Eine Wanderung von Coblenz bis Trier

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Autor: Rudolf Cronau
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Titel: Eine Wanderung von Coblenz bis Trier
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 194–198
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Bilder von der Mosel.
3. Eine Wanderung von Coblenz bis Trier.

Wer sich an unserer Mosel, dem größten und schönsten Nebenflusse des Rheins, und ihren bilderreichen Ufern erfreuen will, kann dies jetzt, wie bereits in einem frühern Artikel erwähnt, vom Fenster des Dampfwagens so gut wie vom Verdeck des Dampfschiffs aus thun, falls ihn die Eile plagt. Wer Zeit hat und wem es seine körperlichen Mittel erlauben, der nimmt doch besser Ränzel und Stab und geht zu Fuß, wie es der Verfasser dieser Zeilen in froher Gesellschaft gethan.

Als wir Coblenz mit seinem großartigen Bilde der Moseleinmündung in den Rhein verließen, hingen noch schwer und trübe die Wolken und brauten in gespenstigen Gestalten über dem Strom, dessen Rauschen wir wohl zu hören, den wir selbst aber durch den Nebel nicht zu erkennen vermochten. Nach und nach ward es lichter, bald tauchte das andere Moselufer in großen Zügen und Umrissen empor, und lustig wanderten wir vorüber an dem Oertchen Güls, dem weinbauenden Winningen und Dieblich. Die Gegend ward charakteristischer; die Berge wurden höher und zeigten kühne Linien und majestätische Abhänge. Zur Seite öffneten sich stille, einsame Thäler, auf den Höhen aber erschienen düstere Burgtrümmer, darunter manche mit gar stolz klingenden Namen, wie: Cobern, hinter welchem die „Alteburg“ auf unserer Illustration sichtbar, ist, Gondorf mit seinem renovirten Burghause, Bischofstein, Alken unter den Mauermassen des Schlosses und Turrun (Thurant), alles großartige Ruinen, von denen Geschichte und Sage viel zu erzählen haben. Die Herren von Cobern waren vor Alters ein großes Geschlecht, dessen letzter Sproß aber, Lutter von Covern, 1566 „zu Covelents auf dem Plan“ mit dem Schwerte gerichtet wurde. Auch der Glanz Derer von der Leyen; die auf Gondorf, der stattlichen Uferburg, ihren Wohnsitz hatten, ist längst erloschen.

Einer der schönsten Moselruinen begegnen wir aber in dem wildromantischen Thal der Ehre, die sich bei Brodenbach in die Mosel ergießt. Hier saßen die Herren von der Ehrenburg, ein tapferes, mannhaftes und fehdelustiges Geschlecht. Als Richard Löwenherz Ptolemais bestürmte, war es ein Ehrenburger, der mit zuerst die Mauern erstieg; ein Anderer des Geschlechts war unter den Eroberern von Constantinopel; ein Friedrich von Ehrenburg starb unter Ludwig dem Heiligen als Tempelherr den Heldentod in der Schlacht bei Damiette. Der letzte Sprosse aber, der neidischen Auges das stete Wachsen der Städte, die Abnahme des Ritterthums beobachtete, fiel 1397 mit seinen wilden Gesellen über die Stadt Coblenz her und ließ zweihundert Häuser daselbst in Flammen aufgehen. Dem Erzbischof von Trier trieb er dazu die fetten Heerden weg. Mit dem Erlöschen der Ehrenburger ging die allmählich zerfallende Veste durch verschiedene Hände, bis sie zu Ende des vorigen Jahrhunderts an die Herren von Stein zu Nassau fiel.

Haben wir den Flecken Hatzenport mit dem Spitzthurm passirt, so steht vor uns auf unwirthlichem dunklem Felsen der hellschimmernde Thurm der Ruine Bischofstein, deren Geschichte bis an’s graue Mittelalter hinaufreicht. Erzbischof Nicetius ließ um 550 Künstler aus Italien kommen, um die von den Germanen zerstörten Tempel wieder herzurichten, besonders aber, um sein Schloß Bischofstein zu erbauen. Gar wundersam ist die Beschreibung, die uns ein berühmter Besucher, Venantius Fortunatus, der Bischof von Poitou, von diesem Schlosse hinterlassen. In drei Abtheilungen erhob sich dazumal amphitheatralisch das ganze Bauwerk; gewaltige Mauern umgürteten den Berg bis zur Mosel hinab; von dreißig Thürmen wehten die bischöflichen Zeichen; auf höchster Spitze des Felsens aber lagen die Wohngebäude und bildeten für sich wieder eine Burg, und weithin schweifte von der auf marmornen Säulen ruhenden Gallerie der Blick in die herrlichen Mosellande. Diese Pracht ist längst verschollen; ein weißes Kirchlein erhebt sich einsam inmitten der Ruinen.

