Fürst und Bauer

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Autor: L. St.
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Titel: Fürst und Bauer
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Fürst und Bauer.


Alexander v. Humboldt sagt in einem Briefe an Varnhagen von Ense, indem er sich beklagt, daß er, der das Jahr 1789 erlebt, die Welt in solch jämmerlichem Zustande verlassen müsse, sich und Andern zum Trost, eben so schön als treffend: „Jahrhunderte sind Secunden in dem großen Entwickelungsprocesse der fortschreitenden Menschheit. Die ansteigende Curve hat aber kleine Einbiegungen, und es ist gar unbequem, sich in solchem Theile des Niederganges zu befinden.“ Dieses Gefühl der Unbeguemlichkeit im Welt- und Hofmanne wird freilich in poetischen Naturen zum unerträglichen Schmerze, und Lenau ruft: „Es ist verzweiflungsvoll, im ersten Grauen des Tages sterben zu müssen!“ Dieser tragische Ton zittert durch die ganze Weltgeschichte. Moses, der größte Mann seines Volkes, durfte das Land der Verheißung, in welches er es führte, auch nur sterbend aus der Ferne sehen, nachdem er vierzig Jahre mit ihm im Wüstenelend geschmachtet hatte. Wohl denen, die mit stoischer Seelenruhe die „Unbequemlichkeit“ ertragen, sich in solch’ einem Niedergange der Curve zu befinden. –

Man hat die öffentlichen Ereignisse in Kurhessen, die nun seit einer Reihe von Jahren immer unerquicklicher werden, wohl „das Trauerspiel in Kurhessen“ genannt; wir glauben, sie verdienen eher den Namen des „traurigen Spiels“, denn in der That ist es weniger ein Drama, das vor den unwillig staunenden Augen der deutschen Volksstämme dort aufgeführt wird, als vielmehr ein böses Spiel aristokratisch verhärteten Trotzes mit der vorschreitenden Entwickelung des staatlichen Lebens, das nicht nur in Kurhessen, sondern in ganz Deutschland, ja in der ganzen civilisirten Welt alle redlichen Gemüther verbittert. Die Behauptung, daß ein böser Fluch auf der Regierung dieses Landes laste, der sie immer weiter in das segenslose Wirrsal hinein treibe, hat Manches für sich, und man braucht gerade kein Fatalist zu sein, um sich mit einem geheimen Schauer der Worte Schiller’s zu erinnern:

„Das eben ist der Fluch der bösen That,
Daß sie fortzeugend Böses muß gebären.“

Wenn irgendwo, läßt sich diese fortzeugende Kraft der Unthat, die immer neues Unheil in die Welt setzt, in der kurhessischen Geschichte seit anderthalb Jahrhunderten klar und deutlich nachweisen. Man kennt genau die Stelle, wo der Blutstropfen aus dem Herzen des Volkes von der Hand seines Fürsten auf das weiße Blatt dieser Geschichte niederfiel, aus welchem sich nun der rothe Faden immer stärker anschwellend herausgezogen hat, wie aus einer Färberkiepe, anfangs dünn wie der Faden einer Spinne, jetzt stark wie ein Schiffstau. Und merkwürdiger Weise war der Fürst, der diese erste böse That beging, die so unheilvolle genetische Kraft entwickelt hat, durchaus kein böser Mensch, er war nur ein von Leidenschaft, Leichtsinn und verkehrten Begriffen von Souverainetät verblendeter.

Das Unheimliche dieses Knotens wird durch den Umstand erhöht, daß der, welcher die dunkeln Fäden zuerst zusammenknüpfte und ineinander schlang, durch welche Glück, Wohlstand und innerer Frieden eines trefflichen deutschen Volksstammes, einst unter den kaiserlichen Konradingern so blühend, für so lange Zeit unterbunden wurden, ein Volksfreund war und das Glück des Volks aufrichtig anstrebte (freilich nach jenen Begriffen, welche die „souveraine“ Färbung der Zeit tragen), daß gerade dieser Herrscher durch einen bösen Fehlgriff dem Staate den ersten Stoß versetzte, der zur Verhärtung und endlich zum unheilbaren Krebsschaden geworden ist.

