Eine Confrontation zwischen Glückel Hameln’s Memoiren und den alten Hamburger Grabbüchern

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Autor: David Jacob Simonsen
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Titel: Eine Confrontation zwischen Glückel Hameln’s Memoiren und den alten Hamburger Grabbüchern
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aus: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, Jg. 49 (1905), Nr. 1, S. 96–106
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Erscheinungsdatum: 1905
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Kurzbeschreibung: Vergleich der in den Memoiren der Glikl bas Judah Leib genannten Namen mit Hamburger Grabbüchern in der Edition von Max Grunwald (Hamburgs deutsche Juden bis zur Auflösung der Dreigemeinden 1811. Janssen, Hamburg 1904)
Im Original gesperrte Namen wurden kursiv transkribiert. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden einige zusätzliche Absätze eingefügt. Die Anmerkungen des Originals sind nicht seitenweise, sondern fortlaufend numeriert als Endnoten wiedergegeben.
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[96] Eine Confrontation zwischen Glückel Hameln’s Memoiren und den alten Hamburger Grabbüchern.

Von D. Simonsen.

Die Totenlisten, die Dr. Grunwald in seinem jüngst erschienenen Werke: Hamburgs deutsche Juden bis zur Auflösung der Dreigemeinden 1811, nach den alten »Grabbüchern« Hamburg-Altona’s mitteilt, sind für den Historiker äusserst wertvoll. Deshalb ist es sehr zu bedauern, dass Grunwald sich aus äusseren Gründen genötigt gesehen hat, eine »Kürzung der Grabschriften« eintreten zu lassen (Vorwort S. IV). Durch die knappe Form kann eine an sich wertvolle Notiz unverständlich und somit wertlos werden, und die nicht zu vermeidenden Druckfehler schaden viel mehr, wo mit Sigeln als wo mit Worten gearbeitet wird. Man sehe z. B. unter der Familie Cohen S. 238 Nr. 511 (3681)[1]: »Lea Hendel, Fr[au des] Levi b. Levi Gottschalk b. David«. Das erste »b« ist »ben« (Sohn des), das zweite »b« wird aber »bat« bedeuten, denn Gottschalk Cohen war kaum der Sohn eines David sondern, wie nach Nr. 534 (3071) zu vermuten, Sohn eines »Jeh. Levi«; dagegen war Lea Hendel die Tochter eines sehr berühmten David, nämlich des R. David Fränkel, des Lehrers Mendelssohns, wie man bei Freudenthal, im Kaufmann-Gedenkbuch, S. 590, Anm. 3 sehen kann. Hier ist also der besonders interessirende Familienname des Vaters weggelassen. Ob das zweite Levi richtig ist, oder ob ein Schreibfehler vorliegt, weiss ich nicht bestimmt, die Grabschrift (oder die Transscription der, wohl in hebräischer Schrift vorliegenden, Notiz der Grabbücher) zeigt uns aber [97] noch einen für die sichere Ausnutzung einer grossen Anzahl von Texten sehr verhängnisvollen Transcriptionsmodus, nämlich die Widergabe des ליב‎ nicht durch »Löb« (wie nur ab und zu vorkommt), sondern durch »Levi«. Da dieser Name selbstverständlich auch לוי‎ repräsentirt, hat man nie die Gewissheit, was »Levi« bedeuten soll. Schmerzlich vermisst wird eine eigentliche Durcharbeitung der Mitteilungen, die um so nötiger wäre, als gerade die knappe Form dem Leser die Verarbeitung erschwert. Zwar wird bei den Familiennamen – oder richtiger den nach Schluss der Grabschrift oft willkürlich gewählten Stichnamen[2] – darauf verwiesen, wo dieselben Stichnamen sonst in den Listen vorkommen, und auch zum Teil darauf hingewiesen, wo einige der Namen im Texte des Buches genannt sind, aber weder wird dies mit Consequenz durchgeführt[3], noch wird (mit ganz wenigen Ausnahmen) versucht, in den verschiedenen Listen uns diejenigen Persönlichkeiten [98] vorzuführen, die uns, zum grossen Teil unter anderen Namen, wohlbekannt sind[4]. Wer denkt nicht, wenn diese Listen ihm zu Hand kommen, sofort daran, die Familienmitglieder und Bekannten Glückel Hamelns aufzusuchen? Ist doch von Grunwald selbst der erste Abschnitt seines Buches als »das Zeitalter der Glückel Hameln« bezeichnet. Die Confrontirung der Grabschriften mit den Memoiren Glückels (ed. Kaufmann) wird uns einerseits die Möglichkeit geben, die Genauigkeit der liebenswürdigen Schriftstellerin zu prüfen und wird uns andererseits die dort vorkommenden zahlreichen Persönlichkeiten gewissermassen näher bringen, indem wir neue Daten für sie in den Grabschriften finden. Ohne eine Vollständigkeit anzustreben, [99] werde ich es versuchen, die hieher gehörigen auszufinden und zu sammeln.

