Ludwig Feuerbach’s letzte Jahre am Rechenberg bei Nürnberg

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Autor: Karl Scholl
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Titel: Ludwig Feuerbach’s letzte Jahre am Rechenberg bei Nürnberg
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 743–748
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ludwig Feuerbach’s letzte Jahre am Rechenberg bei Nürnberg.


Mit einem geheimen Widerstreben, und doch im Bewußtsein eine heilige Pflicht zu erfüllen, komme ich dem Wunsche des Herausgebers dieser Blätter nach und will es versuchen, ein wenn auch nur skizzenhaftes Bild der letzten Lebensjahre des großen Todten zu entwerfen, die er in dem nebenstehenden einsamen Häuschen, eine Viertelstunde vor Nürnberg draußen am Fuß des Rechenbergs, zugebracht. Dieses Bild kann schon deswegen keinen Anspruch auf Vollständigkeit machen, weil ich erst die letzten vier Jahre das beneidenswerthe Glück hatte, in die Nähe des ebenso großen als verkannten Geistes zu kommen, und ihn auch im engen Kreis der Familie, in seinem häuslichen Leben kennen zu lernen. Aber die Versicherung darf ich vorausschicken, daß die folgenden Mittheilungen auf strengster Wahrheit beruhen, und daß, was ich nicht selbst gesehen und miterlebt, ich aus dem Munde seiner älteren Freunde, seiner Wittwe und Tochter selber habe.

Die Stätte selbst betreffend, auf der des einsamen Philosophen Wohn- und Sterbehaus sich befindet, dürfte es den Wenigsten bekannt sein, daß sie an sich schon von historischer Bedeutung ist. Hier war es, wo am 17. Mai im Jahre 1552, – nachdem Karl der Fünfte mit seinen Spaniern, Italienern und Niederländern den Bund der protestantischen Fürsten gesprengt, und Moritz von Sachsen mit Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, dem Landgrafen Wilhelm von Hessen, dem Markgrafen Albrecht von Brandenburg-Culmbach, und, trotz der Warnung Melanchthon’s, sogar mit Heinrich dem Zweiten von Frankreich einen neuen Bund geschlossen hatte, wie es hieß, um „des Reichs deutscher Nation Libertät und Vergleichung rechter, wahrer, christlicher Religion wiederzubringen und zu erhalten“, – wo einer dieser Verbündeten, der wilde Markgraf von Brandenburg, genannt Alcibiades, sein Lager aufgeschlagen, und von der Höhe des Berges aus mit seinem schwersten Geschütz die damals freie Reichsstadt zwingen wollte, daß auch sie sich diesem Bund gegen den Kaiser anschließe. Heute noch sind die Spuren sichtbar, welche die brandenburgischen Kugeln im weltberühmten Festungsgürtel Nürnbergs an der Mauer des sogenannten „Lauferthores“ zurückgelassen. Verschwunden aber ist das hohe, solid aus Steinen erbaute Schloß, welches damals diese Anhöhe krönte, und welches der Brandenburger als Hauptstützpunkt für seinen Angriffsplan benutzt hat; im nämlichen Jahre noch, nachdem die Gefahr vorüber, ließ der Rath der Stadt Nürnberg das Gemäuer desselben bis auf den Grund abtragen, die Steine hinwegführen und, um sich für alle Zukunft gegen eine Wiederholung solcher Beschießung von diesem Berge aus zu sichern, ihn um ein gut Theil niedriger legen.

Statt des Schlosses oben wurde am Fuß des Berges ein Gärtnerhaus erbaut, und dieses ist es, welches, hart an der nach Lauf und Hersbruck führenden Straße gelegen, nachdem es mannigfache Verwandlungen erfahren, Ludwig Feuerbach’s letztes Asyl geworden ist. Uebergegangen in den Besitz der alten Nürnberger [744] Patrizierfamilie von Behaim, bildet es mit zwei kleineren Gebäuden, einer großen Scheune, geräumiger Stallung, Garten und Berg ein zusammenhängendes größeres, von zwei Pächtern übernommenes Bauerngut, dessen einer den unteren Stock bewohnt, während Feuerbach in den oberen Räumlichkeiten sich eingerichtet hatte. Von der Straße aus, rechts von unserem Bilde, führt jetzt ein großes steinernes Thor mit eisernem Gitter in den sehr geräumigen Hof, und auf einem bequemen Gartenwege mit einzelnen Stufen, zwischen einem hohen Doppelzaun von beschnittenen Buchenhecken hindurch gelangt man zur Anhöhe, welche mit einer Anzahl hoher Pappelbäume geschmückt ist. An einem derselben ist eine Ruhebank angebracht, nach Osten zu; dort hat der große Einsiedler vom Rechenberg oft gesessen und hat im Anblick seiner geliebten Berge Vergessen gesucht für sein eigenes Vergessensein, wenn’s ihm im Hause da unten zu eng geworden. Und daß es ihm oft zu eng wurde, daß er sich fort und hinaussehnte, hinaus zu Menschen, die ihn verstehen, hinaus in andere kommende Jahrhunderte, als deren vorzeitiger Bürger er sich fühlte, wer könnte darüber sich wundern!

