Eine Muster-Orgel

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Textdaten
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Autor: David Hermann Engel
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Titel: Eine Muster-Orgel
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine Muster-Orgel.


„Ist die Orgel von Silbermann?“ Diese Frage ist im Sachsenlande, dem Hauptwirkungskreise des Meisters, und auch wohl in weiteren Kreisen mit ziemlicher Gewißheit aus dem Munde von Laien zu erwarten, sobald das Gespräch auf eine ältere Orgel kommt, die irgend etwas Gutes aufzuweisen hat, sei es auch nur eine stattliche Außenseite. – Das Sprüchwort: „Kleider machen Leute“, ist auch auf Orgeln bezogen zum Wahrwort geworden, und noch heute, in der Zeit der höchsten musikalischen Kultur, in voller Kraft. Ein schmuckes Gehäuse mit vergoldeten Arabesken und wohlgenährten Posaunenengelchen nach dem Geschmack des vorigen Jahrhunderts ist ausreichend, ein solches Werk unserm obigen Altmeister zuzuschreiben, gleichviel, ob der Kern, den eine solche Decoration verbirgt, zu Silbermann’s Orgeln im grellsten Gegensatze steht, im Werthe zu seinen Werken sich verhält wie Blei zu Silber.

Es ist eine höchst merkwürdige Erscheinung, die mir in meiner Praxis oft begegnete, daß Orgeln, die ein entsetzliches Gewimmer erhoben, in den Kirchen noch lange geduldet und nicht selten sogar für Silbermann’sche Orgeln gehalten wurden. Die allgemeinere Kritik auf diesem Gebiete steckt bei aller musikalischen Ruhmredigkeit unserer Tage noch völlig in den Kinderschuhen.

Tausende von Werken aus dem vorigen Jahrhundert geben Zeugniß davon, daß Silbermann in weitem Kreise der einzige tüchtige Orgelbauer unter einem Heer von Pfuschern war. Als er seine ruhmvolle Bahn betrat, sagte ihm sein Verstand, daß ein Kunstwerk dieser Art nur aus den vorzüglichsten Materialien geschaffen werden müsse, wenn es Bestand haben soll. Seine scharfe Beobachtungsgabe ließ ihn bald die einfachsten Strukturen finden. Seiner unermüdlichen Energie gelang es, den Orgeln eine für jene Zeit musterhafte Intonation (Reinheit und Klangfarbe) zu geben. So lag es eigentlich mit in den damaligen Zeitverhältnissen, daß sein Ruhm sich schnell über ganz Deutschland und weiter noch verbreitete und sein Name als Orgelbauer eine fast beispiellose Popularität erlangte. Sein Verdienst ist in der That auch groß, allein sein Ruhm ist noch größer.

Silbermann wurde am. 4. August 1753 in der Orgel der katholischen Hofkirche zu Dresden, mit deren Intonation er soeben beschäftigt gewesen, vom Schlage getroffen todt gefunden.

Hundert Jahre später, 1857, ebenfalls im August, war in dem alten ehrwürdigen Dome zu Merseburg, über den stillen Gräbern einer langen Reihe von Bischöfen und regierenden Herzögen des ehemaligen Stiftes, ein unruhiges Treiben und Schaffen. Das freundliche Gotteshaus hatte ein unheimliches Aussehen angenommen. Wo das Auge den schönsten Schmuck der Kirche, den reichen Orgelprospect zu finden gewohnt war, traf es auf hohle, finstere Räume; die glänzende Außenseite dieses Werkes glich einem Skelet. Die Scene hatte wohl etwas ungewöhnlich Ernstes. Der Mann, welcher es so eben unternommen hatte, hier ein Kunstwerk von ungewöhnlichem Umfange aufzurichten, war noch jung und fast unbekannt, dabei so still und bescheiden, daß manches Haupt bedenklich geschüttelt wurde über das kühne Vertrauen, das man dem Werkmeister Friedrich Ladegast geschenkt hatte.