Leicht findet man S. 256 unter dem Stichnamen Hameln: 1. Glückels Gatten Nr. 1545 (870): Chajjim b. Joseph, gestorben 24. Tebeth 5449[5] – genau mit den »Memoiren« S. 200 übereinstimmend. Dann 2. Nr. 1547 (1221) den Sohn: Juda Levi (d. h. Löb) b. Chajjim, 17. Tammus 5461, und wir vergegenwärtigen uns dabei die Klage Glückels (Memoiren S. 308), dass der geliebte Sohn »noch kein ך״ח שנים‎‎ (28 Jahre) alt« sterben musste – nachdem die Mutter schon nach Metz gezogen war. Und 3. finden wir hier noch Nr. 1548 (1349) den Sohn Mordechai als am 12. Kislew 5470 gestorben. –

Glückels Vater ist uns bis jetzt nur als Löb Pinkerle bekannt. Ein Stichname Pinkerle existirt nicht in unseren Listen. Wir finden aber unseren Mann S. 283 unter dem Stichnamen Natan Nr. 3118 (858) als den Vorsteher Joseph Juda [bekanntlich = Löb] gestorben 24. Tebeth 430. Der Todestag ist hier richtig angegeben, wie wir durch Vergleichung mit Memoiren S. 168 sehen können (und es ist nur zu verwundern, dass Glückel nicht berührt, dass Vater und Gatte an demselben Jahrestage gestorben sind). Im Todesjahre ist wohl ein Druckfehler, da es nicht mit dem 5433 resp. 5434 stimmt, das wir aus den Memoiren S. 198 und S. 308 ausrechnen können. –

Glückels Mutter war uns bis jetzt vorgestellt als Bella Pinkerle, geboren Nathan Mehlreich. Wir finden Sie S. 299 unter dem Stichnamen Stade[6] Nr. 4046 (1273) als Bella, Frau des Levi [d. h. Löb] geb. Nathan Ellrich, gest. 26. Ab 5464. Wir lernen hieraus einerseits, dass Löb Pinkerle [100] (resp. einer seiner Vorfahren) eine Zeit lang in Stade[7] gelebt hat; Glückel hat wahrscheinlich davon erzählt, aber gerade das betreffende Blatt (Memoiren S. 24) ist verloren gegangen. Wir lernen aber ferner, dass מעלרײך‎ (Memoiren S. 29) oder, wie Memoiren S. 30 richtiger steht מעלריך‎, nicht Mehlreich zu umschreiben ist, sondern mit hebräischer Präposition »aus Ellrich« zu verstehen ist[8]. Dann begreifen wir jetzt, dass Glückel nichts vom Todeslager ihrer Mutter uns erzählt, – die alte Frau lebte eben noch, als Glückel nach Metz zog. Der Name Me-Ellrich kommt noch in der ganz verdorbenen Form Melzer vor. Unter diesem Stichnamen finden wir S. 279 Nr. 2915 (1089), dass Mate, Frau des Natan, geb. Jacob, am 14. Tammus 5416 gestorben ist. Die erwähnte fromme Frau ist Glückels alte Grossmutter Mate, welche (s. Memoiren S. 36–8) über der Pflege der – wegen der Kosakenverfolgungen – nach Altona geflohenen »Wilnaer« gestorben ist (vgl. Grunwald, Portugiesengräber S. 23 und S. 53, woselbst für 1646 zu lesen ist: 1656). Neben Glückels oben erwähnter Mutter, Bella, hatte sie noch eine mit der Memoirenverfasserin gleichnamige Tochter, die mit Jacob Rée verheiratet war. Da hier ein wirklicher Familienname vorhanden ist, finden wir sie sogleich S. 289 Nr. 3517 (922): Glücklein, Frau des Jacob Rée, geb. Natan Melrich, gestorben 13. Ijar 5433. Grunwald hat also hier weder das falsche Mehlreich noch das richtige Me-Ellrich, sondern ein Zwischending. Die dankenswerten Verweisungen Grunwalds lassen jedem leicht eine Anzahl der Kinder des Ehepaares Rée auffinden; später kommen [101] wir auf einzelne von ihnen zurück. –