Es hat lange gedauert, bis Feuerbach überhaupt in dieser Wohnung sich zurechtfand, bis sie ihm heimisch wurde. Die vierundzwanzig Jahre, die er ununterbrochen von 1836 bis 1860 in seinem geliebten Bruckberg bei Ansbach zugebracht, sie galten ihm, trotz der auch dort ihm auferlegten Einsamkeit, als die schönsten seines Lebens. Dort hatte er seine ersten, seine meisten, seine epochemachendsten Werke geschaffen. Das letzte, mit dem sein nicht rastender Geist sich trug, „Gottheit, Freiheit und Unsterblichkeit“, das hat er hier am Rechenberg vollendet, aber Niemand weiß, mit welch unsäglichen Geburtswehen, unter welchen Schmerzen des Heimwehs und des Gefühls seiner Armuth!

Es war im September des Jahres 1860, als er mit den Seinen, Frau und Tochter und einer nahen Verwandten, von Bruckberg vertrieben – weil das ganze Vermögen seiner Frau im Betrieb der dortigen Porcellanfabrik verloren gegangen – die neue Wohnung am Rechenberg bezog. Der Winter stand vor der Thür, aber die Wohnung war so wenig für einen Winteraufenthalt hergerichtet, daß er nur mit Mühe und großer Selbstbeschränkung eine winzig kleine Kammer ausfindig machte, in welcher er glaubte sein Werk vollenden zu können. Er ließ sich einen Ofen setzen und machte sich an die Arbeit, aber er sah sich getäuscht. Nicht nur daß der zu beengte Raum der Kammer, welche nur ein einziges Fenster hatte, seine geistige Arbeit an sich schon erschwerte – unmittelbar unter ihm befand sich die Küche des Pachtbauern und der Boden, der ihn trennte, war so dünn, daß er den ganzen Tag über den unendlich prosaischen Lärm, der von Löffeln und Messern, Häfen, Tellern und Pfannen und dem gesammten Kochgeschirr herrührte, in seinen Ohren hatte. Dazu kam das beständige Bellen des im Hof an der Kette liegenden Hundes, das Knarren und Rasseln der Wagen und Wagenketten des Pachtbauern, das Zuschlagen der Thüren – es war, als müßte er verzweifeln. Die Seinen litten mit ihm; denn soweit sie sich auch Mühe gaben, wenigstens im oberen Geschoß größtmögliche Stille zu halten, es war schon deswegen nicht durchzuführen, weil die Treppe vom unteren Stock herauf unmittelbar auf die Thür dieses erbärmlichen Studirzimmers ausmündete. So mußte der in seiner ohnedies aufreibenden Geistesarbeit ewig Gestörte sich zuletzt entschließen, auf dem Speicherboden unmittelbar unter dem Dache in allernothdürftigster Weise sich ein Dachkämmerchen herzurichten, und hier war es, wo er sein letztes Werk wenigstens dem Abschluß näher brachte, bis ihm die wärmere Jahreszeit gestattete, sein sehr geräumiges, aber im Winter nie benutzbares Studirzimmer zu beziehen. Wie sehr er sich seit seinem Wegzug von Bruckberg durch diese Wohnungsnoth in seinem Arbeiten gestört fühlte, das beweist wohl am besten die Thatsache, daß sein letztes Geisteswerk „Gottheit, Freiheit und Unsterblichkeit“, obwohl in Bruckberg vor 1860 schon begonnen, erst 1866 zu Ende gedieh.

Es waren freilich noch andere Gründe, welche auf seine Arbeitslust schwerhemmend und seine Gemüthsstimmung niederdrückend einwirkten, vor Allem, daß er sich an seinem neuen Wohnort so viel einsamer und verlassener fühlte, und zwar verlassen nicht nur von lange gewohntem täglichem Umgange, sondern auch weniger mehr aufgesucht von Freunden aus der Ferne. Wohl finden sich in seinem Tagebuche von Männern, die ihn auch am Rechenberg noch besuchten, Namen aufgezeichnet wie Venedey, Karl Vogt, Genée, Herwegh, Vaillant aus Paris, Rüstow, Löwe von Calbe, A. Meißner, C. Blind, Prutz, Pfau, Schweden und Russen, unter Letzteren namentlich Bolyn, Professor aus Helsingfors, und von Khanikoff, der ihn mit seiner ganzen Familie wiederholt aufsuchte, etc.; aber diese Besuche vertheilen sich auf eine Reihe von Jahren, und die längste Zeit war er allein mit den Seinigen.

Um Menschen zu suchen, wenigstens unter Menschen zu sein, ward es ihm daher Bedürfniß, öfter allein oder mit seiner Familie nach Nürnberg hineinzugehen, meist des Abends, und die Besitzer des „Frühlingsgartens“, des „Hirschen“, des „Grauen Katers“, des „Goldenen Rosses“, wo er dann sein gutes bairisches Bier trank und manchmal auch sein einfaches Abendbrod zu sich nahm, sie wissen zu erzählen, daß, wenn es ihm glückte, zusagende Gesellschaft zu finden, auch dieser sonst so ernste und schweigsame Denker nicht nur sehr lebendigen Antheil an politischen und religiösen Debatten nahm, sondern auch sehr heiter und aufgeräumt sein konnte und seine große Freude an harmlosem Scherz wie an derbem Witz gehabt hat. Aber nur zu oft kam er recht traurig und enttäuscht nach Hause, – er hatte Niemanden gefunden! Da überkam ihn dann mit ganzer Macht das Gefühl des Alleinseins, er sehnte sich zurück nach seinem unvergeßlichen Bruckberg; er beklagte, daß er nicht dieses oder jenes Handwerk gelernt, um seine trüben Gedanken durch mechanische Arbeit sich zu vertreiben; er verwünschte sein Schicksal, das ihn zum Gelehrten, zum Schriftsteller gemacht, und in seiner höchsten Verstimmung rief er nicht selten aus: „Ich wollte, ich wäre ein Holzhacker!“

