Eine Nachtsitzung im Parlament

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Autor: unbekannt
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Titel: Eine Nachtsitzung im Parlament
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 687-688
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[687] Eine Nachtsitzung im Parlament. Nach Mitternacht allein durch die Straßen Londons zu wandern, ist ein Studium, eine Tortur, ein Genuß, wie die ganze Welt nichts Aehnliches in dieser Vereinigung der seltsamsten Contraste bieten mag. Ich tauchte herauf aus den Schatten der ausgeworfenen Gestalten, die auf Bänken und unter Bäumen des St. James-Parkes Nachtruhe suchten, herauf vor dem großen Palaste der preußischen Gesandtschaft und der großen Monumentalsäule vorbei in die Lichter- und Palast-Pracht des „Clublandes“, wo noch Alles voller Leben und Aufregung war. Droschken und Equipagen und Männer zu Fuß eilten leidenschaftlich ab und zu. Hinter den großen Spiegelscheiben der Club-Paläste spielten aufgeregte Schattenbilder an den Gardinen. Ich wußte, daß wir den 4. August hatten, in welcher Nacht die französische National-Versammlnng vor 71 Jahren die Adels-Vorrechte vernichtete, den alten Baum des Feudalismus umhieb und die erste große That der ersten französischen Revolution begründete. Im freien England, wo die alten Stammbäume des Feudalismus noch voller Kraft und Saft stehen, sollte in dieser Nacht auch etwas an ihnen gerüttelt werden. Es galt die Entscheidung im Parlamente über die von Königin, Ministern und Unterhaus aufgehobene, vom Hause der Lords aber beibehaltene Papiersteuer. Sollte dieser unerhörte Eingriff des Oberhauses in das Privilegium des Unterhauses, in allen Geldsachen allein und bindend zu entscheiden, gebilligt oder verworfen werden? Das war die Frage. Damit hing die Entscheidung über das Ministerium, über die siegesgewisse Erwartung der Conservativen, der Derbyiten, Tories, Feudalisten, daß sie eine Majorität erhalten und so wieder Minister werden würden, über Freihandel und französischen Handelsvertrag gegen die Schutzzöllner und Monopolisten und noch vieles Andere zusammen. Aus den Zeitungen ist bekannt, daß Ministerium, Unterhaus, Freihandel mit 33 Stimmen siegten. Es war ein ganz unerwarteter Schlag für die siegesgewissen Lords und Derbyiten. Der vierte August galt mit Recht als der wichtigste und dramatischste der ganzen Periode, um so mehr, als sie im Parlamente während des ganzen Frühlings und Sommers ganz sterbenslangweilig und leer schwatzhaft gewesen waren, wie die Stahrmatze. Deshalb schlug ich freudig ein, als mir zwischen den Cabs, Flies, Phaetons, Broughams und andern fliegenden Fuhrwerken, zwischen Lichtern, Schatten und Menschen ein Zeitungsmann rasch entgegentrat und mich bat, für ihn in’s Parlament zu gehen, ihm kurz zu berichten und meine Beobachtungen streifenweise einem Boten zu übergeben. Er selbst habe noch einen Leitartikel zu schreiben. Im Nu waren ich und der Bote in einer Droschke und einige Minuten darauf vor dem Labyrinthe von Parlaments-Gebäude und mitten in einer unbeschreiblichen Confusion, durch welche wir uns rasch in die Gallerie der Reporters und Stenographen hinaufwanden.

Ein Uhr Nachts. Die Entscheidung ist nahe. Palmerston, oder vielmehr Gladstone, will sein Budget retten und die Papiersteuer aufgehoben wissen. Disraeli und Derby und die Lords und die Conservativen wollen nicht, wollen das Ministerium stürzen und selber wieder Minister werden. Ehrenwerthe Mitglieder rangiren sich auf beiden Seiten in furchtbaren Massen. Das Haus ist nie so voll gewesen. Das Land ist in Aufregung, die Presse in Waffen und hat ihre Boten und Reporters von jeder Redaction bis in die Gallerie des Unterhauses. Die Times hat wie wahnsinnig für Beibehaltung der Papiersteuer gefochten und erklärt, daß mit Aufhebung der Papiersteuer England untergehen müsse. Die Fonds an der Börse zittern und wissen nicht, ob sie fallen oder steigen sollen. Die Bureaux der elektrischen Telegraphen bersten beinahe vor elektrischer Ladung, die sich in blitzenden Nachrichten über ganz Europa verzucken will.

