Eine Todtenbeschwörung im Kloster

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: J.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine Todten­beschwörung im Kloster
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 790, 791
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Eine Toten­beschwörung im Kloster Banz zur Zeit von Johann Baptist Schad
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[790]
Eine Todtenbeschwörung im Kloster.
Aus den Erinnerungen eines sechszigjährigen Landpredigers.


„Sie wollen nach Jena?“ fragte der alte Herr, den ich auf dem Fußsteige von Löbstedt aus einholte.

Er war mir schon im Hofe des Löbstedter Gasthauses aufgefallen, wo er einsam, wie in Gedanken versunken, im Schatten der Bäume am frischen Trunke sich erquickte. Etwas entfernt von ihm hatten die Dioskuren Luden und Fries mit ihren Familien Platz genommen. In ihrer Mitte gab’s Leben und heiteres Lachen

Etwas Besonderes ließ sich an dem alten Herrn nicht gerade bemerken, es müßten denn der trotz der etwas nach vorn geneigten Gestalt entschieden ernste Schritt und die Energie der Bewegung gewesen sein. Seine Kleidung war ärmlich, der Rock fadenscheinig, die Kopfbedeckung datirte mit ihrem Ausgange auf eine Reihe von Jahren zurück; seine Einsamkeit am sonnigen Kneiptage schien auf sein Alleinstehen in der Welt hinzuweisen. Gehörte er vielleicht zu den wackeren Magistern, dergleichen sich in Universitätsstädten wohl vorfinden, oder war er gar eine „verflossene“ Größe der Akademie?

Freundlich meinem Gruße dankend, fragte er, ob ich nach Jena wolle. Auf meine bejahende Antwort erkundigte er sich, da er in mir einen Studirenden erkannte, nach meinem Studium, der Studienzeit, den Vorlesungen, die ich besuche, der Gegend, aus welcher ich stamme, und nach der Lectüre, die mich jüngst am meisten angezogen. Ich gab die gewünschte Auskunft, indem ich meinen Schritt zu seiner Begleitung mäßigte, bereits sicher, der Mann sei mehr, als seine äußere Erscheinung erwarten lasse. Als ich ihm berichtete, die für mich ergreifendste der jüngst gelesenen Schriften sei die Selbstbiographie des Professor Dr. Schad gewesen, blieb er stehen, richtete seinen Blick voll und ernst auf mich, und forschte nach dem Grunde meiner Aeußerung. Ich entgegnete, es sei ergreifend und erhebend, Männer zu finden, die ihrer heiligen Ueberzeugung so viel als Schad, nämlich Alles, opferten, um mit dem Gewissen in Uebereinstimmung zu bleiben.

„Kennen Sie den Professor Schad, junger Mann?“

„Nein, mein Herr, von Person kenne ich ihn nicht.“

„Er steht vor Ihnen!“

Ich war überrascht. Staunen und Freude machten mich befangen. Also das war der ehemalige Mönch zu Banz, der aufgeklärte Gelehrte in der Kutte, der Flüchtling aus dem Kloster und der von den Conventualen hart Verfolgte, der nachmalige Protestant und Universitätslehrer! Die Zunge versagte mir im Augenblick den Dienst; ich drückte meinem Begleiter kräftig die Hand, indem ich mich, die Mütze vom Haupte nehmend, vor ihm verbeugte.

„Gut, gut,“ sprach er wohlwollend. „Wir kennen uns nun, und ich freue mich Ihrer Theilnahme. Aber Sie könnten mir einen Gefallen thun.“