Was ihn in dieser trüben Stimmung noch mehr bestärkte, das war seine ökonomische Lage. Das Vermögen seiner Frau war verloren, auf sein eigenes väterliches hatte er freiwillig verzichtet; seine Pension, die er nach bairischem Gesetze als Sohn seines Vaters, des Criminalisten Anselm von Feuerbach, bezog, reichte für die bescheidensten Bedürfnisse nicht hin, und die Honorare für seine Werke deckten oft kaum die Ausgaben, welche er für Anschaffung von Büchern, die er zu seinen Studien bedurfte, vorher schon gemacht hatte. Er sah sich daher schon damals in die peinliche Nothwendigkeit versetzt, Gaben der Verehrung und Liebe, welche Freunde in zartester Weise ihm zufließen ließen, annehmen zu müssen. Es wird später aus Anlaß des Nationaldankes, der in seinem letzten Lebensjahre ihm gewidmet wurde, noch einmal von diesen früheren Hülfeversuchen seiner Freunde die Rede sein; aber hier schon muß es gesagt werden, mit welch widerstrebenden Gefühlen, getheilt zwischen herzlichem Danke und Vorwürfen gegen sich selbst und sein Schicksal, er sich zur Annahme solcher Freundesgaben verstanden hat.

Seine letzte Trösterin, zu der er immer seine Zuflucht nahm, war die Natur. Konnte ihm auch die nächste Umgebung Nürnbergs das nicht bieten, was ihm in seinem Bruckberg so lieb geworden war, wo er nach allen Seiten hin botanische und mineralogische Excursionen gemacht, und bei den letzteren immer seinen Steinhammer mitgenommen hatte, so wußte er doch auch hier mit der Zeit seine Lieblingspartien zu finden, die er entweder allein, oder mit seiner Familie, seinem Bruder Friedrich, am meisten mit seiner Tochter Leonore, wiederholt aufsuchte. Ein Gang nach dem ganz nahe gelegenen „Plattners-Schlößchen“ mit seiner reizenden Parkanlage, auf die „Alte Veste“ bei Fürth, oder ein weiterer Ausflug auf den „Morizberg“ und die hinter Hersbruck sich erhebenden höheren Berge, wo er Versteinerungen suchte, in die „fränkische Schweiz“ mit ihren berühmten Höhlen u. a., das war ihm ein Hochgenuß, erhöht durch die Zwiegespräche, in die er sich in schlichtester, leutseligster Weise am liebsten mit den einfachen, ungekünstelten Söhnen der Natur einließ.

Allmählich hatte er sich mit seinem neuen Wohnorte ausgesöhnt, das heißt in’s Unabänderliche sich ergeben, aber eine stille, unbefriedigte Sehnsucht ist ihm immer geblieben.

In seinem Hause hielt er sich am liebsten während der wärmeren Jahreszeit in seinem großen, mit Solenhofer Kalkplatten belegten Studirzimmer auf, dessen Fenster auf drei Seiten in’s Freie gehen, nach dem Garten, der Straße und dem Hofe, wie es unser Bild dem Leser in anschaulicher Weise zeigt. Von diesem Studirzimmer führte eine Thür auf den ebenfalls rechts, der Straße zu, angebrachten kleinen Altan, von wo er einen freundlichen

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Die Gartenlaube (1872) b 745.jpg

Feuerbach’s Wohnhaus am Rechenberg bei Nürnberg. Nach der Natur aufgenommen von J. Geyer.

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In diesem Studirzimmer hatte er seine große, äußerst werthvolle Bibliothek, deren einer Theil auf seinem Schreibtische und mehreren anderen Tischen, auf kleineren und größeren Regalen, der andere, namentlich die großen schweinsledernen Folianten, auf den Brettern rings an den Wänden ihren Platz hatten. Es herrschte hier die größte Ordnung. Zwischen den Büchern hatte er auch Steinen, Muscheln und drei Originalschädeln von Negern und Indianern ihre Stelle angewiesen. Der große Schreibtisch stand in der Mitte; er arbeitete auf einem einfachen Stuhle sitzend, hatte sich aber unmittelbar dahinter einen kleinen Divan gestellt, auf dem er sich nach seinen Arbeit ausruhte. An den Wänden hingen zahlreiche Bilder, Portraits von alten und neuen Dichtern und Philosophen, in einfachen Rahmen; einige, wie Spinoza, Giordano Bruno u. A., hatte er sich auf dem Trödlermarkte in Nürnberg gekauft.

An Bildern, zumal an künstlerisch-schönen, hatte er immer eine große Freude, und da störte es ihn selbstverständlich nicht, wenn sie ihre Entstehung auch einer der seinen ganz entgegengesetzten Weltanschauung verdankten. Eine Madonna von Raphael entzückte ihn; die sixtinische hing an einem bevorzugten Platz im Familienwohnzimmer, und vor einer anderen steinernen Marienstatue mit dem Kind, welche in der „Hirschelgasse“ in Nürnberg, aus alter Zeit herrührend, an einem Hause angebracht ist, blieb er oft stehen, sich in den Anblick der jungfräulichen Reinheit und weiblichen Innigkeit versenkend.