Schwierig ist es, den Bruder Glückels Wolf (Memoiren S. 169) aufzufinden. Er steht S. 287 Nr. 3402 (404) unter dem Stichnamen Phipil – Grunwald vermutet dafür: Philipp – als Benjamin, das mit Wolf bekanntlich gleichbedeutend ist, gest. 5. Nisan 5499. Man würde ihn gewiss nicht auffinden können, wenn nicht gleich darauf als Nr. 3403 (1292) seine Frau unter dem Stichnamen Phiplis – Grunwald wieder vermutungsweise Philipp – stehen würde: Edel, Frau des Wolf, geb. Jacob Lichtenstadt. Jacob Lichtenstadt ist uns aber aus der eben citirten Stelle der Memoiren als Schwiegervater des Wolf »Pinkerle« bekannt. Unter jenem Stichnamen verbirgt sich wohl ein Pheiwel oder Pheiweles, jedenfalls ist das Wort (das mir, ebenso wie Pinkerle, nach Österreich zu weisen scheint) als Beiname von Glückels Vater gesichert, indem wir Glückels Schwester Mate auffinden. Verheiratet war sie mit Elia Ries aus Berlin[9]. Aus Glückels Memoiren geht hervor, wenn es auch nicht, so viel ich sehe, ausdrücklich gesagt ist, dass das Ehepaar Ries aus Berlin nach Hamburg (resp. Altona) gezogen ist. Wir können also erwarten, beide in unseren Listen zu finden, und unsere Mate findet sich zwar nicht unter Ries, sondern unter dem andern Namen der Familie des Mannes, nämlich Wiener S. 305 Nr. 4393 (1375): Martha, Frau des Elia geb. Juda Levi [d. h. Löb] Philipps, gest. 19. Kislew 5474. Resumieren wir also: wir wissen jetzt, dass Löb Pinkerle offiziell Josef Juda Nathan [Vatersname?] geheissen hat, dass er oder frühere Generationen seiner Familie in Stade gewohnt, und dass vermutlich ein älterer Pheiwel der Familie seinen Namen zu Erbe gegeben hat. –

Den Ehegatten unserer Mate-Martha finden wir – fast möchte ich [102] sagen: selbstverständlich – weder unter Ries noch unter Wiener, sondern unter dem Stichnamen Model S. 281 Nr. 3023 (1377): Elia ha-Levi (»Dajjan«, das dem Vater Model gehört, irrtümlich aus Wittkower, Aguddat Perachim S. 302 übernommen; berichtigt von Duckasz in den Nachträgen S. 335). –

Glückels andere Schwester Elkele und deren Mann Joseph Segal kann ich in dieser Liste nicht auffinden. Dagegen finden wir die Schwester Rebekka, die mit einem Brudersohn von Chajjim Hameln verheiratet war (Memoiren S. 170), unter dem Namen des Mannes: Bonn. S. 234 steht er als Nr. 312 (391): Samuel Jehuda Levi [d. h. Löb] Prediger [?], gestorben 24. Tammus 5482, und Nr. 313 (405): Ribka, Frau des Samuel, geb. Jehuda Levi [Löb] Stade, gest. 29. Nisan [Jahreszahl defect]. In der Stammliste des Simon von Geldern (bei Kaufmann: aus Heinrich Heines Ahnensaal, S. 298) heisst es, dass Samuel, Sohn des Löb Bonn, mit Rebekka, Tochter des Joseph Stadthagen verheiratet war; die Grabschrift zeigt jetzt, dass Glückel das richtige hat. –

