Ein preußischer Bischof als Teufelsbanner

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Autor: Edw. Kr.
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Titel: Ein preußischer Bischof als Teufelsbanner
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 740–743
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[740]
Ein preußischer Bischof als Teufelsbanner.


Einer der hellsten Sterne am ultramontanen Himmelsgebäude Aachens ist Herr Laurent, Bischof von Chersonesus in partibus infidelium. In einem Dorfe der Gegend geboren und von seinem Vater zum Grobschmied herangebildet, hatte er schon so manches Stück Eisen auf dem Ambos verarbeitet, als der Beruf in ihm erwachte, mit dem Werkzeug der Kirche menschliche Seelen krumm zu schlagen und Geister platt zu hämmern. Rheinischen Jüngern der Kirche, welche den Weg der Gymnasialbildung, besonders die Mathematik und die deutschen Aufsätze zu schwierig oder zu ketzerisch finden, bietet sich, um zu den ersehnten sieben [741] Weihen zu gelangen, ein weniger dorniger in belgischen und holländischen Klöstern dar, wo der Priesterling durch praktische Uebungen dressirt und beiläufig mit dem Kirchenlatein zugestutzt wird, ohne daß er den gefährlichen classischen Heiden allzusehr in den Weg läuft. Auch unser wackerer Eisenschläger betrat ihn und zwar mit so günstigem Erfolg, daß er bald als ein mächtiges Rüstzeug der streitenden Kirche erkannt und in verhältnißmäßig jungen Jahren 1842 zum apostolischen Vicar für das Großherzogthum Luxemburg mit dem Ringe eines Bischofs ernannt wurde.

Die größte That, welche er dort verrichtete, war eine Teufelsaustreibung. Es war ein luxemburgisches Landmädchen, welches an Krämpfen unter Mitleidenschaft des Gehirns litt, welche Krankheit kenntnißlose Gläubige gewöhnlich für Teufelsbesessenheit ansehen. Sie hatte nach Laurent bis zum Einfahren des bösen Geistes in ihrem fünfzehnten Lebensjahre „ein unschuldiges und christliches Leben geführt“. Warum sollte sie auch nicht? Die Krankheit hat mit der Sittlichkeit unmittelbar ja nichts zu thun, und vor der Entwickelung sind wohl die allermeisten Kinder „unschuldig“. In dieser Zeit aber werden die Nerven von Mädchen häufig so stark angegriffen, daß bei Schwächlingen Krämpfe und Geistesstörungen, also Besessenheit, leicht eintreten können. Als überzeugendes Kennzeichen, daß der Böse wirklich in ihr nistete, wird angegeben, daß ihr Gebrüll und ihre Gotteslästerungen einige Male sogar in der Kirche eintraten. Der schlichte Menschenverstand müßte gerade daraus das Gegentheil schließen, denn die Kirche ist doch das Haus Gottes, und man muß denn doch annehmen, daß Gott stärker ist als der Teufel und daß er mit ihm wohl fertig werden würde, wenn er von ihm in seinem eigenen Hause „gelästert“ würde.

Wir lassen nun die Erzählung dieser Teufelsaustreibung so, wie Herr Laurent sie den Studenten des Klosters der Redemptoristen[WS 1] zu Witten in der Provinz Limburg selbst vorgetragen und dann in einer Flugschrift in holländischer Sprache (Luxemburg, 1843) veröffentlicht hat, in der wortgetreuen Uebertragung der „Rhein. Zeitung“ hier folgen:

Ein junges Mädchen in Deutsch-Lothringen, das immer ein musterhaftes, unschuldiges und christliches Leben führte, wurde in ihrem fünfzehnten Jahre von dem bösen Geiste besessen. Zu den mannigfaltigen Zeichen hiervon gehört, daß sie bei verschiedenen Gelegenheiten die Zukunft vorhersagte, Geheimnisse entdeckte und die lateinische Sprache rein, das Französische und Deutsche vermengt sprach. Ihre gewöhnliche Sprache war die plattdeutsche. Sie wurde zuweilen mit großer Gewalt hin- und hergeschleudert und heulte auf eine schauerliche Art.