Die Kunst überhaupt liebte er in hohem Grade, freute sich darum auch an einer gelungenen Theateraufführung, aber diese Genüsse waren, theils wegen der Entfernung seines Wohnhauses von der Stadt, theils in Folge seiner ökonomischen Verhältnisse, so spärliche, daß er während der zwölf Jahre auf dem Rechenberge wohl kaum mehr als zwei Mal das Theater besucht hat. In seinen jungen Jahren hatte er selbst die Flöte gespielt; Mozart war und blieb sein Liebling; eine Sonate von ihm, oder eine einfache Volksmelodie, die seine Tochter ihm auf dem Clavier spielte, das machte ihm ein glückliche Stunde. Auch hatte er seine ganz besondere Freude an einem harmonisch-schönen Glockengeläute. Wenn die Glocken von St. Sebald oder St. Lorenzen in der Stadt zusammenläuteten, da ging er oft auf seinen kleinen Altan hinaus, um es deutlicher zu hören, und die Seinen bemühten sich dann ängstlich, daß Alles im Hause ganz still sei, damit er in seinem Genusse nicht gestört werde. Das Anhören dieses Glockenconcertes ersetzte ihm Theater und die anderen Concerte, auf die er verzichten mußte.

Es ist ein tiefes, ein rührend kindliches, wahrhaft ergebenes Gemüth, das ihm diesen Verzicht möglich machte, und wer überhaupt Ludwig Feuerbach, wie er wirklich leibte und lebte, nicht nach den entstellenden Zerrbildern seiner pfäffischen Gegner, sich vorstellen will, der muß vor Allem wissen, daß die Tiefe und Innigkeit seines Gemüthes der Hoheit und Kühnheit seines Geistes vollkommen ebenbürtig war. Es ist darum der Wahrheit vollkommen entsprechend, wenn der intime Freund des Entschlafenen und seiner Familie, der Secretär des Germanischen Museums, Hektor, in seinem dem Todten gewidmeten Nachruf sagt:

„Und Dein Herz und Dein Gemüth,
Wer wird’s je ergründen?
Des Poeten höchstes Lied
Kann es nicht verkünden.
Polizei nur wär’ gekränkt,
Wenn sie dies erführe:
Daß kein Bettler unbeschenkt
Ging von Deiner Thüre.“

So wenig er zu geben hatte, so gab er doch immer, und beklagte nur, daß er nicht noch mehr geben konnte. Dadurch brachte er einmal seine gute Frau, die ihm eine ebenso hingebende Gattin, als emsige, tüchtige Hausfrau war, in große Verlegenheit. Sie hatten einen lieben Besuch, und er selbst hatte diesem mit sichtbarer Freude mitgetheilt, daß es Mittags einen saftigen Braten gäbe. Als der Freund sich aber zur ausgemachten Stunde einstellte, mußte die Hausfrau sich entschuldigen: Feuerbach hatte inzwischen von der Noth eines ganz in der Nähe wohnenden armen Schusters gehört und diesem den prächtigen Braten in Papier eingepackt eigenhändig in’s Haus gebracht; der Besuch mußte mit etwas Anderem vorlieb nehmen.

Von seinem Gemüthe und seinem immer offenen Auge selbst für die kleinsten Liebesdienste spricht auch ein anderer scheinbar unbedeutender Zug, welchen der Verfasser des oben genannten Nachrufes mir mitgetheilt hat. Sie gingen ihrer Zwei oder Drei in lebhaftem Gespräch durch die Straßen Nürnbergs, und kamen an einem der vielen Brunnen vorbei, aus denen das Wasser mittelst hölzerner Schwengel geschöpft wird, welche im Ruhestand ziemlich hoch am Brunnenstock oder einem daneben stehenden Pfahl in eiserne Haken eingehängt sind, so daß kleineren Kindern es nicht möglich ist, sie mit ihren Händen zu erreichen. Da kam ein Kind mit einem Wassergefäß und machte wiederholt Versuche, den Schwengel in der Höhe aus dem Haken herauszubringen; es gelang ihm nicht. Die mit Feuerbach Gehenden, in’s Gespräch mit ihm Vertieften bemerkten wohl auch das Kind, aber keinem fiel es ein, ihm zu helfen, das Gespräch war ihnen wichtiger; Feuerbach selbst aber dachte oder fühlte anders – er verließ die Sprechenden, trat auf die Seite, holte dem Kinde den Schwengel herunter und half ihm seinen Krug füllen.

Dieser tief gemüthliche Zug seines ganzen Wesens trat in den letzten Jahren seines Lebens in noch stärkerem Grade hervor, als in seinen gesunden Tagen, oder es ist vielleicht richtiger zu sagen, es erschien dem aufmerksamen Beobachter so, weil die Thätigkeit der Denkkraft in ihm zu erlahmen begann. Und davon zeigten sich die frühesten leisen Andeutungen schon im Jahre 1867.