Das Haus ist voll, eben so die Gallerien, die Logen der Gesandten, die Damen-Gallerie – Alles voll. Wir sind in einer geräumigen, gothisch verschnörkelten Halle. Sie würde sehr hoch und erhaben sein, wenn man nicht aus akustischen Gründen ein falsches Dach von geschliffenem Glas oben durchgezogen hätte. Ohne dieses Flickwerk würde Keiner den Andern hören in diesem expreß und kostbar zum Sprechen und Hören gebauten Unterhause. Eichenes Wandgetäfel, Fenster dicht mit ungeheuren Sammet-Gardinen verhangen, damit kein Strahl ehrlichen Lichtes sich einstehle, viel Säulenwerk, gothische Decoration mit viereckigem Geschnörkel Elisabethschen Baustyls verpfuscht, in der Mitte der massive, luxuriöse Ministertisch, auf welchen die „Blaubücher“, Actenstücke und alle angenommenen Gesetze gelegt werden, geheiligt durch die Standarte des Unterhauses, „mace“, die obrigkeitliche Machtkeule, der Unterhaus-Souveränetäts-General-Tambourstab, der unter den Tisch geworfen wird, wenn das Haus sich auflöst, vertagt oder sonst „Rührt Euch!“ bekommt. Hinten quer vor dem Tische erheben sich in mächtigen Perrücken, Mänteln und ausgepufften Hand-Manschetten Vice-Präsidenten und Präsident, der „Sprecher“, der immer still ist und nur selten zur Ordnung ruft. Unter diesen schwatzenden, jungen und alten, conservativen, liberalen und radicalen, hungrigen und tüchtig gespeisten und oft noch mehr „beweinten“ Vertretern der „vereinigten drei Königreiche“ – Disciplin zu halten, das ist keine Kleinigkeit. Aber da sitzt er, das Musterbild von Kaltblütigkeit und Urbanität, würdig, gefaßt, schweigsam, steinern, unbeweglich unter der schweren Perrücke. Welch ein Held! Nacht für Nacht 6–7 Monate lang so da zu sitzen und zu hören, wie sich die 658 drängen, Jeder sein Stroh zu dreschen, oft Wochen lang vergebens, ehe ein Körnchen herausspringt – das ist erhaben!

Auf beiden Seiten des Tisches dehnen sich die Sitze der Mitglieder, eichene Bänke mit geschnitztem Werk, überzogen mit grünem Leder. Vorn drüben sitzen die Minister. Der alte Herr mit dem zornig aufstarrenden weißen Haar stehend ist Lord Palmerston. Er spricht eben. Der Chef der Opposition, Zweiter auf der ersten Bank hüben, unbehutet wie immer, um seine jetzt grau werdenden, schwarzen Korkzieherlocken zu zeigen, Mr. Disraeli, weiland Finanzminister, hat eben gesprochen. Düster, isolirt [688] aber triumphirend sitzt der beredte, sarkastische Orientale unter dieser Crème von Teutonen, Normannen und Celten des englischen Abendlandes. Die Zeit hat ihn gefurcht, vergilbt und getrocknet. Auch seine Kleidung ist nüchtern und farblos geworden im Vergleich zu der Buntscheckigkeit, den blitzenden Juwelen, vielfarbigen Westen und Sammethosen, wodurch er einst, ehe er sich an die Protectionisten und Tories verschacherte, die Welt zu blenden verstand. Auch trug er einmal Manchetten mit Spitzenbesatz zu den Sammethosen. Jetzt ist er weiser geworden – nach einem halben Jahrhundert. Blos als er vor einigen Jahren die goldene und rothe Robe des Finanz-Kanzlers trug, suchte er die brillantenen Westen der Stutzertage wieder hervor.