Bei Moselkern kommt wildrauschend die Elz aus den Bergen, in deren Kessel auf steiler Koppe das noch erhaltene Schloß Elz uns lebhaft in die Zeiten des sturmbewegten Ritterthums versetzt. (Vergl. „Gartenlaube“, Jahrg. 1873, S. 85.) Bis in’s zehnte Jahrhundert verfolgen die Elzer ihren Stammbaum. Einer noch älteren Geschichte rühmt sich Carden, wo in alten Römerzeiten zu Ehren des Kaiserhauses ein Tempel gestanden. Im vierten Jahrhundert errichtete hier der Heilige Castor seine Zelle, über deren Stätte sich heute hie prächtige Stiftskirche erhebt.

Gedrängter reihen sich jetzt die Ortschaften; links, bei Treis, stehen in einer wilden Thalschlucht, die ein Bach ausgewühlt, zwei Burgen auf isolirten Kegeln, Treis und die Wildenburg; weiter folgen Clotten mit der Altenburg und die beiden romantisch gelegenen Städtchen Cochem und Beilstein, welch beide Orte in Nr. 21, 1879 und Nr. 7, 1880 schon eingehender besprochen und abgebildet wurden.

Immer schroffer und malerischer wird der Charakter der Gegend. Furchtbare Felsmassen dunkeln über dem Strom, in ihrer Gestalt manchmal an die Lurleifelsen erinnernd. Jedes nur irgend zugängliche Fleckchen, jede Ecke, jeder Vorsprung dieser Felsen ist zum Weinbau benutzt; terrassenförmig, durch kleine Mauern gestützt, schieben sich die einzelnen Weinberglagen die Felsen hinan; oft hat ein einzelner Weinstock seine kleine Terrasse. Inmitten dieser tiefen Einsamkeit, zwischen himmelhohen Felswänden spiegeln sich die öden Mauerreste des Klosters Stuba in der Fluth. Durch die Fensterhöhlen weben hohe Wallnußbäume ihre Schatten. Vor Zeiten war Stuba von Augustinerinnen bewohnt und weithin berühmt durch seine seltenen Kirchenschätze, die aber gleich denen des benachbarten Klosters Marienburg längst in alle Winde verstoben sind. Auch die Marienburg liegt in Trümmern, ist aber dank ihrem wunderbaren Ausblick ein vielbesuchter Ort. Von Alf, welches sich breit und stattlich am Fuße des Berges lagert, stiegen auch wir hinauf.

Bis vor wenig Jahren hauste hier oben einer der besten Kenner des Jägerlateins, der alte Förster Gassen. Der wußte ganze Bände zu erzählen von ergötzlichen Abenteuern und Jagdstücken auf Berg und Strom, und mit ihm und seinem Töchterlein ist ein gutes Stück Poesie für immerdar entschwunden. Heute erhebt sich an Stelle seiner einfachen Klause ein Hôtel, und frackbezipfelte Kellner hantieren in den Räumen, die vor Alters von Nonnen bewohnt gewesen. Die Aussicht hier oben ist unendlich wild; die Berge weisen sichere und charakteristische Schönheitslinien auf, und zur Rechten wie zur Linken sehen wir unter uns das silberne Band des Stromes, der nach fünf Stunden langer Krümmung, an dem alten Städtchen Zell vorüber, fast auf die alte Stelle zurückkehrt.

Unter Donner und Blitz, während eines heftigen Regengusses, langten wir, Enkirch links liegen lassend, in Litzich, einem Dörfchen vor Trarbach, an. Der Ort besteht zumeist aus stattlichen Fischerhütten, und die Männer in ihren braunen Jacken standen in der Thür und sahen dem Regen zu. Eine seltsame Einsamkeit lag über den Bergen; grau und schwer hingen die Wolkenzüge [195] hernieder, der rechte Hintergrund für die phantastischen Trümmer der jetzt hoch droben erscheinenden, durch ihre Entstehungsgeschichte so merkwürdigen Gräfinnenburg.