Der böse Geist vergnügte sich damit, sie öfter innerlich zu quälen, sowohl durch verzweifelte Gedanken, Gotteslästerungen, als durch Verwünschungen. Sie war zuweilen sehr wild; ihr Gebrüll und entsetzliches Geschrei fand sogar einige Male in der Kirche statt, wodurch auch endlich die Priester die Ueberzeugung gewannen, daß sie wirklich vom Teufel besessen war. Die Geistlichen beschlossen, den Bischof von Metz von diesem Vorfall in Kenntniß zu setzen, welcher sogleich einige Priester beauftragte, die Beschwörungen vorzunehmen. Diese Beschwörungen aber waren fruchtlos. Der Teufel trieb mit ihnen Spott und fügte ihnen allerlei Beleidigungen zu. Das arme Mädchen blieb also fünfzehn Jahre in diesem betrübten Zustande; seit dieser Zeit war sie das Unglück ihrer Angehörigen und erfüllte dieselben oft mit Angst und Schrecken durch ihre teuflischen und betrügerischen Formen, welche der böse Geist sie bewog anzunehmen.

Endlich, vor drei Jahren, beauftragte der Bischof von Metz einen Jesuiten mit der Beschwörung, da die der anderen Priester keinen Erfolg gehabt hatte. Die Beschwörung[WS 2] des Jesuiten war ebenfalls fruchtlos; und es sagte der Teufel zu dem Jesuiten:

„Allein könnt Ihr mich nicht austreiben, dazu sind deren drei nöthig.“

Der Jesuit trug nun darauf an, ihm die beiden Andern zu nennen. „Falls Pater Potot hier wäre, der könnte wohl etwas ausrichten.“

Man brachte nun das unglückliche Mädchen auf das Grab von Pater Potot. (er war im Jahre 1836 im Geruch der Heiligkeit gestorben); äußerlich schien sie ruhiger und stiller, aber der Teufel erklärte, er wolle nicht weichen. Der Jesuit drang auf’s Neue in ihn, ihm die dritte Person zu nennen, aber der Teufel wollte nicht. „In dem Falle,“ sagte er, „daß Ihr mich mit ihm nach Luxemburg bringt, bin ich gezwungen, zu verziehen.“

Die Besessene wurde denn auch zu unserer lieben Frau nach Luxemburg gebracht; eine neuntägige Andacht wurde hier gehalten, der zufolge sie beichten und communiciren konnte, woran sie seit verschiedenen Jahren durch den Teufel verhindert worden war; sie hatte nichtsdestoweniger mit ihm einen großen Kampf zu bestehen, denn der Teufel hielt sie mit festgeschlossenen Klauen zurück; einmal währte es ihm zu lange, so daß der Geistliche viele Mühe hatte, ihr die heilige Hostie zu reichen, und beim Schluß seinen Arm sehr weit ausstrecken mußte. Uebrigens verstrich diese neuntägige Andacht gut, das Mädchen war sehr ruhig und kehrte auf ihr Dorf zurück, wo man sie vollkommen genesen glaubte; sie konnte auch ohne Hinderniß beichten und communiciren. Jedoch hatte sich der Teufel nicht im Mindesten aus ihr zurückgezogen; er ließ das Mädchen die abscheulichsten Versuchungen erleiden, allein sie erachtete sich für genesen, ohne Zweifel glaubend, daß diese schlechten Versuchungen nur der Art wären, wie sich ihnen ein jeder in Versuchung gerathende Mensch unterziehen muß.

Auf diese Weise von ihrer eingebildeten Genesung überzeugt, ging sie jedes Jahr mit ihrer Schwester nach Luxemburg, um, des Dankes voll, dort eine neuntägige Andacht zu verrichten.

