Eine Wettfahrt mit Dampfern

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Textdaten
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Autor: G. L.
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Titel: Eine Wettfahrt mit Dampfern
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 616–618
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Eine Wettfahrt mit Dampfern.

Die Kunst des Seefahrens erfordert Ueberlegung, große Geschicklichkeit und lange Uebung und Erfahrung; gerade deshalb wetteifern Diejenigen, welche sich tüchtig glauben, so gern mit einander um die möglichst schnellste Vorwärtsbewegung, worauf es ja fast bei allen Concoursen ankommt. Ein solches Wettrennen zu Wasser fand am 28. Juli 1861 auf der Zuidersee statt, dem ich beizuwohnen Gelegenheit hatte. Holländische, englische, belgische, französische und amerikanische Schiffe hatten sich zu diesem Feste in großer Anzahl eingefunden, und schon Tags zuvor gewährte der Hafen von Amsterdam einen seltenen Anblick. Dort war der Sammelplatz sämmtlicher Concurrenten. Das geschäftige Treiben der gesammten Schiffsmannschaft ließ deutlich erkennen, mit wie regem Interesse Alle dem großen Tage entgegengingen. Hier wird das Verdeck gescheuert und abgeschwemmt, dort noch ein Segeltuch ausgebessert, da werden die Seile in guter Ordnung unter den Masten aufgeschichtet, dort die Schiffsgeräthschaften geputzt, hier noch eine Gondel angestrichen in der Hoffnung, daß sie die Nacht über trockene. Wagenweise werden Guirlanden und Kränze herbeigeschafft; man will den Mastenwald im Hafen auch einmal grünen lassen. Fahnen, Flaggen und Wappen kommen in so großer Anzahl und so verschiedener Gestalt und Farbe zum Vorschein, daß es wohl Manchem unmöglich wird, sich über die Nationalität des betreffenden Fahrzeuges klar zu werden. Wie rennen die Schiffsjungen und Matrosen ebensoviel auf den Schiffen wie auf dem Festlande! Heute haben sie die Stadt nöthiger als je; wo sollten sonst die neuen Hüte, Jacken, rothen Hemden und Echargen herkommen? Wo sollte die Zuschauermenge, die ihre Geschicklichkeit und Ausdauer bewundern soll, wo am Abend nach dem Feste das Liebchen herkommen, dem ein Jeder seine Heldenthat zu verkünden hat?

Drüben über dem Wasser, auf der andern Seite des Hafens, wo die Landzunge, die die Zuidersee einschließt, ziemlich nahe an Amsterdam herantritt, da ist ein großes Zelt gebaut, fast von drei Seiten von Wasser umschlossen, unter dem Schatten einer Eiche und in bester Lage und Höhe, um von dort aus den ganzen Schauplatz übersehen zu können. Hier soll das Comité tagen und sollen die Signalkanonen losgefeuert werden. Etwas im Hintergrunde steht ein großes Lusthaus mitten in einem schönen Garten, der heute jedoch mit Stühlen, Bänken, Tischen, Bretern etc. so überladen wird, daß den armen Blumen und Bäumen in Erwartung des morgenden Tages wohl bange werden muß. Am Tage des Festes nun setzten sich von früh acht Uhr ab die Passagierdampfer von Amsterdam nach dieser Landspitze in Bewegung und brachten Tausende von Zuschauern herüber, denn die Ueberfahrt selbst dauerte wohl nur eine Viertelstunde, und ein Dampfer nach dem andern fuhr am Bollwerk des Hafens an, um immer wieder neue Gäste überzusetzen. Um ein halb elf Uhr traten die ersten vier Dampfschiffe ihren Lauf an, auf deren einem ich durch Protection eines befreundeten Capitains Platz gewonnen hatte. Hoch auf der See gewahrte man ein Fahrzeug, welches dort geankert, mit Fahnen und Guirlanden reichlich geschmückt, mit Kanonen und Musikcorps versehen, das Ziel der Laufbahn bildete.

