Eine Erinnerung aus den dreißiger Jahren

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Autor: unbekannt
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Titel: Eine Erinnerung aus den dreißiger Jahren
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine Erinnerung aus den dreißiger Jahren.

Mit dem Jahre 1830 wurde die alte Ruhe der Welt zu Grabe getragen. Auf die Juli-Revolution folgte die belgische, dann die polnische Erhebung, beide die Trennung aus den unnatürlichen Banden erstrebend, in welche die Diplomatie sie geschmiedet hatten. Während Belgien, durch das Bürgerkönigthum unterstützt, seinen Zweck erreichte und unter dem gewählten Könige zu einem wahren Musterstaate sich ausbildete, unterlag das unglückliche Polen, von Europa verlassen, seinen Erbfeinden, denn die Regierungen von Oesterreich und Preußen, auf altes Unrecht neues häufend, halfen das unglückliche Land wieder in die alten Fesseln schlagen und überlieferten es der Rache seines Feindes. Diese Schuld trifft aber nur die Cabinete – die öffentliche Meinung hielt es mit dem verfolgten Rechte, und die polnischen Flüchtlinge, welche so glücklich waren, der russischen Rache zu entrinnen, wurden von dem deutschen Bürger überall mit offenen Armen aufgenommen.

Das bisher so stille und ruhige Deutschland wurde durch alle diese Begebenheiten nicht wenig aufgeregt: der deutsche Michel erinnerte sich wieder lebhaft, daß noch nicht alle Versprechungen erfüllt seien, welche ihm feierlich geleistet waren, und es gährte heftig vom Fuße der Alpen bis zu den Dünen der Nordsee, so daß Polizei und Bureaukratie gewaltig beschäftigt waren, einen Ausbruch zu verhüten und die aufgeregten Gemüther nach und nach wieder zu beruhigen. Aber während äußere Ruhe nach und nach wiederkehrte und die Streitpunkte nur noch auf den Rednerbühnen der deutschen Ständekammern, wo solche bestanden, und in den Spalten der liberalen Presse, soweit die Censur dies gestattete, erörtert wurden, gährte es unter der Oberfläche desto heftiger fort, und die neuen Ideen waren tiefer gedrungen, als die äußerliche Ruhe vermuthen ließ. Der 20. März 1833 schreckte die Machthaber auf: der verunglückte Angriff auf die Constabler-Wache in Frankfurt a. M. zeigte plötzlich, daß es noch Leute in Deutschland gebe, welche im Nothfall entschlossen waren, ihr Leben für ihre Ueberzeugung und für die gehoffte Freiheit hinzugeben.

Vergebliches Bemühen! Der kleine Haufen unterlag, und die jetzt beginnende Untersuchung entdeckte, wie der spätere Bericht sagte, eine weitverzweigte Verschwörung zum Umsturz der gegenwärtig bestehenden Zustände und Errichtung einer deutschen Republik! Auch nach dem gesegneten Würtemberg war das Gift dieses revolutionären Geistes gedrungen und hatte neben vielen Belialssöhnen aus allen Ständen und Altern sogar unter dem Militär Theilnehmer gefunden, ja ein Officier des königl. Armeecorps stand an der Spitze der Würtemberger Verschwornen, welche, nach der officiellen Darstellung, nichts Geringeres im Sinne hatten, als in Würtemberg die Republik zu proclamiren und bei etwaigem Widerstande Stuttgart niederzubrennen, als warnendes Beispiel für Alle, welche der neuen Bewegung sich widersetzen sollten!

Ein unruhiges, geheimnißvolles Treiben regte die sonst so zufriedenen Gemüther der guten Schwaben auf: Feldjäger trabten in der Stille der Nacht durch die Dörfer, Befehle gingen und kamen zwischen den Garnisonstädten in rascher Folge, und irgend ein ungeheures Ereigniß schien bereit, über die Welt hereinzubrechen – da kreißte der Berg, und das erstaunte Land erfuhr die Verhaftung des Oberlieutnants v. Koseritz und ungefähr eines Dutzends [366] Soldaten und Unterofficiere, so wie einer Anzahl Civilisten, welche nichts Geringeres beabsichtigt hatten, als die Schwaben zu Republikanern zu machen.