Ihr getreues Gedächtnis zeigt sich auch bei Personen und für Zeiten, die ihr viel weniger bekannt sein konnten, wenn wir ihre Aufzeichnungen mit den Daten der Grabschriften vergleichen. Ich habe mir für hier ein Mitglied der älteren Generation aufgehoben, um Rückverweisungen zu ersparen. Glückels Mutter Bella hatte, ausser der obengenannten Schwester, noch eine andere Namens אולק‎, die mit Elia Cohen, Sohn des angesehenen Rabbiners David Hanau verheiratet war (Memoiren S. 31). Wir finden sie unter dem Stichnamen Cohen S. 236 Nr. 420 (875) Olik, Frau, Witwe des Elia, geb. Nathan als am 16. Ijar 5452 gestorben. Glückel erzählt uns von dem – recht unschuldigen Neid, den der junge Elia, dem sonst alles gelang, gegen seinen Schwager, Glückels Vater, hegte, weil dieser Vorsteher der kleinen Gemeinde war, und berichtet uns, wie dann ein jäher Tod den Hoffnungen und Erwartungen des Elia Cohen ein trauriges Ende setzte. Er starb fast 40 [103] Jahre vor seiner Frau (die wol deshalb ausnahmsweise mit der Benennung »Wittwe« versehen ist) am 24. Ijar 5413, wie wir aus den Grabschriften S. 436 Nr. 415 (918) ersehen. Dabei erzählt uns Glückel, wie überhaupt zu jener Zeit Streitigkeiten in der Gemeinde herrschten, und wie dann, zu allgemeiner Trauer, schwere Todesfälle eintrafen. Zuerst starb (Memoiren 32) der frühere Vorsteher Pheiwelmann. Die Grabschriften stimmen zu (und hier erleichtert Grunwalds Zusammenstellung von den zu jedem Jahre gehörigen Nummern das Auffinden) S. 260 Nr. 1802 (955) Philip Josua b. Jacob Heilbutt (Vorsteher), stirbt am 21. Adar II 5413. Dann nennt sie als gleich darauf verstorben den ebenfalls früheren Vorsteher, den reichsten Mann der Gemeinde, Chajjim Fürst. Er steht nicht unter seinem berühmten Familiennamen, sondern S. 293 unter dem Stichnamen Ruben Nr. 3743 (855): Chajjim (Vorsteher) gest. 29. Adar II 5413. Dann wurde (Memoiren ebendaselbst) der Synagogendiener Abraham abgerufen, wie er sagte »damit er vor dem himmlischen Gerichtshof Zeugnis ablege« (wer die Streitigkeiten angefacht?). Für den treuen Gemeindediener legt ausser Glückels Mitteilung keine Inschrift Zeugnis ab. Dann starb noch ein junger Mann, der gelehrte Salomon, Sohn des genannten Chajjim Fürst. Wir finden ihn unter dem Stichnamen Chajjim S. 236 Nr. 401 (856) als am 2. Nissan 5413 gestorben. Glückel misstraut selbst ihrem Gedächtnis und sagt (Memoiren S. 33), dass noch andere zu jener Zeit starben »was mir ist vergessen«. Die Grabschriften zeigen, so viel wir daraus urteilen können, dass sie, obgleich zur Zeit jenes traurigen Sterbens noch ein kleines Kind gar nichts vergessen hat. Aus dem Jahre 5413[WS 1] ist in unseren Listen nämlich weiter kein einschlägiger Sterbefall verzeichnet. –

Grunwald macht selbst (S. 298) darauf aufmerksam, dass der am 4. Kislev 5407 verstorbene Vorsteher Nathan b. Moses Spanier (Chajjim Hamels Grossvater) uns aus den Memoiren – referirt in seinem Text [104] S. 4 – bekannt ist. Seine Tochter Esther, die Glückel (Memoiren S. 30) rühmend nennt, findet sich S. 276 Nr. 2730 (1137) gest. 3. Adar 5443. Sie war mit Juda Löb aus Hildesheim, der, wie Grunwald uns mitteilt, der Familie Mose angehörte, verheiratet. Unter diesem Familiennamen – Moscheh – finden wir nun den Ehegatten jener Esther S. 281 Nr. 3046 (1136) als Juda Levi [d. h. Löb] b. Jacob gest. 23. Adar II 423. –

