Ein standhaftes Quarkbrod

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Titel: Ein standhaftes Quarkbrod
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aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 818
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[818] Ein standhaftes Quarkbrod. In einer Kammer neben dem sogenannten Trompeterstübchen im herzoglichen Schlosse zu Eisenberg stand bis zum Jahre 1805, wo die verwittwete Herzogin Amalie von Gotha das Schloß als ihren Wittwensitz bezog, ein Spinnrad alter Form, künstlich mit Elfenbein ausgelegt und mit eben solchen Ringen und glockenähnlichen kleinen Zierrathen behangen, welches Herzog Christian, auch ein geschickter Drechsler, seiner zweiten Gemahlin, Sophie Marie, selbst gedrechselt hatte. Auf dem Gestelle lag ein Stück schwarzes Brod, mit Quark bestrichen, vom Zahn der Zeit, sowie von Würmern durchnagt, jedoch noch ganz. Die Chronik von Eisenberg erzählt darüber folgende anmuthige Sage:

Die Herzogin war eine sehr fleißige Hausfrau, die, wenn sie sonst Nichts zu thun wußte, Wolle spann, wie viele andere Frauen damaliger Zeit. Besonderes Vergnügen machte es ihr, wenn sie bald bei dem, bald bei jenem Zeugmachermeister sich selbst Wolle holen oder das Garn heimtragen konnte. Sie wählte zu diesen Gängen stets die Abendstunden und kleidete sich dann in das Gewand einer armen Bäuerin oder Bürgerfrau.

Eines Abends im Herbst, wo sie auch ihre Wolle aufgesponnen hatte, beschloß sie, eine ähnliche Wanderung zu unternehmen, warf sich in ihre Verkleidung und verhüllte das Gesicht noch mit einem Tuche. So nahm sie ihr Päckchen mit Garn unter den Arm und verließ das Schloß. Ihr Weg ging, wie man erzählt, in die Johannisgasse zu einem Zeugmacher, Langenbach mit Namen. Die von einem spärlichen Lämpchen erhellte Unterstube öffnend, traf sie die Familie beim bürgerlichen, damals kärglichen Abendbrode, dessen Hauptbestandtheil, die Suppe, bereits verzehrt war. Quark und Schwarzbrod, in jener Zeit schon eine respectable Kost, nebst einem Kruge selbstgebrauten Bieres schmückte den mit einem weiß- und blaugestreiften reinlichen Tuche bedeckten Tisch. Einen schüchterten „Guten Abend“ bietend und gesegnete Mahlzeit wünschend, eröffnete die Fürstin dem Meister, daß sie Garn bringe und wieder Wolle mitnehmen wolle, und wurde von diesem angewiesen, sich einstweilen auf die nahe der Thür stehende hölzerne Lehnbank niederzusetzen, bis er sein Quarkbrod gegessen und dann sein Tischgebet gesprochen habe. Geduldig setzte sich die Fürstin auf den ihr angewiesenen Platz und wartete, als die Meisterin ihrem Eheherrn in’s Ohr flüsterte, daß sie der armen Frau auch eine Quarkbemme streichen wolle. Der Meister genehmigte es, und nun erhielt die Spinnerin das Brod mit den Worten: „Da, nehmt es Euren Kindern mit, denen wird es etwas Seltenes sein.“

Freundlich dankend nahm die gute Fürstin das Brod, betete dann andächtig mit der gesättigten Familie das Tischgebet, erhielt nun ihren Lohn, nachdem der Meister sorgfältig die Zahlen gezählt und ihr Gespinst gelobt hatte. Ihr Bündchen frische Wolle unter dem Arme wanderte sie dem Schlosse wieder zu, erzählte dem Gemahl das gehabte Abenteuer, zeigte ihm das erhaltene Quarkbrod und freute sich mit ihm in herzlicher Eintracht.

Tags darauf wunderte sich Meister Langenbach nicht wenig, als er auf’s Schloß beschieden wurde, und noch mehr, als er, in der Herzogin Zimmer eingeführt, diese am Spinnrade eine Wolle spinnen und das Quarkbrod sahe, welches seine mildthätige Ehehälfte der armen Frau für ihre Kinder gegeben. Und Herzog Christian, der auch zugegen war, bewillkommnete den Meister freundlich, reichte ihm die Rechte und sprach: „Seid nicht ängstlich, lieber Meister, weder ich noch mein Gemahl zürnen Euch ob Eurer Milde, wir sind Euch vielmehr wohl gewogen und wollen auch ferner, so Ihr weiter ein so wackerer, frommer Meister bleibt, Euch nicht vergessen. Darum sagt, was können wir für Euch thun, daß Euer Wohlstand sich hebe?“

Was das gutmüthige Fürstenpaar dem Meister an Wohlthat zugewendet, davon schweigt die Sage, doch muß die Erweiterung seines Geschäfts, sein Fleiß und seine Rechtschaffenheit ihm wohlgelungen sein, denn von seinen Söhnen hieß der eine der goldene, der andere der silberne Langenbach.

Das Quarkbrod aber blieb zum immerwährenden Andenken auf dem Spinnrade liegen, das unter dem fürstlichen Hausgeräthe im Jahre 1805 mit versteigert ward und jetzt wahrscheinlich längst zerfallen und als unnütz auf die Seite geschafft worden ist.