Der Proceß wurde sehr geheim verhandelt, über seine Ergebnisse verlautete wenig im Publicum, aber die Untersuchung, obschon sie zwei Jahre dauerte, wurde menschlich geführt, und Würtemberg hielt seine Hände rein von den Schändlichkeiten, die damals einige deutsche Regierungen gegen die gefangenen Republikaner zuließen, und welche des Zeitalters der Hexenprocesse und der Folter würdiger waren, als einer deutschen Regierung des 19. Jahrhunderts. Armer Weidig! Deine Martern zeugen lauter gegen geheimes Inquisitions-Verfahren, als alle Schriften gelehrter Verfasser, und die Möglichkeit, daß in unserer Zeit so etwas geschehen konnte, wirft das grellste Licht auf die damaligen deutschen Zustände. Sorgen wir dafür, daß sie niemals wiederkehren!

Zwei Jahre waren vorüber gegangen – der Proceß war zu Ende, das Urtheil sollte gefällt sein, aber Niemand wußte etwas Näheres über die Vollziehung desselben. – Am Abend des 23. April – flüsterte mir ein Nachbar die Nachricht in’s Ohr: Morgen früh soll Koseritz erschossen werden! Das Wetter war schön, Ludwigsburg nur zwei Stunden entfernt, und ich war fest entschlossen, diese Execution mit anzusehen.

Lange vor Tagesanbruch des 24. befand ich mich auf dem Wege; es war noch völlige Nacht, als ich durch den Haardtwald ging. Zu meinem Erstaunen traf ich nur auf einen einzigen Mann, den der gleiche Zweck denselben Weg trieb. Man merkte es: es war eine politische Hinrichtung und daher möglichst geheim gehalten worden. Der Tag brach an, als wir in Aldingen den Neckar passirten, und nachdem ich mich durch ein Glas Wein und einige frische Eier gestärkt hatte, wanderte ich ganz einsam die Straße nach Ludwigsburg entlang, denn auch in der nächsten Umgegend rührte sich Niemand. Der Weg führte am großen Exercirplatze vorbei, und ein leises Grauen umzog mein Herz, als dort hinten auf dem weiten öden Platze zwei frisch aufgeworfene Gräber in meine Augen fielen und plötzlich die traurige Katastrophe vor meinem Blicke auftauchte, welche in wenig Stunden den jetzt so stillen und leeren Platz in eine Schaubühne voll Leben und Aufregung verwandeln und zwei Männer – in der Blüthe ihrer Jahre – in ein blutiges Grab betten sollte. Denn zwei Todesurtheile sahen heute ihrer Vollstreckung entgegen; außer Oberlieutnant von Koseritz war auch Feldwebel Lehr zum Tode des Erschießens verurtheilt, und dort unten beschien die aufgehende Sonne ihre harrenden Gräber.

Trotz der so frühen Tageszeit war das Thor in Ludwigsburg bereits von Militär besetzt, welches Niemand passiren ließ. Jetzt galt es, mit Geduld die vier bis fünf Stunden zu warten, bis die Execution beginnen sollte. Die entzückende Lage des Salon-Waldes verwandelte diese Stunden in Minuten. Wohl lag hier im Thale vor mir der große leere Exercirplatz mit seinen zwei einsamen offenen Gräbern; aber darüber hinaus schweifte der Blick – so muß ein Sterbender in die seligen Gefilde jenseits schauen – auf eine herrliche weite Landschaft mit reichen Fluren, grünenden Wäldern und einer Menge Dörfer, die im Halbkreise umher im hellen Sonnenlichte glänzten. – Dort winke rechts in herrlicher Beleuchtung die Solitude herunter, und über dem Nebel, der die Lage der Residenz kennzeichnete, erblickten wir die weißen Häuser von Degerloch, über das die waldigen Höhen der Alp herüberragten, flankirt von ihren starken Vorwerken, Achalm und Teck und Hohenneussen, dessen gewaltige Mauern hell in der Morgensonne glänzten. – Gerade vor uns erhob sich die Capelle auf dem rothen Berge, zu deren Füßen, wie eine Heerde um ihren Hirten, sich die blendend weißen Häuser des Dörfchens Rothenberg lagerten. – Daran reihten sich die Hügel des Remsthales und des Schurwaldes, über welche der Hohenstaufen ernst herüberblickte und deren fernste Ausläufer der Hohenkuhberg und der Rosenstein bei Heubach bildeten. Die rebenbepflanzten Hügel von Kleinheppach und Korb lagen offen da vor unsern Blicken, wie die bewaldeten Höhen des Hohreusches, und das ganze Panorama von Hügeln und Thälern, Wäldern und Dörfern, Felsen und Burgen breitete sich vor unsern Blicken wie ein Gemälde aus, getaucht in Sonnenglut und Frühlingsluft.

