Eine Probe mindestens tausendjährigen Weines

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Titel: Eine Probe mindestens tausendjährigen Weines
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 610
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[610] Eine Probe mindestens tausendjährigen Weines. Bei der vielbesprochenen Weinprobe, der sich die Reichsboten im letzten Winter zu Nutz und Frommen unseres Vaterlandes unterzogen haben, fehlte in der stattlichen Reihe berühmter und minder berühmter Marken auch nicht der unbezahlbare „Rosenwein“ des Bremer Rathskellers. Diejenigen, welche diesen duftigen Trank, der vortrefflich als Taschentuchparfüm zu brauchen sein soll, aus Versehen gekostet haben, versichern, daß seine Säure sogar diejenige eines berühmten norddeutschen Gewächses übertrifft, von dem Einige versichern, daß sein Saft Löcher in die innere Fußbekleidung fresse, Andere hingegen, daß er vorhandene Löcher zusammenziehe. Neben dem Fläschchen des berühmten, ehrwürdigen Nasses lag auf jedem Tische des Probesaals ein zierlich gedrucktes Täfelchen mit einer Berechnung des Tropfenwerthes jenes Rosenweins. Da nämlich im Jahre 1624, als jenes Faß gefüllt wurde, das Stück zu acht Ohm 300 Thaler kostete, so würde heute nach der Zinseszinsenrechnung der Tropfen auf 1,932,366 Mark berechnet werden müssen. So ehrwürdig und unbezahlbar dieser Rosenwein nun auch sein mag, dennoch wird er tief in den Schatten gedrängt durch ein Fläschchen Wein, welches man kürzlich zu Aliscamps bei Arles in Frankreich aus der Erde gegraben hat, das weit über tausend Jahre, ja wahrscheinlich über fünfzehnhundert Jahre zählt und dessen Inhalt gleichwohl sich trinkbarer erwies, als der Stolz Bremens. Dieses Weinfläschchen entstammt nämlich einem römischen Grabe, und ist nach alter Sitte dem Todten zur Wegzehrung in's unbekannte Land mitgegeben worden, wie man noch hier und da die Todten mit Lebensmitteln und Kleingeld versieht, einer Anschauung gemäß, die bis in die allerältesten Zeiten zurückreicht, sofern man schon in vorhistorischen Gräbern neben den menschlichen Skeleten die Reste von Bärenschinken und ähnlichen Delicatessen findet. Die Ampullen oder Weinfläschchen, die man in römischen Gräbern sehr häufig gefunden hat, haben ein gewisses Aufsehen dadurch erregt, daß man ihren eingetrockneten, häufig rothbraunen Inhalt früher für „Märtyrerblut“ gehalten und hier und da wohl auch als Reliquie verehrt hat.

In dem in Rede stehenden Fläschchen, welches ein Herr Augier angekauft und der Gläsersammlung des Museum Borelly verehrt hat, war das vermeintliche „Märtyrerblut“ nun unverändert erhalten, weil man nämlich die Vorsicht gebraucht hatte, es am Halse zuzuschmelzen, ohne Zweifel in der Voraussetzung, daß die Geister sich auch an geistigen Getränken in zugeschmolzenen Flaschen stärken können, wenn sie nur wollen. Da sie aber die Gabe, und wie wir sogleich sehen werden, mit gutem Grunde, verschmäht haben, ist das neunzehnte Jahrhundert in die Lage gekommen, auch einmal fünfzehnhundertjährigen Wein probiren und analysiren zu können, was bis jetzt noch nicht dagewesen ist. Daß übrigens der Käufer nicht mit einem Kunstweine neueren Datums angeführt worden sein kann, bewies hinlänglich der Zustand des Glases, welches sich durch die lange Einwirkung der Feuchtigkeit von innen wie von außen stark „entglast“, erwies, sodaß es sich nach der Entleerung nicht von Neuem zuschmelzen ließ, sondern in der Löthrohrflamme zerblätterte, wie es eben nur sehr altes Glas thut. Der berühmte französische Chemiker Berthelot hat diesen uralten Wein analysirt und der Pariser Akademie im Mai dieses Jahres darüber Bericht erstattet. Die gelbliche Flüssigkeit enthielt die gewöhnlichen Bestandtheile eines schwachen Weines, zeigte eine geringe Blume und enthielt deutliche Spuren von Essig, woraus unter den obwaltenden Verhältnissen geschlossen werden muß, daß man den Manen nicht gerade etwas Excellentes anzubieten für nöthig befunden hat. Trotzalledem ist die Hinterlassenschaft einzig in ihrer Art, und Liebhaber von Rechnungs-Aufgaben mögen nach dem Exempel des Rosenweins berechnen, wie hoch der Tropfen dieses, wenn auch angesäuerten Märthyrerbluts unter der Voraussetzung, daß es wenigstens zwölfhundert Jahre alt ist, zu rechnen wäre.