„Gebieten Sie, Herr Professor, über meine geringen Dienste.“

Im Weitergehen äußere er: „Wie ich vorhin von Ihnen hörte, sind Sie im N–er Kreise daheim. Ich habe diesen Kreis auf meinen Reisen blos berührt, obschon er für mich ein eigenthümliches Interesse hat, denn in ihm ist jedenfalls die Lösung eines Räthsels zu erlangen, nach welcher ich lange schon suche. Die Sache ist kurz die: In unserm Kloster Banz starb der Abt. Wir setzten seinen Leichnam unter Beobachtung der geordneten Ceremonien bei und thaten weiter, was Brauch ist. Der Todesfall wurde von den Mönchen viel besprochen. Die Einen erhoben den Verewigten, die Anderen urtheilten minder günstig über ihn. Man gerieth im erregten Für und Wider auf die Frage, ob der Hingeschiedene zu Gnaden aufgenommen sein möge; aber auch hier waren die Meinungen getheilt. Zuletzt vereinigte man sich, und dahin hatten es besonders die Verehrer des Abts gebracht, diesen selbst um Entscheidung angehen zu lassen, denn es werde ja noch Leute geben, welche so viel wie – das Zauberweib zu Endor vermöchten, das den Schatten Samuel’s zum Erscheinen beschwor!

Wer sucht, findet gemeiniglich. Man zog Erkundigung ein, man vernahm, daß im N–er Kreise zwei sogenannte Nekromanten oder Todtenbeschwörer hausten, man fand sie auf, lud sie zum Kommen ein, sie erschienen und citirten den Todten in einer Nacht voll Grauens und Entsetzens; er stieg aus seinem Grabe und – beruhigte die Conventualen über sein jenseitiges Loos!

Daß die Erscheinung auf Täuschung beruhte, war mir auch in jener schrecklichen Stunde nicht zweifelhaft. Ich sah den Abgeschiedenen auf den Spruch des Zauberers sich erheben; es war der Abt, wie er leibte und lebte, nur in der Blässe des Todes; ich hörte seine Stimme und wußte, es war Alles – Gaukelwerk und Trug! Indessen ich verschwieg meine Ueberzeugung, denn es war nicht gerathen, im Kreise jener Finsterlinge das Licht der Vernunft leuchten zu lassen; aber ich vermochte damals so wenig wie heute, mir die Kunstgriffe zu erklären, welche die Nekromanten anwendeten, um das gräßlich glänzende Ergebniß zu erzielen.

Der Spuk trug vor einem Menschenalter sich zu. Möglich, daß die Todtenbeschwörer, bei ihrem Aufenthalte in Banz jüngere Männer, noch leben. Haben Sie, Herr Studiosus, daheim nie von Landsleuten gehört, oder kennen Sie keine Solchen, die das nekromantische Geschäft betrieben? Ist dies der Fall, so versuchen Sie, ob Sie mir den Wunsch um Aufklärung der Manipulationen zu erfüllen im Stande sind. Das ist die Gefälligkeit, die ich von Ihnen erbitte.“

„Von zwei Männern, Herr Professor, denen ich ein Gauner- und Bubenstück der Art zutrauen zu dürfen glaube, habe ich nicht allein gehört, ich kenne sie auch seit meiner Kindheit. Der Eine, hager und kurz, ist Federarbeiter, der Andere, wohlbeleibt und länger von Gestalt, Lederarbeiter. Beide Cumpane stehen in dem Rufe der Uebung der Geisterbannerei, Schatzgräberei und der Künste, die vom Aberglauben und der Unwissenheit der Menschen Geld erpressen und Genüsse und Bequemlichkeiten in Fülle versprechen. Ich werde versuchen, Ihrem Verlangen zu genügen. Vielleicht begünstigt mich, Ihnen zu Gefallen, das Glück. Der Sohn des Ledermannes ist mein Schulfreund, dessen Vater mittheilsam, wenn man die gute Stunde trifft.“

Jena war erreicht. Ich verabschiedete mich vom Dr. Schad mit dem herzlichsten Danke für alte und neue Wohlthat.

Die Michaelisferien verbrachte ich bei meinen lieben Eltern, „auf der süßen heimathlichen Erde“, wo jeden Tag Speise und Trank und Arbeit und Schlaf so gut schmeckt. Bald schickte ich mich zu einem Besuche bei meinem Herrn Urian – Ledermann – an, den ich daheim und, ungeachtet des Verlustes seiner sehr vornehmen Frau, die immer mit souverainer Geringschätzung auf die Gespielen ihres etwas aufgeblasenen Herzbuben Louis herabgeschaut hatte, recht wohlgelaunt traf.

