Eine ernste Stunde

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Titel: Eine ernste Stunde
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 197-198
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine ernste Stunde.

Aus dem Leben Goethe’s, mitgetheilt und gezeichnet von einem Zeitgenossen des Dichters.
Die Gartenlaube (1859) b 197.jpg

Goethe den Schädel Schiller’s suchend

Einer der interessantesten Momente im Leben unseres großen Dichters Goethe ist unstreitig der, wo er die sterblichen Ueberreste seines Zeitgenossen und Freundes prüft, um sein Votum abzugeben, daß sie echt sind; da es sich darum handelt, die schon vor vielen Jahren bestatteten Gebeine aus einem Wüste von halb verschütteten und durch einander geworfenen Cadavern herauszufinden. Dem geistigen Auge des Dichters vertraute man in diesem schwierigen Geschäfte mehr, als dem lediglich körperlichen des Anatomen und Arztes. Es kam nun noch glücklich hinzu, daß dieser Dichter und Freund zugleich anatomische und osteologische [198] Studien gemacht hatte, und daß das Feld der Naturforschung, auf das er hier geführt wurde, ihm kein fremdes war.

Es war an einem Herbsttage des Jahres 1828, als eine geheimnißvolle Kiste bei eintretender Dämmerung in das Haus Goethe’s getragen wurde. Er stand auf der Schwelle seines Arbeitszimmers, als die Männer die Kiste hereintrugen. Der Inhalt derselben war ein Skelett. In den Tagen der schönen Lebensfreude, des frischesten geistigen Genusses enger Seelenverbrüderung hatte der, der in dieser düstern Gestalt jetzt in das Haus getragen wurde, mit leichten Schritten die gastliche Schwelle des Freundes überschritten. Es war Schiller. Ein Brief des Jenaer Professors der Anatomie enthielt die wenigen Worte: „Hierbei erhalten Ew. Excellenz das vollständige Gerippe bis auf wenige Knöchelchen der Hände und Fußzehen, die wir nicht haben finden können, und die wir durch fremde Glieder nicht haben ersetzen wollen.“ Mit einem stummen Winke befahl Goethe den Trägern, die Kiste vor seinen Arbeitstisch zu setzen. Der Mond schien in’s Zimmer und beleuchtete das zusammengesunkene Brustbein des Gerippes. Goethe warf einen langen und schmerzlichen Blick auf diese Ueberreste, er entsann sich, daß Schiller stets über Engbrüstigkeit geklagt, und der Bau der Knochen schien ihm diese Wahrnehmung zu bestätigen. Der noch lebensvolle, kräftige Mann stand vor dem bleichen, feinen Knochenbau des im Tode Dahingestreckten; der Krieger, der noch die Waffe führte, vor dem, der sie niedergelegt.

Es war eine Stunde ernster Weihe, als Goethe, die Hände, wie er pflegte, auf einander gelegt, in der Stube auf und ab schritt. All die Stunden voll Gespräch und Anregung, da der Todte noch gelebt, kamen ihm in den Sinn, und die erhabene Seele des großen Mannes dachte Unsterbliches. In der Stille gingen die Geister vergangener Zeiten an ihm vorüber: er entsann sich des Tages, wo der Dahingeschiedene zum ersten Mal in seine Lebenskreise getreten, und wie er ihn anfangs kühl aufgenommen, wie aber später Jener ihm immer theurer, immer unentbehrlicher geworden, und wie zuletzt, als er fortgegangen, es ihm gewesen sei, als ginge ein Theil seines eigenen Selbst zu den Schatten. Sein eigenes Tagewerk erschien ihm als dem Abschluß nahe und er, dessen männliche Seele die Schrecken des Todes frühzeitig zu besiegen sich gewöhnt hatte, er beneidete in diesem Augenblicke den Vollendeten, daß er den furchtbaren Moment des Ueberganges hinter sich habe. Auf diesem Gipfel düsterer Empfindungen und träumerischer Gebilde angelangt, nahm er ein Tuch und deckte es über den Todtenschrein, mit der Vorsicht und der Bekümmerniß, wie ein Vater über sein schlummerndes Kind eine Decke breitet. Es lag etwas von unendlich rührender Pietät in diesem Verhüllen des Todten.