Auf der Landzunge, in der Nähe des Comités, war das Militairmusikcorps von Amsterdam aufgestellt, welches durch seine feurigen Piècen die Zuschauer belustigte und die Wettfahrer, welche in halb banger, halb freudiger Erwartung dem Abfahrtssignale entgegensahen, ermuthigte. Lassen wir jedoch noch einen Augenblick die Lunte des Kanoniers unangezündet und inspiciren ein wenig unsern Dampfer. Unten im Feuerungs- und Maschinenraume erblicken wir die drei Heizer schweißgebadet und halb entblößt mit aller Sorgfalt und Aufmerksamkeit ihrem Geschäfte obliegen. Bereits zwischen sieben und acht Atmosphären Ueberdruck steht der Manometer. Mit ängstlicher Spannung betrachten sie abwechselnd diesen und das Wasserstandsrohr und mit Ungeduld erwarten sie das Signal, denn bereits überflüssiger Dampf entweicht durch das Sicherheitsventil in’s Freie. Auf diese drei Leute kommt wohl das Meiste bei der Fahrt mit an, denn es ist ihre schwierige Aufgabe, es während derselben nicht an Dampf fehlen zu lassen. Die Arme über der Brust gekreuzt, geht mit heftigen Schritten der Maschinenmeister vor der 240pferdigen Dampfmaschine auf und ab. Unruhe und Spannung haben heute den Ernst und die Gleichgültigkeit aus seinen Zügen verdrängt, und oft mustert er mit ungeduldigen Blicken den Druck in den Dampfkesseln; trotzdem muntert er mit kurzen Worten die Heizer zu fleißiger Bedienung derselben auf, denn es gilt ja einen großen Preis zu erringen. Mit der Genugthuung, alle Lager und Charniere gehörig geölt zu haben, stehen die beiden Maschinisten ruhig an den Dampfeingangsventilen, die Hand auf dem Stellrad, um bei dem ersten Rufe des Capitains die Maschine in Thäigkeit zu setzen. In fieberhafter Aufregung, entblößten Kopfes rennt unser Capitain auf dem Verdeck auf und nieder, bald auf der kleinen eisernen Treppe zu seinem Emporsitze hinaufspringend, bald in den Maschinenranm hinunterschauend, am öftersten aber den Bombardier auf dem Festlande beobachtend, von dem das Abgangssignal ausgehen soll.

Da ich im Vergleich zu den übrigen Dampfern im Ganzen nur wenig Passagiere auf dem unsrigen fand, frug ich den Gouverneur am Steuerrade, den Einzigen von der Schiffsmannschaft, welcher Ruhe und Gelassenheit zeigte, nach dieser Ursache und erfuhr, daß man den Capitain für einen zu hitzigen und wagehalsigen Mann halte.

Da plötzlich erschollen drei Kanonenschläge so rasch hintereinander, das fast einstimmige „Vorwärts“ der vier Capitaine erscholl so präcise und laut, die Musik setzte mit so vollen Accorden ein, und die Zuschauermasse rief ein so furchtbares „Hurrah“, daß man kaum wußte, welche Raschheit man am meisten bewundern sollte; aber auch fast in demselben Moment wühlten acht Schaufelräder die bis jetzt ruhige See zu hohen Wogen auf und peitschten sie zu wirbelndem Schaume; fast in demselben Momente gestaltete sich der Hurrahruf der Zuschauer und Fahrer in ein halb Hohn-, halb Angstgeschrei um, denn der eine Dampfer bewegte sich rückwärts und entfernte sich zusehends von seinen Commilitonen. Alle Sachverständigen begriffen gewiß sofort, daß die guten Maschinisten dieses Dampfers im Eifer ihres Amtes die Maschine einfach falsch umgesteuert hatten; ich konnte daher nur mit den drei Capitainen aus voller Seele lachen, obgleich ich nicht ganz in ihre Schadenfreude einstimmte.

Wuthentbrannt und Feuer im Gesichte sah man den betroffenen Capitain von seinem Sitze springen und in den Maschinenraum hinabbrüllen: „Maschine umsteuern!“ Aber schon um 50 Fuß waren die anderen drei Concurrenten voraus, ehe dieser die richtige Bewegung wieder annahm, und jetzt mußte er noch gegen die mächtigen Wellen seiner Vorläufer ankämpfen, so daß wohl an kein Einholen zu denken war.