Kurz nach meiner Anstellung in Merseburg, Ostern 1848, hatte ich einen jungen Orgelbauer, Namens Ladegast, hier kennen gelernt. Er war gekommen, mir seine Noth zu klagen. Er hoffte durch mich als königl. Orgelrevisor ein Wort der Empfehlung zu erlangen, um das er früher vergeblich sich beworben. Seit Jahren in Weißenfels ansässig, war es seinen angestrengtesten Bemühungen nicht gelungen, einen Orgelbau zu bekommen. Die traurigsten Pfuscher waren ihm vorgezogen worden. – Sein fast jungfräulich schüchternes Auftreten, sein grundehrliches Gesicht mit dem intelligenten Auge, in das sich ein feuchter Glanz drängte, während er mir mit bebender Stimme sein Herz öffnete, weckten zwar meine Theilnahme, allein Hülfe konnte ich ja auch nicht gleich bieten. Welcher Sterbliche vermöchte denn das immer beim besten Willen? Es verging auch noch ein volles Jahr, ehe es sich fügte, daß der Graf Zech-Burkersrode ihm in dem Dorfe Geusa bei Merseburg den ersten kleinen Orgelbau anvertraute. – Die am 9. September 1849 stattgehabte Abnahme dieser Orgel erregte mein höchstes Entzücken. Ich fand ein in jeder Beziehung reizendes Werkchen. Und was für Opfer hatte Ladegast aus reinster Liebe zur Sache gebracht! Ein ganzes Clavier hatte er von seinen früheren Ersparnissen als Gehülfe hinzugefügt.

Dies Opfer sollte indeß bald gute Früchte tragen. Eine schnelle Folge von weiteren Orgelbauten überzeugte mich, daß Ladegast die Fähigkeit besaß, den höchsten Anforderungen der Kunst in zeitgemäßer Weise zu genügen. Die hiesige Königl. Regierung schenke dem jungen Meister ihr Vertrauen, das er denn auch durch die Vollendung der einundachtzigstimmigen Domorgel zu Merseburg auf die glänzendste Weise rechtfertigte.

An einem freundlichen Herbsttage, den 26 September 1855, füllten sich die Hallen des Domes mit einem Kreise von Kunstfreunden, die zum Theil aus weiter Ferne herbei gekommen waren, dem ersten großen Coucert auf dem nunmehr vollendeten Werke beizuwohnen. An der Ausführung desselben betheiligten sich eine Reihe der namhaftesten Künstler aus dem benachbarten Leipzig und Weimar, unter ihnen der gefeierte Meister Liszt, welcher dem der Vollendung entgegenreifenden Kunstbau schon längere Zeit hindurch mit dem lebhaftesten Interesse gefolgt war, mit einer Composition, die den Reichthum neuer, wunderbar schöner Klangfarben der Orgel in ein glänzendes Licht hob. Es stellte sich während des Musikfestes – denn zu einem solchen war die Feier durch die überraschend große Theilnahme gediehen – unter den vielen anwesenden Künstlern sehr schnell das allgemeine Urtheil dahin fest, daß hier wirklich neue Bahnen geöffnet, die alte Starrheit des Orgeltons, die der Herrschaft des Papstthums ähnlich, hier völlig gebrochen, an seine Stelle die anschmiegende Weichheit, welche bis dahin nur dem Orchester eigen gewesen, getreten war. Dies trat besonders zu Tage in der Verbindung der Orgel mit der Zaubergeige Eduard Singer’s, in dem Vortrage geistlicher Sologesänge, zu deren Begleitung der Orgelton bisher so ungelenk war, in der spätern Verbindung des Werkes mit Violoncell und Waldhorn, in dem glänzenden Ensemble von Sopran-Solo, Cello, Orgel und Harfe etc., und endlich in der majestätischen Totalwirkung des vollen Werkes, das bei aller Großartigkeit und Fülle des Tons den höchsten Adel bewährt und nie betäubend wirkt.