Der deutsche Bruderkrieg war gerade vorüber; Feuerbach hatte ihn, als einen nach seiner persönlichen Ueberzeugung blos dynastischen Krieg, als im Widerspruch mit seiner idealen Weltanschauung auf’s Allerentschiedenste verdammt; da traf ihn der erste Schlaganfall! Als er sich etwas wieder erholt, nahm er mit seiner Tochter Leonore, auf Einladung eines durch seine Schriften gewonnenen warmen Freundes in Oesterreich, einen fünfwöchentlichen Herbstaufenthalt in Goisern bei Ischl, um in der reinen Gebirgsluft seine Gesundheit vollkommen wieder herzustellen. Der Name dieses Freundes Konrad Deubler, Bäcker und Wirth in Goisern, verdient wohl der Nachwelt aufbewahrt zu werden, denn er beweist nicht nur, welche kerngesunde, nach höherer Wahrheit sich sehnende und ringende Menschen trotz aller jahrhundertlangen hierarchischen Verfinsterung Oesterreich in sich birgt, sondern namentlich auch, welcher Opfer für die Wahrheit diese Menschen fähig sind. Konrad Deubler hatte seit Jahren mit anderen seiner Gesinnungsgenossen sich freisinnige Schriften aus Deutschland kommen lassen, so namentlich den damals vielgelesenen[WS 1] Leuchtthurm, aber zuletzt auch Feuerbach’s Werke. Dafür, für „gesetzwidrige“ Verbreitung oder auch nur Haltung solcher Schriften und zugleich für seine als Hochverrath erklärte freie politische Gesinnung erhielt er in den fünfziger Reactionsjahren vier Jahre schweren Kerker, die er in Olmütz und Iglau bis auf den letzten Tag abgesessen hat. Daß ein solches Martyrium der zwischen ihm und Feuerbach, den er zuletzt im Jahre 1865 in Nürnberg aufgesucht, entstandenen Freundschaft eine höhere Weihe gab, ist selbstverständlich. Die Herbsttage, welche sie 1867 zu Ausflügen in die Berge, wozu Feuerbach meist seinen Steinhammer mit sich nahm für mineralogische Aufsuchungen, miteinander benutzten, sie blieben diesem unvergeßlich. Frischgestärkt kehrte er nach Nürnberg zurück; er besuchte im Winter die Vorlesungen, welche damals Karl Vogt hielt, aber dem Auge dieses scharfen Beobachters entging es nicht, daß von dem Schlaganfall ein unheilbares Leiden zurückgeblieben war – und er erklärte daher damals schon in einem Briefe, den er über Feuerbach’s Befinden an Deubler nach Goisern schrieb, daß eine langsam zunehmende Gehirnkrankheit sich jetzt schon angekündigt habe.

Hätte Feuerbach in andern Verhältnissen, in anderer Umgebung, mehr unter Menschen, nicht in dieser Abgeschlossenheit gelebt, und wären nicht gerade in diese für seinen Zustand so verhängnißvolle Zeit die zwei furchtbar blutigen Kriege gefallen, wer möchte es nicht wenigstens für möglich halten, daß das Schwinden seines Geisteslebens ein langsameres gewesen wäre?

Als ich im Jahre 1869 zum ersten Mal das hohe Glück hatte, ihm persönlich nahe zu treten, da nahm er noch lebendigen Antheil an allen großen Fragen der Zeit; die nachwirkende Folge seines Schlaganfalls zeigte sich jedoch immer deutlicher [747] darin, daß die eine Hälfte seines Gesichtes, besonders des Mundes, sichtlich etwas verzogen und das Sprechen ihm erschwert war. Wir sprachen wiederholt, im Beisein entweder seines Arztes Dr. Baierlacher, oder seines Bruders Friedrich, oder des Bibliothek-Secretärs des Germanischen Museums, Hektor, oder aller zusammen, und meist in Gegenwart seiner Familie, von den Ereignissen auf dem politischen, socialen und religiösen Gebiete. So schwer ihm das Sprechen fiel, ward er doch nicht müde, den Militarismus, der auf Kosten der idealen Bestrebungen und mit Hülfe der politische Heuchelei sich der Völker bemächtigt, den Materialismus und die Herzlosigkeit der egoistischen Speculation, den Marasmus der Orthodoxie, die Glaubenslosigkeit der Gläubigen, das Herrsch- und Verdummungssystem des Pfaffenthums aller Farben in derbster, energischster Weise zu bekämpfen. Mir persönlich gegenüber äußerte er wiederholt seine große Freude über den Versuch der „freien religiösen Gemeinden“, auf den Trümmern der alten ausgelebten Religion die Religion der Zukunft, deren „Anfang, Mittelpunkt und Ende der Mensch“, aufbauen zu helfen, und zur genauen Kenntniß seines persönlichen Standpunktes ist die Thatsache von Interesse, daß er sich in den letzten Jahren genau erkundigte, in welcher Weise ein Anschluß an die freien Gemeinden zu geschehen habe, wovon ihn nur der äußerliche Umstand abhielt, daß nach dem Buchstaben des Gesetzes er sich in eigener Person zum Pfarrer seines Kirchspiels hätte verfügen und diesem seinen förmlichen Austritt aus der Kirche erklären müssen. Daß ihm eine solche Formalität gegen seine innerste Natur war, ihm, der mit seiner ersten Schrift früh mit kühnem Tellsprung aus der Kirche heraus sich auf den Boden des freien Geistes geschwungen hatte, das leuchtet von selbst ein. Daß er aber trotzdem sich thatsächlich zum Bunde jener Freien rechnete, beweist namentlich seine Betheiligung an der unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges, im Juni 1870, in Nürnberg veranstalteten festlichen Versammlung von Vertretern und Mitgliedern der freien Gemeinden von Süd- und Westdeutschland, wobei er mit hohem Interesse dem Vortrag E. Baltzer’s im alten Kaisersaal und dem heitern Festmahl beiwohnte, bei welchem der Verfasser dieser Erinnerungen einen mit stürmischem Jubel aufgenommenen Toast auf den unter ihnen weilenden „König des Gedankens“ ausbrachte. Feuerbach hat diesen Toast nicht erwidert, er konnte es schon nicht mehr; aber man sah es ihm an, wie er für viele Jahre vermeintlichen Vergessenseins eine hohe, ihn auf’s Freudigste ergreifende Genugthuung darin fand, als Vertreter und Abgeordnete freier Gemeinden aus Nürnberg und Fürth, Ulm und Pforzheim, Heidelberg und Mannheim, Mainz, Wiesbaden, Rüdesheim, Hanau, Offenbach und Frankfurt mit ihren gefüllten Gläsern sich zu ihm herandrängten und sich selbst wieder freuten, dem kühnen Vorkämpfer in’s matter gewordene, und doch noch immer blitzende Auge sehen zu können.