Als ich nach Luxemburg kam, erzählt weiter Bischof Laurent, schätzte ich mich glücklich, in einer Stadt meinen Wohnsitz aufzuschlagen, die so gefeiert ist durch die berühmten Wallfahrten zur heiligen Jungfrau, durch deren Fürbitte dort so viele Wunder stattgefunden haben. Ich fragte einen meiner Geistlichen, ob hier vielleicht auch noch seit kurzer Zeit ein Wunder sich ereignet, worauf er mir antwortete, daß ein Lothringer Mädchen seit ihrem fünfzehnten Jahre (zu dieser Zeit ist sie vierunddreißig Jahre alt) vom Teufel besessen, durch die Fürsprache unserer lieben Frau von Luxemburg gegenwärtig, seit drei Jahren, von dem bösen Geiste erlöst worden, daß sie jedes Jahr, begleitet von ihren Schwestern, nach Luxemburg komme, einer neuntägigen Andacht obzuliegen, und daß die Zeit, wo sie sich dieser gewohnten Verrichtung unterzöge, sich nahte. Ich äußerte den Wunsch, sie zu sehen, und man gab mir das Versprechen, sobald sie käme, mich sofort in Kenntniß zu setzen.

Am fünften Sonntag nach Ostern (1. Mai 1842) verrichtete ich in meiner Kirche die heilige Messe und theilte nach derselben das heilige Abendmahl aus, wobei meine Aufmerksamkeit durch eine weibliche Person gefesselt wurde, welche, ihr Haupt auf die Brust geneigt, es erhob, die heilige Hostie in Empfang zu nehmen, plötzlich es jedoch wieder fallen ließ, auf eine Weise, die mein Erstaunen erregte; einige Zeit später setzte mich mein Vicarius davon in Kenntniß, daß die weibliche Person, welche vom Teufel besessen gewesen, bereits vor einigen Tagen angekommen wäre, und daß er glaube, ich habe ihr am Sonntage das heilige Abendmahl verabreicht; darüber nachsinnend, erinnerte ich mich an jenes Mädchen, welche ihr Haupt auf so sonderbare Art fallen ließ, obgleich ich noch sehr weit entfernt war, Dasjenige, was noch bevorstand, auch nur zu vermuthen.

Man ließ das Mädchen mit ihren Schwestern zu mir kommen; ihr Gesicht war dem eines Engels gleich, sie war voller Hochachtung vor dem Geistlichen; sie warf sich vor mir auf die Kniee, mich um den Segen ersuchend; ich wünschte ihr Glückseligkeit mit der großen Gnade, welche sie durch Fürsprache unserer lieben Frau von Luxemburg erfleht hatte; aber in diesem Augenblicke zeigte sich der Teufel auf’s Neue bei ihr (da er sie ganz und gar nicht verlassen hatte, sondern sich in ihrem Innern festgeklammert hielt) unter den abscheulichsten Gestalten; ihr Mund öffnete sich bis zu den Ohren, gleich dem Maule einer Löwin, und ihre Augen schienen glühenden Kohlen gleich. Mit diesem furchtbaren Aeußern flog sie mit einem Male auf mich zu, ja fast bis in’s Angesicht; es ist mir gar nicht möglich, den plötzlichen Schreck, der mich befiel, zu beschreiben; ich hatte nichts weniger als dies erwartet, und nur mit großer Mühe gelang es mir, noch die Hand aufzuheben, um das heilige Kreuz zu machen; bei diesem Zeichen ward das Mädchen in meinem Zimmer nach allen Richtungen hin- und hergeschleudert, zu gleicher Zeit Stühle und Alles, was ihr im Wege stand oder lag, umwerfend; getrieben endlich unter einen Tisch, lag sie da wie ein wildes Thier, vor Wuth schäumend und brüllend. Ich stand ganz und gar wie vernichtet da, denkend, warum Gott, bei [742] meinem sündigen Willen, dies in meiner Gegenwart geschehen lasse; meine Kräfte kehrten zurück, ich eilte mit großen Schritten aus der Thür, sie sorgfältig hinter mir verschließend. Vor Schrecken noch zitternd, beschied ich sofort meinen Secretär und meine Vicarien zu mir, um ihnen die nöthige Macht zu verleihen, damit sie an meiner Stelle die Beschwörung verrichten könnten; aber andererseits sagte ich zu mir selbst: „Wie! sollte ich so feigherzig sein können, mich in meiner eigenen Wohnung besiegen zu lassen? Nein!“