Diese Eigenschaften der Intonation sind es denn auch hauptsächlich, die den bedeutenden Fortschritt der auf Silbermann’schen Principien ruhenden Ladegast’schen Orgelbaukunst kennzeichnen. Bei aller Hochachtung für den Altmeister Silbermann und seine zum Theil noch in Jugendfrische erklingenden Werke muß es doch gesagt sein, daß keine Kunst der Registratur im Stande ist, ihnen eine solche Fülle wahrhaft poetischer und musikalisch durchaus neuer Klangfarben abzugewinnen, als hier geboten werden. Und diese Eigenschaften der Merseburger Domorgel haben denn auch ihre Anziehungskraft dauernd bewährt. Während Orgelvirtuosen in der Regel vor leeren Bänken oder einem keinen Kreise eingeladener Kunstfreunde spielen, sind die seit acht Jahren fortgesetzten Merseburger Orgelconcerte im eigentlichen Sinne des Wortes populär geworden. Die ersten Virtuosen und Sänger haben sich gern daran betheiligt. Sie sowohl als das kunstliebende Publicum kamen von nah und fern herbei, und gaben den Concerten stets einen festlichen Charakter.

Wichtiger jedoch als das ist die Bedeutung, welche die Ladegast’schen Orgeln für den Gottesdienst haben. Ein Geistlicher verglich einmal in einer Weihrede die Bestimmung der Orgel im Gottesdienste mit der bahnmachenden Thätigkeit des Täufers Johannes, der da spricht: „Bereitet dem Herrn den Weg! machet seine Stege richtig.“ –

Unsers Meisters Werke erfüllen diesen Beruf; sie können, durch den rechten Geist des Organisten beseelt, mehr sein als ein „tönendes Erz und eine kingende Schelle“; sie können in ihrer geheimnißvollen Sprache predigen, den Sturm des Herzens beschwichtigen, ihm Trost und Ruhe geben, sie können dem Worte Gottes den „Weg bereiten“. – Auch ist der gute Einfluß dieser Werke auf das Streben der Kunstgenossen des Meisters, der sich in hiesiger Gegend zeigt, ganz unverkennbar. – Sachsen ist seit Silbermann immer das gelobte Land der Orgeln gewesen. Diesen alten Ruhm scheint es zur Zeit erneuern und auch für die Zukunft befestigen zu wollen. Es kann kaum in irgend einem Theile Deutschlands jetzt ein so rühriges Leben in Beschaffung guter

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Die Gartenlaube (1863) b 093.jpg

Die neue Orgel in der Nicolaikirche zu Leipzig.

[94] Werke für Kirchen zu finden sein, als hier, wo mit Ladegast sich noch eine Zahl sehr tüchtiger Meister zu bedeutendem Schaffen vereinigen, und unser Meister selbst in der jüngst vollendeten großen Orgel zu St. Nicolai in Leipzig einen neuen glänzenden Beweis seiner hohen künstlerischen Vollendung gegeben hat.

Nach den geschilderten Vorgängen in Merseburg konnte es nicht fehlen, daß der Stadtrath des benachbarten Leipzig bei dem in Aussicht genommenen Neubau der obigen Orgel Ladegast in’s Auge faßte. – In kaum drei Jahren hat die rüstige Thatkraft des Meisters diese Riesenorgel vollendet. Dieselbe hat, wie die heutige Abbildung der Gartenlaube zeigt, einen höchst imposanten Prospekt von einer Breite von 74 Fuß, in welchem ein Principal 32 Fuß und zwei dergleichen 16 Fuß von englischem Zinn stehen, ohne die kleineren, zur Ausfüllung dienenden Principale. Die größte Zinnpfeife, das tiefe (große) Contra-E[1] (32 Fuß) wiegt allein drei Centner.