Benjamin sprach lange, brillant und mit schadenfrohem Sarkasmus. Die Wetten in den Clubs stiegen sofort zu Gunsten der Derbyiten. Er wurde nie beleidigend, roh und bitter und behandelte den „noblen Viscount an der Spitze der Regierung“ mit ausfallender Höflichkeit, nannte ihn mehr als zwanzig Mal seinen „noblen, sehr ehrenwerthen Freund“ und that so, als liebte er ihn mehr als sein Leben. Aber im Verlaufe der Rede wurde es sehr deutlich, daß sein nobler und sehr ehrenwerther Freund unendlich oft gefälscht und gelogen habe (was beiläufig ziemlich hundertfach thatsächlich richtig und erwiesen ist), und er, Benjamin, ohne es aussprechen oder damit etwas Unhöfliches sagen zu wollen, seinen noblen und sehr ehrenwerthen Freund an der Spitze der Regierung im Stillen für einen Verräther, Humbug, Heuchler, Spitzbuben und wahrscheinlichen Mörder seiner Großmutter halte. Das deutete er an, wie so oft, Benjamin Disraeli H. P. für die Grafschaft Bucks. Er begann, wie gewöhnlich, schwerfällig, gezwungen, niedergeschlagen, verlegen, wortsuchend; aber bald wurde er, wie gewöhnlich, nicht warm, aber spitz, vergiftete, vergoldete Pfeile schießend, Pfeile höflicher Bosheit, Pfeile mit erstaunlicher Geschicklichkeit und mörderischem Erfolge. Wie gesagt, die Wetten in den Clubs und auf den Gallerien stiegen sofort für die Derbheiten nach seiner Rede. Er setzte sich mit triumphirender Miene. Sein nobler Freund an der spitze der Regierung, obgleich abgehärtet und rhinoceroshäutig durch eine fünfzigjährige Praxis, zuckte mehrmals unter den Geschossen des spitzigen Orientalen, freilich konnte man die Muskelarbeit in Palmerston’s Gesicht nicht sehen: er sitzt immer mit dem Hut und das Licht fällt von oben. Blos wenn er aufsteht, um zu reden, zeigt er das alte, bosheitvolle, dickrunzelige Gesicht und das aufsträubende weiße Haar ohne Hut. Still, er spricht.

Er fing an, wie Einer, der sich langweilt und es nicht der Mühe werth hält, viel Wesens zu machen, müde, nachlässig, verächtlich. Aber er wird Mann und weiß nun auch mit höhnischem Spiel giftige Pfeile seitwärts auf seinen israelitischen Freund und dessen aristokratische Heerde abzusenden. Der souveraine Muthwille, mit welchem er Jahre das Parlament verhöhnte und an der Nase führte, verließ ihn während der letzten Jahre zuweilen, wie auch diesmal, sodaß seine Bonmots und Anspielungen ärgerlich, statt witzig herauskamen und wirkungslos abfielen. Aber seine alte, prakticirte Schlauheit, die ungeheure „Geachäfts-“ und „Platz-“Kenntniß und die edele Frechheit, mit der er leugnet, behauptet, abfertigt und aufkämpft, geben ihm immer wieder Uebergewicht und Ansehen vor dem Parlaments-Hause, das, durch Bestechung, Geld und Gunst zusammengeschwindelt, nur wenige tüchtige Männer und Redner noch aufweisen kann. Ausnahmen wie Lord Brougham oder Bright sind entweder zu alt oder ohne Macht mit ihrer humbuglosen Ehrlichkeit.

Und dieser alte, grobschrötige Herr mit mehr als Siebenzig hinter sich, mit Gicht in den Gliedern und Verfall im Gesicht, dieser in Gemeinplätzen klanglos und reizlos dahinredende Dutzend-Mann ist also der furchtbare Palmerston, der Feuerbrand Europa’s, die ehemalige Vogelscheuche der Monarchen (als solchen hat ihn freilich die reellere Vogelscheuche in Paris, sein Zögling und Freund, abgesetzt), der grimmige „Caballero Balmerson“, bei dessen Namen spanische Schmuggler ihr Kreuz schlagen, der verhaßte „Palmerstoni“, den päpstliche Gensd’armen in dunkelm Grausen für einen unerwischten Alpen- oder Apenninen-Räuberhauptmann halten!

Was er eigentlich gesagt hat und die übrigen Redner sprachen, hat längst in den Zeitungen gestanden. Wir gehen also mit Vergnügen darüber weg und blicken auf die tumultuarische Sceue: Divide! Divide! Abstimmung! Abstimmung! Alles athmet auf, hustet, spricht, scharrt mit den Füßen, reckt die Hälse und spannt mit weiten Augen nach allen Seiten, um Zeichen zu erspähen, wie’s ausfallen werde. Man schreitet zur Division, wirklichen Theilung, da die Für und Gegenstimmenden sich in verschiedene Vorzimmer zurückziehen und dann einzeln, persönlich, namentlich vor dem Stimmsammler vorbeidefiliren, der den Namen jedes Stimmenden aufschreiben muß. Die Thüren werden von allen Seiten geschlossen, Niemand darf mehr herein. Einige Mitglieder haben sich im Vertrauen auf „Paarung“ bei der Cigarre oder Flasche verspätet und rennen eine halbe Minute nach Schluß gegen die unerbittlich geschlossene große Eichenflügelthür. Ihr „Gepaarter“ kam noch zu rechter Zeit und verschafft der Gegenpartei einen Vortheil von zwei Stimmen.

