Ein Glücklicher aus dem letzten Kriege

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Textdaten
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Autor: A. L–z
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Titel: Ein Glücklicher aus dem letzten Kriege
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 788–790
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein Glücklicher aus dem letzten Kriege.


Es ist aus Tageblättern und Zeitschriften hinlänglich bekannt, daß im Anfange des deutsch-französischen Krieges eine Reihe von Geldschenkungen aus verschiedenen Quellen aufgebracht wurden, welche demjenigen deutschen Soldaten als Ehrengabe verabreicht werden sollten, welchem das Glück beschieden wäre, dem Feinde die erste Fahne zu entreißen. Diesen Ruhmespreis errang der frühere Musketier Ernst Wickel aus Gotha, der schon den Feldzug von 1866 beim ersten Bataillon des damaligen coburg-gothaischen Regiments mitmachte und erst bei Langensalza am 27. Juni, dann bei der Mainarmee mitfocht. Den Krieg von 1870 und 1871 hat er in der zweiundzwanzigsten Infanterie-Division, der sogenannten „Kilometer-Division“, mitgemacht und während des ganzen Feldzugs in den Gefechten, auf Märschen und bei allen sonstigen größeren und kleineren Strapazen tapfer ausgehalten.

In der Schlacht bei Wörth hatten bekanntlich die deutschen Streiter, nur aus einzelnen Divisionen bestehend, der bedeutenden französischen Uebermacht fünf volle Stunden hindurch tapfer gestanden, als sich endlich in den Nachmittagsstunden durch Zuzug neuer deutscher Kämpferschaaren ein numerisches Gleichgewicht herstellte und zuletzt die Deutschen auch der Zahl nach den Franzosen überlegen waren.

Etwa von diesem Zeitpunkte aus gehen die mündlichen Mittheilungen Wickel’s. Die einunddreißigste Division, die bisher den äußersten linken Flügel der deutschen Schlachtlinie bildete, hatte eben einen erneuten Angriff von Truppen der feindlichen vierten Division, General Lartigue, auf Gunstett abgeschlagen, als gegen zwölf Uhr die zweiundzwanzigste Division südlich von Gunstett erschien, die Sauer überschritt und in der Richtung auf Landsberg (auch Albrechtshäuserhof genannt) und Eberbach vordrang. Die Sauer, dieser jetzt historische Bach, fließt in nord-südlicher Richtung durch Wörth, westlich bei Spachbach vorbei, theilt sich bei der westlich von Gunstett liegenden Bruchmühle in zwei Arme und fließt in südöstlicher Richtung gegen den Hagenauer Forst hin. Von Gunstett direct gegen Westen, in gleicher Entfernung von der Sauer, auf einem theilweise bewaldeten Hügel liegt der Albrechtshäuserhof, in südwestlicher Richtung von diesem das Dorf Eberbach im Eberbachthale selbst. Zwischen Eberbach im Süden und Elsaßhausen im Norden liegt der Niederwald, der sich im Weste bis nahe an Reichshofen erstreckt. Dieses eben angedeutete Terrain westlich der Sauer bildete vorzugsweise den Schauplatz der Thätigkeit des elften Corps.

Ein Jeder, der in seinem Leben eine Schlacht mit durchgekämpft hat wie z. B. die von Wörth, weiß, wie beschränkt und einseitig die Theilnahme des einzelnen gemeinen Soldaten am Gefecht meistentheils ist und wie selten er Gelegenheit hat, sich nur einen einigermaßen freien Ueberblick über die allernächste Umgebung zu verschaffen. Niemand wird daher von dem Soldaten Wickel eine klare Uebersicht von jenem Theile des Schlachtfeldes und den Vorgängen daselbst verlangen. Was ich in Folgendem mittheile, ist die unveränderte Wiedergabe seiner eigenen schlichten Aussagen über seine persönlichen Erlebnisse, und die Leser der Gartenlaube mögen entschuldigen, daß ich den mündlichen Mittheilungen des glücklichen Eroberers keine weitere Draperie anhänge. Ich wollte der Originalität der Erzählung nicht Eintrag thun.

Wickel’s Bericht lautet folgendermaßen: „Ich stand im dritten Gliede des zweiten Zuges (vom ersten Bataillon des sechsten thüringischen Infanterieregiments Nr. 95) und kam mithin, als Züge aus dem dritten Gliede formirt wurden, in den ersten Schützenzug des Bataillons, den der (gegen Ende des Krieges im Gefecht bei St. Célérin vor Le Mans am 11. Januar 1871 gefallene) Fähnrich Teichelmann führte.