An dieser Stelle mag auch zur Kenntniß Derjenigen, welche in ihrer Opposition gegen den alten Kirchenglauben so weit gehen, daß sie schon am Worte „Religion“ Anstoß nehmen, und welche sich zugleich einbilden, daß gerade Feuerbach es sei, auf dessen Autorität sie sich in diesem Punkte berufen dürfen, es mag hier mitgetheilt werden, daß sich in seinem Tagebuche, mit Bleistift von seiner eigenen Hand geschrieben, das Concept eines Briefes vorfindet, welchen er gerade in jenem Jahre, und zwar am 28. Februar 1870, an seinen Freund in Goisern bei Ischl gerichtet und in welchem er sich diesem gegenüber über den Austritt aus der Kirche ausspricht. Wohl begreifend, daß Derjenige, welcher wie sein Freund in einem österreichischen Dorfe als Einzelner diesen Schritt thun wollte, in Folge der traurigen dortigen Verhältnisse sich auch zu dem Opfer entschließen müßte, sein Dorf und seine Berge der ewigen Anfeindungen wegen zu verlassen, suchte Feuerbach ihn in seinem speciellen Falle über das Verbleiben in der Kirche damit zu beruhigen, daß er ihm unter Anderm schrieb: „Die Religion, wenigstens die officielle, die gottesdienstliche, die kirchliche, ist so entnervt und entseelt, so creditlos, daß es an sich gleichgültig ist, ob man ihre Formen mitmacht oder nicht mitmacht, denn selbst Diejenigen, die angeblich gläubig sie mitmachen, glauben nur an sie zu glauben, aber glauben nicht wirklich, so daß es sich wahrlich nicht der Mühe lohnt, um eines Glaubens willen, der längst keine Berge mehr versetzt, – seine lieben Berge zu verlassen.“ Es sei hier jede Bemerkung darüber übergangen, wie sehr nahe der so Schreibende an jene in der Politik von ihm so unerbittlich und unversöhnlich bekämpfte Unaufrichtigkeit selbst heranstreift, jede Bemerkung über den gar nicht zu berechnenden Verlust an Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit im öffentlichen Leben, welchen die officielle Aufrechthaltung des alten Glaubens in den Massen angerichtet, wenn selbst solche Heroen in dieser Weise sich aussprechen! Aber die eine Thatsache sei hervorgehoben, daß Feuerbach hier ausdrücklich einen Unterschied macht zwischen „officieller, gottesdienstlicher, kirchlicher“ Religion und zwischen Religion überhaupt! Ein neuer Beweis, daß er nie daran gedacht hat, diese selbst zu bekämpfen, sondern daß seine Aufgabe nur war, die wahre Religion, die der Vernunft, die im Wesen des Menschen selbst begründete, zum Bewußtsein zu bringen.

Dem Kriege gegenüber, der unmittelbar nach der oben erwähnten Festversammlung der freien Gemeinden losbrach, ist Feuerbach stumm geblieben. Schon im Juli 1870 traf ihn der zweite Schlaganfall. Nach diesem war es ihm nicht mehr möglich, in irgend zusammenhängender Weise seine Gedanken auszudrücken; er gab sich oft unsägliche Mühe, aber vergebens, und fing sogar schon an, die Worte miteinander zu verwechseln. Von jetzt an blieb er mehr als bisher zu Hause, am liebsten in seinem Studirzimmer, das ihm mit der Zeit, so schwer ihm anfangs die Angewöhnung gewesen, ein wahrhaft heiliges Asyl geworden war. Geschrieben hat er seit diesem Anfalle nicht mehr; aber die Zeitungen nahm er noch oft zur Hand, deutsche, französische und amerikanische, durchblätterte sie, in seinem Arbeitsstuhle sitzend oder auf seinem kleinen Divan ausgestreckt – ob er sie wirklich gelesen? mit wieviel Verständniß? wer vermöchte dies zu sagen! Ich persönlich erinnere mich, so oft ich auch versuchte, ihm eine Aeußerung, namentlich über den letzten Krieg, zu entlocken, so oft ich auch dieses oder jenes Ereigniß ihm mittheilte, ich erinnere mich nicht, auch nur eine Silbe von ihm darüber vernommen zu haben. War es ihm physische Unmöglichkeit? Oder war es die Trauer seiner Seele, daß heute noch, im neunzehnten Jahrhundert, zwei Völker, deren eines seinen Pierre Bayle, Montesquieu, Voltaire, Rousseau und seine große Revolution gehabt, das andere seinen Leibnitz, Lessing, Kant, Fichte und seine unsterblichen Dichterheroen, beide an der Spitze der Civilisation stehend, kein anderes Mittel wußten, um sich zu verständigen, als daß sie gegenseitig Tausende ihrer Söhne in den Tod schickten? Das Einzige, was während jener Zeit als eine annähernde Kundgebung seiner innersten Gesinnung betrachtet werden könnte, das ist der Brief, den im Januar 1871 seine Tochter Leonore, wie sie erklärte, im Sinne ihres Vaters, an den Herausgeber des „Libero Pensiero“ in Florenz schrieb und in welchem Feuerbach’s persönliche Ansicht dahin angedeutet war, „daß er dem Gange des Krieges bis zum Sturze Napoleon’s mit patriotischer Sympathie gefolgt sei, die Fortsetzung desselben nach dieser Katastrophe aber vom Standpunkte der Humanität aus verurtheilt habe.“

