Eine Nacht in Missouri

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Autor: Unbekannt
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Titel: Eine Nacht in Missouri
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11–13, S. 173–175, 190–192, 204–208
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[173]
Eine Nacht in Missouri.
Erinnerung eines amerikanischen Freiwilligen.


Es war zu Anfange des jetzigen amerikanischen Bürgerkriegs, dessen erste Schlachten im westlichen Missouri, kaum weit von der Indianergrenze, geschlagen wurden. Was von den jüngern Deutschen in St. Louis ein Gewehr tragen konnte und nicht unabweislich an die Stadt gefesselt war, hatte sich in die aufgerufenen Freiwilligen-Regimenter einreihen lassen, um dem Gelüste des Gouverneurs, den Staat von der Union loszureißen und dem eben entstandenen Südbunde anzuschließen, entgegen zu treten. Das Verbleiben Missouri’s in der Union war für das deutsche Element im Staate nicht nur eine politische, sondern eine völlige Lebensfrage; die Deutschen waren von jeher die schärfsten Gegner der in Missouri am wenigsten gerechtfertigten Sclaverei gewesen, hatten es sogar endlich zu einer mächtigen Partei gegen das sclaverei-freundliche Amerikanerthum gebracht und wären unter der Herrschaft der südlichen Baumwollenbarone zu rechtlosen Parias gemacht worden. Nebenbei lagen unter der politischen Aufregung alle Geschäfte so gänzlich nieder, herrschte eine so drückende Geld- und Arbeitsnoth, daß Viele nach dem Gewehr griffen, um wenigstens der schweren Sorge für den täglichen Unterhalt enthoben zu sein. Indessen betrug die ganze Macht, womit der Höchst-Commandirende, General Lyons, seinen ersten Feldzug in das Innere des Staats unternahm, doch kaum über 7- oder 8000 Mann, von denen eigentlich nur die Officiere richtig uniformirt waren – das nothwendigste Exercitium aber hatte sich unter dem Drange des Augenblicks wunderbar schnell gelernt. Ich selbst, als gedienter preußischer Soldat, war gleich anfangs zum Lieutenant gewählt und bestätigt worden – kurze Zeit darauf aber nahm mich der General, theilweise wohl mit meines fertigen Englisch und meiner Schreibgeläufigkeit wegen, in seinen Stab auf.

Es war ein drückend warmer Abend, und das Haupt-Corps unserer kleinen Armee lagerte vor einem hügeligen, waldigen Terrain, um das Heranstoßen eines kleinern Corps unter Oberst Sigel zu erwarten. Vom Feinde hatten wir nur die unbestimmtesten Nachrichten; wir wußten, daß der Gouverneur Jackson die ganze amerikanische männliche Bevölkerung in dieser Gegend zu den Waffen gerufen und sie der Hauptmacht der Rebellen unter General Price zugeführt hatte; wie weit aber diese Macht stand und wie stark sie überhaupt sei, waren Fragen, die sich trotz aller eingezogener Erkundigungen noch nicht hatten beantworten lassen. Der ganze Landstrich, in welchem wir uns befanden, hing dem Südbunde an; gewöhnlich hatten wir auf den Farmen, denen wir uns genähert, nicht ein einziges weißes Gesicht, sondern nur grinsende und mit Verwunderung auf uns starrende Negersclaven angetroffen; wo wir aber auch einmal eines Amerikaners oder einer Farmersfrau habhaft geworden, hatten wir nichts als eine anscheinende völlige Unwissenheit über unsere Gegner getroffen; seit längerer Zeit wollte Niemand von ihnen etwas gesehen noch gehört haben, und selbst die Schwarzen, welche zuletzt zum Sprechen gebracht werden sollten, schienen mit ihren Herren im völligen Einverständniß zu handeln.

Ich lag vor dem Zelte des Generals im Grase, den leisen, kühlen Luftzug, welcher aus den Bergen vor uns kam, genießend und den Gesängen, welche aus der Mitte der lagernden Truppen ertönten, horchend. Wir hatten ganze Sängervereine unter uns, die trotz aller Ermüdung vom Marsche keinen Abend ohne den prächtigsten Quartettgesang vorübergehen ließen. Seit wir ausgerückt waren, war es hauptsächlich ein Lied im Marschtakt, welches für die Missourier Freiwilligen besonders geschrieben war, das mich vor Allen ansprach und das verdient hätte die Marseillaise aller Deutschen in dem sich entspinnenden Kampfe zu werden. Wenigstens dachte ich damals so, wo mich noch die ganze Begeisterung für unsere Sache, die ganze Romantik und Poesie des ersten Anfanges unseres „heiligen Kriegs“ umspann – heute, wo man einen zehnfachen Katzenjammer für den damaligen Rausch durchzumachen gehabt, wo gerade unsere Deutschen unter dem Betrugssystem der Verpflegungsbeamten und der Unfähigkeit sogenannter Generale immer bei Zehntausenden haben zu Grunde gehen müssen, klingt besagtes Lied freilich wie ein lebendiger Hohn. Es verherrlichte in zwei Anfangsversen die Union als neue Mutter und Ernährerin der herübergeflüchteten Deutschen und schloß dann:

[174]

Drum auf, drum auf, du deutsches Herz,
Es gilt die Mutter schützen!
Sei dir der Sohnespflicht bewußt,
Wirf dich als Wall vor ihre Brust
Und zeig’ die Schwerterspitzen!
Die deutsche Treu’, die alte Treu’,
Ersteh’ im neuen Lande neu,
Und Fluch ihm, der sie schändet!

Ich war, als die letzten Töne verklangen, wie gewöhnlich so davon angeregt, daß ich Gott weiß welche Heldenthaten zu vollbringen wünschte, gegen welche mein Leben mir im Augenblicke durchaus nichts war, als sich der Eingang des Zeltes öffnete und der General mit einem raschen Blick über die nächsten Umgebungen in’s Freie trat. Ich war mit einem Sprunge auf den Füßen, und er nickte zufrieden, als er mich erblickte. „Lassen Sie uns einige Minuten bei Seite treten, Reuter,“ sagte er halblaut und strich sich rasch das graue, buschige Haar aufwärts – eine Bewegung, die ich noch jedes Mal an ihm gesehen, wenn ihm ein wichtiger Gedanke zu schaffen machte, – „ich möchte ein paar Worte mit Ihnen reden!“ Er schritt mir voran von dem Lager hinweg, bis wir in gleicher Entfernung zwischen diesem und unserer Postenkette standen, sah sich erst scharf in der freien, vom Monde beleuchteten Umgebung um und begann dann mit vorsichtig gedämpfter Stimme: „Ich habe eine ungefähre Angabe über den Standort des General Price erhalten, bin aber trotzdem noch immer völlig im Dunkeln sowohl über seine Stärke als über die Art seiner Mannschaft. Das Terrain wird schwierig, verlangt die höchste Vorsicht, und bekommen wir es mit einem überlegenen Feinde zu thun, der sich noch dazu aus den besten Kräften der hiesigen Counties rekrutirt hat, so kann unsere junge Mannschaft trotz aller Bravheit eine Schlappe erhalten, die gerade jetzt vom allerschlimmsten Einfluß für den ganzen Staat werden müßte. Alles hängt augenblicklich davon ab, eine genaue Nachricht über die Stellung und ungefähre Stärke der Secessionisten zu erhalten. Kennen Sie nun wohl Jemand unter unsern Leuten, der sich der Gefahr einer Kundschaft unterzöge, aber auch so fertig im Englischen und so vertraut mit unsern Verhältnissen ist, daß er wenigstens als langjähriger Ansiedler in der hiesigen Gegend gelten könnte?“ Er sprach das Letztere langsamer, sein feuriges Auge ruhte aber dabei so bestimmt und forschend auf mir, daß ich sofort wußte, was er mit seiner Frage beabsichtigte, indessen auch nicht einen Augenblick anstand, seine Erwartung zu erfüllen. „Wenn Sie es für nothwendig halten, General, daß ich gehe, so haben Sie nur über mich zu befehlen!“ erwiderte ich in der gehobenen Stimmung, welche mich beseelte. Meine Erklärung schien ihm fast zu rasch zu kommen, denn er blickte mich wie plötzlich unschlüssig an und fuhr mit der Hand durch seine Haare. „Ich gestehe Ihnen, daß ich allerdings an Sie dachte,“ sagte er endlich langsam: „es ist ein Unternehmen, von dessen glücklicher Durchführung vielleicht unser Aller Schicksal abhängt – indessen, Reuter, muß ich Ihnen Eins sagen: lassen Sie sich erwischen, so sind Sie nicht Kriegsgefangener oder werden möglicherweise erschossen, sondern ehrlos gehangen!“

Ich mochte wohl bei dieser Aussicht etwas blaß geworden sein, denn er wandte sich mit einem sorgenvollen Stirnrunzeln rasch ab. „Ich weiß, daß Wenige das Geschäft übernehmen würden, wenn sich auch gerade darin der rechte Mann zeigen muß,“ murmelte er; „dazu ist die strengste Geheimhaltung das erste Erforderniß, und ich darf mich nicht einmal Vielen anvertrauen –“

„Ich gehe, General!“ unterbrach ich ihn. Ich hatte die plötzliche Anwandlung von moralischer Schwäche, die mich überkommen, rasch überwunden. „Werde ich gehangen, so weiß ich, wofür ich mich geopfert, und Sie werden meine Ehre vertreten. Im Uebrigen aber soll ich erst noch erwischt werden. Ich bitte um Ihre Anweisungen, General!“

Er sah mich an, als wolle er den Ernst meines Entschlusses prüfen; dann reichte er mir die Hand und drückte die meine kräftig. „Kommen Sie in mein Zelt!“ sagte er kurz und schritt, mir voran, wieder zurück.