Von Gunstett aus ging unser Regiment durch Felder, Obstalleen und an Weinbergen hin gegen die Sauerbrücke vor, an welcher unser Compagniechef, Hauptmann (jetzt Major) von Schauroth, die Compagnie sammelte, was unter dem ununterbrochenen Feuer der Franzosen natürlich nicht nach Wunsch und sehr langsam von Statten ging. Um diese Zeit waren von der ersten Compagnie schon die beiden Lieutenants von Motz und Klein gefallen. An strenge Ordnung war bei den massenhaft einschlagenden feindlichen Geschossen nicht mehr zu denken, und so kam es, daß ich mit einem kleinen Trupp meiner Cameraden vorging, um mich baldigst in eine sichere Deckung zu bringen. Das Terrain, welches wir zurückzulegen hatten, ehe wir die vor uns befindliche Höhe gewinnen konnten, war nicht geeignet, die geringe Ordnung unserer Handvoll Soldaten, die ohne Officier vorging, aufrecht zu erhalten, und als ich, mich links an Hopfenfeldern hinziehend, ungeschoren an und auf die Eberbacher Höhe (zwischen Eberbach und dem Albrechtshäuserhof) kam, war ich wohl der Einzige vom fünfundneunzigsten Regiment an dieser Stelle. Die Höhe war [789] von Soldaten des achtzigsten Infanterieregiments besetzt, welche, wahrscheinlich von Gunstett oder Spachbach aus gegen den Niederwald vordringend, den südöstlichen Theil desselben vom Feinde hatten säubern helfen. Ich konnte nichts Besseres thun, als für die nächste Zeit bei dieser Abtheilung Achtziger zu bleiben. Von der Höhe aus hatten wir, in flachen Steinbrüchen sicher eingedeckt, wohl eine Stunde lang ein heftiges Feuergefecht mit Turcos (Tirailleurs algériens) zu bestehen, die von einem dicht mit starken Obstbäumen bestandenen Felde aus fortwährend die Steinbrüche zu nehmen suchten. Dieses Vergnügen wurde ihnen jedoch durch unser ununterbrochenes und sicheres Feuer vereitelt.

Als unsere bunten Gegner endlich das Feld räumten, konnten wir es schon wagen, in der Stärke von etwa zwanzig bis dreißig Mann in das Terrain zwischen dem Dorfe Eberbach und dem nördlich davon liegenden Niederwald vorzugehen. Hierbei geriethen wir unversehens in heftiges Gewehrfeuer und wurden gleichzeitig von einer Anzahl Turcos mit dem Bajonnete angegriffen. Der Augenblick war kritisch, und lange Zeit zum Ueberlegen war nicht da. Wir thaten, was in unserer Lage wohl das Räthlichste war, und hielten dem Angriffe Stand. Als die ungestümen Teufel ganz nahe herangekommen waren, eröffneten wir ein sehr wirksames Feuer auf sie, und bei dieser Gelegenheit war es, wo ich meine glückliche Eroberung machte.

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Die erste französische Fahnenbeute.


Schon beim Herannahen der Feinde war mir besonders ein Mann aufgefallen, der, in der linken Hand eine kleine rothe Fahne und in der rechten sein Chassepot schwingend, fast direct auf mich zukam; so gut ich bei dem nun mit Blitzesgeschwindigkeit sich abwickelnden Vorgange beobachten konnte, schien er den Abzeichen nach ein Unterofficier zu sein. Als er etwa zehn bis zwölf Schritte an unsere Stellung herangekommen war, schlug ich an, feuerte und sah den Mann im Feuer zusammenstürzen; mein Geschoß hatte ihn in den Unterleib getroffen. Jetzt galt es Eile, wenn ich die Fahne in die Hände bekommen wollte! Ehe einer seiner Cameraden dem Gefallenen beispringen oder die Fahne an sich nehmen konnte, war ich schon bei dem tödtlich Getroffenen, stieß mit meinem Bajonnet in das Tuch der Fahne und riß dem hülflos Daliegenden dieselbe auf diese Weise aus der Hand. Natürlich mußte ich mich beeilen, wieder die paar Schritte zu meinen Achtziger Cameraden zurückzukommen; denn aus nächster Nähe wurde mehr als ein Chassepot abgedrückt, dessen Ladung mir zugedacht war. Von allen den schwirrenden Kugeln traf mich jedoch glücklicher Weise keine, und ich konnte mich mit meiner Beute in der kleinen Schützenlinie der Achtziger decken. Das Gefecht zog sich noch eine Weile mit der größten Erbitterung hin, indem die Franzosen es sich angelegen sein ließen, die Fahne zurück zu erobern. Wir gewannen aber, wenn auch unter vielen Verlusten, in der Folge bedeutend Terrain, machten unter dem heftigsten Widerstande von feindlicher Seite eine Anzahl Gefangene und setzten uns dann in der vordersten günstigen Deckung, die wir dem Feinde gegenüber benutzen konnten, fest.

In dieser Stellung wurden wir bald darauf von einem Bataillon Zuaven, das in der schönsten Schwärmordnung vorging, angegriffen. Der Uebermacht weichend zog sich unsere kleine Zahl etwa dreihundert Schritt zurück, und bei dieser Gelegenheit kam ich wieder zu einer Abtheilung des fünfundneunzigsten Regiments zurück, welche geschlossen vorging.

