzen und so verführerisch sind. Rubens hätte bei ihnen im Großen und im Kleinen die Najaden und Nymphen seines ‚Gouvernement du Rhin‘ gefunden. Sie (die Frankfurterinnen) sind zugleich nachlässig, lebhaft, lärmend und dahinschmelzend; ihr Gang ist einer Göttin würdig und erinnert doch zugleich an die Bajaderen; ihr Fleisch ist aus Nectar und Ambrosia geknetet. Ihr blonder und schwarzer Haarwuchs rieselt in wohlriechenden Katarakten auf die marmornen Schultern etc.“

Das eigentliche Reiseziel Tissot’s ist München, aber da er gerade mitten in der bewegten Wahlperiode reist, macht er unterwegs Halt. Seine erste Station ist Würzburg; man erinnert sich, wie lebhaft hier der Kampf zwischen Ultramontanen und Nationalen tobte. Tissot widmet nun ein ganzes Capitel [183] der Uebersetzung der verschiedenen Manifeste, die um diese Zeit in den Tagesblättern der Perle Frankens zu lesen waren. Er spricht sich allerdings nicht für die Ultramontanen aus, aber der Ton, den die Nationalen gegen die Priester führen, erinnert den Verfasser „an die rhetorischen Blumen des Père Duchêne, zur Zeit, wo Raoul Rigault die Priester als Geiseln erschießen ließ“. Am Abend der für den Ultramontanismus verlorenen Schlacht holt sich Tissot wie gewöhnlich Paroli – im Wirthshause. In einem solchen findet er „zwei Capläne, die ihre langen Pfeifen rauchen mitten in einer Gruppe von dickbäuchigen Specereihändlern und Bäckermeistern, die dem Generalstabe der katholischen Partei angehören. Die Leute redeten leise, und meine Anwesenheit schien sie zu geniren. Der älteste Caplan allein – wahrscheinlich war er taub – sagte, indem er mit seinem halbgefüllten Bierglase auf den Tisch stieß: Malefiz Preußen!“ Von Würzburg geht es nach Nürnberg, und hier ist es das Zellengefängniß, welches auf Tissot eine mächtige Anziehungskraft ausübt. Warum gerade diese besondere Bevorzugung? Ist es, weil es sehr schwer sein soll, die Strafanstalt anders als in erzwungener Weise zu besuchen, oder gilt die Neugierde dem in diesem Gefängnisse eingesperrten Dr. Sigl? Kurz und gut, um sein Begehren zu stillen, miethet Tissot einen zweispännigen Wagen, zieht sich einen neuen Rock an und hofft auf die Wirkungen seiner goldenen Uhr, um dem Dienstpersonale zu imponiren. Es gelingt ihm auch wirklich, den „deutschen Veuillot“ durch das Gitterloch seiner Zelle die verschiedenen Majestätsbeleidigungen absitzen zu sehen. Das Schicksal des Redacteurs des „Vaterland“ rührt tief die wehmüthige Seele des Verfassers; er ist in dieser Angelegenheit auch mit Andrassy nicht zufrieden und erinnert ihn, daß die Regierungen, in deren Lande der ungarische Graf nach 1849 Schutz suchte, nicht so rasch mit Auslieferungen bei der Hand waren.

Von Nürnberg verfügt sich Tissot nach Bayreuth, und hier muß selbstverständlich das Wagner’sche Theater Materie für einige Seiten Beschreibung und Wagneriana liefern. Der Name des „Tannhäuser“-Componisten hat in Frankreich jene Popularität, die denjenigen anhaftet, welche Heroen eines artigen Scandals gewesen und als solche das tout Paris, wenn auch nur achtundvierzig Stunden, beschäftigten. Der eclatante Sturz des „Tannhäuser“, der im Jahre 1861 in Gegenwart des Kaisers und der Kaiserin niedergezischt und niedergebrüllt wurde, der von den Edelleuten des Jockey-Club eingefädelte Krawall lebt heute noch im Andenken jedes Dilettanten fort, und Wagner’s Physiognomie taucht dämonenhaft inmitten der heraufbeschworenen Tumultscenen des Gezisches und Gejohles auf; so sind denn auch Anekdötchen über den Chef der Zukunftsmusik sehr gesucht. Tissot analysirt unter Anderen eine ungespielt gebliebene Komödie Wagner’s „Eine Capitulation“. Es ist ein Potpourri über die Vertheidigung von Paris, worin die verschiedensten Persönlichkeiten in barockster Weise besungen werden. Die Analyse dieser Komödie wurde vom „Figaro“ gebracht; sie verursachte hier solchen Aerger, daß Herr Pasdeloup, der Dirigent der volksthümlichen, sehr beliebten Sonntagsconcerte sich nicht mehr traut, den „Tannhäusermarsch“ auf sein Programm zu setzen, der sonst fast allwöchentlich einen Bestandtheil des harmonischen Küchenzettels bildete. Von Richard Wagner zu dessen königlichem Gönner giebt es keinen weiten Sprung.[1]