Eine halbe Stunde darauf wanderte ich, in dem Anzuge eines echten „Farmerboy’s“, von dem Generale selbst durch unsere Postenkette geleitet, der schmalen Straße zu, welche sich in die waldigen Hügel hineinzog. An meiner Schulter hing ein grobes Tuch zu einem Sacke geknüpft, in welchem sich zwei lebendige gebundene Hühner und ein Dutzend Eier befanden. Wo die Kleidung, die ich jetzt trug, aufgetrieben worden war, weiß ich heute noch nicht; sie lag bereits, meiner wartend, im Zelte; Hühner und Eier aber waren der von dem deutschen Diener des Generals mühsam beschaffte Vorrath, um die Mahlzeiten des Letzteren in etwas zu bessern; aber es war auch ein ganz wunderlicher, fast wehmüthiger Blick, als Fred, wie ihn der General rief, die Früchte seiner Mühe in meinen Sack wandern lassen mußte. Wenn einmal die Specialgeschichte des jetzigen Kriegs geschrieben werden wird, ist auch diesem deutschen Burschen ein Denkmal sicher. Als wenige Wochen später General Lyons als leuchtendes Vorbild für seine Truppen in offener Schlacht fiel, sank er mit dem Rufe: „Fred, I am going up!“ (Fritz, ich gehe hinauf!) in die Arme des nie von seiner Seite weichenden Getreuen, und gab an dessen Brust seinen Geist auf.

Ich also hatte die Straße, welche in die waldigen Höhen hineinführte, eingeschlagen und überdachte die Rolle, welche mir zugetheilt worden war. Ich sollte als begeisterter Secessionist gelten, der einen stundenweiten Weg machte, um dem Rebellen-General etwas frische Kost auf seinen Tisch zu bringen. Daß ich selbst dabei als kräftiger und ansehnlicher junger Mann nicht wieder losgelassen, sondern zur Einreihung gezwungen werden würde, verstand sich von selbst; also meldete ich mich am besten gleich ohne Frage als Freiwilliger und suchte sodann in der Nacht das Weite wieder zu gewinnen.

Obgleich die Dunkelheit bereits hereingebrochen, konnte es doch noch nicht einmal acht Uhr sein, und waren die Nachrichten, welche der General erhalten, zuverlässig, so mußte ich lange vor zehn Uhr den Lagerplatz des Feindes erreichen.

Je weiter ich meine Straße verfolgte, je klarer wurde die Nacht. Der Wald trat oft zu beiden Seiten weit zurück und ließ dem cultivirten Felde Raum; hier und dort tauchte ein Farmhaus, vom Mondlicht umsponnen, auf, um mich her in den Blättern, dem Grase und der Luft ward das eigenthümliche südliche Nachtleben wach, glänzende Feuerfliegen leuchteten nach allen Richtungen hin auf; die warme Luft aber übte eine so erschlaffende Wirkung auf meine Nerven, daß ich sicher in ein halbwaches Träumen verfallen wäre, wenn mich nicht das Bewußtsein meines gefahrvollen Unternehmens wieder aufgeschreckt hätte.

Meiner Uhr nach war ich endlich wohl schon eine Stunde gewandert; die Gegend ward freier, und jetzt lief mein Weg in eine Straße ein, an deren Seiten das Gras sich viele Yards weit niedergetreten und zerstampft zeigte. Jetzt wußte ich, daß ich auf der rechten Spur war. Hier war Cavallerie passirt, ein Truppentheil, von welchem unsere kleine Armee noch fast nichts wußte, und nur der Gedanke an unsere von lauter gedienten Kanonieren prächtig bediente Artillerie vermochte einen beunruhigenden Gedanken an diese Ueberlegenheit des Feindes in mir niederzuschlagen. Ich richtete mich jetzt gerade auf und schritt vorwärts, als strebte ich nur dem Ziele meiner Wünsche entgegen, denn jeden Augenblick konnte ich irgend einer Begegnung gewärtig sein, in welcher nur mein äußeres Auftreten den Maßstab für meine Beurtheilung abgeben mußte. Nach wenigen Minuten wich der Wald ganz zurück, und ein Backsteinhaus von dichtbelaubten Obstbäumen umgeben, ein Garten mit zierlichem Stacket und eine weite Fläche eingezäunter Felder dahinter zeigten sich. Eine hölzerne Piazza schien rings um das Gebäude zu laufen, und zwischen den großblätterigen Schlingpflanzen, welche die Giebelseite erklettert hatten, ließ sich ein offenes Fenster erkennen. Es zeichnete sich inmitten des Grün und der lautlosen Ruhe umher wie ein Bild des sicheren Friedens ab, so daß ich fast an der Nähe der Secessionisten, von deren Gewaltthaten in unserm Lager die schauerlichsten Geschichten cursirten, zu zweifeln begann. Ich war unwillkürlich stehen geblieben; im gleichen Augenblicke aber rief mich auch unfern von mir eine Stimme in Englisch an: „Halt dort, mein Bursche, ich möchte wissen, wohin die Reise gehen soll!“ und zugleich sprang leicht über die nächste Einzäunung eine der kräftigen Gestalten, wie man sie so häufig im Innern des Landes trifft, eine schwere Büchse auf der Schulter. Ich sah, daß die Zeit, meine Rolle zu spielen, bereits begann.

„Haben Sie im Lager Geschäfte?“ fragte er endlich mit einem Blicke voll wachen Mißtrauens, „es heißt, die Deutschen stehen nur etwa drei Meilen von hier!“

„Weiß es, Sir,“ nickte ich so ruhig als möglich, „habe sogar die Vorposten gesehen, bin ihnen aber aus dem Wege gegangen, um nicht examinirt zu werden.“

[175] „Mir scheint aber, trotz Ihres geläufigen Englisch, als wären Sie selbst ein Deutscher!“ gab er mit scharfem Blick zurück.

„Mag wohl noch so etwas in meiner Sprache klingen,“ erwiderte ich, gerade auf diese Aeußerung längst vorbereitet, „meine Großeltern kamen als Deutsche in’s Land, und meiner Mutter ist die Deutsche bis zu ihrem Tode anzuhören gewesen. Das Alles hat aber mit mir nichts zu schaffen. Ich bin in Laclede County geboren, bin schon als Junge ein guter Demokrat gewesen und wünsche jetzt, daß die Republikaner, Deutsche, Irische oder Amerikaner, zur Hölle gehen – das ist Alles!“

„Und wahrscheinlich wollen Sie sich da jetzt den Truppen des Governor anschließen?“ fragte er mit einem lauernden Lächeln.

„So ist es, Sir!“ versetzte ich bestimmt, „vorausgesetzt, daß ein Gewehr für mich übrig ist. Was noch auf der Farm zu nehmen war, habe ich mitgebracht – zwei Hühner und ein Dutzend Eier für den Gov’rnor oder den General – Andere mögen mehr gethan haben, aber ich hatte nichts Besseres.“

Er sah mich noch immer wie halb unsicher an. „Well, Sir, die Abkömmlinge von Deutschen haben im Lügen meist die wenigste Fertigkeit,“ sagte er endlich langsam, „es giebt auch deren so Manche hier herum, die scharf zur guten Sache des Südens stehen, und so will ich Ihnen glauben. Wir gehen allerdings denselben Weg, und habe ich Sie hier examinirt, so erspart Ihnen das viele Worte bei unserer Ankunft!“ Er warf die Büchse über die Schulter, winkte mir den Weg fortzusetzen und schritt dann, immer einen Fuß zurück, an meiner Seite her. Ich aber betrachtete diese Begegnung als ein glückliches Omen für die Ausführung meines Vorhabens; durch ihn schon halb legitimirt, konnte mich ein besonderer Verdacht kaum mehr treffen, und fing ich meine Sache nur einigermaßen klug an, so konnte mir auch mein Rückzug im Laufe der Nacht nicht allzuschwer werden. „Scheint ein ganzes Theil Reiterei bei sich zu haben, der Gov’rnor,“ begann ich nach einer kurzen Weile schweigsamen Marschirens, wie nur um ein Gespräch zu beginnen, und deutete auf das zertretene Gras.

„Möchten wohl gern genau wissen, wie viel?“ klang es in einem so eigenthümlichen Tone zurück, daß ich mich rasch umwandte und mit meinem Manne wieder plötzlich Aug’ in Auge stand.

„Warum nicht, wenn Sie mir’s sagen können?“ erwiderte ich ruhig, „ist die Frage nicht erlaubt?“

„Sie tragen mir nur zu feine Hemden für einen Farmerburschen aus Laclede,“ versetzte er mit einem neuen Lächeln finstern Mißtrauens auf meinen linken Arm deutend, wo unter dem etwas zu kurzen Rockärmel die Manschette meines Hemdes herumgekrochen war, und es bedurfte in diesem Momente aller meiner Selbstbeherrschung, um keine Verlegenheit zu zeigen. Indessen half mir das Bewußtsein, mit welchem ich ausmarschirt, nur durch dreiste Lügen zu meinen Zwecke gelangen zu können, rasch zu völliger innerer Fassung. Bei dem früheren Worte meines Begleiters: daß er mir glauben wolle, weil die Abkömmlinge von Deutschen im Lügen keine Fertigkeit besäßen, war mir es allerdings wie eine Art Scham in der Seele aufgestiegen; indessen führten wir Krieg gegen einen Feind, der keine Rücksicht irgend welcher Art gegen uns kannte, der harm- und wehrlose Deutsche in St. Louis mit der scheußlichsten Brutalität gemordet, den unionstreuen Landbewohnern Nachts die Häuser angezündet und mit einer unglaublichen Rohheit überall dem einfachsten Menschenrechte Hohn gesprochen hatte; wir führten Krieg gegen wilde Raubthiere, in welchem jedes Mittel zum Zweck ein erlaubtes und ehrenhaftes war. „Wissen Sie wohl,“ sagte ich, meinen Rockärmel aufstreifend und die Manschette ruhig wieder zurückschlagend, „daß ich versucht war, Sie Ihrer vorigen Aeußerungen halber ebenfalls für deutsch-amerikanisches Blut zu halten? Ich habe mich freilich geirrt, denn sonst müßten Sie wissen, daß die meisten der alten deutschen Einwanderer im Staate den gebildeten Ständen angehört und daß sie auch hier ihren Kindern und Enkeln immer die bestmöglichste Erziehung gegeben haben. Ich selbst habe vor Jahren das College in St. Louis besucht, und wenn ich jetzt ein anständiges Hemd trage, so geschieht das, weil ich es so gewohnt bin. Meine Kleider sind schlecht, aber ich wollte mir bessere nicht unterwegs möglicherweise vom Leibe ziehen lassen. Im Uebrigen habe ich mit Ihnen nichts zu thun, sondern nur mit dem General oder dem Governor, dem ich meine Hühner und Eier bringe!“ Ich wandte mich mit einer Bewegung des Unmuths ab, rasch weiter schreitend, und wortlos folgte mein Begleiter.