Das Regiment rückte alsdann im Gefecht durch den Niederwald gegen Elsaßhausen vor, woselbst es während der Nacht bivouakirte. Am Morgen des 7. August hatte ich Gelegenheit, meine Beute unserem Compagniechef zu überliefern, der sie an die Compagnie abgab, bei welcher sie sich noch heute befindet.“

Dies ist die einfache schmucklose Erzählung Wickel’s über den Hergang der Sache, welcher von Seiten seiner früheren Vorgesetzten vollkommen Glauben geschenkt wird. An Neidern und Verleumdern hat es durchaus nicht gefehlt, und namentlich hat der Umstand, daß Wickel zu jener Zeit und an jenem Orte der einzige Mann vom fünfundneunzigsten Regiment war, vielfach als Grundlage zu Angriffen auf die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen dienen müssen. Indessen haben die Untersuchungen über die Angelegenheit den positiven Thatbestand der Sache zur Genüge erwiesen und hat man officieller Seits nicht das geringste Bedenken gehabt, die Belohnung dieser glücklichen That eintreten zu lassen.

Die erste Vernehmung Wickel’s über den Fall geschah durch seinen Compagniechef Herrn von Schauroth, im April 1871 im Cantonnementsquartier Le Vert Galant (Gemeinde Vaujours); daselbst erhielt er auch vom Commando der zweiundzwanzigsten Division eine Gratification von zehn Thalern. Ein zweites definitives Verhör fand am 23. April 1872 auf dem Regimentsbureau in Gotha statt.

Auf diese eingehenden Untersuchungen hin sah sich der königlich preußische Generalstab veranlaßt, die ausgesetzten Prämien dem Musketier Ernst Wickel aus Gotha zuzuerkennen, und zwar bestanden dieselben in einer Geldschenkung von zusammen sechszehnhundertundneunzehn Thalern nebst einer silbernen Ankeruhr für Wickel selber, und in einer Gabe von zweiundvierzig Thalern für dessen Familie, welches Beides er am 5. October 1872 auf dem Bureau des Landwehr-Bataillons Gotha in Empfang nahm. Außerdem erhielt das erste Bataillon des fünfundneunzigsten Infanterie-Regiments eine Dotation von fünfzehnhundert Thalern von Seiten des königlich preußischen Kriegsministeriums, welche zu mildthätigen Zwecken, Unterstützung kranker Unterofficierfamilien etc., verwendet wird. Schon während des Aufenthaltes in Frankreich wurden Wickel für sein braves Verhalten im Feldzuge das Eiserne Kreuz zweiter Classe und die Medaille des herzoglich sächsischen Hausordens verliehen.

Dem wackeren Manne hat diese klingende Anerkennung seiner Bravour löblicher Weise nicht den Kopf verdreht, sondern er geht still und anspruchslos seinem Böttcherhandwerk nach, und vielleicht hilft ihm, der jetzt im Alter von siebenundzwanzig Jahren steht, die Prämie zur Etablirung eines selbstständigen Geschäfts. Er kann wie ein Held auf seinen Lorbeeren ausruhen, denn nach altem gothaischen Gesetze aus allen Militärverbindlichkeiten entlassen, genießt er jetzt die wohlverdiente Ruhe und freut sich seiner Arbeit.

Zum Schlusse noch einige Worte über die Fahne selbst. Das Grundtuch derselben ist ponceauroth und der Rand ringsum, einschließlich des Schaftes, mit einem fünf Centimeter breiten blauen Streifen besetzt; in den vier Ecken stehen vier Halbmonde, mit den Oeffnungen der in der Mitte befindlichen „offenen Hand“ zugeneigt. Alle diese Stücke sind von einer matten hellblauen Farbe und auf beiden Seiten des Fahnentuchs aufgenäht. Letzteres ist an drei verschiedenen Stellen verletzt: erstens befindet sich zwischen der Hand und dem Schafte ein winkeliger Riß, der wieder zugenäht ist; und zweitens sieht man auf der vorderen Hälfte zwischen den beiden Halbmonden und der Hand zwei glatte Risse, die von dem Stiche Wickel’s in das während des Momentes der Eroberung jedenfalls gefaltete Tuch herrühren. Der Schaft ist von dem Tuche rings umgeben und letzteres mit weißen Kopfnägeln an ihm befestigt. Durch den Schaft zieht sich der Länge nach ein Eisenstab, der wahrscheinlich zum Aufstecken des kleinen Feldzeichens auf den Gewehrlauf diente; der Stab steckt in einer starken Holzhülle, auf welcher das Tuch festgenagelt ist. Das Ende des Schaftes oberhalb des Tuches, sowie die Kugel und der Halbmond sind von Messing. Die Breite des ganzen Fahnentuches, einschließlich des Schaftes, [790] beträgt zweiundsechszig, die Höhe fünfzig, die Länge des Schaftes vom unteren Ende bis zur Höhe der Halbmondspitzen einundachtzig Centimeter.

Das eben beschriebene kleine Feldzeichen ist eine Compagniefahne der Tirailleurs algériens, bei denen sich der Glaube an die Fahne knüpfen soll, daß, sobald diese sinkt oder in die Hände der Gegenpartei geräth, der Sieg unwiderruflich sich für den Feind entscheidet.

A. L–z.