Die Museen und Sehenswürdigkeiten Münchens werden von Herrn Tissot nach Gebühr gewürdigt. Man mag sich wundern, daß bei all dem Deutschenhasse das künstlerische Gefühl unseres Autors nicht stumpf geworden ist und daß er auf deutschem Boden etwas Verdienstvolles bewundern und der Bewunderung empfehlen kann. Zwar kommt man auch hier nicht ohne einige witzig sein sollende Pointen weg, und nachdem der Verfasser z. B. Kaulbach’s Nachlaß, die „Sündfluth“, genau und eingehend beschrieben hat, zieht er gegen die politische Tendenz des großen deutschen Malers vom Leder.

„Kaulbach,“ schreibt Herr Tissot anläßlich des ‚deutschen Erzengels Michel‘, „hat mit seiner Malerei, wie Wagner mit seiner Musik, eine Culturaufgabe lösen wollen. So meinen heute die Deutschen in ihrem Kampfe gegen Frankreich eine civilisatorische Sendung zu erfüllen. Wenn ein Franzose jenseits der Vogesen ermordet wird, was übrigens bereits geschehen ist, hört man den Mörder gewiß zu seinen Richtern sagen: ‚Ich habe meine Pflicht als guter Bürger erfüllt – habe ich meinem Lande nicht geholfen, seine Culturaufgabe zu erfüllen?‘ Dahin (zum Raubmorde aus politischen Rücksichten) führt dieser schreckliche Haß, den man von Geburt an dem Kinde einimpft und den später die Schulbücher, die Zeitungen, die Dichtkunst, das Theater, die Schlachtgedenkfeste als patriotische Flamme schüren werden. Mit dieser Auffassung wäre der Patriotismus nur Kannibalismus.“

Ehe wir das vor uns liegende Buch schließen, folgen wir noch eine Weile dem Autor bis zu den Gestaden der Nordsee hinauf. Das Hamburger Wohlleben läßt ihn nicht kalt. Er singt ein Loblied auf die Küchen der Elbstadt, feiert die Tingeltangel in Sanct Pauli, und seine angeborene Prüderie leidet nicht zu stark unter den etwas leichtfertigen Schauspielen des Hamburger Berges. Er erzählt mit unverwüstlichem Ernste, daß der Besitzer einer Hamburger Kellerrestauration so dick geworden ist, daß er durch die eigene Thür nicht hinauskam, und daß seit zwei Jahren über die Demolirung dieser zur Gefängnißthür gewordenen Pforte berathen wird. Nicht weniger erfreut zeigt sich Herr Tissot über die Herzensergießungen eines Börsianers in Bremen, der die Zukunft des deutschen Reiches schwarz und düster malt. Dieser Jünger Merkur’s, der Herrn Tissot „durch seine gesunde Auffassung der Dinge und durch seine Kenntnisse in Staunen versetzte,“ versichert, daß „in Varzin Jener zu suchen ist, der die Unordnungen in der Herzegowina geschaffen hat. England“ – immer wenn man Herrn Tissot und seinem Jobber glauben soll – „handelte in der ägyptischen Frage auf Antrieb Preußens. Oesterreich ist in Gefahr; seit zehn Jahren wartet Preußen, daß die habsburgische Birne vom Stamme falle. In Wien wird die ganze deutsche Presse vom Reptilienfond besoldet. Die Dreikaiserallianz ist eitler Trug. Oesterreich wird bedroht, und für Rußland ist Sedan, was für Frankreich Sadowa gewesen ist.“

Lachet nicht! In vier Wochen wird die gesammte französische Presse den Herzensergüssen des Bremer Börsianers als maßgebendes Stimmungsbild Verbreitung und Autorität verschaffen.

