Ein paar Stunden bei Sophie Schröder

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein paar Stunden bei Sophie Schröder
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 207
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[207] Ein paar Stunden bei Sophie Schröder. „Sie kennen doch das Märchen von Schneewittchen, nicht wahr?“ sagte eine junge, liebenswürdige Dame eines schönen Tags zu mir, als ich mich ihr vis-ȧ-vis auf einen Divan gesetzt hatte und soeben meine Ueberraschung ausdrücken wollte über die geheimnißvolle Weise, in der sie mich hatte zu sich bitten lassen. „Sie kennen doch das Märchen von Schneewittchen?“ sagte sie.

„Jawohl, gnädige Frau, wenn Sie das allbekannte Märchen meinen von den ,sieben Zwergen über den sieben Bergen’ und dem ,Spieglein an der Wand’ –“

„Ganz recht,“ sagte sie, „eben das meine ich: würden Sie wohl geneigt sein, die Rolle des Prinzen zu übernehmen, wenn dieses Märchen dramatisirt würde und durch Dilettanten zur Aufführung gelangen sollte?“

„Warum nicht, gnädige Frau? wenn anders ich im Stande bin, die Rolle durchzuführen, da ich keine Uebung in Liebhaberrollen habe.“

Die Dame lächelte.

„Seien Sie ohne Sorge, es wird schon gehen,“ sagte sie. „Ich darf mich also darauf verlassen, Sie sind bereit die Rolle zu übernehmen ?“

„Mit Vergnügen.“

Sie sagte mir noch einige schmeichelhafte Sachen – ich war damals soeben vom Gymnasium abgegangen, also sehr jung – und entließ mich wie immer mit einem gnädigen Lächeln, wobei sie mir die kleine feine Hand entgegenstreckte. Ich ging. Bald darauf erfuhr ich Näheres von der Sache. Das Stück war wirklich von einer Dame gefertigt worden, die einen nicht unbekannten Namen als Dichterin hat; die Rollen wurden ausgetheilt und begannen einstudirt zu werden.

Ich kann mich nicht dabei aufhalten, zu erzählen, wie hochkomisch es mir vorkam, wenn ich zwanzig Mal und noch öfter vor einem gepolsterten Lehnstuhl, der Sarg und Schneewittchen zugleich darstellte, aus die Kniee sinken mußte, sodann mit ausgebreiteten Armen mich über das nicht vorhandene todte Kind beugte und es zum frohen Erwachen voll heißer Liebessehnsucht auf den rothen Mund küßte, auf einen Mund, der nichts anderes war, als ein Stückchen Zeug von einem Sessel. Es war zum Sterben langweilig. Endlich war Alles fertig. Auch die andern Theilnehmer, die böse Königin, die sieben Zwerge, der böse Jäger, der Geist von Schneewittchens todter Mutter und endlich Schneewittchen und ich, der Königssohn, wir Alle hatten unser Möglichstes gethan.