Und selbst habe ich alsdann die Beschwörung unternommen; mir wurde dabei durch meinen Secretär und meine Vicarien beigestanden; das Resultat hiervon war blos, daß des Teufels Macht geschwächt und daß das Mädchen wieder beruhigt wurde. Der Teufel hatte sich vorgenommen, den folgenden Tag dem Mädchen viele Leiden zu bereiten; ich verbot ihm solches, worauf er mich bedrohte, indem er sagte: „O, das werde ich Euch anschreiben!“

Ich bestimmte den folgenden Sonntag (8. Mai) zur Ausführung der weiteren Beschwörung, welche nach der Vesper, Abends fünf Uhr, stattfinden sollte. Der Teufel hatte mir gedroht, daß er es mir entgelten wolle, und in der folgenden Nacht that er solches wirklich. Er hat mich Qualen ausstehen lassen, welche ich bis dahin nicht gekannt; Alles verdunkelte sich um mich und mir erschien es, daß ich den Glauben verlieren würde; mich überfielen Anfälle von Verzweiflung und Mißtrauen auf Gott, welche mich noch erschrecken und erschüttern; ich fühlte, daß der Teufel in Wahrheit in meiner Behausung sich befand, und wirklich hätte ich die Stelle, wo er war, mit meinem Finger bezeichnen können, so lastete auf mir seine Gegenwart.

Ich war schon im Begriff, Hülfe zu rufen, that es aber nicht; also ging endlich diese ängstliche Nacht vorüber und ich konnte freier Athem schöpfen, jedoch blieb mir noch die Furcht bis zum folgenden Sonntag. Dieser Tag kam und zufällig langte auch denselben Tag König Wilhelm der Zweite in Luxemburg an, welcher mich gerade um fünf Uhr (festgesetzte Beschwörungsstunde) zum Diner einladen ließ; ich war darüber sehr vergnügt und betrachtete dies als eine göttliche Schickung, welche nicht erlaubte, daß ich in dieser Sache thätig sein sollte.

Ich beauftragte deshalb damit sieben oder acht Priester, „sub praecepto obedientiae“, d. h. indem ich sie zum Gehorsam verpflichtete, weil sie schauderten, die Sache in’s Werk zu setzen. Denselben Sonntag begannen sie in der festgesetzten Stunde ihre Beschwörung, das davon unterrichtete Volk war außerhalb der Kirche und betete. Der Teufel verspottete und beschimpfte die Priester auf allerlei Art und Weise und während der Beschwörung brüllte er wie ein Löwe; da indessen die Priester nichts über ihn gewinnen konnten, wurden sie betrübt und sehr muthlos und ließen mich zu verschiedenen Malen rufen. Um acht Uhr konnte ich erst kommen, und als ich mich bis auf fünfzig Schritte der Kirche genähert hatte, hörte ich bereits das abscheuliche Gebrüll des Teufels; als ich in die Kirche kam, wurde das Mädchen mit Kraft über die Brustlehne des Chors geworfen und fiel mit einer schrecklichen Gewalt auf die harten Steine der Kirche nieder, man dachte, daß alle Knochen des unglücklichen Geschöpfes zerschmettert sein würden, sie befand sich aber unverletzt; die Priester holten sie zurück und schleppten sie mit ihren Stolen zum Chor zurück; beständig trachtete der Teufel, sich den Stolen zu entreißen, aber man hielt ihn darin gefesselt. Als ich in das Chor eingetreten, sah ich das gräßliche Gesicht mit funkelnden Augen. Als der Teufel mich sah, rief er aus:

„Ach! Dieser wird mich verjagen, denn er ist weiß und ich bin schwarz!“

Ich antwortete ihm: „Nein! ich bin nicht weiß, ich bin ein armer Sünder! Du bist schuld daran, Du hast unsere Stammeltern verführt; ich bekenne, ein Sünder zu sein; Du aber bist voller Hochmuth; Du gestehst nicht, daß Du schwarz bist!“ Der Teufel ward hierdurch beschämt.

