Eine Erinnerung aus der Jugendzeit

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: E. L.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine Erinnerung aus der Jugendzeit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 641–642
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
siehe auch Nikolai Abramowitsch Putjatin
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[641]
Eine Erinnerung aus der Jugendzeit.


Aeltere Personen erinnern sich vielleicht noch, daß vor Jahren ein russischer Fürst, Putiatin, in Dresden lebte. Er war sehr bekannt als Original und Sonderling, aber auch als trefflicher, liebenswürdiger Mensch. Noch hört man mitunter von den mancherlei eigenthümlichen Erfindungen erzählen, die er gemacht hatte und die damals neu und auffallend waren, die aber die neuere Zeit zum Theil weiter ausgebildet hat. So besaß er z. B. einen Wagen, in den, er sich ohne Pferd fahren konnte, einen Regenschirm mit kleinen Glasfenster, mit dem er sich ganz bedeckte und Anderes mehr. Eben so wie seine Sonderbarkeiten war aber auch seine Güte und Menschenfreundlichkeit bekannt, die er besonders auf seiner Landbesitzung in Klein-Zschachwitz bei Pillnitz bewährte, deren reizende Anlagen er nicht nur jedem Besucher frei eröffnete, sondern wo er ein Wohlthäter der Armen war und ein Schulhaus erbauen ließ, das noch jetzt in fremder, eigenthümlicher, aber höchst pittoresker Form dasteht und an ihn erinnert. Aber nur nicht für das Schullokal, auch für die Erholung und Erheiterung der Schuljugend ist gesorgt durch ein offenes Gebäude, wo Schaukeln unter dem Schutze eines festen Daches den Kindern Gelegenheit zu Spiel und Freude bieten.

Es ist immer interessant und belehrend, die Eigenthümlichkeit ausgezeichneter Menschen aus ihren. Wirken und ihren Schöpfungen kennen zu lernen. In seinen Erfindungen, der Gestaltung seines Landsitzes und der Einrichtung dieser Schule prägte sich die Eigenthümlichkeit des Fürsten Putiatin aus; aber seine sinnreichen, originellen Erfindungen sind verschollen oder von bedeutenderen verdrängt worden, die reizende Chaumière, wie er seine Villa nannte, die so ganz den Stempel seiner innigen, sinnvollen Natur trug, ist in fremde Hände übergegangen und so ganz verfallen; unversehrt steht nur noch die Schule, die aus der Fülle seines edlen, menschenfreundlichen Gemüthes hervorging, die er mit Liebe schuf und mit Weisheit einrichtete; sie steht und wird hoffentlich noch lange das Andenken des Menschenfreundes in Segen erhalten, wenn seine übrigen liebenswürdigen Eigenschaften, seine Sonderbarkeiten, genug seine ganze Persönlichkeit längst vergessen sind. Aber sie verdient auch an und für sich selbst Beachtung.

Das originelle Gebäude befindet sich zu Ende des Dorfes Klein-Zschachwitz am Saume des Waldes, der sich bis an die Elbe erstreckt. Die Giebelseite, welche die Hauptfront bildet, zeigt neben den drei Fenstern des Schulsaales an jeder Seite eine eingefügte steinerne Tafel mit Inschriften. [642]

Die Inschrift der einen lautet:
Mit Gott!!!

In Gott!!!

Durch Gott!!!

Ist

Diese Kinder-Schule

Gedacht

Gefunden

Angegeben

Und Auf eigne Kosten

Zum Heiligsten!!!

um Theuersten!!!

Zum Ewigen Andenken

An

Tochter!!!

Gattin!!!

Freundin!!!

Erbauet 1822.


Die Gartenlaube (1856) b 642.jpg

Schulhaus in Klein-Zschachwitz.

Die Inschrift der anderen lautet:

Hierbei

Hat der Hr. Oberpfarrer M. Chr. Fr. Gerschner löbliche Thätigkeit bewiesen. Die Gemeinden von Groß- und Klein von Groß und Klein-Zschachwitz, Tschieren, Sporbitz und Meislitz, so auch die Richter I. G. Schindler, F. L. Wieland, I. Kailich, I. G. Fritzsche und I. G. Ryssel haben sich sehr gutwillig finden lassen. Der Kunst-Gärtner des Fürsten Nicolaus Putiatin, Friedrich Graul hat seltenen Fleiß und Eifer an den Tag gelegt – und die Maurer- und Zimmermeister I. G. Eblich und Kegel haben das Ihrige brav gethan.

Möchte die Allmacht!!!
Die Allgüte!!!
Dieses stille Vorhaben
Segnen!!!