Gespielt wird das Werk auf vier Manualen (Claviaturen nebst zugehörigen Pfeifen, Registerzügen. etc.) im Umfange vom großen C bis zum dreigestrichenen f und auf einem Pedal (Tastatur für die Füße), dessen Töne in Noten vom großen C bis zum kleinen f[2] zu bezeichnen sind. Diese Manuale kann man in mehrfacher Weise koppeln (d. i. durch einen Registerzug derart verbinden, daß durch Spielen auf einer Claviatur auch die nicht gespielten Alles mit vortragen): 1) durch drei „Wippen“-Koppeln kann jedes der Manuale mit dem Hauptwerke verbunden und von hier aus mit gespielt werden; 2) durch eine Gesammtkoppel kann vom untersten, dem Spieler zunächst gelegenen Manual aus gleichfalls das volle Werk gebraucht werden, und zwar vermittelst einer „pneumatischen“ (auf Winddruck beruhenden) Maschine, mit einer Leichtigkeit, als wenn man einen Concertflügel spielte. Sind alle Register im Gange, so können 3, durch 10 über dem Pedale angebrachte Metalltritte, die nur mit der Fußspitze leicht berührt zu werden brauchen, um ihre Wirkung zu thun, ganze Gruppen klingender Stimmen zum Schweigen gebracht, und so ein schnelles Verschwinden und Wiederanwachsen des Tons bewirkt werden. Es kann dies während des Spielens geschehen; auch bleiben sämmtliche Registerzüge dabei unberührt. – Es ist dies eine Einrichtung der höchsten mechanischen Vollkommenheit, wie denn überhaupt dieselbe sich über das ganze Werk, über alle Theile des Mechanismus erstreckt. – Auf die vier Manuale der Orgel sind die Stimmen dergestalt vertheilt, daß zum Hauptwerke 21, zum Oberwerke 10, zum Brustwerke 13, und zum Echowerke 13 gehören. Das Pedal hat 19 klingende Stimmen und 2 Koppeln, im Hauptwerk und Oberwerk. Mit Einschluß der 15 Nebenzüge hat das Werk im Ganzen 100 Registerzüge.

Die Disposition ausführlich mitzutheilen dürfte hier zu weit führen; es genüge die Bemerkung, daß der Baumeister auch in dieser Beziehung etwas durchaus Mustergültiges geliefert hat. Bei dem Reichthum derselben umfaßt sie Alles, was die alte und neue Orgelbaukunst aufzuweisen hat: von der klagenden vox humana bis zur donnernden Weltgerichtsposaune; von der winzigsten Mixturpfeife, gegen die ein Maikäfer ein wahrer Koloß ist, bis zu ihrem drei Centner schweren Urgroßvater, der seinen reichen Familiensegen nach Tausenden zählt. Hier fehlt kein Glied der großen Familie. Ihren Hauptgruppen nach zerfällt die Disposition in 15 Prinzipalstimmen, 28 Flötenregister, 11 Gambenstimmen, 9 Mixturen, 8 Quinten, 4 Terzen, eine kleine Septime, 5 aufschlagende und 5 durchschlagende Rohrwerke, mit einer Gesammtzahl von 5367 Pfeifen[3] – diese letzteren stehen auf 23 Windladen, für die 12 große Cylinderbälge den erforderlichen Wind geben. Außerdem hat die Orgel noch 5 Ausgleichungsbälge.

Auch für die oben erwähnte pneumansche Maschine ist das System der Cylinderbälge nach einer von Ladegast neu erfundenen Methode hier zum ersten Male in Anwendung gebracht worden, sowie denn überhaupt mancherlei sinnige Einrichtungen und Erfindungen des Meisters in dem Werke enthalten sind, deren genaue Beschreibung mehr die Sache der Fachblätter sein dürfte.