„Gut, Sir, Sie mögen richtig gerathen haben, ich bin selbst von deutschen Großeltern,“ begann er nach einer Weile, als wolle er damit von mir eine neue Aeußerung herausfordern; mir aber schien es am gerathensten mich nicht in weitere, zu tiefe Untersuchungen einzulassen.

„Sie sagen es, und somit ist es gut,“ erwiderte ich, ohne meinen Schritt anzuhalten, „ich aber habe in Ihrer Weise gegen mich noch nichts davon gemerkt!“ Von da an fiel kein weiteres Wort zwischen uns, bis wir nach Verlauf von vielleicht einer Viertelstunde eine weite, waldlose Hochebene erreicht hatten und den Schein einzelner Feuer in kurzer Entfernung sich wundersam mit dem Lichte des Mondes mischen sahen. Noch funfzig Schritte weiter, und ein kräftiger Anruf erfolgte. „All right!“ gab mein Begleiter zurück und schritt mit einem Winke an mich, stehen zu bleiben, auf den Posten zu, welcher hinter einem Busche des eigenthümlichen hohen Unkrauts aufgetaucht war. Nur wenige Worte tauschten Beide aus, dann ward ich herangewinkt und unter dem musternden Blicke des Streiters für die Südrechte, welcher übrigens in seinem verlumpten Aeußern meine bisherige Vorstellung von dem „Gros“ der Secessionsmacht völlig bestätigte, folgte ich meinem jetzt rasch den Feuern zuschreitenden Führer. Sobald wir den ersteren nahe genug waren, um etwas zu erkennen, gingen alle meine Sinne in mein Auge über. Ich hatte den Blick über das ganze Lager und strebte schon jetzt, mir eine Idee über die ungefähre Stärke des Feindes zu machen; war ich einmal in das Gewühl vor uns gerathen, so fand sich, wenn ich nicht verdächtigende Fragen thun wollte, vielleicht keine Gelegenheit zu einer annähernd richtigen Schätzung des Ganzen wieder.

Links hinüber konnte ich deutlich zwischen den Lagerfeuern die Reihen der Pferde, deren Wiehern bis zu unseren Ohren drang, sehen, und die ganze Aufstellung sagte mir, daß der Oberbefehl in völlig kriegserfahrener Hand liegen müsse. In bedeutend größerem Umfange als das uns’rige breitete sich das übrige Lager aus, von dem ein wildes Summen, hier und da durch lautere, schnell verhallende Rufe übertönt, herüber klang; jetzt sah ich auch grobes Geschütz im Feuerscheine glänzen – zwei Stück waren indessen Alles, was ich trotz scharfen Suchens zu entdecken vermochte, und in dem Drange, mir Gewißheit über die Stärke dieser Waffengattung zu verschaffen, wandte ich mich nach meinem Begleiter. „Ein paar von den Brummern dort mehr, Sir, könnten eigentlich nichts schaden!“

Der Angeredete drehte mir rasch die gerunzelte Stirn zu. „Ihnen aber könnten dergleichen vorlaute Worte schaden, Sir; Sie haben ein merkwürdig rasches Auge für einen ruhigen Farmer.“

Ein lautes: „Halloh, Charley, wen haben wir denn hier?“ in unserem Rücken schnitt meine Antwort ab, und im nächsten Augenblicke waren wir von fünf oder sechs Bewaffneten, welche allem Anscheine nach von einer Patrouille zurückkehrten, umringt; der Führer derselben aber, eins der echten Raufbold- und Vagabondengesichter, wie sie an der Mississippi-Landung in St. Louis zu Hause sind, und der sich von den dortigen Gestalten nur durch sein Gewehr unterschied, legte die breite knochige Hand fest auf meine Schulter. Es zuckte in mir, den Griff von mir zu weisen, aber noch zeitig genug bezwang ich die unwillkürliche Regung.

„Bin selbst noch nicht ganz im Klaren!“ erwiderte mein bisheriger Begleiter, während sein Gesicht indessen ein halbes Mißbehagen über die vertrauliche Begegnungsweise des Andern zeigte, „er will aus Laclede County sein und hat Eier und Hühner für den General oder Governor im Sacke!“

„Halloh, halloh, Eier und Hühner!“ lachte plötzlich der Patrouillenführer in der rohen Weise seines Gelichters auf, während seine Hand mit festerem Drucke meine Schulter faßte, „ich sage, Charley, das Kind ist verdächtig, sonst müßte es wissen, daß die getreue Missouri-Bevölkerung weder den Governor noch den General an solchen Leckerbissen Mangel leiden läßt, während die Armee freilich in alten Speck und verdorbenes Pökelfleisch beißen muß. Ich schlage vor, wir examiniren ihn selber gründlich, geben ihm nach Befinden, was ihm gehört, und berechnen ihm, was er bei sich hat, als Gebühren des Kriegsgerichts!“

[190] „Ich denke aber anders, Sir, und bitte Sie, den Mann gefälligst frei zu geben!“ erwiderte mein bisheriger Begleiter zu dem Patrouillenführer, seine Augen unmuthig zusammenziehend. „Er ist freiwillig nach unserm Lager gekommen, hat sich meinem Schutze anvertraut, will in unsere Reihen treten, und Niemand soll sagen, daß ihm bei uns ungehörige Gewalt angethan worden ist. General Price soll selbst über den Mann entscheiden!“

Ein häßlicher Zug legte sich um den Mund des Ersteren. „O, Sie kommen eben von einem guten Abendbrod aus Ihrem eigenen Hause,“ sagte er; „wenn ich aber den Mann für verdächtig halte, so werden Sie hoffentlich nichts dagegen haben; ich meine, ich habe das Gesicht schon einmal gesehen und nicht in Laclede County. Denken Sie doch nur daran, daß Sie sich selber nicht verdächtig machen – Mr. Werner!“ Der Sprechende legte einen so besondern Accent auf den deutschen Namen, daß mir es sofort klar wurde, wie dieser schon hinreiche, um unter den Secessionisten ein volles Vertrauen zu schwächen; zugleich aber wußte ich nun auch, daß der Träger dieses Namens zu den Angehörigen jenes Hauses gehöre, das mir durch die Sauberkeit und Ordnung seiner Umgebung so aufgefallen.

„Well, Sir,“ sagte ich mit Bestimmtheit, der Antwort meines Begleiters zuvorkommend, „ich werde meinen Weg zum General finden, mögen Sie mich jetzt hier auch festhalten und ausrauben; dann aber werden wir ja erleben, was Die zu erwarten haben, die mit dem besten Willen nach dem Lager kommen. Ich bin auch von deutscher Abstammung, Sir, heiße Reuter, und wenn Sie etwas Weiteres wissen wollen, so habe ich ein Paar tüchtige Fäuste, die ihren Mann zu vertheidigen wissen – hoffentlich werden ja wohl nicht Alle hier den Dieb an mir machen wollen!“ und im gleichen Augenblick hatte ich mich mit einem kräftigen Ruck seiner Hand entzogen, mich ihm mit vorgehaltenen Fäusten gegenüberstellend. Ich wußte, daß mit dieser Art Leuten in ihrer eigenen Sprache geredet werden mußte, wollte man etwas bei ihr erzielen, und daß ein Zurückweichen ihre oft feige Brutalität nur verstärkte – hier indessen schien ich fehlgegriffen zu haben. „Sei verdammt für den „Dieb“!“ schrie der Mensch auf, während er das Gewehr an die Backe riß; im nämlichen Augenblicke aber hatte auch mein Begleiter schon die Waffe in die Höhe geschlagen, während sich zwei Mann aus der Patrouille zwischen uns warfen. „Halt, Stevens, halt, es scheint ein braver Kerl zu sein; der General könnte uns schon um der Hühner willen schlimm heimleuchten!“ hörte ich in einzelnen abgerissenen Rufen, und Stevens senkte mit einem giftigen Blicke das Gewehr. „Gut, so kommt er mit uns nach dem Lager,“ sagte er nach einem kurzen sichtlichen Kampfe mit sich selbst, „aber verdammt will ich sein, wenn ich das Gesicht nicht kenne, und Gnade ihm Gott, wenn nicht Alles richtig mit ihm ist!“ Er gab seiner Mannschaft einen kurzen Befehl, mich zwischen sich zu nehmen, und so setzten wir uns im Geschwindschritt dem Lager zu in Marsch.