Ich begann die Beschwörung wieder, jedoch mit vieler Mühe, denn alle die vorigen Anfälle von Verzweiflung und Mißtrauen auf Gott erneuerten sich in mir. – An diesem Tage richtete ich meine Frage in Hochdeutsch an den Teufel. Das Mädchen redete von Zeit zu Zeit ihre gewöhnliche Sprache, wenn aber der Teufel sprach, so waren ihre Lippen unbeweglich und seine Stimme war von der ihrigen gänzlich verschieden. – Während der Beschwörung verkroch sich der Teufel verschiedene Male in das tiefste Innere des Mädchens, worauf sich wirklich ihr natürliches Gesicht zeigte, mit demselben engelgleichen Ausdrucke; dann flehte sie stets zur heiligen Jungfrau und rief mir zu: „Geht fort! ich bitte Euch, geht doch fort!“

Wir lasen alsdann die Litanei aller Heiligen und bei den Worten: „Sancte Michaëlis,“ wurde die Besessene auf das Lebhafteste beunruhigt; ihr Angesicht war eisig kalt; der Teufel wieherte und schäumte vor Wuth; verzweifelnd begann er auszurufen: „Der Erzengel hat mich aus dem Himmel verjagt und doch bin ich auch Erzengel, so gut wie er.“

An diesem Tage wollte der Teufel mein ganzes verflossenes Leben veröffentlichen, ich zwang ihn aber zum Schweigen; er versuchte solches von Zeit zu Zeit von Neuem, aber ein männlicher Befehl leistete ihm Widerstand. Als endlich meine Geistlichen und ich sehr abgemattet waren, versuchte ich, es heute zu Ende zu bringen; ich beschwor den Teufel, augenblicklich abzuziehen, und daß die ganze katholische Kirche durch das „Angelus“ die Fleischwerdung des Wortes verehre; aber der Teufel begann zu spotten und zu lachen: „Ha! ha!“ rief er aus, „für heute ist es zu spät!“ – und wirklich, das „Angelus“ war schon vor einer Viertelstunde eingeläutet. Ich merkte mir ganz besonders das Wort „für heute“ und gedachte ihn beim Angelus des folgenden Tages auszutreiben; ich fragte ihn wohl zwölfmal deshalb, denn er machte jedesmal bei meinen Fragen ein großes Geräusch, um mich nicht zu hören, wodurch ich genöthigt wurde, meine Frage zu wiederholen: „warum er denn heute nicht abziehen und um welche Zeit er von dannen gehen wolle?“ Hierauf antwortete er endlich verschiedene Male: „Nein! heute nicht.“ – Ich fragte ihn: „Wann denn?“ worauf er mir wiederholt zurief! „Nein, heute nicht!“ Endlich rief er voller Raserei aus: „Morgen! morgen um neun Uhr! Aber ich werde sie noch quälen; ich werde sie eine schreckliche Nacht zubringen lassen.“

Ich gebot ihm, das Mädchen in Ruhe zu lassen; darauf kehrte er seine wüthenden Blicke gegen mich und rief mir drohend zu: „Dann werde ich Dich diese Nacht quälen!“

Diese Nacht war mir fürchterlich, ja noch ärger als die erste. – Des andern Tags um sieben Uhr begannen wir wiederum von Neuem und ersuchten das außerhalb der Kirche versammelte Volk, den Rosenkranz zu beten, damit das Mädchen weniger leide; ich that an diesem Tage die Fragen alle in lateinischer Sprache, weil sie alsdann nicht wußte, was sich mit ihr zutrug, und ihr die Antworten des Teufels unbekannt blieben. Ich war an diesem Tage des Teufels genugsam Meister; muthlos, mit niedergebeugtem Haupte lag er auf dem Boden; nichtsdestoweniger sah man seitwärts noch glühende Strahlen wie Flammen aus seinen Augen schießen.