Auf dem schon schroffen Berggrat nämlich, der das reizende Moselthal von Trarbach bis Enkirch umkränzt, saß seit grauer Vorzeit ein Hauptstamm der Grafen von Sponheim, der sich nach der hier erbauten, jetzt in kaum bemerkbare Resten noch übrigen Veste Starkenburg, die Sponheim-Starkenburger Linie nannte. 1324 herrschte hier die Gräfin Lauretta, geborne von Salm, deren frühzeitig verstorbener Gemahl ihr seine reichen Besitzungen und drei unmündige Kinder hinterlassen hatte. Da beschloß Erzbischof Balduin, einer der kriegerischsten und mächtigsten Kirchenfürsten auf Triers Thron, Bruder Kaiser Heinrich's des Siebenten und Onkel des Königs Johann von Böhmen, das Erzstift auf Kosten der schutzlosen Wittwe zu bereichern. Er baute auf Sponheimischem Boden an einer Burg, besetzte sie mit seinen Mannen und begann die Besitzungen der Gräfin auszuplündern. Aber Lauretta sammelte ihre Vasallen und trieb die Trierer mit blutigen Köpfen zurück. Ergrimmt schritt jetzt der Bischof zu einer Belagerung der Starkenburg.

Die Gräfin, ebenso klug wie muthig, erkannte, daß sie auf die Dauer dem übermächtigen Gegner schwerlich gewachsen sei, verschob ihre Rache auf gelegenere Zeit und trat im Waffenstillstand einen Theil ihres Gebietes an Trier ab. Sorglos fuhr darauf Balduin eines Tages mit geringem Gefolge die Mosel hinab gen Coblenz. Aber die Gräfin hatte Kunde davon erhalten und kaum bog die Barke Balduins bei Starkenburg um ein mit Buschwerk bewachsenes Vorland, da schnellte vor derselben eine mächtige Kette aus den Tiefen des Wassers, aus dem Ufergestrüpp aber brachen Kähne mit Bewaffneten hervor, machten den Bischof zum Gefangenen und führten ihn hinauf nach der Starkenburg.

Die gesammte hohe und niedere Geistlichkeit rief umsonst Fluch und Verdammniß über die Kecke herab; Kaiser Ludwig und König Johann drohten vergeblich; sogar der große Kirchenbann, der vom Papste feierlich über sie verhängt wurde, vermochte Lauretta nicht zu beugen, und als sie den Gefangenen entließ, hatte er geschworen, das von ihm zu bauen begonnene Schloß Birkenfeld unvollendet liegen zu lassen und ein Lösegeld von 11,000 Pfund Hellern zu bezahlen. Balduin's mehrwöchentliche Haft war eine ehrenvolle gewesen, und er hatte während derselben seine Feindin kennen und achten gelernt. So kam es, daß er nach seiner Freilassung selbst die Aufhebung des Kirchenbannes vom Papste erbat und ein Schutz- und Trutzbündniß mit Lauretta einging. Nur gering waren die Kirchenstrafen, welche die sponheimischen Vasallen zu büßen hatten. Das Lösegeld Balduin's aber verwandte Lauretta zum Aufbau der Trarbach krönenden Gräfinnenburg, die nach ihrer Vollendung für eine der stärksten Burgen des Mittelalters und als uneinnehmbar galt. Besonders blutige Kämpfe um den Besitz derselben, als des wichtigsten Punktes der Mosel, spielten sich im dreißigjährigen und spanischen Erbfolgekriege bei Trarbach ab, und am wildesten ging es her im Jahre 1734, wo 250 Deutsche mehrere Wochen hindurch sich mit Erfolg gegen ein großes, unter dem Befehle des Marschalls Belle-Isle stehendes Heer Franzosen vertheidigten. Erst nachdem die Belagerer 2634 Bomben, jede zu 500 bis 600 Pfund, in die Burg geschleudert und mehrere ungeheure Breschen geschossen, capitulirte die tapfere Besatzung und zog unter ihrem Commandeur, Freiherrn von Hohenfeld, mit Fahnen und Geschütz frei ab nach Ehrenbreitstein.