Der Charakter der Ladegast’schen Intonation wurde oben bereits im Allgemeinen bezeichnet. Es mag hier noch etwas Specielles über die Nicolai-0rgel zu Leipzig folgen. Eine jede Stimme, einzeln gehört, zeugt davon, daß ihr Meister vorzüglich zu charakterisiren versteht, daß er jedoch diese Seite seiner Kunst nur so weit verfolgt, als es sich mit dem höchsten Wohllaut, dem Geschmack eines feingebildeten Tonsinns vereinbaren läßt. Die Grenze des wahrhaft Schönen wird nie überschritten. Deshalb findet sich hier nichts Manierirtes, wie es bei so vielen modernen Orgeln – auf die ich später zurückkomme – der Fall ist. Die alte Starrheit und Herrschsucht des Tones nähert sich vielmehr dem orchestralen Charakter, dem von Menschenhauch beseelten Chor von Bläsern[4]. Man höre z. B. die durchschlagenden Rohrstimmen Oboe und Fagott, im Verein mit den milden Flötenklängen, und man wird zugeben müssen, daß solche Klänge ganz geeignet sind, uns in eine liebe, weihnachtsfrohe Stimmung zu versetzen. Andererseits spricht sich in Verbindung der „Flöten“ mit den dumpferen Farbentönen, dem ängstlichen Beben, dessen die Orgel fähig ist, eine rührende, eindringliche Klage aus, wie sie einer Charfreitagsstimmung den vollen Ausdruck giebt.

Ich habe das Wort „Stimmung“ gebraucht. Die Bedeutung desselben für die Sprache der Töne will ich hier nicht erörtern, jeder gebildete Kunstfreund kennt sie. Bei den größern Werken Ladegast’s, und besonders bei dem in Rede stehenden, ist die Möglichkeit gegeben, den mannigfachsten religiösen Stimmungen den präzisesten Ausdruck zu geben. Soviel über dieses Werk, das am 16. November 1862 zum ersten Male im Dienst des Allerhöchsten gespielt wurde. Eine besondere musikalische Festlichkeit, zu welcher dies vollendete Kunstwerk nicht weniger geeignet ist, als die Merseburger Orgel, hat in der Musenstadt Leipzig an demselben Tage nicht stattgefunden.[5]

Es wurde Eingangs darauf hingewiesen, welche Umstände zur Zeit Silbermann’s auf die schnelle Verbreitung seines Ruhmes günstig einwirkten. Bei Ladegast waren es andere Verhältnisse, die ihm nicht minder schnell die allgemeinste Anerkennung erwarben. Eine so grenzenlose Pfuscherei, wie sie vor hundert Jahren und neben Silbermann bestand, existirt heute Gott Lob nicht mehr. Damals besaß die protestantische Kirche neben der Orgel aber noch einen anderen Schmuck, der ihr heute abhanden gekommen ist: die Kirchenmusik. Alle mittleren Städte hatten früher ihre kirchlichen Gesangchöre, und wenn diese auch nicht immer Muster von Kunstinstituten waren, so gab es doch deren ganz vortreflliche. Die Schätze protestantischer Kirchenmusik jener Zeit erregen noch heute unsere aufrichtige Bewunderung. Unsere heutige Kirche ist in dieser Beziehung am Bettelstabe. Der Strom einer nüchternen, prosaischen Periode hat die herrliche Gesangkunst aus der Stätte ihres Ursprunges, der Kirche, hinausgeschwemmt. Jetzt fühlt man diese Lücke. Die große Einfachheit der heutigen Form des protestantischen Gottesdienstes strebt nach einem Ersatz, und dieses Streben äußert sich erkennbar in dem Aufschwunge der Orgelbaukunst innerhalb dieser Kirche. So große und vollkommene Werke, als in den letzten Decennien entstanden, gab es früher überhaupt nicht. Es ist, als ob die Orgel den abhanden gekommenen Schmuck der Kirchenmusik ersetzen, resp. übertragen solle.

In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts nahm der Orgelbau einen eigenthümlichen Charakter an. Man forcirte damals den Ton und entwickelte oft mit wenigen Stimmen eine große Kraft. Das gefiel den Leuten eine Zeit lang und wurde sogar Mode. Doch wie alles Unschöne sich schnell überlebt, so geschah es auch hier. Die Rohheit des Tones konnte sich nicht lange behaupten; man nannte solche Instrumente mit Recht „Brüllorgeln“.