Unter den bedeutendsten Männern, die Glückel durch Verschwägerung verwandt waren, ist der Schwiegersohn des Juda Löb und der Esther, der Mäcen Elia Ballin zu nennen. Er steht unter dem Stichnamen Josef S. 266, Nr. 2153 (1108) als Elia b. Moses, gest. 15. Adar 5440. Bei Simon von Geldern in der obengenannten Familienliste heisst er Elia Gas. Grunwald, S. 117, irrt wohl also, wenn er nach der Vorrede eines, mir im Augenblicke nicht vorliegenden, Buches Elia Gas von Elia b. Moses Josef Ballin trennt. Die Frau des Elias (Memoiren S. 30) können wir leicht finden, denn sie ist unter dem Namen Ballin aufgeführt S. 231 Nr. 156 (1109) Süsse, Frau des Elia, geb. Jehuda Löw, gest. 19. Schebat 5463[10].

Eine längere Schilderung widmet Glückel (Memoiren S. 257 ff) den Lebensschicksalen des Vorstehers Bär Cohen. Kaufmann hat das Bild mit solcher Meisterschaft ausgeführt (diese Monatschrift 1896, S. 220 ff), dass ich die Geschichte [105] des Gelübdes, das Bär seiner sterbenden Frau gegenüber hat ablegen müssen, seine spätere Weigerung, das Versprechen einzuhalten und seine folgenden Heiraten nicht zu erzählen brauche; nur einige der von Glückel genannten Persönlichkeiten, deren Grabschriften Kaufmann noch nicht verwerten konnte, mögen hier aufgeführt werden. Dabei ergeben sich auch einige Berichtigungen zu Kaufmanns Daten. Wir finden also jetzt bei Grunwald S. 236 unter dem Stichnamen Cohen Nr. 423 (882), dass Betti (Glückel nennt sie בילא‎) Frau des Beer, Tochter des Jacob Rée, am 3. Ab 5456 gestorben ist (1687 bei Kaufmann l. c. S. 221 unrichtig). Als Zeugen bei dem Gelübde waren gegenwärtig Glückels Schwager Joseph Segal (S. oben. Kaufmann l. c. nennt ihn Joseph Hameln; mit Recht?) und der gelehrte Dajjan Samuel Orgeles. Das Versprechen ging bekanntlich darauf aus, dass Bär, wenn er verwittwet sein würde, seine Pflegetochter Glückchen heiraten sollte. Diese Waise war zwiefach die Nichte des Ehepaares Cohen. Ihr Vater war Philip Cohen gewesen, ihre Mutter Reize, Tochter des Jacob Rée, gestorben 12. Elul 5453 (S. 236 Nr. 421). Für die Erfüllung des Versprechens traten, nach Glückels Bericht, ein: Anschel, seine Frau Mate, die Glückchen Cohens »Mühmle« war, und dessen Bruder, also Glückchens Onkel, Ruben Rothschild[11]. Die Grabschriften zeigen uns jetzt, hiermit übereinstimmend, dass Martha, Frau des Ascher Anschel Wimpfen (S. 306 Nr. 4462–63), eine Tochter war von Juda Rothschild (auch Bacharach genannt[12]) und dessen [106] Frau Elkel, geb. Jacob Rée (S. 292 Nr. 3715–16). Nachdem das Gelübde gelöst war, heiratete Bär Cohen eine Tochter des Gelehrten David Schiff, die ihm einen Sohn – Juda Seligmann – gebar, aber bald darauf nach kurzer Krankheit starb. Wir kennen jetzt ihren Namen: Rösel und ihren frühen Todestag 16. Ijar 5459 (S. 236 Nr. 426). Kurz vor der Geburt ihres Kindes war der, nicht ganz standhafte, Anwalt des vernachlässigten Glückchens, der hoch angesehene Anschel (Wimpfen) zur Trauer der ganzen Gemeinde durch einen »hastigen Tod« abberufen worden. Er starb in der Tat schon den 27. Tammus 5457. Und um das Mass des Schreckens in der Gemeinde voll zu machen, so starb auch Samuel Orgeles, der Bär Cohen bei Lösung des Gelübdes behülflich gewesen war, kurz nach dem Tode der Rösel Cohen, ebenfalls plötzlich, in der Sabbatnacht R. Ch. Adar 5460[13]. Wie es Bär Cohen, seiner Familie und seinem Lehrhause weiter gegangen ist, möge man bei Kaufmann nachlesen[14]. Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, wie die Grabschriften und Glückels Memoiren sich gegenseitig aufklären. Und an ein altes Talmudwort mich anlehnend, könnte ich sagen, dass, wenn die von Grunwald bekannt gemachten Totenlisten uns gar nicht anderes gebracht hätten – in der Tat bringen sie aber viel anderes – als uns Glückel Hamelns Memoiren von neuem als zuverlässige Geschichtsquelle kennen zu lernen, wir hätten schon Grund genug für die wertvolle Veröffentlichung dankbar zu sein.