Seit jener Zeit stellte er seine gewohnten Abendgänge nach Nürnberg ganz ein; am liebsten machte er mit den Seinen noch einen kleinen Spaziergang ganz in der Nähe seines Hauses, oder setzte sich Stunden lang, ein Buch in der Hand, droben auf dem Rechenberge auf die einsame Ruhebank, hineinschauend in die Berge.

Eine Klage über seinen Zustand ist ihm nie über die Lippen gekommen, und doch schien er ein ganz klares Bewußtsein desselben zu haben. Nur ein einziges Mal, als ich ihm von einem meiner Freunde, Prediger Elßner, der ihn auch während seines Hierseins öfters aufgesucht, einen schmerzlichen Vorfall in dessen Familie erzählt, da stieß er, vor mir auf einem Stuhle sitzend, die Hände ineinander gelegt und seinen Kopf zu Boden senkend, als Antwort die einzigen Worte heraus: „Ja, das Leben!“ In diese wenigen Worte aber legte er den ganzen markerschütternden Ausdruck des sein Innerstes erfüllenden, durch seinen eigenen Zustand hervorgerufenen Schmerzes. Und ein anderes Mal, als ihn der langjährige Freund des Hauses, Hektor, besuchte und nach seinem Zustande sich erkundigte, da that er die sein unsagbares Unglück und sein Bewußtsein davon bezeichnende Aussage: „Ich bin nicht mehr, ich bin todt!“

Als wolle er den ihn Besuchenden – deren es freilich, mit Ausnahme seiner Verwandten, von Nürnberg aus mit seinen achtzigtausend Menschen, sehr wenige waren: sein Arzt, Hektor und ich –, als wolle er ihnen das Mitleid mit seinem Zustande ersparen, als scheue er sich, in so ruinenhafter Gestalt ihnen entgegenzutreten, [748] entzog er sich zuletzt selbst Denen, die ihm die Liebsten waren, und fing an, gleich der ihre Wandlung vorausfühlenden Nymphe, in seinem kleinen engen Zimmerchen sich förmlich einzuspinnen. Wir kamen in dieser Zeit öfter hinaus, ohne ihn zu sehen oder zu sprechen, und mußten uns begnügen mit den Mittheilungen, welche uns die Seinen über sein Befinden gaben. Aber wenn wir dann wieder einmal ihn selbst sahen, dann sahen wir ihm auch die innige Freude an darüber, daß wir Antheil nahmen an seinem Schicksale, wenn er auch gar nichts oder höchstens einzelne oft ganz unverständliche Worte, ja blos Laute hervorbrachte.

Daß in diesem schmerzlichen Zustande es den Seinen eine unendliche Erhebung gewährte, als sie zu ihrer ungeahnten Ueberraschung sahen, wie der Aufruf an die Nation nicht nur, vielmehr der Aufruf an alle seine Freunde und Verehrer in allen Landen, zumal auch jenseits des Meeres, von Tag zu Tag mehr Wiederhall fand, ist so selbstverständlich wie das halbabweisende Gefühl im Anfange. Als er selbst zum ersten Male davon hörte, war seine Geisteslähmung schon so vorgeschritten, daß er nur wenige Worte dafür fand. Er that eine Aeußerung, aus welcher einestheils seine Freude herausblickte, daß er sich doch getäuscht, wenn er oft glaubte, er gehöre zu den ganz Vergessenen, anderntheils aber doch auch wieder der Zweifel, ob er selbst den Erfolg eines solchen Aufrufes noch erleben werde. Und wer kann einen solchen Zweifel ihm verargen, wer, sage ich, der sein entsagungsvolles Leben im Dienste der Wahrheit und der Menschheit kennt und aus der Geschichte weiß, wie zu allen Zeiten dieser schwerste Dienst den Lebenden wenigstens am schlechtesten immer gelohnt wurde!