Als der neue Kirchhof, rechts von der Straße belegen, die zu dem fürstlichen Lustschlosse Belvedere führt, angelegt wurde, dachte Goethe daran, auch für sich und die Seinen eine Grabstätte zu gründen. Er wollte Schiller mit zu sich haben. Die Baucommission mußte pflichtschuldig den Bauplan zu dieser Grabcapelle dem Großherzog vorlegen, und da war es, daß Karl August die denkwürdigen Worte sprach:

„Wozu ein eigenes Grabgewölbe? Ich will Schiller und Goethe zu mir in meine Gruft nehmen! Sie sollen neben mir ruhen.“

Der Goethe’sche Plan unterblieb also. Sofort nach diesem fürstlichen Ausspruche ging man nun daran, Schiller’s Ueberreste aufzusuchen. Wie schwer dies zu bewerkstelligen war, haben wir schon gesagt. Die Aufgabe war eine fast unlösbare, und ein günstiges Resultat um so unerreichbarer, da gegenüber der Nation, um deren Lieblingsdichter es sich handelte, nicht der mindeste Zweifel aufsteigen durfte, als sei der Todte, der neben dem Herzoge und Goethe lag, nicht Schiller. Ein Juwelier, der die einzelnen Bestandtheile eines kostbaren alten Schmucks zusammenliest und immer noch hier eine Perle, dort ein kleines Ornament vermißt, kann nicht eifriger in dem Trümmerhaufen der Bruchstücke wühlen, als hier zwei Anatomen und drei Aerzte nach den Gebeinen des Dichters suchten. Lange Zeit hielt man ein unechtes Brustgewölbe fest, bis man fand, daß es einem französischen Kriegscommissar gehörte, der, der Himmel weiß wie, in diese Gruft gekommen war, und daß das Herz, das die glühenden Strophen der Freiheitshymnen Tell’s dictirt hatte, nicht in diesem Knochengitter geklopft hatte; ein Schenkelknochen, den man bereits adoptirt hatte, wurde einem alten Kanzleidirector zurückgegeben; die kleine zierliche Hand eines Pagen konnte unmöglich die sein, die den Don Carlos schrieb. Endlich, nach dem Gesetze der Analogie, fand man das Skelett zusammen; ein Zahn nur erregte noch lange einen erschütternden Sturm der Meinungen und Stimmen, indem ein noch lebender Diener des Dichters sich besann, daß dieser Zahn seinem Herrn gefehlt habe. Goethe entschied. Die Proceßacten wurden geschlossen, das alte Gewölbe, wo so viel Confusion geherrscht, wurde geschlossen, die Schläfer darin, die nicht große Dichter waren, ließ man in Ruhe, und ein neuer Sarg, nach einer Zeichnung Goethe’s, in der Form einer Lade, wurde gefertigt, um die Errungenschaft in sich aufzunehmen.

Unser Bild zeigt, wie Goethe, in seinem Studirzimmer stehend, zuerst, ehe noch der Körper zusammengesucht war, sich mit der Auffindung und Feststellung des Schädels beschäftigt, und hierbei die Todtenmaske und die bekannte Dannecker’sche Büste zu Rathe zieht.

Im Jahre 1805 war Schiller gestorben, demnach fast ein Vierteljahrhundert später gelangten seine Gebeine in ihre neue Ruhestätte. Wenige Jahre darauf kam auch Goethe hin. Der Groß-Herzog Karl August war vor ihm gestorben, und ruht, wie er gewünscht, mit seinen beiden Dichterfreunden nun in einer Gruft.