Als die üblichen Complimente gewechselt waren, erinnerte ich ihn an die Ergötzlichkeiten und an die Furcht meiner Kinderjahre in seiner Behausung, an die großen Oelgemälde und die Stuhlschaukel des Vorsaals, sowie an die gräulichen Laute im Nebengemache, wo eine künstliche, vom Doctor Sachse erkaufte Boa constrictor – Abgottsschlange – aufbewahrt sein sollte, die sich, wie es hieß, automatisch bewegte und den zahngepanzerten Rachen öffnete, – für uns Knaben schon in der Vorstellung ein unheimliches Grauen!

Mit Wohlgefallen nahm er meine Erinnerungen auf, nickte zuweilen und lächelte behaglich; seine einträglichste Thätigkeit lag gerade in jenen vergangenen Jahren. Noch trug er das gewohnte Gepräge: das Gesicht intelligent, die Augen unruhig und ein wenig stechend im Blicke, die tabakliebende Nase den Athem mitunter scharf ausstoßend, der lüsterne Mund bei fröhlicher Stimmung des Gemüths sich etwas verbreiternd; nur die Glatze hatte an Umfang gewonnen.

Studentische Anekdoten und lustige Streiche, die ich ihm erzählte, hatten seinen ungetheilten Beifall, da er in ähnlichen praktischer Meister war. Allmählich steuerte ich meinem Ziele näher. Er erfuhr als Curiosum, was ich von Schad gehört. [791] Gespannt vernahm er die Mittheilung; das ganze Antlitz des Mannes schien um die Spitze der kräftigen Nase sich zu concentriren. Als ich hinzufügte, ich begriffe nicht, wie die beiden Schälke in Banz den Erfolg zu Wege gebracht, brach er in helles Gelächter aus und sagte:

„Daß Du die Sache nicht begreifst, finde ich sehr begreiflich, ich aber begreife sie, denn Du mußt wissen, ich und Salmann, der in der oberen Gasse wohnt, waren im Kloster die Kunstarbeiter! Es ist eine alte Geschichte, mir jedoch in gutem Andenken geblieben. Du sollst sie wissen; Banz hat längst aufgehört, Mönche zu beherbergen, und Die, welche den verstorbenen Abt citiren ließen, sind ihm wohl Alle nachgefolgt. So höre.“

Er nahm eine gewaltige Prise, nachdem er wiederholt den Duft der geöffneten Dose gesogen, und begann:

„Wir wurden vom Kloster aus ersucht, uns in dasselbe zu begeben, wenn wir uns getrauten, einen Todten zur Auskunftertheilung über sein jenseitiges Loos zu bestimmen. An Reisekosten würden dreißig Ducaten vergütet. Wir erklärten uns zur Uebernahme der Commission bereit und empfingen das Reisegeld. Ein Certificat stellten wir nicht aus; ich gebe nichts Schriftliches.

In Coburg, wo wir einige Tage weilten und wo man mich in meiner schwarzen Kleidung mit weißem Halstuch für einen Geistlichen hielt, zogen wir in unserem bescheidenen Gasthause Erkundigungen über Banz ein. Nur ein bedeutender Mann, benachrichtigte man uns, sei neuerlich dort gestorben, der Klosterabt. Er mußte, so schlossen wir aus den Vorlagen, die Person sein, welcher unsere Berufung galt. Wir hatten nicht fehlgegriffen. Im Kloster, wohin wir uns nun begaben, bedeuteten uns die Herren, welche uns eine erwünschte Aufnahme angedeihen ließen, dem verewigten Abt zu Liebe hätten sie uns zum Anherkommen geladen.

