Eine Bärenhatze

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Textdaten
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Autor: Guido Hammer
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Titel: Eine Bärenhatze
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 672–675
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Hatz auf einen Bären
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder Nr. 45
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Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Von Guido Hammer.
Nr. 45. Eine Bärenhatze.


Vor vielen Jahren, auf einer Fußreise nach Italien, begegnete ich unterwegs da, wo das Karstplateau von Krain sein weites steinbesäetes, ödes Gebiet erstreckt, einem Jägersmann, in welchem ich schon nach den ersten mit ihm gewechselten Worten einen unleugbaren guten Sachsen erkannte. Erwiderte derselbe doch meinen ihm entbotenen Morgengruß zu meiner freudigsten Ueberraschung in so unverfälscht sächsisch-erzgebirgischer Mundart, daß ich keinen Augenblick zweifelte, einen rasse-reinen Abkommen meiner heimathlichen „Blechlöffelleut“ vor mit zu haben. Aber auch er, der alte gemüthliche Grünrock, hatte alsbald an meiner Aussprache

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Die Gartenlaube (1879) b 673.jpg

Eine Bärenhatze in Krain.
Original-Zeichnung von Fr. Specht.

[674] seinen wasch-echten Stammesbruder aus der Niederung herausgewittert, und äußerte, als er seine Vermuthung durch mein vergnügliches Zugeständniß bestätigt fand, in rührender Einfalt eine geradezu tolle Freude darüber. Natürlich wurden wir, wie verschieden auch an Jahren, im Fluge die besten Freunde, und ich mußte alsbald als lieber Gast in sein Haus mitkommen, das, ein paar Stunden entfernt von unserem Begrüßungsorte, in dem malerisch reizenden Inseldörfchen des Zirknitzer Sees lag.

In diesem Stück Eden der sonst so tristen Gegend lebte nämlich der wackere Alte schon seit Jahren in stiller Zurückgezogenheit als Pensionär, nachdem er, schon jung als Jägerbursche nach Böhmen gekommen, die längste Zeit seines Lebens als kaiserlich königlich österreichischer Forst- und Jagdbediensteter in Siebenbürgen, Kroatien, Ungarn und Galizien, später aber in Tirol, Steiermark und den Kärntner Alpen zugebracht. Schließlich hatte er hier, in Krain, im Kreise seiner Tochterfamilie, deren Oberhaupt ein braver eingeborener Bauer war, sein Asyl gefunden.

Bei landesüblichem Mahle, das mir zu Ehren tintendunkler Karstwein würzte, mußte ich nun dem „Großvater“ von der allezeit geliebten Heimath erzählen, und als es sich dabei herausstellte, daß ich sogar den Ort seiner Wiege, sowie dessen ganze wald- und wildreiche Umgegend, eine wahre Perle erzgebirgischer Naturschönheit, durch eigene Anschauung auf das Genaueste kannte, so wollte sein Fragen nach dem nievergessenen Daheim kein Ende nehmen. Als ich aber auch noch über manchen Veteranen aus dem Kreise seiner Jugendbekannten, die, wie er, zur „grünen Farbe“ geschworen, Auskunft zu geben vermochte, da jubelte des greisen Waidmanns jung gebliebenes Herz hoch auf vor Wonne, wobei ihm die treublickenden Augen unter den weißbuschigen Brauen schier übergingen in tiefer Erregung.

Ich versprach dem Gerührten, bei meiner Nachhausereise seine einstige traute Geburtsstätte von Neuem zu besuchen und dort seinen noch lebenden Bekannten Gruß von ihm und Nachricht über seine Vergangenheit und seinen jetzigen Wohnsitz zu bringen. Dies bewog ihn, mir etwas aus seinem in der Fremde verbrachten vielbewegten Leben zu berichten, und so lenkte er seine heimwehen Gedanken wieder mehr auf sein zweites Vaterland, das unvergleichlich schöne Oesterreich mit seiner reichen Naturherrlichkeit.

