Eine Dichterkrönung in Spanien

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Autor: Johannes Fastenrath
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Titel: Eine Dichterkrönung in Spanien
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 406
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine Dichterkrönung in Spanien.

Seit einigen Monaten ist die spanische Dichterwelt in freudigster Erregung: das Wunderschloß maurischer Kunst mit den Mauern von Filigran, mit den Marmorsäulen, den Orangen und Myrthen, die Alhambra von Granada, auf der seit Jahrhunderten der Zauber der Romantik ruht, soll in den Junitagen dieses Jahres einen neuen, mächtigen Reiz erhalten; in ihren goldstrahlenden Gemächern soll das schönste Fest der Poesie, eine Dichterkrönung, gefeiert werden; der Darro, der den Fuß des Hügels bespült, auf dem das Maurenschloß sich erhebt, soll das Gold zu der Krone geben, mit der die Königin-Regentin von Spanien den Dichter José Zorrilla auf dem Schauplatz seiner herrlichsten Dichtung, Granada, krönen wird.

Gleich Hellas und dem alten Rom haben Italien, Deutschland und Spanien ihre Dichterkrönungen gehabt; aber während dieselben in Italien und Deutschland vom 14. bis zum 17. Jahrhundert stattfanden, hat das Vaterland des Calderon und des Cervantes, wo die Poesie im Drama, im Roman und in der Lyrik den Gipfel der Vollendung erreichte, erst um die Mitte dieses Jahrhunderts das seltene Fest einer Dichterkrönung gesehen.

Großer Glanz wurde in Rom bei der Krönung des Petrarca entfaltet; es war am Ostertag des Jahres 1341, als der Einsiedler von Vaucluse in einer reichverzierten Tunica, einem Geschenk des Königs von Neapel, die goldene Leier in der Hand, in einem Triumphwagen, umgeben von Musikern, begleitet von Prälaten, Senatoren und einer ungeheuren Menge, durch die Straßen Roms dahinzog. Zwölf Edelknaben schritten ihm voran, welche Verse von ihm vortrugen. Auf dem Capitol angelangt, setzte der Graf Anguillara mit den Worten: „Die Krone ist der Lohn des Verdienstes“ dem Troubadour der Liebe drei Kronen aufs Haupt, eine von Epheu als dem Dichter, eine von Lorbeer als dem Sieger, eine von Myrthen als dem Treuliebenden. Dann begab sich der Zug in die Peterskirche, und Petrarca weihte seine Kronen dem Herrn.

Der Dichter des „Rasenden Roland“, Ariost, wurde 1532, ein Jahr vor seinem Tode, in Mantua von Kaiser Karl V. gekrönt. Der unglückliche Dichter des „Befreiten Jerusalem“ aber sollte seine Dichterkrönung auf dem Capitol, mit der die beiden Kardinäle Aldobrandini vom Papst Clemens VIII. betraut waren, nicht erleben: am 15. April 1595, dem für das Fest bestimmten Tage, starb Tasso, und die Krone schmückte nur einen Todten.

Der jugendlich feurige Ulrich von Hutten wurde in Augsburg 1517 von Kaiser Maximilian durch eine Dichterkrönung geehrt. Als aber derselbe Kaiser sich des alleinigen Rechtes, einen Dichter zu krönen, begab, da verlor die Auszeichnung an Bedeutung und mancher geringere Geist hat sie sich in der Folge durch bescheidene Verdienste errungen. Goethe, der während seines Aufenthalts in Rom dort feierlich gekrönt werden sollte, lehnte die Ehre ab.