Nach kaum fünf Minuten wurden die Gruppen um die nächsten Lagerfeuer deutlich erkennbar, und ich gestehe ehrlich, daß vor dem Ernste meiner Lage, die erst jetzt recht deutlich vor mich trat, mir das Herz stärker zu schlagen begann. Wohin ich auch blickte, konnte ich nur ähnliches Gesindel, wie das, zu welchem mein augenblicklicher Hüter gehörte, entdecken, Menschen, die sich im Kampfe wohl eben so todesverachtend zeigen würden, wie sie dies bei jeder Massen-Schlägerei mit Messer und Revolver zu thun gewohnt waren, in denen aber kaum ein anderes Gefühl als die Rohheit der Bestie leben mochte, und die sich wohl auch nur aus der Lust an blutigen Raufereien dem jetzigen Kampfe gegen die „damned Dutchmen“ – denn in Missouri war der Krieg gleich beim Beginn zu einem Kampfe der deutschen und amerikanischen Nationalitäten ausgeartet – angeschlossen hatten. Kartenspiel und Flüche, hier und da wohl auch ein Lustigmacher, der einen Negertänzer nachäffte, schienen die einzige Unterhaltung abzugeben, und erst als wir, ohne besonders beachtet zu werden, fast bis zur Mitte des Lagerplatzes gelangt waren, begann sich der wüste Lärm, welcher uns bis dahin begleitet, zu legen; ich sah die Uniform einiger regelmäßigen Miliz-Compagnien aus St. Louis, zu welchen nur Vollblut-Amerikaner gehörten, erscheinen; dann öffnete sich ein weiter Raum, in dessen Mitte ein einzelnes Lagerfeuer loderte, und zwanzig Schritte vor dem letzteren wurde gehalten, während der Patrouillenführer und mein anfänglicher Begleiter sich von uns lösten, um dem Feuer zuzuschreiten.

Ich hatte volle Zeit, um meine Gedanken zu ordnen. Jedenfalls waren wir in der Nähe eines der höhern Officiere, und der Haupttheil meiner Rolle begann; wie ich aber, selbst wenn ich ohne Verdacht blieb, mich unbemerkt aus der Mitte dieser lagernden Menge stehlen sollte, erschien mir für den Augenblick noch unerklärlich; geradezu unmöglich aber ward die Aufgabe, wenn ich als verdächtig beobachtet wurde, wozu dieser Stevens die beste Neigung zu haben schien. Indessen sollte ich mich nicht lange mit unnützen Grübeleien zu quälen haben. Stevens erschien wieder und forderte mich mit einem barschen Winke zum Folgen auf. Vor das Feuer war jetzt ein Officier in reicher Uniform, von einigen gleichfalls uniformirten Begleitern umgeben, getreten; was die Rückseite des Feuers barg, deuteten mir nur die ab- und zugehenden Ordonnanzen von den St. Louiser Miliz-Compagnien an – keinesfalls hatte ich es in dem mich Erwartenden mit dem General Price selbst zu thun.

Mein Examinator war ein echter Südmann mit bleichen Zügen, dunkelm Haar und Barte und schwarzen, blitzenden Augen, welche bei meiner Annäherung auf mir ruhten, als wollten sie in das Geheimste meiner Seele dringen. „Was hat Sie in’s Lager geführt, Sir?“ fragte er kurz.

„Dasselbe, was auch wohl Andere hierher gebracht, Sir,“ erwiderte ich, meiner Stimme die möglichste Festigkeit gebend; „ich habe die letzten Hühner und Eier von unserer Farm genommen, um sie dem General zu bringen und nebenbei zu fragen, ob hier ein Gewehr für mich übrig ist!“

[191] „Sie sagen, daß Sie aus Laclede County sind?“ klang die zweite Frage.

„So ist es, Sir, nicht weit von Oakland!“

„Und was haben Sie dagegen zu sagen?“ wandte sich der Examinirende an den Patrouillenführer, „mir scheint die Sache sehr einfach!“

„Ich habe zu sagen, Colonel,“ erwiderte Stevens, während ein häßliches Lächeln sein Gesicht verzog, „daß sich Einer leicht ausgeben kann, für was er Lust hat; daß ich aber das Gesicht hier von St. Louis her kenne, wenn ich auch nicht gleich weiß, wohin es gehört; daß der Mann ein Deutscher ist, und daß ich deshalb vermuthe, er kommt nicht von Laclede, sondern vom General Lyons, den Gott verdammen möge!“

Ein rascher, finsterer Blick des Officiers traf mich. „Sie haben das gehört, Sir?“

Ich vermochte es, trotzdem mir innerlich Alles wie zugeschnürt war, geringschätzig mit den Achseln zu zucken. „Ich denke, Sir, das Gesicht des Mannes hier, oder wenigstens ganz ähnliche zu kennen, die in St. Louis als die Levee[1]-Ratten bekannt waren – ich war nämlich dort auf dem College, Sir, – und daß ich mich nicht getäuscht, beweist, daß der Mensch seiner eigenen Mannschaft den Vorschlag machte, mir vor dem Eintritt in’s Lager abzunehmen, was ich trug, und sich dann meiner auf irgend eine Weise zu entledigen.“

„Ich kann das Letztere bezeugen, Colonel, wenn ich auch sonst keinerlei Art von Bürgschaft für den Mann übernehmen mag!“ wurde jetzt die Stimme meines frühern Begleiters, der seitwärts des Feuers im Schatten gestanden, laut, und nach einem raschen Blick auf den Sprechenden nahm das sich meinem Ankläger wieder zuwendende Gesicht des Officiers einen eigenthümlichen Ausdruck von Widerwillen an. Ich meinte völlig in seiner Seele, welche die eigenen erbärmlichen Werkzeuge zur Erringung der sogenannten südlichen Rechte verachtete, lesen zu können und sah zugleich, daß meine Sache wenigstens für den Augenblick gewonnen war. „Haben Sie der eben bezeugten Angabe etwas zu entgegnen?“ fragte er kurz, als thue ihm jedes zuviel gesprochene Wort leid, und als Stevens nur mit einem ingrimmigen Blicke auf mich antwortete, wandte er sich nach dem Nächststehenden seiner Umgebung. „Ich sehe hier durchaus keinen Grund für einen ängstlichen Verdacht. Lassen Sie den Mann abgeben, was er für den General bestimmt hat, und bringen Sie ihn dann zu der übrigen neuen Mannschaft nach der Reserve!“ Dann nickte er mir kurz zu. „Ist Ihre Gesinnung wirklich die, welche Sie zu erkennen gaben, so sei Ihnen hiermit für Ihren Patriotismus gedankt; im andern Falle aber mögen Sie auch versichert sein, daß Sie beim ersten unrechten Schritte eine Kugel im Nacken haben werden!“ Er schritt wieder nach der Rückseite des Feuers; ich aber gab meine Hühner und Eier ab und sah mich darauf zu meiner großen Erleichterung nach einem der äußersten Enden des Lagers geführt, wo zwar die Feuer so hell wie überall brannten, die träge Ruhe indessen, in welcher die Mannschaften darum her lagerten, die Neulinge in dem begonnenen Kriegsspiele verrieth. Schon meinte ich, als der mich begleitende Officier einen langsam zwischen den Gruppen umherschreitenden Bewaffneten anrief, jeder Hauptgefahr entronnen zu sein, als plötzlich eine Stimme meinen Namen nannte und zugleich ein junger Mann vom nächsten Feuer aufsprang. „Reuter, by devil, old fellow, was bringt denn das Schaf unter die Böcke – und was by Jingo soll denn die Maskerade? Ist der Lieutenant seinen Landsleuten heimlich entwischt, um zur richtigen Fahne zu schwören?“

Mir war es bei den ersten Lauten geworden, als solle mir das Herz stillstehen, dann aber, als ich in kurzer Entfernung die Stimme von Stevens hinter mir hörte, packte mich das volle Entsetzen. Ich war im letzten Jahre in einem der großen Speditionshäuser in St. Louis gewesen, wo Stevens, der wie die Meisten seines Gleichen sein Brod als Lastträger an der Landung erwarben haben mochte, mich wohl oft gesehen hatte; der junge Mann aber, welcher mich jetzt angerufen, war Clerk in einem benachbarten Handlungshause gewesen, kannte mich genau und hatte, so wie ich, beim Schluß aller Geschäfte zum Gewehr gegriffen, nur daß ich auf Seite der Deutschen, er aber als Amerikaner auf der seiner Landsleute stand. Mein Betrug mußte jetzt unter allen Umständen offenkundig werden, und der frühere Freund hatte mich, wenn auch wohl wider seinen Willen, an den Strang geliefert. Ich sah noch, wie seine Züge eine plötzliche Betroffenheit über mein wahrscheinlich aschenbleich gewordenes Gesicht ausdrückten, hörte noch, wie der mich begleitende Officier in einem so eigenthümlichen Tone, daß er mir wie ein scharfes Messer in’s Herz fur, ausrief: „O Jim, Sie kennen den Gentleman?“ dann aber hatte ich nur den einen Gedanken, daß hinter den beiden nächsten Feuern sich die freie, mondhelle Nacht zeigte und daß kaum zweihundert Schritte von uns sich eine scharfe Waldecke in die Ebene hineinzog; wußte zu gleicher Zeit, daß ich nicht einen Augenblick in meinem Handeln zögern durfte, wenn ich überhaupt noch an Rettung denken wollte, daß es galt, durch Ueberraschung zu wirken und dann um mein Leben zu laufen; wurde ich dabei auch niedergeschossen, so entging ich doch dem Strange – und kaum hatte der Officier das letzte Wort gesprochen, als ich auch mit einem Satze, zu dessen Weite mir sicher nur die Todesangst die nöthige Kraft verlieh, aus der Mitte meiner Umgebung war und gerade zwischen der an ihren Feuern lagernden Mannschaft hindurch die freie Ebene gewann.