Ist es nicht merkwürdig, daß die Ahnmutter des hessischen Fürstenhauses die heilige Elisabeth, die Landgräfin von Thüringen ist, die als Ideal der höchsten Liebe zum Volke und der Barmherzigkeit durch sechs Jahrhunderte wie ein heller Stern glänzt, und die das schöne herzliche Wort sprach: „Wir müssen die Menschen fröhlich machen, damit sie gut werden“? Und wirklich hat der Segen dieser echten Volksmutter ein halbes Jahrtausend auf ihrer fürstlichen Nachkommenschaft geruht und reiche Blüthen und Früchte gezeugt, aber seit anderthalb Jahrhunderten ist dieser Segen abhanden gekommen, seit ein Nachkomme dieser barmherzigen Volksfürstin, die dem Volke Alles gab und in freiwilliger Armuth lebte, die Söhne dieses Volkes zur Gewinnung eines schnöden Luxus und genußsüchtiger Ueppigkeit wie Viehherden verkaufte, damit sie sich für ihnen ganz fremde Interessen abschlachten ließen.

Das hessische Landgrafenhaus hat einst eine nicht geringe Anzahl ausgezeichneter und trefflicher Regenten gehabt, ja es war geradezu berühmt wegen der hohen Bildung und Humanität derselben.

Wenn Philipp I., der Großmüthige, der Ahn der noch bestehenden hessischen Fürstenhäuser, auch in Folge seiner derbsinnlichen Natur zu seiner fürstlichen Gemahlin noch eine „Zufrau“ nahm und durch solche Bigamie der Sache der Reformation, die er mit Wort und That so feurig unterstützte, merklich schadete, so war er doch als Fürst ein tüchtiger Mensch und tapferer Krieger, mit scharfem Verstand und Ehrlichkeit stets bereit, für das, was er als recht und gut erkannt, Leib und Leben einzusetzen. Ein Volksfreund ward er vom Volke hochgehalten, und Luther sagt mit Recht von ihm: „Er hat den gemeinen Mann an sich hangen.

In anderm Sinne war sein Sohn und Nachfolger, der Landgraf Wilhelm IV., der Weise, ein höchst achtbarer Fürst. Für seine Zeit (er regierte von 1567 bis 1592) ein hochgebildeter, ja sogar gelehrter Herr, war er dabei bieder, wohlwollend, menschenfreundlich, kräftig in der Ausführung seiner volksbeglückenden Pläne, mild, tolerant und einfach, wie wenig Fürsten seiner Zeit.

Noch ausgezeichneter tritt sein Sohn und Nachfolger, Landgraf Moritz der Gelehrte auf (1592–1627), unstreitig der gelehrteste Fürst, der gelebt hat, dabei einer der charaktertüchtigsten und wohlwollendsten, überhaupt von Kopf und Herzen ein sehr ausgezeichneter Mensch. Er bereitete nicht nur Arzneien, Oele und Essenzen, er schrieb auch gute Bücher (seine lateinische Prosodie erlebte sieben Auflagen); ebenso componirte er Musikstücke und Kirchenlieder und übte die Musik mit Leidenschaft.

Sein Plan war, nach dem Tode des Kaisers Matthias (1619) einen evangelischen Fürsten auf den Kaiserthron zu bringen und selbstverständlich Deutschland von Rom loszureißen. Jedenfalls wäre Moritz selbst, der sich zum einfachen Calvinismus bekannte, der würdigste deutsche Kaiser gewesen, und wahrscheinlich dachte er auch daran. Welch einem Flor wäre Deutschland unter ihm entgegengegangen! Zuerst wäre der unselige dreißigjährige Krieg vermieden worden, dieser vernichtende Orkan im Garten des deutschen Gemüths- und Geisteslebens. Nicht ohne den tiefsten Schmerz kann man daran denken, daß statt des genialen, gebildeten, hochsinnigen Moritz der beschränkte, bigotte, kleinliche Ferdinand von Oesterreich gewählt und der Landgraf das Opfer seiner deutschen Idee wurde. Mit allen ihm zu Gebot stehenden Mitteln unterstützte er die aufständischen Böhmen und deren jugendlichen König Friedrich, und selbst nach der unseligen Schlacht am weißen Berge, die Deutschland Jahrhunderte in der Entwicklung zurückwarf, machte Moritz die kräftigsten Anstalten, sich dem siegreichen Kaiser zu widersetzen. [90] Aber der Adel seines Landes fiel von ihm ab, und die Folge dieses Verraths war die schreckliche Verwüstung Hessens durch Tilly. Die Zerstörung und das Blutbad Mindens stehen als Schandpfahl in der Geschichte, sowohl der Mordbrenner und Mörder, als der Feiglinge, die ihren muthigen Herrn verließen und sich nicht wehrten. Moritz sah sich genöthigt, zu Gunsten seines Sohnes Wilhelm 1627 abzudanken, und starb fünf Jahre später in Armuth und Gram zu Eschwege, aber froh gerührt von des großen Schwedenkönigs aufgehendem Glanzgestirn, das ihn zu rächen versprochen hatte.