Anmerkungen

  1. Die erste Zahl ist Grunwalds laufende Nummer, die zweite (von mir in Parenthese gestellt) ist die Originalnummer in den Grabbüchern.
  2. Neben wirklichen Familiennamen kommen als Stichnamen noch vor: Stadtnamen, Vatersnamen, grossväterliche Namen oder gar die »jüdische« Umsetzung des hebräischen Namens. S. z. B. Nr. 2730 Juda unter dem Stichnamen Löb, Nr. 1316 Mordechai unter Gumpel, Nr. 4121 David unter Tebele. Leider ist nirgends zu ersehen, wo Grunwald einfach den Grabbüchern folgt, und wo er selbst ordnet oder kürzt. Manchmal ist er gewiss nur in zweiter Linie verantwortlich. Mehrere Verbesserungen, die von Grunwald herrühren, erwähne ich ausdrücklich.
  3. Z. B. wird bei dem genannten Gottschalk Löb Cohen nicht darauf hingewiesen, dass er S. 96 ff. oft vorkommt. Dagegen steht bei seinem Sohne (Nr. 596) Jehuda Jacob Levi b. Gottschalk noch (»? s. S. 98«). Hier ist wohl (S. 94) zu lesen, wie überhaupt – leicht begreiflich durch die Entfernung des Herausgebers vom Druckort – viele Fehler in den Citatenzahlen vorkommen. Im Texte wird unser Gottschalk durchgängig, hier gewiss nach Vorgang der Aktenstücke, Gottschalk Levi genannt (nur S. 94 unten bei Nennung seines Sohnes: Levin). Dem nicht besonders Eingeweihten ist es kaum möglich zu erraten, dass Grunwalds Gottschalk Levi identisch ist mit dem in anderen Quellen vorkommenden Gottschalk Cohen. Die Grabschriften benehmen jetzt jeden Zweifel an der Identificirung.
  4. Ein Beispiel: In Jacob Emdens Autobiographie (מגלת ספר‎ ed. D. Cohen) wird oft der angesehene יואל שוא‎ genannt. Grunwald nennt ihn S. 80 in seiner Widergabe von Emdens Mitteilungen: Joel Schwa (Kaufmann, diese Monatsschrift 1897, S. 426, hat schon das richtige: Schuh). In den Steuerlisten S. 190, Nr. 736, vergl. auch S. 191, Nr. 1 und S. 203, Nr. 901, heisst unser Mann Joël Salomon. In der Aufstellung der Familiennamen S. 227 finden wir Schuh richtig aufgenommen, dabei aber irrtümlich gefragt, ob vielleicht Abkürzung von »Schulhof« oder »Schüttershofen [!]« Jetzt finden wir endlich S. 296 Nr. 3932 (3110) unter dem Stichnamen Schuh: Joël b. Salomon (aus Frankfurt a. M.). Es ist jetzt möglich Joël Salomon zu identificiren und sein Name ist leicht zu erklären. Schuh war das Namensschild eines Hauses der Frankfurter Judengasse und daher Stammname. In Frankfurt sprach man nach oberdeutscher Art Schuch, wie in der alten Juden-Stättigkeit vorkommt; hebräisch transcribierte man שוך‎. Der Vater unseres Joël ist vielleicht der in den Frankfurter Grabschriften, ed. Horovitz, Nr. 1767 vorkommende שלמה שוך‎, gest. 1721. (Der Name שוך‎ ist übrigens auch von Horovitz oft verkannt worden). Wir finden sogar diese Frankfurter Aussprache einmal in den Hamburger Grabschriften bewahrt; S. 299, Nr. 4067 (3170) wäre der Vater der Sara Stern nicht Joël Schich zu nennen, sondern Joël Schuch. Nr. 2011 heisst er Jokel, Nr. 3306 Schul. Bei diesem oft genannten Manne lassen sich die Fäden entwirren, bei weniger bekannten, die ja für Familiengeschichte ebenso interessant sein können, wird es schwieriger fallen.