Jetzt entspann sich unter den Dreien, die noch ziemlich in einer Linie waren, ein heftiger Streit, das Schauspiel begann hinreißend und angsterregend zugleich zu werden, und die schöne Welt auf dem Festlande hatte nicht Ursache, unsere nervenschwachen Begleiterinnen zu beneiden, denn an Ohnmächtigen in der Cajüte fehlte es nicht. Furchtbar krachte und dröhnte unser Schiff in seinen innersten Pfosten und Angeln; an den Geländern, dem Fußboden, dem Gebälk konnte man jeden Kolbenstoß der Maschine deutlich wahrnehmen, und an den Wandungen weckten weite Spalten die Besorgniß der Beobachter.

Dichte schwarze Rauchwolken aus den Schornsteinen verriethen die Thätigkeit der Heizer; das dumpfe Getöse des aus den Cylindern in die Essen stoßweise gehenden Dampfes vermehrte noch den beängstigenden Lärm, welcher sich im ganzen Schiffe zeigte. Die Begeisterung wurde allgemein; es war, als müsse Jeder zur Beschleunigung des Fahrens mit beitragen, wie denn auch Viele in den Maschinenraum hinabstarrten und theils aufmunternde, theils beschwichtigende Zurufe laut wurden. Das Stoßen und Stöhnen der Maschine, das Knarren und Reiben der Balken nahm immer mehr zu, so daß ich einer geheimen Aengstlichkeit mich nicht erwehren konnte; ich stieg hinauf zum Capitain, welcher freudestrahlend mir bemerklich machte, daß wir eben anfingen einen kleinen Vorsprung vor den übrigen beiden Fahrzeugen zu gewinnen. „Mit wie viel Atmosphären dürfen Sie fahren?“ frug ich ihn. „Unsere Kessel haben gesetzlich 9 Atmosphären, sind jedoch vor ihrer Aufstellung im Schiffe in meiner Gegenwart auf 90 Kilogramm Ueberdruck geprüft,“ was ungefähr 13 Atmosphären gleich kommt.

[617] Diese Antwort beruhigte mich und ich stieg in den Maschinenraum, um die Heizer und Maschinisten ein wenig zu beobachten. Von Neuem fand ich hier alle Ursache, eine Kesselexplosion zu befürchten, denn Erstere hatten ihre Kohlenschaufeln bei Seite gestellt und warfen fortwährend, wahrscheinlich auf höheren Befehl, kleine gefüllte Theerfäßchen in die Feuerung. Plötzliche große Gasproduction und Verbrennung im Heizraum sind in den meisten Fällen die Ursache von Explosionen. Eine trockene, wahrhaft stickende Hitze, verbunden mit einem höchst üblen Geruche, herrschte dort unten, die mir bald unerträglich wurde und mich nach oben trieb, obgleich ich wohl an dergleichen Temperatur gewöhnt bin. Man hatte die Sicherheitsventile übermäßig belastet und den Dampf bis nähe 10 Atmosphären steigen lassen. Der Ausgang dieses Unternehmens war lediglich dem Schicksal anheimgestellt, ich nahm daher eine gleichgültige, beobachtende Stellung in der Nähe des Steuerrades ein. „Schwierige Aufgabe, Maschinist nach dem neuesten Zuschnitt zu sein!“ dachte ich; an den Werth eines Menschenlebens dürfen solche Leute nicht denken. Wir befanden uns jetzt schon hoch auf der See. Die Zuschauermenge, die Kähne, die Bäume, die Häuser an und auf dem Festlande verschwammen schon ineinander. Die Schaluppen und Gondeln, die uns anfänglich zu begleiten versucht hatten, waren weit zurückgeblieben, und selbst der unpäßlich gewesene Dampfer war mindestens schon 500 Fuß hinter uns. Dagegen hatte jetzt der unsrige den entschiedenen Vorsprung, und die Heizer schienen wieder anzufangen, vernünftig zu werden und ihrer wahren Aufgabe zu gedenken. Die fast fabelhafte Geschwindigkeit, mit welcher wir die Fluthen durchschnitten, ließ sich nur an der Unsichtbarkeit der Schaufeln und Radkreuze, an dem Luftzuge auf dem Verdecke und an der Menge der keilförmigen Wellen, welche von den Spitzen der Schiffsrumpfe ausgingen, erkennen; denn es fehlte ganz an festen Gegenständen um uns her, an denen man den Fortschritt hätte deutlich wahrnehmen können. Am lebhaftesten beschäftigten mich jetzt die Physiognomien der Passagiere, welche einen wahrhaft komischen, fast narrenhaften Anstrich gewonnen hatten, namentlich während der Zeit, wo unser Dampfer die beiden übrigen überholte.