Ich flog wie ein gehetztes Wild der mir zum Ziele genommenen Waldecke zu, und zwei Secunden blieb Alles still hinter mir; dann aber klang es um so wilder: „Ein Spion! haltet den Spion!“ – ich erkannte deutlich die rauhe Whiskeystimme von Stevens – und: „haltet den Spion!“ schrieen zwanzig Stimmen nach. Kurz vor mir tauchte in diesem Momente eine Gestalt auf – ein Mann der Postenkette; aber er war von mir überrannt, ehe er sich das ganze Ereigniß wohl noch klar gemacht; ein Schuß knallte hinter mir, ein zweiter und dritter folgte nach; aber ich fühlte mich unverwundet und flog weiter – wäre hinter mir nicht die neuangeworbene, zum größten Theil noch unbewaffnete Mannschaft gewesen, so hätte mich wohl ein schlimmeres Loos getroffen; indessen sah ich im Geiste das ganze Lager alarmirt, sah Stevens wie einen Bluthund an meinen Fersen hängen und wußte, daß selbst der Wald mich kaum vor meinen Verfolgern werde retten können, wenn nicht irgend ein glückliches Ungefähr zu meinen Gunsten entschied. Da war ich, ohne nur einen einzigen Rückblick gewagt zu haben, zu den Bäumen gelangt, welche mich wenigstens vor ferneren Schüssen sichern mußten; aber eine plötzliche Täuschung lähmte mir jetzt fast jede Muskel. Was ich im Mondschein für die Ecke des Waldes gehalten, war nichts als eine Gebüschgruppe von geringem Umfange, auf deren entgegengesetzter Seite ich das helle Mondlicht hereinbrechen sah – weit hinüber erst lag der eigentliche Wald und dazwischen nur die offene, schutzlose Hochebene, das sah ich, als ich mich rasch durch das Gestrüpp gearbeitet und die letzten Bäume erreicht hatte. In geringer Entfernung hinter mir klangen gelle Rufe, jeder Moment Zögerung mußte mich meinen Verfolgern überliefern, aber mitten in der fliegenden Erregung von Leib und Seele sah und dachte ich wunderbar klar und ich war auch, noch ehe nur einer meiner Schritte gezögert, mit meinem Entschlusse fertig geworden. Rechts hinüber lag die Straße, auf welcher ich gekommen, und die ich wieder zu gewinnen hatte, wenn ich nicht in völlig unbekannte Gegenden gerathen sollte. Das Gebüsch mußte dabei für kurze Zeit die veränderte Richtung meiner Flucht verbergen, und wurde sie dann auch entdeckt, so hatte ich wenigstens ebenso schnelle Füße und eine so ausdauernde Lunge, wie irgend einer meiner Feinde. Hinüber ging es, wo der auseinander laufende Wald mir ein deutliches Merkmal meines früheren Weges gab; noch machte ich aber keine zweihundert Schritte weit sein, als lautes Geschrei hinter mir verkündete, daß ich auf der kahlen, mondbeglänzten Fläche entdeckt worden sei. Vom Lager herauf hätte mir jetzt der Weg abgeschnitten werden können, und ich warf einen raschen, angstvollen Blick nach dieser Richtung; als sich hier aber nirgends die Spur neuer Verfolger zeigte, machte ich mich zu dem langen Wettlaufe, der jetzt unausbleiblich erfolgen mußte, fertig, und die jetzt auftauchende Möglichkeit, nach erreichter Absicht entrinnen zu können, goß mir völlig neues Leben in die Glieder.

Von hier ab weiß ich eigentlich nur, daß ich meine frühere Straße erreichte und sie, wie magnetisch von ihr festgehalten, in einem Laufe verfolgte, unter dem mir nach verhältnißmäßig kurzer Zeit die Brust zu springen drohte; die Klugheit hätte mir gebieten müssen, den seitwärts liegenden Wald zu gewinnen, aber ein unbezwingbarer Drang jagte mich vorwärts, dem Lager der deutschen Cameraden entgegen; dazu war es mir, als könne ich durchaus nicht fern von dem Punkte sein, an welchem der auseinandergetretene [192] Wald sich an der Straße vereinigte und mir ohne die Nothwendigkeit eines Richtungswechsels eine Deckung gewähren mußte, aber ich fühlte bereits, daß ich anhalten müsse, um neuen Athem zu gewinnen, fühlte meine übrigen Kräfte ermatten, und noch konnten meine Augen, über welche es sich jetzt wie dicker Flor zu legen begann, nirgends vor mir das schützende Gebüsch entdecken. Da, eben als ich daran dachte, einen nothgedrungenen kurzen Halt zu machen, führte die Luft einen Klang in meine Ohren, der plötzlich ein Gefühl wie Verzweiflung in mir wach werden ließ, den Klang flüchtig herangaloppirender Reiter – meine Verfolger hatten es aufgegeben, mir zu Fuße nachzusetzen, wußten aber nur zu gut, daß sie zu Pferde mich in der von mir eingeschlagenen Richtung auf dem offenen Terrain völlig einzukreisen vermöchten. Vielleicht wäre es mir bei dem gewonnenen Vorsprung noch immer möglich geworden, den entfernt von der Straße an beiden Seiten sich hinziehenden Wald zu erreichen, wenn nur meine Kräfte frisch gewesen wären; so aber war ich zum Tode erschöpft und einen Augenblick fragte ich mich, ob es nicht das Beste sei, mich von den heransprengenden Pferden geradezu unter die Hufe treten zu lassen, um aller Qual, die mir vom Augenblicke meiner Gefangennahme bis zum Tode durch den Strick bevorstehen mußte, zu entgehen. – Da blitzte etwas in der Entfernung vor mir auf, nur mechanisch hatte sich mein Blick hingewandt, aber er blieb jetzt fest an einem bekannten Gegenstande hängen – kaum zweihundert Schritte vor mir lag das Haus mit seinen Umzäunungen, welches schon beim Hermarsche meine Aufmerksamkeit erregt – die Heimath meines Stammgenossen Werner, der jetzt wohl einer der Eifrigsten in meiner Verfolgung war, – aber dennoch meine einzige Zuflucht, wenn ich meinen Feinden, deren Herankommen mit jeder Secunde deutlicher hörbar wurde, mich nicht widerstandslos in die Hände liefern wollte. Der Obstgarten war dicht belaubt, aber er mußte der erste Ort der Nachsuchung werden, sobald ich hier vor den Blicken der Nachsetzenden verschwand; ich verwarf die Wahl dieses Verstecks schon mit dem ersten Gedanken daran; dagegen stand das offene dunkele Fenster, das ich zwischen den Schlinggewächsen an der Giebelseite des Hauses bemerkt, wie eine lebendige Schutzverheißung vor meiner Seele; dem Anscheine nach führte es nach einem Corridor oder einem andern unbewohnten Raum; die Piazza, nach welcher es sich öffnete, war leicht zu erklimmen, und im Hause selbst suchte man mich sicher am wenigsten – alle diese Vorstellungen aber waren nur wie einzelne Blitze durch mein Gehirn geschossen, während ich mit dem Aufwande meiner letzten Kräfte die Entfernung zwischen mir und dem Gebäude zurückzulegen strebte. Sobld ich die erste Feldeinzäunung erreicht, nahm ich diese zur Deckung, um mich möglichst den Bicken der Folgenden zu entziehen; ich erreichte das Haus, ich huschte zwischen den Obstbäumen hindurch, und ein Blick nach oben zeigte mir das einsame Fenster noch geöffnet. Zugleich ward zwar auch der laute Ruf eines der mir Nachsetzenden in solcher Nähe von der Straße laut, daß ich kaum mehr hoffte, Zeit zum Erklimmen der Piazza gewinnen zu können; eine aus größerer Entfernung klingende Antwort aber zeigte mir, daß meine Verfolger über den von mir eingeschlagenen Weg unsicher geworden sein mußten. Noch einmal erwachte bei dieser Erkenntnis ein Rest von Kraft in meinen Muskeln, der mir es ermöglichte, an einem der Pfeiler die kurze Höhe der Piazza zu gewinnen; als ich aber mit der Hast der Todesangst durch die enge Oeffnung, welche das aufgeschobene Fenster bildete, mich gewunden und den innern Raum erreicht hatte fühlte ich, daß meine Sinne mir vergehen wollten, und unfähig mich aufrecht zu erhalten brach ich in die Kniee.

Aber eine helle, kräftige Mädchenstimme riß mich plötzlich aus meiner halben Betäubung wieder empor. „Wer ist hier?“ klang es, „rasche Antwort, oder ich schieße!“ und erst jetzt sah ich im hereinfallenden Scheine des Mondes, daß ich in ein Zimmer gerathen war, in dessen Hintergrund sich in einem weißen Bette eine Gestalt aufgerichtet hatte, welche so eben mit der Bewegung voller Entschlossenheit einen Taschen-Revolver auf mich anschlug.

„Um Gotteswillen, Miß! wenn Sie nicht einen Menschen kaltblütig hinschlachten lassen wollen, so schweigen Sie!“ rief ich, in diesem Augenblicke nur an meine eigene dringende Gefahr denkend; „ich bin unter die Secessionisten gerathen, sie halten mich für einen Spion, und wenn Sie mich ausliefern, bin ich in einer halben Stunde ein todter Mann!“

Ihre Waffe senkte sich vor meiner athemlosen Sprache und abgehetzten Erscheinung, ich sah, wenn auch noch halb wie durch einen Schleier, wie ihr großes dunkeles Augenpaar scharf auf mir ruhte. „Wer sind Sie? aber sprechen Sie Wahrheit auf jede Gefahr hin,“ sagte sie mit gedämpfter Stimme, welche dennoch nichts von der eigenthümlichen Bestimmtheit ihres Tones nahm.