Mit ihren Dispüten über seine Seligkeit hielten sie nicht hinter’m Berge; alle weitere Auskunft über den Mann blieb uns versagt, so unentbehrlich sie uns immer war. Keine vorsichtige Versuchung, kein bedächtiges oder schlaues Anklopfen förderte uns im Geringsten. Die Herren Mönche hatten sich das Wort gegeben, uns jeden ferneren Aufschluß zu versagen. Sie schwiegen wie auf Commando.

Kommt Zeit, kommt Rath, dachten wir; das Glück wird uns ja auch diesmal begünstigen. Wir nahmen unterdessen die Localität, die Kirche, in Augenschein, in welcher wir täglich einige Stunden ungestört uns zu unserem daselbst auszuführenden Werke vorbereiten zu dürfen ausbedungen hatten. Daß man uns dort unbeobachtet lassen werde, worauf wir gedrungen, fiel uns im Ernste nicht ein.

Auf Stühlen im Chore sitzend, scheinbar in Sinnen und Denken versunken, gewahrten wir am Fußboden links vor dem Hochaltar eine Stelle, welche Spuren neuerer Arbeit verrieth. Unter ihr mochte der Abt ruhen; dort empfahl sich’s wenigstens, die Erscheinung seines Bildes hervortreten zu lassen.

Ja wenn wir nur ein Bild von ihm gehabt, nur gewußt hätten, wie er im Leben aussah, ob er eine lange oder kurze, beleibte oder hagere, gerade oder gebückte Figur war. ‚Ein Bild!‘ seufzte ich manchmal meinem Gehülfen auf unserem einsamen Nachmittagsspaziergange vor. Und ‚ein Bild!‘ gegenseufzte er, ‚Glück! thue für uns ein Uebriges,‘ hinzufügend.

Du kannst glauben, unsere Lage war nichts weniger als eine günstige. Von Seiten der Mönche die Erwartung auf unser baldiges Vorgehen mit unserer Sache, auf unserer Seite die gleich unruhige Erwartung, das ersehnte Conterfei werde uns in die Hände fallen.

Endlich begegnete uns das Glück. Es trat uns in der Gestalt eines armen greisen Mütterchens auf unserer Wanderung unfern dem Kloster entgegen. Von dieser Alten erfuhren wir weitläufig, was wir brauchten. Sie kannte uns nicht. Den Abt kannte sie desto besser; ihn schilderte sie vom Scheitel bis zur Zehe. Auch über sein Stimmorgan ließ sie sich aus.

Das Abtsbild in der Blendlaterne ward alsbald gefertigt. Eine halbzerbrochene Fensterscheibe im Chore der Kirche bot den geeigneten Weg, Salmann’s Todtenworte mittelst eines draußen angelegten, zum Langausziehen und Wiederzusammenfalten eingerichteten Sprachrohrs in den Raum zu befördern. So ward der Tag und die Stunde der That festgesetzt und den Herren verkündet.

Nach einer Menge ceremonieller Vorbereitungen begaben wir uns mit den Mönchen zur bestimmten Zeit nach der Kirche. Es war Nachts elf Uhr. Salmann schlich – man achtete auf meinen Steffen überhaupt weniger –, in seinen Mantel gehüllt, der äußeren Kirchmauer entlang nach seinem Platze vor der am Fuße des Fensters im Chore befindlichen Scheibe. Der brausende Sturm mehrte seine Sicherheit. Meine Mönche zogen mir in Procession nach. Mancher sah bleich aus; Einige schienen zu zittern. Mit einem weiten Talar angethan, schritt ich ihnen bis vor den Altar voran. Hier zeichnete ich einen Kreis, innerhalb dessen sie mit mir nach bereits getroffener Verabredung stehen sollten. Weihrauch wurde in reicher Quantität angezündet, das mitgebrachte Licht ausgelöscht. Lautloses Schweigen, wie ausbedungen worden, rings umher, nur unterbrochen durch die am Gebäude sich brechenden Windstöße. Qualm erfüllte den Raum. Von dicker Finsterniß umgeben, sprach ich langsam in tiefen Lauten meine Beschwörung. Nach Verlaufe einiger Minuten zeigte sich auf der Stelle, wo nach unserem Dafürhalten der Verstorbene ruhte, ein schwacher Lichtschimmer. Dieser nahm nach und nach zu. Ein blasses Haupt tauchte aus der Tiefe auf. Hals und Oberkörper folgten nach. Die Gestalt bewegte sich nicht weiter, weil ich sie in der Blendlaterne nur bis an das Ende der Brust abgearbeitet hatte. Während sie noch, durch den Weihrauchdampf wie mit Nebel umflossen, ruhig verharrte, hob ich an, den verewigten Abt demüthig um Verzeihung zu bitten, daß ich gewagt, seine Todesruhe zu stören, es sei dies nur auf inständiges Drängen seiner Verehrer geschehen, welche auch durch sein Wort die Ueberzeugung noch bekräftiget zu sehen wünschten, er sei zu Gnaden gekommen.

