Eine Errungenschaft der Revolution

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Textdaten
Autor: Kurt Tucholsky
unter dem Pseudonym
Peter Panter
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Titel: Eine Errungensschaft der Revolution
Untertitel:
aus: Vossische Zeitung. 1927; Beilage: Das Unterhaltungsblatt, Nr. 77, S. 1-2
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1. April 1927
Verlag: Ullstein
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Erscheinungsort: Berlin
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[1]
Eine Errungenschaft der Revolution
Von
Peter Panter

(Peter Panter schreibt einen Aufsatz für die „Vossische Zeitung“.)

„Eine Errungenschaft der Revolution? Doch, es gibt eine. Früher, als wir noch so etwas wie eine Monarchie hatten, war es strikte verboten, auf den Balkonen Teppiche zu klopfen. Ließ sich das Gepolter gar zu massenhaft an, dann stieg doch wohl hier und da ein „Blauer“ in die Etagen herauf, und Emma stand nachher mit verweinten Augen in der Küche, weil Vater, als er aus dem Geschäft kam, ein Strafmandat zu bezahlen hatte, und auch der Ehefriede war einige Mittage hindurch leicht gestört. Nein, Teppiche durften „nach vorne heraus“ nicht geklopft werden. „Nur Freitags“ auf dem Hof. Heute –?

Heute hallen die Straßen, und besonders die kleinen Nebenstraßen Berlins, von den Kanonenschlägen der Teppichklopfer wider. Staub wirbelt, unbarmherzig fallen die Rohrknüppel auf rote Betten und harte Teppiche. Es sieht hübsch aus, es hört sich nett an, auch im Sommer freut es jeden, der ein Stündchen auf dem Balkon zu lesen beabsichtigt…“

(Hier nickt Panter, von den Anstrengungen des Nachtdienstes überwältigt, ein.)


1.
An die Redaktion der „Vossischen Zeitung“,
Berlin 

…und möchte ich doch ganz energisch gegen den Aufsatz von Peter Panter in der Nr. 465 Ihres geschätzten Blattes Protest einlegen. Der betr. Herr scheint mit den hiesigen Verhältnissen nicht vertraut zu sein, sonst wüßte er, daß

a) überhaupt keine Teppiche in den Straßen Berlins geklopft werden;

b) noch niemals Beschwerden darüber laut geworden sind;

c) der unterzeichnete Verband durchaus zum Klopfen der Teppiche auf den Balkonen berechtigt ist.

(Vergl. Reichsgerichtsentscheidung 39. 123 vom 32. 1. 26, sowie Preußisches Oberverwaltungsgericht XVIII, 1867 Nr. 23/45 I.)

Hochachtungsvoll
Dr. Timpe, 

Syndikus des Reichsverbandes Deutscher

Balkon-Teppichklopfer. 


2.

(Lokalnotiz.) Bei dem gestrigen Teppichklopf-Ständchen, das einem in der Sächsischen Straße lebenden Schriftsteller dargebracht wurde, fiel eine Matratze von einem Balkon des dritten Stockwerks einem gerade vorübergehenden Oberzensurrat auf den Kopf. Der Beamte erlitt einen leichten Schock, trug eine Beule auf dem Hinterkopf davon, wird aber sein Amt auch weiterhin wie bisher ausüben.


3.

(Vereinsregister) „…rechtskräftig eingetragen worden. Der Verband Deutscher Balkon-Teppich-Klopf-Gegner [2] (V. D. B.) bezweckt die Bekämpfung des Teppichklopfens auf Balkonen und balkonartigen Gegenständen. Statuten siehe Anlage III. Die Hauptgeschäftsstelle des Verbandes befindet sich…“


4.

(Wahlrede.) „Und so bitte ich Sie, geehrte Mitbürger, Ihre Stimme unserer Liste achtundzwanzig zu schenken! Wir sind für Aufwertung; gegen Unordnung; gegen das Klopfen von Teppichen auf Balkons…“ (Der Saal kocht. „Pfui! Runter von der Tribüne! Echt kommunistisch! Echt reaktionär! Hoch das Teppichklopfen! Nieder! Hoch!“)


5.
Unterricht im Freiluft-Teppichklopfen!

Kein Vacuum-Reiniger mehr!
Keine falsche Scham!
Gib ihm Saures!
Terppich-Klopf-Schule, Frau Bullerjahn,

Holzmindener Straße 8.


6.

(Filmtitel.) Wochenschau: Der Herr Reichspräsident nahm gestern mit den Spitzen der Behörden das große Teppichklopfen auf dem Tempelhofer Feld ab. Der Lärm war bis nach Wittenberge an der Elbe zu hören. Der Herr Reichspräsident sprach sich sehr anerkennend über die Leistungen der Hausfrauen-Kolonnen aus; Hausfrau Kloppke verstauchte sich die rechte Hand und wurde von der anwesenden Sanitätskolonne gelabt. 240 Fensterscheiben in den Häusern am Kreuzberg sind zersprungen.

*

Durch ein kanonenschlagähnliches Geräusch aus verdientem Schlummer emporgerissen, fährt P. Panter auf. Und er schreibt:

„…freut es jeden, der ein Stündchen auf dem Balkon zu lesen beabsichtigt, wenn das trauliche Geräusch der Hausreinigung leise, auf Atlasfüßen, an sein Ohr dringt. Freuen wir uns, daß wir haben, was wir haben – zu Nutzen des Fremdenverkehrs, zu Nutzen unserer Nerven und zu Frommen der öffentlichen Hygiene: eine wahrhafte Errungenschaft der Revolution.“