[204] Ich hatte keinen Grund mehr, etwas zu verschweigen, was bereits im Secessionslager bekannt war; es gewährte mir aber jetzt fast eine Art Wollust, mich dieser kräftigen Mädchenseele, die im Drange der Umstände nicht einmal die eigenthümliche Lage, in welcher sie sich einem jungen Manne gegenüber befand, zu beachten schien, auf Gnade oder Ungnade zu ergeben. „Ich bin Officier [205] unter General Lyons, Miß,“ erwiderte ich ohne Zögern, „ich weiß, daß ein Angehöriger dieses Hauses sich zu der Macht des General Price geschlagen hat; aber wenn deutsches Blut in Ihnen fließt, wie ich es vermuthe, so weiß ich, daß Sie, Miß, einen todtmatten, deutschen Flüchtling nicht seinen Feinden und einem ehrlosen Tode preisgeben werden!“

Ich hatte die letzten Worte in fliegender Hast gesprochen, denn ich hörte in dem Obstgarten, aus welchem ich mich heraufgeflüchtet, eilige Männertritte die dürren Zweige am Boden zertreten. Ich hatte kaum geendet, als auch schon außen eine Stimme laut wurde, und ich erkannte nur zu gut das eigenthümliche Organ von Stevens: „Entweder hat ihn die Erde verschlungen, oder er hat sich dort oben in das Fenster hineingemacht – hier ist nirgends ein Loch, das ihn verbergen könnte.“ „Werden bald wissen, woran wir sind,“ klang eine andere Stimme; „zwei Mann hierher zur Beobachtung des Fensters und des hintern Theils des Hauses, zwei Mann zur Besetzung der Thür, und wir hier werden den Fuchs aus dem Baue holen, wenn er überhaupt darin steckt.“

Zwei Secunden darauf ertönten kräftige Schläge gegen die Hausthür, und das Mädchen hob mit einer raschen Bewegung den Arm. „Dort hinein, Sir!“ rief sie, auf eine schmale Seitenthür zeigend; „legen Sie sich für alle Fälle auf den Boden, decken Sie über sich, was Sie finden mögen, und rühren Sie sich nicht, bis ich Sie selbst aus dem Versteck hole!“

Ich ließ mir den Wink nicht zum zweiten Male geben; sicher, daß sie den besten Willen hatte, meine Rettung zu vollbringen, öffnete ich im Fluge die Thür zu einem kleinen Raume, welcher nur durch eine handgroße Scheibe im Dache einen schwachen Schein des Mondes empfing und den Garderobe-Raum für die Zimmerbewohnerin vorzustellen schien; ich stieß auf eine große Kiste, hinter welcher die schiefe Neigung des Daches einen leeren Raum bildete; dort hinter kroch ich und durfte mich hier jedenfalls so lange für sicher halten, als nicht die genaueste Untersuchung meines Verstecks angestellt wurde; kaum aber lag ich auf dem Boden, als ich auch schon in den untern Räumen meine Verfolger in lebhaftem Gespräche mit einem Manne, der ihnen jedenfalls das Haus geöffnet hatte, hörte, und bald darauf wurden die schweren Tritte mehrerer Personen auf der heraufführenden Treppe laut. Vor der Thür, welche zu dem Zimmer meiner Beschützerin führte, hielten sie an, und es ward plötzlich still. Dann klang ein rücksichtsvolles Klopfen und: „Maggy, Maggy!“ tönte es.

„Was ist es, Vater, was bedeutet der Lärm im Hause?“ gab das Mädchen mit vollkommen ruhiger Stimme zurück.

„Maggy, Du mußt für einige Minuten öffnen; es soll sich ein deutscher Spion in dein Zimmer geflüchtet haben, und die Gentlemen, die ihn verfolgt, bestehen auf einer Untersuchung!“

„Vater, ich bin im Bette, aber seit einer halben Stunde wach und weiß, daß in meinem Zimmer sich nichts außer mir befindet; sag’ ihnen das, und sie werden ihre Untersuchung nicht auf das Schlafzimmer einer jungen Lady ausdehnen wollen!“

Ein lebhaftes Gemurmel drang zu meinen Ohren, dann klang des Vaters Stimme mit größerer Bestimmtheit wieder. „Es hilft nichts, Maggy, wir leben in Kriegszeiten. Wirf rasch etwas über und sei überzeugt, daß mit voller Schonung verfahren werden wird!“

„Eine Minute Geduld denn, wenn es durchaus sein muß!“ rief Maggy und ich hörte den Fuß des Mädchens leicht den Boden berühren. Bald darauf schnappte der Riegel im Schlosse zurück, zugleich aber rief sie: „Nur noch zwei Secunden, dann mögen Sie eintreten!“

Sie war flüchtig nach meinem Versteck geeilt, die Thür desselben weit offen lassend, und rief leise: „Wo sind Sie?“

„Hier!“ gab ich ebenso zurück, und im nächsten Augenblicke hatte sie Platz auf der Kiste genommen, mit ihrer Umhüllung den Zwischenraum nach dem Dache, in welchem ich lag, verdeckend; gleichzeitig wurde aber auch das Oeffnen der Zimmerthür, sowie der Eintritt meiner Verfolger laut, und ich konnte einen hereinfallenden hellen Lichtschein wahrnehmen.

„Maggy?“ rief der Vater, der sich wahrscheinlich vergebens nach ihr umgeblickt.

„Ich bin hier, Vater, kann mich aber so nicht zeigen und rechne bestimmt auf die Schonung, die mir zugesagt worden; mir erscheint dieses ganze Eindringen überhaupt als ein Verfahren, das sich von Gentlemen kaum rechtfertigen läßt!“

Es erfolgte keine Antwort darauf, und nur ein beginnendes unbestimmtes Geräusch, hier und da von einzelnen halblauten Ausrufen [206] und Flüchen unterbrochen, konnte ich wahrnehmen. – Meine körperliche Lage war schon jetzt so entsetzlich unbequem geworden, daß ich es oft wie einen Krampf durch einzelne meiner Glieder gehen fühlte, und doch wollte mir der enge Raum kaum eine Veränderung meiner Lage erlauben. Ich gedachte so eben, während die Aufmerksamkeit der Nachsuchenden sich dem Zimmer zugewandt, eine leichte Wendung zu versuchen, als die rauhe Stimme von Stevens ganz dicht an dem Eingang zur Garderobe erklang und mir fast den Athem raubte: „Hier ist noch ein Raum, und die Lady wird sich wohl der Untersuchung fügen müssen – der Bursche war hübsch genug, um allerhand Gedanken aufkommen zu lassen!“

„Halt, Sir!“ rief Maggy in eigenthümlich verändertem Tone, und zugleich hörte ich den Hahn eines Revolvers knacken. „Ich habe Gentlemen den Eintritt in mein Schlafzimmer gewährt, und wer mir hier zu nahe kommt, wo kaum Raum genug für mich ist, den schieße ich wie jeden frechen Eindringling nieder – kann mein Vater nicht die Ehre seiner Tochter vor Beleidigungen schützen, so werde ich es selbst vermögen.“

„Maggy, es wird Dir Niemand etwas zu Leide thun,“ klang die Antwort des Alten, „es ist aber Krieg, und ich will mir nicht nachsagen lassen, daß ich der Durchsuchung meines Hauses eine Schwierigkeit in den Weg gelegt hätte!“

„Gut, Vater, so frage Dich selbst, ob es eine Möglichkeit ist, daß hier Jemand noch neben mir versteckt wäre – ich habe gesagt, daß ich mich so nicht vor Männern sehen lassen kann, und Amerikaner, welche die einfachsten Rücksichten gegen ihre eigenen Ladies bei Seite setzen, verdienen keine andere Behandlung als der gewöhnliche Loafer!“

„Lassen wir es genug sein – unser Verdacht ist am Ende zu oberflächlich, um das tapfere Mädchen noch länger zu peinigen!“ hörte ich jetzt dieselbe Stimme, welche früher die Befehle zur Besetzung des Hauses gegeben hatte. „Sie glauben auf Ihre Ehre, Sir, daß die Vermuthung dieses Mannes auf einem Irrthum beruht?“

„Ich bin vom Anfange davon überzeugt gewesen, da ich meine Tochter kenne, Sir,“ erwiderte der Alte, „indessen mochte ich bei den jetzigen Zeiten Ihnen nicht das geringste Hinderniß in den Weg legen!“

„Und haben Sie keine Ahnung irgend eines Verstecks in der Nähe, wohin sich der Mensch geflüchtet haben könnte?“

„Ich sehe nicht ein, Sir, warum er sich nicht unter irgend eine Feldeinzäunung gedrückt, oder in dem hohen Unkraute nach dem Walde hinüber liegen sollte. Wenn er hier seine Richtung geändert hat, so ist doch eher alles Andere zu vermuthen, als daß er in ein Haus einsteigt, in dem er keinen Menschen kennt!“

Eine kurze Pause erfolgte, in welcher ich mein eigenes Herz schlagen hörte. „Es scheint allerdings, daß wir uns hier unnöthig aufgehalten haben,“ ließ sich dann die erste Stimme wieder vernehmen; „Verzeihung, Miß, aber die Verhältnisse drängen zu manchem sonst ungewohnten Schritte!“ Ein kurzes halblautes Gespräch von mehreren Theilnehmern trat jetzt ein; dann wurde das Oeffnen der Thür und gleich darauf der Schritt der sich entfernenden Männer auf der Treppe laut. „Geh’ wieder zu Bett, Maggy, Du bleibst hoffentlich jetzt unbelästigt!“ klang noch die Stimme des Alten, dann fiel die Thür in’s Schloß.