Ein eben so ehrenhafter charakterfester und tüchtiger Regent war sein Sohn Landgraf Wilhelm V. der Beständige, der einzige deutsche Fürst, der dem zur Rettung der Geistesfreiheit herbeigeeilten Schwedenkönig fest und muthig die Hand zum Bunde reichte, aber schon fünf Jahre nach dessen Tode, erst 35 Jahre alt, der vom wilden Kriegsleben hervorgerufenen Lungenkrankheit erlag, während sein Land von der siegreichen kaiserlichen Soldateska cannibalisch mit Feuer und Schwert verwüstet wurde. Doch nun trat seine Gemahlin als Schutzgeist des Landes auf, jene zweite heilige Elisabeth, die in der hessischen Geschichte und im Volksandenken gleich unsterbliche Landgräfin Amalie Elisabeth, die große Vormünderin-Regentin, der es Hessen-Kassel zu verdanken hat, daß es überhaupt noch ein Land ist. Als Vormünderin ihres Sohnes, des nachherigen Landgrafen Wilhelm VI., in der schlimmsten Zeit, welche Deutschland betroffen, unermüdlich thätig, umsichtig, groß, zwang sie ihren politischen Feinden Achtung ab und hat bei Mit- und Nachwelt das ehrenvolle Zeugniß erworben, daß sie nicht nur eine der ausgezeichnetsten politisch weisesten Fürstinnen, sondern auch eine der edelsten und hochsinnigsten Frauen gewesen. Wahrlich eine deutsche Frau, werth von den größten deutschen Dichtern gefeiert und verherrlicht zu werden!

Nie ist aber auch eine Fürstin treuer und herzinniger von einem deutschen Volksstamme verehrt und geliebt worden, als Amalie Elisabeth von ihren Hessen. Ihr ganzes seelisches Wesen spricht sich in einer von ihr in die Martinskirche in Kassel, in der sie begraben liegt, gestifteten Votivtafel aus:

„Beste Bürger!

Zur Ehre des höchsten Gottes lasse ich Euch dieses Zeichen und Ausdruck meines Wohlwollens zurück, weil die wahre Liebe sich bildlich nicht darstellen läßt, die ich zu Euch im Herzen trage.

Lebet glücklich! Sendet Eure Gebete zum Himmel für das Wohl Eurer Fürsten, damit unter ihrer gerechten Regierung Euch nichts fehle zum glücklichen Leben!“

Auch ihr Sohn war ein wackrer Regent, doch starb auch er, wie sein Vater, erst 34 Jahre alt, und seine Witwe Hedwig Sophie von Brandenburg wurde eine zweite wohlthätige Vormünderin-Regentin des hessen-kasselschen Landes.