Im Chor befanden sich auch die Schwestern der Besessenen, welche nebst einer andern bejahrten Frau beteten. Der Teufel war wüthend, diese Frau bei sich zu sehen; von Zeit zu Zeit wandte er sich ihr zu, spuckte nach ihr und rief: „Geh’ fort, Gottlose! was thust Du hier? Geh’ fort, Gottlose!“

„Geh’ selbst von dannen!“ antwortete die Frau. „Geh’ in die Hölle! brenne!“

Ich legte nun ein Kreuz auf das Haupt der Besessenen; dieses Kreuz enthielt ein Stückchen vom wahren Kreuze. Der Teufel, hierdurch ganz zerschmettert, rief aus: „O! man brennt mich! man schneidet mich! man durchkneipt mich!“

Der böse Geist theilte dem Mädchen mit, was vorging; sie konnte nichts sehen, rief aber aus: „O heiliges Kreuz, ich bete dich an!“

Alsdann befahl ich dem Teufel, den Herrn anzubeten und seine wirkliche Gegenwart im heiligen Sacramente des Altars zu bekennen; er that solches auch, sich sehr tief verbeugend, welches ihm viele Mühe kostete. Er sagte, von dem Herrn sprechend: „O dieser Jude! Galle hätte er trinken müssen!“ Er sagte dies mit solchem spottenden Tone, daß wir Alle schauderten.

Oft beteten wir das „Gloria patri“, welches dem Teufel viele Qualen verursachte, und als wir das „Sanctus“ beteten, verfiel er in eine schreckliche Raserei. Ich sagte ihm alsdann: „Hochmüthiger Geist, Du hast Deinen eigenen Willen angebetet, aber man hat Dich in die Tiefe der Hölle gestürzt; diesen Lobgesang, ‚Sanctus! Sanctus! Pleni!‘ etc. hättest Du in alle Ewigkeit im Himmel singen müssen.“ Dies ließ ihn wie ein Löwe brüllen; alsdann sangen wir die „Litanei unserer lieben [743] Frau“, und der Teufel hatte keine Macht mehr, er war ganz entmuthigt. Ich fragte ihn: „Mit wie Vielen bist Du über das Mädchen gekommen?“

Er antwortete: „Erst allein, dann mit Zehn und endlich mit sehr Vielen!“

Ich fragte ihn um seinen Namen und er nannte mir ein Wort, welches ich nicht verstehen konnte, es lautete „Ro-Ro-Ro-Ro“. – Ich befahl alsdann dem Teufel, auszuziehen.

„Und wohin muß ich denn?“ –

„„In den Abgrund, woher Du gekommen bist!““ war meine Antwort.

„Dürfte ich denn wohl in einen Juden fahren?“ sagte er wiederum.

„„Nein, Du kehrst zur Hölle zurück!““

Zu wiederholten Malen rief er alsdann aus: „Brennen! brennen in der Hölle, brennen für ewig!“

Er weinte wie ein Kind und mit einem so klagenden und jammernden Tone, daß wir alle mit ihm geweint haben würden, hätten wir nicht gewußt, daß es der Teufel wäre.

Ich gebot ihm dann, doch endlich auszuziehen und Niemandem weder Schaden noch Leid anzuthun und auch kein Geräusch zu machen. Wir hörten alsdann verschiedene Male Geräusch einer Stimme, welche aus den Eingeweiden der Erde zu kommen schien; dann richtete sich das Mädchen auf und war vom Teufel befreit. Sie hatte ihr engelgleiches Gesicht zurückerhalten, wir Alle athmeten eine neue Luft ein und wir Alle fühlten eine große Freudigkeit, welche etwas Außerordentliches hatte.