Trarbach gegenüber lagert sich langgestreckt auf schmalem Ufersaume das gartenumkränzte Traben, hinter dessen alten Häusern die herrlichen Formen des Plateaus sich erheben, welches vor zweihundert Jahren die berüchtigte Moselzwingburg Ludwig's des Vierzehnten, den Montroyal, trug. Nach dem Plane des genialen Vauban erbaut, bildete die gewaltige Festung in Verbindung mit der Gräfinnenburg ein ungeheures Thor, das den Eingang nach Deutschland sichern mußte.

Erst das Jahr 1698 brachte dieser Zwingburg den Untergang, die wie ein eherner Fuß den Nacken der unglücklichen Rheinländer niedergezwungen hatte. Traben, der alte, weinberühmte Ort, ist dem Maler besonders noch lieb und werth. Nicht allzu viel verändert hat das letzte Jahrhundert in dem Thun und Treiben des Volkes. Auch die Bauart muthet uns noch recht feudal und mittelalterlich an. Neugierig springt ein Stockwerk über das andere hervor; das Holzwerk ist künstlich geschnitzt und zeigt namentlich an den Balkenknöpfen und Fensterleisten prächtige Arbeit, von der in der Illustration Proben als Mittelstab angebracht sind. Vom Mittelpunkte des Ortes aber, dem Marktplatze, wo alle Gassen zusammenlaufen und Abends die ehrsamen Bürger auf den Treppen hocken, um zu kannegießern, da winkte noch vor kurzer Zeit vom altersgrauen Rathhause das Glöckchen, um zu jeder Stunde der Gefahr, wie auch zum Rathe, die Bürger mit schrillem Tone zusammen zu rufen. Seit dem 2. November des vorigen Jahres, wo eine große Feuersbrunst 60 der ältesten Wohnhäuser verzehrte, liegt dies Alles, Haus und Thürmchen in Schutt und Asche und mit ihm ein Denkmal weit zurückreichender geschichtlicher Erinnerungen. Namentlich konnte man im Rathhaussaal noch die alte, derbe Bauart erkennen, wie sie damals in Deutschland gang und gäbe war: altersbraune, mächtige Pfeiler stützten die Decke; gegen die Straße hin öffnete sich ein Erker mit kleinen, bleigefaßten Fenstern; in uralten, mit schweren Schlössern versehenen Truhen lagen die Documente und Urkunden des Ortes, und ein gewaltiger Eckschrank barg des Ortes Zinngeschirr, das zum Gebrauche armer Bürger bei festlichen Gelegenheiten angeschafft worden war: radgroße Teller, Käseschüsseln, Trinkgefäße und vor Allem die merkwürdige „Strafkann', ein Monstrum ihrer Art. Den interessantesten Theil aber bildeten Glasgemälde, die, von holländischen Kaufleuten vor zwei Jahrhunderten gestiftet, meist Scenen aus der biblischen Geschichte zum Gegenstande ihrer Darstellung hatten und auf denen man einen David im Costüm der Pappenheimer, einen Holofernes in Landsknechtshosen bewundern konnte, während bei der Belagerung von Jericho ganze Reihen von Kanonen Feuer und Flammen spieen.

Geht man auf dem wunderbar romantischen Wege hin, den der kleine Rautenbach durch düstere Felsen und lachende Wiesen gebrochen, so eröffnet sich eine halbe Stunde von Trarbach eine wilde, einsame Gebirgslandschaft, deren höchster Punkt, auf einer kahlen Koppe, weithin sichtbar die cyklopischen Ueberreste des Wellsteines trug. Wie eine düstere Mythe ragt das seltsame Monument aus dem wüsten Chaos der viele Centner schweren Steinblöcke hervor, deren kolossale Größe bezeugt, daß die Erbauer des räthselhaften Bauwerkes dem heutigen Menschengeschlecht an Körperkräften weit überlegen gewesen sein müssen.