Die freudestrahlenden Augen unseres Capitains, verbunden mit einem ihm selbst geweihten Hurrahrufe seinerseits, gefolgt von leidenschaftlichen Gesticulationen, Zurufen und Verhöhnungen, von dem freudetrunkenen Aufkreischen der Schiffsmannschaft, beschlossen mit Pistolenschüssen, Sprengen von Pulvertöpfchen und zuletzt mit dem Wehen und Schwenken der Taschentücher und Hüte, bildete zu den verzerrten Zügen und den blitzenden Wuthpfeilen unseres Nachbarcapitains, zu den rohen Verwünschungen seiner Mannschaft, zu den hämischen Fratzen und Grimassen seiner Passagiere, worunter auch das weibliche Geschlecht vertreten war, einen wunderbaren Widerspruch und gab neue Beweise von der Erregbarkeit des menschlichen Gemüthes. Ich sah einige Damen und Herren ihre Taschentücher, sogar einen Strohhut den Ueberholten übermüthig zuwerfen, welche Trophäen in den Fluthen ein sicheres unbeachtetes Unterkommen fanden.

Von meiner Meinung, daß das obenerwähnte, in einer Entfernung von circa zwei Stunden aufgestellte Schiff als Ziel dienen sollte, wurde ich jetzt erst abgebracht, indem ich bei unserer sichtlichen Annäherung an dasselbe sah, wie mit neu gespanntem Interesse die Menge nach der vorderen Brüstung der Verdeckgallerien rannte, um sich den Beobachtungen besser widmen zu können, und erfuhr, daß das vermeintliche Ziel nur als Wendepunkt gelte und daß der Sieg erst bei Zurückkunft an das Festland entschieden sei. Unser Dampfer, dem gewiß allseitig, wenn auch stillschweigend, der erste Preis zugesagt war, wollte ganz einfach in einem ziemlich weiten Bogen um den Kahn fahren. Eben als wir uns gerade hinter demselben befinden, also schon die halbe Wendung gemacht haben, kommt unser jüngst überholter Nachbar in so directer Richtung auf uns losgesteuert, daß ein heftiger Zusammenstoß unvermeidlich schien. Todtenstille trat auf beiden Verdecken ein, und nur vom dritten Schiffe her, welches sich unmittelbar links neben dem zweiten befand, ertönte ein einstimmiges „Halloh“, wahrscheinlich der Ausdruck neuer, kühner Hoffnungen. Es war ein furchtbarer Augenblick, und mir klopfte das Herz hörbar hinter den Rippen. In dem Gesichte unseres Capitains las man eine momentan peinliche Unentschlossenheit, ob rückwärts ob vorwärts; eine Secunde später erscholl schon das Commando zu „Voller Füllung, Vorwärts“, wagehalsige Maßnahme, welche sicher nicht geglückt wäre, wenn nicht in demselben Augenblicke unser furchtbarer Concurrent, dessen Spitze nur noch 20 Fuß von unserer Flanke entfernt war, an dem festen Kahne streifte, einen heftigen Stoß erlitt, eine Schaufel des rechten Rades brach und auf diese Weise ein kleiner Aufenthalt entstand, so daß wir glücklich vor ihm durchkamen. Wir sollten gewinnen, das Schicksal begünstigte uns augenscheinlich. Mit allgemeinem Freudengeschrei, begleitet von den Musik- und Pulversalven vom Kahne her, trat unser Fahrzeug den Rückweg an und glitt majestätisch an der anderen Seite des Kahnes vorüber, seines Sieges gewiß, während die beiden Gefährten sich auf der ganzen Rückreise heftig um den zweiten Preis stritten.