Ich hatte nach dem Minutenzeiger meiner Uhr gezählt. Es war fünfundfünfzig Minuten nach elf Uhr. Eine Minute vor zwölf Uhr war Salmann beauftragt, die Antwort des Abtes zu geben. Sie erfolgte genau nach der Bestimmung. Eine kleine Weile, nachdem ich meine Bitte, der Todte möge den Herzenswunsch der Seinen erfüllen und noch einmal sein Wort ergehen lassen, ihm zugerufen, erklang es dumpf und hohl durch den Chor:

‚Ich bin begnadigt!‘

Langsam sank die Erscheinung, wie sie emporgestiegen, wieder in die Tiefe. Als der letzte Glockenschlag der Mitternacht verhallte, war sie verschwunden.

Wir durften unsere Leistung als eine gelungene ansehen. Die Herren in Banz waren mit uns, wir waren mit ihnen, namentlich mit dem uns von ihnen gereichten Ehrensolde zufrieden.

Hier hast Du die ganze Geschichte. Die Herren in Banz begehrten unsere Dienste. Wir leisteten sie ihnen nach unserm besten Vermögen. Wundere Dich aber nicht darüber, daß ich den todten Abt nicht verdammen ließ. Ich kann Dir hoch und theuer versichern, das Männchen hatte mich in seinem Leben mit keiner Miene beleidigt.“

Ein frevler Mensch, dieser Ledermann, ein Alles verachtender, auf Verspottung und Beraubung Anderer versessener Egoist vom reinsten Wasser! Von dem bedeutenden Gute, was er, wie er sagte, verdient, das heißt, erlogen und ertrogen hatte, hieß es „wie gewonnen so zerronnen“. Er endete von Mangel gedrückt, von den Leuten gemieden, ein alter Lump. Sein Sohn Louis ward erschlagen. Man fand denselben eines Morgens in einem zwischen Gärten hinlaufenden Gäßchen, den von heute noch unbekannter Hand empfangenen Wunden erlegen. War er vielleicht im Begriffe gewesen, die Feinheit des Vaters beim Erwerbe in’s Grobe zu übersetzen?

Der arme brave Schad sank früher in Vergessenheit als in das Grab. Bis zum letzten Augenblick stand er treu und unerschüttert, ein Märtyrer seiner heiligen Ueberzeugung, der, wie die Gartenlaube Jahrgang 1869, S. 7 erzählt hat, sein ganzes Leben gewidmet war. Sein ganzes Leben! Sollen wir noch einmal erzählen, wie er nach seiner Flucht aus dem Kloster zu Banz als Privatdocent zu Jena seine religionsphilosophischen Ideen verfocht, später einem Rufe als Professor nach Charkow folgte, aber wegen seiner liberalen Gesinnungen Rußland verlassen mußte und sich wiederum nach Jena wandte? Dort war er längere Zeit akademisch thätig und starb nach dreizehnjährigen Leiden am 13. Januar 1834. Armuth und Elend standen bis zuletzt an seinem Lager. Ehre dem Andenken dieses gesinnungstüchtigen Mannes!

J.