Ich athmete tief und erleichtert auf, wartete aber vergebens auf eine Bewegung meiner Beschützerin. Erst als von außen Pferdegetrappel laut wurde und bald darauf eiliger Hufschlag die Entfernung der Dränger verkündete, erhob sie sich schwer und langsam, that einen Schritt nach dem Ausgange und faßte dort plötzlich mit beiden Händen nach dem Thürpfosten. Hätte mich auch nicht der peinliche Schmerz in allen meinen Gliedern gedrängt, mein Versteck zu verlassen, so würde mich doch jetzt eine erwachende Sorge um den Zustand des Mädchens, verbunden mit einem Gefühle glühender Dankbarkeit für sie, dazu gebracht haben. Ich war rasch und mit möglichster Geräuschlosigkeit auf meinen Füßen – der schon tiefstehende Mond blickte voll durch das Fenster und beleuchtete ein bleiches, weich modellirtes Gesicht mit halb geschlossenen Augen, das unter dem vollen dunkeln Haare kaum von dem weißen Nachtgewande abstach, welches nur nachlässig ihre schlanke Gestalt umhüllte. Sie schien augenblicklich gegen das Schwinden ihrer Besinnung zu kämpfen; als ich aber, dem warmen Gefühle in mir folgend, halblaut rief: „Miß, um Gotteswillen, kann ich nichts für Sie thun?“ schienen ihr meine Worte plötzlich einen Theil ihrer Kraft wieder zu geben. „Nichts, Sir, nichts,“ erwiderte sie, sich wie unter einem leisen Schauder aufrichtend; „treten Sie zurück und schließen Sie die Thür!“ Sie that zugleich einige wieder völlig sichere Schritte in das Zimmer hinaus, und ich hörte, wie sie die Eingangsthür desselben verschloß; ich aber hatte, ihr Gefühl, das ich völlig verstand, ehrend, bereits die kleine Thür nach meinem Aufenthaltsorte zugezogen und mich auf der Kiste niedergelassen, erwartend, daß sie mich bei völlig eingetretener Sicherheit selbst aus meinem Versteck erlösen werde.

Aber ich saß lange Zeit in dieser Erwartung, ohne daß nur ein Laut aus dem Nebenzimmer zu meinen Ohren gedrungen wäre; ungerufen stiegen langsam die einzelnen Bilder dieser Nacht vor meiner Seele auf, und ich begann allgemach eine tiefe Ermattung über mich kommen zu fühlen. Das bleiche, schöne Gesicht des Mädchens, das in seinen weichen, anmuthigen Zügen der von ihr entfalteten Energie durchaus nicht zu entsprechen schien, stand endlich noch allein, aber wie in halbem Traume vor mir. Die Ruhe, die ich genoß, that mir so wohl, daß ich mich zurücklehnte und kaum an den gefährlichen Aufenthalt in einem Hause, dessen männliche Bewohner der Secessionspartei anhingen, dachte; die warme Nachtluft, welche durch einzelne Luken des Daches drang, umhüllte mich wie mit einer weichen Decke ich war zuletzt eingeschlafen, ohne daß ich nur eine Ahnung davon gehabt.

Erst als ich ein leises Rütteln empfand, fuhr ich aus allerhand unbestimmten Träumen wieder in die Höhe. Es war völlig dunkel um mich her; aber die halblaute, melodische Stimme, welche jetzt in mein Ohr klang, gab mir schnell meine völlige klare Besinnung. „Der Mond ist hinunter, Sir, aber in einer Stunde wird auch der Morgen da sein,“ hörte ich; „machen Sie sich jetzt rasch zum Gehen fertig!“

„Ich bin bereit, Miß!“ sagte ich, mich geräuschlos erhebend. „So geben Sie mir Ihre Hand und folgen Sie mir leise. Nehmen Sie behutsam Ihren Weg wieder durch das Fenster, gleiten Sie an einem Pfeiler der Gallerie hinab und gehen Sie dann, in gerader Richtung mit dem Hause, durch den Obstgarten bis zur Einzäunung – dort erwarten Sie mich! – Kein Wort, Sir!“ setzte sie hinzu, als ich mit ein paar kurzen Worten meinem Herzen Luft machen wollte.

Ich fühlte ihre weiche, schmale Hand, an welcher nichts die Tochter des Farmers verrieth, in der meinen, aber ich mochte nicht einmal den Händedruck des Dankes wagen, ich sah mich an das offene Fenster geleitet, durch welches sich der untergehende Mond nur noch durch einen helleren Rand des Horizontes bemerkbar machte, hörte ihr „Vorsichtig jetzt!“ als sie mir die Hand entzog, und bewerkstelligte mit beinahe völliger Geräuschlosigkeit meinen Rückzug. Unten entpfing mich ein so völliges Dunkel, daß ich erst eine kurze Zeit brauchte, ehe ich über die mir angewiesene Richtung sicher ward; kaum wenige Secunden hatte ich indessen das hintere Gartenstacket erreicht, als auch bereits das leise Rauschen von Kleidern mir Maggy’s Ankunft verkündete. „Folgen Sie jetzt dicht hinter mir,“ sagte sie, als sie neben mir stand, „Sie dürfen nicht auf der geraden Straße nach dem deutschen Lager zurück, denn ich müßte mich sehr irren, wenn Ihnen dort nicht aufgelauert würde. Vor Allem aber sprechen Sie kein Wort!“" Sie hatte behutsam eine Thür des Stacketes geöffnet und schritt nun in leichten, raschen Schritten voran. Es ging gerade über die Furchen des kahlen Feldes. Zwei oder drei Einzäunungen, welche auf unserm Wege lagen, überkletterte sie mit der Leichtigkeit der Gewohnheit, daß ich oft nur mit Hülfe des erblassenden Sternenlichts ihre Gestalt wieder zu finden vermochte. Dann merkte ich, daß wir einen Fußweg betreten hatten, welcher über die freie Ebene zwischen hohen Unkrautbüschen hinlief, und zuletzt ward der sich dunkel vor uns abzeichnende Waldessaum erreicht, den wir jetzt theils verfolgten, oder dessen oft hervortretende Gebüschpartien wir abschnitten. In immer gleicher Schnelle und Sicherheit schritt mir das Mädchen voran; gern hätte ich zu ihr ein kurzes Wort gesprochen, aber ich glaubte ihr jetzt eben nur durch die genaueste Befolgung ihrer Anordnung danken zu können und schwieg. Dagegen aber strebte ich um so mehr die Umrisse ihrer leichten Gestalt, wie sie das matte Sternenlicht abzeichnete, zu erkennen und mir ein ganzes Bild von ihr zu entwerfen. Nach etwas über einer halben Stunde, meiner Zeitrechnung nach, begann der Tag zu grauen; aber jetzt führte unser Pfad gerade in den Wald hinein. „Halten Sie sich dicht hinter mir, damit Sie mich nicht verlieren,“ ließ sie sich jetzt zum ersten [207] Male hören, „wir werden bald einen Punkt erreichen, wo Sie nicht mehr fehlen können!“

„Damit Sie mich nicht verlieren!“ klang es in mir nach. Ja, wenn doch das möglich gewesen wäre! Ich hatte ein Gefühl in meinem Herzen, als sei mir in meiner Noth irgend eine wunderschöne Fee erschienen, die, nachdem sie mich gerettet, wieder spurlos verschwunden und mich mit lebenslanger Sehnsucht nach ihr allein lassen werde. Aber der mit Wurzeln durchzogene Weg brachte mich bald zur Wirklichkeit zurück; ich bedurfte aller Vorsicht, um, ohne schmerzendes Straucheln, meiner Führerin, die kaum auf meine Unkenntniß des Wegs Rücksicht zu nehmen schien, zu folgen, und erst als die rothen Lichter des Morgens bereits durch das Laub der Bäume zu dringen begannen, traten wir auf eine breite Landstraße heraus. Da blieb sie, immer noch das Gesicht von mir abgewandt, stehen, als überlege sie die weitere Richtung oder wollte ihre Kräfte von dem raschen Gange sammeln. Als sie sich endlich nach mir wandte, stand sie in der vollen rosigen Morgenbeleuchtung, im grauen, leicht aufgeschürzten, aber die feinen Formen des Oberkörpers knapp abzeichnenden Sommerkleide, den flachen, breitrandigen Strohhut an feinen Bändern hängend in den Nacken zurückgeworfen, und mit einem halb unsichern Blicke der großen, dunkelbeschatteten Augen meine eigene Erscheinung musternd. So mädchenhaft, so anmuthig schön in ihrer Einfachheit hatte ich sie mir nach den Ereignissen der Nacht nie denken können.