In Spanien ist der Gedanke, einem Dichter im Namen seines Volkes als Tribut der Bewunderung den geweihten Lorbeer Apollos zu spenden, von Journalisten ausgegangen. Ein angesehener Redakteur, der Direktor der Madrider „Iberia“, Pedro Calvo Asensio, wies zuerst darauf hin, daß der greise Manuel José Quintana, der Dichter von Oden voll erhabener Kraft, eine feierliche Dichterkrönung verdiene. Sein Vorschlag fand sofort in der spanischen Presse und unter den Dichtern Anklang, und die Königin Isabella, deren Lehrer Quintana war, ließ es sich nicht nehmen, die Nationalsammlung, durch welche die goldene Krone beschafft werden sollte, mit einer ansehnlichen Summe zu eröffnen. Am 25. März 1855 fand die Krönung Quintanas durch die Königin im Senatspalaste von Madrid in Gegenwart der Behörden und der litterarischen und wissenschaftlichen Vereine statt. Den Dichter, der damals 83 Jahre zählte, ehrte die Feier, aber dem Volke wurde kein Antheil an diesem Feste gegönnt. Es war mehr das Fest einer Partei als der ganzen Nation und trug nur ein officielles Gepräge.

In Granada aber, der Stadt der tausend phantastischen Legenden, wurde der wahrhaft poetische Gedanke geboren, José Zorrilla, dem Dichter, der in Spanien das glänzende Zeitalter einer hohen idealistischen Poesie mit seinem Namen schließt, in dem märchenhaften Maurenschlosse der Alhambra durch eine großartige Feier an seinem Lebensabend zu huldigen und der Welt den Beweis zu liefern, daß im spanischen Volke noch heute das Gefühl für das Schöne glüht und die Verehrung geistiger Größe lebt. Es war der Redakteur des „Defensor de Granada“, der Vicepräsident des granadinischen Liceo artistico y literario[1], Luis Seco de Lucena, welcher den Gedanken zuerst ausgesprochen hat, und seiner Thatkraft vor allem ist es zuzuschreiben, wenn alle Hindernisse überwunden wurden, die sich der Verwirklichung dieser Idee entgegenstellten. Das Liceo von Granada, mit dem die stolzesten Namen der spanischen Litteratur dieses Jahrhunderts verknüpft sind, machte den Gedanken des Luis Seco de Lucena zu dem seinigen; der Präsident des Liceo, Graf de las Infantas, Nachkomme jenes berühmten Hernando de Pulgar, von dessen Thaten bei der Eroberung von Granada durch die Spanier der Romanzenschatz berichtet, trat dafür mit dem vollen Gewicht seines Ansehens ein.

Am 28. Januar 1889 gingen die Granadiner ans Werk; das Liceo versicherte sich der Mitwirkung der angesehensten Persönlichkeiten Spaniens in Litteratur und Politik, der Defensor de Granada veröffentlichte die zustimmenden Briefe der hervorragenden Geister; eine nach Madrid gesandte Abordnung des Liceo gewann die Königin und die Minister für die Sache, die auch bei fast allen Ayuntamientos der spanischen Hauptstädte die gewünschte materielle Unterstützung fand, und der Dichter selbst, der durch ein Schreiben des Grafen de las Infantas vom 28. Januar von dem Plan des Liceo in Kenntniß gesetzt worden war, sagte in seiner Antwort vom 6. Februar, daß er sich dieser ungewöhnlichen Huldigung, die er als eine verdiente nicht annehmen könne, dennoch unterwerfe.

Eine Ehrengarde von spanischen Dichtern und vielleicht auch von Dichtern des Auslandes wird Zorrilla umgeben, wenn ihn die Königin-Regentin in der Alhambra krönt; dann werden die Schöpfungen seiner Dichterphantasie und die Helden seiner Lieder Leben gewinnen und freudig zu ihrem Sänger eilen, und an der Verherrlichung des spanischen Genius werden alle theilnehmen, die Granada besungen, von Edin Alkatib bis Irving, Byron, Chateaubriand und Auffenberg.