Man hatte mir lange vorher schon gesagt, Sophie Schröder, die berühmte Schauspielerin, habe sich bereit erklärt, das Stück vor der Aufführung anzuhören und, was etwa fehlte in Auffassung und Darstellung der einzelnen Figuren, zu verbessern. Jetzt endlich war der Besuch bei Sophie Schröder auf einen bestimmten Tag festgesetzt. Als ich dort mit meinem Freunde, dem Anführer der Zwerge, ankam, waren bereits alle übrigen Theilnehmer versammelt; sie saßen um einen Tisch hernm, in der rechten Ecke des Sophas aber sah ich eine alte kleine Frau sitzen, ein weißes Negligéhäubchen auf dem Kopfe, die uns mit ihren blitzenden kleinen Augen neugierig betrachtete. Es war Sophie Schröder selbst. Ich muß gestehen, als ich sie sah, die vierundachtzigjährige Frau, und ihr lautes eigenthümlich klingendes Organ hörte, als sie sprach: „So, so, das ist also der Königssohn!“ da war ich nicht sonderlich erbaut von ihr und erwartete mir wenig Verbesserung der Fehler. Die Probe begann. Sophie Schröder in einem Lehnsessel war das einzige Publicum. Vor Allem überraschte mich das ungeheuere Gedächtniß, das diese Frau noch in solch’ hohem Alter hatte; weun sie irgend eine Scene von allen, die vorhanden waren, ein paar Mal durchgelesen hatte, so war sie im Stande dieselbe auswendig zu spielen. Und wie gewaltig erstaunte ich, als sie sich herbeiließ die Scene zu spielen, in welcher die böse Königin als Bettlerin verkleidet vor Schneewittchen kommt und, nachdem sie sie getödtet, den Mantel abwirft und im königlichen Gewande die Bühne verläßt. Ich habe nie mehr seitdem zwei Contraste stärker auf mich wirkend gefühlt. Da kam das kleine vom Alter gebeugte Frauchen herangetrippelt, so arm, so schwach, so krank und elend, und wie mit einem Schlag, als sie sich erhob und den Bettlermantel abwarf, stand sie da aufrecht und groß, als wäre sie nicht die alte Frau, sondern die junge, schöne Königin. Nachdem sie die Scene ausgespielt, sank sie wieder zusammen und war klein und auf den ersten Anblick unscheinbar wie zuvor.

Auch meine Scepe mit dem Lehnsessel und dem Kuß mußte natürlich gespielt werden, diesmal aber mit Schneewittchen. Der ewige Lehnsessel aber oder was es sonst gewesen sein mag, hatte mich etwas kühl gemacht und ich war der alten Frau durchaus nicht feurig und nicht verliebt genug.

Nachdem sie mic lange Zeit zugehört und mich corrigirt hatte, sagte sie plötzlich:

„Junger Mann, kommen Sie ’mal vor mich her.“

Ich that, was sie wünschte.

„Sagen Sie mir“ fuhr sie sort, „wo haben Sie Ihre linke Seite?“

Ich deutete darauf hin.

Nun pochte sie mir mit ihrer kleinen Faust in die Herzgegend und rief: „Ja, haben Sie denn gar nichts da drinnen?“

Welche Frage allgemeine Heiterkeit hervorrief, umsomehr, als ich mir zu bemerken erlaubte, ich hätte wirklich nichts drinnen. Etwas später rief sie mir zu, sie sprach nämlich sehr laut, da sie etwas schwerhörig geworden war: „Sind Sie denn nicht verliebt?“ worauf ich mit „Nein“ antwortete.

Hierbei kann ich nicht mithin zu erwähnen, daß der Geist von Schneewittchens Mutter, der Frage und Antwort gehört hatte, und ebenso die böse Königin einigen Zweifel in die Wahrheit meiner Antwort zu setzen schienen; die Eine sagte nämlich: „’s ist halt noch nicht da!“ die Andere: „Ich glaub’ aber doch schon!“ welche Aeußerungen ich in einem unbegreiflichen Anfall von Schwerhörigkeit gar nicht vernahm.

Nachdem wir das Stück zwei Mal durchgespielt, wurden wir gnädig entlassen, meine Wenigkeit mit der besondern Ermahnung, ich möchte mich bis zur nächsten Probe etwas verlieben. Wirklich scheine ich dieser Ermahnung Folge geleistet zu haben, denn sie war das zweite Mal sehr mit mir zufrieden, wie denn überhaupt nur ihr allein es zu verdanken ist, wenn die Darstellung gerundet vor sich ging. Die zweite Probe war die letzte.

Ein eigenthümliches Gefühl ergriff mich, als ich ihr beim Abschied die Hand küßte – wir thaten es Alle, denn sie sah sehr darauf – und sie uns noch zunickte, die alte kleine Frau mit dem weißen Negligéhäubchen auf dein Kopfe und den blitzenden kleinen Augen – ich habe sie seitdem nicht wieder gesehen. Lange Zeit sprachen wir, der Anführer der Zwerge und ich, der Prinz, über die denkwürdigen Stunden jener Theaterproben, und die Stunden bei Sophie Schröder waren uns die denkwürdigsten.