Die Passagiere des vierten Dampfers verdienen wohl einige Worte des Mitleids. Bei der Abfahrt hatten sie schon den Schrecken und Schimpf erlitten, während der Fahrt konnten sie weder die Lust des Beobachtens der Zuschauer auf dem Festlande, noch das Vergnügen und die gespannte Begeisterung der übrigen Fahrgäste theilen, bei ihrer Rückkehr empfing sie ein nochmaliges spöttisches Hurrah, so daß man sich der unzufriedenen Gesichter beim Aussteigen nicht wundern durfte.

Uns wurde die Ehre eines feierlichen Empfanges zu Theil; schon von Weitem konnte man die Rufe des Willkommens, die Klänge der Musik und die Schüsse vernehmen. Man schien auf dem Festlande ungewiß, welcher Dampfer denn der siegende sei, und Fernröhre richteten sich wie Lanzen auf uns. Als wir aber näher kamen und den blauen Zipfel mit den weißen Sternen in der Flagge sehen ließen, da schrie Alles: „Der Amerikaner, der Amerikaner ist’s!“ Eine donnernde Kanonensalve, begleitet von einer kräftigen Militairreveille, war das Zeichen unserer Ankunft. Das Comité erhob sich, der Vorsitzende trat unserem Capitaine grüßend entgegen, lobte in einer feurigen Ansprache den Muth und die Ausdauer der Amerikaner und dankte unseren Seehelden für ihre freundliche Betheiligung am Feste. Jetzt kamen zwei reizend schöne Jungfrauen in schneeweißer Tracht und überreichten dem Sieger auf einem perlengestickten Sammtkissen einen kleinen höchst sinnreich und geschmackvoll gearbeiteten Kahn von Gold. Noch zwei andere Feen brachten ein bedeutendes Geldgeschenk, das allerdings unserm Helden das Liebste zu sein schien, denn er ließ sich nicht nehmen, eines dieser beglückenden Geschöpfe in den Saal, woher sie kamen, zurückzuführen.

Das ungeheuere Drängen, das Rufen und Lachen nahm noch überhand, als der zweite Capitain, der auch einen Preis davon trug, ankam, denn er rettete als Eingeborener den Ruhm der Holländer, und sein Dampfer war mit holländischen Farben geschmückt.

Den nächsten vier Steamern, welche in die Schranken traten und uns die Vorzüglichkeit der Wasserschraube beweisen wollten, wird es angenehm sein, wenn wir ihrer nicht erwähnen; denn dem einen brach unterwegs die Speisepumpe, so daß die Kessel nicht mit Wasser versehen werden konnten, der Dampf abgelassen und die Weiterfahrt aufgegeben werden mußte. Das war französische Flußschiffsconstruction. Ein anderer hatte sich über seine Bedienungsmannschaft, welche in Anbetracht des Festes schon vor der Fahrt ein wenig zu tief in’s Glas gesehen hatten, zu beklagen; so daß bald die versammelte Volksmenge sich dem allgemeinen Vergnügen überließ, welches so reichlich geboten und durch prächtiges Wetter begünstigt war. In schönen Barken und Gondeln fuhren Familien und Gesellschaften am Ufer entlang. Fremde und einheimische Matrosen zeigten ihre Fertigkeit in den bei ihnen vorkommenden Manövern, wobei muthwillige Malheure nicht ausblieben und Mancher seine gebadete Jacke der freundlichen Sonne überlassen mußte. Unter anderen machte ein Neger, ein achtzigjähriger Greis mit schneeweißen Haaren, der in einem hohlen Baumstamme, mit einer kleinen Schaufel versehen, sich musterhaft fortbewegte, viel Aufsehen. Ein Miniaturdampfschiff, welches der indische Consul von der Stadt Amsterdam zum Geschenk bekommen hatte, erregte durch seine complete Aussteuer und durch seine Schnelligkeit allgemeine Bewunderung, nur daß Vielen seine Capacität von nur sechs Personen nicht genügend erscheinen mochte.