Zorrilla ist der volksthümlichste aller spanischen Dichter dieses Jahrhunderts, er ist der Dichter der Sage und der Religion, des Glaubens und des Aberglaubens. Er hat sich begeistert in den Ruinen der Vergangenheit, in den verfallenen gothischen Domen, in den Trümmern der Klöster, der Paläste, der Thore und Mauern in den Städten von Castilien und hat wieder heraufbeschworen Könige, Ritter, Inquisitoren, Mönche, Nonnen und Troubadoure. Die Einbildungskraft ist mächtiger in ihm als das Gefühl, seine Mannigfaltigkeit größer als seine Tiefe, er ist mehr Künstler als Denker, die Handlung wird bei ihm von der Beschreibung überwuchert. Seine Romanzen voll pomphafter Schilderung, seine Troubadourgesänge sind in unendlichen Wohllaut getaucht, sie klingen dem spanischen Ohr wie liebliche Musik. Sie sind unvergängliche Seiten in der poetischen Bibel der spanischen Nation, dem Romancero, und haben in einer traurigen Gegenwart den Spaniern Trost gespendet. Sein „Don Juan Tenorio“, der seit mehr als 40 Jahren die spanische Bühne beherrscht, indem er am Allerseelentage auf allen spanischen Theatern aufgeführt wird, ist der ausgeprägteste Typus des spanischen Volkes. Wenn Zorrilla selbst in der prosaischen Landschaft von Altcastilien zum glänzenden Dichter wurde, was mußte er wohl werden, als er den Zauber Andalusiens empfand, die paradiesischen Gärten des Darro und Genil und die Wunder der arabischen Kultur schaute! Voll von den paradiesischen Eindrücken brachte er dieselben in den Jahren 1849 und 1852 auf französischem Boden in seinem epischen Gedicht „Granada“ zu poetischer Darstellung, doch ist das Werk eigenthümlicherweise bis jetzt nur in der in Frankreich veranstalteten Ausgabe vorhanden. Zorrilla singt wie der Vogel singt, selbst die Rede, die er 1885 bei seinem Eintritt in die spanische Akademie hielt, war, was sonst nicht üblich ist, statt der Prosa ein Poem. Wenn er im Ateneo von Madrid mit seiner harmonischen Stimme seine klangvollen Strophen vorträgt, jauchzt ihm alles zu, obgleich das Zeitalter seiner romantischen Poesien schon entschwunden ist und jetzt kein Spanier mehr solche Romanzen dichten würde wie er.

Geboren am 21. Februar 1817 zu Valladolid, genoß er von 1827 bis 1832 den Unterricht in der Madrider Schule der Adeligen und stellte schon als Kind die Degen- und Mantelstücke Calderons und Lopes dar. Um Rechtswissenschaft zu studieren, bezog er die Universität Toledo; aber der junge Romantiker, ein blasser Jüngling mit wallendem Haar, sagte sich bald von der väterlichen Leitung los und ward, was das Schicksal ihn hieß, ein Dichter. Sein Leben ist reich an Abenteuern und Unglücksfällen; von 1855 bis 1866 verweilte er im spanischen Amerika, bald in der Einsamkeit indianischer Hütten, bald als Gast im Palaste seines Gönners, des Kaisers Max, dem er als dem „Märtyrer von Queretaro“ ein schönes litterarisches Denkmal setzte. Bei seiner Rückkehr nach Spanien wurde er hochgefeiert, aber der Dichter, dessen Werke die Verleger reich gemacht hatten, lebte jahrelang in drückender Armuth, bis spanische Edelfrauen durch ein jährliches Ehrengeschenk die nagende Sorge von ihm nahmen und die Cortes ihm endlich ein Jahrgehalt auswarfen.

Spanien hat noch andere bedeutende Dichter außer ihm; aber wenn man nach dem fragt, der der spanischen Poesie und dem ritterlichen Wesen des spanischen Volkes den vollendetsten Ausdruck gegeben und der am meisten und mit der wärmsten Begeisterung Spaniens Sagen und Legenden verherrlicht hat, so giebt es bei allen Spaniern nur eine Antwort: Zorrilla! Johannes Fastenrath.



  1. Der Verfasser dieses Artikels ist durch ein ehrenvolles Schreiben des Präsidenten des Liceo zur Mitwirkung bei der Dichterkrönung eingeladen und zum Vertreter des Licco in Deutschland ernannt worden.