„Dies ist Ihre Straße, Sir,“ sagte sie, den Kopf leicht ab-wendend, als wolle sie meinen Blicken ausweichen, „in kaum länger als einer halben Stunde können Sie wieder bei Ihren Cameraden sein!“

„Und nun, Miß, sagen Sie mir um Gotteswillen,“ rief ich im Drange meines erregten Gefühls, „womit ich Ihnen jemals danken kann, was Sie in dieser Nacht an einem Ihnen völlig Unbekannten gethan haben!“

Sie wandte langsam den Kopf; ihr Gesicht war wieder so ernst und bleich, als ich es im Scheine des Mondes gesehen. „Sie haben mir nichts zu danken, Sir!“ erwiderte sie ruhig; „ich hasse diesen Aufstand gegen die gesetzliche Ordnung, der nur den Schmutz der amerikanischen Bevölkerung in unsere friedliche Gegend gebracht hat, und liebe die deutschen und ihre Treue für die Union, wie ich meine eigenen deutschen Großeltern geliebt habe. Was ich an Ihnen vielleicht gethan, habe ich nur meiner eigenen Befriedigung halber unternommen – also lassen Sie uns ohne weitere Redensarten von einander scheiden, Sir!“

„Und Sie geben mir keine Hoffnung, Miß Werner,“ sagte ich nach einer kurzen Pause, in welcher ihr Blick ruhig in meinem erregten Auge geruht, „daß es mir jemals vergönnt werden wird, Sie wieder zu sehen?“

Wie der Schein eines traurigen Lächelns glitt es über ihr Gesicht. „Wissen Sie denn, Sir, wer morgen noch von uns Beiden leben wird?“ gab sie zurück. „Diesen Menschen dort,“ fuhr sie erregter fort, nach der Richtung des Rebellen-Lagers deutend, „gilt weder Alter noch Geschlecht, wenn sie meinen, irgendwo einen Feind ihres wahnsinnigen Unternehmens entdeckt zu haben – und Sie gehen vielleicht heute schon in die Schlacht. Meinen Sie denn, ich hätte unter andern Umständen so jede Rücksicht bei Seite werfen können, wie ich es gethan?“ Ein jähes Roth trat bei den letzten Worten in ihre Wangen, sie wunderbar verschönernd; ich aber faßte, von der Eigenthümlichkeit dieses Charakters hingerissen, nach ihrer Hand, die sie mir nach einem leisen Zucken derselben überließ.

„Gut, Miß Maggy!“ rief ich, „aber wenn es jemals die Verhältnisse gestatteten, daß wir uns wiedersehen könnten, darf ich dann vor Sie treten und Sie an die heutige Nacht und die Dankbarkeit eines Herzens erinnern, das noch niemals so gefühlt hat, wie seit wenigen Stunden?“

Sie entzog mir rasch ihre Hand und drehte sich weg, daß ich nur noch den Schein des hohen Roths, welches augenscheinlich ihr Gesicht übergossen hatte, wahrnehmen konnte. „Gehen Sie, Sir, gehen Sie – beschütze Sie Gott!“ versetzte sie rasch, während sie eine Bewegung machte, sich wieder dem Walde zuzuwenden.

„Und ich darf Ihnen nicht einmal meinen Namen sagen?“ fragte ich unter einer Empfindung, die wunderlich zwischen der Trauer des Scheidens und einem plötzlich in mir aufsteigenden Glücke getheilt war.

Sie hielt in ihrer Bewegung inne wandte sich dann langsam zurück, und ein voller, strahlender Blick, dem dennoch ein eigenthümlicher Ausdruck von Trübsal beigemischt war, traf mich. „Ich weiß ihn bereits, Sir,“ sagte sie mit einem Lächeln, das wie ein halbunterdrückter Sonnenstrahl aus trüben Wolken erschien. „Ihre Feinde nannten ihn meinem Vater bei ihrem Eintritte in’s Haus! Beschütze Sie Gott, Mr. Reuter!“ setzte sie hinzu und reichte mir ihre Hand. Kaum hatte ich diese aber mit dem Ansatze zu einem festem Drucke gefaßt, als ich mir ihre Finger auch wieder entschlüpfen fühlte und das Mädchen mit einigen raschen Schritten, ohne daß sie nur noch einmal den Kopf gewandt, das Gebüsch erreichen und darin verschwinden sah. –

Kaum länger als eine halbe Stunde darauf war ich im Lager und stattete dem General meinen Bericht ab – vier Stunden darauf aber standen wir dem Feinde gegenüber, der – dank unserer gesegneten Artillerie – uns bald den Rücken zeigte und uns freie Bahn zum weiteren Vorrücken ließ.


In der kurz darauf folgenden Schlacht bei Springfield war ich verwundet und mit anderen Unglücksgefährten zuerst nach Jefferson-City, dann nach St. Louis transportirt worden. Ich hatte einen Schuß in die linke Schulter erhalten, welcher für lange Zeit meinen Arm lähmen und mich dienstunfähig machen mußte; indessen hatte ich durch dringende Empfehlungen, die ich zum großen Theile meinem gefahrvollen Kundschaftergange verdankte, nach meiner nothdürftigsten Heilung eine Stellung im Postdienste erhalten, welche mir wenigstens für die nächsten Jahre eine völlig sorgenfreie Existenz gewährte. Da bringen mich außergewöhnliche Geschäfte eines Tages nach dem Eisenbahn-Depot, eben als wieder, wie so oft in den letzten Wochen, ein langer Wagenzug voll Bewohner des innern Staats, welche vor dem Morden und Brennen der verwilderten Secessionisten die Flucht ergriffen hatten, angelangt ist, und plötzlich sehe ich in ein Gesicht, das noch keinen Tag aus meiner Erinnerung gewichen war, sehe in zwei dunkele aufglänzende Augen, in denen mir plötzlich ein ganzer Himmel entgegenwinkt, und habe in der nächsten Secunde – wie es geschehen, weiß ich heute noch nicht – Maggy’s beide Hände in den meinigen. „Ja, es hat doch wohl sein sollen, daß wir uns wiedersahen!“ erwiderte sie auf die unwillkürlichen Ausrufe meiner Ueberraschung und wendete sich dann an einen alten Farmer, der mit sichtlicher Befremdung auf die unerwartete Scene blickte. „Das ist er, Vater, Mr. Reuter, du weißt ja!“

Ich will kurz sein in meinem Schlusse. Als wir die Rebellen aus der Gegend von Werner’s Farm vertrieben, ohne daß es mir möglich gewesen wäre, das mir so denkwürdige Haus wiederzusehen, hatte der Alte seine bis dahin unterdrückte Sympathie für die deutschen Unionsstreiter offen gezeigt, während sein Sohn, sein Geburtsrecht als Amerikaner höher schätzend als seine deutsche Abstammung, mit den Secessionisten geflüchtet war – und Maggy hatte nicht angestanden, ihren Antheil an meiner Flucht zu bekennen. Beide aber hatten ihre Offenheit bald genug schlimm zu bereuen gehabt. Die deutsche Hauptmacht hatte sich nach andern bedrohten Theilen des Staats wenden müssen, und schnell darauf waren auch starke Streifcorps völlig verwilderter Menschen von Seiten der Rebellenmacht erschienen, Alles plündernd und niederbrennend, was als Eigenthum der unionstreuen Bevölkerung galt, schändend und mordend, was von dieser ihr in die Hände fiel, und der alte Werner, welcher noch zeitig genug gewarnt worden, hatte das Schlimmste für sich nicht abgewartet, sondern sein Geld und was sonst noch zu retten war, gerettet und sich dann mit seiner Tochter nach St. Louis geflüchtet. Es war die höchste Zeit dazu gewesen, denn von Nachkommenden hatte er schon unterwegs vernommen, daß bei der Ersteren Abreise von seinem Hause nichts als die rauchenden Ruinen übrig gewesen seien.

Es vergingen drei Monate, in welchen ich mit der Familie, die sich vorläufig in ein Boardinghaus einquartiert, in stetem engen Verkehr blieb, in welchen aber auch mein Verhältnis zu Maggy völlig reifte, ohne daß es mir indessen gelungen wäre, eine gewisse Rückhaltung des Alten gegen mich, die sich besonders in einem steten bestimmten Ausweichen zeigte, sobald er vermuthen mochte, daß ich mich offen über meine Gefühle für seine Tochter auszusprechen beabsichtige, zu besiegen – da hatte Werner unter den oft eingebrachten Gefangenen von der Rebellenmacht eines Tages einen jungen Mann aus seiner Gegend erkannt und von diesem erfahren, daß sein Sohn bereits vor einem Monate in einem der kleinen, [208] aber stets mörderischen Gefechte geblieben sei, und als ich an diesem Abend in seine Wohnung kam, sah ich sofort, daß etwas Besonderes mit ihm und Maggy vorgegangen sein müsse. Das Mädchen, welches ihre rothgeweinten Augen vergebens verbergen zu wollen schien, raunte mir zu, über nichts zu fragen und mich heute nicht lange aufzuhalten; als ich aber am nächsten Tage unruhig wiederkehrte, theilte mir der Alte in voller Fassung selbst das Geschehene mit und fügte hinzu: „Er hat unrecht an seinen Eltern und Großeltern gehandelt – aber dennoch hätte das, was da zwischen Ihnen und Maggy besteht, nimmermehr gut gethan, wenn er einmal wieder heimgekommen wäre – er hatte einmal die Farm zu übernehmen, und ich konnte deshalb nicht Ja zu dem sagen, was ich längst über Ihr Verhältniß zu meiner Tochter wußte. Wollen Sie jetzt, wenn wir erst einmal den schweren Verlust in unserm Herzen überwunden haben, mein Sohn werden und, sobald die Zeiten ruhiger sind, mit uns hinaus auf’s Land ziehen, so habe ich nichts dawider – mein letztes Kind aber kann ich nicht ganz von mir geben und will auch da sterben, wo ich fast jeden Baum selbst gepflanzt und wo ich bis jetzt meine eigentliche Heimath gefunden habe.“ – –

Maggy ist zwar heute mein süßes Weib, in welcher ich jeden Tag neue Schätze entdecke; der Zeit aber, welche der Alte herbeisehnt und welche mich zum wohlhäbigen Farmer machen soll, sehen wir noch immer entgegen – noch ist das unglückliche Missouri ein vom Bürgerkriege zerrissener Staat, und wenn wir Gott für etwas danken, so ist es vor Allem dafür, daß er uns in einem geschützten Asyl zusammengeführt und uns ein erträglicheres Loos bereitet hat, als den vielen Tausenden, deren Wohlstand und Familienglück in diesem unglücklichen Kampfe für immer zu Grunde gerichtet worden ist.


  1. Landungsplatz der Dampfboote.