Wie wir bereits sahen, schlug Ladegast den entgegengesetzten Weg ein. Seine gehobene Künstlernatur appellirte an den besseren Geschmack unserer Tage. Er belebte seine Werke durch wahrhaft herzerhebende Klänge. An die Stelle der rohen Kraft trat die ideale Seite des Tons und zündete – zündete tief und nachhaltig. Dieser [95] Umstand war es, der mit einem Schlage die Künstlerwelt für sich gewann, der zahlreiche Kunstfreunde herbeizog, die zur schnellen Verbreitung seines Ruhmes beitrugen. Von nah und fern, „soweit die deutsche Zunge klingt,“ und darüber hinaus, aus Amerika, liefen Aufträge zu Orgelbauten ein, die natürlich nur zum Theil befriedigt werden konnten. Indeß was Ladegast dennoch in einer verhältnißmäßig kurzen Zeit geleistet, mag ein Vergleich darthun.

Silbermann erreichte ein hohes Alter. Die meisten seiner sechsundvierzig Werke, die er überhaupt schuf, sind von kleinem, oder nach heutigen Begriffen, von mittelmäßigem Umfange. Nur drei derselben haben drei Manuale nebst Pedal. Unter diesen zählt sein letztes Werk in der katholischen Hofkirche zu Dresden nur 46 Stimmen.[6]

Ladegast steht zur Zeit in seinem 43. Lebensjahre. Im Herbst 1849 sah ich sein erstes, im Herbst 1862 bereits sein sechsunddreißigstes Werk. Gewiß, eine staunenswürdige Thätigkeit, wenn man erwägt, daß 15 derselben ein Manual, 15 zwei Manuale, 4 drei Manuale, die obigen Riesenwerke aber 4 und 5 Manuale nebst Pedal haben, und daß sie alle von einer Sorgfalt zeugen, die derjenigen seines berühmten Vorgängers um keinen Deut nachsteht und hinsichtlich der Dauer nicht nachstehen wird.

Wenn Gott diesem thätigen Manne auch die Gnade eines so hohen Alters erweist wie Silbermann, der im 70. Lebensjahre starb, so dürfte es wohl möglich sein, daß ihm später eine gleiche Popularität zu Theil wird und kommende Geschlechter, wenn von guten Orgeln die Rede ist, mit der Frage bereit sind: „Ist die Orgel von Ladegast?“ –

D. H. Engel.

  1. Bekanntlich wird die ganze umfangreiche Tonreihe in verschiedene Ortaven getheilt, welche von unten nach oben die Namen: große Contra-, Contra-, große, kleine, eingestrichene, zwei-, drei- und viergestrichene Octave führen.
  2. Die Merseburger Domorgel hat den Tonumfang vom großen C bis zum dreigestrichenen g, außerdem am Rückpositiv noch ein fünftes Manual und selbstständiges Pedal, mithin im Ganzen fünf Manuale und zwei Pedale.
  3. Die Merseburger Domorgel hat deren 5686 und 37 Stahlstäbe, mithin 5723 klingende Körper.
  4. Professor Töpfer in Weimar, den ich für den intelligentesten Orgelkenner halte, war zur Privatbesichtigung dieser Orgel in Leipzig und äußerte über die Intonation: „das ist mir allerdings ganz was Neues.“
  5. Wohl aber einige Wochen später ein von bedeutenden einheimischen und auswärtigen musikalischen Kräften unterstütztes Concert, welches in dem musikübersättigten Leipzig eine so unerhörte Theilnahme fand, daß Hunderte vor den Thüren zurückgewiesen werden mußten.
    D. Red.
  6. Silbermann’s 46. und letzte Orgel mit eben so viel Stimmen, wurde ihm mit 20,000 Thaler bezahlt. Ein noch heute beispiellos hoher Preis, ganz abgesehen von der seit 100 Jahren erfolgten Entwertung des Geldes. Ein Vergleich mit der Summe, welche für Ladegast’s 85stimmige Nicolai-Orgel in Leipzig contractlich festgestellt ist, würde dies überraschend beweisen, wollte ich die Indiscretion so weit treiben.