Eine Schülerin in einem fashionablen Damenpensionate

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Autor: unbekannt
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Titel: Eine Schülerin in einem fashionablen Damenpensionate
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 814–815
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Eine besondere Schülerin
Skizzen aus Nordamerika. I.
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[814] Skizzen aus Nordamerika. I. Eine Schülerin in einem fashionablen Damenpensionate. Im Herbste des Jahres 186* kam ich als Musiklehrer an das „Ladies-Seminar“ zu N., einem nahe den Quellen des Hudson romantisch gelegenen Dorfe. Das Seminar bildete, wie alle derartigen amerikanischen Institute, zwar auch junge Mädchen zu Lehrerinnen aus, die Mehrzahl seiner Schülerinnen indessen, meist wohlhabenden Familien angehörig, hielt sich dort nur auf, um ihrer Bildung einen gewissen Grad von Firniß zu geben. Es wurde deshalb auch von jeder Neuankommenden erwartet, daß ihre Kenntnisse eine genügende Grundlage hatten, wie denn überhaupt nur erwachsene junge Damen dort aufgenommen wurden.

Unter meinen Schülerinnen war eine Miß P., die ich in den ersten Tagen, nachdem ich sie kennen gelernt, für ziemlich blasirt hielt. Wie ich später erfuhr, war sie die Tochter eines der reichsten Fabrikanten in Connecticut und dessen verwöhnter Liebling. In ihrem Aeußeren hatte sie [815] wenig von der specifischen Yankeeerscheinung, mit ihren blonden Locken und blauen Augen mochte sie wenigstens für eine deutsche Uebersetzung derselben haben gelten können. Blasirt war sie aber nicht, und ich nahm bald wahr, daß sich hinter ihrem schmachtend-gleichgültigen Wesen ein innerer Schmerz verbarg. Ich setzte denselben auf Rechnung ihrer zarten Constitution, zerbrach mir übrigens nicht besonders den Kopf darüber.

Zu den Weihnachtsfeiertagen reisten fast sämmtliche jungen Damen nach Hause. Für den kleinen Kreis der Zurückbleibenden fanden damals die gemeinschaftlichen Morgen- und Abendgebete – das Seminar wurde ganz im Neu-England-Stile, d. h. mit puritanischer Frömmigkeit, betrieben – nicht in der Capelle, sondern im Parlor statt. Dabei wurde denn eifrig dafür gebetet, daß die heimfahrenden Damen von keinen Eisenbahnunfällen betroffen würden, was in Amerika jedenfalls ein ziemlich gerechtfertigter Wunsch ist, und zugleich die Bitte eingeschaltet, daß Alle wohlbehalten zurückkehren möchten. Ob nun dieses letztere Gebet blos auf die Unglücksfülle hinzielte oder in Beziehung zum Budget der Anstalt stand, das durch plötzliches Ausbleiben unliebsame Störungen erleiden konnte, dürfte schwer zu ermitteln sein, jedenfalls trafen die jungen Damen ziemlich pünktlich nach Neujahr wieder ein, und in einigen Tagen befand sich Alles wieder im alten Geleise.

Miß P. kehrte nicht sogleich zurück, es lief vielmehr eine telegraphische Depesche ihres Vaters ein, des Inhaltes, daß seine Tochter augenblicklich krank sei, jedoch wahrscheinlich nicht lange auf sich warten lassen würde, und bald nachher erschien sie auch selber, noch leidender als früher aussehend, so daß sie auch den ganzen Tag auf ihrem Zimmer blieb. Nur Mittags und Abends kam sie in das Empfangszimmer, um die Besuche eines jungen Herrn anzunehmen, der zugleich mit ihr angelangt und im Hotel abgestiegen war. Herr G.…d – dies war sein Name – war, obgleich ein hübscher und elegant gekleideter Mann, nicht allzu einnehmend; er erinnerte irgendwie an jene fein gekleideten jungen Leute, die man den ganzen Tag vor den New-Yorker Hotels stehen sieht und von denen man nie recht weiß, wie sie es eigentlich anfangen, immer so elegant aufzutreten. Dabei trug er eine gewisse offenherzige Biederkeit zur Schau, die man jedoch bald als unter dem Drucke einer gewissen Befangenheit stehend erkannte.

Nach einigen Tagen Aufenthalt reiste er ab, war jedoch bald wieder da, wurde aber nun im Seminar lästig, und so hörte ich eines Abends zufällig, wie sich der Principal kurzweg die Ehre seiner künftigen Visiten verbat.

Als ich am nächsten Mittag von einem Spaziergange zurückkehrte, begegnete mir Herr G.…d in der Straße. Wir waren uns früher vorgestellt und ich sah, wie er mich anreden wollte. Mit einem flüchtigen Gruße wollte ich an ihm vorübergehen, doch er hielt mich an.

„Auf ein Wort, mein Herr.“

„Sie wünschen?“

„Wollten Sie mich durch eine Gefälligkeit verbinden?“

„Sehr gern, wenn – –“

„O bitte, nur ein kleiner Auftrag! Sagen Sie meiner Frau –“

„Ihrer Frau?“ fragte ich erstaunt.