Ihr Sohn ist nun endlich der Landgraf Karl, den wir in der Ueberschrift dieses Artikels meinen, wiederum einer der ausgezeichnetsten Fürsten Deutschlands, der im Gegensatze zu den kurzen Regierungen seines Vaters und Großvaters eine der längsten, eine dreiundfünfzigjährige (1677–1730) geführt, und dessen merkwürdiges Thun und Treiben sich im Andenken des hessen-kasselschen Volks sehr lebendig erhalten hat. Noch heut zu Tage erzählt der achtzigjährige Bauer der hessischen Hochebene mit großem Wohlbehagen seinen staunenden Enkeln die seltsamen Geschichten vom Landgrafen Karl, wie er sie selbst von seinem Großvater vernommen. Denn merkwürdiger Weise lebt dieser in so vieler Hinsicht merkwürdige Fürst gerade unter den Bauern seines Landes in großer Farbenfrische fort, eben weil er ein spezieller Bauernfreund gewesen und unter ihnen einen Liebling gehabt hat. Aber Karl war nicht nur ein Freund und Wohlthäter des Landvolks, er war auch ein tüchtiger, einsichtsvoller Regent und ein wohlwollender, kenntnißreicher, geistig vielfach hochbegabter, ungemein thätiger und Wissenschaft und Kunst eifrig fördernder Fürst, dem Kassel seine höchste Blüthenzeit verdankt.

Eine falsche Vorstellung von Fürstenwürde und -Größe hatte Karl, aus der das ganze Unheil seines Landes emporgewachsen ist; es war die krankhafte Anschauung seiner Zeit, die ihn bewältigte, daß Luxus, Pracht, Pomp nothwendige und unerläßliche Attribute der Fürstenherrlichkeit seien, und der ihm innewohnende rastlose Trieb, sich in ganz besondrer Weise auszuzeichnen, artete zur krankhaften Sucht aus, alle nur irgend aufzutreibenden Sonderbarkeiten in Natur, Kunst, Industrie etc. anzuhäufen. Aus diesem Triebe sind die Wasserkünste der Wilhelmshöhe (damals Karlsberg oder Winterkasten genannt), die großartigsten und berühmtesten der ganzen Welt, hervorgegangen, aus ihm ist das große Kunsthaus zu Kassel, dieses in seiner Art einzige Aggregat von Kunstgegenständen, Curiositäten und Bizarrerien aller Art, entstanden. Aber der Fürst des kleinen Landes wurde von diesem ausgearteten Triebe auch angespornt, Städte zu bauen, und Karlshafen giebt davon Zeugniß.

Zu all diesen prächtigen Dingen brauchte er Geld und immer Geld, und dieses stete Geldbedürfniß, aus jenem Triebe entsprungen, machte ihn zum Seelenverkäufer seiner Landeskinder. Hätte er, wie sein Ahn Wilhelm der Weise, die zinnernen Teller und was damit zusammenhängt, in Ehren gehalten, und wären seine Nachfolger ebenfalls so klug gewesen, dem Beispiele des Weisen zu folgen, es stände in Hessen-Kassel besser um Land, Volk und Fürsten. So hat es ein böses Verhängniß gewollt, daß es gerade der thätige, kenntnißreiche, wohlwollende, einsichtsvolle, langregierende Herr war, unter dessen Regierung der Silberblick der Hessengeschichte sich zeigt, daß gerade dieser Karl es sein mußte, der die erste große, mit nichts zu sühnende Sünde am Hessenvolke beging, die schmachvolle, unselige, als böses Gift in den Volksadern fortschleichende Verschacherung der wehrbaren Jugend seines Volks. Ja gerade dieser feingebildete, humane Landesfürst, der die von dem treulosen Ludwig XIV. von Frankreich ausgetriebenen Protestanten aufnahm und ihnen die vier neuen Straßen der Ober-Neustadt in Kassel erbaute, der ebenso den aus der Pfalz von der neuen Herrscherfamilie (der katholischen von Neuburg, nach Aussterben der protestantischen von Simmern) verjagten deutschen Protestanten Heimath und Heerd gewährte, dieser selbe Fürst verkaufte schon 1687 eintausend Stück seiner Landessöhne an die Republik Venedig zum Krieg gegen die Türken in Morea, um mit dem dafür erhaltenen Gelde seinem Luxustriebe zu genügen. Von dem genannten Jahre datirt die große hessische Blutschuld, die seit 175 Jahren giftige und faule Früchte genug getragen hat, und an der das Dichterwort in Erfüllung gegangen ist: – „alle Schuld rächt sich auf Erden.“

So bildet Landgraf Karl den Höhenpunkt der hessischen Fürstengeschichte. Bis zu ihm ist sie eine glänzend aufsteigende Linie mit wenigen und unbedeutenden Einbiegungen, zusammengesetzt aus einer Reihe leuchtender Fürstengestalten, Männern und Frauen, beide groß und herrlich, lauter ebenbürtigen Enkelkindern der heiligen Elisabeth und mit ihrem Segen begnadigt, würdig, daß ihre Bilder in einem deutschen Pantheon aufgestellt würden.