Vor zwei Jahrhunderten stand der Wellstein (den man, wie auf unserer Illustration, auch als Wildstein bezeichnet findet) noch in seiner ganzen trotzigen Gestalt. Acht gewaltige Blöcke waren zusammengefugt, ohne Mörtel und nur mit Hülfe kleinerer Steine zu höchster Festigkeit verbunden. Drei Steine erhoben sich nach oben zu in einem Punkte sich zusammenneigend, sodaß zwischen diesen drei Steinfüßen ein fünf Fuß hoher und neun Fuß langer leerer Raum blieb. Auf diesem ungeheuren Dreifuße lagen vier viereckige gleich große Steine übereinander, von Weitem anzusehen wie eine viereckige Säule, auf der Säule aber eine ungeheure Steinplatte, über alle Seiten weit hinausragend. Unser Gewährsmann, der hochgelahrte weiland Rector Hoffmann vom Trarbacher Gymnasium, versichert in seiner „Ehrensäul“, daß diese Steinplatte trotz der heftigsten Windstürme unverrückt liegen geblieben, obgleich dieselben sie so bewegt, daß man das Getöse in Trarbach habe hören können. Eines Tages aber – es war im Jahre 1730 – kam es einem Gymnasiasten von Trarbach in den Sinn, die eben in der Schule vernommene Lehre von der Gewalt des Hebels an dem Kopfe des Wellsteins zu versuchen, und nach kurzer Zeit fiel der Stein mit donnerndem Gekrache hinab, Alles zerschlagend und selbst zerberstend.

Die Wissenschaft unserer Tage ist noch nicht herangetreten an den einsamen Stein, im Volke aber munkeln halbvergessene Sagen, daß unter ihm ein mächtiger Heidenkönig die ewige Ruhe halte, und daß man vor langer, langer Zeit beim Graben Spuren von Baugefüge und sonderbare Geräthe gefunden, deren Zweck Niemand zu deuten gewußt.

Wir hatten in Trarbach übernachtet und rüsteten uns zur letzten Tagereise. Der Tag begann zu grauen, und wir wählten den Weg, der „über den Berg“ gen Berncastel führt, um der gewaltigen Krümmung zu entgehen, welche die Mosel zwischen beiden Orten beschreibt. Auf der Höhe, wo in der Nähe alter verfallener Schwedenschanzen einige dürre Eichbäume ihre blätterlosen

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Die Gartenlaube (1880) b 196.jpg

[198] zackigen Aeste wehmüthig in die Luft hinausreckten, empfing uns ein eigenthümliches Bild: tief unter uns wogte und wallte es – eine weiße Fläche, so weit der Blick reichte – das ganze Moselthal umfangen vom Morgennebel, den zu durchbrechen die blutroth auftauchende Sonne noch keine Kraft gewonnen. Inseln gleich ragten die Kuppen der höheren Berge hervor; märchenhaft tönte der Klang der Klosterglocken drunten im Thal; uns däuchte, als käme der Klang aus der Tiefe des Wassers herauf, als wären es die Klagelaute einer längst versunkenen Stadt.

Das weltberühmte Zeltingen, die Klöster Machern und Graach, das sogenannte Cröverreich waren verhüllt durch den Morgennebel, in den wir jetzt hinabtauchten, um Berncastel und die feste Moselbrücke zu gewinnen. Hier sind wir im Centrum des Rebenlandes, hier giebt's allenthalben Namen von süßestem Duft und reinstem Klang. Den mit dem gelehrten Titel „Doctor“ benamsten Wein kennt Jedermann; er gedeiht an den Berghängen, von deren Höhe die Trümmer des alten Schlosses Berncastel herniederschauen. Drüben wächst der Neuenberger, dort der Oligsberger, und das flüssige Gold der uns zu Füßen funkelnden Trauben kennt die Welt unter dem Namen „Brauneberger“. Weiter liegen am Flusse, der eben ein Hufeisen beschreibt, die Rebenhügel, die dem Oertchen Pisport zu eigen. Links liegt das von Ausonius schon besungene Neumagen.

Abend wird’s; drunten schlagen Rudrer die Fluth; überall rothgoldiger Sonnenschein, in der Nähe glänzende Felsen, uns zu Füßen der funkelnde Strom, in der Ferne aber blaues Gebirg und an seinem Fuße lange verschwimmende Häuserlinien. Bald liegen hinter uns der „marmorberühmte Erubrus“ und das alte Palatolium (Pfalzel), wohin vor zwei Jahrtausenden die Patricier der nahen Kaiserstadt zur Sommerfrische hinauszogen. Allmählich verdämmern die sanften, lichtumflossenen Höhenzüge; funkelnde Sterne steigen herauf; Lichter blinken herüber, mehr und immer mehr – endlich eine ganze Illumination – vor uns liegt Trier, die heilige Stadt, die „reiche, ruhmwürdige, beglückte“.

Rudolf Cronau.