War doch, wie oben bereits angedeutet, vor neun Jahren schon von Freunden und Verehrern des Schwerbedrängten ein erster Versuch gemacht worden, um den Mann, wie es im gedruckten Aufruf hieß, „dessen materielle Lage in einem höchst peinlichen und ungünstigen Verhältniß zu der Bewunderung stehe, welche selbst seine erbittertsten Feinde seinem Stoicismus und seiner Ehrenhaftigkeit zu zollen bereit sind“, um ihn „aus seinen bedrängten Verhältnissen zu befreien, um ihm die Sorgen eines bekümmerten Familienvaters zu erleichtern, um von seinen Schultern eine Last zu nehmen, deren Wucht die gewaltigen Schwingen seines reichen Geistes hemmt, in vorderster Reihe fortan zu kämpfen für die höchsten Güter eines menschenwürdigen Daseins“! Dieser Aufruf vom Jahre 1863, ausgehend von zweien seiner Freunde im Verein mit fünf anderen Männern Nürnbergs, ist nur als Manuscript im Stillen verbreitet worden und konnte freilich schon aus diesem Grunde, weil er sich nicht wagte an die große Oeffentlichkeit zu gehen, unmöglich seinen edlen Zweck erreichen, wenn auch, namentlich aus Amerika, damals schon nicht unbedeutende Ehrengaben eingesandt wurden. Wer aber möchte bestreiten, daß es überhaupt sehr schwer ist, für Männer der Wissenschaft, die nicht, wie der Dichter, das Verständniß der Massen für sich haben, zu einem solchen Zweck die Massen zu gewinnen? Um so mehr wollen wir uns freuen, daß der letzte Aufruf gezündet und daß dieses hauptsächlich auch dem Umstand zu danken ist, daß er gerade in der Zeit erschien, wo nach dem riesigen Aufgebot der in blutigen Schlachten und Siegen sich bethätigenden Männerkraft man anfing sich zu erinnern, daß die Menschheit ihre größten Siege doch Denen verdankt, welche das Schwert des Geistes zu führen verstanden haben. Wir wollen uns freuen, daß die Früchte dieses Aufrufs, wenn auch spät, sehr spät, dem Leidenden noch zugutkamen; daß sie den Seinen es ermöglichten, ihm diejenigen Bedürfnisse zu befriedigen und die Erholungen zu gewähren, deren er in seinem traurigen Zustande bedurfte, und daß sie wenigstens für die letzten Tage seines Lebens die Last der Sorgen, zumal auch im Hinblick auf die Zukunft der Seinen, ihm von der Seele nahmen.

Dieser Aufruf, diese Sympathieen, welche ihm in Folge desselben aus allen Ländern, aus Deutschland, Italien, Frankreich, Belgien, England und Amerika ausgesprochen wurden, sie waren der letzte freundliche Sonnenstrahl, der ihm den Abend verklärte; mit diesem Sonnenstrahl im Herzen ist er eingeschlafen, – schmerzlos, lautlos, still und sanft wie ein Kind.

Mit ihm selber aber ist eine Sonne untergegangen! Und wie hat sie gestrahlt, wie geleuchtet! Mögen die Eulengeschlechter unserer und der nächsten Zeit in dem Licht, das er angezündet, nur die wilde, tempelverzehrende Brandfackel eines neuen Herostratus erblicken, die Tieferblickenden der Gegenwart und noch mehr die der Nachwelt werden ihm das dankbare Zeugniß nicht versagen, daß er, wenn sie auch nicht in Allem, was er gedacht und geschrieben, die unfehlbare Wahrheit zu erkennen vermögen, der Erforschung und Erkenntniß der Wahrheit einen ungeheuer großen, ganz unberechenbaren Dienst geleistet hat. Und worin dieser besteht, das haben wir in der ersten Gartenlaube dieses Jahres (S. 18) ihn in seinem eigenen Bekenntniß aussprechen lassen.

Eines nur möchte ich selbst hier noch aussprechen: das ist die feste Ueberzeugung, daß die ganz eigenthümliche Art und Weise, wie Feuerbach seine Lebensaufgabe zu verwirklichen suchte, die Thatsache, daß in ihm der Schriftsteller nicht vom Menschen getrennt war, daß er nicht anders konnte, als in seinen Schriften sich selbst, sein tiefstes, innerstes Wesen ausströmen und ausgeben, daß dieser uns die psychologische und histologische Erklärung seines tragischen Schicksals an die Hand giebt. Er hat Diejenigen für „ganz klägliche, matte und seichte Brüder, für Memmen“ erklärt, welche „die Schriftstellerei als einen außerwesentlichen Actus fassen und betreiben, und denen daher auch wirklich ihre Schriften nur wie faule Zähne ausfallen, ohne daß ihre inneren Lebenskräfte dabei afficirt und consumirt werden“; er hat vom wahren Schriftsteller, vom Dichter wie vom Philosophen, nichts Geringeres verlangt, als daß er mit seiner ganzen Seele, mit seiner ganzen Persönlichkeit dabei sei; er hat deswegen, als ahnte er die ihm bevorstehende Katastrophe, nicht nur die Schriftstellerei überhaupt einen „wahren Kraftaufwand und Lebensverlust“, er hat „jeden wahren Gedanken einen Stich in’s Herz, eine Erschütterung unseres ganzen Seins, – ein Opfer unserer Existenz“ genannt. Feuerbach hat als Denker und Schriftsteller – sich selbst geopfert, er hat es gethan für die Menschheit, – das ist das Tragische und zugleich Versöhnende seines prometheischen Schicksals!

Karl Scholl.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: vielgesenen