„O, ich vergaß, jawohl meiner Frau, es ist die Dame, welche Sie unter dem Namen Miß P. kennen. Bitte, sagen Sie ihr, daß ich sie heute Abend um sieben Uhr mit einem Wagen am Hotel erwarte.“

„Mein Herr, ich denke gar nicht daran, einen solchen Auftrag auszuführen.“

„Sie weigern sich. Warum?“

„O sehr einfach, ich bin kein Botengänger von – Unbekannten.“

Dieses „Unbekannten“ mußte wohl etwas ironisch ausgefallen sein, denn er fuhr hoch auf, sagte aber dann ruhiger:

„Sie wollen also in der That nicht?“

„Nicht im Entferntesten.“

Entrüstet ging er ab, in seinem Herzen wahrscheinlich Feuer und Flammen gegen den verd– Deutschen speiend.

Zu Hause angekommen, erzählte ich dem Principal das wunderliche Gespräch und bat ihn um Aufklärung des Vorfalls. Er nahm mich mit sich in die Bibliothek und theilte mir hier das Nähere mit, so weit es ihm bekannt war.

Herr G.…d, der kein anderes Geschäft hatte, als auf den Tod eines reichen Großvaters zu warten, hatte einen starken Eindruck auf Miß P.’s Herz, aber einen desto unvortheilhafteren auf das Gemüth ihrer Eltern gemacht. Die Vorstellungen derselben halfen nichts, dienten im Gegentheil nur dazu, die Flamme noch heißer zu schüren, und so entschloß man sich endlich, das liebeskranke Mädchen in das entfernte Seminar zu schicken, damit sie dort ihren edlen Ritter vergäße. Derselbe bewog sie aber zu einer heimlichen Heirath, und auf der Reise zum Seminar ließ sie sich mit ihrem Geliebten in der Trinitykirche zu New-York trauen. Die Eltern hatten keine Ahnung davon, waren aber zu Weihnachten, als ihre Tochter sie umzustimmen suchte, durchaus nicht zu bewegen, ihre Meinung zu ändern, und so reiste die junge Dame höchst unglücklich wieder nach N. zurück.

Sie führte außer einigem eigenen Gelde mehrere hundert Dollars zur Bezahlung ihrer Pension mit sich, und ihr Gemahl bewog sie, erst etwas mit ihm zu reisen, ehe sie wieder in das Institut ging. Um keine Nachfragen von dort zu veranlassen, schickte er die fingirte Depesche nach N., die dort auch durchaus nicht angezweifelt wurde. Die Reise war indeß kürzer, als er gedacht, weil seine Frau sich ganz entschieden weigerte, das ihr zur Bezahlung der Pension anvertraute Geld anzugreifen, un so mußte er wohl oder übel einwilligen, sie zum Seminar zurückkehren zu lassen, da er ihr keine Häuslichkeit anbieten konnte. Nach einigen Tagen entschloß er sich, seinem Schwiegervater ein offenes Geständniß zu machen; er reiste deshalb zu ihm, hatte jedoch nur den unvollkommenen Erfolg, daß er zur Thür hinausgeworfen wurde. Entrüstet reiste er wieder nach N., der Principal des Seminars aber, welcher inzwischen den wahren Stand der Dinge erfahren hatte, verbot ihm einfach das Haus.

Jetzt verschwor Herr G.…d sich hoch und theuer, daß er aller Welt zum Trotz seine Frau haben wolle; die ganze Welt war leider nur eigensinnig und wollte nicht an seine Verheirathung glauben. Der Notar, an den er sich wandte, weigerte sich, hülfreiche Hand zu bieten, antwortete vielmehr auf die Frage, ob er denn kein öffentlicher Notar sei: „Ja, aber nur für Leute, die ihm gefielen, und er – Applicant – gefalle ihm ganz und gar nicht.“

Unter diesen Umständen blieb dem erzürnten Ehemann nichts weiter übrig als sich an das Gericht in W. zuwenden. Da ihm jedoch Niemand im Dorfe Pferde geben wollte, so mußte er die neun Meilen zu Fuß im Schnee laufen. Vor Gericht konnte man natürlich nicht Partei gegen ihn nehmen, und da er vollgültige Beweise seiner Heirath beibrachte, so gab ihm der Richter einen mit writ of habeas corpus; d. h. einen Befehl, auf Grund dessen ihm seine Gemahlin ausgeliefert werden mußte. Miß P. oder vielmehr Frau G.…d, wie wir sie jetzt nennen können, die sich in der letzten Zeit gar nicht hatte blicken lassen, sah sehr niedergeschlagen aus, und als sie gerade abreisen wollte, erschien ihr Schwager mit der Botschaft, daß sie von ihrem Vater verstoßen sei und nie wieder vor sein Angesicht kommen dürfe. Die junge Frau, welche ihren übereilten Schritt wohl schon sehr bereute, fiel bei dieser Nachricht in Ohnmacht, und ein hitziges Fieber bedrohte ernstlich ihr Leben. Allgemein bedauert, reiste die Dame ab, die sich durch ihre leidende Sanftheit viele Freunde erworben hatte, und wir freuten uns herzlich, als wir nach einiger Zeit vernahmen, daß der Zorn des Vaters gegen seinen Liebling wohl nicht ewig dauern würde. Der Gemahl soll dagegen keine Aussicht auf Amnestie haben, er hat sich daher mit wilder Energie aufs das Studium der Rechte geworfen.

Dem Seminar that diese Episode keinen Eintrag; vielmehr sahen die Eltern, daß ihre Töchter dort gut aufgehoben waren. Charakteristisch ist aber eine Aeußerung des Principals: „Wenn ich jedem jungen Manne gleich seine angebliche Frau ausliefern wollte, so würde ich in vierzehn Tagen meinen Thee ganz allein trinken können.“