Aber der Mittag nahte, und die frühere Einsamkeit war einem regen Getümmel gewichen, das sich wartend umhertrieb. Landleute aus den nahen Dörfern fanden sich nach und nach zahlreich ein und besetzten die Seiten der Straße, auf welcher sich der Zug bewegen sollte. Die Militärwache am Thore war indessen von einem Zug Bürgermilitär abgelöst worden, welches Niemand mehr zurückwies, sondern Jeden passiren ließ, der den letzten Act ansehen wollte, wodurch die Verurtheilten aus dem bürgerlichen und militärischen Verbande gestoßen werden sollten! Dieses empörende Schauspiel reizte mich nicht; wie kann ein vorurtheilsfreies Herz gleichgültig zuschauen, wenn junge Männer, welche keine entehrende Handlung begangen hatten, unter schimpflichen Ceremonien ihrer Strafe überantwortet, wenn ihnen die Abzeichen ihres Standes mit roher Hand vom Leibe gerissen und mit Füßen getreten werden! Dies ist ein Anblick für den Mob, mag er im Zwilchkittel oder in Glacéhandschuhen zu dem abstoßenden Schauspiele sich eingefunden haben. –

Endlich war die traurige Ceremonie zu Ende; man konnte es aus der durch das Thor herausfluthenden Menge schließen, welche in endlosem Zuge vorüberströmte, dem großen Exercirplatze zu, der in zwei- bis dreihundert Schritten Entfernung ausgebreitet zu unsern Füßen lag und dessen drei freie Seiten sich immer dichter mit dem zudringenden Volke füllten. Die vierte Seite durfte nicht besetzt werden, da die Kugeln der Todesschützen dorthin flogen.

Jetzt naht sich der Zug – und ein stattlicher war es, der die beiden Hauptverbrecher auf ihrem letzten Gange begleitete. Voraus zog ein Reiterregiment in voller Ausrüstung, hierauf der Gouverneur von Ludwigsburg, umgeben von seinem Stabe, und hinter ihm ein Regiment Infanterie. Jetzt wieder ein Zug Reiterei, und dann, in der Chaise neben dem Geistlichen sitzend, die Hauptperson des heutigen Dramas, Oberlieutnant von Koseritz. Wahrlich, wer nicht wußte, was dieser feierliche Zug bedeute, der konnte beim Anblick des Fuhrwerks unmöglich denken, daß der Mann, der da neben dem geistlichen Herrn saß, in wenigen Minuten einem schnellen Tode verfallen sei. Koseritz saß in aufrechter Haltung neben seinem Seelenhirten; seine glatten Wangen waren mit einem etwas starken Roth überhaucht, und das schwarze Bärtchen auf der Oberlippe gab dem jugendlichen Gesichte einen etwas kecken Ausdruck. Seine Hände, mit Glacéhandschuhen versehen, begleiteten in anmuthigen Bewegungen das Gespräch, das er mit seinem Nachbar führte, und nichts ließ ahnen, daß die beiden Leute in der Chaise ein zum Tode Verurtheilter und sein Beichtvater waren. –