Nachdem die Segelschiffe, die Dampfer, die Fischerkähne und Frachtboote ihre Leistungen gezeigt hatten, kamen gegen drei Uhr Nachmittags die Schaluppen an die Reihe, welche weder durch Wind noch durch Dampf, sondern von den kräftigen Armen der jugendlichen Seeleute bewegt wurden, und unter denen sich namentlich die Gigs der „Societé spornautique“ auszeichneten. Die Gesellschaft hat in London, Paris, Amsterdam und Lüttich ihren [618] Sitz und besitzt höchst eigen construirte Fahrzeuge, welche reichlich bei diesem Feste vertreten waren und vielseitige Bewunderung und Belustigung erregten. Sie bestehen aus ganz schwachem Eisenblech und haben bei einer Länge von 30 Fuß englisch nur eine Breite von 14 Zoll, sodaß die hineingehörigen sieben Mann nur hintereinander sitzen können und ein von Mutter Natur in Bezug auf Unterbau reichlich bedachter Jüngling sich nicht behaglich in seinem Sitze fühlen würde. Der Cubikinhalt des Fahrzeuges ist so berechnet, daß bei voller Belastung der Bord noch drei Zoll über dem Wasser steht und der nach unten, sowie hinten und vorn conische Rumpf elf Zoll in’s Wasser taucht. Wo die beiden Enden dieser Molle beginnen conisch zu werden, also circa drei Fuß von außen, ist sie mit Eisenblech gedeckt und luftdicht vernietet, sodaß sie bei etwaigem Umsturz nicht untergehen kann. Die Sitze der sechs „Rameurs“ sind fein gepolstert und unterwärts mit zwei festen Schuhen versehen, in welche allemal der Folgende tritt, um Widerstand beim Rudern zu haben. Ihr Werkzeug (rame) ist aus leichtem, dauerhaftem Holz gearbeitet und sehr lang. Der Gouverneur, welcher am Ende auf dem Windkasten sitzt, führt mit dem Steuer den Oberbefehl, wie überhaupt durch die nothwendige Präcision und vorsichtige Bedienung die ganze Sache einen militärischen Anstrich erhält. Auf dem vorderen Windkasten ist das Banner und die Fahne der Gesellschaft ausgestellt, sodaß kein Plätzchen übrig bleibt, wohin man einen Hut oder Stock legen könnte. Die Uniform besteht in gelben engen Tuchhosen, rothen Hemden, Strohhüten mit schmalen Krämpen und schwarzem Wachstuch überzogen. Der Gouverneur trägt eine blaue Mütze mit breitem rothem Bunde, auf welchem die goldenen Buchstaben S P N zu sehen sind.

Exacte Bewegung und stetes Balanciren des Fahrzeuges ist unbedingt nöthig, bei seitlichem Uebergewichte schlägt es leicht um, wie man auch einige Male sieben rothe Gestalten um ihr Gig schwimmen sah, bemüht, dasselbe aufzurichten, mit einem Schwamme auszutrocknen und vorsichtig einer nach dem anderen wieder einzusteigen, welches Manöver unter dem allgemeinen Jubel der Zuschauer ausgeführt wurde und über die Fertigkeit der Spornauten Bewunderung erregte. Beim Concurse war ihre Laufbahn dieselbe, wie die der Dampfschiffe, ihre Geschwindigkeit jedoch noch größer, sie grenzte an’s Unglaubliche. Daher kein Wunder, daß sie auch am heutigen Tage den ersten Preis davon trugen, und könnte nur noch eine Einrichtung getroffen werden, unseren Helden während einer längeren Fahrt neue Kräfte einzuflößen, so dürfte der Vorschlag, sie als Telegraphen nach Amerika zu benutzen, nicht zu verwerfen sein.

Mit dem Vorrücken des Tages nahm die allgemeine Heiterkeit zu, der Holländer zeigte sich so recht in seiner zufriedenen Gemüthlichkeit. Im bunten Gewühl geselliger Plaudereien und endloser Scherze überschlich uns der Abend, der prächtigste und imposanteste, welchen ich je am Meeresgestade erlebt habe. Als später bei eintretender Dunkelheit ein großartiges Feuerwerk den herrlichen Tag krönte und bei unserer Einschiffung nach Amsterdam und während der Ueberfahrt uns noch Mancherlei zu sehen und zu bewundern gab, kehrte gewiß Jeder hochbefriedigt über den Verlauf dieses Festes heim.

G. L.