Nach dem Jahre, welches den Anfang der Blutschuld bezeichnet, beginnt erst leise, dann allmählich stärker die Einbiegung der Curve, bis sie tiefer und tiefer hinabsteigt. Als Landgraf Karl einmal Blutgeld geschmeckt hatte, wurde er, von seiner Baulust und seinem Curiositäteneifer angestachelt, immer lüsterner und begieriger darauf, und das zuströmende Geld fachte die Leidenschaften in ihm, statt sie zu befriedigen, nur noch heftiger an. Im spanischen Erbfolgekriege verkaufte er 9000 Landessöhne an die Seemächte (1702), vier Jahre später 10,500 Mann zum Gebrauch in Italien, endlich nach dem Utrechter Frieden (1713) nochmals 12,000 Hessen an England, welche mit ihrem Blute das englische Uebergewicht in Europa erkämpfen und befestigen mußten. Bei der Thronbesteigung des Königs Georg II. von Großbritannien (1727) stellte sich das überraschende Ergebniß heraus, daß der Landgraf Karl von Hessen-Kassel aus der englischen Staatskasse 240,000 Pfund Sterling (1,680,000 Thlr.) jährlicher Subsidiengelder für gelieferte Soldaten bezog. Davon sind die prächtigen Wasserkünste gebaut und die Curiositätensammlungen angelegt worden.

Und das that ein volksfreundlicher Fürst. Welch ein bizarrer Widerspruch! Wie kann man einem Volke freundlich gesinnt sein und es wie Schlachtvieh verkaufen! Aber das ganze achtzehnte Jahrhundert ist voll solcher Widersprüche und schroffer Gegensätze. Die Zeit liegt seit Jahrhunderten an der einen großen Lüge krank, daß die ungeheure Mehrheit der Menschen für die Befriedigung selbstischer Zwecke einer kleinen Minderheit da sei, und bis heute hat sie trotz aller Kämpfe und Krämpfe noch nicht von diesem verderblichen Wahne genesen können, welcher der Vater aller andern unzähligen Widersprüche und Unzulänglichkeiten ist.

Von Landgraf Karl’s wunderlicher Volksfreundlichkeit hat sich ein Beispiel als Sage im Volksmunde lebendig erhalten: sein eigenthümliches Verhältniß zu dem Bauer Hans Hooße zu Leimbach im Antriftthale, eine Stunde von der Festung Ziegenhain.

Dieser Hans Hooße, ein an Körper und Geist kräftiger [91] Mann, ein echter Prototyp des gesunden derben hessischen Bauernschlags, war sechszehn Jahre jünger als sein ihm so wohlgesinnter Landesherr und überlebte denselben 25 Jahre. Der Landgraf wurde 76, der Bauer 85 Jahre alt.