Zum Schlusse unserer Abhandlung über den zweiten Theil des „Voyage au pays des Milliards“ erlauben wir uns, den Autor selbst vorzustellen, von dem seit einem Jahre so viel die Rede war. Victor Tissot ist ein geborener Schweizer, ungefähr zweiunddreißig Jahre alt. Kurz nach dem Kriege heirathete er ein Fräulein aus einer angesehenen Straßburger Familie. Für den, der Tissot vor dem Krieg gekannt hat, gewinnt es den Anschein, als hätte er mit seiner Frau auch den glühenden Deutschenhaß der Straßburger erheirathet. Wenigstens war nicht das geringste Merkmal von solchen Empfindungen wahrzunehmen, als Schreiber dieser Zeilen in Genf Tissot kennen lernte. Damals leitete Tissot in Lausanne die conservativ-liberale „Gazette de Lausanne“ und erzählte gern Manches aus seinen Studienjahren in Freiburg im Breisgau, Tübingen und Wien. Obwohl er in Lausanne eine angenehme und unabhängige Stellung hatte, zog ihn der Polarstern jedes Aufstrebenden, das leuchtende Paris, mächtig an. Er war der erste französisch schreibende Autor, der Deutschland nach dem Krieg bereiste und sofort entdeckte, was für’s französische Publicum paßte. Seine Vorgänger hatten den Stoff als sentimentale Heulmeier, wie z. B. Claretie, oder als Producenten centnerschwerer Leitartikel aufgefaßt. Tissot behandelte Alles anekdotisch; er schnüffelte überall wie ein echter Reporter, besah sich die Dinge von der kleinen Seite und bewegte sich überall mit jenem Aplomb, welcher der Menge imponirt. Als er merkte, daß seine Façon zu arbeiten in fast unverhoffter Weise Anklang fand, forcirte er natürlich die Note und trieb es immer bunter. Nach den sechs ersten Briefen war Tissot recht populär, und die Citate aus seinen Artikeln waren von nun an von obligaten Complimenten über den Scharfsinn, den Geist und die stilistischen Eigenschaften des Verfassers begleitet. So Manche, die Deutschland ebenso gut, vielleicht besser kennen als Herr Tissot, riefen beim Erscheinen des Buches: „Das hätte ich auch getroffen.“ Nein – versucht ja, getroffen nicht. Tissot hat sein Pariser [184] Publicum in der Westentasche; er weiß es, wie Keiner, bei seiner schwachen Seite zu fassen; er weiß die Possenreißerei, die Uebertreibung, die Caricatur genau abzuwägen; er versteht es besonders, die Fiber des Nationalhasses in Schwingung zu setzen, wozu selbst ein geborener patriotischer Franzose nicht immer im Stande wäre. Außerdem ist Tissot ungemein belesen. Will er einen Stoff behandeln, so scheut er weder Kosten noch Mühe, um sich alle Bücher, Broschüren, ja selbst Kalender zu verschaffen, die über den Gegenstand Aufschluß enthalten. Ein Freund, der ihn diesen Sommer auf seiner deutschen Reise begleitete, erzählte mir, daß Tissot in jeder Stadt, wo die Beiden hinkamen, zuerst die Buchhandlungen aufgesucht und dort oft stundenlang die staubigen Fächer des Magazins zur Verwunderung des Sortimenters durchstöbert habe, der jede Hoffnung aufgegeben hatte, die schimmeligen Bände noch an den Mann zu bringen. Diese Bibliomanie verhalf Tissot zu manchem Schatz, den er im ersten wie im zweiten Theil seines Buches verwendet.

24. Februar 1876.

A.




  1. Diesen Sprung, mittelst dessen sich Herr Tissot in das Gebiet persönlicher Betrachtungen über König Ludwig versetzt, machen wir lieber nicht mit, sondern bringen die betreffende Stelle unseres Artikels in Wegfall, einerseits um die Leser nicht mit den albernen Expectorationen des französischen Autors zu behelligen, andererseits aber, weil uns die jüngsten redactionellen Erfahrungen gelehrt, wie selbst harmlose Schilderungen hoher Persönlichkeiten an maßgebender Stelle mißverstanden werden können.
    D. Red.