Vor Fröhlichkeit außer sich, wußte das Mädchen nicht, was sie thun sollte. Sie nahm zwischen den Priestern und mir Platz am Fuße des Altars, und wir sangen das Te Deum. In diesem Augenblick trat das Volk in den Tempel. O! das war eine feierliche Stunde! – Nach dem Te Deum kannte das Mädchen vor Freude sich selbst nicht mehr. Sie dankte Gott und der heiligen Jungfrau. Sie sagte zu mir: ‚Der Maria muß ich auch danken!‘ Mit einem Male erklomm sie, auf ihren Knieen kriechend, die Stufen des Altars, und auf der obersten angelangt, begann sie, durch die feurigste Dankbarkeit angespornt, den Rosenkranz vorzubeten; wir antworteten ihr und die ganze versammelte Gemeinde betete mit uns. Hiermit haben wir endlich geschlossen, ganz getröstet und doppelt belohnt für Alles, was uns der Teufel zu Leide gethan hatte.

Das Mädchen besuchte mich noch verschiedene Male und ist nun wieder in ihr Dorf zurückgekehrt. Ich vergaß noch anzuführen, daß während der Tage, die der ersten Beschwörung folgten, ich dem Mädchen das heilige Abendmahl reichte; sie konnte weder das Haupt erheben noch die Zähne öffnen; endlich befahl ich dem Teufel, den Kopf in die Höhe gehen zu lassen und die Zähne zu öffnen, welches er mit vielem Widerstand und sehr langsam that, gerade als wäre dazu viel Kraft erforderlich gewesen. Während der Beschwörung und obgleich das Mädchen nach allen Seiten hin und her geschleudert und in die Höhe geworfen worden war, blieb sie stets ganz bedeckt. –

Wir danken hierfür Gott dem Herrn!

So weit der Herr Bischof. Auf wie lange diese Beschwörung geholfen, verräth er nicht. Wahrscheinlich trat eine eben solche Pause in den Anfällen der armen Kranken ein, wie das schon öfter vorher, selbst jahrelang, geschehen war.

Trotz dieser großen That konnte sich der Bischof der Ungläubigen von Chersonesus nicht lange in Luxemburg halten; er versah es darin, daß er in dem deutschen Lande die deutsche Sprache in seinem Bereiche begünstigte, was den dortigen Franquillons durchaus mißfiel. Und in der That scheint mir darin eine Folgewidrigkeit zu liegen. Spricht der Priester mit Gott und Teufel lateinisch, damit es das Volk nicht verstehe, sondern glaube, so kann er auch zum deutschen Bauer französisch sprechen. Der wird das auch um so höher schätzen und bewundern und um so fester glauben. Wie dem auch sei, Laurent verließ nach wenigen Jahren sein apostolisches Vicariat und schlug seinen Sitz im glaubenstreuen Aachen auf, wo er sich noch heute mit der Einsammlung von Peterspfennigen beschäftigt und hin und wieder in der „Constantia“ und in anderen ultramontanen Versammlungen eine vernichtende Philippica gegen den „Kirchenräuber“ Victor Emanuel schleudert. Schade nur, daß der italienische König nichts davon erfährt und deswegen niemals dadurch Störungen in seinem Schlafe oder Appetit empfindet. Teufel hat der hochwürdige Herr, so viel bekannt, in Aachen nicht ausgetrieben. Vermuthlich wagen sie sich gar nicht in die heilige Stadt.

Auf meinen Spaziergängen begegnete mir einige Male ein alter Geistlicher von mittlerer Größe und mit einem Hute, der in den vierziger Jahren des Jahrhunderts in der Mode gewesen war, jedesmal in Begleitung eines jungen Mannes, mit dem er sich in französischer Sprache mit lauter, rauher Stimme unterhielt. Das Wort „diable“ fiel mir nicht auf; aber der Jünger schien von ihm über etwas Belehrung zu erhalten, was dessen größtes Interesse fesselte. Das war der Teufelsbanner von Luxemburg.

Edw. Kr.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Redemtoristen
  2. Vorlage: Beschörung