Einen desto grelleren Gegensatz hierzu bildete das zweite Gefährt, welches den Feldwebel Lehr seinem letzten Augenblick entgegentrug. Der Mann gewährte einen wahrhaft bedauernswürdigen Anblick: die Blässe des Todes auf seinem entstellten Antlitze, lehnte er geschlossenen Auges und hängenden Hauptes in seinem Sitze, ein trauriges Bild von Todesangst und Hoffnungslosigkeit. Der neben ihm sitzende Geistliche verschwendete seinen Trost an taube Ohren, denn Lehr schien alle Besinnung verloren zu haben und seinem letzten Augenblick ohne klares Bewußtsein entgegenzugehen. Sie waren vorüber, und die Menge drängte eifrig nach, um keinen Blick von dem interessanten Schauspiele zu verlieren. Aber hier oben hatte man einen ganz offenen Ueberblick, und der Schauplatz des beginnenden Trauerspiels lag wie ein Schachbret vor uns ausgebreitet. Der Zug war auf dem weiten Exercirplatze angelangt, und die Regimenter bildeten ein gegen die beiden Grabhügel geöffnetes Viereck, in dessen Mitte die beiden Delinquenten gestellt wurden, ihnen gegenüber der Commandirende mit seiner Begleitung zu Pferde. –

Horch! – Langer Trommelwirbel: der General verliest mit lauter Stimme das Urtheil mit seinen Motiven, und weitere zehn Minuten dürfen die Verurtheilten die schöne Welt anblicken, die sie nach wenig Augenblicken auf ewig verlassen müssen. Jetzt war er zu Ende; neuer Trommelwirbel, nach dessen Beendigung die Delinquenten ihre „Plätze“ einnahmen. Jeder ward vor sein offenes Grab gestellt, und zwei Abtheilungen Schützen traten vor, auf zehn Schritte ihnen gegenüber! Todesstille rings herum! Ueberall hörbar tönte das Commando: „Achtung! Schlagt an!“ Zwölf Todesschlünde sind auf die Brust der beiden Verurtheilten gerichtet; Koseritz breitet seine Arme aus in Erwartung der tödtlichen Kugeln, und Lehr liegt auf den Knieen, nur noch halb dem Leben und dem Bewußtsein angehörend. – Statt des tödtlichen Knalles ertönte aber plötzlich das Wort: Pardon! und Tausende von Herzen athmeten auf, und die bisherige Ruhe und Stille ging in ein Getümmel über und in ein Lebehochrufen auf das gnadespendende Haupt, daß einem ganz schwindlig ward, und Alles wirbelte durcheinander, [367] und Jedem sah man die Freude an, daß die traurige Frage sich so unblutig und so freundlich gelöst hatte, denn den Verbrechern war alle Strafe erlassen, und sie wurden, mit Reisegeld versehen, vom Richtplatz weg dem nächsten Seehafen zugewiesen, um in der andern Hemisphäre sich ihr Glück ungehindert zu suchen.

Die Regimenter kehrten wieder in ihre Kasernen zurück, die Menge verlief sich, und nach kurzer Zeit war der Exercirplatz wieder so einsam, wie er heute am frühen Morgen gewesen war, sogar die beiden offenen Gräber fehlten, denn sie waren zugeworfen, ohne ein blutiges Opfer zu decken, und keine traurige Erinnerung haftet auf dem schönen großen Raume, auf den die Sonne noch einmal so freundlich niederblickt, und an dem der Wanderer fröhlicher vorüberzieht, nicht gedrückt durch den Gedanken einer blutigen Hinrichtung!

Würtemberg wird dem Jahrhundert keine Schande machen, und wenn vierzehn Jahre später Rastatts Wälle von edlem Blute rauchten, so darf Süddeutschland kein Vorwurf treffen – es wurde von jener Partei vergossen, die heute noch, wie vor anderthalb Decennien, ihre eigene Willkür und Herrschsucht dem Wohle und der Einheit Deutschlands entgegensetzt und auf ihrer unheilvollen Bahn noch heute fortwandelt.

W. B.