  5. Der Lesbarkeit wegen löse ich einige Abkürzungen auf und setze das Wort »gestorben« u. a. ein; »beerdigt« wäre vielleicht manchmal genauer.
  6. Regel ist, dass Frauen unter dem für den Mann, aus der Grabschrift der Frau, gefundenen Stichnamen aufgeführt werden.
  7. Stade war im allgemeinen den Juden verschlossen; s. Schudt jüdische Merkwürdigkeiten I S. 368. Einen jüdischen Arzt in Stade erwähnt Grunwald S. 7.
  8. Wie in dem von Kaufmann erklärten מזיא‎: aus See. S. 242, Nr. 786 kommt ein Menachem Ellrich vor, der S. 16 Nr. 40 M. aus E. heisst. Ellrich bei Nordhausen ist eine alte Gemeinde; im Jahre 1349 wurden auch dort Juden gemordet.
  9. In Kaufmanns Register zu den oft genannten Memoiren ist hier ein kleiner Fehler. Bei dem Namen Mate Hameln ist auch S. 169 aufgeführt. Die dort genannte Mate ist aber unsere Mate Pinkerle, verheir. Ries.
  10. Hier noch einige Vermutungen: Ungefähr gleichzeitig mit ihrem Gatten hat Glückel Hamel’s Grossmutter Mate einen Sohn Mordechai nebst Frau und einigen Kindern in der Pestzeit verloren. Sollte die Epidemie 5399 = 1638 gemeint sein, und der Sohn identisch sein mit Mordechai Elieser, Vorsänger, genannt S. 242 Nr. 761 (1023)? Eine Frau Simcha Mordechai starb drei Tage nachher, am 6. Marcheschwan 5399, wie wir S. 281 Nr. 3036 (1022) lesen. Glückels Vater war zuerst mit einer Wittwe, Reize, verheiratet. Sollte es die S. 267 Nr. 2213 (853) genannte »Frau Reizche«, geborene Isak, gestorben 8. Elul 5400 sein? Der Stichname Isak unter dem sie steht, scheint hier nach dem Familiennamen der Frau genommen zu sein, indem der Name des Mannes in den Grabbüchern wohl nicht genannt ist.
  11. Kaufmann scheint l. c. zu vergessen, was er in den Berichtigungen zu den Memoiren S. LXXI selbst richtig gestellt hat.
  12. Über die Namen Rothschild und Bacharach siehe noch Löwensteins Blätter für jüdische Geschichte und Litteratur IV (1903) S. 58. Glückel nennt (Memoiren S. 38) R. Juda und R. Anschel als Zeugen die bei der letzten Bitte ihrer verstorbenen Grossmutter anwesend waren. Es werden wohl Juda Rothschild und Anschel Wimpfen sein, die, wie aus dem vorhergehenden zu ersehen, mit der alten Frau nahe verwandt waren.
  13. Grunwald hat S. 266 Nr. 2156 (1232) als Todesdatum »1ste J. 460« aus Wittkower l. c. S. 301 (cit. von Grunwald) geht hervor, dass 1. Adar zu lesen ist. Woher stammt die ganz unrichtige Grabschrift bei Wolf Bibl Hebr. I S. 1102? vergl. Steinschneider Cat. Bodl. S. 2430, Nr. 7040.
  14. Hier sei nur bemerkt, dass der bei Grunwald S. 189–90, als vom Jahre 1716 herrührende, veröffentlichte Steueraufsatz von viel späterem Datum sein muss. Von Berend Salomon = Bär Cohen wird nämlich als von einem verstorbenen gesprochen, und er lebte bis 1728. Die Liste muss andererseits vor 1739 abgefasst sein, da Bärs Sohn Juspa noch als lebend erwähnt wird.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: 4413