Von all den Jagdereignissen aber – und der Hauptsache nach besprach er nur solche – die er im Laufe langer Dienstzeit mit allerlei Gethier in den Wildnissen seiner innegehabten Reviere bestanden, schien ihm keines so ergötzlich und der Erinnerung werth – vielleicht nur deshalb, weil es sein jüngst erlebtes war – wie eine Bärenhatze, die auf demselben Boden, auf welchem wir uns getroffen, sich abgewickelt. Denn: hatte er auch in dem Geklüft der schneegegipfelten Karpathen, wie in den weiten, stillen Wäldern Ungarns manchen „Vetter Braun“ in echt waidgerechter Art gefällt, so versicherte er doch unverhohlen, jene regellose Bauernjagd, als welche er die nachfolgend geschilderte Begebenheit von vorn herein bezeichnete, sei für ihn doch die allerlustigste gewesen.

Es war nämlich an einem sonnig schönen Novembermorgen gewesen, dem viele Regentage mit Schneegestöber vorausgegangen; die plötzlich eingetretene günstige Witterung hatte eine Anzahl von Hirtenknaben veranlaßt, mit ihren Ziegen noch einmal zwischen das Steingetrümmer ihres Flurbereiches zu ziehen, um hier die letzten kargen Gräser von ihren Pfleglingen abweiden zu lassen. Einer dieser Hirtenknaben war nun athemlos in den nächsten Ort gekommen mit dem Angstrufe: ein großmächtiges Thier habe soeben seine kleine Heerde angegriffen und das „Schwarzel“, seine Lieblingsziege, daraus hinweggeholt.

Wie ein Lauffeuer hatte die schlimme Nachricht sich verbreitet und auch meinen Landsmann, auf den hierbei von vorn herein Aller Augen sich gerichtet, in seinem Inselsitze erreicht. Selbstverständlich hatte der bewährte Nimrod, der sofort einen Bären in dem Eindringling erkannt hatte, nicht einen Augenblick gezaudert, noch einmal die erprobte Pürschbüchse zur Hand zu nehmen und das inzwischen zusammengebrachte Aufgebot aller sonst noch streitbaren Mannen gegen den jedenfalls aus dem nahen Alpengebiete eingewechselten zottigen Räuber hinauszuführen.

Zu diesem Zwecke waren aber auch noch sämmtliche Köter, ein Gemenge von Ketten-, Fleischer- und Hühnerhunden, Dächseln, Pudeln und Spitzen, wie solche eine Landbevölkerung eben zu stellen vermag, mitgenommen worden, die nun ganz besonders der wirren, wilden Jagd das originelle Gepräge gegeben, welches meinen sonst so waidgerechten Jägersmann gerade einmal auf’s Höchlichste ergötzt hatte.

„Sehen Sie,“ erzählte der Alte, „da gehen wir nun hinter dem Jungen her von der Stelle aus, wo der Bär sich das Unglücksthier geholt hatte. Die Hunde hatte ich alle an die Leine nehmen lassen, daß sie mir den Spaß nicht verderben sollten, aber ruhig waren sie nicht zu kriegen; da konnten wir machen was wir wollten, und die Leute mußten ganz windschief gehen, wenn sie von den großen Kötern nicht umgerissen werden wollten. Dabei geriethen wir natürlich gehörig in’s Schwitzen; denn hier ist es im Spätherbst manchmal noch hübsch warm. Wie wir so eine Weile gegangen waren, wußte der Junge nicht mehr wohin. Eine Fährte war nämlich gar nicht da, weil es harter Boden war, und eine Blutspur war auch nicht zu sehen. Da wurden wir stutzig, aber ich dachte: die Ziege ist fort; geträumt kann der Junge doch auch nicht haben, und da suchen wir denn in der Gegend herum. Mit einem Male schreit Einer; der hat Blut gefunden; jedenfalls hat sich der Bär da noch einmal fest eingebissen, und von dort ging nun auch eine Blutspur weiter. Ich lasse also zwei Dächsel auslösen; die nehmen die Spur auf, und das geht hell wie die Glöckchen so ein Stückchen hin, bis wir sie nicht mehr sehen.