Hans Hooße’s gesunder Menschenverstand hatte manche gute Einsicht, zumal in die bäuerlichen Verhältnisse, und seine örtliche Stellung als wohlhabender Mann gab ihm vielfache Gelegenheit, diese Einsicht geltend und sich nützlich zu machen. Wegen dieser Verdienste und seines schlichten geraden Sinnes, seiner einfachen, aber tiefen Religiosität, seiner nie versiechenden Heiterkeit und eben so wenig ermüdenden Thätigkeit in seinem Dorfe und dessen Umgegend weithin geehrt und geachtet, durch seinen Wohlstand angesehen und einflußreich, mußte er die Augen des Landesherrn auf sich ziehen, der oft in dem nahen Ziegenhain bald allein, bald mit der fürstlichen Familie verweilte und nicht selten Leimbach zum Ziel seiner kleinen Ausflüge machte, oder das Dorf auf seinen großen Jagden besuchte. Dann pflegte er wohl in dem stattlichen Bauernhofe Hooße’s einzukehren und sich ein Stündchen mit dem freimüthigen, verständigen Bauersmanne zu unterhalten. Nachdem er aber eine unverkennbare Vorliebe für den redlichen, geraden und biederherzigen Landmann gefaßt, ließ er ihn auch von Zeit zu Zeit zu sich nach Ziegenhain und Kassel kommen, und es stellte sich ein eigenthümliches vertrautes Verhältniß zwischen dem gelehrten und leidenschaftlich unruhigen Fürsten und dem schlichten, ruhigen, besonnenen Bauer her, aus welchem der Erstere, zum Wohle seines Landes, mehr klare Einsicht in die Verhältnisse der arbeitenden Bevölkerung geschöpft haben soll, als aus allen grundgelehrten Auslassungen seiner Professoren zu Marburg und Rinteln. Hinsichtlich ihres heitern Temperaments paßten Fürst und Bauer trefflich zusammen; sie scherzten gern miteinander, und mehrere solcher meist drastischen und pikanten Scherze haben sich im Andenken des Volks erhalten. Auch liebte es der Landgraf, sich dem Landwirth zu vergleichen und zu sagen: Hans sei sein Muster, und er werde sich glücklich preisen, wenn man mit Recht von ihm sage, daß er sein Land so gut verwalte, wie Hans sein Bauerngut. Auch darin hatten die beiden in der äußern Lebensstellung so verschiedenen Männer Aehnlichkeit miteinander, daß jeder Vater von vierzehn Kindern und zärtlicher, gewissenhafter Familienvater war. Beide mußten auch bei weitem die Mehrzahl ihrer Kinder begraben lassen und kamen zu einander, um sich über solche herben Verluste selbander zu trösten.

In Bezug auf die Angelegenheiten der Landleute und die zur Verbesserung ihrer Lage zu machenden Einrichtungen hörte der Fürst stets erst die Ansicht und Meinung des ihm vertrauten Bauers, und dieser fand dadurch Gelegenheit, seinen Standesgenossen ungemein zu nützen. Man erzählt, daß zwei seiner Prinzen, die den Landgrafen nach Leimbach zu begleiten pflegten, und darunter der nachherige König Friedrich von Schweden, ein so großes Wohlgefallen an Hooße’s Wirthschaft gefunden, daß sie sich verabredet – Bauern zu werden. Wahrscheinlich wäre der gute Erbprinz im Besitz eines hübschen Bauerngutes, das er selbst bewirthschaftet, glücklicher gewesen, als im Besitz des schwedischen Königsthrons.

Von Hans zur Hochzeit mit seiner zweiten Frau eingeladen, vergnügte sich die landgräfliche Familie, besonders die edle Landgräfin Marie Amalie, eine Prinzessin von Kurland aus dem Kettler’schen Stamme, ungemein, so daß sie sich sogar in den ländlichen Tanz mischte. Die Fürstin ließ sich von dem vergnügten Bräutigam zum Reihen führen. Nun war dieser gerade ein Nationaltanz der Bauern an der Schwalm, „das Küsse-Süßchen“ genannt, weil der Tänzer der Tänzerin darin einen Kuß giebt. Hans hielt es doch für schicklich, vom Landgrafen erst die Erlaubniß zu solchem Kuß einzuholen.

„Umsonst laß ich die Landgräfin nicht von Dir küssen,“ versetzte der Fürst in der heitersten Laune. „Was giebst Du mir dafür?“

„Eine Metze voll Ducaten,“ entgegnete der Bauer rasch.

„Dafür lassen Sie sich von ihm küssen, Madame!“ rief Karl seiner Gemahlin lachend zu; und sie gehorchte.

Dem Spotte ward damit die Bemerkung nah gelegt, daß dem vielgerühmten Hessenfürsten für Geld nicht allein seine Landeskinder, sondern auch die Küsse der Landesmutter feil waren.

Hans bezahlte den ihm verkauften fürstlichen Kuß auf eine Weise, die auch in Bezug auf die verkauften Soldaten Nachahmung verdient hätte; vielleicht wäre dann der Fürst von all solchem Handel geheilt worden. Als er sich das nächste Mal in Ziegenhain befand, stellte sich der Bauer im Schlosse ein. „Hast Du mir die Metze voll Ducaten mitgebracht?“ fragte der Fürst.

„Das versteht sich!“ versetzte der Bauer und zog ein winziges silbernes Gefäß in Form einer Metze und mit einem silbernen Streichholz belegt, voller Ducaten hervor, das er dem Herrn schmunzelnd darbot.