So wie diese Kinder-Schule gebauet worden und nun im Jahre 1823 dastehet, haben sich die ebengenannten guten Gemeinden verpflichtet, dieselbe aus das beste zu unterhalten und im Fall des Unglücks auch SO wieder aufzubauen und werden es in GOTT christlich thun!!!

Besondre Aufsicht darüber führt der jedesmahlige Oberpfarrer zu Dohna

F:=N:=P:=


Der Eingang in das Schulhaus ist auf der entgegengesetzten, dem Walde zugekehrten Giebelseite. Im oberen Stockwerk ist die Wohnung der Schullehrers, im Erdgeschoß der große Schulsaal, mit allen nöthigen Requisiten, Bänken, Tafeln, Schränken und einer kleinen Orgel versehen. Im Schulsaal hängen, in Rahmen gefaßt, folgende Schulregeln, von denen ich nicht weiß, ob sie auch in andern Schulen zu finden sind, die aber in keiner fehlen sollten:

Schulregeln.

Das Erste, was du thust, wenn du erwachest früh,
Sei ein Gebet zu Gott, Kind, das versäume nie!
Nun stehe schleunig auf und biete guten Morgen
Den Eltern, die für dich mit treuer Liebe sorgen.
Dann wasch’ und rein’ge dich, zieh’ ordentlich dich an,
Unreinlich darfst du nie dich deinen, Lehrer nah’n;
Du mußt zur rechten Zeit stets in die Schule gehen,
Sonst trifft die Strafe dich vorn an der Thür zu stehen.
Muthwillig darfst du auch niemals zu Hause bleiben,
Soll dich der Lehrer nicht in’s Buch der Faulen schreiben.
Wenn du zur Schule kommst, so lauf’ nicht hin und wieder,
Nein, ruhig setze dich auf deinem Platze nieder.
Tritt nun der Lehrer ein, steh’ auf und grüße ihn,
Die schuld’ge Hochachtung mußt du ihm nicht entzieh’n
Wenn das Gebet beginnt, so falte deine Hände,
Andächtig sei dabei vom Anfang bis zum Ende;
Aufmerksam mußt du stets aus deinen Lehrer hören,
Bei seinem Unterricht nicht plaudern und nicht stören.
Wenn dich der Lehrer fragt, so überleg’ erst still
Und dann antworte laut, weil er’s so haben will.
Den Andern hilf nicht ein, hör’ ihnen lieber zu,
Sie wissen’s oft recht gut, selbst besser noch als du.
Was dir der Lehrer sagt, das thue stets mit Freuden,
Wer ungehorsam ist, muß seine Strafe leiden.
Mit Andern zanke nicht, verträglich sei vielmehr,
Der Zänker ist verhaßt und schadet sich gar sehr.
Hat man vor Andern dich zum Obern auserkoren.
Mach’ dich der Ehre werth, sonst geht sie dir verloren.
Wird zum besondern Fleiß dir etwas zugedacht,
Es werde pünktlich stets und ordentlich gemacht.
Gibt nun der Lehrer auch zum Lernen etwas dir,
So lern’ es bald und gut, sonst heißt es: du bleibst hier!
Was in der Schule ist, das darfst du nicht verletzen.
Denn wenn du Schaden machst, so mußt du ihn ersetzen.
Geh’ unterweges still und schrei und lärme nicht.
Sonst bringst du Schul’ und Ort in übeles Gerücht.
Die Leute grüße stets recht höflich und bescheiden,
Die Grobheit schändet dich und Niemand kann sie leiden.
Red’t dich ein Fremder an, so stehe nicht von ferne,
Tritt näher hin zu ihm und hör’ und dien’ ihm gerne.
Niemandem thue je etwas zu Leid und Schaden,
Auch im Verborg’nen nicht, denn es wird stets verrathen.
Sei schamhaft überall und keusch in deinem Herzen,
Du bist sonst nah’ dem Fall und schaffst dir bitt’re Schmerzen.
Die Wahrheit rede stets und wag’ es nie zu lügen,
Du kannst die Menschen Wohl, doch niemals Gott betrügen!

Etwas ferner von der Schule ist der Spielplatz, auf dem ein offenes Gebäude mit Schaukeln steht, das die Inschrift trägt:

Faule und unartige Kinder werden nicht zugelassen.

Dort sollten die Kinder nach beendigten Schulstunden sich vergnügen.

Alljährlich wird noch das Fest der Einweihung der Schule an dem wiederkehrenden Gedächtnißtage, den, 10. September, gefeiert, wo die Kinder gespeist und ihnen Vergnügungen bereitet werden. Auch dies ist noch eine Stiftung des Fürsten.

E. L.