Nach einer Weile geben sie Standlaut – sehen Sie: haben die Teufelskerlchen richtig den Bären gefunden und gestellt. Nun war aber bei dem andern Hundevolk kein Halten mehr. Ich schrie und schrie – Gott bewahre! Ein paar Leute wurden bei der Gelegenheit auf die Erde gesetzt; die andern ließen los, und nun ging das ‚hast du nicht gesehen‘ immer einer über den andern weg. Na, ich lachte – es war gar zu possirlich; ich war nur neugierig, was daraus werden würde. Wir setzten uns Alle in Trab. Unterwegs sahen wir die Ziege liegen: der Bär hatte schon tüchtig an ihr herumgearbeitet, und wahrscheinlich hatten die Dächsel ihn gestört. Ein Stück weiter lag ein Hund; der hatte eine Ohrfeige gekriegt, daß er genug hatte. Gar nicht weit davon ließ sich endlich der Bär sehen: ein ganz gehöriger Bursche war’s. Er troddelte gemüthlich hin und hatte dabei die Köter an allen Zotten hängen. Mit einem Male dreht er sich um und schüttelt sich; da fielen sie nur so ab, wie das Wasser von einem nassen Pudel. Jetzt springt ihm einer von den Packern von vorn an – watsch! hat er eine an den Kopf, daß er auf die Seite kugelt und liegen bleibt, und nun steht der Bär und dreht sich im Kreise herum, und die Hunde, in guter Entfernung, laufen ebenso im Kreise um ihn herum. Es war, weiß Gott! wie ein Caroussel.

Das dauerte aber dem Bären endlich zu lange, und er ging gerade aus, aber da hatte er auch die Gesellschaft wieder hinter sich. Die Sache wurde ihm ungemüthlich, und er fing an zu laufen, gerade auf einen mächtigen Steinblock los – und sehen Sie: erst haut er noch ein paar mal ordentlich um sich und räkelt sich dann ganz ruhig auf den Steinblock ’nauf. Zwei Hunde hängen sich gerade noch an ihn, die schleppt er mit und schüttelt sie dann von oben ’runter.

Für die Hunde war’s zu hoch, um hinaufzukommen. Und nun sah sich das erst possirlich an: oben saß der Bär, und unten sprangen, wie besessen, die Köter, und wie Mosje Urian ein bischen verschnauft hatte, spreizte er die Beine von einander, hing den Hals herunter und fing an, ganz vergnügt mit dem Kopfe wie ein Perpendikel hin und her zu wackeln, als wie ‚Gott Herre, ihr könnt lange bellen‘. Ich hatte während dem die Leute so gestellt, daß ihm die Fluchtlinie abgeschnitten war, und ging nun ruhig daran, ihm die letzte Oelung zu geben.“

Hierbei machte mein wackerer Landsmann drastisch genug die Bewegung des Schießens.

Der Erfolg war der gewünschte gewesen, denn sowie es geknallt, da war der grimme Bursche auch im Feuer zusammengebrochen und vom Rande seiner Zinne hinabstürzt, mitten unter seine johlende Henkerschaar. Diese aber hatte den zum Todte Getroffenen sofort wie ein Höllenknäuel überdeckt und den wehrlos Verendenden in rasender Gier vollends abgewürgt. In blutdürstiger Wuth hatten hierbei die Maßlosesten sich derart in ihr Opfer verbissen, daß sie, vor Erregung vom Kinnbackenkrampf befallen, wie festgesogene Blutegel daran gehangen hatten und daß man sie mit dem Knebel hatte davon abbrechen müssen. Nur mit Mühe waren darnach die völlig außer Rand und Band [675] gekommenen Bestien wieder zu beruhigen und zum Gehorsam zu zwingen gewesen. Sowie dies aber nur einigermaßen gelungen, hatte man schleunigst in’s nächste Dorf nach einem Ochsengespann geschickt, um die seltene Trophäe nach den Ufern des Zirknitzer Sees zu schaffen, von wo sie dann mittelst Fährkahns nach Ottok, dem Dörfchen im See, übergeführt worden war. Dort endlich angelangt, hatte der Held des Tages, der greise Bärenbesieger, unter dem Jubel der ganzen Bevölkerung einen wahren Triumphzug gehalten, denn seit Menschenalter konnte man sich in der Umgegend eines solchen Jagderfolges nicht entsinnen, wenn auch das nahe Alpengebiet dergleichen niemals gänzlich ausgeschlossen gehabt.