„Die Metze ist verflucht klein!“ rief dieser erstaunt.

„Es ist das Ducatenmaß der Großen und Reichen zur Bezahlung empfangener Leistungen. Die Fruchtmetze des Bauern für Zins und Abgabe ist freilich größer. Durch den Verkaufsgegenstand hat mich Ew. fürstliche Gnaden aber zum vornehmen Mann gemacht.“

„Gut gesagt, vornehmer Bauer! Dein Witz gefällt mir und Deine Ducaten-Metze auch.“

Sie kam als willkommene Curiosität in das Kunsthaus des „curiösen“ Herrn. (So nannte man die Fürsten jener Zeit, welche ihre bizarren Gelüste auf Seltsamkeiten in ähnlicher Weise zu befriedigen suchten, wie Landgraf Karl, der curioseste von allen.)

Hans, in einem Hofconcert der fürstlichen Kapelle von Karl befragt, wie ihm die Musik gefalle, antwortete: „Sie ist schön, meine Kapelle macht mir aber doch schönere.“

„Die muß ich auch hören!“ rief der Landgraf lachend. „Bestelle sie auf morgen; ich komme.“

Sobald der Fürst des andern Tags auf Hooße’s Hofe abgestiegen war, schloß Hans das Thor und öffnete die Ställe. Da liefen denn bald Pferde, Rindvieh, Schafe, Gänse und Hühner, Hund und Katz wiehernd, brüllend, blökend, schnatternd, schreiend, bellend, miauend durcheinander, und die Lebendigkeit dieses natürlichen Concertes wurde durch die Leckerbissen erhöht, welche Hans jeder Thiergattung reichen ließ. Als nun die wohlaussehenden Mägde und Knechte fröhlich dazwischen lachten und Hooße’s Kinder jauchzend mit den Thieren schäkerten, da sagte der Bauer zum Fürsten: „Ich habe behauptet: meine Kapelle macht mir schönere Musik.“

„Mir auch!“ rief der Fürst freudig gerührt. „Ohne die Deinige hätt’ ich die meinige nicht. Du hast als braver Bauer gesprochen und Dein Wort gelöst.“

Fürst und Bauer, beide alt geworden, saßen in erhöhter Stimmung beim Becher. Der Landgraf trinkt dem Landmanne zu: „Ich möchte Dir eine Freude machen, Hans. Bitte Dir etwas aus, ich will’s gewähren, wenn ich kann.“

Scherzend antwortete dieser: „Ich habe von meinem Vater einen reichen adligen Zehnten auf das Klostergut Immichenhain ererbt, der Kuß der Frau Landgräfin hat mich geadelt, Ew. Gnaden fürstliche Gunst mich ausgezeichnet. Der Sache nach bin ich also ein Edelmann. Es fehlt nur die Form in der ausdrücklichen Erklärung Ew. fürstlichen Gnaden.“

„Die sollst Du haben!“ rief der Fürst in fröhlicher Weinlaune. „Sollst Junker Hans heißen, und dabei soll’s bleiben.“

Und dabei blieb’s wirklich. Der Bauer wurde von Allen „Junker Hans“ genannt, erhielt aber nie einen Adelsbrief. Sein ehemaliger Hof heißt heute noch „Junker Hansens Hof“.

Dieser deutsche Fürst und deutsche Bauer geben ein freundliches Bild, leider verunziert von den schon genannten bösen Schlagschatten.

Wie nachher unter Karl’s Enkel, dem katholisch gewordnen Landgrafen Friedrich II. (1760–1785) und Urenkel, dem ersten Kurfürsten Wilhelm, der hessische Seelenhandel im großen Styl etablirt wurde, so daß Napoleon decretirte: „Das Hessen-Kasselsche Haus hat seine Unterthanen seit vielen Jahren an England verkauft, und dadurch hat der Kurfürst so große Schätze gesammelt. Dieser schmutzige Geiz stürzt nun sein Haus;“ – wie aus diesen Schätzen des Blutgelds zum größten Theil das Haus Rothschild herausgewachsen ist, dieses traurige Bild ist bereits anderwärts geschildert worden.

L. St.