Was sind „Paarungen“? Es werden in einer Sitzung wichtige Abstimmungen erwartet; ehrenwerthe Parteimitglieder aber haben Durst oder Hunger und wollen ruhig speisen, ohne im Falle einer Abstimmung ihrer Partei zu schaden. So gehen sie heraus in den Vorsaal, wo die whips oder „Einpeitscher“ der verschiedenen Parteien mit Buch und Bleifeder in der Hand stehen.

„Ich brauch ’ne Paarung,“ schreit das hungrige conservative Mitglied.

„Wie lange?“

„Bis 111/2 Uhr.“

„Haben Sie Einen zum Paaren bis 111/2 Uhr?“ fragt der conservative Einpeitscher den liberalen.

„Wer will sich paaren bis 111/2 Uhr?“

„Ich,“ schreit ein Liberaler.

„Mr. X., Sie sind mit Mr. Y. gepaart bis 111/2 Uhr.“

Die Beiden werden einander vorgestellt, lüften die Hüte, werden in’s Buch geschrieben und gehen ab zum Essen, Trinken, Rauchen oder sonstigen Privatvergnügungcn. So werden oft vor der Parlaments-Diner-Zeit, 7–8 Uhr, Hunderte in einer halben Stunde „abgepaart“, d. h. je von den verschiedenen Parteien verpflichtet, daß sie sich bis zu der verabredeten Zeit beiderseitig der Theilnahme an der Abstimmung enthalten, so daß die eine Partei durch Abwesenheit von Mitgliedern mit der andern im Gleichgewicht bleibt. Diese Abpaarungs-Contracte werden im Ganzen redlich gehalten, aber mancher „Gepaarte“ verspätet sich und muß draußen stehen bleiben, bis die Abstimmung vorüber ist.

Es ist abgestimmt worden. Majorität von 33 gegen Derby, Disraeli, Schutzzoll, Oberhaus etc. Alles bricht auf, die Nachricht zu verbreiten. Die elektrischen Telegraphen zucken durch’s ganze Land und unter dem Meere hin über ganz Europa. Droschken und Equipagen füllen sich unten und rollen davon, daß die Pferdehufe Feuer schlagen. Es ist zwei Uhr. In tausend glänzenden Palästen und Familien dampft das „Nachtmahl“ unter silbernen Kronleuchtern und Schüsseldecken. Im Parlaments-Gebäude wird’s bald ruhig und dunkel, und nur die Policemen und Wächter trappen geisterhaft durch die langen, dunkeln, wiederhallenden Corridors. Die letzten „Cabs“ sind mit den letzten Parlamentsmitgliedern aus dem „Palast-Hofe“ unten abgefahren. Die Kutscher oben auf dem Bocke schimpfen und fluchen im Stillen über ihre Ladung, da Parlamentsmitglieder als Gesetzgeber nie mehr als die „gesetzliche“ Taxe bezahlen. Alles ist abgefahren. Blcs der alte, noble Viscount an der Spitze der Regierung kam mit seinen Siebenzig und seiner Gicht ganz heiter zu Fuße herunter, schulterte sein Parapluie und trollte heim zu Fuße.

London scheint nun zum ersten Male Ruhe zu haben. Aber es scheint nur so. In Tausenden von Familien wird noch prächtig gegessen und getrunken und das parlamentarische Ereigniß besprochen. Tausende von Setzern werfen die Reden der Nacht aus den Typen-Kästen zum Drucke zusammen, daß sie Morgens 8 Uhr von Millionen gelesen werden können. Tausende wanken oder schlafen obdachlos unter den geisterhaft flackernden Gasflammen. Es ist still, aber wie oft hört man’s wimmern oder brüllen oder kreischen und athemlos fliehen vor der verfolgenden Polizei! London schläft nie.